Das Geheimnis von Cloomber-Hall – Fünfzehntes Kapitel

Als wir aufbrachen, war es noch dunkel genug, um den Weg über das Moor sehr zu erschweren; aber nach und nach wurde es heller, und als wir Fullertons Hütte erreichten, war der Tag voll angebrochen.

Obgleich es noch sehr früh war, war doch Fullerton schon auf und beschäftigt, denn die Wigtowner Bauern sind Frühaufsteher.

Wir erklärten ihm unsere Absicht in möglichst wenigen Worten, und nachdem der Handel abgeschlossen, gestand er uns nicht nur den Gebrauch seines Hundes zu, sondern versprach auch, selbst mitzukommen.

In seinem Wunsche, die Sache geheimzuhalten, widersetzte sich Mordaunt diesem Vorschlage; aber ich wies darauf hin, daß wir keine Ahnung von dem hätten, was uns bevorstände, und daß der Beistand eines starken, kräftigen Mannes von größter Bedeutung für uns sein könnte. Außerdem könnte der Hund leicht widerspenstig werden, wenn ihn sein Herr nicht begleitet. Meine Beweisgründe schlugen durch, und der Bauer kam mit.

Zwischen dem Hunde und seinem Herrn bestand ein wenig Ähnlichkeit, denn letzterer war ein schopfköpfiger Kerl mit buschigem, gelbem Haar und zerzaustem Bart, während der Hund zu der langhaarigen, zottigen Rasse gehörte, die wie ein lebendiges Bündel Hanf aussehen.

Auf dem ganzen Wege nach dem Schlosse erzählte Fullerton uns von der Schlauheit und der scharfen Nase des Tieres, die seiner Behauptung nach geradezu wunderbar war. Seine Anekdoten fanden jedoch schlechte Zuhörer, denn meine Gedanken beschäftigten sich mit den seltsamen Erlebnissen, welche uns das Tagebuch und der letzte Brief des Generals mitgeteilt hatten, und Mordaunt schritt mit glühenden Augen und fiebernden Wangen vorwärts, unfähig, an irgend etwas anderes zu denken, als an das zu lösende Problem. Jedesmal, wenn wir eine Anhöhe erstiegen hatten, sah ich ihn angstvoll umherblicken, in der Hoffnung, etwas von dem Verschwundenen sehen zu können; aber auf der ganzen weiten Moorfläche war kein Zeichen von Bewegung oder Leben zu erblicken. Alles war tot, schweigsam, verlassen.

Unser Besuch im Schlosse war sehr kurz, denn jede Minute war jetzt wichtig.

Mordaunt stürzte ins Haus und kam mit einem alten Rocke seines Vaters wieder hervor. Er gab ihn Fullerton, der ihn seinem Hunde vorhielt. Das kluge Tier beschnüffelte das Kleidungsstück, lief winselnd eine kleine Strecke die Allee hinunter, kam zurück, um den Rock noch einmal zu beriechen, und stieß dann, zum Zeichen, daß er die Spur gefunden hatte, mit triumphierend erhobenem Schwanze ein scharfes Gebell aus. Sein Eigentümer befestigte nun einen langen Strick an dem Halsbande des Hundes, damit er uns nicht davonliefe, und dann machten wir uns alle auf die Suche, voran der Hund, der aufgeregt an seinem Stricke zerrte und riß.

Unser Weg führte einige hundert Schritte weit die Landstraße entlang. Dann traten wir durch eine Lücke in der Hecke auf das Moor hinaus, über das wir in gerader Linie nordwärts marschierten.

Die Sonne war jetzt voll aufgegangen, und die ganze Gegend war so frisch und duftig, von dem blauen, glitzernden Meere bis zu den purpurnen Bergen, daß es uns schwer ward, uns vorzustellen, in welch einer düstern, unheimlichen Unternehmung wir begriffen waren. Die Spur muß sehr deutlich gewesen sein, denn der Hund zögerte nicht und hielt nicht an, sondern zerrte seinen Herrn so schnell weiter, daß eine Unterhaltung unmöglich wurde.

An einer Stelle, wo wir einen kleinen Fluß zu kreuzen hatten, schienen wir einige Minuten die Spur verloren zu haben, aber unser scharfnasiger Bundesgenosse fand sie bald auf der anderen Seite wieder und verfolgte sie über das pfadlose Moor, vor Eifer bellend und winselnd.

Hätten wir nicht alle flinke Füße und gute Lungen gehabt, so hätten wir den sehr langen Marsch über den holperigen Boden, wo das Heidekraut uns oft bis an den Gürtel reichte, nicht aushalten können.

Was mich anbelangt, so hatte ich bis jetzt noch keine Ahnung, welch ein Ziel mir als Ende unserer Verfolgung vorschwebte. Ich erinnere mich, daß alle meine Gedanken voll der ungeheuerlichsten und verschiedenartigsten Vermutungen waren.

Konnte es möglich sein, daß die drei Buddhisten an der Küste ein Fahrzeug in Bereitschaft gehalten und sich mit ihrem Gefangenen nach dem Orient eingeschifft  hatten? Die Richtung der Spur schien diese Annahme anfänglich zu begünstigen, denn sie lag in einer Linie mit dem oberen Ende der Bucht, wandte sich jedoch schließlich ab und geradeswegs landeinwärts. Das weite Meer war also offenbar nicht unser Ziel.

Um zehn Uhr waren wir fast zwölf englische Meilen gegangen und sahen uns jetzt genötigt, einige Minuten anzuhalten, um Atem zu schöpfen, denn während der letzten paar Meilen war es an den ermüdenden, langen Abhängen der Wigtowner Hügel hinaufgegangen. Von der Spitze dieser Hügelkette, die nirgends höher als tausend Fuß ist, übersahen wir nach Norden hin eine Landschaft, wie sie öder und trostloser in keinem Lande gefunden werden kann.

So weit das Auge blickte, erstreckte sich eine weite Fläche von Schlamm und Wasser, wie eine im Werden begriffene Welt, im wildesten Chaos durcheinander gemischt. Hier und da waren auf der bräunlichen Oberfläche dieses großen Sumpfes Büschel kränklichgelber Binsen und blaugrünen Grases hervorgebrochen, was den traurigen Eindruck der öden Gegend nur noch erhöhte.

Auf den uns nächstliegenden Seiten zeigten einige verlassene Torfgruben, daß der allgegenwärtige Mensch hier gearbeitet hatte; aber außer diesen kleinlichen Narben war nirgends ein Zeichen menschlichen Lebens zu erblicken. Nicht einmal eine Krähe oder Seemöwe wagte es, über diese Wüstenei hinzuflattern.

Das ist der große Creesumpf, den man auf Landkarten über einen großen Teil der Provinz Wigtown  sich erstrecken sieht. Es ist ein Salzwassermorast, der durch irgendeinen Einfluß des Meeres gebildet ist, und der von gefährlichen Sümpfen und trügerischen Fallöchern voll flüssigen Schlammes so durchwoben ist, daß kein Mensch ohne die Führung eines der wenigen Bauern, denen das Geheimnis der gangbaren Pfade bekannt ist, sich hineinwagt.

Als wir uns dem seinen Rand umsäumenden Schilfe näherten, stieg von der stagnierenden Wildnis ein fauler, feuchter Gestank auf wie von unreinem Wasser und verfaulendem Gewächs, ein erdiger, übler Hauch, der die irische Hochlandsluft verpestete.

So abschreckend und düster war der Anblick dieser Stätte, daß unser wackerer Kätner zauderte, und wir ihn nur mit Mühe zum Weitergehen bewegen konnten.

Unser Spürhund, der den feineren Eindrücken unserer höheren Organisation nicht zugänglich war, lief bellend weiter, mit der Nase am Loden und vor Aufregung und Eifer zitternd. Wir hatten keine Schwierigkeit, unseren Weg durch den Morast hindurchzufinden, denn wo die fünf hatten gehen können, vermochten wir drei natürlich auch zu folgen.

Hätten wir irgendwelche Zweifel bezüglich unseres Hundes Führung gehabt, so wären sie jetzt verschwunden, denn in dem weichen, schwarzen, schmierigen Erdboden konnten wir die Fußspuren aller fünf nächtlichen Wanderer deutlich unterscheiden. Wir konnten hieran sehen, daß sie nebeneinander gegangen waren, und zwar jeder in gleicher Entfernung von seinem Nebenmann. Es war also offenbar, daß keine physische  Kraft gebraucht war, um den General und seinen Gefährten fortzuführen. Der Zwang war ein seelischer, kein körperlicher gewesen.

Inmitten des Sumpfes angelangt, mußten wir auf der Hut sein, daß wir nicht von dem engen Pfade, der uns einen festen Halt bot, abwichen. Zu beiden Seiten lagen flache Kolke von stehendem Wasser, die einen trügerischen Boden halbflüssigen Schlammes bedeckten: in feuchten, glitschigen Bänken erhob sich letzterer hier und da über die Oberfläche, mit Flecken ungesunden Gewächses besät. Große purpurne und gelbe Pilze waren in dichter Menge hervorgebrochen, als sei die Natur mit einer widrigen Krankheit behaftet, die sich durch diese Pestgeschwüre offenbar machte. Hier und dort schossen schwarze, krebsartige Geschöpfe über unseren Weg, und abscheuliche, fleischfarbene Würmer ringelten und schlängelten sich zwischen dem Röhricht dahin. Schwärme summenden, zirpenden Ungeziefers erhoben sich bei jedem Schritte, ließen sich auf unser Gesicht und unsere Hände nieder und impften uns ihr schmutziges Gift ein.

Nie zuvor hätte ich mich in eine so pesthauchige und abschreckende Gegend gewagt. Aber Mordaunt Heatherstone schritt entschlossen weiter, und wir konnten ihm nur folgen, um ihm bis ans Ende des Abenteuers beizustehen.

Bald verengte sich der Pfad mehr und mehr, so daß, wie wir an den Fußspuren vor uns sehen konnten, auch die fünf nächtlichen Wanderer sich genötigt gesehen hatten, im Gänsemarsch vorzugehen.

Fullerton führte uns nun mit seinem Hunde an,  Mordaunt schritt hinter ihm her, während ich die Nachhut bildete.

Der Bauer hatte sich schon seit einiger Zeit muckig und mürrisch gezeigt; er hatte kaum geantwortet, wenn man ihn anredete; plötzlich aber blieb er ganz stehen und weigerte sich entschieden, nur noch einen Schritt weiterzugehen.

»Es ist nicht geheuer,« sagte er, »außerdem weiß ich, wohin es uns führen wird!«

»Wohin denn?« fragte ich.

»Nach dem Cree-Loche,« antwortete er. »Es ist nicht mehr weit von hier, denke ich.«

»Nach dem Cree-Loch?« wiederholte ich. – »Was ist denn das?«

»Das ist ein großes Loch,« antwortete der Bauer, »und so tief, daß noch niemand den Boden erreicht hat. Es gibt Leute, welche behaupten, daß es das Tor zur Hölle selbst ist!«

»Sie sind also schon dort gewesen?« forschte ich ihn aus.

»Dort gewesen!« rief er. »Was sollte ich am Cree-Loche zu suchen haben? Nein, Herr, ich bin nie dort gewesen, und auch kein anderer, bei dem es nicht rappelt.«

»Woher kennen Sie es denn?« fragte ich.

»Mein Urgroßvater ist dort gewesen, und daher kenne ich’s,« antwortete Fullerton. »Er ging infolge einer Wette dorthin. Er wollte hinterher nie davon reden und auch nicht sagen, was ihm dort zugestoßen wäre, aber vor dem bloßen Namen ward ihm nachher bange. Er war der erste Fullerton, der am  Cree-Loch gewesen ist, und soweit es auf mich ankommt, wird er auch der letzte gewesen sein. Wenn Sie meinem Rate folgen wollen, geben Sie die ganze Geschichte auf, und gehen Sie wieder heim, denn von solch einem Gange kann nichts Gutes kommen!«

»Wir werden weitergehen, und wenn nicht mit Ihnen, dann ohne Sie!« antwortete Mordaunt bestimmt. »Lassen Sie uns nur Ihren Hund zur Führung, und wir werden Sie auf unserem Rückwege wieder mitnehmen.«

»Nein, nein!« ereiferte der Bauer sich. »Ich will meinen Hund nicht von Gespenstern verschreckt haben oder ihn dem Gottseibeiuns nachlaufen lassen! Der Hund bleibt bei mir!«

»Der Hund geht mit uns!« erklärte Mordaunt mit funkelnden Augen. »Aber wir haben keine Zeit, mit Ihnen zu schwatzen. Hier ist eine Fünfpfundnote. Überlassen Sie uns den Hund oder, beim Himmel, ich werde ihn Ihnen gewaltsam nehmen und Sie in den Sumpf werfen, wenn Sie sich widersetzen!«

Ich konnte mir den alten Heatherstone vor vierzig Jahren vorstellen, als ich die drohende plötzliche Wut sah, die das Gesicht seines Sohnes jetzt entstellte.

Das Geld oder die Drohung hatte die gewünschte Wirkung, denn der Bauer griff mit der einen Hand nach dem Gelde, während er mit der anderen die Leine, an der der Spürhund lief, an Mordaunt auslieferte.

Mordaunt war entschlossen, und ich war es nicht weniger, dem Geheimnis bis auf den Grund nachzugehen, mochte es auch Gott weiß was gelten.

Den Bauer einfach seinem selbstgewählten Schicksal überlassend, drangen wir beide, der Spur des Hundes folgend, unentwegt weiter vor. Der unaufhörlich gewundene Pfad wurde weniger und immer weniger deutlich, je weiter wir vorschritten, bis er endlich sogar stellenweise von Wasser überdeckt ward. Aber die steigende Aufregung des Hundes und die Fußspuren im Schlamm spornten uns an, ohne jede Rast weiter und weiter zu gehen, bis an unser Ziel – das schaurigste Ziel meines Lebens!

Nachdem wir uns durch ein Dickicht hoher Binsen durchgearbeitet hatten, erreichten wir endlich eine Stelle, deren trauriges Aussehen Dante zu neuen Schrecknissen für seine Hölle begeistert haben würde.

Der ganze Morast schien an dieser Stelle eingesunken zu sein und bildete einen ungeheuren Trichter, der in einer kreisförmigen Öffnung von etwa vierzig Schritten im Durchmesser endete. Es war ein unaufhörlicher Strudel, ein vollkommener Malstrom von Schlamm, der sich von allen Seiten nach diesem schweigsamen, fürchterlichen Abgrunde zu abschob.

Dies war offenbar die Stelle, die unter dem Namen »Cree-Loch« einen so schlimmen Ruf bei den Landleuten erlangt hatte. Es nahm mich nicht wunder, daß es einen so tiefen Eindruck auf ihre Einbildungskraft machte; denn einen unheimlicheren, düstereren Erdfleck und ein Ziel, das des zu ihm führenden Weges würdiger wäre, kann man sich gar nicht denken.

Die Fußtapfen führten den den Schlund umgebenden Abhang hinunter, und wir folgten ihnen  mit bedrücktem Herzen, denn wir ahnten, daß dies der Endpunkt unserer Suche sein würde.

Eine kleine Strecke von dem hinabführenden Pfade entfernt, sah man die Spuren derer, die von dem Rande des Schlundes zurückgekehrt waren.

Unsere Blicke fielen zur selben Zeit auf diese Fußtapfen, und wir stießen beide einen Schrei des Entsetzens aus, während wir darauf hinstarrten, denn in jenen verwischten Spuren offenbarte sich das ganze Drama: Fünf waren hinabgegangen, aber nur drei zurückgekehrt!

Niemand wird je die Einzelheiten dieses furchtbaren Trauerspiels erfahren. Es war kein Zeichen eines Kampfes oder Fluchtversuches zu sehen. Wir knieten am Rande des Loches nieder und versuchten, den zu verhüllenden, dichten Dunst mit den Augen zu durchdringen. Eine scharfe, ekelhafte Ausdünstung schien aus der Tiefe emporzusteigen, und ich vernahm ein fernes, eiliges, brausendes Geräusch, wie von Wassern in den Eingeweiden der Erde. Ein großer Stein lag im Schlamm eingebettet, und diesen schleuderte ich hinein; aber ich hörte keinen Aufschlag, kein Zeichen, daß er den Boden oder eine Wasserfläche erreicht hatte. Als wir uns aber über den widrigen Schlund beugten, traf plötzlich ein Laut aus seiner grausigen Tiefe unser Ohr. Hell und klar klang ein klingender Ton aus dem Abgrunde herauf; dann herrschte wieder dieselbe Grabesstille wie zuvor.

Ich möchte nicht gern als abergläubisch angesehen werden oder etwas vielleicht ganz Natürliches übernatürlichen Ursachen zuschreiben. Dieser eine scharfe  Ton kann irgendein durch Wasser tief im Innern der Erde hervorgebrachtes Geräusch sein. Es kann aber auch die unheimliche Glocke gewesen sein, von der ich so viel gehört habe. Doch sei dies nun, wie es wolle – es war das einzige Zeichen, das aus der letzten, schrecklichen Ruhestatt derer kam, die ihre so lange ungetilgt gebliebene Schuld durch ihren Tod in diesem schauerlichen Abgrund jetzt bezahlt hatten.

Mit der Hartnäckigkeit, mit welcher Menschen sich an eine letzte Hoffnung klammern, vereinigten wir unsere Stimmen zu einem Rufe, aber wir bekamen keine Antwort außer unzähligen hohlen Echos aus der Tiefe. Mit wunden Füßen und krank am Herzen wandten wir uns zurück und klommen den schlammigen Abhang wieder hinauf.

»Was wollen wir nun tun, Mordaunt?« fragte ich mit gedämpfter Stimme. »Wir können nur beten, daß ihre Seelen in Frieden ruhen mögen!«

Der junge Heatherstone blickte mich mit funkelnden Augen an.

»Dies mag alles den mystischen Gesetzen jener fremden Männer gemäß zugegangen sein,« rief er, »aber wir wollen doch einmal sehen, was das englische Gesetzbuch dazu zu sagen hat. Ein Chela kann ebensogut wie irgend jemand anders gehängt werden, denke ich. Es ist vielleicht noch nicht zu spät, sie zu über holen. Hier, guter Hund, guter Hund, hier!«

Er riß den Hund herum und brachte ihn auf die Fährte der drei unheimlichen Fremden. Das Tier beschnüffelte ein paarmal den Boden, fiel dann plötzlich auf seinen Leib und lag mit gesträubten Haaren  und heraushängender Zunge zitternd und bebend da, als die Verkörperung hündischer Furcht.

»Siehst du,« sagte ich ernst, »es hat keinen Zweck, sich gegen Mächte zu stemmen, denen wir nicht einmal einen Namen zu geben vermögen. Wir können nichts tun, als uns in das Unvermeidliche fügen und hoffen, daß dein armer Vater und sein Schicksalsgefährte in der anderen Welt ihre Belohnung erhalten werden für das, was sie in dieser erlitten haben.«

»Und nicht minder, daß sie von allen teuflischen Religionen und deren mörderischen Anhängern erlöst sein werden!« rief Mordaunt wütend.

Ich sagte mir freilich selber, daß die Christen mit Morden begonnen hatten, ehe die Buddhisten daran dachten, aber laut sagte ich nichts davon, um meinen Begleiter nicht zu reizen.

Ich konnte ihn lange nicht von der Todesstätte seines Vaters wegbringen; aber schließlich bewog ich ihn durch wiederholte Vorstellungen und Vernunftsgründe doch dazu, einzusehen, wie sinn- und nutzlos alle weiteren Anstrengungen unsererseits notwendigerweise sein mußten, und daß es das klügste war, nach Cloomber-Hall zurückzukehren, um vielleicht der drei Buddhisten doch noch habhaft werden zu können.

O, welch ein langer, trauriger Gang war das! Lang genug war er uns schon erschienen, als noch ein schwacher Hoffnungsstrahl uns leuchtete, oder wir noch etwas zu erwarten hatten. Jetzt, da unsere schlimmsten Befürchtungen verwirklicht waren, erschien er uns schier unendlich. Wir trafen unsern  Bauern am Rande des Morastes wieder und ließen ihn, nachdem wir ihm seinen Hund zurückgegeben hatten, allein seinen Heimweg antreten, ohne ihm etwas von dem Resultat unserer Suche mitzuteilen.

Wir selbst gingen den ganzen Tag mit schweren Füßen und noch schwererem Herzen über das Moor hin, bis wir den unglücklichen Turm von Cloomber zu Gesicht bekamen und wir uns, während eben die Sonne unterging, endlich wieder unter seinem Dache befanden.

Ich brauche wohl nicht auf weitere Einzelheiten einzugehen oder den Kummer zu beschreiben, den unsere Nachricht über Mutter und Tochter brachte. Die lange Erwartung des Unglücks hatte doch noch nicht genügt, sie auf diese schreckliche Wirklichkeit vorzubereiten. Wochenlang schwebte meine arme Gabriele zwischen Leben und Tod; und obwohl sie endlich, dank der Kunst des Dr. Easterling aus Stanvaer, wiederhergestellt wurde, hat sie doch bis auf den heutigen Tag ihre frühere Lebenskraft nicht wiedergewonnen.

Auch Mordaunt hatte eine Zeitlang sehr zu leiden, und erst nach unserer Übersiedlung nach Edinburg erholte er sich von der Erschütterung, die er durch unsere furchtbare Entdeckung erlitten hatte.

Was die arme Frau Heatherstone anbelangt, so übten weder ärztliche Hilfe noch Luftveränderung irgendwelche Wirkung auf sie aus. Langsam und sicher, aber schmerzlos ist sie dahingesiecht, und es ist offenbar, daß sie – wer weiß, wie bald – mit ihrem Manne vereint sein wird, dem sie und seine Kinder das einzige waren, das er mit Schmerz zurückgelassen hat.

Der Gutsherr von Branksome kam wiederhergestellt aus Italien zurück, und wir mußten deshalb wieder nach Edinburg ziehen. Es war uns das sehr angenehm; denn die jüngsten Ereignisse hatten unser ländliches Stilleben umwölkt und mit qualvollen Erinnerungen umgeben. Außerdem war ein sehr angesehener und einträglicher Posten an der Universitätsbibliothek vakant geworden, der durch die Freundlichkeit des verstorbenen Sir Alexander Grant meinem Vater angeboten wurde. Wie sich denken läßt, verlor er keine Zeit, einen ihm so zusagenden Posten anzunehmen. So kamen wir als viel wichtigere Leute nach Edinburg zurück, als wir es verlassen hatten.

Nun, da ich dies schreibe, bin ich seit einigen Monaten mit meiner lieben Gabriele verheiratet, und Esther wird am 23. dieses Monats Frau Heatherstone werden. Falls sie Mordaunt eine ebenso gute Frau wird, wie seine Schwester es mir geworden ist, können wir uns beide als recht glückliche Menschen betrachten.

Aber der Zweck des Niederschreibens der berichteten Tatsachen und der diese bekräftigenden Zeugenaussagen war in letzter Linie der, mit meinen persönlichen Verhältnissen zu prahlen. Mich leitete im Gegenteil einzig die Absicht, eine authentische Erzählung von höchst merkwürdigen Ereignissen zu schaffen. Und das habe ich getan, ohne etwas zu übertreiben oder auszulassen, bei der Darlegung und Wiedergabe aller der Geschehnisse, welche die Ursache des Verschwindens von Rufus Smith und von General John Bertier Heatherstone waren.

Nur ein Punkt ist mir unklar geblieben. Weshalb  haben die Chelas Goolah Shahs ihre Opfer nach dem einsamen Cree-Loche geschleppt, anstatt ihnen in Cloomber das Leben zu nehmen? Das ist, ich gestehe es, ein Geheimnis für mich. Wenn wir uns aber mit mystischen Gesetzen befassen, müssen wir unsere gänzliche Unwissenheit in solchen Sachen in Betracht ziehen. Wüßten wir mehr davon, so könnten wir vielleicht einsehen, daß ein Zusammenhang bestand zwischen jenem fauligen Moraste und dem Frevel, den die beiden Schuldigen begangen hatten, und daß buddhistischer Ritus und seine Sitten erforderten, daß das Verbrechen gerade durch solch einen Tod gesühnt werde. Vielleicht auch wollten die Buddhisten ihre Opfer in einen sichern Tod führen, ohne selbst Hand an sie zu legen; jedenfalls gelang ihnen ihr Rachewerk nur zu wohl. Die Hölle selbst konnte ihre Opfer nicht sicherer halten, als das Cree-Loch.

Einige Monate später fiel mein Blick auf einen kurzen Satz im »Star of India«, in dem gemeldet wurde, daß drei hervorragende Buddhisten – Lal Hoomi, Mowdar Khan und Ram Singh – auf dem Dampfer »Deccan« von einer kurzen Reise nach Europa zurückgekehrt wären.

Die nächste Notiz war einem kurzen Bericht über das Leben und die Dienste des Generalmajors Heatherstone gewidmet, der kürzlich von seinem Landhause in Wigtownshire verschwunden und, wie man allen Grund hätte, zu befürchten, ertrunken sei.

Mit Wehmut muß ich stets, wenn der Tag wiederkehrt, meiner ersten Begegnung mit dem General gedenken, und wie er bei meinem Anblick und vor meiner  dunklen Gesichtsfarbe, die die Natur mir gegeben hat, erschrak. Jetzt weiß ich ja den traurigen Grund, weshalb er dunkle Gesichter, Landstreicher und Besucher so sehr fürchtete. Er tat das, weil er nicht wußte, in welcher Gestalt seine Verfolger ihm nahen würden, und weil die verhaßte Glocke zu allen Zeiten ertönen konnte. Sein oft von ihrem Klang unterbrochener Schlaf führte ihn zu seinen nächtlichen Wanderungen; und die Lampen, die er zeitweilig in allen Zimmern brennen hatte, waren unzweifelhaft nur dazu da, um ihn daran zu hindern, daß ihm die Dunkelheit mit Schrecknissen aller Art bevölkert erschien. Alle seine extravaganten Vorsichtsmaßregeln aber waren, wie er in seinem letzten Schreiben selbst erklärte, das Resultat seines fieberhaften Eifers, wenigstens etwas zu tun, und nicht etwa der Gedanke, daß er seinem Geschick entrinnen könne.

Die Wissenschaft wird nun sagen, daß es Kräfte, wie die orientalischen Mystiker sie zu besitzen behaupten, gar nicht gibt. Ich, John Fothergill West, kann darauf nur antworten, daß die Wissenschaft im Irrtum sein kann und muß. Denn was ist Wissenschaft? Wissenschaft ist die Meinungsübereinstimmung von gelehrten Leuten; und wir wissen aus der Geschichte, daß sie nur sehr langsam eine neue Wahrheit anzuerkennen sich bequemt. Die Wissenschaft wies mathematisch nach, daß ein eisernes Schiff nicht schwimmen und ein Dampfer den Atlantischen Ozean nicht kreuzen könnte. Wie Goethes Mephistopheles, so ist der modernen Weisheit ständiges Wort das »stets verneinen«. Wenn die Wissenschaft Wissen schaffen will, so muß  sie aufhören, an die Unfehlbarkeit ihrer eigenen Methoden zu glauben. Die Augen nach Osten gerichtet, wo noch alle großen Bewegungen ihren Ursprung nahmen, wird sie dort eine Schule von Philosophen und Weisen finden, die, nach anderen Methoden arbeitend, in allen Hauptpunkten der Erkenntnis ihr, der modernen Weisheit, viele tausend Jahre voraus sind.

Soweit menschlicher Geist überhaupt imstande ist, das große Rätsel der Schöpfung zu ergründen! Denn wer vermöchte Aufschluß zu geben über der Weltzeit und des Weltraumes Anfang und Ende? Ungelöst ist und bleibt diese Frage.

»Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Schulweisheit sich träumen läßt«, sagt Shakespeare. Zu diesen Dingen gehört auch das Mysterium, durch welches einen so tragischen Abschluß fand – das Geheimnis von Cloomber-Hall

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