Das Desaster von Chancellorsville

Am 2. September wurde General McClellan der Oberbefehl über die Befestigungen der Hauptstadt Washington und über alle zu ihrer Verteidigung kommandierten Truppen übertragen. Drei Tage später wurde General Pope von seinem Kommando entbunden, und die Virginia-Armee wurde mit der Potomac-Armee verschmolzen. Von dieser Armee wurde General Sigels Armeekorps das elfte. Zwischen dem 4. und dem 7. September ging General Lee über den Potomac, um in Maryland einzufallen, und in Washington wurde schnell ein Heer zusammengestellt, das ihm entgegenrücken und ihn zurückwerfen sollte. General Sigels Armeekorps blieb in den Befestigungen zum unmittelbaren Schutz der Hauptstadt liegen. Freilich war das Korps durch Verluste im Felde sehr geschwächt und auch dadurch, daß Generalmajor Milroys Brigade nach Westvirginien abkommandiert wurde. Milroy war ein großer, hagerer Mann, dem man die westliche Herkunft sofort anmerkte. Wenn er vor dem Feinde stand, galoppierte er vor der eigenen Front auf und ab und drohte den »rebellischen Schurken« da drüben mit der Faust. Sein Lieblingskommando war: Pitch in, boys, pitch in! (Drauf los, Jungens!), und er stürmte selbst tollkühn an der Spitze seiner Leute ins Gefecht. Er war durch und durch Patriot, und die Sache, für die er focht – sein Land, die Unantastbarkeit der Republik, Freiheit für die Sklaven –, war ihm stets gegenwärtig. Bei dem Gefecht vom 30. August wurde berichtet, er sei in höchster Aufregung mit seinem Degen umherfuchtelnd zu McDowell gesprengt und habe schon von fern laut nach Verstärkung gerufen: die Schlacht müsse gewonnen, das Vaterland müsse gerettet werden usw. In eben so erregter Sprache äußerte er sich über den Rückzugsbefehl. Seine Disziplin war eigenartig, er lebte mit seinen Soldaten in einer gewissen demokratischen Kameradschaft, die merkwürdigsten Anekdoten waren darüber im Umlauf, und in den verschiedenen Hauptquartieren wurde »das Neueste vom alten Milroy« oft herzlich belacht und weitererzählt. Trotz alledem tat er vorzügliche Dienste, genoß allgemeine Achtung, und wir sahen ihn ungern scheiden und neue Regimenter an seine Stelle treten.

Am 17. September wurde die Schlacht bei Antietam geliefert, aus welcher McClellan einen sehr wichtigen Sieg hätte machen können, wenn er nicht mit seiner üblichen Unentschlossenheit und Schwerfälligkeit den günstigen Augenblick versäumt hätte, in dem er die geteilte feindliche Armee leicht hätte schlagen können. So konnte nun General Lee die Schlacht von Antietam fast mit Recht eine »unentschiedene« nennen. Er zog sich, von den Unsrigen fast unbehelligt, über den Potomac zurück. Die Schlacht von Antietam wurde jedoch ein Markstein in der Geschichte der Menschheit, denn sie war die Veranlassung zu jener großen Tat, die den Namen Abraham Lincolns mit unvergänglichem Ruhm gekrönt hat. Es ist etwas Rührendes an der folgenden verbürgten Tatsache. Lincoln war von Zweifeln gequält, ob ein abermaliges Aufschieben der Veröffentlichung der Sklavenemanzipations-Proklamation nicht unter der Bevölkerung der Nordstaaten gefährliche Streitigkeiten heraufbeschwören werde, und gab endlich die wichtige Frage der Entscheidung des Himmels anheim. Er gelobte sich und »seinem Schöpfer« in seinem Herzen, daß die Proklamation sicher veröffentlicht werden sollte, wenn die nächste Schlacht die Union gewonnen würde. Und so kam die nach Lincolns Überzeugung von der Vorsehung gutgeheißene, große Proklamation nach der Schlacht von Antietam heraus, und vor den Augen der ganzen Welt war unser Krieg nunmehr nicht nur ein Krieg um die politische Union, sondern auch ein Krieg gegen die Sklaverei.

Die von der Proklamation zunächst hervorgebrachte Wirkung rechtfertigte in manchem das bisherige Zaudern des Präsidenten. Erstens brachte sie nicht sofort die von den Antisklavereivertretern erwartete Verwirrung in den inneren Verhältnissen der Südstaaten hervor. Man hatte freilich keinen Aufstand erwartet, aber doch, daß die konföderierte Regierung einen solchen fürchten und einen Teil ihrer Truppen zur Bewachung der Neger zurückziehen würde. Dann hatte man auch erwartet, daß die Zahl der Negerflüchtlinge aus den Südstaaten sehr viel größer sein würde, und damit die Arbeitskräfte im Süden, auch was den Unterhalt der Armee betraf, sehr verringert werden würden. Aber eine der bemerkenswertesten geschichtlichen Tatsachen jener Zeit ist diejenige, daß die meisten Sklaven auf den Pflanzungen und Farmen blieben und ihre Arbeit treu und in manchen Fällen sogar anhänglich weiter verrichteten, während sie im Herzen die Freiheit ersehnten. Nur als nach und nach unser Heer im Süden vordrang, verließen sie ihre früheren Herrschaften in großer Anzahl und traten zum Teil ins Heer; aber fast nirgends äußerte sich Rachsucht wegen Unrecht oder Grausamkeit, die sie etwa in der Sklaverei erduldet hatten.

Im Norden wurde die Emanzipations-Proklamation von den demokratischen Politikern sofort dazu benutzt, der Regierung vorzuwerfen, daß sie den »Krieg der Union« in einen »Abolitionskrieg« verwandelt habe, und man hörte viel aufrührerisches Gerede darüber, daß das Blut von weißen Bürgern vergossen würde, nur damit unseren südlichen Landsleuten ihr Negereigentum unrechtmäßig genommen würde, was den Gesetzen der Bundesverfassung geradezu widerspräche. Diese Agitation betraf freilich nur die demokratischen Parteigänger, aber sie diente doch dazu, deren Organisation zu befestigen und die Opposition gegen die republikanische Regierung in eine Opposition gegen die Fortsetzung des Krieges zu verwandeln. Andererseits steigerte sie die Begeisterung der Antisklavereipartei aufs höchste und gab ihr einen neuen Antrieb zur Tätigkeit. Überdies machte die Proklamation in Europa gewaltigen Eindruck. Freilich bekehrte sie die Feinde der amerikanischen Union in England und Frankreich nicht, aber sie rief doch eine so mächtige allgemeine Stimmung zugunsten unserer Sache hervor, daß unsere dortigen Feinde nicht dagegen aufkommen konnten.

Im Norden wurde jedoch die politische Lage bedenklich. Hunderttausende der republikanischen Wähler waren fern von der Heimat, im Heere. Willkürliche Verhaftungen, die einstweilige Aufhebung der Habeas Corpus-Akte, und dergleichen Eigenmächtigkeiten mehr, hatten viele gute Bürger aufgeregt und erzürnt. Unsere vielen Niederlagen im Kriege und die Unfruchtbarkeit unserer Siege, wie z. B. desjenigen von Antietam, wirkten entmutigend auf das Volk, und unsere vielen Mißerfolge wurden der Energielosigkeit der Regierung zugeschrieben. Die Folge davon war, daß bei den Novemberwahlen 1862 die Demokraten überraschende Erfolge hatten, daß sie die Staaten New York und New Jersey und manche Kongreßdistrikte anderer wichtiger Staaten gewannen und sich rühmten, daß sie bei den nächsten Wahlen die Macht über das ganze Repräsentantenhaus gewinnen würden. Die aufrichtigsten Freunde des Landes und der derzeitigen Regierung wurden bei dieser Lage der Dinge besorgt und schoben die Verantwortung dafür auf die Regierung, und nicht wenige wußten ihren Besorgnissen nicht anders Luft zu machen, als indem sie »an Lincoln schrieben«. Dadurch, daß Lincoln jeden angehört hatte, der nur den geringsten Anspruch auf sein Ohr hatte, und dadurch, daß er in Unterredungen, Briefen oder sonstigen öffentlichen Äußerungen auf alles, was ihm mitgeteilt wurde, liebenswürdig antwortete, hatte er fortwährend sozusagen freundliche Beziehungen zum Volke aufrecht erhalten, und »an Lincoln schreiben« war daher für niemanden etwas Außergewöhnliches. Lincoln selbst mußte, wie im gegenwärtigen Falle, oft unter dieser Volkstümlichkeit leiden.

In der Biographie Lincolns von Nicolay und Hay [Band VII, Seite 363] wird die Lage wie folgt beschrieben: »Im Herbst 1862 war Lincoln den schärfsten Angriffen und der herbsten Kritik von jeder Partei im Lande unterworfen. Seine konservativen Anhänger warfen ihm vor, daß er den Wünschen der Radikalen ungebührlich nachgegeben habe; die Radikalen erhoben die Anklage, er sei von den Konservativen gehemmt, wenn nicht gar bestochen. Von der einen Seite bestürmte man ihn laut und dringend um Frieden, von der anderen verlangte man laut und beleidigend eine kräftigere Fortführung des Krieges. Einem seiner Freunde, der ihn mit besonderer Offenheit angriff, gab er eine Antwort, welche als eine genügende Verteidigung gegen alle die zahlreichen damaligen Angriffe von radikaler Seite gelten kann.
Der »eine Freund« war ich.
Während ich im Felde stand, hatte ich einen mehr oder weniger regen Briefwechsel mit meinen politischen Freunden aufrechterhalten, um über alles, was im Lande vorging, stets auf dem Laufenden zu sein. Als ich in der Nähe von Washington lag, war ich öfter dort gewesen und hatte mit Leuten, die im öffentlichen Leben standen, gesprochen, u. a. mit Minister Chase und Senator Sumner. Die Eindrücke, die ich sowohl aus Briefen wie aus Gesprächen erhielt, waren düsterster Art. Das Volk war durchaus entmutigt und verlangte dringend nach Erfolgen unserer Waffen. Im Westen gab es ja solche, aber nicht im Osten, dem Hauptkriegsschauplatze. Mit Besorgnis bemerkte man, daß tollkühne Unternehmungen des Feindes, wie z. B. der Zug Stonewall Jacksons im Shenandoah-Tal, die wir mit unseren bedeutenden Mitteln hätten verhindern müssen, gelangen. Man bemängelte das fehlende Zusammenarbeiten der verschiedenen Anführer, und es ging sogar das Gerede, daß im Kriegsbureau in Washington Spione der Südstaaten säßen, und daß diese oder jene unserer Generäle nicht wünschten, daß die Unionsarmee einen entscheidenden Sieg erringe, sondern von einer beiderseitigen Erschöpfung einen für die Sklaverei günstigen Vergleich erhofften. Noch dreißig Jahre später hörte ich ähnliche Behauptungen von einem derzeitigen Stabsoffizier der Potomac-Armee, und wenn es damals auch vermutlich nur Prahlerei der Hauptquartiere war, so erregte derlei Gerede doch ernstliche Besorgnis.

Unter diesen Umständen schrieb ich aus meinem Lager an Lincoln und gab der allgemeinen Besorgnis, wie ich sie erkannte und empfand, Ausdruck. Ich glaubte dies umso mehr wagen zu dürfen, als Lincoln mich bei meinem Eintritt ins Heer gebeten hatte, ihm von allem, was ich für wichtig hielt, Mitteilung zu machen. Ich habe meinen Brief nie wieder gesehen und weiß seinen Inhalt nicht mehr genau. Einer seiner Hauptpunkte war jedenfalls der, daß die Regierung, angesichts des im Heere und im Volke herrschenden Argwohns, zur Ausführung ihrer wichtigen Aufgaben nur solche Männer wählen sollte, die unserer Sache ganz ergeben waren, und auf die man sich daher verlassen konnte. Vielleicht deutete ich an, daß die Regierung in dieser Hinsicht zu nachlässig gewesen sei. Lincoln antwortete sofort und stellte mich in seiner eigentümlich klaren, logischen Art wegen meiner Kritik zur Rede. In dem, was er schrieb, war ein Grundton von Ungeduld, ja von Gereiztheit, die ihm ganz fremd und vermutlich eine Folge der vielfachen Anzapfungen war, die er sich damals von allen Seiten gefallen lassen mußte.

Dieser Brief wurde von Hay und Nicolay zur Veröffentlichung in ihrer Biographie erwählt, als ein treffendes Beispiel für die Art, in welcher Lincoln damals auf abfällige Kritiken antwortete. Merkwürdigerweise wurde das Schriftstück nach fünfunddreißig Jahren von meinen Gegnern in politischer Debatte als Angriffswaffe gebraucht – vielleicht in Ermangelung einer besseren. Man wollte damit beweisen, daß ich ein ganz unpraktischer und nie zufriedener Nörgler sei, und daß ich sogar einen so guten und freundlichen Mann wie Lincoln gezwungen habe, seine Beziehungen zu mir abzubrechen. Nichts konnte verkehrter sein. In der Tat kenne ich keinen einzigen Fall, der charakteristischer wäre für Lincolns Art, etwaige Differenzen mit Freunden zu behandeln. Ein paar Tage, nachdem ich seinen Brief erhalten hatte, brachte mir ein Eilbote ein eigenhändiges kurzes Billett von ihm, das die Bitte enthielt, ihn aufzusuchen, sobald mein Dienst es gestatte, und zwar möglichst früh am Morgen, ehe der übliche Schwarm von Besuchern einträfe. Ich nahm gleich Urlaub und meldete mich am nächsten Morgen um 7 Uhr im Weißen Hause. Ich wurde sofort in ein kleines Zimmer hinaufgeführt, das damals zu Ministerratssitzungen benutzt wurde, und traf Lincoln in einem Lehnstuhl vor dem Kamin sitzend, die Füße in den bekannten riesenhaften ledernen Hausschuhen. Er begrüßte mich herzlich wie immer und bedeutete mir, neben ihm vor dem lodernden Kaminfeuer Platz zu nehmen. Dann schlug er mit seiner großen Hand gemütlich auf mein Knie und sagte lächelnd:

»Nun sagen Sie mir mal aufrichtig, junger Mann, ob Sie mich wirklich für solch einen elenden Kerl halten, wie Sie in Ihrem Briefe schreiben!«

Dieser Empfang brachte mich gewaltig in Verlegenheit. Ich sah Lincoln ins Angesicht, und die Kehle war mir wie zugeschnürt. Ich faßte mich aber bald und drückte ihm mein Bedauern aus, wenn ich ihm irgend etwas Verletzendes geschrieben hätte. Dann erklärte ich ihm meine Eindrücke der ganzen Lage und die Gründe, die mich bewogen hatten, ihm so zu schreiben, wie ich es getan. Er hörte ruhig und aufmerksam zu, und als ich geendet hatte, fragte er sehr ernst:

»Nun, ich weiß ja, daß Sie ein Vertreter der Antisklavereibewegung und mein guter Freund sind. Nun hören Sie zu, ich will Ihnen alles erzählen.«

Und dann entwickelte er in seiner klaren Art seine Ansichten über die gegenwärtige politische Lage, seine Hoffnungen und Befürchtungen, seine Sorgen und Verlegenheiten, und ließ manche eine Bemerkung über Menschen und Dinge einfließen, die ich leider nicht mehr genau wiedergeben kann. Weiter schilderte er, wie von allen Seiten die Kritik gekommen sei und ihn gereizt habe, und wie mein Brief, der übrigens einige gut begründete und nützliche Bemerkungen enthalte, ihn als ein kurzes Resumé all der verschiedenen Kritiken besonders getroffen und ihn zu einer Entgegnung veranlaßt habe. Dann schlug er mich wieder aufs Knie und setzte laut lachend hinzu:

»Habe ich’s Ihnen in meinem Briefe nicht ordentlich gegeben? Aber weh getan hat’s nicht, nicht wahr? Meine Absicht war’s nicht, Ihnen weh zu tun, und darum wollte ich auch gern, daß Sie bald zu mir kämen.« Er lachte wieder und schien die ganze Sache für einen guten Spaß zu halten; dann fügte er hinzu: »Nun, ich denke, wir verstehen uns, und damit ist die Sache erledigt.«

Als ich ihn nach etwa einstündiger, angeregter Unterhaltung verließ, fragte ich ihn, ob er noch wünsche, daß ich ihm schreiben solle. »Aber gewiß«, erwiderte er, »schreiben Sie immer, wenn der Geist Sie dazu treibt.« Und wir schieden als die besten Freunde.

Während das Sigelsche Korps in den Befestigungen von Washington lag, trugen sich wichtige Begebenheiten zu. Vierzehn Tage nach der Schlacht von Antietam, einer der blutigsten des ganzen Krieges, welche McClellan als einen großen Sieg seiner Waffen hinstellte, inspizierte der Präsident die Potomac-Armee, die noch immer in Maryland stand. Nach Washington zurückgekehrt, befahl der Präsident McClellan, vorzudringen; dieser aber zögerte in seiner gewohnten unschlüssigen Art noch drei Wochen, während welcher die Regierung und das Volk vor Ungeduld fast umkamen. Als McClellan endlich über den Potomac gegangen war, das Heer der Konföderierten jedoch nicht daran hindern konnte, Blue Ridge zu überschreiten und zwischen der Potomac-Armee und Richmond Stellung zu nehmen, wurde der General seines Kommandos enthoben und der Präsident setzte General Burnside an seine Stelle.

Diese Wahl war keine glückliche. Für einen so verantwortungsvollen Posten mußten Burnsides bisherige Leistungen und Erfolge zu gering erscheinen. Allerdings hatte er in der Schlacht bei Antietam eine Brücke gestürmt und gehalten, die noch heutigen Tages seinen Namen trägt. Das Stürmen und Halten einer Brücke scheint aber, seit Horatius Cocles mit seiner heldenmütigen Brückenverteidigung Rom rettete, stets einen besonderen Reiz für die Volksphantasie zu haben. Burnside war ein guter Patriot, sehr pflichttreu und wegen seiner Aufrichtigkeit und Freundlichkeit allgemein beliebt; aber er war kein großer Feldherr und fühlte das selbst. Unser Korps war zum Schutz des linken Flügels der Unionsarmee nach Virginien kommandiert worden, und ich war daher zufällig zugegen, als einige andere Generäle Burnside zu seiner Beförderung Glück wünschten. In seiner herzlichen Art dankte uns Burnside für unsere freundliche Begrüßung und setzte mit seiner natürlichen, überzeugenden Offenherzigkeit hinzu, daß er wohl wisse, daß er einer solchen führenden Stellung nicht gewachsen sei, aber da sie ihm anvertraut werde, wolle er sein Bestes tun und habe die Zuversicht, daß wir alle treu zu ihm halten würden. Es war etwas Rührendes an diesem offenen Bekenntnis seiner Unzulänglichkeit, was menschlich sehr für ihn einnahm, aber kurz darauf sprachen die Generäle untereinander kopfschüttelnd darüber und fragten sich, wie wir Vertrauen zu einem Feldherrn haben könnten, dem es so vollständig an Selbstvertrauen gebrach. Unser entmutigendes Mißtrauen sollte nur zu bald gerechtfertigt werden.

Da der hauptsächliche Vorwurf gegen McClellan sein Zaudern gewesen war, beschloß Burnside, sofort zu handeln. Sein Plan war, bei Fredericksburg über den Rappahannock zu gehen und von da gegen Richmond vorzurücken. Seine in vorzüglichem Zustande befindliche Armee teilte er in drei »große Divisionen« unter General Sumner, General Hooker und General Franklin. Die Reserve unter General Sigel bestand aus dem 11. Armeekorps und einigen anderen Truppen. Der ganze Feldzug war eine Reihe von groben Fehlern, Unglücksfällen und schlecht entworfenen oder schlecht ausgeführten Plänen, die in einem furchtbaren, Tausende dahinraffenden Gemetzel gipfelte. Am 17. November traf Sumners Korps in Falmouth, Fredericksburg gegenüber, ein. Die übrige Armee folgte innerhalb zwei Tagen, aber der Pontontrain, der den Übergang bewerkstelligen sollte, erschien erst am 25. November. Inzwischen hatte General Lee seine Truppen zusammengezogen und seine Position zur Verteidigung gestärkt. Erst am 11. Dezember schlug Burnside seine Pontonbrücken. und rückte zum Angriff über den Fluß. Sigels Reservekorps blieb auf dem linken Flußufer, von wo aus wir einen großen Teil des Schlachtfeldes überblicken konnten. Es war ein offenes Gelände, welches sich hinter der Stadt Fredericksburg bis auf die Marye-Höhen hinaufzog, von wo Lees verschanzte Batterien und Infanterie-Bataillone herabdrohten. In den Wäldern zu unserer Linken, wo Franklins große Division über den Fluß gegangen war, hätte der Hauptangriff erfolgen sollen, und dort wurde die Schlacht am 13. Dezember bald nach Sonnenaufgang unter einem winterlich grauen Himmel eröffnet. Untätig in Reserve stehend, horchten wir eifrig auf das donnernde Geschützfeuer und hofften, nun würde der allgemeine Angriff beginnen. Aber der allgemeine Angriff blieb aus. Ein planloses Feuern schien bald vorzudringen, bald zurückzuweichen. Um elf Uhr befahl Burnside, von Fredericksburg aus Lees feste Stellung auf den Höhen von Marye anzugreifen. Unsere Leute rückten mit Begeisterung vor und wurden von einem furchtbaren Artillerie- und Gewehrfeuer empfangen. Sie hielten einen Augenblick inne, dann stürmten sie wieder vor. Durch unsere Feldstecher sahen wir sie zu Hunderten fallen. Sowie sie sich Lees Verschanzungen näherten, schoß ein Feuerstreifen hervor und riß furchtbare Lücken in unsere Reihen. Doch wichen unsere Leute nicht zurück, sie standen wohl einen Augenblick, nahmen dann aber zähe den Angriff wieder auf. Eine Kolonne, die mit gefälltem Bajonett vordrang, schien die feindlichen Schanzen fast zu erreichen, schmolz dann aber dahin. Hier und dort sahen wir Gruppen der unsrigen, die in Schußweite des Feindes gelangten, plötzlich umsinken, wie hohes Gras vor der Sense. Sie hatten sich zu Boden geworfen, um unter dem feindlichen Kugelregen kriechend vorzudringen. Aber vergebens. Die feindliche Linie war vortrefflich aufgestellt, wurde von einem Kanal, einer tiefliegenden Straße, steinernen Mauern und geschickt disponierten Verschanzungen geschützt und überdies so glänzend verteidigt, daß sie im Frontangriff nicht genommen werden konnte. Der Anbruch der Nacht war höchst willkommen, denn die Fortsetzung der Schlacht hätte nur ein fortgesetztes Gemetzel bedeutet. Wir von der Reserve hatten den ganzen Tag dagestanden, hatten alles gesehen und darauf gebrannt, unseren tapferen Kameraden zu Hilfe zu eilen, und hatten uns doch sagen müssen, daß es nutzlos sein würde. Heiße Tränen des Mitleids und der ohnmächtigen Wut rannen bei dem grausigen, quälenden Anblick über manche wetterharte Wange.

Burnside war in heller Verzweiflung; er hatte vor, am anderen Tage den Angriff wieder aufzunehmen, aber seine Generäle rieten davon ab. In der folgenden Nacht ging das Heer unter dem Schutze der Dunkelheit und eines schweren Regens wieder über den Rappahannock zurück, ohne vom Feinde belästigt zu werden. Dies war ein Fall, wo selbst ein Feldherr von der Bedeutung des Generals Robert E. Lee die günstige Gelegenheit verpaßte. Hätte er seinen Erfolg durch eine rasche und kräftige Verfolgung unseres geschwächten Heeres ganz ausgenutzt, so hätte er unseren Rückzug in die schlimmste Verwirrung bringen können und den größten Teil unserer Truppen unfehlbar in den Fluß gedrängt. Wir atmeten erleichtert auf, als wir dieser Gefahr glücklich entronnen waren.

General Burnside benahm sich durchaus ehrenhaft. Tapfer hatte er in der Schlacht sein altes Armeekorps persönlich ins Feuer führen wollen und hatte nur, auf Widerraten seiner Generäle davon Abstand genommen. Ebenso tapfer nahm er jetzt die ganze Verantwortung für die Niederlage auf seine eigenen Schultern. Er machte keinem den geringsten Vorwurf, sondern war voll Lobes für Offiziere und Truppen und nahm alle Schuld auf sich. Diese hochherzige Haltung fand beim Volke begeisterte Zustimmung, aber im Heere war das Vertrauen zu seiner Tüchtigkeit und Urteilskraft erschüttert. Die Zahl der Deserteure wuchs erschreckend, und viele Offiziere nahmen ihren Abschied. 85000 Mann sollen in jener Zeit beim Appell gefehlt haben. Darüber sehr verstimmt, beschloß Burnside abermals vorzudringen und, wenn möglich, seinen Mißerfolg wieder gut zu machen. Er hatte vor, den Fluß an einer der oberen Furten zu überschreiten, aber ein andauernder heftiger Regen setzte ein, und die Straßen wurden absolut unwegsam. Die Infanterie stak fast bis zum Gürtel im Schlamm, und die Artillerie war überhaupt nicht zu bewegen. Ich denke noch an eine meiner Batterien, die am Abend auf verhältnismäßig fest erscheinendem Boden aufgepflanzt wurde und deren Geschütze am anderen Morgen bis an die Achsen in den sandigen Schlamm gesunken waren, so daß die gesamten Pferde einer Batterie nötig waren, um jedes einzelne Geschütz herauszuziehen. Über die ganze Gegend ringsumher waren halb versunkene Geschütze, Pontons, Munitions- und Ambulanzwagen verstreut. Es war ein unbeschreiblicher Anblick, und durch das ganze Land hallte der Ruf: »Burnside, steckt im Dreck!« (Burnside stuck in the mud). Das war buchstäblich wahr. Von unwegsamen Straßen konnte nicht mehr die Rede sein, denn es gab gar keine Straßen mehr, das ganze Land war Straße. In Virginien war nördlich vom Rappahannock in der letzten Zeit so viel Militär hin und her bewegt worden, daß alles zerstampft und zertreten, Hecken verschwunden und Wälder abgeholzt waren. Wurden die Straßen schlecht, so wurden sie mit einem Knüppeldamm belegt. Blieb das Wetter gut, so bildeten die dicht nebeneinander gelegten Baumstämme ein leidliches Pflaster, aber sobald es stark regnete, bedeckte den Knüppeldamm bald eine dicke, weiche Lehmschicht, die zahlreiche tiefe Löcher verdeckte, wahre Fallgruben, in denen die Mannschaften dann plötzlich bis an die Hüften versinkend zappelten, und Geschütze und Wagen sich festfuhren. Vergebens versuchten die Leute ihr Heil rechts und links vom Knüppeldamm, auch die übrige zur Straße gewordene Gegend wies Schlamm und Löcher auf; Geschütze staken in einem schwarz und gelben Morast, Infanteristen sah ich bis an die Knie im Schlamme stehen und fluchen, wie nur ein vollständig verärgerter Soldat fluchen kann. Ein Pontontrain, der das Heer über den Rappahannock bringen sollte, war überhaupt nicht zu bewegen. So sah es bei Burnside aus. Hilflos steckte er im Dreck. – Burnside stuck in the mud.

An ein weiteres Vordringen war nicht zu denken; so gut es ging, zog der General seine Truppen wieder ins Lager bei Falmouth zurück. Glücklicherweise war es bei diesem Zustand der Wege für Lee ebenso unmöglich zu marschieren wie für Burnside. Er hätte mit uns leichtes Spiel gehabt, denn die Demoralisation hatte in der Potomac-Armee ihren Höhepunkt erreicht, und da die loyale Bevölkerung im ganzen Lande sehr mißmutig und Gefahr vorhanden war, daß sie der Regierung ihr Vertrauen ganz entziehen würde, erschien ein Wechsel im Kommando der Potomac-Armee notwendig, und der Präsident ernannte General Hooker.

Wenn es Burnside an Selbstvertrauen mangelte, so hatte Hooker einen Überfluß davon. Er war einer der schärfsten Tadler McClellans, Burnsides und der Regierung gewesen, hatte sogar laut nach einer militärischen Diktatur verlangt. Aber er hatte als Divisions- und Korpskommandeurs Erfolge gehabt, hatte sich den Spitznamen »Fighting Joe« errungen und besaß das unbedingte Vertrauen der Soldaten und der meisten Generäle. Lincoln ignorierte, wie das seine Art war, all die bösen Dinge, die Hooker von ihm gesagt hatte, und ernannte ihn zum Oberbefehlshaber der Potomac-Armee, weil nach seiner Ansicht das Interesse des Vaterlandes es erheischte. Der amtlichen Ernennung fügte er einen äußerst freundlichen Brief voll guter Ratschläge bei. Hooker war ein auffallend schöner Mann, hatte ein bartloses, regelmäßiges Gesicht, frische Farben, scharfe blaue Augen, eine gute, stattliche Figur und eine stramme, militärische Haltung. Wenn er an der Spitze seines Stabes vorbeiritt, lachte einem das Herz im Leibe. Sein Organisationstalent zeigte sich sofort; die düstere Stimmung im Lager machte einer hoffnungsvollen Platz, und am 30. April hatte die Potomac-Armee eine kriegstüchtige Stärke von 130000 Mann und 400 Geschützen erreicht.

Hooker gab die »großen Divisionen« auf und verfügte über die Kommandeure. Sumner wurde wegen Alters pensioniert, Franklin wurde – meiner Ansicht nach sehr mit Unrecht – wegen Vorkommnissen im Feldzuge mit Burnside kaltgestellt, und Sigel, der die Reserve kommandiert hatte, verließ auch die Potomac-Armee. Seine Gründe dafür hat er mir nie eröffnet, sie sind aber wohl in seinen Beziehungen zu den Offizieren im Osten zu suchen. Er wurde von diesen stets als ein fremdländischer Eindringling betrachtet, seine Erfolge im Westen wurden diskreditiert, und wenn er die leiseste Gelegenheit zum Tadel bot, erfolgte dieser in auffallender Schärfe. Pope war ihm nicht hold, und Halleck scheint ihn mit besonderer Unfreundlichkeit behandelt und seinen Mut in Frage gestellt zu haben, vielleicht wegen persönlicher Reibereien. Offiziere wie Mannschaften des elften Armeekorps hörten mit Bedauern von Sigels Abgang; Hooker ersetzte ihn durch Generalmajor Howard. Es ist verschiedenstlich behauptet worden, daß Hooker diesen ermannte, damit ich nicht an der Spitze des Korps bliebe, dessen Kommando ich, da ich am 14. März 1863 zum Generalmajor avanciert war, als rangältester Offizier bei Sigels Abgang provisorisch übernommen hatte. Sigel hatte mich warm empfohlen, aber ob und weswegen ich General Hooker nicht genehm war, weiß ich nicht. Jedenfalls begehrte ich die Stelle nicht, sondern fand es ganz natürlich, daß unter den obwaltenden Umständen einem verdienstvollen Fachsoldaten das Kommando anvertraut wurde, und hieß General Howard daher mit aufrichtiger Befriedigung willkommen. Er war ein schlanker junger Mann mit dunklem Bart, hatte gewinnende Manieren und war zweifelsohne ein tapferer Soldat; denn er hatte bereits in diesen Feldzuge einen Arm verloren. Er war ein Schüler von West Point, aber ohne fachmännischen Dünkel und kein kleinlicher Vorgesetzter. Er stand im Rufe sehr religiös zu sein, vermied es jedoch damals, seine Frömmigkeit zur Schau zu tragen. Ich hatte nicht den Eindruck großer Geistesstärke bei ihm; eine gewisse Entschlußlosigkeit zeigte sich in seinen Gesprächen, aber er konnte ja im Handeln anders sein. Unsere Beziehungen gestalteten sich bald sehr angenehm, ja herzlich, aber bei den übrigen Offizieren und den Mannschaften wurde er nicht beliebt.

Es gab noch mehr Neubesetzungen im Korps, z. B. wurde die Schencksche Division dem Brigadegeneral Charles Devens aus Massachusetts übertragen, den ich vierzehn Jahre später als Kollegen im Kabinett Präsident Hayes wiedersehen sollte, wo wir gute Freunde wurden. Seine Ernennung zum Kommandeur der ersten Division des elften Armeekorps war aber insofern verfehlt, als Brigadegeneral McLeans rechtmäßige Ansprüche auf Beförderung dadurch übergangen wurden, und Devens eigenes Wesen zu streng und abweisend war, als daß die Offiziere und Mannschaften der Division diese Ungerechtigkeit leicht vergessen hätten. Ein anderer Neuankömmling war General Francis Barlow, den die Geschichte des Krieges als der Tapfersten einen nennt. Zu der Zeit war jedoch sein Ruhm noch jung, und durch seine Ernennung zum Kommandeur unserer zweiten Division wurde leider ebenfalls ein sehr tüchtiger, tapferer und beliebter Offizier, Oberst Orland Smith, übergangen.

Ich behielt mein Kommando, die dritte Division des elften Armeekorps, welche durch einige neue Regimenter verstärkt wurde. Eins derselben wurde von keinem geringeren als dem Obersten Friedrich Hecker kommandiert, dem bedeutendsten Führer der Republikaner im 48er Deutschland, der jetzt ein eifriger amerikanischer Patriot und Vertreter der Antisklavereisache war. Er war nicht mehr jung, aber in der Vollkraft der besten Mannesjahre. Unter seinen Hauptleuten befand sich Emil Frey, ein junger Schweizer, der seine Universitätsstudien unterbrochen hatte, um herüberzukommen und für die große Freiheitssache der Menschheit in der amerikanischen Republik zu kämpfen. Nach Beendigung des Krieges kehrte er in sein Heimatland zurück, um später als Gesandter des schweizerischen Bundes wieder nach den Vereinigten Staaten zu kommen. Seitdem hat er die höchsten politischen Ämter seines Vaterlandes bekleidet. Ferner hatten wir ein Regiment (das 26. Wisconsin), das fast ganz aus Söhnen der deutschen Bevölkerung von Milwaukee bestand. Und endlich war als Regimentskommandeur Oberst Elias Peißner, Professor am Union College, Shenectady, dabei. Er hatte eine ganz auffallende Ähnlichkeit mit König Ludwig I. von Bayern, von dem er, wie das Gerücht ging, ein natürlicher Sohn sein sollte. Jedenfalls war Oberst Peißner ein Mann von lauterstem Charakter, feinster Bildung, ausgedehntem Wissen und hervorragender militärischer Befähigung. In seinem Oberstleutnant, John T, Lockman, den ich bis zum heutigen Tage meinen vertrauten Freund nennen darf, hatte er einen würdigen Kameraden. Von meinen zwei Brigadekommandeuren war Schimmelpfennig verdientermaßen zum Generalmajor avanciert. Krzyzanowski hatte nicht so viel Glück gehabt; der Präsident hatte auch ihn vorgeschlagen, der Senat ihn aber nicht bestätigt, weil, wie es hieß, niemand seinen Namen aussprechen konnte.

Mitte April war Hooker zum Vormarsch bereit. Sein Plan war vorzüglich. Lee hielt die Höhen südlich vom Rappahannock, am Fluß entlang, rechts und links von Fredericksburg besetzt. Hooker nahm sich vor, diese stark befestigte Stellung zu umgehen, indem er den oberen Rappahannock passierte und Lee in den Rücken fiel. Eine Kavallerieexpedition unter General Stoneman, die Lees linke Flanke umgehen und seine Kommunikationen mit Richmond unterbrechen sollte, mißlang; aber, obgleich dies bedauerlich war, störte es Hookers Feldzugsplan absolut nicht. Am 27. April morgens marschierten das elfte, zwölfte und fünfte Armeekorps nach Kelly’s Ford, einer Furt, die 27 Meilen oberhalb Fredericksburg lag und die sie am 28. April nachmittags erreichten. Ich erinnere mich deutlich jener zwei Tage. Die Armee war in vortrefflichem Zustand und in bester Stimmung. Offiziere und Mannschaften fühlten anscheinend instinktiv, daß diese Offensivbewegung die günstigsten Resultate versprach. Lachen und Gesang erheiterten die Mühsal des Marsches. Eine Pontonbrücke wurde über den stark geschwollenen Fluß geschlagen, und noch vor Mitternacht ging unser Korps hinüber.

Nach unserem zweitägigen Marsch stromaufwärts am nördlichen Ufer des Rappahannock galt es nun einen zweitägigen Marsch stromabwärts am südlichen. Wir gingen durch eine Furt über den Rapidan, erreichten am 30. April nachmittags die Wi1derness, d. h. Wildnis, genannte Gegend, und machten etwa zwei Meilen westlich von Chancellorsville Halt. In der folgenden Nacht kampierten vier Armeekorps in der Gegend, das 11., 12. und 5., die von Kelly’s Furt heruntergekommen waren, und das 2. unter General Couch, welches durch die United States Furt gegangen war, sobald unser Vormarsch sie freigelegt hatte. Im ganzen waren es 50000 Mann. Diese Flankenbewegung war von einer Bewegung General Sedgwicks maskiert worden. Er war ein paar Meilen unterhalb Fredericksburg über den Rappahannock gegangen, und zwar mit einer so zahlreichen Truppenabteilung, daß Lee den Hauptangriff von dort erwarten durfte. Als der Übergang bewerkstelligt war, stieß das Armeekorps unter Sickles zu Hooker in Chancellorsville. Bis dahin, Donnerstag, den 30. April, war Hookers Plan vollständig gelungen; sein Tagesbefehl für die Potomac-Armee war denn auch auf den für ihn charakteristischen, ruhmredigen Ton gestimmt:

»Mit herzlicher Befriedigung kann der kommandierende General seiner tapferen Armee mitteilen, daß infolge der Operationen der letzten drei Tage der Feind entweder ruhmlos fliehen oder aus seiner festen Stellung herausrücken und uns auf unserem Gelände die Schlacht anbieten muß, wo ihn sichere Niederlage erwartet. Die Operationen des 11., 12. und 5. Armeekorps waren eine Reihe von Heldentaten«.

Der Stil erinnerte etwas an Popes großsprecherische Tagesbefehle. Auch war der Eindruck, den der Armeebefehl bei Offizieren und Mannschaften hervorrief, keineswegs günstig. Gewiß freute es sie, Lob für ihre »Heldentaten« zu ernten, aber sie mußten sich doch sagen, daß diese bisher nur in Märschen bestanden hatten, und daß die eigentliche Probe noch kommen sollte. Sie hofften wohl, daß die 130000 Mann starke Potomac-Armee imstande sein würde, Lees nur 60000 Mann zählendes Heer zu schlagen, aber es ging ihnen gegen das Gefühl, daß ihr Oberbefehlshaber sich so prahlerisch rühmte, den Feind ganz in der Gewalt zu haben, besonders wo dieser Feind General Robert E. Lee an der Spitze der besten Infanterie der ganzen Welt war. Dennoch hofften wir alle das Beste und studierten eifrig die Karten nach dem wichtigen strategischen Punkt; wo wir morgen losschlagen würden. Aber »morgen« brachte uns eine bittere Enttäuschung .

Am Freitag, dem 1. Mai, morgens befahl Hooker einer mehrere Divisionen starken Abteilung, auf Fredericksburg und die feindlichen Kommunikationslinien vorzurücken. Unser Korps hatte auch Marschorder erhalten und brach um 12 Uhr mittags auf. Wir waren jedoch kaum in Marschordnung auf dem Wege, als wir in die Stellung zurückkommandiert wurden, die wir während der Nacht innegehabt hatten. Was sollte das bedeuten? General Hooker hatte damit begonnen, den Feind mit einer großen Flankenbewegung überraschen zu wollen. Er hatte uns dem Feind in den Rücken geführt. Alles war gelungen, und wir hatten den Feind tatsächlich überrascht. Dieser Erfolg konnte aber nur durch rasch entschlossenes, tatkräftiges Weitergehen ganz ausgenutzt werden. Man durfte nicht erwarten, daß ein Feldherr von der Bedeutung Lees untätig in der Überraschung verharren würde. Er würde jedenfalls prompt handeln, wenn wir es nicht taten! Und so kam es auch. Als wir am 30. April nachmittags bei Chancellorsville Halt machten, hätten wir ebensogut noch ein paar Meilen weiter marschieren und einige wichtige Punkte einnehmen können, etwa Banks Furt am Rappahannock oder eine beherrschende Stellung in der Nähe von Fredericksburg. Inzwischen hatte Lee Hookers Plan erraten und hatte seine Truppen zusammengezogen, um sie unserem Angriff entgegenzuwerfen. Sobald nun am Freitag, dem 1. Mai, unsere Kolonnen nach Fredericksburg vorrückten und auf den Feind stießen, zog sich Hooker zurück und befahl seinem Heer die Defensivstellung wieder einzunehmen und Lees Angriff zu erwarten. Auf diese Weise wurde der so glänzend eröffnete Offensivfeldzug in einen Defensivfeldzug verwandelt. Hooker hatte die Initiative in der Bewegung aufgegeben und Lee den unschätzbaren Vorteil vollständiger Bewegungsfreiheit überlassen. Lee konnte sich in bester Ordnung auf seine Kommunikationslinie mit Richmond zurückziehen, oder er konnte seine Truppen zusammenziehen und den für ihn günstigsten Punkt in Hookers Defensivstellung angreifen Sobald dieser Wechsel Hookers von frischer fröhlicher Offensive zur einfachen Defensive offenbar wurde, sank die heitere Stimmung bei den Offizieren und Mannschaften der Potomac-Armee und machte düsterem Kopfschütteln Platz. Das Vertrauen, das sie zu der Feldherrnklugheit und dem kühnen Wagemut ihres Anführers »Fighting Joe« gehabt hatten, wich begründeten Zweifeln. Die defensive Stellung der Potomac-Armee hätte kaum unglücklicher gewählt werden können. Sie war mitten in der »Wildnis«, einem ausgedehnten Gebiet von Wäldern, deren dichtes Unterholz von verkrüppelten Zwergeichen und Zwergtannen schier undurchdringlich erschien. Einige unregelmäßig gehauene Lichtungen ließen hier und da eine beschränkte Aussicht zu, aber ringsumher ragten die düsteren Wälder empor, die nicht dicht genug waren, um die Annäherung feindlicher Truppen zu verhindern, aber fast überall dicht genug, um ihre Annäherung zu verbergen.

Eine eingehende Schilderung der Stellung unserer Truppen ist zum Verständnis der nachfolgenden Tragödie ganz unerläßlich, ich muß daher den freundlichen Leser bitten, meinen Ausführungen geduldig zu folgen und nichts zu überschlagen, selbst wenn er manches uninteressant finden sollte.

Die westlichste der von unseren Truppen in der »Wildnis« besetzten Lichtungen wurde von der »Old Turnpike«, einer in ostwestlicher Richtung von Fredericksburg nach Orange Court House laufenden Chaussee, geschnitten. Diese Chaussee entlang war die erste Division des 11. Armeekorps unter General Devens weit auseinandergezogen aufgestellt; ihre erste Brigade unter Oberst Gilsa stand westlich der Lichtung auf der Chaussee. Ringsumher waren dichte Wälder. Zur Deckung unseres rechten Flügels und unseres Rückens waren zwei von Oberst Gilsas Regimentern im rechten Winkel zur Chaussee aufgestellt und auf der Chaussee selbst zwei Geschütze Die übrige Brigade befand sich auf der Chaussee mit der Front nach Süden vor sich, hinter sich und zur Seite ein undurchdringliches Dickicht. Die zweite Brigade unter General McLean stand ebenfalls auf der Chaussee nach Süden gerichtet, im Rücken dasselbe dichtes Buschwerk, und die Front von rasch aufgeworfenen Feldschanzen gedeckt. Vier Geschütze, Dieckmanns Batterie, waren auf der Talley Farm aufgestellt und ebenfalls nach Süden gerichtet. Dann kam meine Division, auch zum Teil auf der Straße aufgestellt mit Richtung nach Süden, Feldschanzen vor sich und Dickicht im Rücken, und zum Teil als Reserve auf einer großen Lichtung, wo sich außer Hawkins’ Farm eine alte Kirche in einem kleinen Hain befand, sowie Dowdall’s Tavern, ein hölzernes, an der Chaussee gelegenes Haus, in dem der Korpskommandeur General Howard sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. In der Lichtung traf in der Nähe von Dowdall’s Tavern eine andere Chaussee in rechtem Winkel auf die »Old Turnpike«. Sie kam von Südwesten und hieß Plank Road. An dem also gebildeten rechten Winkel war Dilgers Batterie aufgestellt und ebenfalls nach Süden gerichtet. An Dilgers linke Flanke stießen Oberst Buschbecks Brigade und Hauptmann Wiedrichs Batterie hinter einem Schützengraben nach Süden gerichtet. General Barlows Brigade mit drei Batterien Reserveartillerie standen als allgemeine Korpsreserve am östlichen Rande der Lichtung.

So bildete das 11. Armeekorps die äußerste Rechte. Östlich lagen abermals dichte Wälder, durch welche die »Old Turnpike« an eine dritte große Lichtung führte, wo sich »Chancellor House« befand, ein Haus» das als Hauptquartier General Hookers diente. Links vom 11. Armeekorps hatte das 2. Armeekorps unter Sickles und das 12. Armeekorps unter Slocum Stellung, noch weiter östlich die übrige Armee.

Am Sonnabend, dem 2. Mai, morgens, ritt General Hooker mit einem Teil seines Stabes seine ganze Linie entlang und wurde überall mit begeisterten Zurufen empfangen. Er inspizierte die Stellung des 11. Armeekorps und fand sie ,,sehr stark«.

Die Stellung hätte wohl einigermaßen stark sein können, wenn General Lee General Hooker den Gefallen getan hätte, in einem Frontangriffe mit der Stirn gegen die Feldschanzen zu rennen. Aber wenn er das nicht tat? In meinem offiziellen Bericht sagte ich: »Unser rechter Flügel stand vollständig in der Luft, ohne jegliche Unterstützung und zwar in einem Walde, der dicht genug war, um den freien Blick ringsumher zu hemmen; und doch nicht dicht genug, um den Anmarsch der feindlichen Truppen zu hindern. Unser Rücken war dem Feinde vollständig preisgegeben. Er konnte uns, durch die große Lücke zwischen Gilsas rechtem Flügel und der bei Ely Furt postierten Kavallerie heranrückend, ganz und gar umzingeln. Einem Angriff von Westen oder Nordwesten her konnten wir nur durch einen vollständigen Frontwechsel begegnen. Unsere Aufstellung war jedoch einem solchen, besonders in der Eile bewerkstelligten Frontwechsel durchaus ungünstig. Es war fast unmöglich, einige unserer Regimenter zu bewegen, denn sie standen auf der alten Chaussee zwischen Feldschanzen und dichten Wäldern eingeklemmt und in langer Linie aufmarschiert, so daß gerade noch Raum für die Gewehrpyramiden und für einen schmalen Weg blieb. Und diese Chaussee war überdies die einzige Verbindung zwischen den verschiedenen Teilen unserer Front Was am meisten zu fürchten war, ein Angriff von Westen, das gerade geschah.

Am ganzen vorhergehenden Tage, dem 1. Mai, hatten wir unsere Linie entlang feuern hören; das war der Feind, der sich über die Ausdehnung unserer Front orientierte. Gegen Abend fielen ein paar feindliche Granaten von einer Höhe, die General Devens linker Flanke gegenüberlag. General Schimmelpfennig, Kommandeur der ersten Brigade, erhielt Befehl, ein Regiment hinzusenden und die Geschütze zu nehmen oder aus ihrer Stellung zu vertreiben. Nach einem heißen kleinen Scharmützel kehrte das Regiment zurück und meldete, daß die Geschütze fort seien. Die Nacht verging ruhig.

Am anderen Morgen jedoch, dem 2. Mai, nicht lange nachdem General Hooker unsere Stellungen inspiziert hatte, wurde mir gemeldet, daß man von General Devens Hauptquartiers aus große feindliche Kolonnen auf einer in etwa einer Meile Entfernung von der Plank Road und mit dieser parallel laufenden, erhöht liegenden Straße sich von Osten nach Westen bewegen sehen konnte. Ich eilte nach Talley’s Farm, wo ich sie selbst ganz deutlich an einer Waldlichtung vorbeipassieren sah, Infanterie, Artillerie und Wagen. Sofort kam mir der Gedanke, daß dies Stonewall Jackson sei, der »große Flankierer«, der auf unseren rechten Flügel marschierte, um ihn zu umzingeln und uns in den Rücken zu fallen. Ich galoppierte nach dem Hauptquartier des Korps in Dowdall’s Tavern zurück und befahl unterwegs dem Hauptmann Dilger, er solle sich nach guten Artilleriestellungen mit der Front nach Westen umsehen, da das Armeekorps aller Wahrscheinlichkeit nach einen Frontwechsel würde ausführen müssen. Ich machte sofort von allem, was ich gesehen, bei General Howard Meldung und sprach meine feste Überzeugung aus, daß Jackson uns von Westen angreifen würde. Ich versuchte ihn ferner zu überzeugen, daß wir in diesem Falle in unserer eingezwängten Stellung mit der Front nach Süden, wenn der Angriff von Westen erfolgte, nicht würden kämpfen können und daß General Devens Division und ein großer Teil meiner eigenen ineinander geschoben werden und in vollständige Verwirrung geraten würden, wenn nicht ein Frontwechsel ausgeführt und die Truppen auf günstigere Gelände gestellt würden. Nach meiner Meinung müßte unser rechter Flügel zurückgezogen und das Korps in rechtem Winkel zur alten Chaussee in Schlachtlinie aufgestellt werden, der Hain mit der Kirche und die Waldränder östlich der Lichtung müßten mit Infanterie besetzt werden, mit starken Staffeln hinter beiden Flügeln, und die Artillerie müßte mit der Front nach Westen auf den günstigsten Punkten Stellung nehmen, besonders auf den Höhen rechts und links von Dowdall’s Tavern. In einer solchen Stellung, in der wir die Lichtung vor uns mit unseren Geschützen und unserer Infanterie beherrschten, den Feind mit gelegentlichen Offensivbewegungen aufhalten und seinen etwaigen Flankenbewegungen mit unseren Staffeln begegnen könnten, würden wir uns selbst gegen eine feindliche Übermacht halten können, bis General Hooker in unserem Rücken, den jeweiligen Umständen gemäß, Dispositionen getroffen hätte.

Ich drang so eifrig auf diese Ansicht wie meine schuldige Ehrfurcht vor meinem vorgesetzten Befehlshaber es gestattete, aber General Howard stimmte ihr nicht zu. Er blieb hartnäckig bei seiner Ansicht, die, wie er sagte, General Hooker teilte, daß Lee nicht unseren rechten Flügel angreifen wolle, sondern bereits in vollem Rückzug auf Gordonville begriffen sei. Ich war maßlos erstaunt über diese Ansicht. Konnte man vernünftigerweise annehmen, daß Lee, wenn er wirklich im Rückzug begriffen war, seine Kolonnen an unserer Front entlang marschieren lassen würde, statt von ihr fort, was er viel ungestörter tun konnte? Aber Howard wollte dies nicht einsehen, und er schloß die Unterredung, indem er sagte, daß Hooker vor ein paar Stunden die Stellung des 11. Armeekorps inspiziert und sie gut gefunden hätte. Hooker selbst scheint freilich in diesem Augenblicke nicht mehr so fest davon überzeugt gewesen zu sein wie einige Stunden zuvor.

Kurz vor Mittag sagte mir Howard, er sei sehr müde und brauche Schlaf. Da ich im Range der nächste war, bat er mich, im Hauptquartier zu bleiben, alle eintreffenden Depeschen zu lesen und ihn zu wecken, wenn sie von Wichtigkeit wären. Bald nachher traf ein Meldereiter mit einer Depesche von General Hooker ein, in welcher Howard auf die feindliche Bewegung gegen unseren rechten Flügel aufmerksam machte und ihn anwies, Maßregeln zum Widerstand in jener Richtung zu treffen. Sofort weckte ich General Howard, las ihm die Depesche vor und legte sie in seine Hände. Wir hatten kaum ein paar Worte über die Angelegenheit gewechselt, als noch ein Meldereiter, ein junger Ordonnanzoffizier, angesprengt kam, der eine Depesche desselben Inhalts brachte. Später habe ich dieses Dokument gedruckt gesehen und erkannte es als dasjenige, welches ich an jenem verhängnisvollen Tage gelesen und an General Howard gegeben hatte. Der Wortlaut war wie folgt:

Hauptquartier der Potomac-Armee, Chancellorsville, den 2. Mai 1863, 9.30 Uhr vormittags. – Herren Generalmajor Slocum und Generalmajor Howard. – Der Oberbefehlshaber beauftragt mich, Ihnen mitzuteilen, daß die von Ihnen getroffenen Dispositionen einen Frontangriff des Feindes voraussetzen. Sollte er sich auf Ihre Flanke werfen, so wünscht der Oberbefehlshaber, daß Sie das Gelände untersuchen und beschließen, welche Stellung Sie eventuell einnehmen wollen, damit Sie vorbereitet sind, von welcher Richtung auch der Angriff erfolgt. Der Oberbefehlshaber schlägt vor, starke Reserven zur Hand zu haben, um dieser Eventualität wirksam zu begegnen. Ihre Linie erscheint nach rechts nicht stark genug. Es sind keine nennenswerten Befestigungen aufgeworfen, und es scheinen dort zu wenig Truppen vorhanden zu sein, die auch nach Erachten des Oberbefehlshabers keine günstige Stellung haben. Wir haben guten Grund anzunehmen, daß der Feind auf unseren rechten Flügel vorrückt. Schieben Sie Ihre Vorposten so weit vor, wie Sie können, damit Sie rechtzeitig von seiner Annäherung Kunde erhalten. – J. H. van Alen, Brigadegeneral und Adjutant.

Zu meiner größten Verwunderung las ich später in einem Aufsatz General Howards im Century Magazine »Das elfte Armeekorps bei Chancellorsville« folgende Worte:

»General Hookers Zirkularbefehl an Slocum und Howard ist niemals in meine Hände gelangt und, soviel ich weiß, auch nicht in die meines Generaladjutanten Obersten Meysenburg«.

Wie er vergessen haben konnte, daß ich ihm die fragliche Depesche vorgelesen und sie ihm überreicht hatte, ist mir unverständlich, besonders da sich daran eine lebhafte Debatte zwischen uns anschloß, während welcher ich, abermals vergeblich, versuchte, ihn zu überzeugen, daß im Falle eines solchen Angriffs von Westen unser rechter Flügel, wenn er in der gegenwärtigen Stellung verbliebe, hoffnungslos überwältigt werden würde.

Wir standen vor der Haustür von Dowdall’s Tavern, da sah ich Major Whittlesey, einen von Howards Stabsoffizieren unfern der Chaussee aus dem Walde kommen. »Herr General«, sagte ich, »wenn Sie von dieser Stelle über Major Whittleseys Kopf weg sich eine gerade Linie denken, wird sie Oberst Gilsas äußerste Rechte treffen. Halten Sie es nicht für absolut gewiß, daß, wenn der Feind von Westen angreift, er schon bei der ersten Attacke Gilsas zwei Regimenter, die unseren rechten Flügel und unseren Rücken decken sollen, vollständig aufreiben wird? Ist auch nur die geringste Möglichkeit des Widerstandes vorhanden?«

Howards Antwort war nur ein kurzes: »Nun, er muß eben kämpfen«, oder ähnlich.

Ich war der Verzweiflung nahe, ritt fort, nahm auf eigene Verantwortung zwei Regimenter aus meiner zweiten nach Süden gerichteten Linie und stellte sie mit der Front nach Westen auf Hawkins’ Farm, im Rücken von Gilsas exponiertem rechten Flügel auf. Etwas weiter zurück ließ ich ein drittes Regiment Posten fassen, so daß, wenn der Angriff auf unsere Flanke und unseren Rücken erfolgte, wenigstens ein kleiner Teil unserer Truppen die richtige Stellung hätte. Aber dies war buchstäblich alles, was geschah, um dem drohenden Angriff von Westen zu begegnen, nur daß noch ein flacher Schützengraben, dessen Schanzen den Mannschaften kaum bis ans Knie reichten, in der Richtung von Norden nach Süden in der Nähe von Dowdall’s Tavern angelegt wurde, und daß drei Batterien Artillerie Reserve nach dem östlichen Rande der Lichtung kommandiert wurden. Im übrigen blieb, die geradezu unhaltbare Stellung des Korps unverändert.

Etwas nach 3 Uhr nachmittags erschreckten uns plötzlich zwei Kanonenschüsse, auf die Flintengeknatter folgte. Es schien in Gilsas Nähe zu sein. War das schon Jacksons Angriff? Ich sprang in den Sattel und ritt eiligst in der Richtung des Schießens. – Nein, es war nicht Jacksons Angriff, sondern nur eine kleine· Abteilung feindlicher Kavallerie, die sich auf der alten Chaussee westlich unseres rechten Flügels gezeigt hatte. Die beiden auf der Chaussee postierten Geschütze hatten, ohne höheren Befehl abzuwarten, Feuer gegeben. Jackson orientierte sich offenbar noch. Aber eine Menge Linienoffiziere von Devens Division umdrängten mein Pferd und meldeten mir mit besorgter Miene, daß ihre Vorposten während des Tages mehrmals die Anwesenheit größerer feindlicher Truppenkörper in der Nähe ihres rechten Flügels gemeldet hätten und daß, wenn sie von dort angegriffen würden, sie nicht würden Stand halten können. Was ich dazu meinte? Das Herz war mir schwer vor Kummer, denn ich durfte ihnen nicht sagen, was ich dazu meinte, um nicht eine Panik hervorzurufen. Belügen konnte ich sie auch nicht, so riß ich mich los und stürmte zu General Devens, um mir bei einer neuen dringenden Bitte um Frontwechsel, die ich bei Howard versuchen wollte, seinen Beistand zu sichern Zu meiner Überraschung fand ich ihn ziemlich unbekümmert. Er habe alles ans Korpshauptquartier gemeldet, sagte er, und habe Instruktionen erbeten, und dem Adjutanten, der seine Depeschen überbracht hatte, war gesagt worden, daß General Lee anscheinend in vollem Rückzuge begriffen sei. Seines Erachtens müsse man im Hauptquartier besser unterrichtet sein, als er es sei.

Ich kehrte also ins Hauptquartier zurück, um einen letzten Versuch zu machen. Howard kam mir dort mit der Nachricht entgegen, daß Hooker ihm gerade befohlen habe, die Barlowsche Brigade General Sickles zur Hilfe zu senden. Letzterer sei um Mittag mit seinem Korps aufgebrochen, um Stonewall Jacksons Arrieregarde anzugreifen und seine Munitions- und Proviantwagen zu erbeuten. Daraus erklärte sich auch das Geschützfeuer, welches wir um Mittag gehört hatten. Dies alles, fügte Howard hinzu, sei ein genügender Beweis, daß Hooker keinen Angriff Jacksons auf unsere Flanke befürchte denn er würde sonst keinesfalls in diesem Augenblick dem 11. Armeekorps seine stärkste Brigade und seine einzige Reserve entzogen haben. Ich entgegnete, daß, wenn die feindliche Armee sich wirklich zurückzöge, ein Frontwechsel unsererseits nicht schaden könne, aber daß, wenn wir doch, wie ich noch immer fest glaubte, auf dem rechten Flügel angegriffen würden, das Abkommandieren der Barlowschen Brigade den Frontwechsel nur noch notwendiger machte. All meine Vorstellungen und Bitten blieben jedoch erfolglos, und Howard selbst ritt mit der Barlowschen Brigade von dannen auf eine, wie sich später herausstellte, abenteuerliche und unfruchtbare Expedition.

Da saßen wir also. Daß der Feind in ziemlich starker Anzahl auf unsere Flanke rückte war jeden Augenblick sicherer geworden. Schimmelpfennig hatte mehrere Kundschafter über unsere Vorpostenlinie hinausgeschickt und alle meldeten dasselbe. Sie hatten feindliche Truppen in großer Zahl gesehen, die eine weite Schwenkung ausführten, ja, sie hatten sogar die Kommandos der feindlichen Offiziere gehört. McLeans und Gilsas Vorposten und Kundschafter meldeten dasselbe. Mein Artilleriehauptmann Dilger, kehrte von einem kühnen Rekognoszierungsritt zurück, den er auf eigene Faust unternommen hatte. Er war mitten zwischen den Feinden vor Gilsas Front gewesen, war von ihnen verfolgt worden und der Gefangennahme nur durch die Schnelligkeit seines Pferdes entgangen. Dann war er im Hauptquartier der Armee im Chancellor House gewesen und hatte einem Major von Hookers Stabe Meldung gemacht. Dieser hatte ihm gesagt, er solle sich mit seiner albernen Meldung nach seinem eigenen Korps scheren, und so kam er schließlich zu mir zurück. Kurz, fast alle Offiziere und Mannschaften schienen die drohende Wolke über unseren Häuptern zu sehen und ein Vorgefühl des kommenden Unglücks zu haben. Nur unser Korpskommandeur sah sie nicht und vielleicht auch General Devens nicht, der sein Urteil von dem des Korpskommandeurs vollständig beherrschen ließ. Das Gefühl der Unruhe war durchaus nicht unbegründet. Etwa in Flintenschußweite unseres rechten Flügels stand Stonewall Jackson mit reichlich 25000 Mann, der kühnste Feldherr der Konföderation mit ihren besten Truppen. Sie bildeten eine Schlachtlinie, welche unseren schwachen rechten Flügel umzingeln sollte. Das 11. Armeekorps war in Jacksons Gewalt, ein Korps, das ursprünglich 12000 Mann, jetzt aber nur noch 9000 Mann stark war, weil seine stärkste Brigade detachiert und an ihrer Spitze der Oberbefehlshaber fortgeritten war. Das Schlimmste aber war, daß innerhalb zweier Meilen zur Linken und im Rücken kaum ein Unionssoldat in der Nähe war, um nötigenfalls Hilfe zu leisten, denn Sickles Korps und ein großer Teil von Slocums Korps verfolgte Jacksons Train durch die Wälder. Zu all diesem kam noch, daß der größte Teil unseres Armeekorps so gestellt war, daß es nach Westen einem Angriff hilflos preisgegeben war. Hätte eine Verschwörung oder ein Plan vorgelegen, das 11. Armeekorps hinzuopfern – was selbstredend nicht der Fall war – so hätte man nicht geschickter zu Werke gehen können. So war die Lage um 5 Uhr nachmittags.

Endlich brach der Sturm los. Ich stand mit einigen meiner Stabsoffiziere vor dem Korps-Hauptquartier und wartete aus Howards Rückkehr. Unsere Pferde waren gesattelt und zur Hand. Um etwa 5 Uhr 20 Minuten sprangen eine Menge Rotwild und Hasen aus dem Walde, der die Hawkins-Farm Lichtung nach Westen begrenzte. Sie waren von Jacksons herannahenden Truppen aufgetrieben. Unter anderen Umständen wäre eine solche Menge Wild von den Soldaten mit freudigem Gelächter begrüßt worden. Jetzt war das anders. Die Leute fühlten instinktiv die Bedeutung des Vorfalles. Kurz nachher brach lauter Geschützdonner los, man hörte Flintensalven knattern und den wilden Kriegsschrei der Feinde, den »rebel yell«, in der Nähe von Gilsas Stellung. Dann geschah, was jeder vernünftige Mensch voraussehen mußte. Unsere beiden auf der Chaussee postierten Geschütze feuerten ein paar Male in die dichte Menge der herandrängenden Feinde, protzten dann auf und versuchten zu entkommen. Aber die feindliche Infanterie war schon zu nah, die Pferde wurden niedergeschossen und die Geschütze erbeutet. Über Gilsas zwei in rechtem Winkel mit der Chaussee formierte Regimenter ging ein dichter Kugelregen nieder. Sie gaben zwei Salven – es ist bewundernswert, daß sie so viel vermochten – und dann blieb ihnen bei dem nahen Feuer auf Front und Flanken nichts anderes übrig, als die Waffen zu strecken oder sich schleunigst zurückzuziehen. Sie wichen also durch den Wald zurück; viele Verwundete und Tote blieben auf dem Felde. Einige von Gilsas Leuten sammelten sich hinter einem Reserveregiment der ersten Division (75. Ohio), dessen Kommandeur, Oberst Riley, so vernünftig gewesen war, den Frontwechsel zu vollführen, und der, ohne den Befehl abzuwarten, Gilsa zu Hülfe vorrückte. Sie wurden aber sofort von drei Seiten angegriffen und vollständig niedergemacht. Oberst Riley wurde getötet und sein Adjutant verwundet. Inzwischen hatte der Feind die auf der alten Chaussee aufgestellten Regimenter der 1. Division überfallen. An Verteidigung oder Kampf war bei diesen gar nicht zu denken, sie standen ja auf der schmalen Straße zwischen dichtem Buschwerk eingepfercht und wurden von drei Seiten angegriffen, einige Leute wurden sogar in den Rücken geschossen. Die Regimenter wurden einfach ineinander gepreßt und in furchtbarer Verwirrung die Chaussee hinunter getrieben.

Währenddessen wurde ein kräftiger Versuch gemacht, eine Verteidigungslinie zu bilden, welche die wilde Flucht unserer geopferten Regimenter aufhalten und das Vordringen des Feindes verhindern könnte. Sobald ich das Feuern rechts von uns hörte, schickte ich einen Adjutanten an Oberst Krzyzanowski mit dem Befehl, seine Front nach Westen zu richten. Zu demselben Zweck eilte ich selbst an die Stelle, wo die Plank Road und die alte Chaussee zusammentrafen. Dort fand ich General Schimmelpfennig schon bei der Arbeit. Unseren vereinten Bemühungen gelang es allerdings nicht, ohne die größten Schwierigkeiten, mit mehreren Regimentern einen Frontwechsel vorzunehmen und eine Art Linie gegen den Angriff zu bilden. Viele Geschütze, Munitions- und Ambulanzwagen der ersten Division kamen in vollem Galopp die Chaussee heruntergestürmt und rissen in die dort noch aufgestellten Truppenmassen große Lücken. Ihnen folgten die oben erwähnten ineinandergeschobenen Regimenter der ersten Division in größter Verwirrung. Wir hatten kaum ein Regiment mit der Front nach Westen formiert, als schon dieser wilde Strom durch die Reihen brach und wieder die größte Verwirrung hervorbrachte. Trotz des furchtbaren Durcheinanders, dem meine beiden besten und ältesten Regimenter fast ganz erlagen, gelang es uns doch, in aller Eile abermals eine freilich ziemlich unregelmäßige und unterbrochene Linie in der Nähe des Hains mit der Kirche zu bilden. Hauptmann Dilger brachte seine sechs Geschütze eiligst auf einen weiter zurückgelegenem höheren Punkt, der das Zusammentreffen der beiden Chausseen beherrschte. Er warf einen wahren Regen von Kartätschen und Granaten in die heranrückenden feindlichen Bataillone, die unseren geschlagenen Regimenter auf den Fersen folgten. Sie kamen mit wildem Geschrei und tödlichem Kleingewehrfeuer heran, und ihre Front griff an beiden Seiten weit über die unsere hinaus. Bei ihrem ersten Ansturm stürzte der edle Oberst Peißner vom 119. York-Regiment tot vom Pferde; Oberstleutnant Lockman hielt seine Leute jedoch tapfer zusammen. Mein alter Freund aus den Revolutionstagen, Oberst Hecker hatte die Fahne seines Regiments ergriffen, um einen Angriff mit gefälltem Bajonett anzuführen; auch er wurde von einer feindlichen Kugel getroffen· und verwundet hinter die Front getragen. Major Rolshausen übernahm sofort das Kommando des Regiments und hatte dasselbe Schicksal. Unsere Toten und Verwundeten bedeckten in großer Anzahl das Schlachtfeld. Aber trotz des tödlichen Kugelregens von drei Seiten hielten diese Regimenter so lange Stand, daß sie zwanzig bis dreißig Salven abfeuern konnten.

Auf meiner äußersten Rechten, die von der eben beschriebenen Linie durch eine große Lücke getrennt war, die zu füllen es mir an Truppen gebrach, nahmen die Dinge einen ähnlichen Verlauf. Bald nach dem ersten Angriff kamen viele Soldaten aus Gilsas und McLeans aufgeriebenen Regimentern in größter Unordnung aus den Wäldern. Zahlreiche feindliche Truppen folgten ihnen mit Triumphgeschrei und lebhaftem Feuer. Zwei Regimenter, das 58. New-York und das 26. Wisconsin, empfingen sie standhaft. Hauptmann Braun, der das erstgenannte provisorisch führte, wurde sehr bald tödlich verwundet. Das Regiment war einem schweren Feuer auf dem linken Flügel, wo der Feind zuerst durchgebrochen war, ausgesetzt und wurde auch von vorn arg bedrängt; nach einigen Minuten verzweifelten Kampfes wurde es zurückgeworfen. Das 26. Wisconsin, ein junges Regiment, das noch nie im Feuer gewesen war, setzte den hoffnungslosen Kampf mit lobenswerter Tapferkeit noch eine beträchtliche Zeit lang fort und zog sich erst zurück, als ich Befehl dazu gab. Oberst Krzyzanowski, der Brigadekommandeur, der das wackere Regiment persönlich führte, verlangte von mir Verstärkungen, da er fast ganz umzingelt sei und sich unmöglich länger halten könne. Da ich keinen einzigen Mann mehr zur Verfügung hatte, befahl ich, das Regiment solle sich an den Saum des hinter ihm liegenden Waldes zurückziehen. Dies geschah in tadelloser Ordnung; das Regiment machte während des Rückzuges verschiedentlich Kehrt und gab Feuer. Inzwischen hatte der Feind meinen linken Flügel ganz und gar umgangen. Hätte nicht der feindliche General Colquitt den Fehler begangen, die Flankenbewegung seiner siebzehn Regimenter kurze Zeit zu unterbrechen, da er seinen rechten Flügel bedroht glaubte, wäre ein großer Teil des 11. Armeekorps gefangen genommen worden, ehe es die Lichtung um Chancellor House hätte erreichen können. Aber die konföderierten Truppen, die meinen linken Flügel tatsächlich angriffen, waren doch mehr als stark genug, um das 119. Regiment New-York zurückzutreiben und sich, auf Hauptmann Dilgers Batterie zu stürzen. Letzterer hielt bis zum letzten Augenblick sein Kartätschenfeuer aufrecht und gab den Befehl Aufprotzen erst, als die feindliche Infanterie bereits zwischen seinen Geschützen stand. Sein Pferd wurde unter ihm weggeschossen; ebenso die beiden Deichselpferde und ein Leitpferd eines seiner Geschütze. Nach einem vergeblichen Versuch, dies Geschütz mit den toten Pferden fortzuschleppen, mußte er es dem Feinde überlassen. Die übrige Batterie schickte er ins Hintertreffen und behielt nur ein Geschütz auf der Chaussee, welches er im Zurückweichen von Zeit zu Zeit auf den verfolgenden Feind abfeuerte.

Die Feinde drangen jetzt in überwältigender Macht von links und rechts auf uns ein, und die Stellung im Hain bei der Kirche war nicht mehr zu halten. Wir mußten uns auf die flachen von Nord nach Süd laufenden Schützengräben bei Dowdall’s Tavern zurückziehen, welche Howard hatte graben lassen, als ihm eine schwache Ahnung kam, daß Jackson uns vielleicht von Westen angreifen könnte. Der Schützengraben war zum Teil von Oberst Buschbecks Brigade besetzt, welche auf der äußersten Linken des Korps gestanden, Zeit genug zum Frontwechsel gehabt hatte, und in vollkommener Ordnung zur Stelle war. Links davon nahmen noch andere Regimenter und Kompagnien Stellung und einige Stücke Reserve-Artillerie, die über die Infanterie wegfeuerten. Dort fand ich auch General Howard wieder, der inzwischen von Barlows detachierter und umherirrender Brigade zurückgekehrt war und sein Armeekorps etwa in dem Augenblick erreicht hatte, als Jacksons Angriff auf unseren rechten Flügel begann. Er versuchte tapfer, die zerstreuten Truppen zu sammeln und scheute keine Gefahr für seine Person. Schimmelpfennig und ich taten unser Möglichstes, ihm zu helfen.

Die ungeordneten, mehreren Regimentern angehörenden Mannschaften zu reorganisieren, war jedoch eine sehr schwierige Aufgabe, da wir fortwährenden Angriffen des Feindes ausgesetzt waren. Einmal gelang es mir, eine größere Anzahl Soldaten zu sammeln und mit lautem Hurra dem Feinde entgegenzuführen. Sie folgten mir eine Zeitlang, wurden dann aber von dem mörderischen Kugelregen des Feindes wieder versprengt, und einer meiner Adjutanten wurde verwundet. Einige andere Versuche hatten ebensowenig Erfolg. Der Feind rückte rechts und links von uns unaufhaltsam vor, unsere Artillerie schwieg und zog sich zurück, und der Schützengraben mußte aufgegeben werden. Ich erwähnte bereits, daß er viel zu flach war, um den Leuten Schutz zu gewähren. Die Infanterie suchte Deckung im Walde, der so dicht war, daß Verwirrung auch in die Reihen derjenigen Regimenter getragen wurde, die bis dahin in guter Ordnung verblieben waren oder sich gesammelt hatten. Ich gesellte mich zu Hauptmann Dilger mit seiner einzigen Kanone. Zwei Kompagnien des 61. Ohio-Regiments beschützten ihn auf seinem Wege nach Chancellorsville. Seine Kartätschenschüsse hielten den Feind ein paar Male in der Verfolgung auf. Als wir den Wald erreicht hatten, sah ich nach der Uhr: es war etwa ein Viertel nach sieben; Der Kampf der 9000 Mann des elften Armeekorps, die dem Feinde in ihrer Stellung ihre ungedeckte Flanke boten, gegen die 25000 kriegsgewohnten Soldaten Stonewall Jacksons hatte also mindestens 1 1/2 Stunde gedauert. Nicht ein einziges Geschütz und nicht ein Mann war ihnen bei ihrem aussichtslosen Kampf zu Hilfe gekommen. Ehe sie Unterstützung fanden, mußten sie 1 1/2 Meile zurückweichen. Als sie sie aber endlich gefunden hatten, war das stark mitgenommene Korps bald wieder ganz reorganisiert, und vor 11 Uhr stand jedes Regiment wieder bei seiner Fahne und unter seinen eigenen Offizieren. Beim Morgengrauen des 3. Mai, Sonntag, wurden wir an den äußersten linken Flügel kommandiert. Ich ritt ins Hauptquartier General Hookers, um zu bitten, daß uns Gelegenheit gegeben werden möchte, zu zeigen, was wir könnten, und die Scharte vom Abend vorher wieder auszuwetzen. Hooker schien sehr niedergeschlagen und sagte nur, er wolle es versuchen. Wir blieben jedoch am äußersten linken Flügel, wo nur leichte Scharmützel stattfanden, bis am 6. Mai morgens die Armee wieder über den Rappahannock zurückging.

Der weitere Verlauf der Schlacht war folgender. Als Jacksons überwältigender Angriff das hilflose elfte Armeekorps vollständig vernichtet hatte, war zwischen seinen siegreichen Truppen und Chancellor House, dem Herzen der Potomac-Armee, kein weiterer Widerstand als die Trümmer des elften Armeekorps in ganz aufgelöstem Zustande und die wenigen Truppen, die in aller Eile von anderen Punkten herbeikommandiert werden konnten. Berrys Division, die nördlich von Chancellor House stand, wurde schleunigst vorgerückt und Hauptmann Best hatte bald die von ihm kommandierte Artillerie gegen die anmarschierenden Konföderierten gerichtet. Die Batterien des retirierenden elften Armeekorps kamen dazu. Einige Divisionen, die bei der verfehlten Jagd auf Jacksons Train engagiert gewesen waren, wurden eiligst herangebracht, und äußere Umstände kamen dazu, um uns über die kritische Situation wegzuhelfen. Trotz des hellen Mondscheins, war es im Schatten des Waldes sehr dunkel, und überdies kamen die ersten beiden Linien der Konföderierten, teils wegen des Widerstandes des elften Armeekorps und teils wegen der schwierigen Bewegung im dichten Walde, vollständig in Verwirrung, die nun durch mörderisches Feuer von der eilig formierten Front der Unionstruppen erhöht wurde. Mit dem Ordnen der konföderierten Brigaden verging Zeit, aber Jackson war noch eifrig darauf bedacht, seinen Vorteil auszunutzen und Hooker in den Rücken zu gelangen. Da schritt das Schicksal mit einem folgenschweren Ereignis ein. Die siegreichen Konföderierten verloren ihren Anführer. Auf dem Rückweg von einem kurzen Rekognoszierungsritt vor seiner Front wurde Stonewall Jackson von einer Kugel aus seinen eigenen Reihen schwer verwundet, und der Angriff wurde für die Nacht eingestellt.

Am nächsten Morgen, Sonntag, den 3. Mai, war also die Potomac-Armee, von der etwa 90000 Mann unter Hookers unmittelbarem Befehl standen, in der Nähe vom Chancellor House fest verschanzt, während etwa 22000 Mann unter General Sedgwick von Fredericksburg heranmarschierten, um Lee in den Rücken zu fallen. Lees Feldherrngenie war niemals offenbarer als in den unmittelbar folgenden Gefechten. Mit seinen 60000 Mann erwies er sich gegen eine doppelte Übermacht als Meister jener höchsten militärischen Kunst, den Anschein zu erwecken, als habe man auf jedem entscheidenden und wichtigen Punkt bedeutendere Truppenkörper als der Gegner. Erst warf er Jacksons früheres, jetzt von General »Jeb« Stuart befehligtes Korps gegen einige Feldschanzen in Hookers Zentrum und nahm eine Schanze nach der anderen in wütendem Sturm. Dann hörte er, daß Sedgwick die Marye-Höhen genommen habe und von Fredericksburg heranrücke, sofort schickte er jenem General ein genügend starkes Detachement entgegen, das ihn überwältigte und ihn über den Rappahannock zurücktrieb. Dann wurden die Divisionen, die Sedgwick vertrieben hatten, schleunigst zurückbewegt, damit Lees Truppen an der Stelle, wo er Hooker angreifen wollte, in der Übermacht wären. Hooker schien inzwischen vollständig zusammengebrochen zu sein. Am zweiten Schlachttage hatte ihn, als er am Eingang des Chancellor House stand, eine umgeschossene hölzerne Säule im Fallen getroffen, und er blieb eine Stunde lang besinnungslos. Aber auch vor und nach diesem Unfall schien seine Gedankenarbeit unzusammenhängend und konfus zu sein. Es waren psychologische Rätsel, welche die Befehlshaber in dieser Schlacht uns zu raten aufgaben. Ganz unerklärlich war das Verhalten Hookers, des berühmten »Fighting Joe«, der auf den Kampf gebrannt und einen durchaus erfolgreichen offensiven Feldzug begonnen hatte, und der plötzlich angesichts des Feindes seine ganze Unternehmungslust und seinen Wagemut verlor und in einer matten Defensive sich und die Kraft und gute Laune seiner Armee verzettelte. Am Morgen des Mai hatte er Slocum und Howard gewarnt, daß Jackson eine gefährliche Bewegung auf unseren rechten Flügel mache; abends hingegen gab er sich der unglaublichen Illusion hin, daß Jackson und Lee sich an unserer Front entlang zurückzögen. Am 3. Mai erlaubte er den Konföderierten, ihn von einer Stellung in die andere zurückzudrängen und ließ sich schließlich von einer ihm weit unterlegenen Macht in seine Verschanzungen fest einpferchen, ohne den geringsten Versuch zu machen, etwa 35000 bis 40000 Mann seiner Truppen, die untätig dabei gestanden und keinen Schuß abgegeben hatten, ins Gefecht zu führen; und endlich wußte er nichts Besseres zu tun, als wieder über den Rappahannock zurückzugehen und vorzugeben, er habe eigentlich gar keine Schlacht geliefert, da beinahe die Hälfte seiner Armee überhaupt nicht im Feuer gewesen wäre – obgleich er über 17000 Mann verloren hatte. Hooker ist später der Vorwurf gemacht, er sei während der Schlacht, unter dem Einfluß zu reichlich genossener Spirituosen gewesen, während es andererseits hieß, er habe sich aus Vorsicht seines gewohnten Quantums Whisky enthalten, und wegen des Mangels dieser Anregung habe sein Gehirn nicht wie sonst funktioniert. Vermutlich waren beide Anklagen unbegründet, sicher ist aber, daß Hookers Geist in jenen Tagen merkwürdig schwerfällig arbeitete. Gegen Howard könnte man keine der beiden obigen Anklagen erheben, denn er war einer der mäßigsten und nüchternsten Offiziere im ganzen Heere, und es ist daher ganz unverständlich, wie er trotz der fortwährend einlaufenden Meldungen, ja, trotz der Wahrnehmungen seiner eigenen Augen und Ohren am 2. Mai annehmen konnte, daß Jackson, statt einen Angriff zu planen, in vollem Rückzuge sei. Ich habe es nie verstehen können, wenn man nicht annehmen will, daß er nicht imstande war, aus offenkundigen Tatsachen einfache Schlußfolgerungen zu ziehen. Unser Korps blieb auf dem linken Flügel der Armee während des ganzen 3., 4. und 5. Mai untätig stehen. Wir konnten nur voller Besorgnis dem Getöse der Schlacht lauschen und gespannt aufmerken, ob es näher oder ferner wurde. Tatsächlich näherte es sich und bewies, daß unsere Armee eine Stellung nach der anderen aufzugeben gezwungen wurde, und daß die Schlacht für uns verloren war. Endlich am Abend des 4. Mai erhielten wir Marschordre; wir sollten um 2 Uhr morgens marschbereit sein. Es war uns klar, daß dies einen allgemeinen Rückzug über den Fluß bedeute. Am Nachmittag begann es heftig zu regnen und regnete die ganze Nacht hindurch. Bis auf die Haut durchnäßt lagen wir, vor Kälte bebend, bis 1 Uhr 20 Minuten morgens. Dann wurden die Truppen ohne das leiseste Geräusch in Kolonnen aufgestellt und harrten des Befehls zur Schwenkung und zum Abmarsch. Von 2 bis 6 Uhr standen wir unbeweglich. Endlich kam der ersehnte Befehl. Wir sollten uns, vom Feinde unbemerkt, entfernen, und dies glückte uns. Aber als wir die große Lichtung bei der United States Furt erreichten, bot sich uns ein furchtbares Schauspiel dar. Durch den heftigen Regen war der Fluß derart angeschwollen, daß er die Pontonbrücken fortzureißen drohte. General Hooker war mit seinem Stabe bereits am Abend vorher hinübergegangen, und auch die Artillerie, soweit sie nicht zur Deckung für das Korps nötig war, war in der Nacht hinüber befördert worden. Aber hier in der Lichtung am Flußufer standen nun etwa 70000 bis 80000 Mann Infanterie so dicht zusammengepfercht, daß zwischen den verschiedenen Abteilungen kaum ein Pferd hätte hindurch kommen können, und warteten bis sie in schmaler Marschkolonne, ein Regiment nach dem anderen, über die Brücken ziehen konnten. Hätte der Feind hiervon eine Ahnung gehabt und eine einzige Batterie so aufgestellt, daß sie diese hilflos zusammengedrängte Menge beherrscht hätte, so hätten die Folgen aller Beschreibung gespottet. Eine wilde Panik wäre unvermeidlich gewesen, und ein großer Teil der Armee wäre in den geschwollenen Fluten des Rappahannock umgekommen. General Lee ließ unseren Rückzug jedoch ungestört und um 4 Uhr nachmittags war die ganze Armee sicher hinübergeschafft. Offiziere und Mannschaften atmeten erleichtert auf.

Wir vom elften Armeekorps mußten nun aber eine weit schlimmere Prüfung erdulden, als es die Mühen und Gefahren des unheilvollen Kriegszugs gewesen waren. Es ist hinlänglich bekannt, wie die Zeitungen damals die Ausführung der »feigen Deutschen« cowardly Dutchmen des elften Armeekorps schmähten. Und doch bestand es nur zum kleinsten Teil aus Deutschen und hatte, wie oben geschildert, tapfer gekämpft, wo es nur konnte. Nichtsdestoweniger wurde aber seiner sogenannten Feigheit der Verlust der Schlacht, ja, der Mißerfolg des ganzen Feldzuges zugeschrieben. Und das in Privatgesprächen sowohl von Zivilisten als auch von Militärpersonen. Wir waren außer uns. General Schimmelpfennig schrieb mir einen empörten Brief und verlangte laut Genugtuung, für sich und seine Leute. Ich wurde wiederholt beim Korpskommando sowie beim Kriegssekretär mit einem streng sachlichen Bericht über meinen Anteil an der Schlacht vorstellig. Vergebens. Es schien fast, als solle das elfte Armeekorps zum Sündenbock für die verlorene Schlacht werden. Ich beantragte eine strenge Untersuchung durch ein Militärgericht. Howard unterstützte meinen Antrag mit den Worten, das zwar offizielle Klagen gegen General Schurz nicht vorlägen, er selbst aber in der Sache keine Untersuchung scheue und dem Antrag Folge zu leisten empfehle. Mein Antrag wurde, wahrscheinlich infolge dieser Begründung Howards, abgewiesen. Ich erbat nun mit aller schuldigen Achtung, aber doch sehr dringend, die Erlaubnis, meinen Bericht veröffentlichen zu dürfen. Er war streng objektiv, ohne Anklage, für wen es auch sei. Ich erhielt die Antwort, die Veröffentlichung sei unstatthaft bis der Oberbefehlshaber einen allgemeinen Bericht veröffentlicht habe und werde bis dahin zurückgestellt. Hooker hat nie einen Bericht veröffentlicht und meiner blieb vergraben, denn ihn ohne Erlaubnis zu veröffentlichen, wäre gegen die Disziplin gewesen.

Nicht nur um meiner selbst willen, sondern hauptsächlich um meiner tapferen Truppen willen suchte ich nach einer Ehrenrettung, aber mir waren die Lippen verschlossen. Man hätte erwarten können, daß Howard, dem die Sachlage genau bekannt war, für die so fälschlich angeklagten Truppen eingetreten wäre, wenn auch nur mit der Bestätigung, daß sie bei Chancellorsville in der Stellung, die sie inne hatten, einfach nicht kämpfen konnten; aber er schwieg. Das elfte Armeekorps blieb der Sündenbock und diese Ungerechtigkeit machte nicht nur unter den Deutschamerikanern in der Union viel böses Blut, sondern hatte auch einen sehr ungünstigen Einfluß auf die Truppen des elften Armeekorps. Ich hatte seit Chancellorsville die Absicht, mich versetzen zu lassen, nunmehr beschloß ich aber, bei meinen tapferen Truppen auszuharren, bis der häßliche Schatten, der ihre Ehre trübte, von ihnen genommen würde.

Dem elften Armeekorps ist denn auch später von Historikern und Militärschriftstellern wiederholt eine glänzende Rechtfertigung zuteil geworden, besonders in den unparteiischen, gewissenhaften, auf peinlich genaue Untersuchung des Tatbestandes und der Örtlichkeiten sich stützenden Darstellungen des Obersten Theodore A. Dodge, U.S.-Army, und des ehemaligen Oberstleutnants und Generalarztes im Heer der Vereinigten Staaten, Dr. August Choate Hamlin. Die geschichtliche Wahrheit ist also, wenn auch spät, offenbar geworden, und meine tapferen Kriegskameraden vom elften Armeekorps gerechtfertigt.

Nach der Schlacht von Bull Run, wo ich nach meiner Ansicht nur die gewöhnliche Pflicht eines Divisionskominandeurs getan und nichts Bemerkenswertes geleistet hatte, erntete ich größte Anerkennung und öffentliches Lob weit über mein Verdienst und mit der Aussicht auf eine erfolgreiche militärische Laufbahn. Und nun, nach der Schlacht von Chancellorsville, wo ich die Situation und was sie erforderte, klar erkannt, ja besser als mein vorgesetzter Befehlshaber erkannt und ihm Ratschläge gegeben hatte, die, wenn sie befolgt worden wären, sich als höchst wertvoll erwiesen haben würden, und wo ich also Anerkennung meines klaren Blickes und richtigen militärischen Urteils hätte erwarten dürfen, wurde ich vor dem ganzen Volke angeklagt, als ob ich für die verlorene Schlacht und den verfehlten Feldzug verantwortlich wäre. Als ich wenig verdiente, erhielt ich viel, als mir wirklich Anerkennung für geleistete Dienste zukam, wurden mir Tadel und Ungunst zuteil, die eigentlich andere verdient hatten, gerade wegen der Dinge, die ich mich nach Kräften bemüht hatte, abzuwenden.

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