Das Geheimnis von Cloomber-Hall – Elftes Kapitel

Es muß elf oder zwölf Uhr mittags gewesen sein, als ich endlich erwachte; die wilden, stürmischen Ereignisse der letzten Nacht kamen mir in der Flut goldigen Lichtes, das in meine Kammer strömte, wie ein phantastischer Traum vor. Es war schwer zu glauben, daß das milde Lüftchen, das so sanft mit den Efeublättern unter meinem Fenster flüsterte, dasselbe Element war, das vor wenigen Stunden noch das ganze Haus erschüttert hatte. Es war, als ob die Natur ihren plötzlichen Ausbruch von Leidenschaft bereue und sich bemühe, die Welt durch Wärme und Sonnenschein dafür zu entschädigen.

Unten auf der Diele traf ich eine Anzahl der schiffbrüchigen Seeleute, erfrischt durch die nächtliche Rast; bei meinem Erscheinen wurde ein Gemurmel von Dankbarkeit und Freude unter ihnen laut.

Man hatte Anstalt getroffen, sie nach Wigtown zu fahren, von wo sie dann mit dem Abendzuge nach Glasgow weiterreisen konnten, und mein Vater hatte angeordnet, daß jeder ein Paket belegter Butterbrote und hartgekochter Eier mit auf den Weg bekommen sollte.

Kapitän Meadows dankte uns herzlich im Namen seiner Reeder für die ihnen zuteil gewordene gute Behandlung und forderte seine Mannschaft auf, drei  Hochs auszubringen, die aus kräftigen Lungen erklangen. Er und der Steuermann gingen nach dem Frühstück mit uns zum Strande hinunter, um sich den Ort des Schiffbruches zum letztenmal anzusehen.

Der weite Busen der Bucht wogte noch krampfhaft, und seine Wellen brachen sich schluchzend an den Felsen, aber der wilde Tumult, den wir am frühen Morgen gesehen hatten, war vorüber. Die langen, smaragdgrünen Wellenreihen mit ihren kecken kleinen Schaumkämmchen rollten langsam und majestätisch heran, um sich in einem regelmäßigen Rhythmus, ähnlich dem Atemschöpfen eines ermatteten Ungeheuers, zu überschlagen.

Eine Kabellänge vom Ufer konnten wir den Hauptmast der Barke auf den Wellen schwimmen sehen, wie er von Zeit zu Zeit in seinem Wassergrabe verschwand und dann wieder – einem Riesenwurfspeer gleich – von den Wogen in die Höhe geschleudert wurde. Andere kleinere Schiffstrümmer waren über das Wasser hin verstreut, während unzählige Spieren und Barren auf dem Sande umherlagen.

Ich bemerkte, daß ein paar breitbeschwingte Seemöwen über dem Wrack hin und her flatterten, als sähen sie gar seltsame Dinge unter dem Wasser, und dann und wann hörten wir ihre krächzenden Stimmen, als ob sie einander mitteilten, was sie erblickt hatten.

»Es war ein morscher Kasten,« sagte der Kapitän, traurig auf das Meer hinausschauend. »Und doch ist es ein wehmütiges Gefühl, zum letztenmal ein Schiff zu betrachten, in dem man gesegelt hat. Na,  es würde ja doch abgetakelt und als Brennholz verkauft worden sein.«

»Es ist eine friedliche Szene,« bemerkte ich. »Wer würde denken, daß in diesem selben Wasser letzte Nacht drei Männer ihr Leben verloren haben!«

»Arme Kerle!« sagte der Kapitän gefühlvoll. »Sollten sie noch nach unserer Abreise an das Land gespült werden, so verlasse ich mich daraus, daß Sie ihnen ein anständiges Begräbnis zuteil werden lassen.«

Ich wollte hierauf eben etwas entgegnen, als der Steuermann in ein lautes Gelächter ausbrach und sich vor Vergnügen aus die Schenkel schlug.

»Wenn Sie sie beerdigen wollen,« sagte er, »so beeilen Sie sich, lieber Herr, sonst werden sie Ihnen entwischen. Sie wissen doch, was ich Ihnen gestern sagte. Schauen Sie nur nach jenem Hügel hinüber, und sagen Sie mir, ob ich recht habe oder nicht!«

Nicht weit von uns lag eine hohe Sanddüne nahe dem Strande, und auf dem Rücken dieser Düne stand die Figur, welche die Aufmerksamkeit des Steuermanns erregt hatte.

Der Kapitän schlug die Hände über dem Kopfs zusammen, als er auf die Erscheinung hinstarrte.

»Beim Himmel!« rief er aus. »Das ist Ram Singh in eigener Person! Überholen wir ihn!«

Er rannte aufgeregt am Strande entlang, gefolgt von dem Steuermann und mir, sowie von einigen Fischern, welche ebenfalls die Anwesenheit des Fremden bemerkt hatten. Dieser kam, als er uns sah, von seinem Beobachtungsposten herunter und schritt, das Haupt nachdenklich auf die Brust gesenkt, ruhig auf uns zu.  Ich konnte nicht umhin, unser hastiges, geräuschvolles Vorgehen mit der Ruhe und der Würde dieses Orientalen zu vergleichen, und der Gegensatz wurde noch schärfer, als er seine ruhigen, gedankenvollen, dunklen Augen auf uns richtete und sein Haupt zu einem anmutigen, hoheitsvollen Gruße neigte.

Wir kamen uns vor wie Schuljungen in der Gegenwart des Lehrers. Die breite, glatte Stirn des Fremden, sein klarer, durchdringender Blick, sein festgeschlossener und doch weicher Mund und seine feingeschnittenen, willenskräftigen Züge vereinigten sich zu der edelsten und eindrucksvollsten Erscheinung, die ich je gesehen habe.

Ich hätte nie geahnt, daß solche unzerstörbare Ruhe und zugleich solches Bewußtsein schlummernder Kraft in einem Menschenantlitz ausgedrückt sein könnten. Er trug einen Rock von braunem Samt und lose, dunkle Hosen; sein Hemd war tief ausgeschnitten, so daß sein muskulöser, brauner Nacken sichtbar wurde; er hatte noch denselben roten Fez auf, den ich vorige Nacht vom Strande aus bemerkt hatte.

Als wir uns näherten, war ich überrascht zu sehen, daß keins dieser Kleidungsstücke die geringste Spur von Nässe oder rauher Behandlung zeigte.

»Ihnen scheint Ihre Taufe gar nicht übel bekommen zu sein,« sagte er mit einer angenehmen, wohlklingenden Stimme, von dem Kapitän auf den Steuermann blickend. »Hoffentlich haben alle Ihre armen Matrosen gute Quartiere gefunden?«

»Wir sind alle in Sicherheit,« antwortete der Kapitän. »Aber wir hatten Sie als verloren  aufgegeben – Sie und Ihre beiden Freunde. In der Tat traf ich gerade mit Herrn West hier Vorkehrungen für Ihr Begräbnis.«

Der Fremde sah mich an und lächelte.

»Wir wollen Herrn West diese Mühe so bald noch nicht machen,« bemerkte er. »Meine Freunde und ich haben die Küste glücklich erreicht. Wir haben etwa eine Meile von hier in einer Hütte Obdach gefunden. Es ist zwar einsam da, aber wir haben alles, was wir nur wünschen können.«

»Wir werden heute nachmittag nach Glasgow abfahren,« sagte der Kapitän. »Es sollte mich freuen, wenn Sie mitkämen. Falls Sie nicht schon früher in England gewesen sind, wird es Ihnen etwas schwer fallen, allein zu reisen.«

»Wir sind Ihnen für Ihre Fürsorge sehr verbunden.« antwortete Ram Singh, »aber wir werden von Ihrem freundlichen Anerbieten keinen Gebrauch machen. Da uns die Elemente einmal hierher verschlagen haben, beabsichtigen wir, uns die Gegend etwas anzusehen, ehe wir sie verlassen.«

»Wie es Ihnen gefällt,« meinte der Kapitän achselzuckend. »Ich glaube aber kaum, daß Sie viel Interessantes in diesem Winkel finden werden.«

»Möglicherweise nicht,« entgegnete Ram Singh mit einem heiteren Lächeln. »Sie kennen aber Miltons Zeilen: ›Der Geist ist seine eigene Stätte: in sich selbst kann er aus Himmeln Höllen, eine Höll‘ zum Himmel machen.‹ Ich glaube, wir können hier einige Tage bequem genug zubringen. Und wirklich. Sie müssen sich irren, wenn Sie diese Gegend als eine  barbarische betrachten. Wenn ich mich nicht täusche, ist der Vater dieses jungen Mannes Herr James Hunter West, dessen Name bei den indischen Pundits wohlbekannt und geehrt ist?«

»Mein Vater ist in der Tat ein bekannter Orientalist,« antwortete ich erstaunt.

»Die Gegenwart eines solchen Mannes,« bemerkte der Fremde langsam, »wandelt eine Wildnis in eine Stadt um. Ein großer Geist ist ein höheres Wahrzeichen der Zivilisation, als unabsehbare Meilen von Ziegelsteinen und Kalk. Ihr Herr Vater ist zwar kaum so tief, wie Sir William Jones, oder so unterrichtet, wie der Baron von Hammer-Purgstall, doch vereinigt er manche Tugenden beider in sich. Sie können ihm aber von mir sagen, daß er sich irrt bezüglich der Übereinstimmung zwischen samojedischen und tamulischen Wortwurzeln, die er nachgewiesen zu haben glaubt.«

Während ich diese Zeilen niederschreibe, überkommt mich wieder etwas von der geradezu bezwingenden Ruhe, mit welcher der wundersame Fremdling von einem Thema zu sprechen wußte, welches mit den Schrecken des Schiffbruches in dem krassesten Widerspruch stand, ein Widerspruch, den indes erst die kommenden Ereignisse zu einem unlösbaren Rätsel gestalten sollten.

Ein geradezu imponierender Eindruck war es, den die Sprechweise des sonderbaren Fremden auf mich übte. Und unter dem Einfluß dieser Einwirkung antwortete ich ihm: »Wenn Sie sich entschlossen haben, diese Gegend durch Ihr Hierbleiben zu ehren, so dürften  Sie meinen Vater schwer beleidigen, wenn Sie nicht seine Gäste werden. Er vertritt den Gutsherrn hier, und es ist nach schottischem Brauch sein Vorrecht, alle hervorragenden Fremden, die die Gemeinde besuchen, zu bewirten.«

Meine Gastfreundschaft hatte mir diese Einladung eingegeben, obwohl mir der Steuermann durch Zupfen an meinem Ärmel bedeutete, daß dieselbe aus irgendeinem Grunde nicht wohl angebracht sei. Seine Befürchtungen waren jedoch unbegründet, denn der Fremde gab uns kopfschüttelnd zu verstehen, daß er sie unmöglich annehmen könne.

»Meine Freunde und ich sind Ihnen sehr verbunden,« sagte er, »aber wir haben unsere guten Gründe, da zu bleiben, wo wir sind. Die Hütte, die wir bewohnen, ist verlassen und teilweise zerstört; aber wir Orientalen haben uns dazu erzogen, ohne die vielen Dinge leben zu können, die in Europa als notwendig betrachtet werden. Wir glauben auch an den Spruch, daß wahrer Reichtum nicht im Besitz vieler Güter, sondern in der Fähigkeit, dieselben zu entbehren, besteht. Ein Fischer versorgt uns mit Brot und Kräutern: wir haben reines Stroh für unsere Lagerstätten. Was könnten wir uns sonst noch wünschen?«

»Aber Sie müssen nachts doch frieren, da Sie gerade aus den Tropen kommen,« bemerkte der Kapitän.

Ram Singh lächelte überlegen.

»Unsere Körper sind vielleicht zuweilen kalt. Wir haben es nicht gemerkt. Wir drei haben manche Jahre in den oberen Himalajas, an der Grenze des ewigen  Schnees zugebracht und sind deshalb gegen derartige Unbequemlichkeiten nicht sehr empfindlich.«

»Dann erlauben Sie mir wenigstens,« sagte ich, »Ihnen etwas Fisch und Fleisch aus unserer Speisekammer zukommen zu lassen.«

»Wir sind keine Christen,« antwortete er, »sondern Buddhisten der höheren Schule. Wir behaupten, daß der Mensch kein sittliches Recht hat, einen Ochsen oder einen Fisch umzubringen, um seinen Gaumen zu kitzeln. Er hat ihnen nicht den Lebensodem eingeblasen und hat sicherlich keinen Erlaubnisschein vom Allmächtigen erhalten, ein Leben zu nehmen, außer in der dringendsten Notwendigkeit. Wir würden deshalb Ihre Gabe auf keinen Fall annehmen können, wenn Sie sie auch schickten.«

»Aber,« stellte ich ihm vor, »wenn Sie in diesem wechselnden und unfreundlichen Klima alle nahrhafte Speise von sich weisen, so werden Sie krank werden – Sie werden sterben!«

»Dann sterben wir!« antwortete er, ruhig lächelnd. »Und jetzt, Kapitän Meadows, muß ich Ihnen Lebewohl sagen und Ihnen für Ihre Freundlichkeit während der Reise danken. Leben Sie wohl, Steuermann, Sie werden vor Ablauf des Jahres Ihr eigenes Schiff befehligen. Hoffentlich werde ich Sie noch wiedersehen, ehe ich diese Gegend verlasse, Herr West. Gott befohlen!«

Er lüftete seinen roten Fez, neigte sein edles Haupt mit der hoheitsvollen Anmut, die allen seinen Bewegungen eigen war, und schritt in derselben Richtung davon, aus der er gekommen war.

»Lassen Sie sich beglückwünschen, Hawkins,« sagte der Kapitän zu dem Steuermann, als wir heimwärts gingen. »Sie werden also in Jahresfrist Ihr eigenes Schiff befehligen.«

»Wohl kaum!« antwortete der Steuermann, aber doch mit einem Lächeln der Befriedigung auf seinem mahagonibraunen Gesicht. »Man kann nie sagen, was geschehen wird. Was denken Sie von ihm, Herr West?«

»Ich interessiere mich sehr für ihn,« sagte ich. »Welch ein prachtvoller Kopf und welches ruhige Wesen für einen so jungen Mann! Ich denke, daß er nicht älter als dreißig ist.«

»Vierzig!« meinte der Steuermann.

»Wenigstens sechzig!« bemerkte der Kapitän. »Ich habe ihn vom ersten Afghanenkriege sprechen hören. Er war damals schon ein Mann, und das ist fast vierzig Jahre her.«

»Wunderbar!« rief ich aus. »Seine Haut ist so glatt, und seine Augen sind so klar wie meine. Er ist der Oberste der drei, ohne allen Zweifel.«

»Der Niedrigste,« sagte der Kapitän zuversichtlich. »Deshalb besorgt er alles Sprechen für sie. Ihre Geister sind zu erhaben, um sich zu bloßem weltlichen Geschwätz herabzulassen.«

»Sie sind das seltsamste Treibholz, das je an diese Küste gespült worden ist,« bemerkte ich. »Mein Vater wird sich sehr für sie interessieren.«

»Wahrhaftig, je weniger Sie mit ihnen zu tun haben werden, desto besser,« sagte der Steuermann. »Wenn ich je mein eigenes Schiff befehlige, verspreche  ich Ihnen, daß ich nie derartiges Gelichter mitnehmen werde. Aber jetzt sind wir alle an Bord und die Anker gelichtet. Wir müssen Ihnen deshalb Lebewohl sagen.«

Der Wagen, welcher die Schiffbrüchigen nach Wigtown bringen sollte, war gerade voll, als wir ankamen; die Hauptplätze zu beiden Seiten des Kutschers waren für meine beiden Begleiter freigelassen.

Sie sprangen hurtig hinein, und die wackeren Kerle fuhren mit Hurra die Landstraße hinab, während mein Vater, Esther und ich auf dem Rasen standen und ihnen zuwinkten, bis sie auf dem Wege zum Wigtowner Bahnhofe hinter dem Cloomber-Gehölz verschwunden waren.

Wie ein nächtlicher Spuk lag der furchtbare Schiffbruch hinter uns; nur die Trümmer in der Bucht und am Strande legten noch Zeugnis davon ab, sowie eine Hütte auf Meilenentfernung am Strande, welche die drei orientalischen Passagiere barg, die der Sturm hier ans Land geworfen hatte.

Der Sturm? Wirklich nur der Sturm?

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