Chattanooga und Knoxville

Endlich wurde am 25. September 1863 das elfte Armeekorps von der Potomac-Armee detachiert und mit dem zwölften zusammen unter Hooker nach dem westlichen Operationsfelde abkommandiert. General Rosenkranz hatte den feindlichen General Bragg aus Chattanooga hinausmanövriert, hatte aber am 19. und 20. September eine böse Niederlage bei Chickamauga erlitten, wo die Cumberland-Armee nur durch die heldenmütige Standhaftigkeit General Thomas vor völliger Vernichtung bewahrt blieb. Es mag hier nebenbei bemerkt werden, daß die Niederlage und Flucht unseres rechten Flügels in dieser Schlacht eine weit unglücklichere und schimpflichere Sache war als das Zurückdrängen des elften Armeekorps bei Chancellorsville, und doch dachte niemand daran, diesem Teil der Cumberland-Armee deshalb Feigheit vorzuwerfen. Die geschlagenen Truppen nahmen ihre Zuflucht in Chattanooga und verschanzten sich dort. Bragg, der General der Konföderierten fühlte sich nicht stark genug, ihre Schanzen im Sturm zu nehmen, aber er schloß sie so eng ein, daß er sowohl ihre Kommunikationslinien mit den Unionstruppen im Westen als auch ihre Proviantzufuhr bedrohte. Die Cumberland-Armee war bei Chattanooga auf sehr kleine Rationen gesetzt, und das Futter war so spärlich, daß nicht annähernd genug gesunde Pferde für die Artillerie vorhanden waren. Unter diesen Umständen wurden das elfte und zwölfte Armeekorps aus der Potomac-Armee eiligst nach Westen geschoben, um der Cumberland-Armee in seiner prekären Lage zu helfen, und vor allen Dingen ihr die »Zwiebackslinie«, wie die Soldaten scherzend die Verproviantierungslinie nannten, zu öffnen.

Am 1. und 2. Oktober kamen meine Truppen in Bridgeport, Alabama, auf dem Tennessee River an. Meine erste Pflicht war, die Umgegend kennen zu lernen. Viele Rekognoszierungsritte führte ich selbst, und dadurch lernte ich zuerst die Bergbevölkerung von Nord-Alabama, Nord-Georgia und Südwest-Tennessee aus eigenem Augenschein kennen. Bereits in Virginia und Maryland hatte mich bei der Landbevölkerung eine Unkultur überrascht, die im Norden, selbst auf dem Lande, unmöglich gewesen wäre. Jetzt sollte ich noch Überraschenderes erfahren. Nicht weit von unserem Lager traf ich auf eine von einem älteren Manne, seiner Frau und zahlreichen Kindern bewohnte Farm. Der Farmer war durchaus nicht bedürftig, denn er sagte mir, er besitze mehrere hundert Morgen Land. Trotzdem lebte er in einer nach vorn offenen Blockhütte, die nur rechts und links je einen geschlossenen Raum aufwies, die Schornsteine waren aus Lehm und die Fugen zwischen den Stämmen so schlecht gedichtet, daß der Wind lustig hindurchpfeifen konnte. Drinnen war nichts, was den Namen Möbel verdient hätte. Die Kunst des Lesens und Schreibens war der Familie nur von Hörensagen bekannt. Die schmutzigen, zerlumpten, barfüßigen Kinder tummelten sich im Hause in Gemeinschaft mit Hunden und anderen Haustieren.

Der Farmer schien gutmütig, aber erwies sich im Gespräch als unglaublich unwissend. Von seinem Heimatlande hatte er nur einen unbestimmten, nebelhaften Begriff. Als er meine Soldaten sah, fragte er erstaunt, wo all die Leute herkämen. Ich antwortete: Aus New York, Pennsylvania, Ohio, Illinois, Wisconsin. Er starrte mich verständnislos an. Von New York hatte er wohl gehört; das sei eine »ungeheuer große Stadt« und so weit entfernt, daß man mehrere Wochen reisen müsse, um hinzukommen. Er fragte, wie viele Menschen dort etwa wohnten, und als ich sagte gegen 700000, verstand er 7000, schlug in heller Verwunderung die Hände über dem Kopf zusammen und rief aus: »Lieber Gott, 7000 Menschen auf einem Fleck! Die Stadt muß ja größer als Chattanooga sein!« Er hatte einmal sagen hören, daß die Erde sich um die Sonne drehe, aber das glaubte er natürlich nicht; konnte er nicht mit eigenen Augen sehen, wie die Sonne jeden Morgen an einer Seite des Himmels aufging und dann nach der anderen Seite hinüberzog, wo sie Abends unterging? Er hatte einige unbestimmte religiöse Vorstellungen von Himmel, Hölle und Erlösung, die er von seinen Vätern ererbt und von Wanderpredigern gehört hatte. Ihm war auch Kunde geworden von dem Atlantischen Ozean und von Ländern mit vielen fremdartigen Bewohnern, die jenseits des Ozeans liegen sollten, und er verstummte vor Erstaunen und maß uns alle mit neugieriger Verwunderung, als ich ihm sagte, daß ich und viele meiner Soldaten in jenen Ländern jenseits des großen Wassers geboren seien.

Aber ich machte bald eine andere noch erstaunlichere Erfahrung. Auf einem Rekognoszierungsritt gelangte ich an eine einsam gelegene Blockhütte, vor deren Tür eine Frau inmitten einer Schar flachshaariger Kinder verschiedenen Alters stand. Da ich durstig war, ritt ich heran, um einen frischen Trunk zu erbitten. Mit freundlichem Lächeln und einigen Worten im dortigen, mir unverständlichen Dialekt reichte sie ihn mir in einer aus dem Brunneneimer gefüllten Kürbisflasche. Obgleich barfuß und ärmlich gekleidet sah sie sauber und ordentlich aus; ebenso die Kinder, die offenbar an dem Tage gewaschen waren. Die Frau mochte etwa fünfunddreißig Jahre zählen, und ihr Gesichtsausdruck war angenehm, offen und bescheiden. Ich fragte sie, ob dies ihre Kinder seien, und sie bejahte mit offenbarem, freudigem Stolz. Ich fragte weiter, wie viel Kinder sie habe, »dreizehn; die älteren arbeiten auf dem Felde«, war ihre Antwort. Ich erkundigte mich nach ihrem Manne, ob er im Kriege sei. »Mein Mann?« fragte sie erstaunt zurück. »Ich habe keinen Mann«. Bedauernd meinte ich, er sei wohl tot, und nun sei sie mit den vielen Kindern allein. Ohne im geringsten in Verlegenheit zu geraten, erwiderte sie, sie habe nie einen Mann gehabt. Aus meine weitere Frage, ob sie denn wirklich nie verheiratet gewesen sei, schüttelte sie nur den Kopf mit gleichmütiger oder vielmehr mit etwas erstaunter Miene, als ob sie nicht begriffe, was ich sagen wollte. Ich verließ sie sehr verwundert, und als ich meinen Freund, den alten Farmer, wiedertraf, erkundigte ich mich bei ihm nach ihr und erfuhr, daß sie eine sehr achtbare fleißige Frau sei, die gut für ihre Kinder sorge, und daß es in dortiger Gegend noch mehrere solcher Fälle gebe.

Ich will nicht sagen, daß sie den allgemeinen Kulturstand jener Gegend widerspiegelten. In einigen Tälern fand ich Leute, die ebenfalls ganz unwissend waren, aber in geistiger wie in sittlicher Hinsicht einen viel höheren Standpunkt einnahmen. Doch auch unter ihnen tauchten Fälle, wie die oben beschriebenen, vereinzelt auf, während sie in den abgelegeneren Gegenden die Regel bildeten. Am meisten überraschte mich die Tatsache, daß diese Leute meist von reinem, hier und dort mit schottisch-irischen Elementen vermischtem angel-sächsischem Typus waren; ein Beweis dafür, daß die Rasse allein nicht für die Fähigkeit oder Neigung zum Fortschritt bei einem Volke maßgebend ist, sondern daß auch die kräftigsten Rassen in ihrer Entwicklung der Ungunst der Umstände erliegen können. Diese Leute waren in ihrer einsamen Abgeschiedenheit vom Strom des Fortschritts, der sich in der Ferne vorbeibewegte, einfach unberührt geblieben.

Am 20. Oktober erfuhren wir zuerst gerüchtweise, dann offiziell bestätigt, daß General Grant den Oberbefehl über die »Military Division of the Mississippi« und über das Operationsfeld der Cumberland-Armee übernommen hatte, daß General Rosenkranz, der Kommandeur dieser Armee, durch General Thomas ersetzt werden sollte, und daß General Sherman mit bedeutenden Verstärkungen vom Westen her im Anzuge war. Am 27. Oktober brachen wir unser Lager ab und begannen den Marsch von Bridgeport nach Chattanooga. Die Straße war in einem entsetzlichen Zustande, und es lagen darauf und daneben zahllose Pferde- und Maultierkadaver. Am Nachmittag des 28. langten wir in Lookout Valley bei Brown’s Ferry, etwa drei Meilen von Chattanooga, so heißt in der Sprache der Cherokesen »Habichtsnest«, einem sehr wichtigen, starkbefestigten Punkte an.

Am anderen Morgen sah ich zum ersten Male General Grant. Er war unangemeldet mit General Thomas zur Truppeninspektion bei uns eingetroffen. Da er so ganz unerwartet erschien, fiel jeglicher festliche Empfang, jede Begrüßung durch Hurrarufen und militärische Ehren fort, denn die Soldaten konnten nicht annehmen, daß dieser kleine bescheidene Mann der siegreiche Held so vieler Schlachten war. Er machte so gar kein Aufhebens von seiner Persönlichkeit und hatte so gar nichts vom General mit Orden und Federbusch an sich, wie er auf der Bühne oder in Schlachtenbildern dargestellt wird. Er trug den vorschriftsmäßigen schwarzen Filzhut und die Abzeichen eines Generalmajors, aber weder Gürtel noch Degen, und hatte seinen Uniformrock aufgeknöpft. Seine Hände steckten in weißen baumwollenen Handschuhen, die niedrigen Schuhe und die vom Reiten hochgeschobenen Beinkleider ließen ebensolche Socken sehen. Er rauchte sehr energisch eine große schwarze Zigarre und blickte mit unbeweglicher Miene scharf und geschäftsmäßig umher. Damals hatte ich keine Gelegenheit, persönlich mit ihm in Berührung zu kommen, da die Kavalkade schnell vorbeiritt.

Während Grant seine Vorbereitungen zur Überwältigung von Braggs Armee, welche auf Missionary Ridge und Lookout Mountain sehr starke Stellungen innehatte, eifrig betrieb, blieb das 11. Armeekorps bis zum 22. November in Lookout Valley im Lager und arbeitete an der Ausdehnung und Verstärkung seiner Schanzen. Wir waren in Schußweite der feindlichen Batterie auf Lookout Mountain, welche täglich ein paar Granaten in unser Lager sandte, ohne Schaden anzurichten. Das unheimliche Geräusch der heransausenden und explodierenden Geschosse verursachte zuerst bei den Soldaten etwas Unruhe, die sich aber sehr bald legte. Einmal fiel ein Geschoß in unser Zelt, gerade als ich mit meinen Offizieren zu Mittag aß. Meine Tischgenossen stoben eiligst auseinander; da das Geschoß aber nicht platzte, war die Ruhe schnell wiederhergestellt. Bald wurde es sogar im Lager ein Hauptzeitvertreib, die auf Lookout Mountain aufsteigenden weißen Rauchwölkchen zu beobachten, dem heulenden Ton der heransausenden Geschosse zu lauschen und zu wetten, wohin sie treffen würden.

Ein weiterer Zeitvertreib waren Gespräche mit den zahlreichen Überläufern aus den feindlichen Regimentern jenseits des Lookout Creek. Während der Nacht pflegten sie über einen großen Baumstamm zu klettern, der über den Bach gefallen war und eine Art Brücke bildete, und sich dann unseren Vorposten zu ergeben. Es waren ihrer so viele, daß früh morgens oft der Raum zwischen den Zelten meines Hauptquartiers ganz gedrängt voll war. Als erstes nach der Übergabe verlangten die meisten »den Eid«. Sie wollten auf der Stelle »den Eid« leisten. Es war gewiß viel die Rede davon gewesen, daß sie, wenn sie sich ergaben, den Treueid leisten müßten, aber viele schienen darunter etwas Eßbares zu vermuten, so eifrig verlangten sie danach und so enttäuscht waren sie, wenn man ihnen dann nur bedeutete, die Hand zu erheben und zu schwören. Sie wurden sodann durch Verteilung reichlicher Rationen getröstet, und die Gier, mit welcher sie diese verschlangen, redete deutlich von den kargen Tagen, wo wenige geröstete Maiskolben ihre einzige Nahrung gewesen waren. Manche besaßen einen gewissen gesunden Mutterwitz, aber die Unwissenheit der meisten spottete aller Beschreibung. Hier hatten wir den in den Südstaaten typischen »armen Weißen« vor uns. Seine Weltkenntnis war ursprünglich auf seine elende Blockhütte beschränkt gewesen; bei den Überläufern war sie etwas durch die Erfahrungen des Lagerlebens erweitert, aber doch nicht viel. Sie hatten keine oder eine nur sehr unbestimmte Vorstellung, um was es sich eigentlich bei all dem Blutvergießen handelte; sie waren von denen, die sie stets als ihre Herren und Gebieter angesehen hatten, gezwungen worden, an dem Kriege teilzunehmen, aber sie hatten ein unbestimmtes Gefühl, daß er nicht zu ihrem Vorteil geführt wurde. Diese Lage charakterisierte treffend ein im Süden verbreitetes geflügeltes Wort: It, is the rich man’s war and the poor man’s fight (Es ist des Reichen Krieg und des Armen Schlacht). Unter diesen Umständen konnte man von den armen Weißen der Südstaaten kaum verlangen, daß sie »der Sache des Südens« mit aufrichtiger Treue und Loyalität anhingen. Die Überläufer erblickten daher auch in ihrer Handlungsweise nichts Unrechtes oder Unehrenhaftes und nahmen einfach ihre Zuflucht dazu, wenn sie keine Lust mehr hatten, sich für Interessen, die sie nicht begriffen, zu opfern. Während sie beim Heere standen, erwiesen sie sich allerdings als ausgezeichnete Soldaten. Sie führten schier unglaublich lange und schwierige Märsche aus und ertrugen heldenhaft Hunger, Anstrengungen und Entbehrungen jeglicher Art. Sie kämpften tapfer und kaltblütig und waren oft treffliche Schützen, da sie von Kindheit auf mit der Flinte vertraut waren. Diejenigen, die sich uns ergeben und den Treueid geleistet hatten, beschäftigten wir beim Ausbessern der Straßen u. dgl. m., und sie erwiesen sich dabei als durchaus brauchbare Arbeiter.

Endlich war Grant zum Schlagen bereit. Bragg hatte törichterweise Longstreets Armeekorps nach Knoxville zur Überwältigung Burnsides abkommandiert und sich dadurch erheblich geschwächt. Sherman war mit mehreren Divisionen seiner Armee eingetroffen, und am 22. November erhielt das 11. Armeekorps Befehl, von Lookout Valley nach Chattanooga abzumarschieren und dort zur Cumberland-Armee zu stoßen. Ich will hier nicht die an dramatischen Vorfällen so reiche Schlacht zu schildern versuchen, sondern mich darauf beschränken, einige persönliche Erlebnisse zu erzählen, von denen eins von psychologischem Interesse sein dürfte.

Nach einer guten, ruhig durchschlafenen Nacht erwachte ich gegen Tagesanbruch am 23. November, und mein erster Gedanke war, daß ich an dem Tage den Tod finden würde. Eine innere Stimme schien es mir mit feierlicher Bestimmtheit zu verkünden. Ich versuchte energisch, mich von dem Eindruck frei zu machen und es als Schwäche zu belachen, daß ich auch nur einen Augenblick jener Stimme , Gehör lieh. Aber während ich mich mit den Kameraden unterhielt und meinen Pflichten oblag, tönte im Stillen immer die Stimme mit: »Heute werde ich den Tod finden«. Einmal war ich nahe daran, die Feder zu einem »letzten Briefe« an meine Frau und Kinder zu ergreifen, aber ein Gefühl von Scham über meinen Aberglauben ließ mich davon abstehen. Doch konnte ich die innere Stimme nicht zum Schweigen bringen. Ich machte mir allerhand zu schaffen, inspizierte meine Truppen, prüfte ihre Bereitschaft zur Schlacht, die jeden Augenblick eröffnet werden konnte, u. dgl.m. – die Stimme klang mir immer in den Ohren. Ich nahm mich sehr zusammen, um so vergnügt wie immer zu scheinen und vor meinen Offizieren meinen Seelenzustand zu verbergen, und ich glaube, es ist mir gelungen. Was ich aber nicht verbergen konnte, war eine rastlose Ungeduld, daß die bevorstehende Schlacht beginnen möchte. Indes verging der ganze Vormittag ohne ernstliches Gefecht. Hier und da fiel ein Kanonenschuß hier und da knatterte ein Vorpostenfeuer, aber im übrigen starrten die Befestigungen und Schanzen des Feindes von dem steilen Gipfel des Missionary Ridge und vom Lookout Mountain finster und anscheinend uneinnehmbar herab, und wir blickten untätig zu ihnen hinauf.

Endlich, etwa um Mittag, wurde zwei Divisionen der Cumberland-Armee aus unserem Mitteltreffen befohlen, vorzurücken, und in kurzer Zeit hatten sie die feindlichen Schützengräben am Fuß des Berges genommen. Obgleich die innere Stimme in mir noch redete, fühlte ich doch eine gewisse Erleichterung, als ich den Schlachtendonner tatsächlich vor mir hörte; doch mußten meine Truppen noch zwei Stunden lang Gewehr bei Fuß auf Befehle warten. Endlich, um 2 Uhr, sprengte ein Stabsoffizier heran mit dem Befehl, daß ich links von jenen Divisionen, zwischen Orchard Knob und Tennessee River, Stellung nehmen und meinen rechten Flügel mit General Wood und meinen linken mit der zweiten Division unseres Armeekorps verbinden sollte. »Jetzt wird’s Ernst«, sagte die Stimme in mir. Meine Truppen aufmarschieren zu lassen und die vorgeschriebene Verbindung herzustellen, machte keine Schwierigkeit. Es gab nur ein leichtes Scharmützel, worauf der Feind zurückwich, und ich bis zum Citico-Bach vordrang. Aber auf dem Abhang des Missionary Ridge dem Orchard Knob gegenüber stand im Walde eine für uns unsichtbare feindliche Batterie, die uns beschoß und offenbar Ziel und Schußweite richtig genommen hatte. In langsamer Folge, etwa zwei auf die Minute, kamen die Geschosse zielsicher auf uns zu. Ein geübtes Ohr konnte ihre Richtung an dem heulenden Heransausen ziemlich genau abschätzen. Ich hatte gerade meine Stellung eingenommen, hielt mit meinem Stabe zwischen der Schützenlinie und der Schlachtlinie und wartete aus weitere Befehle, als ich eine Granate direkt auf mich zukommen hörte. »Die ist für dich«, sagte ich mir. Die wenigen Sekunden, während der ich sie kommen hörte, erschienen mir eine Ewigkeit. Plötzlich schlug sie in den Boden unter meinem Pferde, daß das arme Tier sich bäumte, brach dem Pferde einer hinter mir haltenden Ordonnanz die Vorderbeine, vergrub sich dann in einen Erdhügel etwa zwanzig Meter hinter mir und platzte, ohne weiteren Schaden anzurichten. Dies wirkte wie ein elektrischer Schlag. Die Stimme in mir sagte: »Dies war die Kugel, aber den Tod hat sie dir doch nicht gebracht.« Und sofort verschwand die Todesahnung und mein gewohnter heiterer Mut kehrte zurück. Ich habe nie wieder etwas Ähnliches erfahren, und habe vergebens nach einer Erklärung dafür gesucht.

Meine Division ist in der Schlacht von Missionary Ridge nur wenig im Feuer gewesen. Wir hätten das Glück haben können, an der Erstürmung des Lookout-Mountain, der sogenannten »Schlacht über den Wolken« teilzunehmen, wenn nicht eine plötzliche Verschiebung von Hookers und anderen Truppen uns von Lookout Valley nach Chattanooga versetzt hätte. So konnten wir das interessante Gefecht während des ganzen Nachmittags nur von fern beobachten, erst die kleinen weißen Wölkchen die aufsteigend den Buschwald belebten, und nach Dunkelwerden das Kleingewehrfeuer, das wie Glühwürmchen darin flimmerte. Das schöne Schauspiel, unsere Feuerlinie so ruhig vordringen zu sehen, ermutigte uns er ganzes Heer gewaltig. Spät am Nachmittag erhielt ich noch Befehl von Grant, die Truppen an meiner Rechten und Linken im Falle des Angriffs zu unterstützen, aber wenn ich nicht selbst angegriffen würde, nichts zu tun, was ein allgemeines Gefecht herbeiführen könnte. Da es vor unserer ganzen Front nur leichte Plänkeleien gab, war dieser Befehl leicht auszuführen. Die Nacht ging ohne Störung vorüber. Bei Sonnenaufgang des nächsten Tages, des 25. November, erhielt ich Befehl, den Feind aus seinen Schützengräben vor meiner Front zu vertreiben, was ebenfalls leicht getan war.

Es war jedoch durchaus nicht beabsichtigt, daß unser Armeekorps ohne ernsten Anteil an der Schlacht bleiben sollte. Im Gegenteil, es war uns ein wichtiger Teil an der entscheidenden Bewegung zugedacht, und nur ein Zufall verurteilte uns zu verhältnismäßiger Untätigkeit.

Nach General Grants Plan sollte Sherman den äußersten rechten Flügel Braggs bei Tunnel Hill am nördlichen Ende von Missionary Ridge angreifen und dann in einer Flankenbewegung aus seiner Stellung auf der Höhe vertreiben. Sherman gelang es, über den Tennessee zu gehen und die feindlichen Truppen von den gerade vor ihm liegenden Höhen zu vertreiben, aber als er weiterging, entdeckte er zu seinem großen Kummer, daß er von der festen Stellung des Feindes auf Tunnel Hill durch eine tiefe, steile Schlucht getrennt war, die ein fast unüberwindliches Hindernis für sein Vorrücken bildete. Im Laufe des Vormittags erhielt ich Befehl, zu Sherman zu stoßen, gelangte gegen 2 Uhr nachmittags hin und fand den General, den ich damals erst kennen, lernte, auf einer niedrigen Umfassungsmauer sitzend und hinüberschauend über die Schlucht nach der feindlichen Stellung, die mit Kanonen und Bajonetten dicht besetzt war.

Sherman beobachtete mit sorgenvoller Miene eine verstärkte Division unter Ewing, die mühsam den steilen Abhang zu den feindlichen Verschanzungen hinaufklomm, von wo aus sie mit lebhaftem Feuer überschüttet wurde. Sherman empfing mich sehr herzlich, forderte mich auf, neben ihm Platz zu nehmen, und bald führten wir ein so lebhaftes Gespräch, als wären wir alte Bekannte. Der General war sehr mißgestimmt, denn seine Hoffnung, den feindlichen rechten Flügel schnell besiegen zu können und somit die Entscheidung der Schlacht herbeizuführen, war durch die Entdeckung der hindernden Schlucht vereitelt worden. Das war eine bittere Enttäuschung. Er verlieh seinen Gefühlen in überraschend starken Worten Ausdruck, d. h. mich überraschten sie, weil ich ihn nie vorher gesehen hatte und seine Eigenart nicht kannte. Ich erwartete jeden Augenblick, daß er mir befehlen würde, Ewings Angriff zu unterstützen, aber er zog vor, mich in Reserve bei sich zu behalten für den Fall, daß ein feindlicher Angriff von links erfolgen sollte. Also standen meine Leute abermals untätig da und bildeten nur hie und da den Zielpunkt für eine feindliche Kugel, wenn sie von drüben bemerkt wurden. So verging der ganze Nachmittag. Sherman hielt auch nicht lange auf seiner Mauer aus, er ging erregt davon, und ich sah ihn an jenem Tage nicht wieder. Ewings Angriff kam mehr und mehr ins Stocken. Er hatte beinahe die feindlichen Schanzen auf der Höhe erreicht, als er gegen Sonnenuntergang doch vor dem wachsenden feindlichen Feuer den Hügel hinab weichen mußte. Von Chattanooga her, wo unser Zentrum stand, hörten wir ein furchtbares Schlachtgetöse und sahen dicke weiße Rauchwolken aufsteigen, aber wir wußten nicht, was es bedeutete. War es etwa auch ein erfolgloser Angriff wie der Ewings, nur größer und mit schlimmeren Folgen für uns? Wir vom linken Flügel waren recht trüber Stimmung, als die Schatten der Nacht das stillgewordene Schlachtfeld leise verhüllten.

Von dem großen Siege bei Missionary Ridge erhielten wir ganz zufällig Nachricht.

Dicht hinter meiner Schlachtlinie befand sich eine zerfallene Negerhütte, wo unsere Burschen aus umherliegenden Brettern einen Tisch und zwei Bänke gezimmert hatten. Dort saß ich mit meinem Stabe beim Abendessen, das aus Kaffee, Zwieback und höchstens einem Streifen Speck bestand. Wir hatten kaum dies lukullische Mahl begonnen, als der Oberstabsarzt meiner Division angeritten kam und sich zu uns Schmausenden gesellte. Er war ein etwas einsilbiger Herr und sagte uns nur kurz: »Guten Abend«. Nach einer Weile fragte ich ihn, woher er käme.

»Aus Chattanooga«, entgegnete er.

»Suchten vermutlich nach Sanitätsmaterial«?

»Jawohl, Herr General.«

»Es gab ja tüchtigen Lärm dort drüben. Was war denn eigentlich los?«

»Gefecht.«

»Gefecht? Wo?«

»Auf dem Berg. Unsere Jungens sind famos hinaufgegangen«.

»Berg? Welchen Berg?«

»Sie nennen ihn ja wohl Missionary Ridge.«

»Was?! Unsere Jungens sind Missionary Ridge hinaufgekommen? Ganz bis oben hin? So reden Sie doch, Herr Doktor!«

»Jawohl. Wir haben gesehen, wie sie ganz hinaufgeklettert sind, und dann gab’s viel Hüteschwenken und Hurrarufen.«

»Wahrhaftig? Ganz hinauf sind sie gekommen? Und die Feinde sind geflohen?«

»So sagten ein paar Offiziere im Hauptquartier.«

»Alle Wetter! Dann haben wir ja die Schlacht gewonnen!«

»Ich denke«, sagte der Arzt ruhig.

Wir andern sprangen alle auf, ließen unser Abendbrot im Stich und eilten davon, um Näheres zu erfahren. Von fern her tönten uns schon jubelnde Hurrarufe entgegen, und binnen kurzem hatten wir die ganze erstaunliche Geschichte gehört. Als Shermans Angriff auf den feindlichen rechten Flügel ins Stocken geriet, wurde einem Teil der Cumberland-Armee in unserem Zentrum befohlen, vorzugehen Ein Sturm auf Missionary Ridge – eine feste Stellung, die im Frontangriff uneinnehmbar erschien – war anfangs nicht beabsichtigt; man wollte vielmehr zunächst nur durch ein drohendes Manöver Bragg veranlassen, Truppen von seinem rechten Flügel nach seinem Zentrum zu ziehen, und dadurch Shermans Angriff erleichtern. Aber unsere tapferen Cumberland-Truppen waren, einmal losgelassen, nicht mehr zu halten. In unwiderstehlichem Ungestüm, ohne Befehl, ja, man kann sagen, gegen Befehl, stürmten sie vor, warfen die feindlichen Vorposten aus ihren Verschanzungen auf dem Bergabhang, kletterten den steilen Abhang wie Wildkatzen hinauf und erschienen plötzlich auf dem Kamm des Berges, wo die feindlichen Truppen ganz bestürzt über diese unerwartete Tollkühnheit in wilder Unordnung und unter Zurücklassung ihrer verschanzten Artillerie und zahlloser Gefangenen die Flucht ergriffen. Es war ein Soldatenstück und ein Soldatensieg, wie ihn kühner und glänzender die Geschichte kaum kennt.

Während der nächsten zwei Tage nahmen wir an der Verfolgung des Feindes teil, wobei im ganzen 42 Geschütze, 6000 Gefangene, zahlreiche Wagen und viel Munition und Proviant erbeutet wurden. Dann wurden wir unter Shermans Führung auf eine Expedition nach Knoxville, Tennessee, kommandiert zum Entsatz von General Burnside, der von Longstreet hart bedrängt wurde.

Den beunruhigenden Nachrichten zufolge hatte Burnside schleunige Hilfe sehr nötig. Es handelte sich anscheinend nur um Tage, die er sich möglicherweise noch halten konnte. Die Entfernung, die wir zurückzulegen hatten, betrug 120 (englische) Meilen. Wir marschierten also in der denkbar leichtesten Ausrüstung ohne Zelte, ohne Munitions- und Proviantwagen. Die Leute trugen nur ihre Tornister und Decken, ihre Rationen im Brotbeutel und reichlich Munition in der Patronentasche Aber sie waren nach dem großen Siege voll frohen Mutes und ertrugen geduldig und heiter die Mühen und Anstrengungen des Eilmarsches. Wir brachen meistens bei Tagesanbruch auf und machten erst bei Dunkelwerden zum Lagern Halt; wir überschritten Flüsse und Bäche mit oder ohne Brücken, erklommen Gebirgspässe und marschierten auf Straßen, die diesen Namen kaum verdienten. Feinde sahen wir keine, nur hin und wieder rekognoszierende Kavallerieabteilungen, die, wenn sie in Schußweite kamen, sich vor unserem Feuer schleunigst zurückzogen.

Auf diesem Marsche wohnte ich einer kleinen Szene bei, die für den »Spaß« charakteristisch ist, welchen wir höheren Offiziere manchmal untereinander trieben. Eines kalten Morgens bemerkte ich an der Straße ein Haus, aus dessen Schornstein Rauch aufstieg und vor dessen Tür zwei Burschen mit gesattelten Pferden warteten. Ich schloß daraus, daß sich in dem Hause höhere Offiziere befinden müßten, und daß es dort auch vielleicht etwas zu essen geben könnte. Von dieser Aussicht angelockt, saß ich ab und ging hinein. Drinnen fand ich, behaglich am Kamin vor einem knisternden Holzfeuer sitzend, General Sherman und General Jefferson C. Davis, derselbe, der schon bei Beginn des Krieges viel Aussehen erregt hatte, und jetzt eine Division in Shermans Armeekorps kommandierte. Sherman forderte mich freundlich auf, mich zu ihnen zu setzen. Kurz darauf trat Howard ein. Ich habe bereits erwähnt, daß Howard im Rufe großer Frömmigkeit stand und der »christliche Soldat« (the Christian soldier) genannt wurde. Sherman begrüßte ihn in seiner – derben Art mit den Worten:

»Freut mich diebisch, Sie zu sehen, Howard. Setzen Sie sich zu uns ans Feuer. Verdammt kalt heute Morgen, was?«

Howard, dem alles Fluchen besonders verhaßt war, entgegnete verlegen und mit besonderer Betonung: »Jawohl, Herr General, es ist heute morgen s e h r kalt.«

Sherman mochte den leisen Tadel gleich empfunden haben; jedenfalls merkte ich, wie er lächelte und Davis zublinzelte; dieser hub dann sofort eine längere Erzählung einer ganz unwichtigen Sache an und spickte sie mit einer solchen Flut von Flüchen und Schimpfworten, daß man hätte annehmen können, er sei in leidenschaftlichster Erregung, während er doch bei ganz kühlem Blute war. Später hörte ich, daß er die sogenannte »Sprache des Heeres in Flandern« beherrschte, wie kein anderer Offizier seines Ranges. Howard machte mehrere schwache Versuche, der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, aber vergebens. Von Shermans Augenblinzeln und einzelnen teilnehmenden Worten angefeuert, fuhr Davis unerbittlich mit seinem unheimlichen Strom von Flüchen und Scheltworten fort, bis endlich Howard, dem peinlichste Qual auf dem Antlitz geschrieben stand, sich erhob und zur Tür hinausging, worauf Sherman und Davis in lautes Gelächter ausbrachen. Als ich mir nun eine Bemerkung über Howards unangenehme Empfindungen bei der Sache erlaubte, entgegnete Sherman:

»Wo es hingehört, kann er gern den »christlichen Soldaten« herauskehren, aber wenn wir unter uns sind, braucht er sich nicht aufzuspielen.«

Ein paar Wochen später – nach der Expedition von Knoxville – richtete Sherman ein wohlverdientes Dankschreiben an Howard für die von ihm geleisteten Dienste und lobte ihn als »einen, in dessen Person sich so vollständig und liebenswürdig die Attribute eines höflichen christlichen Gentleman und die eines tatkräftigen, eifrigen und tapferen Soldaten vereinigten«. Als ich diese Worte las, fiel mir die eben geschilderte Szene ein, und mir war, als sähe ich Shermans lustiges Augenblinzeln.

Am 5. Dezember, als wir nur noch wenige Meilen von Knoxville entfernt waren, erfuhren wir, daß Longstreet die Ankunft unserer Entsatztruppen nicht abgewartet, sondern sich nach Virginien zurückgezogen hatte. So hatte unsere Expedition ihren Zweck erreicht; das war ein mit den Beinen unserer Soldaten errungener Sieg. Ein Ruhetag wurde uns vergönnt, dann brachen wir zum Rückweg auf, wieder dieselben 120 Meilen und mehr bis zu unserem früheren Lager in Lookout Valley. Wir konnten uns nun mehr Zeit lassen, und doch schien uns der Rückmarsch beschwerlicher als der Hinmarsch. Es war nicht mehr dieselbe Begeisterung dabei. Unsere gewöhnliche Nahrungsmittelzufuhr war ganz erschöpft. Wir mußten uns »vom Lande nähren«. Wir requirierten so viel Schlachtvieh, wie wir konnten, es war aber längst nicht immer genug. Die Bevölkerung der Umgegend war unionsfreundlich gesinnt, aber arm. Geröstetes Getreide und gerösteter Mais mußten als Kaffee dienen, und Sirup von der nahen Farm ersetzte den Zucker. Das Schlimmste aber war, daß die Kleidung der Leute fast in Fetzen hing und ihre Schuhe voll Löcher waren. Etwa ein Viertel der Leute hatte überhaupt keine Schuhe, sie wickelten sich Lumpen um die Füße. Ihr Elend wurde durch allerlei Vorkommnisse erhöht, von denen ich eines schildern will.

Eines Tages war unser Marsch ganz besonders beschwerlich. Er führte durch gebirgiges Land, und die Straßen glichen oft ausgetrockneten, steinigen Betten von Gebirgsbächen. Die Artilleriepferde konnten die Geschütze und Protzkasten unmöglich über solche Hindernisse fortbewegen; sie mußten ausgespannt werden, und Infanteriesoldaten wurden herbeikommandiert, um den Artilleristen zu helfen, ihre Kanonen und Wagen über das felsige Geröll zu schieben und zu heben. Dies mußte mehrmals am Tage geschehen, und so mußte die Marschkolonne öfter Halt machen, ohne sich ausruhen zu können; im Gegenteil, derlei wiederholter längerer oder kürzerer Aufenthalt pflegt auf dem Marsch begriffene Truppen zu irritieren und zu ermüden. Endlich, gegen Abend, kamen wir an eine große Wiese, durch welche ein klarer Bach floß. Der Ort war zum Lagern wie geschaffen. Ich hatte keine bestimmten Befehle darüber, wie weit ich marschieren sollte, sondern sollte unterwegs darüber verständigt werden. Meine Truppen waren seit morgens früh auf den Beinen, die Beschwerden des Weges hatten sie sehr müde gemacht, sie schleppten sich nur noch mühsam dahin. Ich beschloß, sie hier an diesem günstigen Platz ausruhen zu lassen, wenn es mir gestattet würde, und sandte einen Stabsoffizier an das wohl zwei oder drei Meilen voraus befindliche Hauptquartier, um die Erlaubnis zu erlangen. Inzwischen ließ ich, da ich an einem günstigen Bescheid nicht zweifelte, den verschiedenen Brigaden Lagerplätze anweisen.

Nach etwa einer Stunde, als die Leute gerade Feuer anmachten und sich anschickten, die kargen Speisen, die sie hatten, zu kochen, kam mein Bote vom Hauptquartier zurück mit dem Befehl, sofort meinen Marsch fortzusetzen, mir würde etwa drei Meilen weiter ein Lagerplatz, angewiesen werden. Da, wie es hieß, auf Meilen in der Runde kein Feind war, schien es mir, daß ein Irrtum vorliegen müsse. Ich schickte also einen zweiten Stabsoffizier ins Hauptquartier, der darlegen sollte, daß es gegen meine Leute geradezu grausam sein würde, den Befehl zum Aufbruch zu geben, und daß ich dringend bäte, die Nacht hier zubringen zu dürfen, wenn der Weitermarsch nicht absolut notwendig wäre. Nach geraumer Zeit traf die Nachricht ein, der Weitermarsch sei absolut notwendig. Da blieb nichts anderes übrig, als sofort zu gehorchen. Mein Trompeter blies das Signal. Aus dem Biwak erhob sich wohl ein dumpfes Murren, aber die Leute leerten sofort die Kessel, die gerade zu kochen begonnen hatten, auf dem Boden aus und stellten sich prompt in Reih und Glied. Wir waren kaum eine halbe Stunde marschiert, als ein furchtbares Gewitter losbrach, und wolkenbruchartiger Regen uns ins Gesicht peitschte. In wenigen Minuten waren wir bis auf die Haut naß. Ich trug einen schweren mit Wolle gefütterten und mit Kapuze versehenen Kavalleriemantel. In unglaublich kurzer Zeit fühlte ich, wie mir das Wasser den Rücken herunterlief, und wie meine Reitstiefel zum Überfließen voll waren. Die üble Lage der armen Soldaten in den zerfetzten Uniformen läßt sich denken. Wir gingen abermals durch gebirgige Gegend, und die Straße lag in einem engen Tal, zwischen steilen Abhängen. Diese herab stürzte das Wasser in kleinen hurtigen Rinnsalen und verwandelte die Straße in einen reißenden Gebirgsbach, in dem die Leute knietief wateten. Dabei rollte der Donner und zuckten die Blitze, und die armen Soldaten stolperten über die im Wasser verborgenen Steine und machten ihrem Zorn durch wilde Flüche Luft.

Nachdem wir etwa zwei Stunden lang uns also mühselig weitergearbeitet hatten, gelangten wir aus den bewaldeten Bergen in offenere Gegend – wenigstens schien es mir so, weil mir die Dunkelheit etwas weniger dunkel vorkam. Ich ritt an der Spitze meiner Kolonne und stieß gegen einen Reiter, der mitten auf dem Wege hielt.

»Halt! Wer seid ihr?« rief er aus.

»Dritte Division, elftes Armeekorps.«

Er stellte sich vor als ein Stabsoffizier des Korps und überbrachte mir den Befehl, meine Leute »hier rechts und links von der Chaussee« in Biwak gehen zu lassen. Meine vorausgesandte Patrouille hatte ihn in der Dunkelheit verfehlt. Ich fragte, aus welchem Grunde denn mein Weitermarsch in dieser entsetzlichen Nacht absolut notwendig gewesen sei. Er wußte es nicht. Es war so dunkel, daß ich auf fünf bis sechs Fuß hinaus nichts erkennen konnte. Eines erkannte ich aber doch, nämlich daß rechts und links der Chaussee frisch gepflügtes Feld war, wo das Regenwasser noch in den Furchen stand oder darin einen zähen schwarzen Schlamm bildete. Und da sollten meine Leute biwakieren! Meine Offiziere zerstreuten sich um einen besseren oder doch nicht ganz so traurigen Lagerplatz für die Leute zu suchen, aber sie kehrten bald unverrichteter Sache zurück. Im Dunkel waren sie nur in die Lager der anderen Truppen geraten. So blieb uns nichts anderes übrig, als da zu bleiben, wo wir waren. Die Regimenter wurden, so gut es in der Dunkelheit ging, verteilt. Die Leute konnten sich auf die regengetränkte Erde nicht hinlegen, sie mußten sich auf ihre Tornister setzen, wenn sie welche hatten, oder kauernd versuchen, etwas Schlaf zu erhaschen. Um Mitternacht ging der Wind plötzlich nach Norden herum, und es wurde so bitter kalt, daß uns die Kleider am Körper festfroren. Mir war’s, als könnte ich bei den Leuten die Zähne klappern hören; meine klapperten sicher. Da saßen, hockten und kauerten wir in unruhigem, oft unterbrochenem Schlummer bis zum Tagesanbruch. Sobald das Morgengrauen sich als schmaler, fahler Streifen am Horizont zeigte, gab es eine allgemeine Bewegung. Die Leute standen auf, stampften und schlenkerten die Glieder, um das Blut in Bewegung zu bringen. Gar manchen waren die Füße an der Erde festgefroren, und wenn sie sich mit Gewalt losrissen, ließen sie die Sohlen ihrer erbärmlichen Stiefel im gefrorenen Schlamm zurück. Die Pfützen waren alle mit einer Eisschicht bedeckt, und der kalte Nordwind blies noch unerbittlich. Ich ließ sobald wie möglich aufbrechen, damit die Mannschaften in Bewegung kamen; ihren Kaffee konnten sie später an einer günstigeren Stelle kochen. Die Reihen waren sehr gelichtet, denn viele der Leute hatten sich von der Kolonne entfernt und waren durchs nächtliche Dunkel weitergetrabt. Als wir weiter marschierten, sahen wir sie aus Häusern, Scheunen, Strohhaufen und wo sie sonst Schutz gefunden, hervorkriechen. Die hartgefrorene und steinige Straße wies bald Blutspuren auf, von den Sohlen der armen Burschen, die mühsam ihres Weges hinkten.

Und all diese Qual war um nichts gewesen. Das Korpshauptquartier war von einem unbestimmten Gerücht beunruhigt worden, nach dem der Feind einen Kavallerieüberfall gegen uns plante, und ein solcher hätte möglicherweise ein Zusammenziehen unserer Truppen bedingt. Das Gerücht erwies sich als vollständig unbegründet. – Ich habe die Einzelheiten jener entsetzlichen Nacht so ausführlich erzählt, um dem Leser darzutun, daß sogar in einer gewöhnlichen Kampagne, die z. B. mit dem Rückzug Napoleons aus Rußland oder dgl. sich gar nicht vergleichen läßt, die Soldaten manchmal ohne Not Beschwerden ausgesetzt werden, die ebenso verheerend wirken wie Pulver und Blei.

Im ganzen war jedoch die Expedition nach Knoxville zum Entsatz Burnsides erfolgreich gewesen. Die Eilmärsche waren gut disponiert und wurden mit musterhafter Pünktlichkeit und Frische ausgeführt. Es regnete Glückwunschschreiben und Briefe schmeichelhaften Inhalts. General Sherman schrieb an General Howard, rühmte gerechterweise sein Verhalten aufs höchste und beauftragte ihn, »General Schurz, Oberst Buschbeck und Ihren übrigen Offizieren sowohl dienstlich als persönlich die Versicherung meiner größten Hochachtung zu übermitteln«. General Howard wurde seinerseits im Lobe des 11. Armeekorps ganz beredt und rühmte besonders dessen »Brigade- und Divisionskommandeure wegen der während der Kampagne bewiesenen Tatkraft und Standhaftigkeit«. In seinem Bericht sprach er mit besonderer Auszeichnung von Oberst Hecker, der meine dritte Brigade befehligte und der die schwersten Aufgaben mit der ihm eigenen Tapferkeit und Tüchtigkeit erfüllt hatte.

Am 17. Dezember bezogen wir wieder unser altes Lager in Lookout Valley und sahen einem verhältnismäßig ruhigen und behaglichen Winter entgegen.

Das ganze Heer der Union wurde nunmehr einer Reorganisation unterzogen, und als dieselbe beendet war, wurde mir mitgeteilt, daß das 11. und 12. Armeekorps unter dem Namen des 20. Armeekorps zusammengezogen und unter General Hookers Kommando gestellt worden sei. Mit General Hooker hatte ich wegen der Kriegsberichterstattung einen schweren Konflikt gehabt, der mich veranlaßte, meine Versetzung zu beantragen. Ich wurde deshalb zum Kommandeur des sogenannten Instruktionskorps in Nashville ernannt, in dem damals eine Menge neu ausgehobener Regimenter zum Felddienst ausgebildet wurden, die später vermutlich der Cumberland-Armee unter General Thomas eingereiht werden sollten. Ich wurde also von Hooker getrennt und wenn auch nicht gerade zu einem mir erwünschten Dienst kommandiert. Ich hatte gehofft, mit Sherman südwärts ziehen zu können; der Posten, für den ich jetzt ausersehen war, versprach keinen aktiven Felddienst, denn damals konnte niemand die Schlacht bei Nashville vorhersehen Ich folgte dem erhaltenen Befehl jedoch ohne Protest und ohne Murren. Mein Lager war bald in Edgefield am Nordufer des Flusses, Nashville gegenüber, aufgeschlagen und füllte sich mit neuen Regimentern aus den westlichen Staaten, besonders aus Indiana.

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