Das Gässchen der Mme. Lucrezia

Dreiundzwanzig war ich, als ich meine Romreise antrat. Mein Vater gab mir ein Dutzend Empfehlungsbriefe mit, von denen einer, nicht weniger als vier Seiten lang, versiegelt war. Auf der Anschrift stand: »An die Marchesa Aldobrandi.«

»Du wirst mir schreiben«, sagte mein Vater, »ob die Marchesa noch immer schön ist.«

Seit meinen Kinderjahren hatte ich in seinem Arbeitszimmer, über dem Kamin, das Miniaturbildnis einer überaus hübschen Frau gesehen: der Kopf gepudert und efeubekränzt, ein Tigerfell über der Schulter. Im Hintergrund war zu lesen: ROMA 18.. Da mir das Kostüm merkwürdig erschien, war es mich wiederholt angekommen zu fragen, wer diese Dame sei. Der Bescheid, den ich jedesmal bekam, war:

»Eine Bacchantin.«

Aber diese Antwort befriedigte mich nicht recht; ich witterte sogar irgendein Geheimnis dahinter; denn bei meiner so harmlosen Frage kniff meine Mutter die Lippen zusammen, und mein Vater machte ein ernstes Gesicht dazu.

Diesmal, als er mir den versiegelten Brief einhändigte, sah er verstohlen nach dem Bilde hin; unwillkürlich tat ich das gleiche, und mir kam der Gedanke, diese gepuderte Bacchantin könnte wohl die Marchesa Aldobrandi sein. Da mir damals die Dinge dieser Welt gerade begreiflich zu werden anfingen, so zog ich aus der Miene meiner Mutter und dem Blicke meines Herrn Papas alle möglichen Schlüsse.

Der erste Brief, den ich nach meiner Ankunft in Rom überreichte, war der an die Marchesa. Sie bewohnte einen schönen Palazzo an der Piazza di San Marco.

Ich übergab meinen Brief und meine Besuchskarte einem gelbbefrackten Diener, der mich in einen geräumigen, düsteren, unfreundlichen und ziemlich schlecht ausgestatteten Empfangssaal eintreten ließ. Doch eins gibt es in jedem römischen Palazzo: Gemälde alter Meister. Dieser Salon enthielt eine recht stattliche Anzahl davon, darunter einige sehr bemerkenswerte.

Gleich beim Eintreten fiel mir ein Frauenkopf auf, der mir ein Leonardo da Vinci zu sein schien. Bei dem reichen Rahmen, der Staffelei aus Palisanderholz, auf dem das Bild ruhte, konnte kein Zweifel darüber herrschen, daß es sich um das Hauptstück der Sammlung handelte. Da die Marchesa sich nicht gleich zeigte, hatte ich alle Muße, es zu betrachten. Ich entführte es sogar bis zum Fenster, um es bei günstigerem Lichte zu besehen. Augenscheinlich war das ein Porträt, kein Phantasiekopf, denn solche Gesichter erfindet man nicht: eine schöne Frau mit etwas schwellenden Lippen, fast zusammengewachsenen Brauen, einem stolzen und zugleich zärtlichen Blick. Im Bildgrunde war ihr Wappen zu sehen, mit einer Herzogskrone darüber. Am meisten aber überraschte mich, daß das Kostüm, bis auf den Puder, nahezu dasselbe war wie das der Bacchantin meines Vaters.

Ich hielt das Bildnis noch in der Hand, als die Marchesa eintrat.

»Genau wie sein Vater!« rief sie im Näherkommen. »Ach, diese Franzosen, diese Franzosen! Kaum da, hat er schon die Madama Lucrezia in Händen.«

Ich entschuldigte mich eiligst wegen meines Mangels an Zurückhaltung und stürzte mich ins Blaue hinein in Lobeserhebungen über Leonardos Meisterwerk, das ich kühnerweise von seinem Platze gehoben hatte.

»Das ist tatsächlich ein Leonardo«, bedeutete mir die Marchesa, »und zwar das Bildnis der allzuberühmten Lucrezia Borgia. Unter all meinen Gemälden hat gerade dem auch immer Ihres Vaters höchste Bewunderung gegolten… Aber guter Gott, was für eine Ähnlichkeit! Mir ist, als sähe ich Ihren Vater vor mir, wie er vor fünfundzwanzig Jahren ausschaute. Wie fühlt er sich? Was macht er? Wird er nicht auch einmal wieder zu uns nach Rom kommen?«

Obwohl die Marchesa weder Puder noch Tigerfell trug, erkannte ich auf den ersten Blick, dank meiner Einfühlungsgabe, in ihr meines Vaters Bacchantin wieder. Einige fünfundzwanzig Jahre hatten die Spuren einer großen Schönheit nicht gänzlich verwischen können. Ihr Ausdruck war nur anders geworden, so wie ihr Gewand. Sie ging in Schwarz, und ihr dreifach gefälteltes Kinn, ihr würdevolles Lächeln, ihr feierliches und doch strahlendes Antlitz bekundeten mir, daß sie fromm geworden war.

Übrigens war sie beim Empfang die Liebenswürdigkeit selbst. Mit drei Worten stellte sie mir ihr Haus ebenso zur Verfügung wie ihre Börse und ihre Freunde, unter denen sie mir mehrere Kardinale nannte.

»Sehen Sie in mir«, sagte sie, »so etwas wie Ihre Mutter…« Ehrsam senkte sie den Blick.

»Ihr Vater beauftragt mich, Sie unter meine Obhut zu nehmen und Ihnen mit Rat und Tat beizustehen.«

Und zum Beweise, daß sie ihre Mission nicht für eine sorglose Angelegenheit hielt, fing sio gleich an, mich ins Bild zu setzen gegenüber all den Gefahren, die Rom für einen jungen Mann meines Alters haben konnte, und ermahnte mich nachdrücklich, ihnen aus dem Wege zu gehen. Alle schlechte Gesellschaft sollte ich meiden, die Künstler in erster Linie, und nur mit Leuten Umgang pflegen, die sie mir jeweils bezeichnen werde. Kurz, ich bekam eine Predigt nach allen Regeln der Kunst zu hören. Meine Antwort darauf war ehrfurchtsvoll und von angemessener Scheinheiligkeit. Als ich aufstand, um mich zu verabschieden, sagte sie:

»Der Marchese, mein älterer Sohn, ist augenblicklich leider auf unseren Besitztümern in der Romagna; ich will Ihnen aber meinen anderen Sohn, Don Ottavio, vorstellen, der in Bälde Monsignore sein wird. Ich hoffe, er wird Ihnen gefallen und ihr werdet euch so miteinander befreunden, wie es wirklich angebracht ist…«

Etwas überstürzt fügte sie hinzu:

»Denn Sie sind fast gleichen Alters, und er ist ein eben solch sanfter und ordentlicher Junge wie Sie.« Sie schickte sofort nach Don Ottavio. Ich bekam einen aufgeschossenen jungen Mann zu sehen, dessen blassem weltschmerzlichem Gesicht mit den ständig niedergeschlagenen Augen man schon ganz den frommen Mucker anmerkte. Ohne ihm Zeit zum Sprechen zu lassen, machte die Marchesa in seinem Namen mir die liebenswürdigsten Anerbieten. All die Redensarten seiner Frau Mutter bekräftigte er mit tiefen Verbeugungen, und so wurde denn vereinbart, daß er mich vom nächsten Morgen an zu Rundfahrten durch die Stadt abholen käme, von denen er mich pünktlich zum Familienmahl in den Palazzo Aldobrandi zurückgeleiten sollte.

Auf der Straße draußen hatte ich kaum einige zwanzig Schritte getan, als jemand mit gebieterischer Stimme hinter mir herrief:

»Wohin gehen Sie denn so allein zu solcher Stunde, Don Ottavio?«

Ich drehte mich um und erblickte einen dicken Abbate, der die Augen weit aufsperrte und mich von oben bis unten ansah.

»Ich bin nicht Don Ottavio«, erklärte ich ihm. Der Abbate verbeugte sich vor mir bis auf die Erde und zerfloß förmlich in Entschuldigungen, und einen Augenblick später sah ich ihn im Palazzo Aldobrandi verschwinden. Ich setzte meinen Weg fort, mit dem mäßig schmeichelhaften Gefühl, für einen angehenden Monsignore gehalten worden zu sein.

Trotz der Warnungen der Marchesa – vielleicht sogar wegen ihrer Warnungen – hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als die Behausung eines mir bekannten Malers aufzusuchen; und bei ihm im Atelier verbrachte ich ein Stündchen im Geplauder über die erlaubten oder unerlaubten Vergnügungsmöglichkeiten, die Rom mir bieten konnte. Ich brachte ihn auf das Kapitel Aldobrandi. Die Marchesa, erzählte er mir, habe, nach einem reichlich leichten Erdenwandel, sich zu einer weltüberlegenen Frömmigkeit emporgeschwungen, als sie erkannte, daß – das Alter der Eroberungen für sie zu Ende sei. Ihr älterer Sohn sei ein roher Patron, der seine Zeit damit totschlage, jagen zu gehen und die Gelder einzukassieren, die ihm die Pächter seiner ausgedehnten Besitzungen einbrachten. Man sei im besten Zuge, den zweiten Sohn, Don Ottavio, zu versturen, aus dem man eines Tages einen Kardinal machen wolle. Einstweilen sei er in den Händen der Jesuiten. Nie gehe er alleine aus. Er dürfe kein weibliches Wesen anschaun; er könne nicht einen Schritt tun, ohne gleich einen Abbate auf den Hacken zu haben, der ihn zum Diener Gottes erziehe und als ehedem letzter Amico der Marchesa ihr ganzes Haus mit nahezu despotischer Gewalt beherrsche.

Am Morgen darauf holte mich Don Ottavio in Begleitung des Abbate Negroni–der dem haargenau ähnelte, der mich am Abend vorher für seinen Zögling gehalten hatte – im Wagen ab und bot mir seine Dienste als Cicerone an.

Das erste Bauwerk, bei dem wir hielten, war eine Kirche. Dem Vorbilde seines Abbate folgend, kniete Don Ottavio drinnen nieder, schlug sich an die Brust und bekreuzigte sich unzählige Male. Nachdem er wieder auf die Füße gekommen war, zeigte er mir die Wandgemälde und die Standbilder und sprach darüber wie ein vernünftiger Mensch von Geschmack. Ich war davon angenehm überrascht. Wir gerieten ins Plaudern, und seine Unterhaltung ge£el mir. Wir hatten ein Weilchen schon italienisch gesprochen. Da sagte er plötzlich auf französisch zu mir:

»Mein Erzieher versteht nicht eine Silbe Ihrer Sprache. Lassen Sie uns französisch reden; dann sind wir viel ungezwungener.«

Der Wechsel in der Sprache, hätte man geradezu meinen können, hatte aus diesem jungen Manne einen andern gemacht. Nichts in seinen Reden verriet den Geistlichen. Mir war, als hörte ich einen unserer Freisinnigen aus der Provinz. Was mir auffiel, war, daß er alles im gleichen Tonfall herbetete und daß dieser einförmige Vortrag seltsam von der Lebendigkeit seiner Ausdrücke abstach.

Offenbar hatte er sich das zur Gewohnheit gemacht, um den Negroni irrezuführen, der sich von Zeit zu Zeit erklären ließ, was wir sagten. Selbstverständlich waren unsere Übersetzungen sehr frei.

Wir sahen einen violettbestrumpften jungen Mann vorüberwandeln.

»Da sehen Sie«, sagte Don Ottavio zu mir, »unsere Patrizier von heute. Verruchte Lakaientracht! Und in wenigen Monaten soll ich selber in sie kriechen! –Welch Glück doch–« setzte er nach einem Augenblick des Schweigens hinzu, »welch ein Glück doch, in einem Lande wie dem Ihren zu leben! Wär‘ ich Franzose, würd‘ ich vielleicht eines Tages Abgeordneter!«

Dieser edle Ehrgeiz regte mächtig meine Lachlust an, und da unser Abbate es gemerkt hatte, mußte ich ihm notgedrungen erklären, wir sprächen über den Irrtum eines Archäologen, der eine Statue von Bernini für antik halte. Zum Diner kehrten wir in den Palazzo Aldobrandi zurück. Fast unmittelbar nach dem Kaffee bat mich die Marchesa um Entschuldigung für ihren Sohn, der sich gewisser frommer Pflichten wegen in sein Gemach zurückziehen müsse. Ich blieb allein mit ihr und dem Abbate Negroni, der, in einen großen Lehnstuhl hingeräkelt, den Schlaf des Gerechten schlief.

Währenddessen erkundigte sich die Marchesa bei mir bis ins einzelne nach meinem Herrn Papa, nach Paris, nach meinem bisherigen Leben, nach meinen Zukunftsplänen. Ich fand, sie war liebenswürdig und gütig, nur ein bißchen zu neugierig und allzusehr um mein Heil besorgt. Übrigens sprach sie ein wunderbares Italienisch, und ich genoß bei ihr einen ausgezeichneten Unterricht in der Aussprache, den ich recht oft zu wiederholen mir vornahm.

Ich besuchte sie häufig. Jeden Morgen fast besichtigte ich mit ihrem Sohne und dem unausbleiblichen Negroni die Altertümer, und abends speiste ich im Familienkreise im Palazzo Aldobrandi. Die Marchesa empfing nur wenig Besuch, und fast ausschließlich Geistlichkeiten.

Einmal jedoch stellte sie mich einer deutschen Dame vor, einer frischgebackenen Konvertitin und Busenfreundin von ihr. Es war eine überaus schöne Erscheinung, eine Frau von Strahlenheim, die sich schon seit geraumer Zeit in Rom aufhielt. Während die Damen sich über einen berühmten Kanzelredner unterhielten, beschaute ich mir beim Lampenlicht das Bildnis der Lucrezia und meinte, gelegentlich auch ein Wort mit anbringen zu müssen. »Was für Augen!« rief ich aus. »Man möchte meinen, die Wimpern bewegten sich!«

Bei dieser etwas gewagten Übertreibung, mit der ich mich bei Frau von Strahlenheim als Kenner in Geltung zu setzen gedachte, schauderte sie vor Entsetzen und verbarg ihr Gesicht in ihr Taschentuch.

»Was ist Ihnen, meine Beste?« fragte die Marchesa. »Oh, nichts! Doch was der Herr eben ausgesprochen hat…!«

Man bestürmte sie mit Fragen, und als sie uns erst einmal gesagt hatte, meine Äußerung wecke in ihr ein furchtbares Erlebnis, wurde sie zum Erzählen genötigt. Hier ist in wenigen Worten ihre Geschichte:

Frau von Strahlenheim hatte eine Stiefschwester namens Wilhelmine, die mit einem jungen Westfalen verlobt war, Julius von Katzenellenbogen, einem Freiwilligen im Korps des Generals Kleist. Es ist mir nicht gerade angenehm, so viele für unsere Ohren barbarisch klingende Namen wiedergeben zu müssen, aber wunderliche Geschichten werden eben immer nur von Leuten erlebt, deren Namen schwer auszusprechen sind.

Julius war ein reizender Junge, voll Begeisterung für sein Vaterland und die Metaphysik. Beim Aufbruche zur Armee hatte er zum Abschied Wilhelminen sein Bildnis geschenkt, und Wilhelmine hatte ihm ihres mitgegeben, das er ständig an seinem Herzen trug. So etwas tut man häufig in Deutschland.

Am 19. Oktober 1813 saß, nachmittags gegen fünf. Wilhelmine in Kassel mit ihrer Mutter und Stiefschwester im Salon beim Stricken. Während ihre Hände sich regten, ruhte ihr Blick auf dem Bildnisse ihres Verlobten, das auf einem Nähtischchen ihr gegenüber stand. Mit einem Male stößt sie einen entsetzlichen Schrei aus, faßt sich ans Herz und wird ohnmächtig. Alles nur Erdenkliche mußte man anstellen, um sie ins Bewußtsein zurückzurufen, und sowie sie die Sprache wiedergefunden hatte, stieß sie hervor:

»Julius ist tot! Julius ist gefallen!« Sie versicherte – und das Entsetzen, das sich in ihren Zügen malte, bewies den Grad ihrer Überzeugung –, sie habe gesehen, wie das Bildnis die Augen schloß, und im selben Augenblick habe sie einen rasenden Schmerz verspürt, als durchbohre ein glühendes Eisen ihr das Herz.

Jeder bemühte sich – leider erfolglos –, ihr klarzumachen, daß ihre Vision nichts mit der Wirklichkeit zu tun habe und daß sie ihr keinerlei Bedeutung beimessen dürfe. Das arme Kind war untröstlich; die ganze Nacht verbrachte sie in Tränen, und anderntags wollte sie Trauer anlegen, als habe sie das Unglück, das ihr offenbart worden war, bereits bestätigt bekommen.

Zwei Tage später kam die Kunde von der mörderischen Schlacht bei Leipzig. Julius schrieb seiner Braut mit ein paar Zeilen vom 19., nachmittags drei Uhr: Er sei unverwundet, habe sich auszeichnen können und sei soeben in Leipzig miteingerückt, wo er die Nacht im Hauptquartier, außer aller Gefahr also, zuzubringen gedächte. Diese so beruhigende Nachricht konnte Wilhelminens Unruhe nicht beschwichtigen: da der Brief, wie sie feststellte, drei Uhr nachmittags geschrieben war, ließ sie sich nicht ausreden, daß ihr geliebter Bräutigam um fünf Uhr vom Tode dahingerafft worden sei.

Die Unglückliche täuschte sich nicht. Bald hernach erfuhr man, daß Julius, als Befehlsträger, um viereinhalb Uhr nachmittags aus Leipzig abgeritten und dreiviertel Meilen von der Stadt weg, jenseits der Elster, von einem Nachzügler der feindlichen Armee aus dem Hinterhalte erschossen worden war. Die Kugel, die ihm ins Herz drang, hatte auch Wilhelminens Bildnis durchschlagen.

»Und was ist aus dem armen Mädchen geworden?« fragte ich Frau von Strahlenheim.

»Oh, sehr, sehr krank ist sie danach gewesen. Jetzt ist sie mit dem Justizrat von Werner verheiratet, und wenn Sie einmal nach Dessau kommen sollten, dann zeigt sie Ihnen gewiß auch das Bildnis von Julius.«

»Bei all dem ist immer der Teufel mit im Spiel«, ließ sich der Abbate vernehmen, der, während Frau von Strahlenheim ihre Geschichte erzählte, nur noch mit einem Auge geschlafen hatte. »Der einstens die heidnischen Orakel ihre Sprüche verkünden ließ, kann recht gut heute noch ein Bildnis mit den Augen zwinkern lassen, wenn das in seine dunklen Absichten paßt. Keine zwanzig Jahre ist es her, daß in Tivoli ein Engländer von einer Statue erwürgt worden ist.«

»Von einer Statue!« warf ich ein. »Und wie das?«

»Es war ein Mylord, der in Tivoli Ausgrabungen unternommen hatte. Er hatte die Statue einer Kaiserin zutage gefördert, einer Agrippina oder Messalina oder… auf den Namen kommt es hier nicht an. Soviel steht jedenfalls fest: er ließ sie zu sich ins Haus bringen; und vor lauter Anschauen und Bewundern wurde er davon verrückt. All diese Herren Protestanten sind es ja ohnedies schon mehr als halb. Er nannte sie seine Frau, seine Mylady, und schloß sie in seine Arme, so marmorn sie war. Er sagte, zu seinem größten Glück belebe sich die Statue allnächtlich für ihn. So sehr wohl, daß man meinen Mylord eines schönen Morgens steif und kalt im Bette fand. Nun – und halten Sie es für möglich? Ein anderer Engländer hat sich daraufhin eingestellt, um die Statue käuflich zu erwerben. Ich, ich hätte aus ihr Kalk machen lassen!«

Wenn man erst einmal das Kapitel der übersinnlichen Erlebnisse angeschnitten hat, dann hört man nicht sobald damit auf. Jeder hatte seine Geschichte zu erzählen. Ich selber trug mein Teil zu diesem Ohrenschmaus gruseliger Histörchen bei, so daß wir alle, als wir uns trennten, hinreichend aufgeregt und von Hochachtung vor der Macht des Teufels durchdrungen waren.

Ich ging zu Fuß nach meiner Wohnung zurück, und um geradewegs auf den Corso zuzusteuern, bog ich in ein winkliges Gäßchen ein, durch das ich noch nie gekommen war. Es lag da wie ausgestorben. Nichts ließ sich erblicken als lange Gartenmauern und hie und da ein paar verfallene Häuschen, und nicht in einem einzigen glomm das kleinste Licht. Eben hatte es Mitternacht geschlagen; es war stockdunkel. Ich schritt mitten auf der Gasse ziemlich schnell einher, als ich plötzlich über mir ein feines Geräusch, ein Pst! vernahm; und im gleichen Augenblick fiel eine Rose mir vor die Füße nieder. Ich blickte empor, und trotz der Finsternis gewahrte ich an einem Fenster eine weiße Frauengestalt, die den Arm nach mir ausstreckte. Wir Franzosen, wir sind im Auslande höchst unternehmungslustig, und unsere Väter, die Besieger Europas, haben mit dem ersten Wiegenstoß Überlieferungen an uns weitergegeben, die dem Nationalstolz sehr schmeicheln. Ich glaubte frischweg, die deutschen, spanischen und italienischen Damen seien schon entflammt, wenn sie einen Franzosen nur sähen. Kurz, ich war damals noch ein richtiger großer Pariser Junge, und im übrigen – sprach denn die Rose nicht deutlich genug?

»Madame«, sagte ich gerade noch vernehmlich und hob die Rose auf, »Sie haben Ihr Bukett fallen lassen…«

Aber schon war das holde Wesen verschwunden, und das Fenster hatte sich lautlos geschlossen. Ich tat, was jeder andere an meiner Stelle auch getan hätte. Ich suchte nach der nächsten Tür; ich fand sie auch; zwei Schritt ab vom Fenster war sie; und dort wartete ich, daß man mir öffnete. Fünf Minuten verstrichen in tiefster Stille. Dann hustete ich, anschließend scharrte ich leise mit dem Fuße; aber die Tür tat sich nicht auf. Ich unterzog sie einer genaueren Prüfung, in der Hoffnung, einen Schlüssel oder eine Klinke zu entdecken; zu meiner großen Überraschung fand ich ein Vorhängeschloß an ihr.

»Der Eifersüchtige ist also noch nicht da«, sagte ich mir. Ich tastete nach einem Steinchen und warf es gegen das Fenster. Es schlug an einen hölzernen Laden und fiel mir wieder vor die Füße. »Zum Teufel!« dachte ich. »Die römischen Damen bilden sich wohl ein, man schleppe immer Strickleitern in der Tasche mit herum? Von diesem Brauch hat man mir nicht ein Wort gesagt.«

Ich wartete noch etliche Minuten, ganz ebenso erfolglos. Nur schien mir ein-, zweimal ganz leicht der Fensterladen sich zu bewegen, als habe man ihn von innen aufschieben wollen, um auf die Gasse hinauszulugen. Nach einer Viertelstunde war meine Geduld zu Ende; ich brannte mir eine Zigarre an und setzte dann meinen Heimweg fort, nicht ohne mir die Lage des Hauses mit dem Vorhängeschloß genau eingeprägt zu haben.

Am andern Morgen, als ich über das abenteuerliche Erlebnis nachdachte, kam ich zu folgenden Schlußfolgerungen: Eine junge römische Signorina, vermutlich von großer Schönheit, hatte mich auf meinen Rundfahrten durch die Stadt zu Gesicht bekommen und sich von meinen schwachen Reizen bestricken lassen. Wenn sie ihre flammende Liebe mir vorerst nur dadurch bekundet hatte, daß sie mir eine geheimnisvolle Blume zukommen ließ, so geschah das aus schamvoller Zurückhaltung, oder wohl gar, weil sie durch die Anwesenheit einer Duenna oder möglicherweise so einen verwünschten Vormund wie Rossinis Bartolo gestört worden war. Ich beschloß, den Palazzo meiner Infantin nach allen Regeln der Kunst zu belagern.

Für dieses schöne Vorhaben drehte ich mir eine unwiderstehliche Locke und machte mich auf den Weg. Ich hatte dazu meinen neuen Rock und gelbe Handschuhe angelegt. In diesem Aufzuge, den Hut auf dem Ohr, die welke Rose im Knopfloch, strebte ich der Gasse zu, deren Namen ich zwar noch nicht kannte, die ich aber mühelos wiederfand. Ein Schild über einer Madonna belehrte mich, daß sie »II vicolo di Madama Lucrezia« hieß.

Der Name setzte mich in Erstaunen. Sofort erinnerte ich mich des Bildes von Leonardo da Vinci und der Geschichten über Vorahnungen und Teufeleien, die am Abend vorher bei der Marchesa zum besten gegeben worden waren. Dann fiel mir ein, es gäbe ja auch Leidenschaften, die vom Himmel vorbestimmt seien. Warum sollte der Gegenstand meiner Anbetung nicht Lucrezia heißen? Warum sollte er nicht der Lucrezia in der Galerie Aldobrandi ähneln?

Es war hellichter Tag; keine drei Schritte mehr trennten mich von einem entzückenden Wesen, und kein düsterer Gedanke mischte sich in die Erregung, die ich verspürte. Ich stand vor dem Hause. Es trug die Nummer 13. Ein schlechtes Vorzeichen… Leider entsprach es nicht recht der Vorstellung, die ich mir beim nächtlichen Anblick von ihm gemacht hatte! Es war alles andere als ein Palazzo. Ich sah auf eine altersgeschwärzte, moosbewachsene Mauer, über die das Geäst einiger raupenbewohnter Obstbäume heraushing. An einer Ecke der Umfriedung ragte ein einstöckiges Gartenhäuschen auf, das zwei Fenster nach der Gasse zu hatte, die alle beide durch alte, außen mit einem dichten Eisengitter bewehrte Läden verschlossen waren. Die Tür war niedrig, von einem verwitterten Wappenschild gekrönt und wie abends zuvor mit einem großen Vorhängeschloß an einer Kette verwahrt. An der Tür stand mit Kreide geschrieben: »Haus zu verkaufen oder zu vermieten!«

Dennoch, ich hatte mich nicht geirrt. Auf dieser Gassenseite standen so wenig Häuser, daß jedweder Irrtum ausgeschlossen war. Da hing mein Vorhängeschloß, und – was viel bedeutsamer war – da bezeichneten zwei Rosenblätter auf dem Pflaster, dicht bei der Tür, genau die Stelle, an der sich meine hohe Geliebte mir durch Zeichen erklärt hatte, und bewiesen, daß vor ihrem Hause nicht viel gekehrt wurde.

Ich wandte mich an ein paar Leute in der Nachbarschaft, um zu erfahren, wo der Hüter dieser geheimnisvollen Behausung wohne.

»Hier nicht«, gab man kurz angebunden mir Bescheid. Meine Frage schien bei den Befragten Mißbehagen zu erregen, und das reizte meine Neugier nur noch mehr. Wie ich mich so von Tür zu Tür weiter erkundigte, geriet ich zu guter Letzt in eine Art düsteres Kellergewölbe, in dem eine Alte hockte, die man als Hexe hätte verdächtigen können, denn sie hatte einen schwarzen Kater um sich und ließ weiß der Teufel was in ihrem Kessel wallen und sieden.

»Ihr wollt das Haus der Madama Lucrezia sehen?« sagte sie. »Den Schlüssel dazu habe ich!«

»Schön also, zeigen Sie mir’s!«

»Wollt Ihr’s etwa mieten?« fragte sie mit einem zweifelnden Lächeln.

»Ja, wenn es mir zusagt.«

»Es wird Euch nicht zusagen. Aber, wir können ja sehen: Gebt Ihr mir einen Paolo, wenn ich’s Euch zeige?«

»Sehr gern.«

Auf diese Zusicherung hin sprang sie von ihrem Schemel hoch, nahm einen über und über verrosteten Schlüssel, der an der Mauer hing, und geleitete mich zur Nummer 13.

»Warum nennt man dies Haus«, fragte ich sie, »das Haus der Lucrezia?«

Darauf sagte die Alte grinsend:

»Warum nennt man Euch einen Fremden? Doch, weil Ihr ein Fremder seid, nicht wahr?«

»Schön… aber wer war diese Madama Lucrezia? War es eine Dame aus Rom?«

»Ja wie! Ihr seid nach Roma gekommen, und Ihr habt noch kein Wort über die Madama Lucrezia gehört? Wenn wir drinnen sind, dann erzähl‘ ich Euch ihre ganze Geschichte. Aber das ist wieder so eine neue Teufelei! Ich weiß nicht, was mit dem Schlüssel los ist; er dreht sich nicht. Versucht es selber!«

In der Tat, Vorhängeschloß und Schlüssel mußten einander lange nicht gesehen haben. Doch mit drei Flüchen und ebenso vielem Zähneknirschen gelang es mir, den Schlüssel herumzudrehen; aber ich zerriß mir meine gelben Handschuhe und verrenkte mir die Hand dabei. Wir traten in einen düsteren Hausflur, der Zugang zu mehreren niedrigen Räumen bot.

Die sonderbar getäfelten Stubendecken waren voller Spinnweben, hinter denen kaum noch ein paar Spuren der Vergoldung zu erkennen waren. Dem Modergeruch nach, den

all diese Gemächer ausströmten, waren sie offenbar seit langer Zeit nicht mehr bewohnt. Nicht ein Möbelstück war in ihnen zu sehen. Etliche Fetzen einer alten Ledertapete hingen von der salpeterfleckigen Wand herab. Aus den Skulpturen einiger Pfeiler und der Form der Kamine schloß ich, daß das Haus aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammte, und wahrscheinlich war es damals etwas vornehmer und behaglicher ausgestattet gewesen. Die Fenster mit ihren vielgeteilten, zumeist zerbrochenen Glasscheiben gingen nach dem Garten, in dem ich einen blühenden Rosenbusch, neben etlichen Obstbäumen, und eine Unmenge Broccoli – das landesübliche Spargelkraut – gewahrte.

Nachdem ich alle Gelasse im Erdgeschoß durchstöbert hatte, stieg ich ins obere Stockwerk hinauf, aus dem ich meine Unbekannte hatte herunterschauen sehen. Die Alte suchte mich zurückzuhalten mit dem Bemerken, da oben gäbe es überhaupt nichts zu sehen und die Treppe sei sehr wacklig. Als sie sah, daß ich es mir nicht ausreden ließ, kam sie mir nach, wenn auch mit deutlich spürbarem Widerwillen. Die Gemächer oben ähnelten stark denen unten, nur, daß sie weniger feucht und der Fußboden und die Fenster noch in besserem Zustand waren. Im letzten Raum, den ich betrat, stand ein breiter schwarzer Ledersessel, auf dem sonderbarerweise keine Staubschicht lag. Ich ließ mich auf ihm nieder, und da ich ihn zum Anhören von Geschichten bequem genug fand, forderte ich die Alte auf, mir das Histörchen von der Madama Lucrezia zu erzählen; doch vorher drückte ich ihr zur Auffrischung ihres Gedächtnisses noch etliche Paoli in die Hand. Sie hustete, schneuzte sich und hub folgendermaßen an:

»In heidnischen Zeiten, als der Alessandro Kaiser war, da hatte der eine schöne Tochter, schön wie der Tag war sie, und man nannte sie die Madama Lucrezia. Das hier ist sie…!

Lebhaft fuhr ich auf meinem Sitz herum. Die Alte zeigte auf einen figürlich gearbeiteten Pfeiler hin, der den Hauptbalken der Zimmerdecke trug. Es war eine ziemlich plump ausgeführte Sirene.

»Herr du mein -«, fuhr die Alte fort, »war das eine lebenslustige Donna! Und weil ihr Vater vielleicht das und jenes hätte dagegen haben können, ließ sie sich dies Haus hier erbauen, wo wir sind.

Nacht für Nacht kam sie vom Quirinale herunter und hierher, zu ihrer Kurzweil und ihrem Vergnügen. Sie stellte sich an das Fenster da, und wenn unten auf der Gasse ein feiner Cavaliere wie Ihr, Signore, daherkam, dann rief sie ihn an; na, und wie der wohl aufgenommen wurde, das mögt Ihr Euch selber ausmalen. Aber die Männer sind schwatzhaft, manche wenigstens, und sie hätten durch Herumklatschen ihr mächtig schaden können. Deshalb sorgte sie denn auch für Ordnung. Wenn sie dem Galan Addio gesagt hatte, standen schon ihre Leibwächter auf der Stiege bereit, die wir heraufgekommen sind. Die beförderten ihn Euch im Handumdrehen in eine andere Welt und scharrten ihn Euch in den Broccolibeeten da unten ein. Geht mir weg damit! Was dort schon für Gebeine herausgebuddelt worden sind, aus dem Garten da!

So trieb sie das eine gute Weile lang. Nun kommt da doch eines schönen Abends ihr Bruder–Sisto Tarquinio hieß er – vorbei. Sie erkennt ihn nicht. Sie ruft ihn an. Er steigt hinauf. Nachts sind alle Katzen grau. Dem erging’s genau so wie allen andern. Sein Schnupftuch aber, das hatte er oben liegengelassen, auf dem war sein Name eingestickt.

Kaum hat sie die schlimme Geschichte gesehn, die sie da angerichtet haben, da packt sie auch schon die Verzweiflung. Eins-zwei-drei knüpft sie ihr Strumpfband los und sich selber dran auf an dem Balken da. Kurz und gut – da habt Ihr mal wieder ein warnendes Beispiel für die Jugend!«

Während die Alte dergestalt alle Zeitalter durcheinanderquirlte und die Tarquinier mit den Borgias in einen Topf warf, hatte ich die Augen zu Boden gesenkt. Dabei waren mir ein paar frische Rosenblätter, die auf dem Estrich lagen, aufgefallen, die mir stark zu denken gaben.

»Wer pflegt denn den Garten?« fragte ich die Alte.

»Mein Sohn, Signore; der ist Gärtner beim Signor Vanozzi, dem der Garten nebenan gehört; Signor Vanozzi ist dauernd in den Maremmen draußen; kaum daß er einmal nach Roma hereinkommt. Seht, deswegen ist der Garten auch nicht so besonders in Schuß. Mein Sohn ist mit ihm, und ich fürchte, die kommen nicht so bald wieder«, fügte sie seufzend hinzu.

»Er hat wohl viel zu tun beim Signor Vanozzi?«

»Ach, ich sag‘ Euch, das ist einer, der ihn zu viel zu vielen Dingen verwendet… Ich hab‘ meine Sorge, er läßt sich noch in schlimme Geschichten ein… Ach, mein armer Junge!«

Sie schlurfte zur Tür hin, wie um die Unterhaltung abzubrechen.

»Hier wohnt also niemand?« fragte ich, sie aufhaltend, weiter.

»Keine Menschenseele.«

»Und weshalb eigentlich nicht?«

Sie zuckte die Achseln.

»Hören Sie«, sagte ich und hielt ihr einen Piaster hin, »sagen Sie mir die Wahrheit! Hier stellt sich doch hin und wieder eine Frau ein.«

»Eine Frau, o Herr Jesus!«

»Ja, gestern abend habe ich sie gesehen. Ich habe mit ihr gesprochen.«

»Heilige Mutter Gottes!« rief die Alte aus und stürzte der Treppe zu. »Das war also doch die Madama Lucrezia? Fort von hier, fort von hier, mein lieber guter Signore! Ich hab’sja gewußt, daß sie nächtlicherweile hier umgeht, ich hab’s Euch bloß nicht sagen wollen, um den Besitzer nicht zu schädigen, weil ich dachte, Ihr hättet Lust zu mieten.« Es war unmöglich, sie zurückzuhalten. Sie hatte die größte Eile, aus dem Hause hinauszukommen, und wollte – das waren ihre letzten Worte im Davonrennen: – gleich in die nächstbeste Kirche eine Kerze schaffen. Ich entfernte mich ebenfalls und ließ sie laufen, da ich sehr daran zweifelte, noch mehr aus ihr herauszubekommen.

Man kann sich recht gut denken, daß ich mein neues Histörchen nicht im Palazzo Aldobrandi zum besten gab: die Marchesa war zu prüde, und Don Ottavio war zu ausschließlich mit politischen Problemen beschäftigt, als daß er ein guter Berater in Liebesangelegenheiten hätte sein können. Aber ich suchte umgehend meinen Malersmann auf, der Rom bis in alle Winkel kannte, und fragte ihn, was er über den Fall dächte.

»Ich glaube«, sagte er, »Sie haben den Geist der Lucrezia Borgia gesehn. Welchem gefährlichen Wesen wären Sie da fast in die Arme gelaufen! Wenn die zu Lebzeiten schon so gefährlich war, bedenken Sie nur, was für eine muß das jetzt erst sein, wo sie tot ist. Das ist ja, um eine Gänsehaut zu kriegen!«

»Scherz beiseite, kannso etwas möglich sein?«

»Der Signor will also damit sagen, er sei Atheist und Philosoph und glaube nicht an die achtunggebietendsten Dinge. Sehr gut! Also was sagen Sie dann zu meiner andern Hypothese? Setzen wir mal den Fall, die Alte überließe ihr Gartenschloß leihweise Dämchen, die das Zeug dazu haben, Vorübergehende anzuflüstern. Man hat schon solch alte Weiber gesehen, die verderbt genug sind, derlei dunkles Gewerbe zu betreiben.«

»Wunderschön!« sagte ich. »Aber dann sehe ich wohl ganz wie ein Heiliger aus, daß mir die Alte kein gefälliges Anerbieten gemacht hat. Das ist geradezu eine Beleidigung. Und dann, mein Lieber, stellen Sie sich doch die Innenausstattung des Hauses vor. Es müßte einer ja den Teufel im Leibe haben, wenn er sich damit begnügte.«

»Ja, dann ist es ein Geist, ein ganz unbezweifelbarer. Doch halt, noch eine letzte Hypothese! Sie werden sich im Grundstück getäuscht haben. Teufel noch mal, da dämmert mir was: Neben einem Garten? Kleine niedrige Tür?… Natürlich, das ist sie, meine Busenfreundin, die Rosina. Vor nicht ganz achtzehn Monden – war sie die Zierde der Gasse. Allerdings, ein bißchen einäugig ist sie damals geworden, aber das ist Nebensache… Ihr Profil ist immer noch sehr schön.«

Alle diese Erklärungen konnten mich in keiner Weise befriedigen. Sowie der Abend da war, machte ich mich wieder auf und schlenderte gemächlich an Lucrezias Hause vorbei. Nichts war zu sehn. Ich pendelte zurück – nichts, genau wie vorher. Drei, vier Abende hintereinander stand ich mir, wenn ich aus dem Palazzo Aldobrandi kam, unter ihren Fenstern die Beine in den Leib, doch immer erfolglos. Ich fing schon an, die geheimnisvolle Bewohnerin des Hauses Nummer 13 zu vergessen, als ich auf einem meiner mitternächtlichen Gänge durch das Gäßchen ganz deutlich ein leises Frauenlachen hinter dem Laden eben des Fensters vernahm, an dem mir meine Bukettverehrerin erschienen war. Zweimal hörte ich dies leise Lachen, und ich konnte mich eines gewissen Schauders nicht erwehren, als ich im selben Augenblick vom andern Gassenende eine Schar vermummter Gestalten in Büßerkutten, mit Kerzen in Händen, heranwandeln sah, die einen Toten zu Grabe trugen. Sowie sie vorüber waren, bezog ich meinen Lauscherposten unter dem Fenster, doch war nichts mehr zu hören. Ich suchte mich durch hochgeworfene Kieselsteine bemerkbar zu machen, ich rief sogar mehr oder minder vernehmlich; keine Menschenseele zeigte sich oben, und ein Regenguß, der plötzlich niederprasselte, veranlaßte mich, den Rückzug anzutreten.

Ich schäme mich zu berichten, wie viele Male ich vor diesem verwünschten Hause stehenblieb, ohne das Rätsel, das mir keine Ruhe ließ, lösen zu können. Ein einziges Mai ging ich mit Don Ottavio und seinem unvermeidlichen Abbate durch das Gäßchen der Madama Lucrezia.

»Da«, sagte ich, »das Haus der Lucrezia.« Ich sah, wie er die Farbe wechselte.

»Ja«, antwortete er, »einer reichlich unsicheren Volksüberlieferung nach soll Lucrezia Borgia hier ihr Lusthäuschen gehabt haben. Wenn diese Mauern reden könnten, was für Greuel würden sie uns wohl aufdecken! Und doch, lieber Freund, wenn ich jene Zeit mit der unsern vergleiche, dann faßt mich so etwas wie Sehnsucht. Unter Alexander dem Sechsten gab es noch Römer. Es gibt keine mehr. Cesare Borgia war ein Ungeheuer, aber ein großer Mensch. Er wollte die Barbaren aus Italien hinausjagen, und vielleicht hätte er, wenn sein Vater am Leben geblieben wäre, dies große Vorhaben auch vollbracht. Ach, daß uns der Himmel doch einen Gewaltherrn, dem Borgia gleich, sendete und uns von jenen allzu menschlichen Despoten befreite, die uns herabwürdigen!«

Wenn Don Ottavio ins politische Fahrwasser hineingeriet, dann war es unmöglich, ihn aufzuhalten. Wir waren bereits auf der Piazza del Popolo angelangt, ohne daß noch das Ende seiner Lobrede auf den aufgeklärten Despotismus abzusehen war. Aber dafür waren wir himmelweit von meiner Lucrezia abgekommen.

Eines gewissen Abends, als ich noch reichlich spät meine Aufwartung der Marchesa machte, bedeutete sie mir, ihr Sohn fühle sich nicht wohl, und bat mich, ihn in seinem Zimmer oben aufzusuchen. Ich fand ihn vollständig angezogen auf seinem Bette liegen, der Lektüre einer französischen Zeitung hingegeben, die ich ihm am Morgen, in der schützenden Hülle eines Bandes der Kirchenväter sorglich verwahrt, zugeschickt hatte. Seit einer Weile schon dienten uns die gesammelten Werke der Kirchenväter zu all den Mitteilungen, die wir vor dem Abbate und der Marchesa geheimhalten mußten. An Tagen, an denen der Kurier aus Frankreich anlangte, wurde mir einer der Groß-Folio-Bände zugestellt. Ich sandte einen andern dafür zurück, in den ich vorher eine Zeitung verschwinden ließ, die mir der Gesandtschaftssekretär zur Einsichtnahme lieh. Das gab der Marchesa und ihrem Beichtvater einen hohen Begriff von meiner Frömmigkeit, und jener versuchte sogar ab und an mich in theologische Gespräche zu verwickeln.

Als ich eine Weile mit Don Ottavio geplaudert hatte und dabei merkte, daß er reichlich erregt war und daß nicht einmal mehr die Politik seine Aufmerksamkeit fesseln konnte, riet ich ihm, sich auszuziehen, und verabschiedete mich. Es war kalt, und ich hatte keinen Mantel. Don Ottavio nötigte mir seinen auf; ich nahm ihn und dabei auch gleich Unterricht in der schweren Kunst, sich als echten Römer zu drapieren.

Bis zur Nasenspitze eingemummt verließ ich den Palazzo Aldobrandi. Kaum hatte ich ein paar Schritte auf den Steinfliesen der Piazza di San Marco getan, da kam ein Mann aus dem Volke, den ich auf einer Bank beim Tor des Palazzo hatte sitzen sehn, auf mich zu und hielt mir einen zerknitterten Zettel entgegen.

»Um Gottes willen«, raunte er, »hier, lest das!« Und im Nu stürzte er auch schon davon und verschwand.

Ich hatte den Zettel genommen und suchte nach Licht, um ihn zu lesen. Beim Schein des Ewigen Lämpchens vor einer Madonna sah ich, daß es ein Briefchen war, mit Bleistift von, wie es aussah, zitternder Hand geschrieben. Mit großer Mühe entzifferte ich folgende Worte:

»Komm nicht heute abend, sonst sind wir verloren! Man weiß alles. Deinen Namen aber nicht; nichts kann uns trennen. Deine LUCREZIA.«

»Lucrezia!« fuhr ich auf. »Immer wieder Lucrezia! Was für eine verteufelte Geheimnistuerei! Wer steckt eigentlich hinter alldem? – ,Komm nicht…‘ – Ja aber, meine Schöne, auf welchem Wege gelangt man eigentlich zu dir?« Im Hinundherüberlegen, was es mit diesen Zeilen auf sich hätte, schlug ich unwillkürlich den Weg zum Gäßchen der Madama Lucrezia ein und kam bald an das Haus Nummer 13.

Ausgestorben wie gewöhnlich lag das Gäßchen da, und nur der Hall meiner Schritte störte die tiefe Stille, die rings herrschte. Ich blieb stehn und schaute zu einem mir wohlbekannten Fenster hinauf. Diesmal klappte es, ich täuschte mich nicht. Der Fensterladen schob sich auseinander. Da stand es sperrangelweit offen, das Fenster. Mir war, als gewahrte ich eine menschliche Gestalt, die sich vom dunklen Grund des Zimmers abhob.

»Lucrezia, bist du es?« flüsterte ich hinauf. Ich bekam keine Antwort, aber ich hörte ein Knacken, dessen Ursache ich mir zunächst nicht erklären konnte.

»Lucrezia, bist du’s?« wiederholte ich etwas lauter. Im selben Augenblick kriegte ich einen furchtbaren Stoß mitten auf die Brust, ein Knall schlug an mein Ohr, und ich fand mich der Länge nach aufs Pflaster hingestreckt. Eine rauhe Stimme brüllte zu mir herunter:

»Von der Signora Lucrezia!«

Und lautlos schloß sich der Fensterladen wieder. Wankend richtete ich mich so schnell wie möglich in die Höhe und tastete mich zunächst einmal ab, denn mir war, als müsse ich in der Magengegend ein Riesenloch haben. Der Mantel war durchlöchert, mein Rock ebenfalls, aber die Kugel hatte sich in den Tuchfalten verfangen, und ich war mit einer starken Prellung davongekommen. Der Gedanke fuhr mir durch den Kopf, ein zweiter Schuß könnte nicht lange auf sich warten lassen, und so schleppte ich mich denn schleunigst aus dem Bereich dieses ungastlichen Hauses, indem ich mich derart am Gemäuer hindrückte, daß man nicht nach mir zielen konnte. So rasch ich konnte, suchte ich das Weite und war noch ganz außer Atem, als jemand, den ich hinter mir nicht hatte gewahren können, mich beim Arm nahm und voller Besorgnis fragte, ob ich verwundet sei. An der Stimme erkannte ich Don Ottavio. So überrascht ich auch war, ihn um diese Nachtstunde noch allein in der Gasse anzutreffen, schien es mir doch nicht der geeignete Augenblick zu sein, an ihn Fragen zu stellen. Mit ein paar Worten sagte ich ihm, daß soeben aus dem und dem Fenster auf mich geschossen worden sei, aber daß ich dabei nur eine Prellung abbekommen habe.

»Das ist eine Verwechslung!« rief er. »Aber ich höre Leute kommen. Können Sie gehen? Ich wäre verloren, wenn man uns beisammen fände. Und doch kann ich Sie nicht im Stiche lassen.«

Er nahm mich beim Arm und zog mich eiligst fort. Wir schritten aus, oder vielmehr wir liefen los, so schnell ich nur konnte; bald aber mußte ich mich auf einen Prellstein niedersetzen, um zu verschnaufen.

Zum Glück befanden wir uns da nicht weit von einem großen Hause, in dem ein Ball gegeben wurde. Eine Unmenge Wagen hielten vor dem Eingang. Don Ottavio holte einen heran, ließ mich einsteigen und brachte mich in mein Hotel. Nachdem ein großes Glas Wasser, das ich hinuntergoß, mich so ziemlich wiederhergestellt hatte, erzählte ich ihm alle meine Erlebnisse vor dem verhängnisvollen Hause bis ins kleinste, von der Rose bis zu der Bleikugel.

Mit gesenktem Gesicht, das halb von seiner Hand bedeckt war, hörte er mir zu. Als ich ihm das eben empfangene Briefchen zeigte, riß er es an sich, las es mit wahrer Gier und rief nochmals:

»Es ist eine Verwechslung! Eine fürchterliche Verwechslung!«

»Sie müssen zugeben, mein Lieber«, sagte ich, »daß die für mich wie auch für Sie reichlich unangenehm ist. Mich hätte man beinahe totgeschossen, und Ihnen hat man zehn, zwölf Löcher in Ihren schönen Mantel gebrannt. Da schlag einer den Teufel tot! Wie eifersüchtig sind Ihre Landsleute!«

Don Ottavio drückte mir tief betrübten Blickes die Hand und las, ohne mir zu antworten, das Briefchen noch einmal.

»Versuchen Sie doch«, sagte ich zu ihm, »mir irgendeine Erklärung für diese ganze Geschichte zu geben. Der Teufel soll mich holen, wenn ich auch nur das Mindeste davon verstehe!«

Er zuckte die Achseln.

»Vor allen Dingen«, fragte ich ihn, »was soll ich tun? Zu wem in Ihrer heiligen Stadt soll ich hinlaufen, um mir Genugtuung von diesem Herrn da zu verschaffen, der Vorübergehende niederknallt, ohne sie auch nur nach ihrem Namen zu fragen. Ich sage Ihnen ganz offen, ein wahres Vergnügen würde es mir sein, ihn aufhängen zu lassen.«

»Hüten Sie sich ja!« rief er. »Sie kennen das Land nicht. Sagen Sie keinem Menschen auch nur das leiseste Wort von dem, was Ihnen zugestoßen ist! Sie würden sich einer noch viel größeren Gefahr aussetzen.«

»Was, einer größeren Gefahr mich aussetzen? Zum Henker! Meine wohlverdiente Rache will ich haben. Wenn ich den Lümmel beleidigt hätte, wollte ich nichts sagen; aber bloß, weil ich eine Rose aufgehoben habe… auf Ehre und Gewissen, dafür habe ich keine Kugel verdient!«

»Überlassen Sie nur alles mir!« sagte Don Ottavio. »Vielleicht gelingt es mir, das Geheimnis aufzuklären. Aber als freundwilligen Gegendienst, als sichtlichen Beweis Ihrer Freundschaft verlange ich: reden Sie zu keiner Menschenseele darüber! Versprechen Sie mir das?« Er machte zu seinen fast flehenden Worten ein so tragisches Gesicht, daß ich nicht den Mut fand, zu widersprechen, und ihm alles zusagte, was er wollte. Überschwenglich dankte er mir dafür, und nachdem er mir noch eigenhändig einen Umschlag mit Kölnischem Wasser auf die Brust gelegt hatte, drückte er mir die Hand und sagte Adieu.

»Was ich noch sagen wollte«, rief ich ihm nach, als er bereits in der Tür stand, »erklären Sie mir doch: wie kam es, daß Sie gerade da waren, um mir beizustehen?«

»Ich habe den Flintenschuß gehört«, erwiderte er etwas verwirrt, »und da bin ich sofort aus dem Hause gelaufen, da ich ein Unglück für Sie befürchtete.« Ein wenig übereilig ging er davon, nicht ohne mir abermals Verschwiegenheit ans Herz gelegt zu haben. Am Morgen besuchte mich ein Arzt, den zweifellos Don Ottavio geschickt hatte. Er verordnete mir einen Breiumschlag, stellte aber nicht die mindeste Frage an mich darüber, wer oder was meine Lilienhaut derart veilchenblau übertupft hatte. In Rom ist man verschwiegen, und ich nahm mir vor, mich dem Landesbrauch anzupassen. Ein paar Tage verflossen, ohne daß ich mich frei und offen mit Don Ottavio ausplaudern konnte. Er war sehr in Gedanken, noch verdüsterter als sonst, und suchte zudem sichtlich meinen Fragen aus dem Wege zu gehn. In den wenigen Augenblicken, die ich mit ihm allein war, ließ er kein Wort verlauten über die eigenartigen Bewohner des Gäßchens der Madama Lucrezia. Der für die Feierlichkeit seiner geistlichen Weihen festgesetzte Tag näherte sich, und ich schrieb seine trübe Stimmung dem Widerwillen gegen einen ihm aufgezwungenen Beruf zu. Ich selber traf Anstalt, Rom zu verlassen, um nach Florenz weiterzureisen. Als ich meinen Weggang der Marchesa Aldobrandi ankündigte, bat mich Don Ottavio, unter ich weiß nicht welchem Vorwande, mit in sein Zimmer hinaufzukommen. Dort faßte er mich bei den Händen:

»Mein lieber Freund«, eröffnete er mir, »wenn Sie den hochherzigen Dienst, um den ich Sie bitten will, mir nicht erweisen, dann jage ich mir mit tödlicher Sicherheit eine Kugel durch den Kopf; denn ein anderes Mittel, aus dem Wirrsal hinauszufinden, habe ich nicht. Ich bin fest entschlossen, nie die elende Kutte anzuziehen, in die man mich hineinstecken will. Ich will aus diesem Lande fliehn. Die Bitte, die ich habe, ist, daß Sie mich mitnehmen. Sie geben mich einfach als Ihren Diener aus. Ein paar Worte, die Ihrem Passe hinzugefügt werden, genügen, meine Flucht zum Kinderspiel werden zu lassen.«

Zunächst einmal suchte ich ihm sein Vorhaben auszureden und führte ihm den Kummer vor Augen, den er seiner Mutter bereiten würde; als ich aber sehen mußte, daß er in seinem Entschluß nicht zu erschüttern war, versprach ich ihm zu guter Letzt, ihn mitzunehmen und meinen Paß entsprechend ,in Ordnung bringen‘ zu lassen.

»Das ist noch nicht alles«, setzte er hinzu. »Meine Abreise hängt außerdem davon ab, ob ein Unternehmen, an dem ich teilhabe, glückt oder nicht. Übermorgen wollen Sie abreisen. Übermorgen werde auch ich es vielleicht geschafft haben, und dann stehe ich ganz zu Ihrer Verfügung.«

»Sollten Sie so töricht gewesen sein«, fragte ich ihn nicht ohne Besorgnis, »und sich in eine Verschwörung eingelassen haben?«

»Nein«, erwiderte er, »es sind minder wichtige Angelegenheiten als die Geschicke meines Vaterlandes, die hier auf dem Spiele stehen; immerhin sind sie wichtig genug, da mein Leben und mein Glück vom Erfolg meines Vorhabens abhängen. Mehr kann ich Ihnen jetzt nicht darüber sagen. In zwei Tagen sollen Sie alles wissen.«

Ich hatte mich schon langsam daran gewöhnt, mich mit Geheimnissen abzufinden; und so fügte ich mich. Wir machten miteinander aus, um drei Uhr morgens sollte aufgebrochen und nicht eher haltgemacht werden, als bis wir toskanisches Gebiet erreicht hätten.

Da ich es für zwecklos hielt, sich vor so frühem Aufbruche erst noch schlafen zu legen, benutzte ich die letzten Abendstunden, die ich in Rom verbringen sollte, dazu, in allen Häusern, in denen ich empfangen worden war, meine Abschiedsbesuche zu machen. Als ich mich von der Marchesa verabschiedete, drückte ich auch ihrem Sohne feierlich und der Form halber die Hand. Ich spürte, wie sie in meiner zitterte. Ganz leise raunte er mir zu:

»In diesen Augenblicken spiele ich Kopf oder Kreuz! Bei Ihrer Rückkehr in den Gasthof werden Sie einen Brief von mir vorfinden. Bin ich Punkt Drei nicht bei Ihnen, dann warten Sie nicht länger auf mich!«

Die Verstörtheit seiner Züge überraschte mich, doch schrieb ich sie einer sehr natürlichen Erregung zu, wie sie der Augenblick mit sich bringen mußte, in dem er, vielleicht für immer, sich von seinen nächsten Angehörigen trennen wollte.

Gegen eins etwa begab ich mich nach meinem Quartier zurück. Noch einmal führte mich ein Verlangen durch das Gäßchen der Madama Lucrezia. An dem Fenster, in dem meinen Augen sich zwei so verschiedene Erscheinungen dargeboten hatten, hing diesmal etwas Helles. Vorsichtig näherte ich mich. Es war eine Strickleiter. Sollte das eine Einladung sein, auch der Signora noch Adieu zu sagen? Es sah ganz danach aus, und die Versuchung war groß. Gleichwohl gab ich ihr keineswegs nach; denn ich erinnerte mich meines Don Ottavio gegebenen Versprechens und auch – muß ich offen gestehen –des nicht gerade angenehmen Empfangs, den ein paar Tage zuvor eine weit weniger große Verwegenheit mirverschafft hatte.

Ich setzte meinen Weg fort, wenn auch langsam und mit Bedauern darüber, daß ich mir die letzte Gelegenheit, in die Geheimnisse des Hauses Nummer 13 einzudringen, entgehen lassen sollte. Bei jedem Schritte wandte ich den Kopf, weil ich immer darauf wartete, irgendeine menschliche Gestalt die Leiter hinauf- oder herunterklettern zu sehen. Nichts ließ sich erblicken. Schließlich langte ich am Ende des Gäßchens an und bog in den Corso ein. »Leben Sie wohl, Madama Lucrezia!« sagte ich und lüftete meinen Hut nach dem Hause hin, das ich noch immer sah. »Suchen Sie sich, bitte, jemand anderen als mich zu Ihrer Rache an dem Eifersüchtigen aus, der Sie eingesperrt hält!«

Es schlug zwei, als ich wieder in meinem Hotel ankam. Im Hofe stand der Wagen beladen und reisefertig. Ein Bediensteter des Hauses überreichte mir einen Brief. Er war von Don Ottavio, und da mir allerhand darin zu stehen schien, hielt ich es für besser, ihn in Ruhe in meinem Zimmer zu lesen; und so hieß ich denn den dienstbaren Geist, mir voranzuleuchten.

»Signore«, sagte er, »Ihr Diener, von dem Sie uns gesagt hatten, er solle mit Signore reisen…«

»Na und, ist er da?«

»Nein, Signore…«

»Er wird auf der Post sein und mit den Pferden kommen.«

»Signore, eben ist eine Signora gekommen, die den Diener von Signore zu sprechen verlangt. Sie hat unbedingt zu Signore hinaufgewollt und hat mich beauftragt, dem Diener von Signore zu sagen, sobald er käme, die Madama Lucrezia sei im Zimmer von Signore.«

»In meinem Zimmer?« entfahr es mir, während ich krampfhaft das Treppengeländer umklammerte. »Gewiß, Signore! Und wie es scheint, reist sie auch mit, denn sie hat mir ein Päckchen übergeben; ich hab’s auf den Koffer gelegt.«

Mein Herz schlug lauter. Ich weiß nicht, welch gemischtes Gefühl von abergläubischem Schreck und Neugier sich meiner bemächtigt hatte. Stufe um Stufe stieg ich die Treppe hinauf. Als wir im ersten Stock angelangt waren (ich wohnte im zweiten), trat der Hausdiener, der vor mir herging, fehl, und die Kerze fiel ihm aus der Hand und erlosch. Er bat mich tausendmal um Entschuldigung und tastete sich hinunter, um sie wieder anzuzünden. Währenddessen tappte ich weiter hinauf.

Schon hatte ich die Hand auf meiner Zimmerklinke. Ich zauderte. Was für eine neue Vision würde meinen Augen sich darbieten? Immer wieder mußte ich in der Finsternis an die Geschichte von der blutigen Nonne denken. War ich von einem Dämon besessen, wie Don Alfonso? Mir schien, der Bursche unten ließ schrecklich lange auf sich und sein Licht warten.

Ich machte meine Türauf. Aus meinem Schlafzimmer – dem Himmel sei Dank! –schimmerte es mir hell entgegen. Ich schritt schnell durch den kleinen Salon, der davorlag. Ein flüchtiger Blick genügte, mich zu überzeugen, daß sich niemand in meinem Schlafzimmer befand. Doch in der nächsten Sekunde hörte ich hinter mir leichte Schritte und das leise Rauschen eines Frauengewandes. Ich glaube, mir standen die Haare zu Berge. Mit einem Ruck fuhr ich herum.

Auf mich zu kam, mit ausgebreiteten Armen, ein weibliches Wesen in Weiß, den Kopf von einem Schleiertuch halb verhüllt.

»Bist du endlich da. Geliebter!« rief sie und ergriff meine Hand.

Die ihre war kalt wie Eis, und auf ihren Zügen lag Totenblässe. Ich wich bis zur Wand zurück.

»Santa Madonna, er ist’s ja gar nicht…! Ach, Signore, sind Sie Don Ottavios Freund?«

Bei diesen Worten ward mir alles klar. Die junge Dame sah, trotz ihrer Blässe, nach allem andern als einem Gespenst aus. Sie schlug die Blicke nieder – was Gespenster nie tun – und hatte ihre Hände in Höhe des Gürtels übereinandergelegt, eine reizend sittsame Haltung, die mich zur Überzeugung kommen ließ, daß mein Freund Don Ottavio doch nicht so ganz der unentwegte Politiker war, als den ich mir ihn vorgestellt hatte. Kurz und gut, es wurde höchste Zeit, Lucrezia zu entführen, und schade nur, daß die Rolle, die man mir bei diesem Abenteuer zugedacht hatte, einzig die des – Vertrauten war.

Etliche Augenblicke danach stellte sich, verkleidet, Don Ottavio ein. Die Pferde wurden gebracht, und wir brachen auf. Lucrezia hatte keinen Paß, aber eine Frau, zumal eine hübsche Frau, erregt wohl kaum Verdacht. Trotzdem, ein Carabiniere an der Grenze machte Schwierigkeiten. Ich sagte ihm, er sei ein tüchtiger Bursche und er habe sicherlich unter dem großen Napoleon gedient. Er gab es zu. Ich verehrte ihm ein Bildnis dieses großen Mannes, in Gold, und sagte ihm, ich reiste aus Gewohnheit und zu besserer Unterhaltung immer mit einer Amica; und da ich oft wechsle, hielte ich es für zwecklos, ihre Namen in meinem Paß eintragen zu lassen.

»Die hier«, fügte ich hinzu, »bringt mich zur nächsten Stadt. Dort fände ich, versicherte man mir, andere, die ebensoviel wert seien wie sie.«

»Sie täten unrecht, zu wechseln«, sagte der Gendarm, während er achtungsvoll den Wagenschlag wieder schloß.

Und wenn ich Ihnen denn alles anvertrauen soll, geneigte Leserin: dieser Durchgänger von einem Don Ottavio hatte die Bekanntschaft dieses reizenden Wesens gemacht, das die Schwester eines gewissen Vanozzi war, eines schwerreichen Landwirts, der als etwas zu liberal und als Großschmuggler nicht gerade gut angeschrieben stand. Don Ottavio wußte genau, daß seine Familie, selbst wenn er nicht zum Kirchenmanne bestimmt gewesen wäre, es unter keinen Umständen zugelassen hätte, daß er ein Mädchen so niedrigen Standes heimführte.

Liebe macht erfinderisch. Dem Zöglinge des Abbate Negroni gelang es, einen heimlichen Briefwechsel mit der Geliebten zuwege zu bringen. Nacht für Nacht schlich er sich aus dem Palazzo Aldobrandi, und weil es zu unsicher gewesen wäre, im Hause Vanozzis einzusteigen, gab das Pärchen sich sein Stelldichein in dem der Madama Lucrezia, deren schlechter Ruf sie schützte. Ein von einem Feigenbäume verdecktes Pförtchen stellte die Verbindung zwischen beiden Gärten her. Jung und verliebt, wie sie waren, beklagten sich Lucrezia und Don Ottavio nicht über die ungenügende Innenausstattung, die sich – ich glaube es schon erwähnt zu haben – auf einen alten Ledersessel beschränkte.

Eines Abends, als Lucrezia ihren Don Ottavio erwartete, hatte sie mich für ihn gehalten und mir das obenerwähnte Geschenk zukommen lassen. Tatsächlich ähnelten wir, Don Ottavio und ich, uns in gewisser Weise im Wuchs und in der Haltung, und ein paar Lästerzungen, die meinen Vater in Rom gekannt hatten, behaupteten, dafür ließen sich mancherlei Gründe anführen. Und schließlich kam dann der verwünschte Herr Bruder hinter ihre Liebesgeschichte; aber seine Drohungen konnten Lucrezia nicht den Namen ihres Verführers abpressen. Welche Rache er nahm und wie teuer ich beinahe ihren ganzen Handel hätte bezahlen müssen, weiß man. Ich kann es mir schenken. Ihnen zu berichten, wie die beiden Liebenden, jedes auf seine Art, sich aus dem Staube gemacht haben.

Und das Ende vom Lied: wir langten alle drei glücklich in Florenz an. Don Ottavio heiratete Lucrezia und reiste sofort mit ihr nach Paris weiter. Mein Vater bereitete ihm den gleichen Empfang, den mir die Marchesa hatte zuteil werden lassen. Er übernahm es sogleich, die Versöhnung auf dem Verhandlungswege herbeizuführen, und darin zeitigte er denn auch einen, wenn nicht ganz mühelosen, so doch befriedigenden Erfolg. In den Maremmen draußen bekam, hübsch zur rechten Zeit, der Marchese Aldobrandi sein Fieber, woran er starb. Ottavio hat seinen Titel und sein Vermögen geerbt, und ich bin der Pate seines ersten Kindes.

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