Das Geheimnis von Cloomber-Hall – Achtes Kapitel

Bevor ich meine Erzählung fortsetze, halte ich den geeigneten Augenblick für gekommen, vorerst denen das Wort zu lassen, die Augenzeugen der Vorgänge innerhalb des Schlosses waren, während meine Beobachtungen notwendigerweise auf solche außerhalb desselben beschränkt blieben.

Israel Stakes, der Kutscher, konnte weder lesen noch schreiben. Herr Mathew Clark, presbyterianischer Pastor in Stoneykirk, hat sich deshalb der Mühe unterzogen, des erstgenannten Aussage niederzuschreiben, und ist dieselbe durch dessen Kreuz in aller Form beglaubigt. Der gute Pastor hat augenscheinlich des Erzählers Worte ein wenig zurechtgestutzt, aber trotzdem kommt Israels Individualität noch genügend darin zum Vorschein, und das Schriftstück kann als ein genauer Bericht betrachtet werden, von allem, was er gehört und gesehen hat, während er in General Heatherstones Diensten war.

*

Aussage des Israel Stakes, kopiert und beglaubigt durch Rev. Mathew Clark, presbyterianischer Pastor zu Stoneykirk in Wigtownshire.

Herr Fothergill West und der Pastor sagen, ich soll soviel wie möglich von General Heatherstone und seinem Hause, aber desto weniger von mir selbst erzählen, da den Lesern an meinen Privatangelegenheiten  nichts gelegen ist. Das möchte ich nun freilich bezweifeln, denn die Stakes sind in der ganzen Gegend wohlbekannt und geachtet, und es gibt gewiß manche Leute in Nithdale und Amondale, die gern von dem Sohne Archie Stakes aus Ecclefechan hören würden. Aber ich werde Herrn Wests wegen tun, wie mir gesagt wurde, und hoffe, daß er mich nicht vergessen wird, wenn ich ihn einmal um eine Gefälligkeit zu bitten habe.

Schreiben kann ich nicht, denn mein Vater gebrauchte mich als Vogelscheuche, anstatt mich zur Schule zu schicken; er hat mich aber in dem Glauben und den Grundsätzen der heiligen Kirche gut erzogen. Gott sei gelobt und gebenedeit!

Letzten Mai vorm Jahr war es, da hielt mich der Agent Herr Mc. Neil auf der Straße an und fragte mich, ob ich eine Stelle als Kutscher oder Gärtner suchte. Zufällig sah ich mich zu der Zeit gerade nach solch einer Stelle um, ließ mir’s aber nicht merken.

»Sie können sie annehmen oder es bleiben lassen,« sagte er spitz. »Es ist eine gute Stelle, und mancher würde mit beiden Händen danach greifen. Falls Sie sie annehmen wollen, kommen Sie morgen um zwei Uhr nach meinem Bureau, da können Sie den Herrn selbst sprechen.«

Mehr konnte ich nicht aus ihm herauskriegen, denn er ist ein schlauer Fuchs und hat es hinter den Ohren. Aber es wird ihm wenig nützen im nächsten Leben, wenn er sich auch einen Haufen Silber in diesem zusammenscharrt. Am Jüngsten Tage wird eine ganze Schar von Agenten zur Linken des Thrones stehen,  und es sollte mich gar nicht wundern, wenn Herr Mc, Neil mit darunter wäre.

Am nächsten Tage kam ich also auf sein Bureau und fand dort den Agenten und einen langen, dürren Mann mit grauem Haar und einem Gesicht, so braun und runzlig wie eine Walnuß. Der guckte mir scharf ins Gesicht mit einem Paar Augen, die glühten wie feurige Kohlen, und fragte: »Sie sind hier im Lande geboren?«

»Freilich,« sagte ich, »und bin auch nie außer Landes gewesen.«

»Nie aus Schottland herausgekommen?« fragte er.

»Zweimal zur Carlisle-Kirmes,« sagte ich, denn ich bin ein wahrheitsliebender Mann, und außerdem wußte der Agent davon, denn ich erhandelte zwei Stiere und eine Kuh für ihn, die er für den Drumclougher Hof haben wollte.

»Ich höre von Herrn Mc. Neil,« sagte der General, denn er war es und kein anderer, »daß Sie nicht schreiben können.«

»Nein!« antwortete ich.

»Auch nicht lesen?« fragte er.

»Nein!« sagte ich wieder.

»Es scheint mir,« meinte er, sich zu dem Agenten wendend, »daß dies ein Mann ist, wie ich ihn suche. Bediente werden heutzutage durch zuviel Bildung verdorben. Ich zweifle nicht, Stakes, daß Sie mir zusagen werden. Sie werden drei Pfund den Monat und freie Station haben; aber ich behalte mir das Recht vor, Ihnen jederzeit binnen vierundzwanzig Stunden zu kündigen. Wie gefällt Ihnen das?«

»Es ist nicht so, wie in meiner letzten Stelle,« sagte ich mürrisch. »Und das ist die Wahrheit, denn der alte Scott gab mir nur ein Pfund den Monat und zweimal täglich Hafergrütze.«

»Nun,« sagte er, »vielleicht geben wir Ihnen eine Aufbesserung, wenn Sie sich gut anlassen. Inzwischen ist hier das Aufgeld, das man hier gewöhnlich gibt, wie Herr Mc. Neil sagt. Ich werde Sie Montag in Cloomber erwarten.«

Am Montag ging ich denn auch nach Cloomber hinüber. Ein großmächtiges Haus ist es, mit hundert Fenstern oder mehr, und mit Platz genug, um die halbe Gemeinde darin zu verstecken. Was die Gärtnerei anbelangt, so war kein Garten da, den ich hätte besorgen können, und das Pferd kam von Anfang bis Ende der Woche nicht aus seinem Stalle heraus. Trotzdem hatte ich genug zu tun, denn es war ein langer Zaun zu errichten und dergleichen mehr, und Messer und Stiefel zu putzen und ähnliche Arbeit, die sich eher für ein altes Weib als für einen erwachsenen Mann schickt. Die Dienerschaft bestand außer mir noch aus zwei Mädchen, der Köchin Eliza und der Hausmagd Mary, beides beschränkte Geschöpfe, die wenig von der Welt wußten und mit denen ich mich gar nicht abgab, weil sie mir viel zu einfältig waren.

Die Familie zählte vier Glieder, den General, die gnädige Frau, Herrn Mordaunt und Fräulein Gabriele, und es dauerte nicht lange, bis ich merkte, daß nicht alles war, wie es sein sollte. Die gnädige Frau war mager und bleich wie ein Gespenst, und  oft habe ich sie überrascht, wie sie im stillen jammerte und stöhnte. Ich habe sie im Gehölz auf und ab laufen sehen, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, ihre Hände ringend wie eine Wahnsinnige. Und dann auch der junge Herr und seine Schwester – beide schienen Kummer auf dem Herzen zu haben, und der General am meisten von allen, denn die anderen waren einen Tag niedergeschlagen und am nächsten Tage wieder besser; aber er war immer derselbe und sein Gesicht wie das eines Verbrechers, wenn er die Schlinge am Halse fühlt. Ich fragte die Mädchen in der Küche, ob sie etwas von der Familie wüßten, aber die Köchin antwortete mir, daß sie sich nicht in die Angelegenheiten ihrer Gebieter mischten und sich um nichts kümmerten, solange sie Arbeit und ihren Lohn erhielten. Sie waren eben beide arme, vernachlässigte Geschöpfe, die einem kaum eine Antwort auf eine höfliche Frage geben konnten, obwohl sie laut genug zu gackeln verstanden, wenn sie es wollten.

Aus den Wochen wurden Monate, und es wurde schlimmer anstatt besser auf dem Schlosse. Der General wurde mit jedem Tage nervöser und seine Gemahlin melancholischer. Trotzdem hatten sie keinen Streit unter sich; denn oft, wenn sie zusammen im Frühstückszimmer waren, ging ich herum, um den Rosenstock am Fenster zu beschneiden, so daß ich, obwohl widerwillig, nicht umhin konnte, einen großen Teil der Unterhaltung anzuhören. Wenn die jungen Herrschaften bei ihnen waren, sprachen sie nur wenig, aber sobald sie fort waren, so pflegten sie zu sprechen,  als ob irgendeine furchtbare Heimsuchung ihnen bevorstände, obwohl es mir nicht klar war, was sie eigentlich meinten. Ich hörte den General mehr als einmal sagen, daß er sich vor dem Tode nicht fürchte, auch nicht vor irgendeiner anderen Gefahr, der er nur die Stirn bieten könne, aber das lange Warten und die entsetzliche Ungewißheit hätten ihn aller Kraft beraubt. Dann tröstete ihn die gnädige Frau und sagte, daß es am Ende doch nicht so schlimm wäre wie er dächte, daß sich schließlich schon alles aufklären würde. Aber ihre aufmunternden Worte waren in den Wind gesprochen. Was die jungen Herrschaften anbelangt, wußte ich wohl, daß sie nicht im Parke blieben, sondern, wenn es nur irgend anging, bei Herrn Fothergild West in Branksome waren. Aber der General war zu sehr in Anspruch genommen von seinen eigenen Sorgen, um es zu bemerken, und ich hielt es nicht gerade für meine Pflicht als Kutscher oder Gärtner, die beiden zu hüten. Der General hätte wissen sollen, daß es junge Leute zum Ungehorsam aufreizen heißt, wenn man ihnen etwas verbietet. Hatte er das indes noch nicht gewußt, so sollte er es jetzt erfahren.

Was die Gewohnheiten der Herrschaften betraf, so teilte der General sein Schlafgemach nicht mit seiner Frau, sondern er bewohnte ein Zimmer für sich allein, so weit wie möglich von anderen entfernt. Dieses Zimmer war immer verschlossen, wenn er nicht darinnen war, und es war niemandem erlaubt, es zu betreten. Er machte sein Bett, reinigte und stäubte das Zimmer selbst und erlaubte niemand von uns,  auch nur den dorthin führenden Korridor zu betreten. Nachts ging er im Hause herum und hatte brennende Lampen in jedem Zimmer und in jeder Ecke stehen, so daß in dem ganzen Gebäude kein Platz dunkel war. Oft habe ich in meinem Dachstübchen seinen Schritten gelauscht; hin und her, treppauf, treppab, von Mitternacht bis zum ersten Hahnenschrei. Es war ein mühseliges Stück Arbeit dazuliegen und sein Geklapper anzuhören, ohne aufstehen zu dürfen, und ich fragte mich, ob er denn wohl verrückt wäre, oder ob er vielleicht heidnische und götzendienerische Künste in Ostindien gelernt hätte und sein Gewissen jetzt wie der Wurm wäre, der nagt und nimmer stirbt. Ich hätte ihn gern gefragt, ob es ihm Erleichterung verschaffen würde, mit dem gottseligen Donald Mc. Snaw zu sprechen; aber das hätte ein Fehlgriff sein können, und der General war kein Mann, bei dem man dergleichen ungestraft gemacht hätte.

Eines Tages war ich gerade mit dem Rasen beschäftigt, als er auf einmal auf mich zukam und sagte: »Haben Sie jemals Gelegenheit gehabt, mit der Pistole zu schießen?«

»Um Gottes willen,« rief ich, »ich habe nie eine in Händen gehabt!«

»Dann ist’s besser, wenn Sie auch jetzt nicht damit anfangen,« entgegnete er. »Jedem Manne seine Waffe! Aber mit einem guten Eschenknüppel wissen Sie umzugehen, was?«

»Na, und ob,« antwortete ich lustig, »so gut, wie irgend jemand hier in der Gegend!«

»Dies hier ist ein einsames Haus,« erklärte er, »und wir könnten möglicherweise einmal durch Spitzbuben belästigt werden. Es ist darum am besten, Wenn man auf alles mögliche gefaßt ist. Ich und Sie und mein Sohn Mordaunt und Herr Fothergill West, der auch kommen würde, wenn nötig, könnten dem Feinde schon unsere Zähne zeigen – was meinen Sie?«

»Na,« sagte ich, »hochzeiten ist besser als keilen – aber wenn Sie mir ein Pfund monatlich mehr geben wollen, will ich meine Schuldigkeit in beidem tun.«

»Darüber wollen wir nicht streiten,« antwortete er, und bewilligte mir die extra zwölf Pfund das Jahr, als wären es ebensoviel Pence. Fern sei es von mir, übel von ihm zu denken, aber ich konnte nicht umhin, zu glauben, daß Geld, das so leicht ausgegeben ward, am Ende nicht ehrlich erworben worden wäre.

Ich bin von Natur nicht neugierig, aber ich zerbrach mir jetzt doch noch mehr den Kopf, weshalb der General des Nachts im Hause umher lief und nicht schlafen konnte. Eines Tages nun, als ich den Korridor fegte, fiel mein Blick auf einen mächtigen Haufen von Vorhängen, Teppichen und dergleichen, die in einer Ecke, nicht weit von der Tür zum Zimmer des Generals, aufgehäuft lagen. Plötzlich schoß mir ein Gedanke durch den Kopf, und ich sagte zu mir selbst: Israel, mein Junge, weshalb verkriechst du dich heute abend nicht dahinter und belauschst den Alten, wenn er glaubt, daß kein Menschenauge ihn steht?

Je mehr ich darüber nachdachte, desto einfacher erschien es mir, und ich beschloß, den Plan sofort auszuführen. Als es dunkel geworden war, sagte ich zu den Frauenzimmern, daß ich Zahnschmerzen hätte und früh auf meine Kammer gehen würde. Ich wußte ganz genau, daß mich kaum jemand stören würde, wenn ich erst einmal dort wäre. Ich wartete eine Zeitlang, und dann, als alles ruhig war, zog ich meine Stiefel aus und lief durch das weite Haus, bis ich nach dem Teppichhaufen kam. Dort legte ich mich nieder, mit einem Auge durch eine Spalte lugend, sonst überall mit großen Teppichen verhüllt. Ich lag so still wie ’ne Ratte, bis der General vorbeikam, um sich zur Ruhe zu legen, und dann auch im Hause alles still wurde.

Für alles Silber in der Unionbank in Dumfries würde ich das nicht noch einmal durchmachen! Ich kann jetzt noch nicht daran denken, ohne daß mich eine Gänsehaut überläuft. Es war einfach schauerlich in der Grabesstille, die nur durch das feierliche Ticktack einer Standuhr in einem der Korridore unterbrochen wurde. Erst spähte ich nach der einen, dann nach der anderen Seite, und immer war es mir, als ob sich etwas von der entgegengesetzten Seite heranschliche. Kalter Schweiß stand mir auf der Stirn, und mein Herz schlug zweimal so schnell, als die Wanduhr tickte; aber was mich am meisten ängstigte, war der Staub von den Vorhängen und Teppichen, den ich einatmete, und der mich fortwährend zum Husten reizte.

Es erscheint mir als ein Wunder, daß mein Haar  nicht ergraut ist, von alledem, was ich durchgemacht habe. Ich würde es nicht zum zweitenmal tun, und wenn ich auch dafür zum Lord-Prevost von Glasgow ernannt würde.

Es mochte ungefähr zwei Uhr morgens oder vielleicht auch etwas später sein, und ich dachte gerade, daß ich nun schließlich doch nichts zu sehen bekommen würde – mir wär’s auch recht gewesen – da hörte ich plötzlich durch die Totenstille einen klaren, hellen Ton.

Man hat mich schon oft gebeten, den Ton zu beschreiben, aber ich habe nie eine klare Beschreibung davon geben können – ich hatte nie in meinem Leben einen ähnlichen Laut gehört. Es war ein scharfes, klingendes Geräusch, fast wie das Klingen eines angestoßenen Weinglases, aber viel höher und schärfer, mit einem eigentümlichen Glucksen, als wenn ein Regentropfen in ein Wasserfaß fällt.

In meiner Angst saß ich da zwischen den Teppichen wie ein Hase zwischen Kohlblättern und sperrte Mund und Ohren auf. Alles war jetzt wieder still. Nur die Wanduhr tickte bedächtig weiter.

Plötzlich hörte ich den Ton zum zweitenmal, ebenso schrill und scharf, wie zuvor, und jetzt vernahm ihn auch der General, denn er stöhnte wie ein todmüder Mann, der aus dem Schlafe geweckt wird. Aber dennoch stand er sofort auf, kleidete sich an, wie ich an dem Rascheln der Kleider hören konnte, und fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen. Schnell wie der Blitz warf ich mich zwischen die Teppiche zurück und versteckte mich wieder. Da lag ich nun, an allen  Gliedern zitternd, und sagte alle Gebete her, deren ich mich erinnern konnte – mein Auge noch immer auf die Tür zum Zimmer des Generals gerichtet.

Kurze Zeit darauf hörte ich seine Hand am Drücker, und dann wurde die Tür langsam geöffnet. Ein Licht brannte im Zimmer, und ich konnte darin eine lange Reihe von Säbeln an der Wand hängen sehen; dann kam der General heraus und schloß die Tür sofort wieder hinter sich. Er hatte einen Schlafrock an und einen roten Fes auf dem Kopf und an den Füßen ein Paar Galoschen, von denen die Hacken abgeschnitten und die Spitzen umgebogen waren. Ich glaubte zuerst, daß er im Schlafe ginge, aber als er auf mich zukam, konnte ich den Widerschein des Lichtes in seinen Augen sehen; sein Gesicht zuckte, wie das eines Mannes in Todesangst. Es überläuft mich jetzt noch kalt, wenn ich daran denke, wie diese lange Gestalt mit dem gelben Gesicht so feierlich und still den langen, einsamen Flur entlang ging. Ich hielt meinen Atem an und beobachtete ihn genau, aber gerade als er an die Stelle kam, wo ich lag, stand mir das Herz still in der Brust, denn »ting« – laut und klar, keine drei Schritte von mir, ertönte das Geklingel wieder, das ich vorher gehört hatte. Woher es kam oder was die Ursache war, ist mehr als ich sagen kann. Vielleicht tat es der General selbst, aber ich wüßte nicht, wie, denn seine Hände hingen schlaff an beiden Seiten herunter, als er an mir vorbeiging. Es kam von der Richtung, ja, aber es schien mir, von oben, über seinem Kopfe her. Es war jedoch solch ein dünner, hoher, unheimlicher Ton, daß es  nicht leicht zu sagen ist, woher er kam. Der General achtete nicht darauf, sondern ging weiter und war bald außer Sicht. Ich verlor keine Zeit, aus meinem Versteck hervorzubrechen und nach meiner Kammer zurückzueilen. Wenn alle Gespenster des Roten Meeres die ganze Nacht im Hause herumgespukt hätten, ich hätte meinen Kopf nicht hinausgesteckt, um sie zu sehen.

Ich sagte niemand ein Wort von dem, was ich gesehen hatte, aber ich war entschlossen, nicht länger in Cloomber-Hall zu bleiben. Vier Pfund monatlich ist ein guter Lohn, doch ist es nicht genug, um einen Menschen für den Verlust seines Seelenfriedens oder vielleicht gar seiner Seele zu entschädigen; denn wenn der Teufel umgeht, weiß niemand, was für Fallen er uns stellt, und obgleich die Vorsehung stärker sein soll, ist es doch besser, nichts zu riskieren. Es war offenbar, daß der General und sein Haus unter einem Fluche standen, und es war recht und billig, daß der Fluch auf die fiel, die ihn verdient hatten, aber nicht auf einen rechtschaffenen Presbyterianer, der immer den engen Pfad gegangen war. Mein Herz tat mir weh für das junge Fräulein Gabriele, aber trotzdem fühlte ich, daß es Pflicht gegen mich selbst war, daß ich fortging, wie Loth von den ruchlosen Städten auf der Ebene. Das schauerliche Geklingel tönte mir unablässig in den Ohren, und ich konnte es nicht aushalten, allein in den Korridoren zu sein, aus Angst, es wieder zu hören. Ich wünschte mir die Gelegenheit oder eine Entschuldigung, um dem General kündigen zu können und dorthin zurückzugehen, wo  ich mit Christenleuten verkehren konnte und die Kirche keinen Steinwurf weit von mir wußte. Aber der General kam mir zuvor.

Es war gegen Ende September, und ich kam gerade aus dem Stalle, wo ich dem Pferde seinen Hafer gegeben hatte; ich sah einen großmächtigen Kerl den Fahrweg heraufhumpeln auf einem Beine, mehr wie eine ungeheure häßliche Krähe als wie ein Mann. Als mein Auge auf ihn fiel, dachte ich, daß es vielleicht einer von den Halunken sei, von denen mein Herr gesprochen hatte, und so holte ich ohne viele Umstände zu machen, meinen Knüppel herbei, um ihn an dem Kopfe des Kerls zu probieren.

Er sah mich kommen und las vielleicht meine Absicht in meinen Augen oder an dem Knüppel in meiner Hand. Mit einem schrecklichen Fluch riß er ein langes Messer aus seiner Tasche und schwor, mich umbringen zu wollen, wenn ich mich von der Stelle rührte!

Herr Gott! Die Worte, die der Schuft in den Mund nahm, waren genug, um einem die Haare zu Berge zu treiben. Es wundert mich nur, daß er nicht vom Blitze erschlagen wurde, wie er so dastand.

Wir standen uns noch gegenüber – er mit seinem Messer und ich mit dem Knüppel – als der General den Fahrweg heraufkam und uns fand.

Zu meiner Überraschung fing er an, mit dem Fremden zu sprechen, als ob er ihn sein ganzes Leben lang gekannt hätte.

»Stecken Sie Ihr Messer ein, Korporal!« sagte er. »Ihre Angst hat Ihnen das Gehirn verwirrt.«

»Blut und Wunden!« sagte der andere. »Der Kerl würde es mir mit seinem Knüppel zerschlagen haben, wenn ich nicht mein Messer gezogen hätte. Sie sollten sich einen alten Wilden nicht aus Ihrem Hofe halten!«

Der Herr runzelte die Stirn und warf ihm einen finsteren Blick zu, als ob ihm Ratschläge aus solcher Quelle nicht behagten. Dann wandte er sich mir zu.

»Ich werde Ihrer Dienste von heute an nicht mehr bedürfen, Israel,« sagte er. »Sie sind ein guter Diener gewesen, und ich habe mich über nichts zu beklagen; aber ich muß unvermeidlicher Umstände halber einige Änderungen meiner Arrangements treffen.«

»Sehr gut, mein Herr,« entgegnete ich.

»Sie können heute abend schon gehen,« sprach er weiter, »und Sie werden einen Monat Lohn extra erhalten für diese plötzliche Kündigung!«

Damit ging er ins Haus, gefolgt von dem sogenannten Korporal; und von dem Tage an bis heute habe ich keinen von beiden wiedergesehen. Mein Geld wurde mir in einem Kuvert heraufgeschickt, und, nachdem ich noch einige Worte betreffs des göttlichen Zornes und des Schatzes, der mehr wert ist als Rubinen, zu der Köchin und der Hausmagd gesagt hatte, schüttelte ich den Staub von Cloomber auf ewig von meinen Füßen.

Herr Fothergill West sagt, daß ich meine Meinung über die nachfolgenden Ereignisse nicht äußern, sondern mich auf das, was ich selbst gesehen habe, beschränken soll. Zweifelsohne hat er seine Gründe dafür – und fern sei es mir, zu sagen, daß diese  Gründe keine guten seien – aber ich muß doch gestehen, daß das, was nachher geschah, mich nicht überraschte. Es kam genau so, wie ich es erwartet hatte, und so sagte ich auch zu Herrn Donald Mc. Snaw. Ich habe jetzt alles berichtet und kein Wort hinzuzufügen oder zurückzuziehen. Ich bin dem Herrn Mathew Clark für seine Freundlichkeit, es für mich niederzuschreiben, sehr verbunden, und sollte irgend jemand sonst noch etwas zu fragen haben, so bin ich in Ecclefechan gut bekannt, und Herr Mc. Neil, der Agent in Wigtown, kann sagen, wo ich zu finden bin.

*

Ich bezweifle, daß der brave Israel Stakes das, was kommen sollte, vorauszusehen imstande war. Aber in einem sollte er recht behalten. Die Ankunft des Korporals Rufus Smith sollte der Anfang vom Ende sein – die Katastrophe.

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