Das Ende Tschertopchanows

1

 

Etwa zwei Jahre nach meinem Besuche bei Pantelej Jeremejitsch trafen ihn harte Schicksalsschläge, Schicksalsschläge im buchstäblichen Sinne des Wortes. Unannehm­lichkeiten, Mißerfolge und Unglücksfälle hatte er auch schon früher erlebt; aber er hatte ihnen keine Beachtung geschenkt und nach wie vor wie ein Fürst gelebt. Der erste Schlag, der ihn traf, war für ihn am empfindlichsten: Mascha verließ ihn.
Was sie bewogen hatte, aus seinem Hause zu gehen, an das sie sich so gut gewöhnt zu haben schien, ist schwer zu sagen. Tschertopchanow hielt bis ans Ende seiner Tage an der Ansicht fest, daß die Schuld an Maschas Verrat ein junger Nachbar gewesen sei, ein Ulanenrittmeister a. D. Namens Jaff, der nach den Worten Pantelej Jeremejitschs nur dadurch einnahm, daß er ununterbrochen seinen Schnurrbart drehte, sehr viel Pomade gebrauchte und mit wichtiger Miene ,Hm‘ zu sagen pflegte; es ist aber eher anzunehmen, daß hier das unstete Zigeunerblut, das in Maschas Adern floß, im Spiele war. Wie dem auch sei, an einem schönen Sommerabend band Mascha einige Klei­dungsstücke zu einem kleinen Bündel zusammen und ver­ließ Tschertopchanows Haus.
Vorher hatte sie drei Tage in einem Winkel gesessen, zusammengekauert und an die Wand gedrückt, wie eine verwundete Füchsin; sie hatte kein Wort gesprochen, son­dern nur immer die Augen herumschweifen lassen, nach­gedacht, mit den Brauen gezuckt, die Zähne gefletscht und die Arme bewegt, als wenn sie sich in etwas einhüllte. Solche Launen hatte sie auch schon früher gehabt, aber so lange hatte der Zustand noch nie ge­dauert; Tscher­topchanow wußte es, beunruhigte deshalb weder sich selbst noch sie. Als er aber auf dem Heimwege vom Hunde­zwinger, wo, nach den Worten seines Jagdgehil­fen, die beiden letzten Windhunde „verreckt“ waren, die Dienst­magd traf, die ihm mit bebender Stimme meldete, Maria Akinfijewna lasse ihn grüßen und ihm sagen, daß sie ihm alles Gute wünsche, zu ihm aber nicht mehr zurückkeh­ren werde, – da drehte sich Tschertopchanow ein paar­mal auf einem Fleck, gab ein dumpfes Gebrüll von sich und stürzte der Flüchtigen nach: für jeden Fall nahm er seine Pistole mit.
Er holte sie zwei Werst von seinem Hause ein, neben dem Birkenwäldchen an der Land­straße, die nach der Kreis­stadt führte. Die Sonne stand tief am Horizont, und alles rings­um war plötzlich rot geworden: die Bäume, das Gras und die Erde.
„Zu Jaff! Zu Jaff!“ stöhnte Tschertopchanow, sobald er Mascha erblickte. „Zu Jaff!“ sagte er wieder, auf sie zulaufend und bei jedem Schritte fast stolpernd.
Mascha blieb stehen und wandte ihm ihr Gesicht zu. Sie stand mit dem Rücken zum Licht und erschien ganz schwarz, wie aus dunklem Holze geschnitzt. Nur das Weiße ih­rer Augen leuchtete wie silberne Mandeln, die Pupillen selbst schienen aber noch dunk­ler. Sie warf ihr Bündel auf die Seite und kreuzte die Arme.
„Zu Jaff gehst du. Nichtswürdige!“ wiederholte Tscher­topchanow. Er wollte sie an der Schulter packen, bekam aber, von ihrem Blicke getroffen, Angst und hielt ver­legen inne.
„Ich gehe gar nicht zu Herrn Jaff, Pantelej Jeremejitsch,“ antwortete Mascha ruhig und leise, „aber ich kann mit Ihnen nicht mehr leben.“
„Wieso kannst du nicht mehr leben? Warum? Habe ich dich denn irgendwie gekränkt?“
Mascha schüttelte den Kopf.
„Sie haben mich durch nichts gekränkt, Pantelej Jeremejitsch, aber mir ist bei Ihnen zu öde . . . Für das Vergangene danke ich Ihnen, aber bleiben kann ich nicht, nein!“
Tschertopchanow war erstaunt; er schlug sich sogar auf die Schenkel und sprang in die Höhe.
„Was ist denn das? Hast bei mir so lange gelebt, hast nichts als Freude und Ruhe ge­habt, und plötzlich lang­weilst du dich bei mir! ,Ich will ihn verlassen‘, sagst du auf ein­mal. Nimmst ein Tuch über den Kopf und gehst fort. Alle Achtung wurde dir bei mir erwiesen, ganz wie einer Gnädigen . . .“
„Das brauchte ich gar nicht“, unterbrach ihn Mascha.
„Das brauchtest du nicht? Bist aus einer Zigeunerin und Herumtreiberin eine Gnädige geworden, und das brauchtest du nicht? Wieso brauchtest du das nicht, du Harns Brut? Kann man es denn glauben? Verrat steckt dahinter, Verrat!“ Er zischte wieder.
„Ich habe gar keinen Verrat im Sinn und auch nie­mals im Sinne gehabt,“ sagte Mascha mit ihrer singenden, deutlichen Stimme, „aber ich habe es Ihnen schon gesagt: die Sehn­sucht hat mich gepackt.“
„Mascha!“ rief Tschertopchanow und schlug sich mit der Faust vor die Brust, „Hör‘ doch auf, genug, hast mich genug gequält, jetzt laß es sein! Bei Gott! Bedenke nur, was Tichon sagen wird: habe doch wenigstens mit ihm Mitleid!“
„Grüßen Sie Tichon Iwanytsch von mir und sagen Sie ihm . . .“
Tschertopchanow hob die Arme: „Nein, du irrst, du ent­kommst mir nicht! Dein Jaff wird es niemals erleben!“
„Herr Jaff. . .“, begann Mascha.
„Was ist er für ein ,Herr Jaff‘?“ äffte Tschertopchanow nach. „Er ist ein Schuft, ein Gauner und hat eine Fratze wie ein Affe!“
Eine halbe Stunde schlug sich Tschertopchanow mit Mascha herum. Bald trat er ganz dicht an sie heran, bald sprang er zurück, holte zu einem Schlage aus, verneigte sich wieder vor ihr, weinte und fluchte . . . „Ich kann nicht,“ wiederholte Mascha, „es ist mir so traurig . . . Die Langweile wird mich töten.“ Ihr Gesicht nahm allmählich einen so gleichgültigen, fast schläfrigen Ausdruck an, daß Tschertopchanow sich fragte, ob man sie nicht mit irgend­einem Trank behext hätte.
„Die Langweile“, sagte sie zum zehntenmal.
„Und wenn ich dich töte?“ rief er plötzlich und holte aus der Tasche die Pistole.
Mascha lächelte, ihr Gesicht belebte sich. „Nun, töten Sie mich, Pantelej Jeremejitsch: das ist in Ihrer Gewalt, aber zurückkehren werde ich nicht.“
„Du wirst nicht zurückkehren?“ . . . Tschertopchanow spannte den Hahn.
„Ich werde nicht zurückkehren. Liebster. Nie im Leben kehre ich zurück. Ich halte mein Wort.“
Tschertopchanow steckte ihr plötzlich die Pistole in die Hand und setzte sich auf die Erde. „Nun, dann töte du mich! Ohne dich will ich nicht leben. Du magst mich nicht mehr, und auch ich mag nichts mehr im Leben.“
Mascha bückte sich, hob ihr Bündelchen auf, legte die Pistole ins Gras, den Lauf von Tschertopchanow ab­gewandt, und rückte näher zu ihm heran.
„Ach, Liebster, was grämst du dich? Oder kennst du uns Zigeunerinnen nicht? So ist einmal unsere Art, unsere Sitte. Wenn die Sehnsucht kommt und das Herz in ein fremdes, fernes Land lockt, – wie kann man dann bleiben? Denke an deine Mascha – eine solche Freundin findest du nie wieder; auch ich vergesse dich nicht, mein Falke. Unser Miteinanderleben ist aber aus!“
„Ich habe dich geliebt, Mascha“, murmelte Tscher­topchanow durch die Finger, die er sich aufs Gesicht preßte.
„Auch ich habe Sie geliebt, Freund Pantelej Jeremejitsch!“
„Ich habe dich geliebt, ich liebe dich wahnsinnig, bis zur Bewußtlosigkeit, – und wenn ich bedenke, daß du mich so ohne jeden Grund, so mir nichts, dir nichts, ver­läßt und dich in der Welt herumtreiben willst, so stelle ich mir vor, daß, wenn ich nicht so ein ar­mer Teufel wäre, du mich niemals verlassen hättest!“
Auf diese Worte hatte Mascha nur ein Lächeln. „Und du hast mich doch immer un­eigennützig genannt!“ sagte sie und schlug ihn kräftig auf die Schulter.
Er sprang auf die Füße. „Nun, dann nimm wenigstens Geld von mir, – was willst du denn ohne Geld anfangen? Aber noch besser: töte mich! Ich sage es dir klar und deut­lich: töte mich auf einen Schlag!“
Mascha schüttelte wieder den Kopf: „Dich töten? Und wofür wird man nach Sibirien verschickt, mein Lieber?“
Tschertopchanow fuhr zusammen: „Also nur darum nicht, aus Furcht vor Sibirien . . .“
Er warf sich wieder ins Gras.
Mascha stand eine Weile schweigend über ihm. „Du tust mir leid, Pantelej Jeremejitsch,“ sagte sie mit einem Seufzer, „du bist ein guter Mensch . . . aber es ist nichts zu machen: leb‘ wohl!“
Sie wandte sich weg und machte zwei Schritte. Die Nacht war schon angebrochen, von allen Seiten schweb­ten dunkle Schatten heran, Tschertopchanow sprang schnell auf und packte Mascha von rückwärts an den beiden Ellenbogen.
„Du gehst also, Schlange? Zu Jaff!“
„Leb‘ wohl!“ sagte Mascha ausdrucksvoll und scharf. Sie riß sich los und ging.
Tschertopchanow sah ihr nach, lief zu der Stelle, wo die Pistole lag, ergriff sie, zielte und schoß . . . Aber bevor er losdrückte, wandte er die Waffe nach oben; die Kugel pfiff über Maschas Kopf hinweg. Sie sah ihn im Gehen über die Schulter an und ging, sich wiegend, weiter, als neckte sie ihn.
Er bedeckte sich das Gesicht und rannte davon. . . Aber er war noch nicht fünfzig Schritt gelaufen, als er plötzlich wie angewurzelt stehenblieb. Eine bekannte, allzu bekannte Stimme schlug an sein Ohr. Mascha sang. „O schöne Zeit, o Jugendzeit!“ sang sie: jeder Ton schwebte durch die Abendluft klagend und sehnsuchtsvoll. Tschertopchanow lauschte. Die Stimme entfernte sich immer mehr; bald erstarb sie ganz, bald tönte sie wieder, kaum hörbar, doch voller Glut. . .
„Das tut sie mir zum Trotz“, dachte sich Tscherto­pchanow; aber er stöhnte gleich dar­auf. „Ach, nein! Sie nimmt von mir Abschied für immer“, und brach in Tränen aus.
Am nächsten Tag erschien er in der Wohnung des Herrn Jaff, der als echter Weltmann die Einsamkeit des Land­lebens nicht liebte und sich darum in der Kreisstadt niederge­lassen hatte, „näher bei den jungen Damen“, wie er sich ausdrückte. Tschertopchanow traf Jaff nicht an; nach den Worten seines Kammerdieners war er einen Tag vorher nach Moskau abgereist.
„Ja, es stimmt!“ rief Tschertopchanow voller Wut: „Es ist eine abgekartete Sache; sie ist mit ihm geflohen… aber wart‘!“
Er stürzte sich trotz des Widerstandes des Kammer­dieners ins Kabinett des jungen Ritt­meisters. Im Kabinett hing über dem Sofa ein in Öl gemaltes Bild des Hausherrn.
„Ah, da bist du, du schwanzloser Affe!“ donnerte Tschertopchanow; er sprang aufs Sofa, schlug mit der Faust auf die gespannte Leinwand und machte ein großes Loch.
„Sag‘ deinem nichtsnutzigen Herrn,“ wandte er sich an den Kammerdiener, „daß der Edelmann Tschertopchanow in Abwesenheit seiner wirklichen Fratze die gemalte ver­stümmelt hat; wenn er aber von mir Genugtuung haben will, so weiß er selbst, wo er den Edelmann Tschertopcha­now finden kann! – Andernfalls aber werde ich ihn finden. Auf dem Meeresgrunde werde ich ihn finden, den gemeinen Affen!“ Nachdem er diese Worte gesprochen hatte, sprang Tschertopchanow vom Sofa und entfernte sich feierlich.
Aber der Rittmeister Jaff verlangte von ihm keinerlei Genugtuung – er begegnete ihm sogar niemals mehr; auch Tschertopchanow dachte gar nicht daran, seinen Feind zu su­chen, und es kam zu gar keinem Auftritt zwischen ihnen. Mascha selbst war aber bald darauf spurlos verschwunden. Tschertopchanow fing an zu saufen, kam aber wieder zur Vernunft. Doch da traf ihn der zweite Schlag.

 

2

 

Und zwar: sein Herzensfreund Tichon Iwanytsch Nedopjuskin war gestorben. Schon zwei Jahre vor seinem Tode war es mit seiner Gesundheit nicht am besten be­stellt: er litt an Atemnot, schlief fortwährend ein und konnte, wenn er erwachte, lange nicht zu sich kommen: der Kreisarzt behauptete, es seien „kleine Schlaganfälle“. Während der drei Tage, die Maschas Flucht vorangingen, der drei Tage, an denen sie von der „Sehnsucht“ gepackt ward, lag Nedopjuskin zu Hause in Besselendejewka; er hatte sich stark erkäl­tet. Um so mehr überraschte ihn Maschas Schritt: er traf ihn vielleicht noch härter als Tschertopchanow selbst. Infolge seines sanften und scheuen Charakters äußerte er nichts außer der zärtlichsten Teil­nahme und eines schmerzhaften Erstaunens . . . aber alles in ihm war gerissen. „Sie hat aus mir meine Seele ge­nommen“, flüsterte er zu sich selbst, auf seinem mit Wachs­tuch bezogenen Lieblingssofa sitzend und mit den Fingern spielend. Selbst als Tschertopchanow sich schon beruhigt hatte, hatte sich Nedopjuskin noch immer nicht erholt, – er fühlte noch immer, daß „alles in seinem Innern leer sei“. – „Hier“, pflegte er zu sagen, indem er auf die Mitte der Brust über dem Magen zeigte.
So zog er bis zum Winter hin. Als die ersten Fröste kamen, wurde es mit seiner Atemnot etwas besser, dafür traf ihn ein wirklicher Schlag, und kein „kleiner“ mehr. Er verlor nicht gleich die Besinnung; er konnte noch Tschertopchanow erkennen und antwortete sogar auf den verzweifelten Aufschrei seines Freundes: „Was ist mit dir, Ticha?“ – „Pa-a-jejJe-e-jejitsch, zu lh-en Die-sten.“ Das hinderte ihn aber nicht, am selben Tage zu sterben, noch vor der Ankunft des Kreisarztes, dem angesichts der kaum erstarrten Lei­che nichts mehr übrig blieb, als mit dem traurigen Bewußtsein der Vergänglichkeit alles Ir­dischen um „ein Schnäpschen mit gedörrtem Störrücken“ zu bitten.
Sein Gut hatte Tichon Iwanowitsch, wie es auch zu er­warten war, seinem „verehrtesten Wohltäter und groß­mütigsten Gönner“ Pantelej Jeremejitsch Tschertopcha­now vermacht; aber der verehrteste Wohltäter hatte da­von keinen großen Nutzen, da es bald darauf öffentlich versteigert wurde, – zum Teil um die Kosten des Grab­monuments zu decken, das Tschertopchanow (es war offen­bar eine väterliche Ader in ihm!) über der Asche seines Freundes zu errichten beschloß.
Dieses Monument, eine Statue, die einen betenden Engel darstellen sollte, bestellte er sich aus Moskau; aber der ihm empfohlene Kommissionär sagte sich, daß in der Pro­vinz die Kenner der Skulptur dünn gesät seien, und schickte ihm statt des Engels eine „Flora“, die viele Jahre einen verwilderten Park aus der Zeit Katharinas der Großen bei Moskau geschmückt hatte, – um so mehr, als diese im übrigen recht hübsche Roko­kostatue mit runden Händchen, üppigen Locken, einer Rosengirlande auf dem entblö­ßten Busen und geschwungenem Oberkörper ihn, den Kommissionär, keine Kopeke ge­kostet hatte. So steht die mythologische Göttin mit graziös erhobenem Füßchen auch heute noch auf dem Grabe Tichon Iwanowitschs und schaut mit der echten Grimasse einer Pompadour auf die um sie herum spazierenden Kälber und Schafe, diese unver­meidlichen Besucher unserer ländlichen Friedhöfe.

 

3

 

Nach dem Verluste seines treuen Freundes ergab sich Tschertopchanow wieder dem Trunke, diesmal in einer viel besorgniserregenderen Weise. Seine Geschäfte gingen immer schlechter. Er konnte nicht mehr jagen, sein letztes Geld ging ihm aus, die letzten Leibeigenen liefen ihm da­von. Die Vereinsamung Pantelej Jeremejitschs war nun voll­ständig: er hatte niemand, mit dem er ein Wort hätte sprechen können, geschweige denn vor dem er sein Herz ausschütten konnte. Nur sein Stolz allein hatte nicht ab­genommen. Im Gegenteil; je schlimmer seine Verhältnisse waren, desto stolzer, hochmütiger und unzugänglicher wurde er selbst. Zuletzt war er ganz verwildert. Nur ein Trost, eine Freude war ihm geblieben: ein wunderbares graues Reitpferd von Donscher Rasse, das er Malek-Adel nannte, ein wirklich wunderbares Tier.
Zu diesem Pferd war er auf folgende Weise gekommen: Als Tschertopchanow einmal durch ein Nachbardorf ritt, hörte er neben der Schenke einen Haufen Bauern schreien und lärmen. In der Mitte der Menge hoben und senkten sich fortwährend kräftige Fäus­te.
„Was ist da los?“ fragte er mit dem ihm eigenen befehlen­den Tone ein altes Weib, das vor der Schwelle ihres Hauses stand.
An den Türbalken gelehnt und wie schlafend blickte das Weib in der Richtung nach der Schenke. Ein stroh­blonder Junge im bloßen Kattunhemd, mit einem Kreuz­chen aus Zy­pressenholz auf der nackten Brust, saß mit ge­spreizten Beinchen und geballten Fäustchen zwischen ihren Bastschuhen; gleich daneben pickte ein Küken an einer ver­steinerten Schwarzbrotrinde.
„Gott weiß es, Väterchen“, antwortete die Alte. Indem sie sich vorbeugte und ihre run­zelige dunkle Hand auf den Kopf des Jungen legte. „Man sagt, die unsrigen schlagen einen Juden.“
„Was, einen Juden? Was für einen Juden?“
„Das weiß Gott, Väterchen. Bei uns ist so ein Jude auf­getaucht; woher er kommt, wer kann es wissen? Waßja, Liebster, geh zu der Mutter; ksch, ksch, du Mistvieh!“ Die Alte verscheuchte das Küken, und Waßja ergriff ihren Rocksanm. „Also schlägt man ihn, Herr.“
„Man schlägt ihn? Warum?“
„Ich weiß es nicht, Väterchen. Er wird es wohl verdient haben. Wie soll man ihn nicht schlagen! Er hat doch Christus ans Kreuz geschlagen!“
Tschertopchanow schrie auf, schlug das Pferd mit der Peitsche auf den Hals und spreng­te mitten in die Menge hinein; dann fing er an, auf die Bauern wahllos nach rechts und nach links mit der Peitsche zu schlagen und dabei aufgeregt zu schreien: „Will–kür! Will-kür! Das Ge­setz straft und nicht Pri-vat–per-so-nen! Das Gesetzt Das Ge-setz!! Das Ge-setz!!!“
Es waren noch keine zwei Minuten vergangen, als die Menge sich nach allen Seiten zerstreut hatte. Auf der Erde, vor der Tür der Schenke lag aber ein kleines, hage­res, schwärzliches Geschöpf in einem Kaftan aus Nanking, zerzaust und zerschlagen. . . Ein bleiches Gesicht, leb­lose Augen, ein offener Mund … Was war das? Die Er­starrung des Schreckens oder schon der Tod selbst?
„Warum habt ihr den Juden erschlagen?“ rief Tscher­topchanow mit Donnerstimme und schwang die Reit­peitsche.
Ihm antwortete ein schwaches Murren in der Menge. Der eine Bauer griff sich an die Schulter, der andere an die Hüfte, der dritte an die Nase.
„Der kann hauen!“ ertönte es in den hinteren Reihen.
„Mit der Reitpeitsche! So kann es ein jeder!“ versetzte eine andere Stimme.
„Warum habt ihr den Juden erschlagen? Euch frage ich, ihr verdammten Asiaten!“ wiederholte Tschertop­chanow.
Hier sprang aber das auf der Erde liegende Geschöpf flink auf die Beine, lief hinter Tschertopchanow und griff krampfhaft nach dem Rande seines Sattels.
„Der ist zäh!“ ertönte es wieder in den hinteren Reihen. „Wie eine Katze!“
„Euer Hochwohlgeboren, nehmen Sie sich meiner an, retten Sie mich!“ stammelte in­dessen der unglückliche Jude, sich mit der ganzen Brust an das Bein Tschertopchanows drückend. „Sonst erschlagen sie mich, sie er­schlagen mich, Euer Hochwohlgeboren!“
„Warum schlagen sie dich?“ fragte Tschertopchanow.
„Bei Gott, ich weiß es nicht! Das Vieh fing an bei ihnen zu fallen, und sie glauben . . . ich aber . ..“
„Nun, das werden wir später untersuchen!“ unterbrach ihn Tschertopchanow. „Halte dich jetzt an meinem Sattel fest und folge mir. – Ihr aber,“ fügte er hinzu, indem er sich an die Menge wandte, „kennt ihr mich? Ich bin der Gutsbesitzer Pantelej Tschertopcha­now und wohne auf dem Gute Bessonowo, – wenn ihr wollt, könnt ihr euch über mich beschweren, auch über den Juden zugleich!“
„Warum sollen wir uns beschweren?“ sagte mit einer tiefen Verbeugung ein gesetzter Bauer mit grauem Bart, der ganz wie ein alter Patriarch aussah. (Den Juden hatte er üb­rigens genau so wie die anderen mißhandelt.) Wir kennen dich, Väterchen Pantelej Jere­mejitsch, gut; wir sind deiner Gnaden dankbar, daß du uns eine Lehre er­teilt hast!“
„Warum sollen wir uns beschweren!“ fielen ihm die anderen ins Wort. „Mit dem Unge­tauften werden wir aber schon abrechnen! Er entkommt uns nicht! Wir werden ihn wie einen Hasen im Felde…“
Tschertopchanow bewegte seinen Schnurrbart, schnaubte und ritt im Schritt auf sein Gut, begleitet vom Juden, den er auf die gleiche Weise von seinen Bedrängern befreit hatte wie einst den Tichon Nedopjuskin.

 

4

 

Einige Tage später meldete ihm der einzige Diener, der Tschertopchanow noch ge­blieben war, es sei ein Reiter ge­kommen und wünsche ihn zu sprechen. Tschertopcha­now trat vors Haus und sah den ihm bekannten Juden mitten auf dem Hofe unbeweglich und stolz auf einem herrlichen Donschen Pferde sitzen. Der Jude hatte keine Mütze auf; er hielt sie unter dem Arm; seine Füße hatte er nicht in die Steigbügel selbst gesteckt, sondern in die Riemen der Steigbügel; die zerrissenen Schöße seines Kaftans hingen zu beiden Seiten des Sattels herab. Als er Tschertopchanow erblickte, schmatzte er mit den Lippen, zuckte mit den Ellenbogen und zappelte mit den Beinen.
Aber Tschertopchanow erwiderte nicht nur nicht seinen Gruß, sondern flammte plötz­lich auf: so ein räudiger Jud‘ wagt‘ es, auf so einem herrlichen Pferde zu sitzen! . . „He, du äthiopische Fratze!“ schrie er. „Steig sogleich ab, wenn du nicht willst, daß man dich in den Schmutz hin­unterwirft!“
Der Jude gehorchte sofort. Er fiel wie ein Sack vom Sattel und ging, die Zügel in der einen Hand, lächernd und sich bückend auf Tschertopchanow zu.
„Was willst du?“ fragte ihn Pantelej Jeremejitsch mit Würde.
„Euer Wohlgeboren, belieben zu sehen, was das für ein Pferdchen ist!“ sagte der Jude, sich immer noch verbeugend.
„Hm … ja … ein gutes Pferd. Wo hast du es her? Hast es wohl gestohlen?“
„Was denken Sie, Euer Wohlgeboren! Ich bin ein ehr­licher Jud‘, ich habe es nicht gestohlen, ich habe es für Euer Wohlgeboren aufgetrieben! Solche Mühe habe ich mir gegeben, solche Mühe! Dafür ist es auch ein Pferd! So ein Pferd kann man am ganzen Don nicht mehr finden. Schauen Sie nur, Euer Wohlgeboren, was es für ein Pferd ist! Bemühen Sie sich her! – Tpru . . . tpru . . . dreh‘ dich um, stell‘ dich seitwärts! Wir wollen aber den Sattel ab­nehmen. Nun, was sagen Sie, Euer Wohlgeboren?“
„Das Pferd ist gut“, wiederholte Tschertopchanow mit geheuchelter Gleichgültigkeit, sein Herz klopfte aber in der Brust. Er war ein gar zu leidenschaftlicher Liebhaber von „Pferdefleisch“ und verstand sich darauf.
„Sehen Sie ihn sich nur an, Euer Wohlgeboren! Strei­cheln Sie ihn am Halse, hi-hi-hi! Ja, so!“
Tschertopchanow legte die Hand wie widerwillig dem Pferde auf den Hals, klopfte zweimal, fuhr dann mit den Fingern von der Mähne den Rücken entlang, und als er eine gewisse Stelle über den Nieren erreichte, drückte er auf Kennerart leicht darauf. Das Pferd bog sofort das Rückgrat, schielte mit seinem stolzen, schwarzen Auge nach Tschertopchanow, schnaubte und wechselte die Stel­lung der Vorderbeine.
Der Jude lachte und klatschte leicht in die Hände. „Es erkennt seinen Herrn, Euer Wohl­geboren, seinen Herrn!“
„Nun, fasele nicht“, unterbrach ihn Tschertopchanow ärgerlich. „Um dir das Pferd abzu­kaufen, habe ich kein Geld, und Geschenke nehme ich nicht nur von dir, du Jud‘, son­dern auch vom lieben Gott selbst nicht an!“
„Wie wage ich auch. Ihnen etwas zu schenken, ich bitte Sie!“ rief der Jude. „Kaufen Sie es, Euer Wohlgeboren …, auf das Geld will ich aber warten.“
Tschertopchanow wurde nachdenklich. „Was verlangst du dafür?“ fragte er endlich durch die Zähne. Der Jude zuckte die Achseln. „Was ich selbst bezahlt habe. Zwei­hundert Rubel.“
Das Pferd war zwei- oder sogar vielleicht dreimal mehr wert.
Tschertopchanow wandte sich zur Seite und gähnte ner­vös. „Und wann ist … die Zah­lung?“ fragte er, gewalt­sam die Brauen runzelnd, ohne den Juden anzusehen.
„Wann es Euer Wohlgeboren beliebt.“
Tschertopchanow warf den Kopf zurück, hob aber die Augen nicht. „Das ist keine Ant­wort. Sprich vernünftig, du Herodesbrut! Soll ich von dir vielleicht eine Gefälligkeit annehmen?“
„Nun, sagen wir einmal so“, versetzte der Jude schnell, „nach sechs Monaten . . . sind Sie einverstanden?“
Tschertopchanow antwortete nichts.
Der Jude versuchte ihm in die Augen zu blicken. „Sind Sie einverstanden? Befehlen Sie das Pferd in den Stall zu führen?“
„Den Sattel brauche ich nicht“, sagte Tschertopchanow kurz. „Nimm den Sattel mit, hörst du?“
„Gewiß, gewiß, ich werde ihn mitnehmen“, stammelte der Jude erfreut und lud sich den Sattel auf die Schulter.
„Das Geld aber“, fuhr Tschertopchanow fort, „in sechs Monaten, und nicht zweihundert, sondern zweihundertfünfzig. Schweig! Zweihundertfünfzig sage ich dir! Die hast du bei mir gut.“
Tgchertopchanow konnte sich noch immer nicht ent­schließen, die Augen zu heben. Noch niemals war sein Stolz so sehr verletzt. – Es ist doch klar, daß es ein Ge­schenk ist, dachte er sich, aus Dankbarkeit hat es mir der Teufel gebracht! – Er wäre imstande, den Juden zu umarmen oder auch zu verprügeln …
„Euer Gnaden Wohlgeboren“, begann der Jude ermu­tigt und lächelnd, „man müßte es nach russischer Sitte machen: aus einem Rockschoß in den andern . . .“
„Was dir nicht einfällt! Ein Jud‘ . . . und denkt an russische Sitten! – He, wer ist dort? Nimm das Pferd und führ‘ es in den Stall. Und schütte ihm Hafer vor. Ich komme gleich selbst hin und schaue nach. Und merk‘ dir: das Pferd heißt Malek-Adel!“
Tschertopchanow war schon die Treppe hinaufgegangen, drehte sich aber scharf auf dem Absatze um, lief auf den Juden zu und drückte ihm fest die Hand. Dieser bückte sich und spitzte schon die Lippen, aber Tschertopchanow sprang zurück, sagte leise: „Erzähl‘ es niemand“, und ver­schwand hinter der Tür.

 

5

 

Von diesem Tage an wurde Malek-Adel zur Haupt­beschäftigung, zur wichtigsten Sorge und zur größten Freude im Leben Tschertopchanows. Er liebte ihn so, wie er nicht ein­mal Mascha geliebt hatte, und hing an ihm stärker als an Nedopjuskin. Das war aber auch ein Pferd! Feuer, wirkliches Feuer, Schießpulver, dabei aber eine Würde wie bei einem Bojaren! Unermüdlich ausdauernd, läßt sich überall hin wenden, leistet keinen Widerstand. – Sein Futter kostet aber so gut wie nichts: wenn es nichts anderes gibt, so frißt er die Erde unter sich. Geht er im Schritt, so trägt er einen wie auf den Armen; läuft er Trab, so wiegt er einen wie in einer Wiege; saust er aber im Galopp, so kann ihn auch der Wind nicht einholen. Nie­mals geht ihm der Atem aus: so kräftig ist seine Lunge. Die Beine sind wie aus Stahl; es kommt nie vor, daß er stolpert. Über einen Graben oder über einen Zaun zu springen ist für ihn eine Kleinigkeit, und dabei so klug! Auf einen Ruf kommt er gleich mit erhobenem Kopf ge­laufen; befiehlt man ihm stillzustehen und geht selbst weg, so rührt er sich nicht von der Stelle; kommt man aber zurück, so wie­hert er leise, als wollte er sagen: „Ich bin da.“ Nichts fürchtet er: im Finstern, im Schneesturm findet er den Weg. Aber einen Fremden läßt er zu sich nicht heran: er beißt ihn mit den Zähnen tot! Auch ein Hund darf ihm nicht nahe kommen; sogleich trifft er ihn mit dem Vorderhuf auf die Stirn, und der Hund ist hin. Ein Pferd mit Ehrgefühl: man darf die Reitpeitsche nur zur Parade über ihm schwingen, aber Gott behüte, ihn anzurühren! Doch was soll man lange reden: ein Schatz und kein Pferd!
Wenn Tschertopchanow über seinen MaIek-Adel zu sprechen anfing, so staunte man bloß, wo er die Worte hernahm! Und wie er ihn pflegte und hätschelte! Sein Haar glänz­te wie Silber, aber nicht wie altes, sondern wie neues, das noch einen dunkeln Schimmer hat; fährt man mit der Hand darüber, so ist es wie Samt! Der Sattel, die Schabracke, der Zaum, das ganze Geschirr paßte aus­gezeichnet, war in Ordnung und schön geputzt, man hätte einen Bleistift nehmen können und zeichnen; Tschertop­chanow selbst – was will man noch mehr? – pflegte seinem Liebling eigenhändig die Mähne und den Schopf zu Zöpfen zu flechten und den Schweif mit Bier zu waschen; er schmierte ihm sogar öfters die Hufe mit einer Salbe …
Manchmal setzte er sich auf den Malek-Adel und ritt aus, nicht etwa um die Nachbarn zu besuchen – mit diesen verkehrte er nach wie vor nicht –, aber über ihre Felder, an ih­ren Gutshäusern vorbei . . . „Bewundert doch das Pferd aus der Ferne, ihr Narren!“ Und wenn er hörte, daß irgendwo eine Jagd stattfand, daß ein reicher Gutsherr auf die Hetz­jagd ausritt, – so begab er sich sofort dahin; er tummelte sein Pferd in der Ferne, am Ho­rizonte, setzte alle Zuschauer durch dessen Schönheit und Schnelligkeit in Erstaunen, ließ aber niemand nahe zu sich heran. Ein­mal sprengte irgendein Liebhaber mit einem ganzen Ge­folge ihm nach; er sah, daß er Tschertopchanow nicht ein­holen konnte, und schrie ihm, so laut er konnte, im vollen Laufe zu: „He, du! Hör‘! Verlange, was du willst, für dein Pferd! Tausend Rubel sind mir nicht zu schade! Meine Frau, meine Kinder will ich hergeben!.. Nimm mein Letztes!“
Tschertopchanow hielt Malek-Adel plötzlich an. Der Liebhaber sprengte zu ihm heran. „Väterchen!“ schrie er: „Sag‘, was du verlangst! Liebster!“
„Wenn du ein Zar bist“, sagte Tschertopchanow mit Nachdruck (er hatte aber nie etwas von Shakespeare ge­hört), „und mir dein ganzes Zarenreich für mein Pferd gibst, – auch dann gebe ich es nicht her!“ Das sagte er, lachte auf, ließ den Malek-Adel sich bäumen, wandte ihn in der Luft wie einen Kreisel auf den Hinterbeinen allein um und sprengte im Galopp davon. Er flog nur so über das Stoppelfeld. Aber der Liebhaber (man sagt, es sei ein steinreicher Fürst gewesen) warf seine Mütze zu Boden und stürzte sich mit dem Gesicht auf die Mütze! Eine halbe Stunde lag er so.
Wie hätte Tschertopchanow sein Pferd nicht teuer hal­ten sollen? Hatte er doch ihm zu verdanken, daß er wie­der einen zweifellosen Vorzug, einen letzten Vorzug vor allen sei­nen Nachbarn besaß!

 

6

 

Indessen verging die Zeit, und der Zahlungstermin rückte heran, aber Tschertopchanow hatte nicht nur keine zwei­hundert Rubel, sondern auch keine fünfzig. Was war da zu tun, wie war da zu helfen? – „Nun,“ sagte er sich schließ­lich, „wenn der Jude kein Einsehen hat und nicht länger warten will, so gebe ich ihm mein Haus und mein Land, setze mich selbst aufs Pferd und reite davon, wohin meine Augen schauen! Ich werde Hungers sterben, meinen Ma­lek-Adel aber nicht hergeben!“ – Er war sehr aufgeregt und sogar nachdenklich; aber hier erbarmte sich seiner das Schicksal zum ersten und letzten Male: irgendeine weitläufige Tante, die Tschertopchanow nicht einmal dem Namen nach kannte, vermachte ihm testamentarisch eine für seine Begriffe außerordentliche Summe: ganze zwei­tausend Rubel! – Das Geld kam just zur richtigen Zeit, einen Tag vor Erscheinen des Juden. Tschertopchanow wurde vor Freude beinahe verrückt, dachte aber nicht einmal an Schnaps: seit dem Tage, an dem er den Malek-Adel bekommen hatte, nahm er keinen Tropfen in den Mund. Er lief in den Stall und küßte seinen Freund zu beiden Seiten der Schnauze über den Nüstern, wo die Pferde die zarteste Haut haben. „Jetzt trennen wir uns nicht mehr!“ rief er, indem er das Pferd auf den Hals, unter der gekämmten Mähne klopfte. Nach Hause zurückge­kehrt, zählte er zweihundertfünfzig Rubel ab und ver­siegelte das Paket. Dann überlegte er sich, auf dem Rücken liegend und ein Pfeifchen rauchend, wie er das übrige Geld verwenden wollte: er gedachte sich Hunde anzuschaffen, von der Kostromaschen Rasse, und zwar unbedingt rot­braune! Er unterhielt sich sogar mit Perfischka, versprach ihm eine neue Livree mit gelben Tressen an allen Näh­ten und legte sich in der seligsten Gemütsverfassung schlafen.
Er hatte einen unangenehmen Traum: ihm war, als sei er auf die Jagd geritten, aber nicht auf dem Malek-Adel, sondern auf einem seltsamen Tier von der Art eines Ka­mels; ein schneeweißer Fuchs lief ihm entgegen … Er will seine Reitpeitsche schwingen, will die Hunde auf den Fuchs hetzen, aber er hat in den Händen statt der Peitsche einen Bastwisch. Und der Fuchs läuft vor ihm her und reckt ihm die Zunge. Er springt von seinem Kamel, stol­pert und fällt . . . fällt gerade einem Gendarmen in die Hände, der ihn zum Generalgouverneur ruft, und in diesem erkennt er Jaff…
Tschertopchanow erwachte. Im Zimmer war es dunkel. Der Hahn hatte erst zum zwei­tenmal gekräht . . . Irgend­wo in weiter Ferne wieherte ein Pferd. Tschertopchanow hob den Kopf… Wieder hörte er ein feines, leises Wiehern.
„Das ist Malek-Adel!“ sagte er sich. „Das ist sein Wiehern! Warum aber so weit? Du lieber Gott … Es kann nicht sein . . .“
Es überlief ihn plötzlich ganz kalt. Er sprang im Nu aus dem Bette, tastete nach seinen Stiefeln und Kleidern, zog sich an, holte unter dem Kopfkissen den Stallschlüssel und rannte in den Hof.

 

7

 

Der Stall befand sich am äußeren Ende des Hofes; mit der einen Wand grenzte er an das freie Feld. Tschertop­chanow konnte den Schlüssel nicht sogleich ins Schloß stecken – seine Hände zitterten – und er drehte den Schlüssel auch nicht sogleich um . . . Eine Weile stand er unbeweglich, mit angehaltenem Atem: wenn sich hinter der Tür auch nur etwas regte! „Malek! Malek!“ rief er halblaut; eine Grabesstille! Tschertopchanow riß unwill­kürlich an dem Schlüssel, die Tür knarrte und ging auf . . . Sie war also nicht verschlossen gewesen. Er trat über die Schwelle und rief sein Pferd, diesmal mit dem vollen Na­men: „Malek-Adel“. Der treue Freund gab aber keine Antwort, nur eine Maus raschelte durch das Stroh. Nun stürzte sich Tschertopchanow in jenen der drei Stände des Stalles, in welchem sonst Malek-Adel stand. Er traf gerade diesen Stand, obwohl es im Stalle stockfinster war… Leer! Tschertopchanow schwindelte der Kopf; es war ihm, als dröhnte eine Glocke unter seiner Schädeldecke. Er wollte etwas sagen, zischte aber nur und kam, mit den Händen oben, unten und an den Seiten tastend, keuchend, mit schlotternden Knien aus dem einen Stand in den andern … Im dritten, der bis oben mit Heu gefüllt war, stieß er an die eine Wand, an die andere, fiel hin, rollte kopfüber, stand auf und rannte plötzlich durch die halbgeöffnete Tür in den Hof . . . „Gestohlen! Per­fischka! Perfischka! Gestohlen!“ schrie er mit wilder Stimme.
Der kleine Diener Perfischka rollte wie ein Kreisel im bloßen Hemd aus der Kammer, in der er schlief .. .
Wie zwei Betrunkene stießen die beiden, der Herr und sein einziger Diener, mitten im Hofe zusammen; wie be­täubt drehten sie sich voreinander im Kreise. Der Herr konnte nicht erklären, was los war, und der Diener konnte nicht begreifen, was von ihm verlangt wurde. – „Ein Unglück!. Ein Unglück!“ lallte Tschertopchanow. „Ein Unglück! Ein Unglück!“ wiederholte der Diener.
„Die Laterne! Gib die Laterne her, zünde sie an! Licht l Licht!“ entrang es sich endlich Tschertopchanows be­klemmter Brust. Perfischka stürzte ins Haus.
Es war aber nicht leicht. Licht zu machen: Schwefel­hölzer waren damals in Rußland noch eine Seltenheit; die letzte Kohlenglut in der Küche war schon längst ausge­gangen; Feuerstein und Stahl ließen sich nicht sogleich finden und wollten keinen Funken ge­ben. Zähneknir­schend entriß sie Tschertopchanow den Händen des be­stürzten Perfisch­ka und fing selbst an, Feuer zu schlagen: die Funken sprühten reichlich, noch reichlicher kamen die Flüche und sogar Seufzer, aber der Zunder wollte entweder nicht brennen, oder löschte wieder aus, trotz der vereinten Bemühungen von vier angestrengten Backen und Lippen. Endlich, nach fünf Minuten, nicht früher, brannte der Talglichtstummel auf dem Boden der zerschlagenen La­terne, und Tschertopchanow stürzte, von Perfischka be­gleitet, in den Stall. Er hob die Laterne über seinen Kopf und sah sich um . . . Alles leer!
Er sprang in den Hof, durchrannte ihn in allen Rich­tungen, – das Pferd war nirgends zu sehen! Der Zaun, der Pantelej Jeremejitschs Besitz umgab, war längst bau­fällig und hatte sich an vielen Stellen zur Erde gesenkt. . . Neben dem Stalle lag er auf einer Stre­cke von einem Ar­schin ganz auf dem Boden. Perfischka zeigte diese Stelle Tschertop­chanow. „Herr! Schauen Sie nur her, das war heute noch nicht. Da ragen auch die Pfähle aus dem Bo­den, jemand hat sie wohl herausgedreht.“
Tschertopchanow sprang mit der Laterne hinzu und be­wegte sie über dem Boden . . . „Hufe, Hufe, Spuren von Hufeisen, Spuren, frische Spuren!“ murmelte er hastig. „Hier hat man ihn hinausgeführt, hier, hier!“ Er sprang augenblicklich über den Zaun und lief mit dem Schrei: „Malek-Adel! Malek-Adel! Malek-Adel!“ ins Feld.
Perfischka blieb bestürzt am Zaune stehen. der helle Lichtkreis der Laterne verschwand ihm bald aus den Au­gen, verschlungen von der dichten Finsternis der sternenlosen und mondlosen Nacht.
Immer schwächer und schwächer klangen die verzwei­felten Schreie Tschertopchanows.

 

8

 

Der Osten rötete sich schon, als er nach Hause zurück­kehrte. Er sah kaum einem Men­schen ähnlich, seine ganze Kleidung war von Schmutz bedeckt, das Gesicht zeigte einen wilden und schrecklichen Ausdruck, düster und stumpf blickten seine Augen. Er jagte mit einem heiseren Flüstern Perfischka fort und schloß sich in sein Zimmer ein. Vor Müdigkeit konnte er sich kaum auf den Beinen halten, aber er legte sich nicht ins Bett, sondern setzte sich auf einen Stuhl neben der Tür und griff sich an den Kopf. „Gestoh­len! . . Gestohlen!“
Wie hatte es aber der Dieb fertiggebracht, Malek-Adel nachts aus dem verschlossenen Stalle zu stehlen? Malek-Adel, der auch bei Tage keinen fremden Menschen zu sich her­anließ, – ihn ohne Lärm und Klopfen zu stehlen? Und wie konnte man erklären, daß kein einziger Hofhund ge­bellt hatte? Es waren ihrer allerdings nur zwei da, zwei ganz junge Hunde, und diese vergruben sich vor Hunger und Kälte in die Erde, aber immerhin!
„Was fange ich jetzt ohne Malek-Adel an?“ dachte sich Tschertopchanow. „Meine letz­te Freude habe ich ver­loren, nun ist es Zeit, daß ich sterbe. Soll ich vielleicht ein anderes Pferd kaufen, da ich gerade Geld habe? Aber wo finde ich ein Pferd wie dieses?“
„Pantelej Jeremejitsch! Pantelej Jeremejitsch!“ rief eine scheue Stimme hinter der Tür.
Tschertopchanow sprang auf die Füße. „Wer ist da?“ rief er mit veränderter Stimme.
„Das bin ich, Ihr Diener Perfischka,“
„Was willst du? Hat er sich vielleicht gefunden, ist nach Hause zurückgelaufen?“
„Nein, Pantelej Jeremejitsch; aber der Jud‘, der ihn verkauft hat. . .“
„Nun?“
„Er ist angekommen.“
„Ho-ho-ho-ho!“ rief Tschertopchanow und warf die Tür auf. „Schlepp‘ ihn her, schlepp‘ ihn her!“
Beim Anblick der plötzlich auftauchenden zerzausten und verwilderten Gestalt seines „Wohltäters“ wollte der Jude, der hinter Perfischkas Rücken stand, sich schon aus dem Staube machen; aber Tschertopchanow erreichte ihn mit zwei Sprüngen und packte ihn wie ein Tiger an der Gurgel. „Ah! Du kommst um das Geld! Um das Geld!“ röchelte er, als ob nicht er würgte, sondern als ob man ihn würgte: „Bei Nacht hast du ihn gestohlen und kommst bei Tage um das Geld? Wie? Wie?“
„Ich bitte, Eu-er Wohl-geboren“, stöhnte der Jude.
„Sag‘, wo ist mein Pferd? Wo hast du es hingebracht? Wem hast du es verkauft? Sag‘, sag‘, sag‘!“
Der Jude konnte nicht mehr stöhnen; aus seinem blau­angelaufenen Gesicht war sogar der Ausdruck des Schreckens verschwunden. Seine Arme hingen herab; sein ganzer Körper, den Tschertopchanow wütend schüttelte, schwankte wie ein Schilfrohr.
„Das Geld werde ich dir bezahlen, ich werde es dir bis auf die letzte Kopeke bezahlen“, schrie Tschertopchanow, „aber ich werde dich wie ein Küken erwürgen, wenn du mir nicht gleich sagst . . .“
„Sie haben ihn schon erwürgt, Herr“, bemerkte Per­fischka bescheiden.
Jetzt erst kam Tschertopchanow zu sich. Er ließ die Gurgel des Juden los, und dieser fiel wie leblos zu Boden. Tschertopchanow fing ihn auf, setzte ihn auf die Bank, goß ihm ein Glas Schnaps in den Mund und brachte ihn zur Besinnung. Und sobald er ihn zur Besinnung gebracht hatte, begann er ein Gespräch mit ihm.
Es stellte sich heraus, daß der Jude keine blasse Ahnung davon hatte, daß Malek-Adel gestohlen worden war. War­um hätte er auch das Pferd stehlen sollen, das er selbst für „den verehrtesten Pantelej Jeremejitsch“ beschafft hatte?
Nun führte ihn Tschertopchanow in den Stall. Sie un­tersuchten gemeinsam die Stände, die Krippen, das Tür­schloß, durchwühlten das Stroh und das Heu und gingen dann auf den Hof; Tschertopchanow zeigte dem Juden die Hufspuren am Zaune und schlug sich plötzlich auf die Schenkel. „Halt!“ rief er. „Wo hast du. Das Pferd ge­kauft?“
„Im Maloarchangelsker Kreise, auf dem Werchossensker Jahrmarkte“, antwortete der Jude.
„Von wem?“
„Von einem Kosaken.“
„Halt! War der Kosak jung oder alt?“
„Von mittleren Jahren, ein gesetzter Mann.“
„Wie sah er aus? Wohl wie ein Gauner?“
„Wahrscheinlich war er ein Gauner, Euer Wohlgeboren.“
„Und was hat er dir gesagt, dieser Gauner: daß das Pferd ihm schon lange gehöre?“
„Ich glaube, er sagte, es gehöre ihm schon lange.“
„Nun, dann kann es niemand anders gestohlen haben als er allein! Urteile doch selbst, hör‘, stell‘ dich mal her . . . Wie heißt du?“
Der Jude fuhr zusammen und richtete seine schwarzen Augen auf Tschertopchanow. „Wie ich heiße?“
„Nun ja, wie ist dein Name?“
„Moschel-Lejba.“
„Nun, urteile doch selbst, mein Freund Lejba, du bist ein kluger Mann; von wem würde sich Malek-Adel weg­führen lassen, wenn nicht von seinem alten Herrn? Er hat ihn doch aufgezäumt und gesattelt, hat ihm die Decke ab­genommen, – da liegt sie auf dem Heu! . . . Er hat sich einfach wie im eigenen Hause benommen! Jeden andern hätte ja MaIek-Adel niedergetrampelt! Er hätte Lärm ge­macht und das ganze Dorf geweckt! Bist du mit mir ein­verstanden?“
„Einverstanden, einverstanden. Euer Wohlgeboren . . .“
„Also muß man vor allen Dingen jenen Kosaken finden!“
„Wie findet man ihn aber, Euer Wohlgeboren? Ich habe ihn ja nur ein einziges Mal gesehen, – wo ist er jetzt, und wie heißt er? Au wai, au wai!“ fügte der Jude hinzu und schüttelte bekümmert seine Schläfenlocken.
„Lejba!“ rief plötzlich Tschertopchanow, „Lejba, sieh mich an! Ich bin ja um meinen Verstand gekommen, ich bin wie verrückt!. . . Ich lege Hand an mich, wenn du mir nicht hilfst!“
„Wie kann ich aber . . .“
„Fahre mit mir, und wir wollen den Dieb suchen!“
„Wohin wollen wir denn fahren?“
„Auf die Jahrmärkte, auf die großen und kleinen Land­straßen, zu den Pferdedieben, in die Städte, in die Dörfer, in die Gehöfte – überallhin! Was aber das Geld betrifft, so ma­che dir keine Sorgen, ich habe eine Erbschaft ge­macht, Bruder! Meine letzte Kopeke gebe ich her, aber ich finde meinen Freund. Der Kosak, unser Feind, soll und wird uns nicht entkommen! Wo er sich hinwendet, da gehen auch wir hin! Versinkt er in die Erde, so folgen wir ihm in die Erde! Geht er zum Teufel, so gehen wir zum Satan selbst!“
„Warum denn zum Satan“, bemerkte der Jude, „man kann auch ohne ihn –“
„Lejba!“ rief Tschertopchanow. „Lejba, du bist zwar ein Hebräer und hast einen ge­meinen Glauben, aber deine Seele ist besser als manche Christenseele! Erbarme dich meiner! Allein fahren kann ich nicht, allein bringe ich nichts zustande. Ich bin ein hit­ziger Mensch, du aber hast einen goldenen Kopf! Euer Volk ist schon einmal so: ohne etwas zu lernen, habt ihr alles erfaßt! Du zweifelst viel­leicht und fragst dich, woher ich Geld nehme? Komm auf mein Zimmer, ich werde dir das ganze Geld zeigen. Nimm das Geld, nimm mir das Kreuz von der Brust, gib mir nur den Malek-Adel wieder, gib ihn mir wieder!“
Tschertopchanow zitterte wie im Fieber; der Schweiß lief ihm von der Stirne herab, vermengte sich mit seinen Tränen und verlor sich in seinem Schnurrbart. Er drückte Lej­ba die Hände, er flehte ihn an, er küßte ihn fast . . . Er war ganz wie besessen. Der Jude versuchte ihm zu widersprechen, zu versichern, daß er unmöglich abkommen könne, daß er Geschäfte habe … Nichts nutzte! Tscher­topchanow wollte auf nichts hören. Es war nichts zu machen, der arme Lejba mußte einwilligen.
Am anderen Tage verließ Tschertopchanow mit Lejba in einem Bauernwagen Bessono­wo. Der Jude sah etwas ver­legen aus, hielt sich mit der einen Hand am Bocke fest und hüpfte mit seinem ganzen schwachen Körper auf dem harten Sitz; die andere Hand drückte er an die Brust, wo er das in Zeitungspapier eingewickelte Paket Banknoten ver­wahrt hatte; Tschertopchanow saß reglos wie ein Klotz, bewegte nur die Augen und at­mete aus voller Brust; in seinem Gürtel steckte ein Dolch.
„Nun, du Schurke, der du mich von meinem Freunde getrennt hast, nimm dich jetzt in acht!“ murmelte er, als sie auf die große Landstraße kamen.
Sein Haus überließ er der Obhut seines kleinen Dieners Perfischka und der Köchin, eines tauben und alten Weibes, das er aus Barmherzigkeit bei sich aufgenommen hatte.
„Ich komme zu euch auf dem Malek-Adel zurück!“ rief er ihnen beim Abschied zu. „Oder ich komme überhaupt nicht wieder!“
„Wenn du mich wenigstens heiraten wolltest!“ scherzte Perfischka, indem er die Köchin mit dem Ellenbogen in die Seite stieß. „Den Herrn erwarten wir doch nicht mehr, so kommen wir aber um vor Langeweile!“

 

9

 

Es verging ein Jahr … ein ganzes Jahr; von Pantelej Jeremejitsch kam keine Nachricht. Die Köchin war in­zwischen gestorben; Perfischka hatte schon die Absicht, das Haus im Stich zu lassen und in die Stadt zu ziehen, wohin ihn sein Vetter lockte, der als Gehilfe bei einem Barbier lebte, als sich plötzlich das Gerücht verbreitete, daß der Herr zurück­kehre! Der Diakon des Pfarrbezirks hatte von Pantelej Jeremejitsch selbst einen Brief er­halten, in dem er ihm mitteilte, daß er auf dem Heimwege nach Bessonowo sei, und ihn ersuchte, seine Dienstboten zu benachrichtigen, damit sie ihm einen gebührenden Emp­fang bereiten. Perfischka fühlte sich auf diese Nach­richt hin immerhin veranlaßt, wenigstens etwas Staub ab­zuwischen, schenkte ihr aber im übrigen nicht allzuviel Glau­ben. Er mußte sich jedoch überzeugen, daß der Dia­kon die Wahrheit gesagt hatte: einige Tage später erschien Pantelej Jeremejitsch in eigener Person auf dem Malek-Adel auf dem Hofe seines Gutes.
Perfischka eilte zu seinem Herrn, griff nach dem Steig­bügel und wollte ihm helfen, vom Pferde zu steigen, jener sprang aber selbst herunter, sah sich triumphierend um und rief laut: „Ich habe doch gesagt, daß ich den Malek-Adel wiederfinde, und ich habe ihn ge­funden, den Feinden und dem Schicksale selbst zum Trotz!“ Perfischka küßte ihm die Hand, Tschertopchanow schenkte aber dem Eifer Beines Dieners nicht die geringste Be­achtung. Er ging mit großen Schritten auf den Stall zu, Malek-Adel an den Zü­geln hin­ter sich führend. Perfischka sah sich seinen Herrn genauer an und erschrak. Ach, wie mager und wie alt war er in diesem Jahre geworden, wie streng und düster war sein Gesicht! – Man hätte doch glauben sollen, Pantelej Jeremejitsch würde sich freuen, daß er das Seinige erreicht hatte; er freute sich wohl . .. aber Perfischka empfand doch eine unheimliche Angst. Tschertopchanow stellte das Pferd in den früheren Stand, gab ihm einen leichten Klaps auf die Kruppe und sagte: „Nun jetzt bist du wieder zu Hause! Paß jetzt auf!..“ Am gleichen Tage mietete er einen zuverlässigen Wächter, einen Jungge­sellen, richtete sich wieder in seinen Zimmern ein und setzte sein früheres Leben fort . .. Das Leben war aber doch nicht ganz das frühere . . . Aber davon später.
Am Tage nach seiner Rückkehr rief Pantelej Jeremejitsch Perfischka zu sich und begann ihm, aus Ermangelung eines anderen Zuhörers, natürlich ohne dabei seine Würde zu verlieren, im Baß zu erzählen, auf welche Weise er den Malek-Adel gefunden hatte. Während seines Berichtes saß Tschertopchanow mit dem Gesicht zum Fenster und rauchte eine lange Pfeife; Perfischka stand aber an der Türschwelle, die Hände im Rücken, blickte ehrfurchtsvoll auf den Nacken seines Herrn und hörte den Bericht, wie Pantelej Jeremejitsch nach vielen vergeblichen Versuchen und Fahr­ten schließlich auf den Jahrmarkt von Romny gekommen war, aber schon allein, ohne den Juden Lejba, der infolge seiner Charakterschwäche es nicht lange ausgehalten hatte und durchgebrannt war; wie er am fünften Tage, als er schon Weiterreisen wollte, zum letztenmal die Wagenreihe entlang ging und plötzlich zwischen drei anderen Pferden, die an einen Wagen angebunden waren, den Malek-Adel erblickte! Wie dieser ihn sofort erkannte, zu wiehern an­fing, sich loszureißen versuchte und mit den Hufen die Erde wühlte. „Er war aber gar nicht bei dem Kosaken“, er­zählte Tschertopchanow, immer noch ohne den Kopf zu wenden und mit der gleichen Baßstimme, „sondern bei einem Zigeuner, einem Pferdehändler; ich klammerte mich natürlich sofort an mein Pferd und wollte es mit Ge­walt zurückhaben; aber die Bestie von einem Zigeuner schrie wie verbrüht und schwor, daß man es auf dem ganzen Platze hörte, er hätte das Pferd von einem anderen Zi­geuner gekauft, und wollte auch Zeugen stellen . . . Ich spuckte aus und zahlte ihm das Geld; soll ihn nur der Teufel holen! Die Hauptsache war doch für mich, daß ich meinen Freund gefunden and meine Seelenruhe wieder­erlangt hatte. Im Karatschowschen Kreise hatte ich aber nach Angaben des Juden Lejba einen Kosaken gepackt, den ich für den Dieb hielt, und ihm die ganze Fratze blutig geschlagen; der Kosak stellte sich aber als ein Popensohn heraus, und ich mußte ihm für den Schimpf hundertzwanzig Rubel bezahlen. Nun, Geld ist eine Sache, die man wieder verdienen kann, die Hauptsache aber ist: ich habe den Malek-Adel wieder! Jetzt bin ich glücklich und werde meine Ruhe genießen. Dir aber, Porfirij, gebe ich die In­struktion: wenn du, Gott behüte, irgendwo in der Um­gegend einen Kosaken siehst, so laufe auf der Stelle, ohne ein Wort zu sagen, zu mir und bring mir mein Gewehr, ich aber werde schon wissen, was ich zu tun habe!“
So sprach Pantelej Jeremejitsch zu Perfischka; diese Worte kamen von seinen Lippen; aber in seinem Herzen war es doch nicht so ruhig, wie er tat. Ach, in der Tiefe seiner Seele war er doch nicht ganz davon überzeugt, daß das Pferd, das er heimgebracht hatte, wirklich Malek-Adel war.

 

10

 

Für Pantelej Jeremejitsch kam nun eine schwere Zeit. Gerade die Ruhe genoß er am allerwenigsten. Freilich hatte er auch gute Tage: die Zweifel, die ihn beschlichen, kamen ihm unsinnig vor, er trieb den dummen Gedanken wie eine zudringliche Fliege von sich und lachte sogar selbst über sich; es gab aber auch schlimme Tage: der zu­dringliche Ge­danke fing von neuem an, in seinem Herzen zu bohren und zu kratzen wie eine Maus, und er quälte sich heimlich und schmerzhaft. An jenem denkwürdigen Tage, an dem er den Malek-Adel gefunden hatte, empfand er nichts als Seligkeit und Freude . . . aber schon am anderen Morgen, als er unter dem niedern Dache der Herberge seinen Freund zu satteln anfing, in dessen Nähe er die ganze Nacht zugebracht hatte, fühlte er zum erstenmal einen Stich im Herzen … Er schüttelte nur den Kopf, aber das Samen­korn des Verdachts keimte schon. Während der Rückfahrt (sie dauerte etwa acht Tage) kamen ihm die Zweifel selten; sie wurden stärker und deutlicher, sobald er nach Besso­nowo zurückgekehrt, sobald er an die Stätte gekommen war, wo der frühere, unzweifel­hafte Malek-Adel gelebt hatte . . . Auf dem Rückwege ritt er meist im Schritt, sich im Sattel wiegend, rauchte ein kurzes Pfeifchen und dachte an nichts, er dachte sich höchstens, „die Tschertopchanows setzen alles durch, was sie wollen! Basta!“ und grinste dabei; als er aber wieder zu Hause war, begann ein anderes Kapitel. Er behielt natürlich alles für sich: schon sein Ehrgeiz allein verbot ihm, seine innere Unruhe zu zeigen. Er hätte einen jeden „in zwei Stücke gerissen“, der ihm bloß angedeutet hätte, daß der neue Malek-Adel doch wohl nicht der alte sei; er nahm die Gratulationen zu seinem „glücklichen Fund“ von den wenigen Personen entgegen, mit denen er noch zusammenkam; er suchte aber diese Glückwünsche nicht und mied noch mehr als früher Begegnungen mit Menschen – ein schlimmes Zeichen! Er examinierte, wenn man so sagen darf, den Malek-Adel fortwährend; er ritt mit ihm irgendwohin weit ins Feld hinaus und stellte ihn auf die Probe; oder er ging heimlich in den Stall, schloß hinter sich die Tür, stellte sich dicht vor das Pferd hin, blickte ihm in die Augen und fragte flüsternd: „Bist du es? Bist du es? Bist du es? .. .“ Oder er betrachtete ihn stundenlang aufmerksam, bald erfreut murmelnd: „Ja! Er ist es! Gewiß ist er es!“ – bald zweifelnd und sogar verlegen.
Tschertopchanow beunruhigten weniger die körperlichen Unähnlichkeiten zwischen diesem Malek-Adel und je­nem. .. ihrer gab es übrigens nicht viele: jener hat viel­leicht einen dünneren Schweif und eine dünnere Mähne, spitzere Ohren, kürzere Knöchel und hellere Augen gehabt, aber das schien ihm vielleicht nur so: ihn beunruhigten andere Unähnlichkeiten, sozusagen morali­sche. Jener hatte andere Gewohnheiten und ein anderes Be­nehmen. Zum Beispiel: jener sah sich um und wieherte leise, sooft Tschertopchanow in den Stall trat, dieser aber kaute ruhig sein Heu oder duselte mit gesenktem Kopfe. Beide rührten sich nicht vom Fleck, wenn der Herr aus dem Sattel sprang: aber jener kam sofort gelaufen, wenn man ihn rief, während dieser stehenblieb wie ein Klotz. Jener galoppierte ebenso schnell, machte aber höhere und weitere Sprünge: dieser ging besser im Schritt, schüttelte aber im Trabe und schlürfte zuweilen mit den Hufeisen, das heißt klopfte mit den vordem an das hintere; bei jenem kam diese Schande niemals vor, – Gott behüte! Dieser, so schien es Tschertopchanow, spielte immer ganz dumm mit den Ohren, jener aber pflegte ein Ohr zurückzuschlagen und ru­hig den Herrn zu beobachten. Wenn jener Schmutz in seiner Nähe sah, so klopfte er gleich mit dem Huf an die Wand des Standes: diesem machte es aber gar nichts aus, und wenn man ihm den Mist bis an den Bauch auf­schüttete. Wenn jener gegen den Wind ge­stellt wurde, so atmete er gleich mit der ganzen Lunge und schüttelte sich, dieser aber schnaubte nur; jenen belästigte die Feuch­tigkeit, diesem machte sie gar nichts . .. Gröber war dieser, gröber! Er hatte nicht die Anmut des anderen und war schwer zu lenken, – was ist noch viel zu reden. Jener war ein lieber Gaul, und dieser …
Das dachte sich manchmal Tschertopchanow, und diese Gedanken waren ihm bitter. Zu ändern Zeiten aber ließ er das Pferd über ein neugepflügtes Feld galoppieren oder zwang es, auf den Grund einer ausgespülten Schlucht zu setzen und am steilsten Abhang wieder herauszuspringen, sein Herz erstarb dann vor Entzücken, laute Schreie ent­rangen sich seinem Munde, und er wußte ganz sicher, daß unter ihm der echte, unzweifelhafte MaIek-Adel war, denn welches andere Pferd hätte das vollbringen können, was dieses vollbrachte?
Aber auch hier verfolgte ihn das Schicksal. Die lange Suche nach Malek-Adel hatte Tschertopchanow viel Geld gekostet; an die Kosteromanschen Hunde dachte er nicht mehr und ritt nach wie vor ganz allein in der Gegend um­her. Eines Morgens stieß Tschertopchanow in fünf Werst von Bessonowo auf die gleiche fürstliche Jagdgesell­schaft, vor der er vor anderthalb Jahren mit seinem Pferde para­diert hatte. Nun mußte es sich so treffen, daß auch an diesem Tage vor den Hunden aus dem Feldraine am Ab­hang ein Hase heraussprang! Hetz‘ ihn, hetz‘ ihn! Die ganze Gesellschaft sprengte dahin, und auch Tschertopcha­now sprengte dahin, doch nicht mit den anderen, sondern zwei­hundert Schritte seitwärts, genau wie er es damals getan hatte. Ein großer, vom Wasser ausgespülter Graben durchschnitt den Abhang in schräger Richtung, stieg immer höher, verengte sich und versperrte Tschertopcha­now den Weg. Dort, wo er über ihn hinüberspringen sollte und wo er vor anderthalb Jahren wirklich hinübergesprun­gen war, war er immer noch an die acht Schritt breit und an die zwei Klafter tief. Im Vorgefühl des Triumphes, der sich auf eine so wunderbare Weise wiederholen sollte, stieß Tschertopchanow ein Siegesgeschrei aus, schwang die Peitsche – die Jäger galoppierten, ohne den kühnen Reiter aus den Augen zu lassen, – sein Pferd flog wie ein Pfeil, da ist schon der Graben, – nun, nun, mit einem Satze wie damals!.. Malek-Adel wurde aber plötzlich bockig, wandte sich nach links und galoppierte längs des Grabens, wie sehr auch Tschertopchanow ihm den Kopf auf die Seite, zum Graben hin zerrte … Also hatte das Pferd Angst bekommen und kein Selbstvertrauen gehabt!
Vor Scham und Zorn glühend, beinahe weinend, ließ nun Tschertopchanow die Zügel locker und lenkte das Pferd gerade vor sich hin, den Hügel hinauf, von den ändern Jä­gern hinweg, um nicht zu hören, wie sie sich über ihn lustig machten, um nur möglichst schnell aus ihren ver­fluchten Augen zu verschwinden!
Mit wundgepeitschten Flanken, ganz mit Schaum be­deckt kam Malek-Adel nach Hause gesprengt, und Tschertopchanow schloß sich sofort in seinem Zimmer ein.
„Nein, er ist es nicht, das ist nicht mein Freund! Der hätte sich den Hals gebrochen, mich aber nicht verraten!“

 

11

 

Folgender Fall gab Tschertopchanow sozusagen den Rest. Einmal ritt er auf dem Malek-Adel durch die Hinter­höfe des Popengutes, das die Kirche umgab, zu deren Pfarrbezirk das Dorf Bessonowo gehörte. Die Mütze tief in die Stirne gestülpt, gebückt und die beiden Hände auf dem Sattelknopf, bewegte er sich langsam vorwärts: es war ihm trau­rig und trübe zumute. Plötzlich rief ihn je­mand.
Er hielt sein Pferd an, hob den Kopf und erkannte seinen Korrespondenten, den Diakon. Mit einem braunen dreieckigen Hut auf den braunen, zu einem Zöpfchen ge­flochtenen Haaren, mit einem gelblichen Nankingkaftan bekleidet, tief unter der Taille mit einem blauen Fetzen umgürtet, war der Diener des Altars aus dem Hause ge­treten, um seinen Getreideschober nachzusehen; als er Pantelej Jeremejitsch erblickte, hielt er es für seine Pflicht, ihm seine Hochachtung zu bezeigen und bei dieser Ge­legenheit sich etwas aus­zubitten. Ohne diesen Neben­gedanken sprechen bekanntlich Personen geistlichen Stan­des niemals einen Laien an.
Tschertopchanow hatte aber andere Dinge im Kopf als den Diakon; er erwiderte kaum seine Verbeugung, brummte etwas durch die Zähne und schwang schon die Peitsche . . .
„Was haben Sie aber für ein prächtiges Roß!“ fuhr der Diakon schnell fort. „So ein Roß bringt einem wirklich Ehre ein. Wahrlich: Sie sind ein Mann von trefflichem Verstände, einem Löwen zu vergleichen!“ Der Diakon war wegen seiner Beredsamkeit berühmt, was den Popen, dem die Gabe des Wortes fehlte, nicht wenig ärgerte: dem letzteren lös­te nicht einmal der Schnaps die Zunge. „Ein Tier haben Sie auf das Anstiften böser Menschen verloren,“ fuhr der Diakon fort, „haben sich aber, ohne den Mut sinken zu lassen, vielmehr auf die göttliche Vorsehung bauend, ein neues angeschafft, das nicht nur in keiner Weise schlechter ist als das erste, sondern vielleicht sogar besser . . . denn . . .“
„Was faselst du da?“ unterbrach ihn Tschertopchanow finster. „Wo siehst du ein anderes Pferd? Es ist dasselbe, es ist Malek-Adel. . . Ich habe ihn gefunden. Du schwatzest ins Blaue . . .“
„Eh! Eh! Eh! Eh!“ sagte gedehnt, gleichsam zögernd der Diakon, indes er mit den Fingern im Barte spielte und Tschertopchanow mit seinen hellen, gierigen Augen be­trachtete. „Wie ist es nun, Herr? Ihren Gaul hat man, wenn ich mich recht besinne, im vorigen Jahre so an die zwei Wochen nach dem Feste Maria Schutz und Fürbitte gestohlen, und jetzt haben wir Ende November.“
„Na ja, was ist denn dabei?“
Der Diakon fuhr fort, mit den Fingern im Barte zu spielen. „Es ist also mehr als ein Jahr seitdem vergangen, und Ihr Pferd, das damals ein Apfelschimmel war, ist auch ein Apfelschimmel geblieben, scheint sogar etwas dunkler geworden zu sein. Was ist das? Die grauen Pferde werden ja in einem Jahre viel weißer.“
Tschertopchanow fuhr zusammen … es war ihm, als hätte ihn jemand mit einem Jagd­spieße mitten ins Herz gestoßen. Und in der Tat: graue Pferde verändern sich doch. Wie war ihm dieser einfache Gedanke bisher nicht in den Sinn gekommen?
„Verdammter Zopf, laß mich in Ruhe!“ brüllte er mit einemmal. Dann funkelte er wie rasend mit den Augen und verschwand in einem Augenblick dem erstaunten Dia­kon aus dem Gesicht.
Nun, jetzt ist alles zu Ende!
Alles ist zu Ende, alles ist zusammengestürzt, die letzte Karte ist geschlagen! Alles ist durch das eine Wort „weißer“ zusammengefallen! Die grauen Pferde werden weißer!
Galoppiere nur. Verdammter! Du wirst diesem Worte nicht entrinnen! Tschertopchanow sprengte nach Hause und schloß sich wieder in seinem Zimmer ein.

 

12

 

Daß dieser elende Klepper nicht der Malek-Adel war, daß zwischen ihm und Malek-Adel nicht die geringste Ähn­lichkeit bestand; daß jeder einigermaßen vernünftige Mensch auf den ersten Blick hätte sehen müssen, daß er, Tschertopchanow, sich auf die gemeinste Weise getäuscht, – nein, daß er sich selbst absichtlich und mit Vorbedacht betrogen und angeschwindelt hatte, – über dies alles konnte jetzt nicht mehr der gerings­te Zweifel bestehen! Tschertopchanow ging auf und ab, indem er sich bei jeder Wand auf die gleiche Weise auf dem Absatze umdrehte, wie ein Tier in einem Käfig. Sein Ehrgeiz litt unerträglich; es war aber nicht nur der verletzte Ehrgeiz allein, was ihn so quälte: seiner bemächtigte sich die Verzweiflung, die Wut würgte ihn, Rachedurst brannte in ihm. Aber gegen wen? An wem sollte er Rache nehmen? Am Juden, an Jaff, an Mascha, am Diakon, am Kosaken, der das Pferd gestohlen hatte, an allen Nachbarn, an der ganzen Welt oder schließlich an sich selbst? Sein Verstand geriet durch­einander. Die letzte Karte geschlagen! (Dieser Vergleich gefiel ihm gut.) Nun ist er wieder der nichtigste, verächt­lichste von allen Menschen, ein Gegenstand des Spottes für alle, ein Hanswurst, ein elender Narr, ein Gespött für den Diakon! . . Er stellte sich deutlich vor, wie dieser niederträchtige Zopf den Leuten vom grauen Pferd und vom dummen Herrn erzählen wird . . . Verflucht! . . Ver­geblich bemühte sich Tschertopchanow, seine Galle zu­rückzuhalten ; vergeblich versuchte er, sich einzureden, daß dieses … Pferd zwar nicht der Malek-Adel, aber immerhin ein … gutes Pferd sei und ihm noch viele Jahre dienen könne: er stieß diesen Gedanken mit Wut von sich, als ob darin eine neue Beleidigung für jenen Malek-Adel ent­halten wäre, vor dem er sich auch ohnehin schon schuldig fühl­te . . . Gewiß! Diesen Klepper, diese Schindmähre hatte er wie ein Blinder, wie ein Dummkopf dem Malek-Adel gleichgestellt! Und was die Dienste betrifft, die dieser Klepper ihm noch leisten könnte. . . Wird er ihn denn je wieder der Ehre würdigen, sich auf ihn zu setzen? Um nichts in der Welt! Niemals!!.. Er wird ihn einem tatarischen Schinder geben, er wird ihn den Hunden zum Fraß vorwerfen, – er verdient nichts anderes … Ja! Das wäre das Beste!
Über zwei Stunden ging Tschertopchanow in seinem Zimmer auf und ab. „Perfischka!“ kommandierte er plötz­lich. „Geh augenblicklich in die Schenke und bring mir einen halben Eimer Schnaps! Hörst du! Einen halben Eimer, augenblicklich! Daß der Schnaps sofort hier bei mir auf dem Tische steht! . .
Der Schnaps erschien unverzüglich auf dem Tische Pantelej Jeremejitschs, und er fing an zu trinken!

 

13

 

Hätte damals jemand Tschertopchanow beobachtet, wäre jemand Zeuge jener finsteren Wut gewesen, mit der er ein Glas nach dem ändern leerte, so hätte er unwillkür­lich Angst bekommen. Die Nacht war angebrochen; ein Talglicht brannte trübe auf dem Tisch. Tschertopchanow hörte auf, aus der einen Ecke in die andere zu wandern; er saß da, ganz rot, mit trüben Augen, die er bald zu Boden senkte, bald auf das dunkle Fenster richtete; dann stand er auf, schenkte sich Schnaps ein, trank aus, setzte sich wieder, rich­tete den Blick wieder auf einen Punkt und rührte sich nicht, – nur sein Atem ging schneller, und sein Gesicht wurde immer röter. In ihm schien irgendein Ent­schluß zu keimen, der ihn selbst erschreckte, an den er sich aber allmählich gewöhnte; der gleiche Gedanke rückte unaufhaltsam und unaufhörlich immer näher, das gleiche Bild trat immer deutlicher hervor, und in seinem Herzen war unter dem versengenden Einflusse des schweren Rausches an Stelle der Wut ein Gefühl tierischer Grausam­keit getreten, und ein unheilkündendes Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen.
„Nun ist es Zeit!“ sagte er in einem geschäftigen, beinahe gelangweilten Ton. „Genug geruht!“
Er trank das letzte Glas Schnaps aus, nahm die Pistole über seinem Bette – dieselbe Pis­tole, aus der er auf Mascha geschossen hatte –, lud sie, steckte sich „für jeden Fall“ einige Zündhütchen in die Tasche und ging in den Stall.
Als er die Stalltüre zu öffnen anfing, kam der Wächter hergelaufen, aber er schrie ihn an: „Das bin ich! Siehst du es denn nicht? Geh!“ Der Wächter trat etwas auf die Seite. „Geh schlafen!“ schrie ihm Tschertopchanow wieder zu. „Du hast hier nichts zu bewa­chen! So einen Schatz, so eine Kostbarkeit!“ Dann trat er in den Stall. Malek-Adel . . . der falsche Malek-Adel lag auf der Streu. Tscher­topchanow gab ihm einen Fußtritt. „Steh auf, du Krähe!“ Dann band er den Zaum von der Krippe los, nahm dem Pferde die Decke ab und warf sie auf den Boden, drehte das gehorsame Tier roh in seinem Stande um, führte es in den Hof und aus dem Hofe ins Feld, zum größten Erstaunen des Wäch­ters, der unmöglich begreifen konnte, wohin sich der Herr nachts mit dem ungezäumten Pferde an der Leine begebe. Ihn zu fragen, traute er sich natürlich nicht, er begleitete ihn nur mit den Augen, bis er an der Wendung des Weges verschwand, der in den nahen Wald führte.

 

14

 

Tschertopchanow ging mit großen Schritten, ohne stehen zu bleiben und ohne sich um­zusehen; Malek-Adel wir wollen ihn bis ans Ende so nennen – folgte ihm gehor­sam. Die Nacht war ziemlich hell; Tschertopchanow konnte die gezackten Umrisse des Waldes unterschei­den, der als schwarzer Fleck vor ihm lag. In der nächt­lichen Kälte wäre ihm wohl jetzt der Schnaps in den Kopf gestiegen, wenn ihn nicht ein anderer, viel stär­kerer Rausch umfangen hätte. Sein Kopf war schwer ge­worden, das Blut klopfte laut im Halse und an den Ohren, er aber ging mit sicheren Schritten, und er wußte, wohin er ging.
Er hatte den Entschluß gefaßt, Malek-Adel zu töten; den ganzen Tag hatte er nur daran gedacht. . . Nun war er fest entschlossen!
Er ging an diesen Schritt, nicht gerade ruhig, aber seiner selbst sicher und so fest ent­schlossen wie ein Mensch, der dem Gefühl der Pflicht gehorcht. Dieser „Spaß“ erschien ihm sehr „einfach“: wenn er den Falschen vernichtet, macht er ,,allem“ ein Ende. Dann bestraft er sich selbst für seine Dummheit, rechtfertigt sich vor seinem echten Freunde und zeigt der ganzen Welt (Tschertopchanow war sehr um die „ganze Welt“ besorgt), daß er mit sich nicht spaßen lasse . . . Die Hauptsache aber ist, daß er zugleich mit dem falschen Malek-Adel auch sich selbst vernichtet, denn was braucht er noch zu leben? Wie er sich das alles in seinem Kopfe zurechtlegte und warum ihm dies so einfach erschien, ist nicht so leicht, wenn auch nicht ganz unmöglich zu erklären: gekränkt, einsam, ohne eine einzige vertraute Menschenseele, ohne einen roten Heller, dabei mit vom Schnapse entzündetem Blute, befand er sich in einem an Wahnsinn grenzenden Zustand; es besteht aber kein Zweifel darüber, daß selbst in den sinnlosesten Streichen von Wahnsinnigen, von ihrem Standpunkt aus, eine Art Logik und sogar ein Recht liegt. Von seinem Rechte war Tschertopchanow jedenfalls fest überzeugt; er schwankte nicht, er beeilte sich, das Urteil an dem Schuldigen zu vollstrecken, ohne sich übrigens Rechenschaft darüber zu geben, wen er eigentlich für den Schuldigen hielt… Die Wahrheit zu sagen, dachte er sehr wenig über sein Vorhaben nach. „Ich muß, ich muß ein Ende machen“, sagte er zu sich selbst streng und stumpf. „Ich muß ein Ende machen!“ Der schuldlose Schuldige trabte gehorsam hinter seinem Rücken. . . Aber in Tschertopchanows Herzen war kein Mitleid.

 

15

 

Nicht weit vom Waldsaume, zu dem er sein Pferd ge­führt hatte, zog sich ein kleiner, bis zur Hälfte mit Eichen­gesträuch bewachsener Graben hin. Tschertopchanow stieg hinun­ter … Malek-Adel stolperte und fiel beinahe über ihn.
„Du willst mich wohl erdrücken, Verdammter!“ rief Tschertopchanow und holte, als müßte er sich verteidigen, die Pistole aus der Tasche. Er spürte keine Erbitterung mehr, sondern jenes eigentümliche starre Gefühl, das sich des Menschen bemächtigt, ehe er ein Verbrechen verübt. Aber seine eigene Stimme erschreckte ihn: so wild klang sie un­ter den herabhängenden dunklen Ästen, in der faulen und dumpfen Feuchtigkeit des Waldgrabens! Außerdem begann als Antwort auf diesen Ruf irgendein großer Vogel auf dem Baumgipfel über seinem Kopfe mit den Flügeln zu schlagen . . . Tschertopchanow fuhr zusammen. Es war ihm, als hätte er einen Zeugen für seine Tat geweckt, – hier, an dieser öden Stelle, wo er doch keinem lebenden Wesen begegnen sollte . . .
„Teufel, geh in alle vier Winde!“ sagte er durch die Zähne, dann ließ er die Zügel Ma­lek-Adels los und schlug ihn, weit ausholend, mit dem Griffe der Pistole auf die Schulter. Malek-Adel wandte sich sofort um, kletterte aus dem Graben . . . und lief da­von. Das Klopfen seiner Hufe war aber nicht lauge zu hören. Der Wind, der sich erhoben hatte, vermischte und verdeckte alle Töne.
Tschertopchanow kletterte auch selbst langsam aus dem Graben, erreichte den Wald­saum und schleppte sich nach Hause. Er war mit sich unzufrieden: die Last, die er in sei­nem Kopfe und in seinem Herzen empfunden hatte, ver­breitete sich durch alle seine Glieder; er ging böse, finster, unbefriedigt, hungrig, als hätte ihn jemand beleidigt, ihm seine Beute, seine Nahrung weggenommen .. .
Einem Selbstmörder, den man an der Ausführung seines Vorhabens verhindert hat, sind diese Gefühle bekannt.
Plötzlich stieß ihn etwas von rückwärts zwischen die Schultern. Er sah sich um . . . Ma­lek-Adel stand mitten auf der Straße. Er war der Spur seines Herrn gefolgt und berührte ihn mit der Schnauze … er meldete, daß er zur Stelle sei …
„Ah!“ schrie Tschertopchanow. „Du selbst, du selbst kommst, um dir den Tod zu holen! Hier hast du ihn!“
In einem Augenblick zog er die Pistole, spannte den Hahn, setzte die Mündung an Ma­lek-Adels Stirne und drückte ab. Das arme Pferd taumelte zur Seite, bäumte sich, sprang zehn Schritt zurück, stürzte plötzlich zu Boden, röchelte und wälzte sich wie im Krampfe …
Tschertopchanow hielt sich die Ohren mit beiden Hän­den zu und lief davon. Die Knie knickten ihm ein. Der Rausch, die Wut, das stumpfe Selbstvertrauen – alles war im Nu verflogen. Es blieb ihm nur das Gefühl der Schande und des Absehens und das Bewußt­sein, das unumstöß­liche Bewußtsein, daß er nun auch mit sich selbst ein Ende gemacht hatte.

 

16

 

Sechs Wochen später hielt es der Diener Perfischka für seine Pflicht, den am Gute Bessonowo vorbeifahrenden Kreispolizeihauptmann anzuhalten.
„Was willst du?“ fragte der Hüter der Ordnung. „Bemühen Sie sich doch, Euer Wohlge­boren, zu uns ins Haus“, antwortete der Diener mit einer tiefen Verbeugung. „Pantelej Jeremejitsch scheint sterben zu wollen; also fürchte ich mich.“
„Wie? Sterben?“ fragte der Polizist.
„Zu Befehl, ja. Anfangs hatte der Herr jeden Tag Schnaps getrunken, jetzt hat er sich aber ins Bett gelegt und ist sehr schwach. Ich glaube, daß er jetzt nichts mehr versteht. Hat ganz die Sprache verloren.“
Der Hauptmann stieg aus dem Wagen.
„Nun, hast du wenigstens den Geistlichen gerufen? Hat dein Herr gebeichtet? Hat er das Abendmahl empfangen?“
„Zu Befehl, nein.“
Der Hauptmann runzelte die Stirne: „Was ist das, Bruder? Geht denn das? Oder weißt du nicht, daß man dich dafür zur Verantwortung ziehen kann?“
„Ich habe ihn ja vorgestern und gestern gefragt“, sagte Perfischka, der Angst bekam: ,Befehlen Sie nicht, Pantelej Jeremejitsch, daß ich den Geistlichen hole?‘ – »Schweig, Dummkopf!‘ sagte er drauf. ,Misch dich nicht in fremde Sachen.‘ Als ich es ihm heute wieder sagte, sah er mich nur an und bewegte den Schnurrbart.“
„Hat er viel Schnaps getrunken?“ fragte der Polizeihauptmann.
„Furchtbar viel! Aber seien Sie so gut. Euer Wohl­geboren, bemühen Sie sich zu ihm ins Zimmer.“
„Nun, führe mich!“ brummte der Hauptmann und folgte Perfischka.
Ein ungewöhnlicher Anblick erwartete ihn.
In einem feuchten und dunklen Hinterzimmer des Hauses lag auf einem ärmlichen, mit einer Pferdedecke bedeckten Bett, mit einem zottigen Filzmantel statt eines Kissens Tschertopchanow, nicht mehr blaß, sondern gelb­lichgrün, wie Tote aussehen, mit ein­gefallenen Augen unter den glänzenden Lidern, mit einer zugespitzten, aber immer noch rötlichen Nase über dem zerzausten Schnurr­bart. Er war bekleidet mit seinem ständigen Jagdrock (mit den Patronen auf der Brust) und einer blauen, tscherkessischen Plu­derhose. Die Fellmütze mit himbeerrotem Deckel verdeckte seine Stirne bis zu den Augenbrauen. In der einen Hand hielt Tschertopchanow seine Hetzpeitsche und in der ändern einen gestickten Tabaksbeutel, Maschas letztes Geschenk. Auf dem Tische neben dem Bett stand eine leere Schnapsflasche; zu seinen Häupten sah man zwei mit Stecknadeln an die Wand befestigte Aquarelle; das eine stellte, soweit man erkennen konnte, einen dicken Mann mit einer Gitarre in den Händen dar – wahrschein­lich Ne­dopjuskin; das andere einen Reiter in vollem Galopp . . . Das Pferd glich jenen Mär­chentieren, die die Kinder an Mauern und Zäunen zeichnen; aber die sorg­fältig schattierte Musterung eines Apfelschimmels, die Patronen auf der Brust des Reiters, die spitz zulaufenden Stiefel und der Riesenschnurrbart ließen keinen Zweifel übrig: diese Zeichnung sollte Pantelej Jeremejitsch auf dem Malek-Adel darstellen.
Der Hauptmann war erstaunt und wußte nicht, was er un­ternehmen sollte. Im Zimmer herrschte eine Grabesstille. – Er ist ja schon tot, dachte er sich; dann erhob er die Stimme und rief: „Pantelej Jeremejitsch! Pantelej Jere­mejitsch !“
Nun geschah etwas Ungewöhnliches. Tschertopchanows Augen öffneten sich langsam, die erloschenen Pupillen be­wegten sich erst von rechts nach links, dann von links nach rechts, blieben an dem Gaste haften und erkannten ihn … In ihrem trüben Weiß leuchtete etwas auf, etwas wie ein Blick zeigte sich in ihnen; die blauen Lippen gingen allmählich auf, und es erklang eine heisere Stimme, die aus dem Grabe zu kommen schien; „Der Edelmann Pan­telej Tschertopchanow stirbt; wer kann ihn daran hindern? Er schuldet niemand etwas und fordert nichts . . . Ver­laßt ihn, ihr Menschen! Geht!“ Die Hand mit der Hetz­peitsche versuchte sich zu heben … Vergebens! Die Lippen klebten wieder an­einander, die Augen schlossen sich, und Tschertopchanow lag wie früher auf seinem harten Bette ausgestreckt, die Füße aneinandergedrückt.
„Melde mir, wenn er tot ist“, flüsterte der Hauptmann im Hinausgehen Perfischka zu. „Einen Popen kannst du aber, glaube ich, auch jetzt noch holen. Man muß doch die Ord­nung wahren und ihm die letzte Ölung geben.“
Perfischka holte noch am gleichen Tage den Popen; am anderen Morgen mußte er aber dem Polizeihauptmann melden, daß Pantelej Jeremejitsch in der gleichen Nacht ver­schieden war.
Als man ihn beerdigte, folgten zwei Menschen seinem Sarge: der Diener Perfischka und Moschel-Lejba. Die Nachricht vom Tode Tschertopchanows hatte ihn auf un­bekannte Weise erreicht, und er unterließ es nicht, seinem Wohltäter die letzte Ehre zu erweisen.

 

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