Das Abenteuer mit der Pappschachtel

Bei der Auswahl einiger typischer Fälle, die die bemer­kenswerten geistigen Qualitäten meines Freundes illustrie­ren, habe ich mich so weit wie möglich bemüht, jene aus­zuwählen, die am wenigsten effekthascherisch waren und doch so ziemlich das ganze Feld seiner Begabungen zeig­ten. Leider ist es jedoch unmöglich, das Sensationelle gänzlich vom Verbrecherischen zu trennen, und so befin­det sich der Chronist in dem Dilemma, dass er entweder Details opfern muss, die wesentlich für seine Darstellung sind, und so einen falschen Eindruck von dem Problem vermittelt, oder er muss das Material so nehmen, wie es ihm die Gelegenheit und nicht die eigene Auswahl bietet. Mit dieser kurzen Vorrede kehre ich nun zu meinen Auf­zeichnungen eines Falles zurück, der sich als eine sehr seltsame und besonders schreckliche Verkettung von Er­eignissen herausstellte.

Es war ein glühend heißer Tag im August. Die Baker Street fühlte sich an wie ein Backofen, und das grelle Sonnen­licht auf den gelben Backsteinfassaden der Häuser gegenüber schmerzte in den Augen. Kaum zu glauben, dass es sich dabei um dieselben Mauern handelte, die sich im Winter so düster im Nebel abzeichneten. Unsere Jalousien waren halb herunter gezogen, und Holmes lag zusammengerollt auf dem Sofa und las immer wieder einen Brief durch, den er mit der Morgenpost erhalten hatte. Ich für meinen Teil war durch meinen Militärdienst viel besser an die Hitze als an Kälte gewöhnt, und Temperaturen von über 30 Grad machten mir nichts aus. Aber die Morgenzeitung enthielt nichts von Interesse. Das Parlament hatte sich in die Sommerpause begeben. Alle hatten die Stadt verlassen, und ich sehnte mich nach den Schatten von New Forest oder den Stränden von Southsea. Aber ein geplündertes Bankkonto hatte mich veranlasst, meine Ferien zu verschieben, und was meinen Freund anging, so übten weder das Land noch das Meer auch nur die leiseste Anziehungskraft auf ihn aus. Er liebte es, mitten im Zentrum von fünf Millionen Menschen zu sitzen und seine Fühler auszustrecken, die auf das geringste Gerücht oder die Vermutung eines unaufgeklärten Verbrechens reagierten. Die Bewunderung der Natur fand keinen Platz unter seinen vielen Gaben, und davon wich er nur ab, wenn er sich vom Übeltäter der Stadt abwandte, um dessen Bruder vom Lande zu verfolgen.

Da mir Holmes zu beschäftigt für eine Unterhaltung zu sein schien, tat ich die langweilige Zeitung beiseite, lehnte mich im Sessel zurück und ließ meinen Gedanken freien Lauf

Plötzlich unterbrach die Stimme meines Freundes mich in meinen Gedanken. »Ganz recht, Watson,« sagte er. »Es scheint wirklich eine höchst alberne Art zu sein, einen Streit beizulegen.«

»Höchst albern!« rief ich aus und erkannte dann plötzlich, dass er gerade meine innerste Gedanken wiedergegeben hatte. Ich setzte mich im Sessel auf und starrte ihn völlig verblüfft an.

»Wie ist das möglich, Holmes?« rief ich. »Das ist ja unvorstellbar!«

Er lachte herzlich über meine Verblüffung.

»Sie werden sich vielleicht erinnern,« sagte er, »es ist noch gar nicht lange her, da las ich Ihnen eine Passage aus einer von Poes Kurzgeschichten vor, in der ein logischer Denker die unausgesprochenen Gedanken seines Freundes verfolgt; Sie neigten damals dazu, dies als eine reichlich gekünstelte Erfindung des Autors abzutun. Und auf meine Bemerkung, dass auch ich diese Angewohnheit pflege, reagierten Sie völlig ungläubig.«

»O, nein!«

»Vielleicht nicht mit Worten, mein lieber Watson, aber es war Ihnen deutlich anzusehen. Als Sie die Zeitung auf den Boden warfen und sich Ihren Gedanken hingaben, war ich deshalb sehr froh, dass ich Sie Ihnen von der Stirn ablesen und schließlich in sie eindringen konnte, als Beweis dafür, dass ich einen direkten Draht zu Ihnen habe.«

Das befriedigte mich bei weitem nicht. »In dem Beispiel, das Sie mir vorgelesen haben,« sagte ich, »zog der Denker seine Schlüsse aber aus den Handlungen des Mannes, den er beobachtete. Wenn ich mich recht erinnerte, stolperte er über einen Haufen Steine, blickte hinauf zu den Sternen, usw. Ich aber saß ruhig im Sessel, welche Anhaltspunkte kann ich ihnen damit geliefert haben?«

»Sie unterschätzen sich. Dem Menschen wurden seine Gesichtszüge geben, um seine Gefühle auszudrücken, und die Ihren sind ganz besonders treue Diener.«

»Wollen Sie damit sagen, dass Sie mir meine Gedankengänge vom Gesicht ablesen können?«

»Von Ihrem Gesicht und ganz besonders von Ihren Augen. Möglicherweise können Sie sich nicht mehr erinnern, wie Ihre kleine Träumerei begann.«

»Nein, kann ich nicht.«

»Dann will ich es Ihnen erklären. Nachdem Sie Ihre Zeitung auf den Boden geworfen hatten, wodurch Sie meine Aufmerksamkeit erregten, saßen Sie eine halbe Minute lang mit leerem Gesicht da. Dann richteten Sie den Blick auf das neulich gerahmte Bild von General Gordon, und ich sah an der Veränderung in Ihrem Gesicht, dass ein Zug von Gedanken seine Fahrt aufgenommen hatte. Aber das führte nicht allzu weit. Schon schnell wandte sich Ihr Blick dem ungerahmten Porträt von Henry Ward Beecher zu, das oben auf Ihren Büchern steht. Danach blickten Sie die Wand hinauf, und, was das bedeutete, war natürlich offenkundig. Sie überlegten, dass wenn das Porträt gerahmt würde, es gerade den freien Fleck dort bedecken und wunderbar mit Gordons Bild harmonieren würde.«

»Das haben Sie ganz wunderbar beobachtet!« rief ich aus.

»Bis dahin konnte ich kaum in die Irre gehen. Aber nun gingen Ihre Gedanken zurück zu Beecher und Sie blickten angestrengt hinüber, als ob Sie den Charakter seiner Gesichtszüge studierten. Dann entspannte sich Ihr Gesichtsausdruck ein wenig, aber Sie blickten immer noch hinüber, und Ihr Gesichtsausdruck wurde nachdenklich. Sie erinnerten sich an gewisse Vorfälle in Beechers Laufbahn. Mir war völlig klar, dass Sie das nicht tun konnten, ohne an die Mission zu denken, die er im Bürgerkrieg für die Nordstaaten unternahm, denn ich erinnere mich noch sehr gut an Ihre leidenschaftliche Empörung über die Art, wie er von den größten Hitzköpfen unseres Volkes wieder daheim empfangen wurde. Das hatte Ihre Gefühle so stark erregt, dass ich wusste, dass Sie an Beecher nicht denken konnten, ohne sich nicht auch daran zu erinnern. Als Ihre Augen weiter wanderten, vermutete ich, dass Ihre Gedanken sich nun dem Bürgerkrieg zuwandten, und als ich sah, wie Ihre Lippen schmal wurden, Ihre Augen funkelten und Sie Ihre Fäuste ballten, war ich mir sicher, dass Sie an die Ritterlichkeit dachten, die von beiden Seiten in diesem verzweifelten Kampf an den Tag gelegt wurde. Aber dann wurde Ihr Gesicht wieder trauriger und Sie schüttelten den Kopf. Sie schwankten zwischen Trauer und Schrecken und der nutzlosen Verschwendung von Leben. Ihre Hand glitt langsam zu Ihrer alten Wunde und das bittere Lächeln auf Ihren Lippen zeigte mir, dass die lächerliche Seite dieser Methode, internationale Streitfragen beizulegen, Eingang in Ihre Gedanken gefunden hatte. In diesem Punkt war ich genau Ihrer Meinung, dass es einfach grotesk war, und ich war froh, dass sich meine Schlussfolgerungen als zutreffend erwiesen hatten.«

»Völlig richtig!« sagte ich. »Und jetzt, da Sie mir es erklärt haben, muss ich gestehen, dass ich doch immer noch genauso verblüfft bin wie zuvor.«

»Es war sehr einfach, lieber Watson, das kann ich Ihnen versichern. Ich hätte Ihre Aufmerksamkeit nicht darauf gelenkt, wenn Sie in dieser Frage nicht schon einmal eine gewisse Ungläubigkeit an den Tag gelegt hätten. Aber hier in meinen Händen halte ich ein kleines Problem, dessen Lösung sich als etwas schwieriger erweisen könnte als mein kleiner Versuch im Gedankenlesen. Haben Sie in der Zeitung vielleicht diesen kurzen Artikel über den bemerkenswerten Inhalt eines Päckchens gelesen, das einer gewissen Miss Cushing, Cross Street in Croydon, per Post zugegangen ist?«

»Nein, ist mir nicht aufgefallen.«

»Ah! Dann müssen Sie es überlesen haben. Schmeißen Sie mir mal die Zeitung rüber. Hier haben wir‘s, unter dem Wirtschaftsteil. Vielleicht könnten Sie es einmal vorlesen.«

Ich hob die Zeitung auf, die er wieder zu mir zurückgeworfen hatte und las den betreffenden Artikel vor. Er trug die Überschrift »Ein schauerliches Päckchen.«

»Miss Susan Cushing, wohnhaft in Cross Street, Croydon, wurde das Opfer einer Tat, die als besonders widerwärtiger Scherz gewertet werden muss, solange diesem Vorfall nicht ein übler Hintergrund zugeordnet werden muss. Gestern um 14 Uhr wurde ihr vom Postzusteller ein kleines Päckchen ausgehändigt, das in braunes Packpapier eingepackt war. Es enthielt eine Pappschachtel, die mit grobkörnigem Salz gefüllt war. Als sie es öffnete, fand Miss Cushing zu ihrem Entsetzen zwei menschliche Ohren, die offensichtlich erst kürzlich abgetrennt worden waren. Das Päckchen war in Belfast mit der Paketpost am gestrigen Morgen aufgegeben worden. Es gibt keine Hinweise auf den Absender, und die Sache ist umso mysteriöser, als Miss Cushing eine alleinstehende Dame von 50 Jahren ist, die ein zurückgezogenes Leben führt, und so wenige Bekannte oder Briefpartner hat, dass es selten selten vorkommt, dass sie überhaupt etwas mit der Post erhält. Vor einigen Jahren allerdings, als sie noch in Penge lebte, vermietete sie Zimmer in ihrem Haus an drei junge Medizinstudenten, denen sie kündigen musste wegen ihres lauten und gesetzwidrigen Verhaltens. Die Polizei ist der Ansicht, dass diese empörende Tat an Miss Cushing von diesen jungen Burschen begangen wurde, die einen Groll gegen sie hegten und hofften, sie in Angst und Schrecken zu versetzen, indem sie ihr diese Überbleibsel aus dem Seziersaal zusandten. Für diese Theorie spricht die Tatsache, dass einer dieser Studenten aus Nordirland stammte und zwar, soweit Miss Cushing sich erinnern konnte, aus Belfast. Die Angelegenheit wird intensiv untersucht von Mr. Lestrade, einem unserer intelligentesten Kriminalbeamten, dem dieser Fall übertragen wurde.«

»So weit der Daily Chronicle,« sagte Holmes, als ich fertig war. »Und nun zu unserem Freund Lestrade. Heute morgen erhielt ich eine Nachricht von ihm, in der er mir mitteilte: ‚Ich glaube, dieser Fall fällt ganz in Ihr Fach. Wir sind guter Dinge, dass wir diese Angelegenheit aufklären können, aber es gibt da noch ein paar kleinere Probleme. Natürlich haben wir an das Postamt von Belfast gekabelt, aber an diesem Tag wurden viele Pakete eingeliefert und sie haben keine Möglichkeit, dieses spezielle Päckchen zu identifizieren oder sich an den Absender zu erinnern. Die Schachtel ist eine Halbpfund-Verpackung der Marke Honigtau-Tabak und hilft uns in keiner Weise weiter. Die Theorie über den Medizinstudenten erscheint mir noch als die wahrscheinlichste, aber wenn Sie einige Stunden Ihrer kostbaren Zeit erübrigen könnten, wäre ich doch sehr froh, wenn Sie hierher kommen könnten. Ich werde den ganzen Tag über entweder im Haus von Miss Cushing oder auf dem Polizeirevier sein.‘

Was meinen Sie, Watson, könnten Sie sich trotz der Hitze wohl überwinden, mit mir zusammen mal kurz nach Croydon zu sausen, auf die unwahrscheinliche Aussicht hin, einen Fall für Ihre Annalen aufzusammeln?«

»Ich habe mich schon die ganze Zeit danach gesehnt, etwas zu unternehmen.«

»Dann können Sie es jetzt. Klingeln Sie nach unseren Stiefeln, und sagen Sie Mrs. Hudson, dass sie ein Cab rufen soll. Ich bin gleich wieder da, sobald ich mich umgezogen und mein Zigarrenetui aufgefüllt habe.«

Während wir im Zug saßen, ging ein Regenschauer nieder, und in Croydon war die Hitze weit weniger bedrückend als in der Stadt. Holmes hatte ein Telegramm geschickt, deshalb erwartete Lestrade uns schon am Bahnhof, drahtig, gediegen und frettchenhaft wie immer. Ein kurzer Fußmarsch von fünf Minuten brachte uns zur Cross Street, wo Miss Cushing wohnte.

Es war eine ziemlich lange Straße, gesäumt von zweistöckigen Backsteinhäusern, sauber und sittsam mit blank gescheuerten Treppenstufen und Grüppchen von Frauen mit Schürzen, die sich an den Eingangstüren zu einem Schwatz versammelt hatten. Nachdem wir sie ungefähr bis zur Hälfte hinuntergegangen waren waren, stoppte Lestrade und klopfte an einer Tür, die von einem kleinen Dienstmädchen geöffnet wurde. Miss Cushing saß in dem Empfangszimmer, in das wir geführt wurden. Sie war eine Frau mit einem freundlichen Gesicht, sanften Augen und grauen Haaren, die sich zu beiden Seiten ihrer Schläfen herabkringelten. Auf ihrem Schoß lag eine Handarbeit, und ein Körbchen mit mit farbiger Seide stand auf einem Hocker neben ihr.

»Sie sind jetzt draußen im Abort, diese schrecklichen Sachen,« sagte sie zu Lestrade. »Ich möchte, dass Sie sie so schnell wie möglich entfernen.«

»Das werde ich tun, Miss Cushing, ich habe sie nur noch hier gelassen, bis mein Freund, Mr. Holmes, sie in Ihrer Gegenwart in Augenschein nehmen konnte.«

»Warum in meiner Gegenwart, Sir?«

»Nur für den Fall, dass er noch ein paar Fragen dazu hat.«

»Wozu sollte das gut sein, wenn ich Ihnen doch gesagt habe, dass ich absolut nichts darüber weiß?«

»Sie haben ganz Recht, Madam,« sagte Holmes auf seine besänftigende Art. »Ich hege keinen Zweifel, dass Sie mehr als genug verärgert über diese Angelegenheit sind.«

»In der Tat, Sir. Ich bin eine ruhige Frau und führe ein zurückgezogenes Leben. Es ist doch etwas neu für mich, meinen Namen in der Zeitung zu lesen und die Polizei in meinem Haus zu haben. Ich möchte diese Sachen nicht hier haben, Mr. Lestrade. Wenn Sie sie sehen wollen, müssen Sie zum Abtritt gehen.«

Der Lokus war eine kleine Bretterbude, in dem schmalen Garten, der hinter dem Haus lag. Lestrade ging hinein und brachte eine gelbe Pappschachtel heraus, zusammen mit einem Stück braunem Packpapier und einem Bindfaden. Am Ende des Pfades gab es eine Sitzbank, und wir ließen uns darauf nieder, und Holmes untersuchte nacheinander die Gegenstände, die Lestrade ihm übergeben hatte.

»Der Bindfaden ist außerordentlich interessant,« bemerkte er und hielt ihn gegen das Licht und roch daran. »Was schließen aus diesem Bindfaden, Lestrade?«

»Er ist geteert.«

»Genau. Es ist ein geteerter Zwirn. Sie haben ohne Zweifel sicher auch bemerkt, dass Miss Cushing die Schnur mit einer Schere durchgeschnitten hat, wie man an den doppelten Fransen an beiden Enden sehen kann. Das ist von Bedeutung.«

»Ich kann die Bedeutung nicht erkennen,« sagte Lestrade.

»Die Bedeutung liegt in der Tatsache, dass der Knoten intakt geblieben ist, und dass dieser Knoten von einer besonderen Art ist.«

»Er ist sehr akkurat gebunden. Ich habe mir darüber schon eine Notiz gemacht,« sagte Lestrade selbstgefällig.

»So weit zum Bindfaden,« sagte Holmes lächelnd, »und jetzt zum Packpapier. Braunes Packpapier mit einem deutlichen Geruch von Kaffee. Wie, das ist Ihnen nicht aufgefallen? Ich glaube, daran kann es keinen Zweifel geben. Die Adresse wurde in ziemlich auseinandergezogenen Buchstaben geschrieben: ‚Miss S. Cushing, Cross Street, Croydon.‘ Das Ganze mit einer breiten Feder, vermutlich Größe J, und mit einer sehr minderwertigen Tinte. Das Wort ‚Croydon‘ wurde ursprünglich mit einem ‚i‘ geschrieben, das dann zu ‚y‘ verändert wurde. Dann wurde das Päckchen von einem Mann – die Schrift ist entschieden männlich – von beschränkter Bildung und nicht vertraut mit der Stadt Croydon aufgegeben. So weit, so gut! Die Schachtel ist eine Halbpfundpackung der Marke Honigtau, an der nichts weiter bemerkenswert ist außer den zwei Daumenabdrücken an der linken unteren Ecke. Sie ist gefüllt mit grobem Salz von der Art, die benutzt wird, um Tierhäute zu konservieren und für andere etwas derbere geschäftliche Zwecke. Darin eingebettet sind diese sehr einzigartigen Stücke.«

Während er sprach, nahm er die beiden Ohren heraus, legte sie auf ein Brett, dass er sich aufs Knie legt hatte und untersuchte sie genau, während Lestrade und ich uns von beiden Seiten zu ihm beugten und abwechselnd auf diese schauerlichen Relikte und auf das nachdenkliche, angespannte Gesicht unseres Gefährten blickten. Schließlich tat er sie wieder in die Schachtel zurück und saß für eine Weile gedankenversunken da.

Dann sagte er: »Ihnen ist sicher aufgefallen, dass die Ohren nicht zusammengehören.«

»Ja, das habe ich schon bemerkt. Aber wenn das ein Schabernack von ein paar Studenten aus dem Seziersaal gewesen sein soll, dann wäre es für sie ziemlich einfach gewesen, zwei unterschiedliche Ohren als ein Paar zu schicken.«

»Genau. Aber das hier ist kein Schabernack.«

»Sind Sie sich da sicher?«

»Alles spricht dagegen. Die Leichen in den Seziersälen erhalten Injektionen mit einer konservierenden Flüssigkeit. Davon ist bei diesen Ohren aber nichts zu sehen. Außerdem sind sie noch ganz frisch. Sie wurden mit einem stumpfen Instrument abgetrennt, was wohl kaum geschehen wäre, wenn ein Student dies getan hätte.

Und noch mal, Karbol oder rektifizierter Alkohol würden sich einem Mediziner als Konservierungsmittel aufdrängen, aber sicherlich nicht Salz. Ich wiederhole, das hier ist kein Schabernack, wir haben hier ein schweres Verbrechen vor uns.«

Ein dunkler Schauer durchlief mich, als ich die Worte meines Freundes hörte und die ernste Feierlichkeit sah, die seine Züge erhärtete. Dieses brutale Vorspiel schien einen merkwürdigen und unerklärlichen Schrecken im Hintergrund anzukündigen. Lestrade, für seinen Teil, schüttelte den Kopf wie jemand, der noch nicht ganz überzeugt ist.

»Gegen einen Scherz mag es zweifellos einige Einwände geben,« sagte er, »aber gegen die Alternative sprechen noch viel stärkere Gründe. Wie wir wissen, hat diese Dame ein sehr ruhiges und respektables Leben in Penge und auch hier in den letzten zwanzig Jahren geführt. Während dieser Zeit war sie kaum einmal einen Tag lang außer Haus. Warum in aller Welt sollte ein Krimineller ihr die Beweise seiner Schuld schicken, besonders wenn sie, vorausgesetzt sie ist nicht eine perfekte Schauspielerin, sie gerade so viel von der Angelegenheit weiß wie wir?«

»Das ist genau das Problem, das wir lösen müssen,« antwortete Holmes, »und ich für meinen Teil beabsichtige, dabei davon auszugehen, dass meine Überlegungen zutreffend sind, und dass wir es hier es hier mit einem vollendeten Doppelmord zu tun haben. Eines dieser Ohren gehört zu einer Frau, klein, fein geformt und mit einem gestochenen Loch für einen Ohrring. Das andere ist das eines Mannes, sonnengebräunt, verfärbt und ebenfalls gestochen für einen Ohrring. Diese beiden Menschen sind vermutlich tot, oder wir hätten von ihnen schon etwas gehört. Heute haben wir Freitag. Das Päckchen wurde Donnerstag früh aufgegeben. Demnach hat sich die Tragödie am Mittwoch oder Dienstag oder noch früher ereignet. Wenn zwei Menschen ermordet wurden, wer, wenn nicht ihr Mörder, würde diese Zeugnisse seiner Tat an Miss Cushing geschickt haben? Wir können also davon ausgehen, dass der Absender des Päckchens, der Mann ist, hinter dem wir her sind. Aber er musste einen ziemlich guten Grund haben, dieses Päckchen an Miss Cushing zu schicken. Was kann wohl dieser Grund sein? Vielleicht, um ihr mitzuteilen, dass die Tat vollbracht war, oder um sie zu foltern. In diesem Fall würde sie aber wissen, wer es war. Weiß sie es? Ich bezweifle das. Wenn sie es wüsste, warum sollte sie die Polizei rufen? Sie würde die Ohren beerdigt haben, und niemals hätte jemand etwas davon erfahren. Das hätte sie getan, wenn sie den Täter hätte schützen wollen. Aber wenn sie ihn nicht hätte schützen wollen, hätte sie uns seinen Namen gegeben. Das ist ein Durcheinander, in das wir ein wenig Licht bringen müssen.« Er hatte laut und schnell geredet und dabei mit leerem Blick über den Gartenzaun gestarrt, aber nun sprang er plötzlich auf und ging auf das Haus zu.

»Ich habe da noch ein paar Fragen an Miss Cushing,« sagte er.

»In diesem Fall werden Sie mich wohl entschuldigen,« sagte Lestrade, »ich muss nämlich noch eine kleine Angelegenheit erledigen. Ich denke, ich benötige keine weiteren Informationen von Miss Cushing. Sie können mich auf dem Polizeirevier finden.«

»Wir werden vorbeischauen, wenn wir zum Bahnhof gehen,« antwortete Holmes. Einen Augenblick später waren waren wir wieder im Empfangszimmer, wo die ungerührte Lady noch seelenruhig an ihrer Handarbeit weiterarbeitete. Als wir eintraten, ließ sie sie auf den Schoß sinken und blickte uns mit ihren offenen, suchenden blauen Augen an.

Ich bin überzeugt, Sir,« sagte sie, »dass diese Angelegenheit ein Missverständnis ist, und dass dieses Päckchen überhaupt nicht für mich bestimmt gewesen ist. Das habe ich diesem Gentleman von Scotland Yard schon mehrmals gesagt, aber er hat mich einfach ausgelacht. Soviel ich weiß, habe ich keinen einzigen Feind auf der Welt, warum sollte mir also jemand einen derartigen Streich spielen?«

»Ich bin zu demselben Schluss gekommen, Miss Cushing,« sagte Holmes und setzte sich neben sie. »Ich denke, es ist mehr als wahrscheinlich –« Er stockte, und ich war überrascht zu sehen, dass er mit eigentümlicher Eindringlichkeit das Profil der Lady anstarrte. Auf seinem angespannten Gesicht zeichneten sich für einen Augenblick gleichermaßen Überraschung und Befriedigung ab, aber als sie sich ihm zuwandte, um dem Grund für sein plötzliches Innehalten zu erforschen, hatte sein Gesicht schon wieder den üblichen nüchternen Ausdruck angenommen. Ich musterte intensiv ihr graues Haar, ihr adrettes Häubchen, ihre kleinen goldenen Ohrringe, ihre sanften Züge; aber ich konnte nichts ausmachen, was seine plötzliche Aufmerksamkeit erregt haben konnte.

»Es gäbe da noch eine oder zwei Fragen –«

»Oh, ich bin irgendwelcher Fragen langsam doch ziemlich überdrüssig!« rief Miss Cushing.

»Sie haben, glaube ich, zwei Schwestern.«

»Woher wissen Sie das?«

»Es fiel mir auf, als ich den Raum betrat, dass Sie auf dem Kaminsims das Porträt dreier Ladys haben, eine davon sind zweifellos Sie selbst und die beiden anderen sind Ihnen so ähnlich, dass sie ohne Zweifel Ihre Schwestern sein müssen.«

»Ja, Sie haben ganz Recht. Das sind meine Schwestern Sarah und Mary.«

»Und hier neben meinem Ellenbogen steht noch eine Porträtaufnahme, aufgenommen in Liverpool, von Ihrer jüngeren Schwester zusammen mit einem Mann, der seiner Uniform nach zu schließen ein Steward zu sein scheint. Mir scheint, dass sie zu dieser Zeit noch unverheiratet war.«

»Sie beobachten wirklich sehr gut.«

»Das ist mein Geschäft.«

»Nun, Sie haben ganz Recht. Aber sie heiratete Mr. Browner einige Tage danach. Er fuhr auf der Südamerika-Linie, als es aufgenommen wurde. Aber er war ihr so zugetan, dass er es nicht ertragen konnte, so lange von ihr getrennt zu sein. Deshalb heuerte er auf Schiffen an, die zwischen Liverpool und London verkehren.«

»Ah, auf der Conqueror vielleicht?«

»Nein, auf der May Day, wie ich zuletzt hörte. Jim hat mich einmal besucht, bevor er sein Versprechen brach. Danach trank er wieder, sobald er an Land ging. Zuerst brach er den Verkehr mit mir ab, dann stritt er mit Sarah herum, und jetzt, da Mary uns nicht mehr schreibt, wissen wir nicht, wie die Dinge um sie stehen.«

Es war offensichtlich, dass Miss Cushing auf ein Thema zu sprechen gekommen war, das sie tief bewegte. Wie so viele Menschen, die ganz für sich leben, war sie zunächst sehr zurückhaltend, wurde dann aber sehr mitteilsam. Sie erzählte uns viele Einzelheiten über ihren Schwager, den Steward, und schweifte dann ab zu ihren früheren Mietern, den Medizinstudenten. Sie erstattete uns einen langen Bericht über ihre Verfehlungen, einschließlich ihrer Namen und der Krankenhäuser, in denen sie arbeiteten.

Holmes hörte aufmerksam zu und stellte dann und wann eine Zwischenfrage.

»Was Ihre zweite Schwester Sarah angeht,« sagte er, »so wundert es mich doch ein wenig, da sie beide allein stehend sind, dass Sie nicht zusammen wohnen.«

»Ah! Sie kennen Sarahs Temperament nicht, sonst würden Sie sich nicht wundern. Ich habe es mit ihr versucht, als ich nach Croydon gezogen bin, und wir hielten es bis vor zwei Monaten aus, bis wir uns trennen mussten.. Ich will wirklich nichts gegen meine Schwester sagen, aber sie war immer vorlaut und kaum zufrieden zu stellen, die Sarah.«

»Sie wollen damit sagen, dass sie mit Ihrer Liverpooler Verwandtschaft im Clinch lag?«

»Ja, und dabei waren sie einmal ein Herz und eine Seele. Deshalb zog sie auch dorthin, um bei ihnen zu sein. Und jetzt lässt sie kein gutes Haar mehr an Jim Browner. Die letzten sechs Monate, in denen sie hier lebte, sprach sie von nichts anderem als von seiner Trinkerei und seinen Umtrieben. Er war ihren Einmischungen auf die Schliche gekommen, vermute ich, und hat ihr die Meinung gesagt, und damit hat wohl alles angefangen.«

»Haben Sie vielen Dank, Miss Cushing,« sagte Holmes, stand auf und verbeugte sich. »Ihre Schwester Sarah wohnt, ich glaube, Sie sagten, in der New Street in Wallington? Auf Wiedersehen, und es tut mir sehr Leid, dass Sie mit einem Fall behelligt wurden, der, wie Sie sagen, überhaupt nichts mit Ihnen zu tun hat.«

Als wir aus dem Haus traten, kam ein Cab vorbei, den Holmes anhielt.

»Wie weit ist es bis Wallington?« fragte er.

»Nur ungefähr eine Meile, Sir.«

»Sehr gut. Springen Sie rein, Watson. Wir müssen das Eisen schmieden, solange es heiß ist. So einfach, wie der Fall auch liegt, gibt es doch ein oder zwei aufschlussreiche Details dabei. – He, Kutscher, halten Sie am nächsten Telegraphenamt.«

Holmes gab ein kurzes Telegramm auf und lehnte sich für den Rest der Fahrt gemütlich im Sitz zurück, den Hut auf die Nase geschoben, um die Sonne von seinem Gesicht fernzuhalten. Unsere Fahrt endete vor einem Haus nicht unähnlich dem, das wir gerade verlassen hatten. Mein Freund sagte dem Kutscher, dass er warten solle, und hatte seine Hand auf dem Türklopfer, als sich die Tür öffnete, und ein ernster junger Mann, ganz in Schwarz gekleidet und mit einem blank gebürsteten Hut heraustrat.

»Ist Miss Cushing zuhause?« fragte Holmes.

»Miss Sarah Cushing ist sehr krank,« sagte er. »Seit gestern leidet sie unter extrem starken Kopfschmerzen, und als ihr Hausarzt kann ich es nicht verantworten, jemanden zu ihr zu lassen. Ich würde Ihnen empfehlen, in zehn Tagen noch einmal vorbeizuschauen.« Er zog sich seine Handschuhe über, schloss die Tür und ging die Straße hinunter.

»Nun, wenn wir nicht können, dann können wir eben nicht,« sagte Holmes fröhlich.

»Vielleicht konnte oder wollte sie Ihnen nicht viel erzählen.«

»Ich wollte gar nicht, dass sie mir überhaupt etwas erzählt. Ich wollte nur einmal einen Blick auf sie werfen. Aber, ich glaube, ich habe jetzt alles, was ich wollte. Bringen Sie uns zu einem anständigen Hotel, Kutscher, wo wir ein Mittagessen bekommen können, und danach wollen wir unserem Freund Lestrade auf dem Polizeirevier einen Besuch abstatten.«

Wir genossen ein vorzügliches Mittagessen, während dessen Holmes ausschließlich in Violinen schwelgte und mit großer Begeisterung davon erzählte, wie er seine Stradivari, die mindestens fünfhundert Guineen Wert war, bei einem jüdischen Pfandleiher in der Tottenham Court Road für fünfundfünfzig Shilling gekauft hatte. Das brachte ihn auf Paganini, und eine Stunde lang saßen wir bei einer Flasche Rotwein, während er mir eine Anekdote nach der anderen über diesen außergewöhnlichen Mann erzählte. Der Nachmittag war schon weit fortgeschritten und der grelle Glanz der Sonne war zu einem milden Glimmen geworden, als wir uns auf dem Polizeirevier einfanden. Lestrade erwartete uns schon an der Tür.

»Hier ist ein Telegramm für Sie, Mr. Holmes,« sagte er.

»Ha! Das ist die Antwort!« Er riss den Umschlag auf, überflog es und stopfte es in die Tasche. »Alles in Ordnung.«

»Haben Sie etwas herausgefunden?«

»Ich habe alles herausgefunden!«

»Wie das?!« Lestrade starrte ihn verblüfft an. »Sie scherzen wohl.«

»Mir ist es noch nie im Leben ernster gewesen. Ein schockierendes Verbrechen ist begangen worden, und ich glaube, ich habe nun all seine Einzelheiten entdeckt.«

»Und der Verbrecher?«

Holmes kritzelte ein paar Worte auf die Rückseite einer seiner Visitenkarten und schnippte sie zu Lestrade hinüber.

»Das ist sein Name,« sagte er. »Sie können ihn frühestens morgen Abend verhaften. Es wäre mir sehr recht, wenn Sie meinen Namen aus der ganzen Sache heraushalten könnten, da ich es vorziehe, nur mit solchen Verbrechen in Verbindung gebracht zu werden, deren Aufklärung einen gewissen Schwierigkeitsgrad aufweist. Kommen Sie, Watson.«

Wir machten uns auf den Weg zum Bahnhof und ließen Lestrade zurück, der mit entzückter Miene immer noch auf die Karte starrte, die Holmes ihm zugeschnippt hatte.

»Der Fall,« sagte Holmes, als wir abends in der Baker Street bei einer guten Zigarre plaudernd beisammen saßen, »ist von derselben Art wie die Ermittlungen, die Sie unter den Titeln ‚Eine Studie in Scharlach‘ und ‚Das Zeichen der Vier‘ beschrieben haben, wo wir gezwungen waren, von der Wirkungen auf die Ursachen zurückzuschließen.

Ich habe an Lestrade geschrieben und ihn gebeten, uns die Einzelheiten zu liefern, die im Augenblick noch fehlen und die er erst kriegen kann, wenn er seinen Mann geschnappt hat. Dass man ihm das getrost zutrauen kann, obwohl er absolut keinen Verstand hat, beruht auf der Tatsache, dass er hartnäckig wie eine Bulldogge ist, wenn er erst einmal verstanden hat, was er zu tun hat; und genau diese Hartnäckigkeit hat ihn letztendlich bei Scotland Yard ganz nach oben gebracht.«

»Ihr Fall ist also noch nicht ganz abgeschlossen?« fragte ich.

»Im wesentlichen ist er abgeschlossen. Wir wissen, wer der Urheber dieser ekelhaften Angelegenheit ist, auch wenn wir eines der beiden Opfer noch nicht kennen. Natürlich werden Sie selbst schon Ihre Schlüsse gezogen haben.«

»Ich vermute, dass Sie diesen Jim Browner, den Steward auf einem Liverpooler Schiff, verdächtigen.«

»O, es ist mehr als ein bloßer Verdacht.«

»Und doch kann ich immer noch nicht mehr erkennen als einige sehr schwache Indizien.«

»Im Gegenteil, für mich könnte nichts klarer sein. Lassen Sie mich die grundlegenden Schritte noch einmal zusammenfassen. Wir gingen an diesen Fall ohne alle Informationen heran, was immer von Vorteil ist. Wir hatten uns noch keinerlei Theorien zurecht gelegt. Wir beobachteten erst mal nur und zogen dann unsere Schlüsse daraus. Was sahen wir zuerst? Eine sehr sanfte und respektable Lady, die mir völlig frei von irgendwelchen dunklen Geheimnissen zu sein schien, und ein Porträt, das mir zeigte, dass sie zwei jüngere Schwestern hatte. Es kam mir sofort in den Sinn, dass das Päckchen eigentlich für eine der beiden Schwestern bestimmt gewesen war. Ich tat diesen Gedanken beiseite, um ihn bei Gelegenheit zu widerlegen oder zu bestätigen. Dann gingen wir in den Garten, wie Sie sich erinnern, und wir sahen den doch sehr einzigartigen Inhalt der kleinen gelben Schachtel.

Der Bindfaden war von der Art, wie sie von Segelmachern auf Schiffen verwendet wird, und plötzlich wehte durch unsere Untersuchung ein Meereshauch. Und als ich noch sah, dass der Knoten einer war, wie er unter Seeleuten sehr verbreitet ist, dass das Päckchen in einer Hafenstadt aufgegeben worden war und dass das männliche Ohr für einen Ohrring durchstochen worden war, was unter Seeleuten viel verbreiteter ist als unter den Landratten, war ich mir ziemlich sicher, dass alle Beteiligten an dieser Tragödie irgendwo unter dem seefahrenden Volk zu finden sein würden.

Als ich dann noch die Adresse auf dem Päckchen untersuchte, sah ich, dass sie an eine Miss S. Cushing gerichtet war. Nun heißt die älteste der Schwestern natürlich Miss Cushing, aber ihre Initiale ‚S‘ könnte auch zu einer der anderen Schwestern gehören. In diesem Fall hätten wir mit unserer Untersuchung noch einmal ganz von vorne beginnen müssen. Ich kehrte ins Haus zurück mit der Absicht, diesen Punkt aufzuklären. Ich war gerade im Begriff, Miss Cushing zu versichern, dass ich überzeugt sei, dass hier eine Verwechslung vorliege, als ich, wie Sie sich vielleicht erinnern, plötzlich innehielt. Der Grund dafür war, dass ich gerade in diesem Augenblick etwas gesehen hatte, was mich völlig überraschte und gleichzeitig unser Untersuchungsfeld drastisch einengte.

Als Mediziner wissen Sie sicherlich, Watson, dass kein Teil des Körpers so stark variiert wie das menschliche Ohr. Jedes Ohr ist grundsätzlich ziemlich individuell und unterscheidet sich von allen anderen. Im Anthropologischen Journal vom letzten Jahr werden Sie zu diesem Thema zwei kurze Abhandlungen von meiner Hand finden. Deshalb untersuchte ich die Ohren in der Schachtel mit den Augen eines Experten und registrierte sorgfältig ihre anatomischen Besonderheiten. Stellen Sie sich meine Überraschung vor, als ich dann Miss Cushing ansah, erkannte, dass ihr Ohr genau mit dem Ohr übereinstimmte, das ich gerade untersucht hatte. Diese Ähnlichkeit war jenseits aller Zufälligkeit. Ich stellte dieselbe Verkürzung der Ohrmuschel fest, dieselbe Form des oberen Muschelbogens und dieselbe Windung des inneren Knorpels. In allen wesentlichen Elementen handelte es sich um das gleiche Ohr.

Und vor allem trug ihre Schwester den Namen Sarah und teilte mit ihr bis vor kurzem dieselbe Adresse, so dass es ziemlich offensichtlich war, wie die Verwechslung zustande gekommen war und für wen das Päckchen tatsächlich bestimmt gewesen war. Dann hörten wir von diesem Steward, der mit der dritten Schwester verheiratet war, und erfuhren, dass er mit Miss Sarah so intim geworden war, dass sie doch tatsächlich nach Liverpool zog, um den Browners nahe zu sein, aber später brachte sie ein Streit wieder auseinander. Dieser Streit ließ ihre Verbindung für einige Monate abreißen, denn wenn Browner ein Paket an Miss Sarah hätte schicken wollen, dann würde er es zweifellos an ihre alte Adresse geschickt haben.

Und nun begannen sich die Dinge wunderbar zusammenzufügen. Wir wussten nun also von der Existenz dieses Stewards, einem impulsiven Mann von starker Leidenschaftlichkeit – Sie erinnern sich wohl, dass er eine ziemlich vorteilhafte Heuer hatte fahren lassen, nur um seine Frau öfter sehen zu können – und der auch immer wieder unter Trunksuchtsanfällen litt. Wir haben Grund zur Annahme, dass seine Frau ermordet wurde und dass ein Mann – vermutlich ein Seemann – zur selben Zeit ebenfalls ermordet wurde. Eifersucht drängt sich natürlich sofort als Tatmotiv auf. Und warum hätten die Beweisstücke der Tat an Miss Sarah Cushing geschickt werden sollen? Vermutlich, weil sie in ihrer Zeit in Liverpool irgendwie in die Ereignisse verwickelt war, die zu dieser Tragödie geführt haben. Sie werden feststellen, dass Schiffe dieser Linie Belfast, Dublin und Waterford anlaufen; wenn man also davon ausgeht, dass Browner die Tat begangen hat und gleich danach an Bord seines Dampfers, die May Day, gegangen ist, dann wäre Belfast der erste Ort gewesen, an dem er sein schreckliches Päckchen aufgeben konnte.

In diesem Stadium wäre offensichtlich noch ein zweite Lösung möglich gewesen, und obwohl ich sie für extrem unwahrscheinlich hielt, war ich entschlossen, sie durchzuspielen, bevor ich weitere Schritte unternahm. Es hätte auch ein verschmähter Liebhaber Mr. und Mrs. Browner umbringen können, und das männliche Ohr hätte dem Ehemann gehören können. Gegen diese Theorie bestanden viele schwerwiegende Einwände, aber es war zumindest vorstellbar. Deshalb schickte ich meinem Freund Algar bei der Liverpooler Polizei ein Telegramm und bat ihn herauszufinden, ob Mrs. Browner zuhause wäre und ob Browner mit der May Day unterwegs wäre. Danach fuhren wir nach Wallington, um Miss Sarah aufzusuchen.

Ich war neugierig, inwieweit sich die Form des Familienohrs auch auf sie übertragen hatte. Und dann hätte sie uns natürlich auch noch sehr wertvolle Informationen geben können, wenn ich auch nicht sehr zuversichtlich war, dass sie es tun würde. Sie musste von dem Vorfall am Tag zuvor gehört haben, da es in Croydon die Spatzen schon von den Dächern pfiffen, und sie allein konnte wissen, für wen das Päckchen bestimmt gewesen war. Wenn sie die Behörden unterstützen hätte wollen, dann hätte sie sich wahrscheinlich schon längst bei der Polizei gemeldet. Aber es war nun mal meine Pflicht und Schuldigkeit, sie mir anzusehen, deshalb fuhren wir hin.

Wir mussten feststellen, dass die Nachricht von der Ankunft des Päckchens – denn ihre Krankheit war zu dieser Zeit ausgebrochen – eine so starke Wirkung auf sie ausgeübt hatte, dass sie mit einem Gehirnfieber darniederlag. Damit war völlig klar, dass sie seine volle Bedeutung erfasst hatte, aber es war ebenso klar, dass wir uns noch eine Weile gedulden mussten, um von ihr Aufschluss zu erhalten. Aber auf ihre Hilfe waren wir überhaupt nicht angewiesen. Unsere Antworten warteten auf der Polizeistation, wohin ich sie von Algar hatte schicken lassen. Nichts hätte überzeugender sein können. Mrs. Browners Haus war seit mehr als drei Tagen verlassen, und die Nachbarn glaubten, dass sie in den Süden zu ihren Verwandten gefahren wäre. Und es wurde festgestellt, dass Browner mit der May Day abgefahren war, und nach meiner Schätzung müsste sie morgen Abend die Themse erreicht haben. Wenn er an Land geht, wird er vom doch etwas begriffsstutzigen, aber energischen Lestrade in Empfang genommen werden, und ich hege keinen Zweifel, dass wir dann auch alle Details haben werden, die uns jetzt noch fehlen.«

Sherlock Holmes wurde in seinen Erwartungen nicht enttäuscht. Zwei Tage später erhielt er einen dicken Briefumschlag, der eine kurze Nachricht des Detektivs enthielt und ein maschinengeschriebenes Dokument auf mehreren Seiten Kanzleipapier.

»Lestrade hat ihn wirklich geschnappt,« sagte Holmes und blickte zu mir auf. »Vielleicht interessiert es sie zu hören, was er schreibt. ’Mein lieber Holmes:

Gemäß des Plans, den wir gefasst haben, um unsere Theorien zu überprüfen‘ [„das ‚wir‘ ist wirklich gut, was, Watson?“] ‘begab ich mich gestern Abend um sechs zum Albert Dock und ging an Bord der S.S. May Day, die der Liverpool, Dublin und London Dampfpaketschiff-Gesellschaft gehört. Auf meine Fragen hin erfuhr ich, dass sich an Bord ein Steward namens James Browner befand und dass er sich während der Reise dermaßen außergewöhnlich verhalten hätte, dass der Kapitän gezwungen gewesen war, ihn von seinen Pflichten zu entbinden. Ich stieg zu einer Koje hinunter und traf ihn auf einer Truhe sitzend an, den Kopf auf seine Hände gesunken und sich vor zu zurück wiegend. Er ist ein großer, kräftiger Kerl, glattrasiert und sehr dunkelhäutig – so ähnlich wie Aldrige, der uns im Geldwäschefall geholfen hat. Er sprang auf, als er hörte, was ich von ihm wollte, und ich hatte meine Trillerpfeife schon zwischen den Lippen, um ein paar Flusspolizisten zu rufen, die in der Nähe warteten, aber er schien keinen Mumm mehr zu haben und hielt seine Hände ruhig genug, um ihm Handschellen anzulegen. Wir schafften ihn in auf die Polizeiwache und seine Seemannskiste auch, da wir es für möglich hielten, dass sich Belastungsmaterial darin befinden könnte; aber abgesehen von einem großen scharfen Messer, wie die meisten Seeleute eines besitzen, war es nicht der Mühe wert. Wir werden allerdings auch keine weiteren Beweise brauchen, denn als wir ihn dem Inspektor des Reviers vorführten, bat er darum, dass es ihm gestattet würde, ein Geständnis abzulegen, das natürlich von unserem Stenographen aufgenommen. Wir fertigten davon drei maschinelle Abschriften an, von denen ich hier eine beigelegt habe. Der Fall erweist sich, so wie ich schon immer angenommen habe, als äußerst einfach, aber ich bin Ihnen sehr verbunden dafür, dass Sie mich bei meinen Ermittlungen unterstützt haben.

Hochachtungsvoll

G. Lestrade‘.«

»Peng! Die Ermittlungen waren tatsächlich sehr einfach,« bemerkte Holmes, »als ich glaube nicht, dass sie ihm in diesem Lichte erschienen, als er uns hinzuzog. Aber nun lassen Sie uns sehen, was Jim Browner selbst zu sagen hat. Dies ist sein Geständnis, abgelegt vor Inspektor Montgomery auf dem Shadwell Revier, und es hat den Vorzug, dass es wörtlich ist.«

»Habe ich etwas zu sagen? Ja, und zwar eine Menge. Ich muss es mir von der Seele reden. Sie können mich aufhängen oder mich einfach in Ruhe lassen. Es kümmert mich einen Dreck, was Sie tun werden. Ich kann Ihnen sagen, dass ich kein Auge zugemacht habe, seit ich es getan habe, und ich glaube nicht, das ich es jemals wieder zumachen werde, bis mein letztes Stündlein geschlagen hat. Manchmal ist es sein Gesicht, aber meistens ist es ihres. Ich habe immer eines von beiden vor Augen. Er sieht finster und bedrohlich aus, sie dagegen sieht überrascht aus. Ja, dieses Unschuldslamm wird wohl überrascht gewesen sein, als sie plötzlich den Tod auf dem Gesicht desjenigen las, der sie zuvor selten mit einem anderem Ausdruck als dem der Liebe angesehen hat.

Aber es war Sarahs Schuld, und möge der Fluch eines gebrochenen Mannes den Pesthauch auf sie bringen und das Blut in ihren Adern verderben lassen! Ich will mich bestimmt nicht reinwaschen. Ich weiß, dass ich wieder dem Trunk verfiel als das Untier, das ich war. Aber sie würde mir vergeben haben; sie würde so eng zu mir gehalten haben wie eine Schot um eine Talje, wenn diese Frau nicht unser Leben verdunkelt hätte. Sarah Cushing liebte mich nämlich – damit fing die ganze Sache an – sie liebte mich, bis ihre Liebe sich in giftigen Hass verwandelte, als sie erkannte, dass ich den Fußabdruck meiner Frau im Schmutz mehr schätzte als ihren Körper und ihre Seele.

Es waren insgesamt drei Schwestern. Die älteste war einfach eine gutherzige Frau, die zweite ein Teufel und die dritte ein Engel. Sarah war dreiunddreißig und Mary neunundzwanzig, als ich sie heiratete. Als wir unseren Hausstand gründeten, waren wir den ganzen Tag lang glücklich und zufrieden, und in ganz Liverpool gab es keine bessere Frau als meine Mary. Dann luden wir Sarah für eine Woche ein, aus der Woche wurde ein Monat, eines führte zum anderen, bis sie zur Familie gehörte.

Zu dieser Zeit hatte ich hatte das Trinken aufgegeben wir konnten ein wenig Geld beiseitelegen, und alles war hell und leuchtend wie ein neues Dollarstück. Mein Gott! Wer hätte geglaubt, dass es so weit hätte kommen können? Wer hätte sich das auch nur im Traum vorstellen können?

Am Wochenende war ich immer ziemlich oft daheim, und manchmal, wenn das Schiff Ladung aufnehmen musste, hatte ich auch eine ganze Woche am Stück, deshalb bekam ich meine Schwägerin auch ziemlich oft zu sehen. Sie war eine schöne hochgewachsene Frau, schwarzhaarig, temperamentvoll und leidenschaftlich, sie trug den Kopf stets stolz erhoben, und das Glitzern ihrer Augen war wie der Funken eines Feuersteins. Aber wenn meine kleine Mary anwesend war, hatte ich keine Gedanken mehr für sie, das schwöre ich, so wahr mir Gott helfe.

Ein paar Mal kam es mir so vor, als wollte sie allein mit mir sein oder mich zu einem Spaziergang mit ihr überreden, aber ich habe niemals an etwas Derartiges gedacht. Eines Abends allerdings wurden mir die Augen geöffnet. Ich war gerade vom Schiff gekommen, Mary war ausgegangen, aber Sarah war zuhause. ‚Wo ist Mary?‘ fragte ich.

Oh, sie ist ausgegangen, um ein paar Rechnungen zu bezahlen.‘

Ich war ungeduldig und lief im Zimmer auf und ab.

Kannst du denn nicht einmal für fünf Minuten ohne Mary glücklich sein?‘ fragte sie. ‚Es ist wirklich kein Kompliment für mich, dass du mit meiner Gesellschaft nicht einmal für eine so kurze Zeit zufrieden sein kannst.‘

Schon recht, mein Mädchen,‘ sagte ich und streckte meine Hand ihr in freundlicher Absicht entgegen, aber sie nahm sie augenblicklich in die ihre, und sie brannte wie im Fieber. Ich blickte ihr in die Augen und konnte da alles lesen. Es brauchte keine Worte, weder für mich noch für sie. Ich runzelte die Stirn und zog meine Hand zurück. Für einen kurzen Moment stand sie schweigend neben mir, dann hob sie ihre Hand und klopfte mir auf die Schulter.

Standhafter alter Jim!‘ sagte sie, und mit einem höhnischen Lachen rannte sie aus dem Zimmer.

Nun, von da an hasste sie mich von ganzem Herzen, und sie ist eine Frau, die wirklich hassen kann.

Ich war ein Narr, es zuzulassen, dass sie weiter bei uns blieb – ein besoffener Narr –, aber Mary habe ich niemals etwas davon erzählt, denn ich wusste, dass es ihr Kummer bereiten würde. Das Leben ging weiter wie zuvor, aber nach einer gewissen Zeit fiel mir auf, dass Mary sich veränderte. Sie war immer so vertrauensselig und unschuldig gewesen, aber nun wurde sie wunderlich und argwöhnisch und wollte wissen, wo ich gewesen war und was ich gemacht hatte und wer mir Briefe schrieb und was ich in meinen Taschen hatte und noch tausenderlei andere Verrücktheiten. Tag für Tag wurde sie immer seltsamer und erregbarer, und wir hatten nicht enden wollende Streitereien um Nichtigkeiten. All das verwirrte mich sehr. Sarah ging mir jetzt aus dem Weg, aber sie und Mary waren unzertrennlich. Jetzt weiß ich, wie sie gegen mich intrigierte und das Gemüt meiner Frau vergiftete, aber ich war so ein blinder Maulwurf, dass ich es damals nicht verstehen konnte. Dann brach ich meinen Mäßigkeitsschwur und fing wieder an zu trinken, aber ich glaube, ich hätte es nicht getan, wenn Mary sich nicht so verändert hätte. Jetzt hatte sie guten Grund, mich abstoßend zu finden, und die Kluft zwischen uns wurde immer größer. Und dann kam dieser Alec Fairbain ins Spiel, und die Dinge wurden noch tausendmal schlimmer.

Zunächst wollte er nur Sarah besuchen, als er in unser Haus kam, aber bald besuchte er auch uns, er war nämlich ein Mann von gewinnender Art, der sich überall schnell Freunde machte. Er war ein fescher, großspuriger Bursche, intelligent und lockenköpfig, der schon die halbe Welt gesehen hatte und sehr packend darüber erzählen konnte. Er war ein sehr guter Gesellschafter, das möchte ich gar nicht bestreiten, und für einen Seemann hatte er ungewöhnlich höfliche Manieren, so dass ich glaube, dass er sich auf der Brücke wesentlich besser zurecht fand als auf dem Vorschiff. Einen Monat lang ging er bei uns ein und aus, und es kam mir dabei niemals in den Sinn, dass von seiner sanften, raffinierten Art irgendein Unheil ausgehen könnte. Schließlich erregte dann doch etwas meinen Argwohn, und von diesem Tag an war es mit meinem Frieden für immer vorbei. Es war nur eine kleine Sache. Ich kam unerwartet ins Wohnzimmer, und als ich durch die Tür kam, sah ich ein freudiges Aufleuchten in ihrem Gesicht. Aber als sie erkannte, wer es wirklich war, verging es wieder, und sie wandte sich mit dem Ausdruck der Enttäuschung ab. Das reichte mir. Es gab niemanden außer Alec Fairbairn, dessen Schritt sie mit meinem verwechselt haben konnte. Wenn er anwesend gewesen wäre, hätte ich ihn auf der Stelle umgebracht, denn ich habe mich schon immer wie ein Verrückter benommen, wenn ich die Beherrschung verliere. Mary sah das teuflische Funkeln in meinen Augen, stürzte auf mich zu und hielt mich am Ärmel fest. ‚Tu es nicht, Jim, oh, tue es nicht!‘ beschwor sie mich.

Wo ist Sarah?‘ fragte ich nur.

In der Küche,‘ sagte sie.

In der Küche sagte ich: ‚Sarah, dieser Mensch Fairbairn kommt mir nie wieder ins Haus.‘

Warum nicht?‘ fragte sie.

Weil ich es so will.‘

Oh!‘ sagte sie, ‚wenn meine Freunde nicht gut genug für dich sind, dann bin ich es wohl auch nicht.‘

Du kannst machen, was du willst. Aber wenn dieser Fairbairn hier noch einmal aufkreuzt, dann schicke ich dir eines seiner Ohren als Andenken.‘

Ich glaube, sie war entsetzt über meinen Gesichtsausdruck, denn sie sagte kein Wort mehr und verließ unser Haus noch am selben Abend.

Ich weiß nicht, ob sie einfach nur teuflisch war oder ob sie glaubte, mich gegen meine Frau aufbringen zu können, indem sie sie dazu anstachelte fremdzugehen. Jedenfalls quartierte sie sich in einem Haus zwei Straßen weiter ein und vermietete Zimmer an Seeleute. Fairbairn zog dort ein, und Mary ging hin, um den Tee mit ihrer Schwester und mit ihm zu nehmen. Wie oft sie dorthin ging, weiß ich nicht, aber einmal folgte ich ihr, und als ich die Tür aufbrach, machte Fairbairn sich über die Gartenmauer davon wie ein feiges Stinktier. Ich schwor meiner Frau, dass ich sie umbringen würde, sollte ich sie noch einmal mit ihm zusammen antreffen. Ich brachte sie wieder nach Hause, schluchzend, zitternd und weiß wie ein Blatt Papier. Zwischen uns gab es von da an keine Spur von Liebe mehr. Ich konnte sehen, wie sie mich hasste und fürchtete, und wenn mich der Gedanke daran wieder in die Trinkerei trieb, verachtete sie mich umso mehr.

Sarah konnte sich in Liverpool nicht über Wasser halten und ging, soviel ich weiß, wieder zurück nach Croydon, um bei ihrer Schwester zu leben, und bei uns zuhause rüttelten sich die Dinge wieder einigermaßen zurecht. Aber dann kam diese Woche mit all dem Elend und Ruin.

Und das ging so. Wir waren mit der May Day zu einer Rundreise von sieben Tagen losgefahren, aber ein Fass hatte sich losgerissen und die Beplankung beschädigt, deshalb mussten wir für zwölf Stunden in den Hafen zurückkehren. Ich ging von Bord, ging nach Hause und glaubte, es wäre eine Überraschung für meine Frau, in der Hoffnung, sie würde sich freuen, mich so bald wiederzusehen. Das ging mir durch den Kopf, als ich in meine Straße einbog, aber im selben Augenblick fuhr ein Cab vorbei, in dem sie zusammen mit Fairbairn saß, schwatzend und lachend, ohne mich zu beachten, wie ich da auf dem Bürgersteig stand und sie beobachtete.

Ich kann Ihnen sagen, und darauf gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich von diesem Moment an nicht mehr Herr meiner Sinne war, und alles kommt mir vor, wie ein verschwommener Traum, wenn ich jetzt darauf zurückblicke. Ich hatte in der letzten Zeit schwer getrunken, und beides zusammen brachte mich fast um den Verstand. Etwas pocht nun in meinem Kopf wie der Hammer eines Dockarbeiters, aber an diesem Morgen kam es mir vor, als hätte ich das Brausen und Donnern der Niagara-Fälle im Ohr.

Ich nahm die Beine unter den Arm und rannte dem Cab hinterher. In der Hand hatte ich einen schweren Eichenholzstock, und ich kann Ihnen sagen, ich sah nur noch rot; aber während ich so rannte, dachte ich nach und ich ließ mich ein wenig zurückfallen, um sie im Auge zu behalten, ohne selber gesehen zu werden. Bald schon fuhren sie am Bahnhof vor. Vor dem Fahrkartenschalter drängten sich viele Menschen, so konnte ich mich ihnen nähern, ohne selbst gesehen zu werden. Sie lösten Fahrkarten nach New Brighton. Das machte ich auch, aber ich stieg drei Waggons hinter ihnen ein. Als wir in New Brighton ankamen, gingen sie die Parade entlang, und ich war nie weiter als hundert Meter hinter ihnen. Schließlich beobachtete ich, wie sie sich ein Ruderboot mieteten, um ein wenig auf Meer hinauszufahren, denn es war ein sehr heißer Tag, und sie dachten zweifellos, dass es auf dem Wasser kühler sein würde. Es kam mir vor, als habe das Schicksal sie mir in die Hand gegeben. Es war ein wenig dunstig, und man konnte kaum ein paar hundert Meter weit sehen. Ich nahm mir auch ein Boot und ruderte ihnen hinterher. Ich konnte ihr Boot schemenhaft im Dunst ausmachen, aber sie waren fast so schnell wie ich, und sie mussten schon eine gute Meile von der Küste entfernt sein, als ich sie eingeholt hatte. Der Dunst war wie ein Vorhang, der uns umgab, und mittendrin waren wir. Mein Gott, werde ich jemals ihre Gesichter vergessen, als sie sahen, wer in dem Boot saß, dass da so schnell zu ihnen aufschloss? Sie schrie los. Er fluchte wie ein Verrückter und stieß mit einem Ruderblatt nach mir, denn er musste wohl den Tod in meinen Augen gesehen haben. Ich parierte den Stoß und zog ihm eins mit meinem Stock über und zerschmetterte seinen Schädel wie ein Ei. Trotz meiner Raserei hätte ich sie vielleicht verschont, aber sie schlang ihre Arme um ihn, schrie auf und rief seinen Namen ‚Alec‘. Ich schlug noch einmal zu, und da lag sie ausgestreckt neben ihm. Ich war wie ein wildes Tier, das Blut gerochen hat. Wenn Sarah auch dabei gewesen wäre, bei Gott, ich hätte dasselbe mit ihr gemacht. Ich zog mein Messer heraus und – nun gut, ich habe genug gesagt. Es bereitete mir eine wilde Freude als ich daran dachte, wie Sarah sich wohl fühlen würde, wenn sie diese Beweise als Resultat ihrer verdammten Einmischung in unser Leben erhalten würde. Dann band ich die Leichen am Boot fest, zertrümmerte eine Planke und wartete, bis sie untergegangen waren. Der Bootsbesitzer würde natürlich glauben, dass sie im Dunst die Orientierung verloren hätten und auf die offene See hinausgetrieben worden wären. Ich säuberte mich, ruderte an Land zurück und ging wieder an Bord meines Schiffes, ohne dass irgendjemand geahnt hätte, was passiert war. In dieser Nacht packte ich das Päckchen für Sarah Cushing, und am nächsten Tag gab ich es in Belfast auf.

Das ist die ganze Wahrheit. Sie können mich aufhängen oder mit mir machen, was Sie wollen, aber ich können mich nicht so strafen, wie ich schon gestraft bin. Ich kann die Augen nicht zumachen, ohne diese beiden Gesichter zu sehen, wie sie mich anstarren – so anstarren, wie sie es taten, als mein Boot durch den Dunst brach. Ich habe sie schnell getötet, aber sie bringen mich langsam um. Und wenn ich auch nur noch eine Nacht damit leben muss, werde ich entweder verrückt oder ich bin tot, noch bevor die Sonne aufgeht. Sie werden mich doch wohl nicht allein in eine Zelle sperren, Sir? Haben Sie Erbarmen, und mögen Sie am Ende Ihrer Tage so behandelt werden, wie Sie mich jetzt behandeln.«

»Was hat das bedeuten, Watson?« fragte Holmes und legte die Papiere feierlich beiseite. »Welchem Zweck dient dieser Teufelskreis aus Elend, Gewalt und Angst? Zu irgendwas muss das doch gut gewesen sein, oder unser Universum würde vom bloßen Zufall regiert, was eigentlich unvorstellbar ist. Aber wozu? Das ist das große immerwährende Rätsel, auf das der menschliche Verstand so wenig eine Antwort hat wie eh und je.«

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