Das Geheimnis von Cloomber-Hall

Ich, James Fothergill West, stud. jur. auf der St. Andrews-Universität zu Edinburg, will in folgenden Zeilen eine wahre Geschichte in möglichst kurzer und bündiger Form erzählen, ohne durch eine gekünstelte Reihenfolge der verschiedenen Ereignisse den Eindruck derselben zu erhöhen. Es sollen vielmehr diejenigen, welche außer mir noch von den fraglichen Begebenheiten unterrichtet sind, meinem Berichte beistimmen können, ohne zu finden, daß ich auch nur in den geringfügigsten Einzelheiten von der strengen, ungeschminkten Wahrheit abgewichen bin. Zu diesem Zweck werde ich die notariell beglaubigten Aussagen eines gewissen Israel Stakes, ehemaligen Kutschers von Cloomber-Hall, und des Herrn John Easterling, Edinburg – jetzt praktischer Arzt in Stanvaer, Wigtownshire – aufführen und einen wörtlichen Auszug aus dem Tagebuch des Generalmajors John Bertier Heatherstone hinzufügen. Dieser Auszug betrifft Ereignisse, die sich gegen das Ende des ersten Afghanenkrieges im Herbste 1841 zutrugen mit einer detaillieren Beschreibung des Scharmützels im Terada-Passe und des Todes eines gewissen Ghoolab Shah. Im übrigen stütze ich mich auf die Aussagen von Augenzeugen,  welche durch ihren intimen Verkehr mit dem Generalmajor J. B. Heatherstone imstande waren, ihn und was mit ihm zusammenhing, zu beurteilen.

Mein Vater, John Hunter West, war ein bekannter Orientalist, und sein Wort ist jetzt noch von großem Ansehen unter seinen englischen sowohl wie kontinentalen Kollegen. Er war es, der zuerst gleich Sir William Jones die Aufmerksamkeit der gelehrten Welt auf die herrlichen Erzeugnisse der neupersischen Literatur lenkte, und seine Übersetzungen von Hafis und Ferideddin Attar trugen ihm den wärmsten Beifall solcher Autoritäten auf dem Gebiete kritischer Philologie, wie des Barons von Hammer-Purgstall und anderer, ein. Ja, in der Januarnummer der Orientalischen Zeitschrift 1861 wurde er als »der berühmte und sehr gelehrte Mr. Hunter West, Edinburg« bezeichnet, welche Notiz er ausschnitt und mit verzeihlicher Eitelkeit unter den kostbarsten Schätzen seines Familienarchivs aufbewahrte.

Er hatte sich ursprünglich der juristischen Laufbahn gewidmet, aber seine gelehrten Passionen nahmen so viel Zeit in Anspruch, daß ihm nur wenig Frist für seine Praxis übrig blieb. Wenn seine Klienten ihn in seinem Bureau in Cambers-Street aufsuchten, glänzte er meistens durch seine Abwesenheit; dafür konnte man ihn gewöhnlich unter staubigen Papieren begraben in der »Advocates Library« oder der »Philosophical Institution« finden, wo ihn das Tausende von Jahren alte Gesetzbuch des Manu weit mehr fesselte, als die verzwickten schottischen Pandekten des neunzehnten Jahrhunderts.

Es war daher kaum zu verwundern, daß er zur selben Zeit, als er den Zenit seiner Berühmtheit erreicht hatte, auch auf dem Boden seines Säckels angelangt war. Da sich in jener Zeit noch keine Professur für Sanskrit in Schottland befand und die Nachfrage nach den Produkten seiner Geistestätigkeit eine sehr geringe war, hätten wir uns wahrscheinlich in ein Stilleben zurückziehen müssen, in welchem die Aphorismen und Sprüche des Firdusi, Omar Chian und anderer uns für den Mangel an nahrhafterer Diät vielleicht entschädigt hätten. Aber durch die unerwartete Freigebigkeit seines Stiefbruders William Farintosh, des Gutsherrn von Branksome, Wigtownshire, wurden wir plötzlich aller Sorgen enthoben.

Der letztere war der Eigentümer eines großen Rittergutes, dessen Ergiebigkeit unglücklicherweise zu seiner ungeheuren Ausdehnung in keinem Verhältnis stand; es war ohne allen Zweifel der ödeste und kahlste Teil einer außergewöhnlich öden und kahlen Provinz. Da er aber als eingefleischter Junggeselle keine großen Ausgaben hatte, so war er imstande gewesen, durch den Verkauf einer besonderen Art von Lastpferden, die er auf den ausgedehnten Heideflächen züchtete, und mit Hilfe des Pachtzinses von seinen vereinzelten Meiereien nicht nur standesgemäß zu leben, sondern auch noch ein hübsches Konto zu seinen Gunsten auf der Bank anzulegen.

Solange wir noch verhältnismäßig wohlhabend waren, hatten wir wenig von unserem Verwandten gehört; aber gerade jetzt, als Matthäi am letzten war,  kam wie ein Evangelium sein Brief, der uns seiner Sympathie und, was bedeutend wichtiger, seiner werktätigen Hilfe versicherte. Wir erfuhren, daß Mr. Williams Lungen schon seit geraumer Zeit angegriffen seien, und daß Dr. Easterling, der schon erwähnte Arzt in Stanvaer, ihm energisch geraten habe, die kurze Spanne Zeit, die ihm vielleicht noch zugemessen war, in einem wärmeren Klima zu verleben. Er hatte sich deshalb entschlossen, nach dem Süden Italiens aufzubrechen, und ersuchte meinen Vater, sich während seiner Abwesenheit des Gutes anzunehmen und für ein Gehalt, das uns aller Sorgen überhob, als sein Verwalter tätig zu sein.

Ich brauche kaum zu sagen, daß wir nicht lange zögerten, sein freundliches Anerbieten anzunehmen. Mein Vater reiste schon am selben Abend nach Wigtown ab, während meine Schwester Esther und ich – meine Mutter war schon vor einigen Jahren gestorben – mit zwei Kartoffelsäcken voll gelehrter Bücher und etwas Hausgerät in einigen Tagen nachfolgten.

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