Das blaue Zimmer


Mit allen Anzeichen der Unruhe wandelte ein junger Mann in der Vorhalle eines Bahnhofes auf und ab. Er trug eine blaue Brille, und obwohl er keinen Schnupfen hatte, tupfte er sich fortwährend mit seinem Taschentuche an der Nase herum. In der Linken hielt er eine kleine schwarze Reisetasche, deren Inhalt, wie sich später herausstellte, aus einem seidenen Hausrock und einer türkischen Hose bestand.

Von Zeit zu Zeit ging er zur Eingangstür, spähte auf die Straße hinaus, holte darauf seine Uhr aus der Tasche und warf einen fragenden Blick auf das Zifferblatt der Bahnhofsuhr. Der Zug ging erst in einer Stunde ab; aber es gibt immer Angstliche, die sich Sorgen machen, zu spät zu kommen. Das war nicht gerade ein Zug, wie ihn eilige Leute benutzen: ein paar Wagen erster Klasse nur. Es war auch nicht die Stunde, die den Börsenherren nach Abschluß ihrer Geschäfte die Möglichkeit gibt, zu den Tafelfreuden in ihre Landhäuser zurückzufahren. Als die ersten Fahrgäste sich nach und nach einfanden, hätte ein Pariser gleich an ihrem Verhalten den Pächter und den Vorstadtkaufmann erkannt. Dennoch ging jedesmal, wenn eine Frau den Bahnhofssaal betrat, jedesmal, wenn ein Wagen vor der Tür hielt, dem jungen Mann mit der blauen Brille das Herz über; die Knie schlotterten ihm; und es fehlte nicht viel, daß die Reisetasche ihm aus der Hand und ihm die Brille von der Nase gerutscht wäre, die, nebenbei gesagt, völlig schief auf ihr saß.

Das wurde schlimmer und schlimmer, bis nach langem Warten, durch ein Seitentürchen und haargenau von der Stelle her, die er bei seiner ständigen Beobachtung gerade nicht ins Auge gefaßt hatte, eine schwarzgekleidete, tiefverschleierte Dame erschien, die in der Hand eine braune Ziegenledertasche hielt, die, wie sich in der Folge erwies, einen wundervollen Morgenrock und ein Paar blauer Atlaspantöffelchen in sich barg. Die Dame und der junge Mann gingen aufeinander zu, wobei sie bald nach rechts und bald nach links, nie jedoch geradeaus sahen. Sie hatten sich glücklich erreicht, gaben einander die Hand und standen etliche Minuten da, ohne ein Wort über die Lippen zu bringen, bebend, tief atmend, jener herrlich prickelnden Erregung preisgegeben, für die unsereiner ein hundertjähriges Philosophendasein dahinschenkte. Als sie die Sprache wiedergefunden hatten, sagte die Dame (ich vergaß anzudeuten, daß sie jung und hübsch war):

»Leo! Was für ein Glück, Leo! Nie hätte ich Sie unter Ihren blauen Brillengläsern wiedererkannt!«

»Was für ein Glück!« sagte Leo. »Nie hätte ich Sie unter Ihrem schwarzen Schleier wiedererkannt!«

»Was für ein Glück!« sagte sie noch einmal. »Wir wollen uns rasch auf unsere Plätze setzen. Wenn der Zug ohne uns abführe…!« (Und sie drückte ihm tüchtig den Arm.) »Man hat nicht die leiseste Ahnung. Für die andern bin ich in diesem Augenblick längst mit Clara und ihrem Mann nach ihrem Landhause unterwegs, wo ich ihr , morgen‘ Adieu sagen soll…! Und«, fügte sie lachend hinzu und senkte den Kopf, »vor einer Stunde bereits ist sie abgedampft, und morgen… nach dem ,letzten Abend‘, den ich mit ihr verbracht habe…«(Von neuem drückte sie ihm den Arm) »morgen, im Laufe des Vormittags, gibt sie mich hübsch an der Station ab, wo mich Ursula in Empfang nimmt, die ich zu Tantchen vorausgeschickt habe… Oh, ich habe alles vorbedacht! Jetzt noch die Fahrkarten gelöst… Herauszubekommen, wer wir sind – ist unmöglich! Aber wenn wir im Gasthof unsere Namen angeben sollen? Mir ist schon wieder entfallen…« »Monsieur und Madame Duru!«

»Hu, nein! Nicht Duru. In unserem Mädchenpensionatwar ein Flickschuster, der hieß so.«

»Dann eben Dumont…?«

»Daumont!«

»Klingt auch nicht übel! Aber wir werden gar nicht danach gefragt werden.«

Die Glocke ertönte, die Wartesaaltür ging auf, und die junge Dame, die sich nach wie vor sorgsam in ihren Schleier hüllte, schoß mit ihrem jugendlichen Gefährten auf ein Abteil zu. Zum zweitenmal schepperte die Glocke; die Wagentür wurde geschlossen. »Wir sind allein!« stellten sie aufjubelnd fest. Aber fast im selben Augenblick stieg ein Herr in den Fünfzigern, in schwarzem Anzuge, von ernstem, gelangweiltem Aussehen, zu ihnen in den Wagen ein und ließ sich in einer Ecke nieder. Die Lokomotive pfiff, und der Zug rollte aus dem Bahnhofe. Die beiden jungen Menschen setzten sich so weit, wie sie irgend konnten, von ihrem unerwünschten Nachbarn weg und fingen an, leise und, zur Erhöhung der Vorsicht, auf englisch miteinander zu plaudern.

»Sir«, unterbrach der Mitreisende ihr Geflüster, in derselben Sprache und mit weit reinerem britischem Tonfall, »falls es Geheimnisse sind, die Sie sich anzuvertraun haben, teilen Sie sich die in meinem Beisein besser nicht auf englisch mit. Ich bin Engländer. Ich bedauere es, wenn ich Sie störe, aber im andern Abteil saß ein einzelner Mann, und ich reise grundsätzlich nicht mit einem einzelnen Manne… Der da hatte dazu noch das reinste Judasgesicht. Und das hier hätte ihn in Versuchung führen können!«

Er deutete aufseine Reisetasche, die neben ihm auf dem Polster lag.

»Im übrigen, wenn ich nicht schlafe, pflege ich zu lesen.« Tatsächlich machte er den rücksichtsvollen Versuch, ein Schläfchen zu halten. Er klappte seine Tasche auf, holte eine bequeme Reisemütze hervor, setzte sie auf und hielt ein paar Minuten hindurch die Augen geschlossen; dann tat er sie, mit Zeichen von Ungeduld, wieder auf, suchte in seiner Tasche herum nach der Brille, förderte nach ihe ein griechisches Buch ans Tageslicht und begann aufmerksam zu lesen. Beim Hervorholen des Buches hatte er allerhand aufs Geratewohl in die Tasche gepfropfte Dinge erst beiseite räumen müssen. Unter anderem brachte er aus der Tiefe ein ziemlich dickes Bündel englische Banknoten zum Vorschein, legte es auf den Sitz gegenüber, zeigte es, bevor er es wieder in der Tasche verstaute, dem jungen Mann und fragte ihn, ob sich Gelegenheit fände, in N*** Banknoten zu wechseln.

»Wahrscheinlich. Das liegt ja. an der Strecke nach England.«

N*** war der Ort, dem die beiden jungen Menschen geradewegs zustrebten. N*** weist ein recht nettes kleines Hotel auf, in dem man fast nur übers Wochenend absteigt. Es bietet, so heißt es, freundlichen Aufenthalt und gute Übernachtung. Der Wirt und die Angestellten sind nicht neugierig, sie haben bei der Nähe von Paris noch nicht diese kleinstädtische Untugend an sich. Der in meiner Geschichte schon mehrfach Leo genannte junge Mann hatte sich bereits einige Zeit vorher diesen Gasthof ohne blaue Brille von innen und außen angesehen, und offenbar hatte auf den Bericht hin, den er davon gab, seine Freundin den lebhaften Wunsch empfunden, dort einzukehren. Übrigens war sie an jenem Tage in einer solchen seelischen Verfassung, daß sie es sogar hinter Gefängniswänden himmlisch gefunden hätte, wenn sie mit Leo zusammen einge­schlossen wäre.

Währenddessen ratterte der Zug immer weiter. Der Engländer las sein Griechisch, ohne auch nur noch einmal den Kopf nach seinen Fahrtgenossen hinzudrehen, die so leise miteinander flüsterten, wie nur Liebesleute es vermögen, um sich zu verständigen. Vielleicht überrasche ich meine Leser nicht mit der Bemerkung, daß sie Liebesleute waren in des Wortes gewichtigster Bedeutung; und das Bedauerliche war nur dabei, daß sie nicht Eheleute waren; und das lag wiederum an bestimmten Gründen, die dagegen sprachen, daß sie es waren.

Man langte in N*** an. Der Engländer stieg als erster aus. Während Leo noch seiner Freundin half, aus dem Wagen hinabzuklettern, ohne daß mehr als ihre Fußknöchel dabei sichtbar wurden, schwang sich ein Mann auf das Trittbrett des Nachbarabteils hinauf. Er hatte eine fahle, geradezu gelbliche Gesichtsfarbe, hohle, entzündete Augen, war schlecht rasiert, trug, kurzgesagt, die Merkmale an sich, an denen man nicht selten die Verbrecher erkennt. Seine Kleidung war sauber, aber stark abgetragen. Den Rock, der vorlängst einmal schwarz gewesen, aber an Rücken und Ellbogen schon recht verschossen war, hatte er bis obenhin zugeknöpft, wahrscheinlich, um eine noch schäbigere Weste darunter zu verbergen. Er machte sich an den Engländer heran und redete ihn in aufdringlich bescheidenem Tone an mit dem Worte:

»Uncle…!«

»Leave me alone, you wretch!« rief der Angesprochene, während wütende Blitze aus seinen grauenAugen schössen. Und er suchte dabei dem Ausgange näher zu kommen. »Don’t drive me to despair!«, erwiderte, weinerlich und fast drohend zugleich, der andere. »Wollen Sie wohl einmal auf meine Tasche aufpassen«, wandte sich der alte Engländer an Leo und warf sie ihm kurzerhand vor die Füße.

Dann packte er den Zudringlichen beim Arm, führte oder vielmehr drückte ihn in einen Winkel, von wo aus er nicht gehört zu werden hoffte, und nahm ihn, wie es schien, dort tüchtig ins Gebet. Darauf holte er aus seiner Rocktasche einige Papiere hervor, knitterte sie in der Faust zum Bausch und schob das Ganze, wie es war, dem Menschen in die Hand, der ihn mit Onkel angesprochen hatte. DerMann nahm alles ohne ein Dankwort an sich und verzog sich im Nu.

In N*** gibt es nur ein Hotel; man braucht sich also nicht weiter zu wundern, wenn einige Minuten danach alle Persönlichkeiten dieser wahren Geschichte sich dort wiedertrafen. In Frankreich kann sich jeder, der auf Reisen ist, ein geschmackvoll angezogenes weibliches Wesen am Arm hat und mit ihr ein Hotel aufsucht, mit Sicherheit darauf verlassen, das beste Zimmer zu bekommen; damit ist wohl hinreichend festgestellt, daß wir das höflichste Volk Europas sind.

Wenn auch das Zimmer, das man Leo einräumte, das beste des Hauses war, so wäre es doch vermessen, daraus zu folgern, es sei ausgezeichnet gewesen. Ein umfängliches Nußbaumbett stand darin, mit Vorhängen im Perserstil, an denen man den Anblick der tragischen Historie von Pyramus und Thisbe in veilchenblauem Aufdruck genoß. Die Wände waren mit einer Tapete beklebt, die eine farbenfreudige und volkreiche Ansicht von Neapel dem Auge darbot. Leider nur hatten müßige Reisende sämtliche männliche und weibliche Gestalten darauf zusätzlich noch mit Schnurrbärten und Tabakspfeifen ausgestattet; zudem standen im Himmel und auf dem Meere allerhand mit Bleistift geschriebene, nicht gerade geistvolle Dinge in Versen und Prosa zu lesen. Auf solchem Untergrunde hingen ein paar Stiche: »Louis-Philippe beim Eidleisten auf die Ver­fassung von 1830«, »Erste Begegnung zwischen Julie und Saint-Preux«, »In Erwartung des Glücks« und »Der Verdruß« nach Dubuffe. Dieser Raum hatte den Namen: Das Blaue Zimmer, weil die beiden Plüschsessel zur Rechten und Linken des Kamins mit sogenanntem Utrechter Samt in dieser Farbe bespannt waren; aber seit Menschengedenken standen sie wohlverhüllt unter grauen Baumwollüberzügen mit roten Paspeln da.

Während sich die Hotelmädchen um die Neuangekommene eifrig bemühten und beflissen waren, ihre Dienste anzubieten, begab sich Leo, der trotz seiner Verliebtheit nicht um seinen gesunden Menschenverstand gekommen war, zur Küche und bestellte das Essen. Er mußte seine ganze Redekunst aufwenden und etliche Bestechungsmittel dazu, um »ein Diner auf Zimmer« zugesichert zu bekommen; aber er bekam doch einen heftigen Schock, als er erfuhr, daß im Hauptspeisesaale – das hieß: neben seinem Zimmer – die Herren Offiziere der 3. Husaren, die gerade die Herren Offiziere der 3. reitenden Jäger in N*** ablösten, sich in den Abendstunden zu einem Liebesmahle zusammenfinden wollten, das wahrscheinlich recht stimmungsvoll und heiter verlaufen werde. Der Wirt versicherte hoch und heilig, daß, von der jedem französischen Soldaten eigenen Munterkeit einmal abgesehn, die Herren Husaren wie die Herren reitenden Jäger wegen ihrer gemäßigten und feinen Art stadtbekannt seien und daß solche Nachbarschaft für Madame nicht die geringsten Unannehmlichkeiten mit sich bringen würde, zumal die Herren Offiziere die löbliche Gewohnheit hätten, sich von der Tafel noch vor Mitternacht zu erheben.

Wie Leo nach dieser beruhigenden Mitteilung, die seine Verwirrung doch nicht restlos behob, dem Blauen Zimmer wieder zustrebte, gewahrte er im Vorbeigehen, daß er seinen Engländer zum Zimmernachbarn hatte. Die Tür stand offen. Der Engländer saß an einem Tisch, auf dem ein Glas und eine Flasche standen, und war in die aufmerksame Betrachtung der Stubendecke vertieft, als zähle er die Fliegen, die sich auf ihr tummelten. »Was macht mir die Nachbarschaft aus!« dachte Leo bei sich. »Der Brite wird bald die nötige Bettschwere haben, und die Husaren werden vor Mitternacht aufbrechen.«

Nach Betreten des Blauen Zimmers war das erste für ihn, sich zu vergewissern, ob die Verbindungstüren auch fest verschlossen waren und auf seiner Seite Riegel hatten. Nach dem Engländer zu war eine Doppeltür vorhanden und dicke Wände. Nach den Husaren hin war die Zwischenwand wohl dünner, aber die Tür war verschließbar und zuzuriegeln. Alles in allem betrachtet, waren dies wirksamere Schranken gegen die Neugierde als die Fenstervorhänge in einem Wagen; und wie viele kommen sich schon in einer Droschke vor aller Welt sicher vor!

Es ist wahr: auch die blühendste Einbildungskraft kann sich keinen höheren Glückselig­keitszustand ausmalen, als den zweier verliebter junger Menschenwesen, die nach langem Hangen und Bangen allein, fern aller Mißgunst und Neugier nach Herzenslust einander von vergangenen Leiden erzählen und miteinander die Wonnen vollkommenen Vereintseins auskosten dürfen. Aber der Teufel findet immer noch Mittel und Wege, seinen Tropfen Wermut in die Schale des Glücks hineinzuträufeln.

Johnson * sagt einmal – allerdings nicht als erster, und er hat das von einem alten Griechen – , kein Mensch könne von sich sprechen: .Heute werde ich glücklich sein!‘ Diese Wahrheit, die schon in altersgrauen Tagen den größten Weisen aufgegangen war, ist gewissen Sterblichen und sonderlich den meisten Liebenden bis auf den heutigen Tag noch nicht bewußt.

Während Leo und seine Freundin im Blauen Zimmer ihr ziemlich mäßiges Diner einnahmen, ein paar Happen und Kostproben vom Bankett der reitenden Jäger und Husaren, setzte ihnen die Unterhaltung der Herren im Nachbarsaale reichlich viel dafür zu. Da wurde allerhand Merkwürdiges über Strategie und Taktik vorgetragen, dessen wörtliche Wiedergabe ich schön bleiben lassen werde.

Das war eine Folge stark gepfefferter Histörchen, die fast alle ganz hübsch kitzlig waren und die Lachmuskeln derart heftig reizten, daß unser Liebespaar manchmal alle Mühe hatte, nicht mitzulachen. Die Freundin Leos war keine Prüde; aber es gibt Dinge, die man als Frau nicht gerne hört, nicht einmal in trauter Zweisamkeit mit dem geliebten Mann. Die Lage wurde immer peinlicher, und als den Herren Offizieren der Nachtisch aufgetragen wurde, hielt es Leo für am Platze, zur Küche hinunterzugehn und den Wirt höflich zu veranlassen, er möge den Herren vor Augen führen, daß sich eine der Ruhe bedürftige Dame nebenan aufhielte und daß man daher von ihrer Ritterlichkeit erwarte, etwas weniger laut zu sein.

Der Hotelbesitzer hatte, wie das bei großen Gesellschaftsessen im Hause zu gehen pflegt, den Kopf schwer voll und wußte nicht, auf wen er zuerst hören sollte. Im gleichen Augenblick, als Leo ihm die Botschaft an die Offiziere mit auf den Weg gab, bestellte ein Kellner bei ihm Champagner für die Husaren und ein Zimmermädchen Portwein für den Engländer.

»Ich hab‘ ihm gesagt, es wird wohl keiner dasein«, sagte sie im gleichen Atemzuge.

»Du bist ein Dämlack! Bei mir gibt’s alle Weine. Portwein, soll er gleich haben! Her mit der Flasche Fruchtschnaps, der zu Fünfzehn, und einer Karaffe Kognak!« Nachdem er im Handumdrehen Portwein erzeugt hatte, lief der Wirt in den großen Saal und entledigte sich des Auftrags, den ihm Leo gegeben hatte. Damit beschwor er zunächst ein wütendes Donnerwetter herauf. Danach warf eine Baßstimme, die alle ändern überdröhnte, die Frage auf, von welcher Art Weiblichkeit ihre Nachbarin sei. Es trat mehr oder weniger große Stille ein, und der Wirt gab zur Antwort:

»Wirklich, meine Herren, ich weiß nicht recht, was ich darauf sagen soll! Sie ist sehr nett und schüchtern. Die Marie sagt, sie habe einen Trauring am Finger. Es wäre schon möglich, daß es eine Neuvermählte ist, die ihre Hochzeitsnacht hier verträumen will, wie das oft vorkommt«

»Eine Neuvermählte?« hallte es aus vierzig Männerkehlen. »Sie soll kommen und mit uns anstoßen! Wir wollen auf ihr Wohl die Gläser leeren und den Bräutigam über seine ehelichen Pflichten aufklären!«

Auf diese Worte hin ließ sich ein mächtiges Sporengeklirr vernehmen, und unser Liebespärchen überrann ein Schauder bei dem Gedanken, ihr Zimmer würde jeden Augenblick im Sturm genommen werden. Doch plötzlich erhob sich eine Stimme, die der Bewegung Halt gebot. Es war offensichtlich: ein Vorgesetzter sprach da. Er hielt den Offizieren ein kurze Standpauke über ihre Unhöflichkeit und legte ihnen im Befehlstone nahe, sich wieder auf ihre Plätze zu begeben und eine angemessene und gedämpfte Sprechweise anzunehmen. Dann setzte er ein paar Worte hinzu, die zu leise waren, als daß sie vom Blauen Zimmer aus verstanden worden wären. Sie wurden achtungsvoll angehört, aber es entstand dennoch immer wieder eine gewisse Heiterkeit. Von da ab herrschte im Saal bei den Offizieren verhältnismäßige Stille, und unser Lie- bespärchcn, das die heilsame Herrschaft der Manneszucht segnete, gab sich nun einem sorgloseren Geplauder hin… Allerdings bedurfte es, nach so viel Aufregung, einer Weile, um wieder in die zärtliche Stimmung hineinzukommen, die durch die Unruhe, die Verdrießlichkeiten unterv/egs und vor allem durch die laute Fröhlichkeit ihrer Nachbarn reichlich gestört worden war. In solchem Alter ist das freilich noch keine allzu schwierige Sache, und so hatten sie bald alle Unannehmlichkeiten ihrer abenteuerlichen Fahrt wieder vergessen und wandten sich nurmehr der Betrachtung der viel bedenklicheren Mißlichkeiten ihrer Folgen zu.

Sie wiegten sich im holden Wahne, mit den Husaren sei es zum Friedensschlüsse gekommen. Leider, leider war es nur ein Waffenstillstand! In dem Augenblicke, da die beiden am allerwenigsten darauf gefaßt, da sie Tausende von Meilen dieser Welt unterm wechselnden Mond entrückt waren, gerade da setzten vierundzwanzig Trompeten, von etlichen Posaunen unterstützt, schmetternd ein mit dem allbekannten französischen Kriegermarsch: ,Unser, unser der Sieg!‘ Wer hält ein solches Sturmgebraus aus? Die armen beiden zärtlich Verliebten waren wirklich zu beklagen …

Doch nein, nicht allzusehr; denn zu guter Letzt zogen die Offiziere aus dem Speisesaale ab mit einem feierlichen Vorbeimarsch an der Tür des Blauen Zimmers unter großem Säbelgerassel und Sporengeklirr, wobei einer nach dem ändern laut rief:

»Gute Nacht, junge Frau Gemahlin!«

Damit verhallte aller Lärm. Nein, ich täusche mich, der Engländer kam auf den Treppenflur heraus und rief:

»Kellner, noch eine Flasche von demselben Portwein!«

Die Ruhe war wiederhergestellt in dem kleinen Hotel in N***. Die Nacht war mild, der volle Mond schien hernieder. Seit undenklichen Zeiten haben Verliebte ihre gemeinsame stille Freude am Anblicke unseres Erdtrabanten. Leo und seine Freundin machten ihr Fenster auf, das auf einen kleinen Garten hinausging, und atmeten mit tiefem Behagen die frische Luft ein, die der Balsamhauch einer Waldrebenlaube durchduftete.

Sie verweilten dennoch nicht allzulange dabei. Ein Mann wandelte gesenkten Kopfes, mit verschränkten Armen, eine Zigarre im Mundwinkel, im Garten auf und ab. Leo war es, als erkenne er in jenem den Neffen des Engländers wieder, der von dem guten Portwein so eingenommen war…

Ich bin durchaus kein Freund von unnötigen Einzelheiten, und übrigens sehe ich weder eine Veranlassung dazu, dem Leser alles zu sagen, was er sich selbst leicht vorstellen kann, noch zu erzählen, was sich von Stunde zu Stunde im Hotel in N*** abspielte. Ich erwähne also lediglich, daß die Kerze auf dem ungeheizten Kamine des Blauen Zimmers schon über die Hälfte heruntergebrannt war, als aus dem eben noch von Stille erfüllten Gemach des Engländers sich ein sonderbares Geräusch vernehmen ließ, etwa so, wie ein schwerer Körper beim Umstürzen es hervorruft. In dieses Geräusch hinein mischte sich ein nicht minder befremdliches Gekrach, dem ein erstickter Schrei und etliche unverständliche Laute, die wie ein Fluch klangen, folgten. Die beiden jungen Bewohner des Blauen Zimmers erbebten. Vielleicht waren sie dadurch jählings aus dem Schlummer geweckt worden. Fast unheimlich mutete die zwei dies Geräusch an, das sie sich nicht erklären konnten.

»Er träumt wohl, unser Engländer«, sagte Leo und gab sich Mühe zu lächeln.

Er wollte seine Gefährtin beruhigen, und dabei überrieselte ihn unwillkürlich doch selbst ein Schauer. Zwei oder drei Minuten danach wurde eine Tür nach dem Flur hin, mit großer Vorsicht, wie es schien, aufgemacht und sehr sacht wieder geschlossen. Ein tappender und unsicherer Schritt war zu hören, der allem Anscheine nach unhörbar aufzutreten versuchte.

»Verfluchte Spelunke!« entfuhr es Leo.

»Ach, es ist das Paradies…!« erwiderte diejunge Dame und sank mit ihrem Kopf Leo an die Schulter. »Ich bin sterbensmüde…«

Sie seufzte leise und war im Nu wieder eingeschlummert. Ein berühmter Moralist hat den Ausspruch getan, daß den Männern alle Geschwätzigkeit abgeht, wenn sie kein Verlangen mehr haben. Man braucht sich also nicht zu wundern, daß Leo keinerlei Versuch unternahm, den Faden der Unterhaltung wieder anzuknüpfen oder sich gar über die nächtlichen Geräusche im Hotel in N**ä‘ auszulassen. Aber ob er wollte oder nicht, der Fall ließ ihm keine Ruhe, und seine Einbildungskraft brachte damit mancherlei Umstände in Zusammenhang, denen er bei anderem Geisteszustände keine Beachtung geschenkt hätte. Die unheilbrütende Miene des Neffen seines Zimmernachbarn kam ihm wieder in den Sinn. Haß glomm in dem Blick, den jener seinem Onkel zuwarf, während er fast unterwürfig sprach, zweifellos weil er ihn um Geld anging.

Was gab es Leichteres für einen noch jungen und kräftigen und obendrein verzweifelten Menschen, als vom Garten her ins Fenster des Nachbarzimmers hochzuklettern? Überdies war er Mitbewohner des Hotels, da er zu nächtiger Stunde ja noch im Garten umherging. Vielleicht … wahrscheinlich sogar … ganz unzweifelhaft wußte er, daß die schwarze Reisetasche seines Onkels ein dickes Bündel Banknoten in sich barg… Und dieser dumpfe Krach, wie ein wuchtiger Schlag über einen kahlen Schädel!… Der erstickte Schrei!… Der schauerliche Fluch! Und anschließend die Schritte!… Dieser Neffe hatte die Miene eines Meuchelmörders… Nur, man mordet nicht in einem Hotel, das von Offizieren wimmelt. Ganz sicher hatte der Engländer, als vorsichtiger Mann, sich eingeriegelt, zumal er den Kerl in der Nähe wußte… Er mußte ihm wohl mißtrauen, weil er nicht mit der Tasche in der Hand ihm hatte nahe kommen wollen… Warum sich so scheußlichen Gedanken hingeben, wenn man so glücklich ist?…

So ging es Leo im Kopf herum. Tief verloren in seine Gedanken, die fast wie wirre Traumbilder durch sein Hirn zogen und die näher zu erklären ich mich hüten werde, starrte er unwillkürlich auf die Verbindungstür zwischen dem Blauen Zimmer und dem des Engländers.

In Frankreich schließen die Türen schlecht. Zwischen der da und dem Parkettboden klaffte ein Spalt von wenigstens zwei Zentimetern. In diesem Ritz, der im Widerschein des Parketts schwach glänzte, erschien mit einem Male etwas Schwärzliches, Flaches, einer Messerklinge Ähnliches – denn sein vom Licht der Kerze getroffener Rand zeigte eine schmale, helle Linie. Dieses Etwas schob sich langsam einem blauen Atlaspantöffelchen näher, das höchst unbedachtsam bis dicht an jene Tür hingeschleudert worden war. Könnte das irgendein Insekt, so etwas wie ein Tausendfuß sein?… Nein – kein Insekt! Das da hat keine bestimmte Form… Zwei oder drei dieser braunen Gebilde mit ihren schimmernden Lichträndern sind schon ins Zimmer eingedrungen. Ihre Bewegung wird, dank der Neigung des Parkettbodens, immer schneller… Sie kommen rasch voran, sie streifen schon an dem kleinen Pantoffel entlang. Kein Zweifel mehr! Das ist etwas Flüssiges, und diese Flüssigkeit – man sah im Kerzenschein ganz deutlich ihre Farbe – das war Blut! Und während Leo, wie festgebannt, mit Grausen auf diese fürchterlichen Rinnsale hinstarrte, schlief die junge Frau ihren friedlichen Schlaf weiter, und ihr ruhiger Atem umwehte warm Hals und Schulter ihres Geliebten…

Wie bedacht Leo war, sofort nach dem Eintreifen im Hotel in N*** ans Bestellen des Diners zu gehen, das beweist zur Genüge, daß er Kopf, regen Verstand und Umsicht besaß. Auch in dieser Lage handelte er nicht seiner Wesensart zuwider, die er schon mehrfach erkennen ließ. Er machte keine Bewegung und nahm all seine Geisteskraft zusammen, um angesichts des schrecklichen Unheils, das sich ihm bedrohlich näherte, einen Entschluß zu fassen.

Ich kann mir gut vorstellen, daß die Mehrzahl meiner Leser und vor allem meine Leserinnen, aus ihrem heroischen Vollgefühl heraus, das Benehmen und tatenlose Verhalten Leos unter solchen Umständen sehr mißbilligen werden. Er hätte, wird man mir einwenden, in das Zimmer des Engländers hinüberlaufen und den Mordbuben dingfest machen, allermindestens aber die Glocke ziehen und das Hotelpersonal herbeiläuten müssen. – Darauf möchte ich erst einmal entgegnen, daß in Frankreich in den Hotels die Zimmerglocken nur zur Zierde da sind und daß die Klingelzüge mit keinerlei metallischem Gerät in Verbindung stehen. Und mit allem gehörigen Ernst, aber auch mit Entschiedenheit möchte ich hinzusetzen, daß, ist es schon schlimm, einen Engländer neben sich ruhig sterben zu lassen, es doch auch nicht gerade löblich gehandelt ist, eine Frau ihm aufzuopfern, die einem schlummernd mit dem Haupt an der Schulter ruht. Was wäre eingetreten, wenn Leo einen Lärm geschlagen hätte, von dem das ganze Hotel erwacht wäre? Die Gendarmen, der Staatsanwalt und der Gerichtsschreiber wären umgehend am Tatort eingetroffen. Und diese Herren sind von Berufs wegen so neugierig, daß sie noch vor allen Fragen danach, was er gesehen oder gehört habe, zu allererst einmal folgendes hätten von ihm wissen wollen:

»Wie heißen Sie? Ihre Ausweise? Und Madame? Was taten Sie zusammen im Blauen Zimmer? Sie haben sich im Schwurgerichtssaale einzufinden zwecks öffentlicher Aussage, daß Sie in der Nacht vom soundsovielten um die und die Stunde Zeugen der und der Tat gewesen sind!«

Und eben dieser Gedanke an den Staatsanwalt und die Leute vom Gericht war das erste, was sich Leos Geist geradezu aufdrängte. Im Leben erheben sich mitunter Gewissensfragen, auf die schwer eine Antwort zu finden ist: Ist es besser, einen unbekannten Reisenachbarn umbringen zu lassen – oder aber eine geliebte Frau um ihren guten Ruf und ins Verderben zu bringen? Es ist unangenehm, vor einem derartigen Problem zu stehen. Der Gewandteste wird schwerlich zu einer Lösung kommen.

Leo tat also, was wahrscheinlich auch noch andere an seiner Stelle getan hätten: er rührte sich nicht. Wie festgenagelt starrte er eine lange Weile unverwandt auf das blaue Pantöffelchen und den kleinen roten Bach, der es benetzte, während kalter Schweiß ihm die Schläfen näßte undsein Herz ihm in der Brust zum Zerspringen schlug. Ein Schwarm absonderlicher und gräßlicher Gedanken und Bilder stürmte unablässig auf ihn ein, und eine innere Stimme schrie ihm alle Augenblicke ins Bewußtsein: ,In einer Stunde ist alles ans Licht gekommen, und du bist der Schuldige!‘ Doch indes er angestrengt hin und her überlegte: »Was tu’ich bloß in solcher Zwangslage?« dämmerten ihm endlich ein paar Hoffnungsstrahlen. Er sagte sich schließlich:

»Wenn wir aus diesem vermaledeiten Gasthofe wieder hinaus wären, ehe noch ruchbai wird, was sich im Nebenzimmer ereignet hat, könnten wir vielleicht unsere Spuren verwischen. Kein Mensch kennt uns hier; mich hat man nur mit der blauen Brille, sie nur verschleiert zu Gesicht bekommen. Wir haben es nur ein paar Schritte weit bis zum Bahnhof, und in einer Stunde wären wir von N*** weg.«

Als er dann zur Durchführung seiner Abreise den Fahrplan lange studiert hatte, kam er darauf, daß ein Zug nach Paris gegen acht Uhr früh hier durchfuhr. Wenig später schon würde man sich in die unermeßliche Riesenstadt hineinverloren haben, in der so viel Schuldige untertauchen. Wer vermöchte da zwei Unschuldige zu entdecken? Aber könnte nicht irgend jemand bereits vor acht Uhr des Engländers Zimmer betreten ? Das’war die Frage. Da er vollkommen überzeugt war, daß für ihn kein andrer Entschluß übrigblieb, raffte er sich verzweifelt dazu auf, die Erstarrung abzuschütteln, die eine ganze Weile schon sich seiner bemächtigt hatte; aber auf die erste Bewegung hin, die er machte, erwachte seine junge Gefährtin und schloß ihn gleich stürmisch in die Arme. Als sie seine eisige Backe berührte, entfuhr ihr ein kleiner Schrei:

»Was ist dir?« fragte sie ihn beunruhigt. »Deine Stirn ist ja kalt wie Marmor.«

»Nichts«, erwiderte er mit unsicherer Stimme. »Ich habe ein Geräusch im Zimmer nebenan gehört…« Er machte sich aus ihrer Umarmung frei und schob zuerst den kleinen blauen Pantoffel zur Seite und dann einen der Lehnsessel vor die Verbindungstür, um auf diese Weise seiner Freundin den Anblick der entsetzlichen Flüssigkeit zu entziehen, die aufgehört hatte weiterzusickern und nun als ziemlich breite Lache auf dem Parkett stand. Dann klinkte er die Tür nach dem Flur auf und lauschte angespannt nach draußen; er wagte sich sogar bis zu der Tür des Engländers hin. Sie war zugesperrt. Im Hotel regte sich schon Leben. Der Tag brach an. Die Pferdeburschen striegelten im Hofe die Pferde, und vom zweiten Stockwerk stieg ein Offizier sporenklirrend die Treppe hinunter. Er ging an die Beaufsichtigung dieser höchst unterhaltsamen Tätigkeit, die den Pferden weit mehr Vergnügen macht als den Reitern, und die, fachmännisch ausgedrückt, .Frühstall‘ heißt.

Leo kehrte ins Blaue Zimmer zurück; und dort setzte er seiner Freundin mit der größten Schonung, auf die Liebe verfallen kann, in Umschreibungen und blumigen Andeutungen die Lage auseinander, in der sie sich befanden.

Gefährlich war: bleiben; gefährlich: zu überstürzt aufbrechen; noch weit gefährlicher aber: im Hotel warten, bis das unheilvolle Ereignis im Nebenzimmer entdeckt wäre.

Es erübrigt sich, den Schreck zu beschreiben, den diese Eröffnung hervorrief, die Tränen, die darauf folgten, die unsinnigen Vorschläge, die aufs Tapet gebracht wurden. Wie viele Male stürzten die unglückseligen Beiden einander in die Arme und riefen sich wechselweise zu: »Vergib mir! Verzeih mir!« Jedes hielt sich für den Hauptschuldigen. Sie gelobten einander fest, miteinander zu sterben; denn die junge Dame hegte nicht den mindesten Zweifel daran, daß sie beide vom Gericht für des Mordes am Engländer schuldig befunden würden; und weil sie nicht völlig sicher darüber waren, ob ihnen gestattet sein würde, sich noch auf dem Schafott in den Armen zu liegen, erstickten sie einander fast mit Umarmungen undüberschütteten sich gegenseitig um die Wette mit Tränen. Nachdem sie einander viel tolles Zeug und viele zärtliche und herzzerreißende Dinge gesagt hatten, kamen sie schließlich unter tausend Küssen zur Erkenntnis, daß der von Leo ausgesonnene Plan, das heißt: die Abfahrt mit dem Achtuhrzuge, tatsächlich der einzig ausführbare und beste Ausweg war. Aber noch blieben zwei sterbenslange Stunden zu verbringen. Bei jedem Schritt auf dem Flur erschauerten sie an allen Gliedmaßen. Jedes Stiefelknarren kündigte ihnen die Ankunft des Staatsanwalts an.

Ihr leichtes Gepäck war im Handumdrehen, fertig. Die junge Frau wollte das blaue Päntöffelchen im Kamin verbrennen; aber Leo erraffte den kleinen Schuh, und nachdem er ihn sorglich am Bettvorhang abgewischt hatte, drückte er ihn an die Lippen und steckte ihn dann in die Rocktasche. Er war überrascht, als er fand, ihm entströme ein Vanilleduft; seiner Freundin Parfüm war doch ,Le Bouquet de l’Imperatrice Eugenie’…

Im Hotel war bereits alles wach. Man hörte Kellner lachen, Zimmermädchen trällern und Offiziersburschen die Waffenröcke ihrer Gebieter ausbürsten. Eben hatte es sieben geschlagen. Leo wollte seine Freundin dazu bewegen, eine Tasse Milchkaffee zu trinken, aber sie erklärte, die Kehle sei ihr wie zugeschnürt, und sie werde beim geringsten Versuch, etwas hinunterzuschlucken, sterben.

Im Schutz seiner blauen Brille ging Leo hinab, um seine Rechnung zu begleichen. Der Wirt bat ihn um Entschuldigung, vielmals um Entschuldigung wegen der großen Unruhe, die gestern abend geherrscht habe und die er sich immer noch nicht enträtseln könne, da doch die Herren Offiziere sonst stets so ruhig seien! Leo versicherte ihm, er habe nichts gehört und fabelhaft geschlafen.

»Ihr Nachbar auf der andern Seite, beispielsweise«, fuhr der Wirt fort, »dürfte Sie nicht im mindesten gestört haben. Das ist einer, der nicht viel Lärm macht. Der liegt, möchte ich wetten, jetzt noch bis über beide Ohren im tiefsten Schlaf.«

Leo stützte sich mit aller Gewalt, um nicht zusammenzuklappen, auf den Kassentisch, und die junge Frau, die nicht von seiner Seite weichen wollte, hielt sich krampfhaft an seinem Arm fest, während sie ihren Schleier dicht vor die Augen zog.

»Das ist ein Mylord«, redete der Wirt erbarmungslos weiter. »Bei dem muß alles immer von erster Güte sein. Ein feiner Mann! Aber alle Engländer sind nicht wie der. Hier übernachtete noch einer, ein richtiger Knicker. Dem war alles zu teuer, das Zimmer, das Diner. Der wollte seine Note an mich für hundertfünfundzwanzig Franken loswerden, eine Fünfpfundnote der Bank von England… Wenn die nur auch echt ist!… Warten Sie, mein Herr… Sie müssen sich doch darin auskennen, denn Sie sprachen, wie ich hörte, englisch mit Madame… Ist die echt?« Während er das sagte, hielt er Leo eine Banknote über fünf Pfund Sterling hin. An einer Ecke hatte sie einen kleinen roten Spritzer, über den Leo sofort im Bilde war. »Die ist wohl sicher – echt«, brachte er mit einem Würgen in der Kehle heraus.

»Oh, Sie haben noch viel Zeit!« nahm der Wirt wieder das Wort. »Der Zug kommt hier erst um acht durch, und Verspätung hat er auch immer. – Wollen Sie sich denn nicht setzen, Madame, Sie scheinen etwas mitgenommen…« In diesem Augenblick schob sich rasch ein strammes Zimmermädchen durch die Tür herein. »Schnell, heißes Wasser«, rief sie, »zum Tee für Mylord! Bringt auch gleich was zum Aufwischen mit! Er hat die Flasche zerbrochen, und das ganze Zimmer schwimmt.« Bei diesen Worten ließ sich Leo auf einen Stuhl niederfallen, und seine Gefährtin machte es ebenso. Alle beide wandelte sie eine schier unbändige Lachlust an, und sie mußten sich beherrschen, nicht laut loszuprusten. Die junge Frau drückte ihm übermütig die Hand. »Eins steht fest«, sagte Leo zum Wirt, »wir fahren erst mit dem Zweiuhrzuge. Machen Sie uns was Gutes zum Mittagessen!«

* Ironische Anspielung auf das an Mißlichkeiten reiche Leben und Wirken Samuel Johnsons (1707-1784), des bedeutenden englischen Satirikers seiner Zeit.

 

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