Das Abenteuer des Mazarin-Steins

Angenehme Erinnerungen wurden wach in Dr. Watson, als er nach langer Zeit wieder einmal das unordentliche Zimmer im ersten Stock der Baker Street betrat, von dem so viele bemerkenswerte Abenteuer ihren Ausgang genommen hatten. Er fand alles noch an seinem Platz: die wissenschaftlichen Tabellen an der Wand, den säurezerfressenen Arbeitstisch mit den Chemikalien, den Geigenkasten in der Zimmerecke, die Kohlenschütte mit den alten Pfeifen und dem Tabak darin. Schließlich fiel sein Blick auf das frische, lächelnde Gesicht von Billy, dem jungen, hochintelligenten und taktvollen Pagen, der einiges dazu beigetragen hatte, die Einsamkeit und Abgeschiedenheit abzumildern, die die düstere Gestalt des großen Detektivs umgab.

»Scheint sich nichts verändert zu haben, was Billy? Und du auch nicht. Ich hoffe, dasselbe kann man auch von ihm sagen.«

Besorgt blickte Billy auf die geschlossene Schlafzimmertür.

»Ich glaubte, er liegt im Bett und schläft,« sagte er.

Es war sieben Uhr abends an einem lieblichen Sommertag, aber Dr. Watson war vertraut genug mit der unregelmäßigen Lebensweise seines alten Freundes, um davon nicht überrascht zu sein.

»Das bedeutet er arbeitet an einem Fall, vermute ich.«

»Ja, Sir, und er arbeitet sehr hart daran. Ich mach mir Sorgen um seine Gesundheit. Er wird immer blasser und magerer, und er ißt nichts. ‚Wann würden Sie gerne zu Abend essen, Mr. Holmes?‘ fragte Mrs. Hudson. Und seine Antwort war: ‚Um halb acht übermorgen.‘ Sie kennen es ja, wenn er an einer Sache dran ist.«

»Ja, Billy, das kenne ich.«

»Er ist hinter jemandem her. Gestern verließ er das Haus als Arbeitsmann, der auf der Suche nach einer Beschäftigung ist. Heute war er eine alte Frau. Hat mich wirklich ordentlich reingelegt, und dabei sollte ich seine Schliche doch langsam kennen.« Grinsend deutete Billy auf einen bauschigen Sonnenschirm, der gegen das Sofa gelehnt war. »Das ist ein Teil seiner Verkleidung.«

»Und um was geht es dabei?«

Billy senkte seine Stimme, wie jemand, der über große Staatsgeheimnisse spricht. »Ich will es Ihnen sagen, Sir, aber Sie dürfen es nicht weiter erzählen. Es geht um den Krondiamanten.«

»Was?! Den Hunderttausend-Pfund-Einbruch?«

»Ja, Sir. Sie müssen ihn wieder kriegen, Sir. Deshalb hatten wir auch den Premierminister und den Innenminister zusammen hier auf dem Sofa sitzen. Mr. Holmes war sehr freundlich zu ihnen. Er hatte sie bald wieder aufgerichtet und versprach ihnen, alles in seiner Macht Stehende zu tun. Und dann war da auch noch Lord Cantlemere –«

»Ah!«

»Ja, Sir, Sie wissen, was das bedeutet. Das ist ein ganz steifer Klotz, wenn ich so sagen darf. Den Premierminister kann ich gut leiden und ich habe nichts gegen den Innenminister, der ein ziviler, entgegenkommender Mann zu sein scheint. Aber seine Lordschaft kann ich nicht ausstehen. Und Mr. Holmes auch nicht, Sir. Sie müssen wissen, er glaubt nicht an Mr. Holmes, und er war dagegen, ihn zu Rate zu ziehen. Er würde es gerne sehen, wenn er keinen Erfolg hätte.«

»Und Mr. Holmes weiß das?«

»Mr. Holmes weiß alles, was es zu wissen gibt.«

»Nun, dann wollen wir hoffen, dass er keinen Misserfolg haben wird und dass Lord Cantlemere Unrecht hat. Aber sag mal, Billy, was ist das für ein Vorhang vor dem Fenster?«

»Mr. Holmes hat ihn vor drei Tagen dort aufgehängt. Wir haben dahinter nämlich etwas ganz Komisches.«

»Billy trat darauf zu und zog den Vorhang beiseite, der die Nische des Erkerfensters abschirmte.

Dr. Watson konnte einen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken. Vor sich sah er die Nachbildung seines alten Freundes, im Hausmantel usw., das Gesicht halb dem Fenster zugewandt und nach unten gerichtet, als ob er in einem unsichtbaren Buch lese, während er tief in einem Armsessel versunken war. Billy nahm den Kopf ab und hielt ihn hoch.

»Wir verändern seine Stellung immer wieder, damit es lebensechter aussieht. Ich würde mich nicht getrauen ihn anzurühren, wenn die Jalousie nicht unten wäre. Aber wenn sie oben ist, können Sie ihn von der anderen Straßenseite aus sehen.«

»Wir haben schon einmal so was Ähnliches benutzt.«

»Das war vor meiner Zeit,« sagte Billy. Er zog die Gardinen zurück und blickte auf die Straße hinaus. Da sind ein paar Burschen, die uns von drüben beobachten. Einen kann ich gerade am Fenster sehen. Sehen Sie selbst.

Watson war gerade ans Fenster getreten, als die Schlafzimmertür aufging und die große, dünne Gestalt von Holmes erschien, mit bleichem, ausgemergelten Gesicht, aber in seiner ganzen Haltung tatkräftig wie immer. Mit einem Sprung war er am Fenster und zog die Gardinen wieder zu.

»Das reicht, Billy,« sagte er. »Du warst gerade in Lebensgefahr, mein Junge, und ich kann gerade jetzt nicht ohne dich auskommen. Nun, Watson, gut Sie mal wieder hier in Ihrem alten Quartier zu sehen. Aber Sie kommen in einem kritischen Moment.«

»Das kommt mir auch so vor.«

»Du kannst jetzt gehen, Billy. – Dieser Junge ist ein Problem, Watson. Wie weit kann ich es verantworten, dass er sich in Gefahr begibt?«

»Was für eine Gefahr, Holmes?«

»Gefahr des plötzlichen Todes. Ich erwarte etwas in der Art noch heute Abend.«

»Sie erwarten was?«

»Ermordet zu werden, Watson.«

»Nein, Sie scherzen, Holmes!«

»Selbst mein begrenzter Sinn für Humor könnte sich einen besseren Scherz ausdenken als diesen. Aber in der Zwischenzeit können wir es uns eigentlich bequem machen, was meinen Sie? Ist Alkohol recht? Sodawasser und Zigarren sind immer noch am alten Platz. Lassen Sie mich Sie mal wieder in Ihrem Lieblingssessel sehen. Wie ich hoffe, haben Sie sich nicht angewöhnt, meine Pfeife und meinen beklagenswerten Tabak zu verabscheuen. Das musste mir in den letzten Tagen das Essen ersetzen.«

»Und warum essen Sie nicht?«

»Weil das Denkvermögen durch Hungern geschärft wird. Als Arzt, mein lieber Watson, werden Sie mir sicher zugeben, dass das was die Verdauung an Blutversorgung in Anspruch nimmt, dem Gehirn verloren geht. Und ich bin ein Gehirn, Watson. Der Rest von mir ist ein bloßes Anhängsel. Deshalb muss ich auf das Gehirn achten.«

»Aber diese Gefahr, Holmes?«

»Ah, ja, falls es so weit kommen sollte, wäre es vielleicht ganz gut, wenn Sie Ihr Gedächtnis mit dem Namen und der Anschrift des Mörders belasteten. Das können Sie dann an Scotland Yard weitergeben, mit meiner ganzen Liebe und einem letzten Segen. Sylvius ist der Name – Graf Negretto Sylvius. Schreiben Sie es auf, Mann, schreiben Sie es auf! 136 Moorside Gardens, N.W. Haben Sie’s?«

Auf Watsons ehrlichem Gesicht zeigte sich Angst. Er wusste nur zu gut, welche immensen Risiken Holmes schon auf sich genommen hatte, und es war ihm klar, dass das, was er eben gesagt hatte, eher eine Untertreibung als eine Übertreibung war. Watson war immer ein Mann der Tat gewesen, und auch jetzt zeigte er sich der Lage gewachsen.

»Sie können auf mich zählen, Holmes. Für die nächsten ein oder zwei Tage habe ich sowieso nichts zu tun.«

»Sie haben sich wirklich nicht gebessert, Watson. Und zu Ihren Lastern haben Sie nun auch noch die Flunkerei hinzugefügt. Sie tragen alle Zeichen eines beschäftigten Mediziners an sich, der zu jeder Stunde aufgesucht wird.«

»Keine großen Sachen. Aber können Sie diesen Burschen denn nicht verhaften lassen?«

»Ja, Watson, das könnte ich. Und das macht ihm ja auch solche Sorge.«

»Aber warum tun Sie es dann nicht?«

»Weil ich immer noch nicht weiß, wo dieser Diamant ist.«

»Ah! Billy hat mir davon erzählt – das gestohlene Kronjuwel!«

»Ja, der große gelbe Mazarin-Stein. Ich habe mein Netz ausgeworfen, und ich habe meinen Fisch. Aber den Stein habe ich noch nicht. Was haben wir also davon, wenn wir die Bande fassen? Sicherlich könnten wir die Welt zu einem besseren Platz machen, wenn wir sie ins Gefängnis werfen würden. Aber das ist nicht das, was ich will. Ich will den Stein haben.«

»Und dieser Graf Sylvius ist einer von Ihren Fischen?«

»Ja, und er ist ein Haifisch. Er beißt. Der andere ist Sam Merton, der Boxer. Kein schlechter Bursche, der Sam, aber der Graf hat ihn benutzt. Sam ist kein Haifisch. Er ist ein großer dummer stierköpfiger Gründling. Aber er zappelt gleichfalls in meinem Netz.«

»Wo ist dieser Graf Sylvius?«

»Ich bin den ganzen Vormittag nicht von seiner Seite gewichen. Sie haben mich schon mal als alte Dame gesehen, Watson. Aber nie war ich überzeugender als heute. Er hat mir doch tatsächlich einmal den Schirm aufgehoben. ‚Erlauben Sie, Madame,‘ sagte er halb Italienisch und mit südländischem Charme, weil er gerade in Stimmung war. Aber wenn er in anderer Stimmung ist, ist er der Teufel in Person. Das Leben ist wirklich voll von wunderlichen Ereignissen, Watson.«

»Es hätte auch eine Tragödie werden können.«

»Mag sein. Ich habe ihn bis zur Werkstatt des alten Straubenzee in den Minories verfolgt. Straubenzee hat das Luftgewehr gebaut – eine hübsche Arbeit, soviel ich weiß. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich in diesem Moment hinter dem gegenüberliegenden Fenster befindet. Haben Sie die Kopie von mir gesehen? Natürlich, Billy hat sie Ihnen ja gezeigt. Nun, sie kann jeden Moment eine Kugel in ihren hübschen Kopf kriegen. Ah, Billy, was gibt’s?«

Der Junge war wieder ins Zimmer gekommen mit einer Visitenkarte auf einem Tablett.

Holmes betrachtete sie mit hochgezogenen Augenbrauen und einem amüsierten Lächeln.

»Der Graf selbst. Das hatte ich nicht erwartet. Ergreift die Initiative, Watson! Der Mann hat Nerven. Möglicherweise haben Sie schon von seinem Ruf als Großwildjäger gehört. Es wäre wirklich ein triumphales Ende für seine exzellente Sportlerkarriere, wenn er mich zur Strecke bringen könnte. Dies ist der Beweis, dass er spürt, dass ich ihm dicht auf den Fersen bin.«

»Rufen Sie die Polizei.«

»Das werde ich vielleicht. Aber jetzt noch nicht. Könnten Sie mal vorsichtig aus dem Fenster blicken, Watson, und sehen, ob irgendwer auf der Straße herumlungert?«

Vorsichtig spähte Watson am Vorhang vorbei.

»Ja, da ist ein grobschlächtiger Bursche vor der Tür.«

»Das wird Sam Merton sein – der ergebene, aber ziemlich dämliche Sam. Wo ist dieser Gentleman, Billy?«

»Im Wartezimmer, Sir.«

»Bringen Sie ihn herein, wenn ich klingle.«

»Ja, Sir.«

»Wenn ich nicht im Zimmer bin, führe ihn trotzdem herein.«

»Ja, Sir.«

Watson wartete, bis sich die Tür geschlossen hatte, dann wandte er sich ernst zu seinem Gefährten um.

»Sehen Sie mal, Holmes, das ist einfach unmöglich. Er ist ein verzweifelter Mann, der vor nichts zurückschreckt. Vielleicht kommt er, um Sie umzubringen.«

»Das würde mich nicht wundern.«

»Ich bestehe darauf, hier bei Ihnen zu bleiben.«

»Sie würden schrecklich im Weg sein.«

»Ihm im Weg?«

»Nein, mein lieber Freund – mir im Weg.«

»Ich kann Sie unmöglich allein lassen.«

»Doch, Sie können, Watson. Und Sie werden, denn Sie haben mir noch nie das Spiel verdorben. Und dieses Spiel werde ich ganz bestimmt zu Ende spielen. Dieser Mann kommt zu seinen eigenen Zwecken hierher, aber er wird zu meinen bleiben.«

Holmes zog sein Notizbuch heraus und kritzelte ein paar Zeilen hinein. »Nehmen Sie sich eine Droschke zu Scotland Yard und geben Sie das Yougal von der Kriminalpolizei. Dann kommen Sie mit der Polizei wieder hierher. Und dann werden wir den Burschen verhaften.«

»Das werde ich mit Vergnügen tun.«

»Bevor Sie zurückkommen, werde ich hoffentlich gerade genug Zeit haben herauszufinden, wo der Stein ist.« er betätigte die Klingel. »Ich denke, es ist besser, wenn wir durchs Schlafzimmer hinausgehen. Dieser zweite Ausgang ist ungemein nützlich. Ich möchte nämlich meinen Haifisch sehen, ohne dass er mich sieht, und ich habe, wie Sie sich erinnern werden, da so meine eigenen Methoden.«

Aus diesem Grund war das Zimmer leer, als Billy eine Minute später Graf Sylvius hereinführte. Der berühmte Großwildjäger, Sportsmann und Lebemann war ein großer, dunkler Mann, dessen grausamer schmallippger Mund von einem eindrucksvollen schwarzen Schnurrbart beschattet wurde, und einer langen, gebogenen Nase, die Ähnlichkeit mit dem Schnabel eines Adlers hatte. Er war gut gekleidet, aber seine glänzende Halsbinde, die funkelnde Anstecknadel und seine glitzernden Ringe erzeugten eine übertriebene Wirkung. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, blickte er sich grimmig und alarmiert um, wie jemand, der erwartet, jeden Moment in eine Falle zu geraten. Er fuhr heftig zusammen, als er den reglosen Kopf und den Kragen des Hausmantels sah, die über die Lehne des Sessels am Fenster ragten. Zuerst zeigte sein Gesicht nur reines Erstaunen. Dann glomm in seinen schwarzen, mordlüsternen Augen das Licht einer schrecklichen Hoffnung auf. Noch einmal blickte er sich um und vergewisserte sich, dass es keine Zeugen gab, dann schlich er sich auf Zehenspitzen und seinen dicken Gehstock halb erhoben an die stille Gestalt heran. Er setzte gerade zum letzten Sprung und dem entscheidenden Streich an, als ihm von der geöffneten Schlafzimmertür her eine kühle, sardonische Stimme begrüßte:

»Machen Sie ihn nicht kaputt, Graf! Lassen Sie ihn ganz!«

Der Mörder taumelte zurück, Verblüffung in seinem erstaunten Gesicht. Für einen Moment hob er seinen bleibeschwerten Stock noch einmal hoch, als ob er den Angriff von der Kopie auf das Original lenken wollte; aber etwas in den festen grauen Augen und dem spöttischen Lächeln, veranlasste ihn, den Arm sinken zu lassen.

»Es ist ein hübsches kleines Ding,« sagte Holmes, während er auf die Kopie zu trat. »Tavernier, der französische Modelleur, hat es angefertigt. In Wachsarbeiten ist er genauso gut wie Ihr Freund Straubenzee mit Luftgewehren.«

»Luftgewehre, Sir! Wovon sprechen Sie?«

»Legen Sie Ihren Hut und den Stock doch auf die Anrichte. Danke! Und nun nehmen Sie bitte Platz. Würde es Ihnen etwas ausmachen, Ihren Revolver auch abzulegen? Oh, nun gut, wenn Sie es vorziehen, darauf zu sitzen. Ihr Besuch kommt mir wirklich sehr gelegen, da ich dringend mal ein paar Worte mit Ihnen wechseln wollte.«

Der Graf blickte finster unter bedrohlichen Brauen hervor.

»Ich hätte Sie auch gerne mal kurz gesprochen, Holmes. Deshalb bin ich gekommen. Ich bestreite auch nicht, dass ich die Absicht hatte, Ihnen gerade den Schädel einzuschlagen.«

Holmes setzte sich halb auf den Tisch.

»Ich habe mir schon gedacht, dass Sie etwas in der Art im Schilde führten,« sagte er. »Aber warum diese persönliche Aufmerksamkeiten?«

»Weil Sie mir in die Quere gekommen sind und mir Ärger machen. Und weil Sie mir Ihre Kreaturen auf den Hals gehetzt haben.«

»Meine Kreaturen! Ich versichere Ihnen, das habe ich nicht getan!«

»Unsinn! Ich bin ihnen gefolgt. Und nur zwei können dieses Spiel spielen, Holmes.«

»Es ist nur eine Kleinigkeit, Graf Sylvius, aber vielleicht könnten Sie so freundlich sein, mich mit meiner Anrede anzusprechen. Sie werden sicher verstehen, dass ich auf Grund meines Berufes zwar auf vertrautem Fuß mit dem halben Verbrecheralbum stehe, und Sie werden sicher zustimmen, dass ich da nur individuelle Ausnahmen machen kann.«

»Gut, dann also Mr. Holmes.«

»Ausgezeichnet! Aber ich versichere Ihnen, sie irren sich, was meine angeblichen Agenten angeht.«

Graf Sylvius lachte verächtlich.

»Auch andere Leute können genauso gut beobachten wie Sie. Gestern war es ein alter Sportsmann. Heute war es eine alte Dame. Sie haben mich den ganzen Tag nicht aus den Augen gelassen.«

»Sie schmeicheln mir wirklich, Sir. Der alte Baron Dowson sagte am Abend vor seiner Hinrichtung, dass in meinem Falle das Gesetz gewonnen hätte, was der Bühne verloren gegangen wäre. Und nun beehren auch Sie meine bescheidenen Darstellungskünste mit Ihrem freundlichen Lob.«

»Das waren Sie – Sie selbst?«

Holmes zuckte die Achseln. »Dort in der Ecke können Sie den Sonnenschirm sehen, den Sie mir in den Minories so höflich aufgehoben haben, bevor Sie argwöhnisch wurden.«

»Wenn ich das gewusst hätte, dann würden Sie nie . . .«

». . . dieses bescheidene Heim wiedergesehen haben. Ich weiß, ich weiß. Aber wir alle verpassen mal Gelegenheiten und bedauern es hinterher. Wenn es passiert, erkennt man es nicht. Und deshalb sind wir hier!«

Die buschigen Brauen des Grafen zogen sich noch düsterer über seinen drohenden Augen zusammen. »Was Sie da sagen, macht die Dinge nur noch schlimmer. Es waren also nicht Ihre Agenten, sondern Ihre Schauspielerei, Sie Wichtigtuer! Sie geben also zu, dass Sie hinter mir her geschnüffelt haben. Warum?«

»Also bitte, Graf. Sie haben Löwen in Algerien geschossen:«

»Ja und?«

»Aber warum?«

»Warum? Der Sport – die Erregung – die Gefahr!«

»Und, zweifellos, um das Land von einer Plage zu befreien?«

»Genau!«

»Das sind kurz gefasst auch meine Gründe!«

Der Graf sprang auf, und seine Hand fuhr unwillkürlich zu seiner Gesäßtasche.

»Setzen Sie sich, Sir, setzen Sie sich! Es gibt noch einen anderen, praktischeren Grund. Ich will diesen gelben Diamant!«

Graf Sylvius lehnte sich im Sessel zurück und lächelte böse.

»Was Sie nicht sagen.«

»Sie wussten, dass ich deshalb hinter Ihnen her war. Der wirkliche Grund, warum Sie heute Abend hier sind, ist doch herauszufinden, wieviel ich über die Sache weiß und inwieweit meine Liquidierung notwendig ist. Und von Ihrem Standpunkt aus, das kann ich ihnen sagen, ist sie absolut notwendig, denn ich weiß alles darüber, abgesehen von einem Punkt, über den Sie mich gleich aufklären werden.«

»Ach wirklich? Und was bitte ist dieser fehlende Punkt?«

»Wo der Krondiamant jetzt ist.«

Der Graf blickte sein Gegenüber scharf an. »Oh, das wollen Sie wirklich wissen? Wie zum Teufel sollte ich Ihnen sagen können, wo er ist?«

»Sie können es, und Sie werden es.«

»Tatsächlich?«

»Sie können mich nicht täuschen, Graf Sylvius.« Holmes‘ Augen verengten sich und blitzten auf wie zwei bedrohliche Stahlpunkte. »Sie sind absolut durchschaubar. Und ich kann bis auf den Grund ihres Verstandes blicken.«

»Dann können Sie natürlich auch sehen, wo der Diamant ist!«

Amüsiert klatschte Holmes in die Hände und zeigte spöttisch mit dem Finger auf den Grafen. »Dann wissen Sie es. Sie haben es gerade zugegeben!«

»Ich gebe gar nichts zu.«

»Nun, Graf, wenn Sie vernünftig sind, können wir ins Geschäft kommen. Wenn nicht, wird es Ihr Schaden sein.«

Graf Sylvius blickte zur Decke und sagte: »Und Sie erzählen mir etwas übers Bluffen!«

Holmes blickte ihn gedankenvoll an wie ein Schachmeister, der über seinen krönenden Zug meditiert. Dann öffnete er die Tischschublade und zog ein Notizbuch heraus.

»Wissen Sie, was ich hier in diesem Notizbuch habe?«

»Nein, Sir, das weiß ich nicht!«

»Sie!«

»Mich?!«

»Ja, Sir, Sie! Sie sind hier drin – mit Ihrem ganzen schändlichen, gefährlichen Leben.«

»Zur Hölle mit Ihnen, Holmes!« schrie der Graf mit flammenden Augen. »Auch meine Geduld hat Grenzen!«

»Alles drin hier, Graf. Die wirklichen Umstände des Todes der alten Mrs. Harold, die Ihnen Blymer estate vermachte, das Sie so schnell wieder verspielten.«

»Sie träumen!«

»Und die komplette Lebensgeschichte von Miss Minnie Warrender.«

»Tztz! Damit können Sie gar nichts anfangen!«

»Es gibt noch eine Menge mehr, Graf. Hier ist der Überfall auf den Luxusexpress an die Riviera am 13. Februar 1892. Hier ist der gefälschte Scheck beim Credit Lyonnais im selben Jahr.«

»Nein, da irren Sie sich.«

»Dann liege ich bei den anderen Fällen also richtig! Nun, Graf, Sie sind ein alter Kartenspieler. Wenn der andere Spieler alle Trümpfe in der Hand hat, dann spart es eine Menge Zeit aufzugeben.«

»Was hat das alles mit dem Diamant zu tun, von dem Sie sprachen?«

»Sachte, Graf. Entspannen Sie sich! Lassen Sie mich die Punkte auf meine langweilige Art und Weise durchgehen. All dies habe ich gegen Sie in der Hand; aber vor allem habe ich klare Beweise gegen Sie und Ihren boxenden Rabauken im Falle des Krondiamanten.«

»Ach wirklich?«

»Ich habe den Droschkenkutscher, der Sie nach Whitehall fuhr, und den Kutscher, der Sie von dort weg brachte. Ich habe den Portier, der Sie am Tatort gesehen hat. Ich habe Ikey Sanders, der sich weigerte, für Sie den Kopf hinzuhalten. Ikey hat gesungen, und das Spiel ist aus.«

Die Adern auf der Stirn des Grafen schwollen. Seine dunklen, behaarten Hände waren geballt in einer unterdrückten Gefühlsaufwallung. Er versuchte zu sprechen, aber die Worte wollten ihm nicht über die Lippen kommen.

»Das ist mein Blatt,« sagte Holmes. »Ich lege es offen auf den Tisch. Aber eine Karte fehlt noch. Es ist der König der Diamanten. Ich weiß nicht, wo der Stein ist.«

»Das werden Sie auch nie wissen.«

»Nicht? Nun, nehmen Sie Vernunft an, Graf. Bedenken Sie Ihre Situation. Sie sind gerade dabei, für zwanzig Jahre hinter Schloss und Riegel zu verschwinden. Dasselbe gilt für Sam Merton. Was kann Ihnen der Diamant da noch nützen? Gar nichts. Aber wenn Sie ihn mir aushändigen – nun, dann werde ich ein Verbrechen erschweren. Wir sind nicht hinter Ihnen oder Sam her. Wir wollen den Stein. Geben Sie ihn her, und was mich betrifft, sind Sie ein freier Mann, solange Sie sich künftig ordentlich benehmen. Wenn Sie sich aber noch einen Fehltritt erlauben sollten, dann wird das ganz bestimmt Ihr letzter sein. Im Augenblick lautet mein Auftrag jedoch nur, den Stein zu kriegen, nicht Sie.«

»Und wenn ich mich weigere?«

»Nun, dann – leider! – dann müssen Sie es eben sein und nicht der Stein.«

Auf ein Klingeln hin erschien Billy wieder.

Ich denke, Graf, es wäre ganz gut, Ihren Freund Sam zu unserer kleinen Konferenz hinzu zu bitten. So wie die Dinge liegen, sollten seine Interessen ebenfalls vertreten werden. Billy, vor unserer Haustür wirst du einen großen, nicht sehr ansehnlichen Mann antreffen. Bitte ihn herauf.«

»Und wenn er nicht kommen will, Sir?«

»Keine Gewaltanwendung, Billy. Sei nicht grob zu ihm. Wenn du ihm sagst, dass Graf Sylvius ihn braucht, dann wird er ganz sicher mitkommen.«

»Was haben Sie jetzt vor?« fragte der Graf, als Billy wieder verschwunden war.

»Bis vorhin war mein Freund Watson hier. Ich erzählte ihm, dass ich einen Haifisch und einen Gründling in meinem Netz habe; und nun ziehe ich das Netz ein, und sie kommen zusammen.«

Der Graf war aufgestanden, seine Hand auf dem Rücken haltend. Holmes hielt etwas, das halb aus der Tasche seines Hausmantels herausragte.

»Sie werden nicht im Bett sterben, Holmes.«

»Das habe ich mir oft auch schon gedacht. Aber was macht das schon. Nach allem, Graf, wird Ihr eigener Abgang höchstwahrscheinlich mehr pendelnd als horizontal sein. Aber diese Betrachtungen über die Zukunft sind morbid. Warum geben wir uns nicht einfach vorbehaltlos dem Genuss der Gegenwart hin?«

Ein plötzliches wildes Leuchten flammte in den dunklen, bedrohlichen Augen Meisterverbrechers auf. Holmes‘ Gestalt schien noch größer zu werden, während seine Anspannung und Kampfbereitschaft wuchsen.

»Es wird Ihnen nichts bringen, wenn Sie den Revolver ziehen, mein Freund,« sagte er mit ruhiger Stimme. »Sie wissen ganz genau, dass Sie es nicht wagen werden, selbst wenn ich Ihnen genug Zeit geben würde, sie zu ziehen. Hässliche, lärmende Dinger, diese Revolver, Graf. Sie sollten besser bei Luftgewehren bleiben. Ah! Ich glaube, ich höre den elfenhaften Schritt Ihres geschätzten Geschäftspartners. Guten Tag, Mr. Merton. Ziemlich langweilig unten auf der Straße, nicht wahr?«

Der Preisboxer, ein schwer gebauter junger Mann mit einem dummen, trotzigen Gesicht blieb unbeholfen an der Türe stehen und blickte ihn mit einem verwirrten Gesichtsausdruck an. Holmes‘ höfliches Benehmen war eine neue Erfahrung für ihn, und obwohl er undeutlich fühlte, dass sie doch feindselig war, wusste er kein Mittel, ihr zu begegnen. Hilfesuchend wandte er sich seinem scharfsinnigeren Komplizen zu.

»Was wird hier gespielt, Graf? Was will dieser Bursche? Was ist los?« Seine Stimme war tief und rau.

Der Graf zuckte nur die Achseln, und es war Holmes, von dem die Antwort kam.

»Ganz kurz zusammengefasst, Mr. Merton, würde ich sagen, alles ist aus.«

Immer noch richtete der Boxer seine Bemerkungen an seinen Spießgesellen. »Versucht dieser Kerl Witze zu machen, oder was? Ich bin gerade überhaupt nicht zu Späßen aufgelegt.«

»Nein, das habe ich nicht vor,« sagte Holmes. »Und ich glaube, ich kann Ihnen versprechen, dass Sie sich im Laufe dieses Abends noch viel weniger zu Späßen aufgelegt fühlen werden. Also, Graf Sylvius, ich bin ein sehr beschäftigter Mann und kann es mir nicht leisten Zeit zu verschwenden. Ich werde nun in dieses Schlafzimmer gehen. Fühlen Sie sich bitte ganz wie zuhause, während ich nicht da bin. Sie können Ihrem Freund erklären, wie die Dinge liegen, ohne durch meine Anwesenheit behindert zu werden. Ich werde ein wenig Hoffmanns ‚Barcarole‘ auf der Violine üben. In fünf Minuten werde ich zurück sein und mir Ihre endgültige Antwort holen. Die Alternative ist Ihnen doch wohl klar, oder? Sollen wir Sie schnappen, oder kriegen wir den Stein?«

Holmes zog sich zurück und nahm aus der Zimmerecke im Vorübergehen seine Violine mit. Einige Augenblicke später drangen lang gezogene klagende Töne dieser bewegenden Melodie schwach durch die geschlossene Schlafzimmertür.

»Also was ist?« fragte Merton ängstlich, als sich sein Komplize ihm zu wandte. »Weiß er etwas von dem Stein?«

»Er weiß verdammt zu viel darüber. Und ich bin mir noch nicht mal sicher, ob er nicht alles darüber weiß.«

»Großer Gott!« Das bleiche Gesicht des Boxers wurde noch blasser.

»Ikey Sanders hat ausgepackt über uns.«

»Wirklich? Na, den nehme ich mir vor, wenn ich ihn in die Finger kriege.«

»Das wird uns auch nicht viel helfen. Wir müssen uns überlegen, was wir jetzt machen.«

»Moment mal,« sagte der Boxer und blickte argwöhnisch zur Schlafzimmertür. »Er ist ein neugieriger Bursche, der beobachten will. Ich hoffe doch, er belauscht uns nicht.«

»Wie kann er bei dieser Musik lauschen?«

»Stimmt auch wieder. Aber vielleicht ist jemand hinter dem Vorhang. Es gibt zu viele Vorhänge hier.« Im Umhersehen erblickte er plötzlich zum ersten Mal das die Nachbildung von Holmes im Fenstererker, und stand da starrend und mit dem Finger zeigend, zu verblüfft, um ein Wort herauszubringen.

»Mann! Das ist bloß eine Puppe,« sagte der Graf.

»’ne Attrappe, was? Schlag mich tot, da kommt ja nicht mal Madame Tussaud ran. Das ist das lebende Abbild von ihm, mit dem Hausmantel und dem allem. Aber diese Vorhänge, Graf.«

»Zum Teufel mit den Vorhängen! Wir verschwenden Zeit, und dabei haben wir gar nicht mehr viel. Wegen dieses Steins kann er uns einlochen lassen.«

»Einen Dreck kann er!«

»Aber er will uns laufen lassen, wenn wir ihm sagen, wo die Klunker ist.«

»Was! Wir sollen ihn aufgeben? Hunderttausend Mücken?«

»Entweder das eine oder das andere.«

Merton kratzte seinen kurz geschorenen Schädel.

»Er ist allein da drin. Lassen Sie uns ihn erledigen. wenn wir ihm das Licht ausgeblasen haben, haben wir nichts mehr zu befürchten.«

Der Graf schüttelte den Kopf.

»Er ist bewaffnet und bereit zu kämpfen. Wenn wir ihn erschießen, können wir kaum noch von hier wegkommen. Und ganz nebenbei, es ist mehr als wahrscheinlich, dass die Polizei darüber Bescheid weiß, welche Beweise er schon zusammengetragen hat. Hallo! Was war das?«

Ein undeutliches Geräusch war zu hören, das vom Fenster zu kommen schien. Beide Männer sprangen auf, aber es war wieder still. Abgesehen von der merkwürdigen Gestalt, die im Sessel saß, war das Zimmer leer.

»Irgendwas auf der Straße,« sagte Merton. »Schön, Boss, Sie haben mehr Grips als ich. Sie finden ganz bestimmt einen Ausweg. Wenn mit den Fäusten nichts zu machen ist, dann sind Sie dran.«

»Ich habe schon bessere Männer übertölpelt als ihn,« antwortete der Graf. »Der Stein befindet sich hier in meiner Geheimtasche. Ich werde es nicht riskieren, ihn einfach so rumliegen zu lassen. Heute Nacht noch können wir ihn aus England ausbringen, und bis Sonntag können wir ihn in Amsterdam in vier Stücke zerschneiden lassen. Und von Van Seddar weiß er jedenfalls nichts.«

»Ich dachte, Van Seddar sollte erst nächste Woche abreisen.«

»Das sollte er. Aber jetzt muss er schon mit dem nächsten Schiff abhauen. Einer von uns beiden muss mit dem Stein zur Lime Street durchschlüpfen und es ihm sagen.«

»Aber der Doppelboden wird noch nicht fertig sein.«

»Nun, dann muss er es eben nehmen, wie es ist, und es riskieren. Wir haben keine Zeit zu verlieren.« Wieder, mit einer Witterung für Gefahr, die einem Sportsmann in Fleisch und Blut übergegangen ist, hielt er inne und blickte scharf zum Fenster hin. Ja, ganz gewiss war das schwache Geräusch von der Straße gekommen.

»Und was Holmes angeht,« fuhr er fort, »den können wir ganz leicht reinlegen. Dieser verdammte Narr will uns nicht verhaften, wenn er den Stein kriegen kann. Gut, wir werden ihm den Stein versprechen. Wir werden ihn auf eine falsche Spur setzen, und bevor er herausfindet, dass sie falsch ist, wird er in Holland sein und wir außer Landes.«

»Klingt gut!« rief Sam Merton grinsend.

»Du gehst hin und sagst dem Holländer, dass er sich auf die Socken machen soll. Und ich werde mir diesen Dämlack hier vornehmen und ihm irgendein blödsinniges Geständnis auftischen. Ich werde ihm sagen, dass der Stein in Liverpool ist. Zum Teufel mit diesem Musik-Gewimmer; das geht mir wirklich auf die Nerven! Und bis er herausgefunden hat, dass der Stein nicht in Liverpool ist, ist der schon längst in vier Teile zerschnitten und wir schwimmen auf hoher See. Komm mal her, weg von der Linie durchs Schlüsselloch. Hier ist der Stein.«

»Ich hab mich schon gefragt, ob Sie sich trauen ihn mit sich herumzutragen.«

»Wo könnte er sicherer sein? Wenn wir ihn aus Whitehall hinausbringen konnten, dann könnte jemand anderes ihn sicher auch aus meiner Wohnung holen.«

»Lassen Sie ihn mich einmal ansehen.«

Graf Sylvius warf seinem Komplizen einen wenig schmeichelhaften Blick zu und betrachtete die ungewaschene Hand, die sich ihm entgegen streckte, mit unverhohlener Missbilligung.

»Was – glauben Sie vielleicht, dass ich ihn Ihnen wegschnappe? Also, Mister, Ihre Art hängt mir langsam zu Hals raus.«

»Schon gut, Sam, keine Beleidigungen. Wir können uns keinen Streit leisten. Komm hierher ans Fenster, wenn du seine ganze Schönheit sehen willst. Halt ihn mal gegen das Licht! Hier!«

»Danke!«

Mit einem Satz war Holmes aus dem Sessel mit seiner Kopie heraus gesprungen und hatte das kostbare Juwel ergriffen. Er hielt es in der einen Hand, während er mit der anderen einen Revolver auf den Kopf des Grafen richtete. Die beiden Verbrecher taumelten völlig überrascht zurück. Und noch bevor sie sich wieder gefasst hatten, hatte Holmes schon auf den Knopf der elektrischen Klingel gedrückt.

»Keine Gewalt, Gentlemen – keine Gewalt, wenn ich bitten darf! Denken Sie an die Möbel! Ihre Lage ist unhaltbar, das müssen Sie sich klar machen. Die Polizei wartet schon unten.«

Die Verwirrung des Grafen hatte die Oberhand gewonnen über seine Wut und Angst.

»Aber wie zum Teufel . . .?« schnappte er.

»Ihre Überraschung ist ganz verständlich. Sie wissen natürlich nicht, dass von meinem Schlafzimmer eine zweite Tür hinter diesen Vorhang führt. Ich hatte mir schon eingebildet, dass Sie mich gehört haben müssten, als ich den Platz meiner Kopie einnahm, aber ich hatte Glück. Damit hatte ich die Gelegenheit, ihrer kurzweiligen Unterredung zuzuhören, die sicher etwas steifer gewesen wäre, wenn Sie von meiner Anwesenheit gewusst hätten.«

Der Graf machte eine resignierte Handbewegung.

»Kompliment, Holmes. Ich glaube fast, Sie sind der Teufel in Person.«

»Jedenfalls nicht weit davon entfernt,« erwiderte Holmes mit einem höflichen Lächeln.

Sam Mertons langsamer Verstand erfasste die Lage nur allmählich. Jetzt, da er schwere Schritte auf der Treppe draußen hörte, brach er schließlich sein Schweigen.

»Wir sitzen in der Falle!« sagte er. »Aber was ist mit dieser verdammten Fiedel! Ich kann Sie immer noch hören.«

»Tsts. Sie haben vollkommen Recht. Lassen Sie sie spielen! Diese modernen Grammophone sind eine ganz bemerkenswerte Erfindung.«

Polizisten stürmten ins Zimmer, Handschellen klickten, und die Verbrecher wurden abgeführt zu der wartenden Kutsche. Watson gesellte sich zu Holmes und gratulierte ihm zu dem neuen Blatt, das er seinem Lorbeer hinzugefügt hatte. Dann wurde ihre Unterhaltung wieder einmal durch den unvermeidlichen Billy mit seinem Silbertablett unterbrochen.

»Lord Cantlemere, Sir.«

»Führ ihn herein, Billy. Er ist ein eminentes Mitglied des Hochadels, der allerhöchste Interessen repräsentiert,« sagte Holmes. »Er ist ein hervorragender und loyaler Mann, aber doch noch ziemlich von der alten Schule. Sollen wir ihn aufrichten? Oder sollen wir uns ein paar Freiheiten herausnehmen? Schließlich weiß er, wie wir annehmen dürfen, nichts von dem, was passiert ist.«

Die Tür öffnete sich und herein trat eine dünne, ernste Gestalt mit einem scharf geschnittenen Gesicht und einem schlaffen Backenbart aus der mittleren viktorianischen Periode, dessen glänzendes Schwarz kaum passte zu den fallenden Schultern und dem schleppenden Gang.

Holmes ging freundlich auf ihn zu und schüttelte ihm die widerstrebende Hand.

»Wie geht es Ihnen, Lord Cantlemere? Es ist recht kühl für diese Jahreszeit, aber doch recht warm im Haus. Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?«

»Nein danke; ich möchte nicht ablegen.«

Holmes legte seine Hand unnachgiebig auf den Ärmel.

»Bitte erlauben Sie mir! Mein Freund Dr. Watson wird Ihnen bestätigen, dass diese Temperaturwechsel höchst unzuträglich sind.«

Ungeduldig machte sich seine Lordschaft los.

»Ich fühle mich ganz wohl, Sir. Und ich habe keinen Grund zu bleiben. Ich schaue einfach nur vorbei um zu sehen, wie es mit der Aufgabe voran geht, die Sie sich selbst zugewiesen haben.«

»Schwierig – sehr schwierig.«

»Ich hatte schon befürchtet, dass Sie das finden würden.«

In den Worten und dem Verhalten des alten Höflings lag ein deutlicher Spott.

»Jedermann stößt irgendwann einmal an seine Grenzen, Mr. Holmes, aber wenigstens heilt uns das von der Schwäche der Selbstgefälligkeit.«

»Ja, Sir, ich bin wirklich völlig ratlos.«

»Zweifellos.«

»Besonders in einem Punkt. Vielleicht können Sie mir da ja weiter helfen.«

»Sie bitten mich reichlich spät um meinen Rat. Ich dachte, Sie hätten Ihre eigenen allumfassenden Methoden. Aber ich bin immer noch bereit, Ihnen zu helfen.«

»Sehen Sie, Lord Cantlemere, zweifellos können wir die tatsächlichen Diebe zur Anklage bringen.«

»Wenn Sie sie gefasst haben.«

»Genau. Aber die Frage ist – wie sollen wir mit dem Empfänger verfahren?«

»Ist das nicht ein bisschen voreilig?«

»Es ist immer gut, auf alles vorbereitet zu sein. Nun, was würden Sie als schlüssigen Beweis gegen den Empfänger erachten?«

»Den tatsächlichen Besitz des Steins.«

»Sie würden ihn daraufhin verhaften?«

»Ohne jeden Zweifel.«

Holmes lachte nur selten, aber diesmal kam er dem näher als sein alter Freund Watson jemals beobachtet hatte.

»In diesem Fall, Sir, sehe ich mich schmerzlich gezwungen, Ihre Verhaftung zu empfehlen.«

Lord Cantlemere wurde sehr ärgerlich. Etwas von dem alten Feuer flackerte in seinen bleichen Wangen auf.

»Sie nehmen sich unerhört viel heraus, Mr. Holmes. In fünfzig Jahren im öffentlichen Dienst kann ich mich nicht an etwas Vergleichbares erinnern. Ich bin ein beschäftigter Mann, Sir, befasst mit wichtigen Angelegenheiten, und ich habe weder die Zeit noch den Sinn für närrische Späße. Ich kann Ihnen ganz offen sagen, Sir, dass ich niemals großes Vertrauen in Ihre Fähigkeiten hatte und dass ich immer der Ansicht gewesen bin, dass diese Angelegenheit weit besser in den Händen der regulären Polizei aufgehoben gewesen wäre. Und Ihr Benehmen bestätigt alle meine Annahmen. Ich habe die Ehre, Sir, Ihnen noch einen guten Abend zu wünschen.«

Holmes hatte rasch den Platz gewechselt und sich zwischen den Lord und die Tür gebracht.

»Einen Augenblick noch, Sir,« sagte er. »Mit dem Mazarin-Stein tatsächlich das Weite zu suchen, wäre noch ein weitaus schwerer Gesetzesverstoß als sich bloß in seinem zeitweiligen Besitz zu befinden.«

»Sir, das ist unerträglich! Lassen Sie mich vorbei.«

»Greifen Sie doch bitte einmal in Ihre rechte Manteltasche.«

»Was meinen Sie, Sir?«

»Kommen Sie – nun machen Sie schon.«

Einen Augenblick später stand der verblüffte Lord blinzelnd und stammelnd da und hielt in seiner zitternden Hand den großen gelben Edelstein.

»Was! Was! Wie geht das zu, Mr. Holmes?«

»Was für ein Pech, Lord Cantlemere, was für ein Pech!« rief Holmes. »Mein alter Freund hier wird Ihnen bestätigen können, dass ich eine gewisse Neigung zum Schabernack habe. Und ich kann so gut wie nie einer dramatischen Situation widerstehen. Ich nahm mir die Freiheit heraus – die sehr große Freiheit, wie ich zugeben muss – Ihnen den Stein am Anfang unserer Unterredung in die Tasche zu stecken.«

Der alte Lord starrte von dem Stein in das lächelnde Gesicht vor ihm.

»Sir, ich bin verwirrt. Aber – ja – das ist in der Tat der Mazarin-Stein. Wir stehen sehr in Ihrer Schuld, Mr. Holmes. Ihr Sinn für Humor mag, wie sie ja selbst zugeben, etwas verdreht sein und seine Zurschaustellung zeitlich ausgesprochen unpassend, aber schließlich muss ich alle Ansichten, die ich zu Ihren beruflichen Fähigkeiten geäußert habe, zurücknehmen. Aber wie –«

»Der Fall ist erst zur Hälfte gelöst; aber die Details können warten. Lord Cantlemere, das Vergnügen, dass Sie zweifellos haben werden, wenn Sie diesen Erfolg in dem erlauchten Kreis verkünden, zu dem Sie zurückkehren werden, wird ein kleiner Ausgleich für meinen Streich sein. – Billy bring den Lord bitte hinaus und sag Mrs. Hudson, ich würde mich freuen, wenn sie so bald wie möglich ein Abendessen für zwei heraufschicken könnte.«

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