Die ersten Stunden des Krieges von 1914

Jener Sommer 1914 wäre auch ohne das Verhängnis, das er über die europäische Erde brachte, uns unvergeßlich geblieben. Denn selten habe ich einen erlebt, der üppiger, schöner, und fast möchte ich sagen, sommerlicher gewesen. Seidenblau der Himmel durch Tage und Tage, weich und doch nicht schwül die Luft, duftig und warm die Wiesen, dunkel und füllig die Wälder mit ihrem jungen Grün; heute noch, wenn ich das Wort Sommer ausspreche, muß ich unwillkürlich an jene strahlenden Julitage denken, die ich damals in Baden bei Wien verbrachte. Ich hatte mich zurückgezogen, um in diesem kleinen romantischen Städtchen, das Beethoven sich so gerne zum Sommeraufenthalt wählte, diesen Monat ganz konzentriert der Arbeit zu widmen und dann den Rest des Sommers bei Verhaeren, dem verehrten Freunde, . . . weiter lesen

Universitas vitae

Endlich war der lang ersehnte Augenblick gekommen, da wir mit dem letzten Jahr des alten Jahrhunderts auch die Tür des verhaßten Gymnasiums hinter uns zuschlagen konnten. Nach mühsam bestandener Schlußprüfung – denn was wußten wir von Mathematik, Physik und den scholastischen Materien? – beehrte uns, die wir zu diesem Anlaß schwarze feierliche Bratenröcke anziehen mußten, der Schuldirektor mit einer schwungvollen Rede. Wir seien nun erwachsen und sollten durch Fleiß und Tüchtigkeit unserem Vaterlande Ehre machen. Damit war eine achtjährige Kameradschaft zersprengt, wenige meiner Gefährten auf der Galeere habe ich seitdem wiedergesehen. Die meisten von uns inskribierten sich an der Universität, und neidvoll blickten uns diejenigen nach, die sich mit anderen Berufen und . . . weiter lesen

Angst

Als Frau Irene die Treppe von der Wohnung ihres Geliebten hinabstieg, packte sie mit einem Male wieder jene sinnlose Angst. Ein schwarzer Kreisel surrte plötzlich vor ihren Augen, die Knie froren zu entsetzlicher Starre, und hastig mußte sie sich am Geländer festhalten, um nicht jählings nach vorne zu fallen. Es war nicht das erstemal, daß sie den gefahrvollen Besuch wagte, dieser jähe Schauer ihr keineswegs fremd, immer unterlag sie trotz aller innerlichen Gegenwehr bei jeder Heimkehr solchen grundlosen Anfällen unsinniger und lächerlicher Angst. Der Weg zum Rendezvous war unbedenklich leichter. Da ließ sie den Wagen an der Straßenecke halten, lief hastig und ohne aufzuschauen die wenigen Schritte bis zum Haustor und dann die Stufen eilend empor, und diese erste Angst, in der doch . . . weiter lesen

Die Mondscheingasse

Das Schiff hatte, durch Sturm verzögert, erst spät abends in der kleinen französischen Hafenstadt landen können, der Nachtzug nach Deutschland war versäumt. So blieb ein unerwarteter Tag an fremdem Ort, ein Abend ohne andere Lockung als die einer melancholischen Damenmusik in einem vorstädtischen Vergnügungslokal oder eines eintönigen Gespräches mit den ganz zufälligen Reisegenossen. Unerträglich schien mir die Luft in dem kleinen Speiseraum des Hotels, fettig von Öl, dumpf von Rauch, und ich fühlte doppelt ihre trübe Unreinlichkeit, weil noch der reine Atem des Meeres mir salzig-kühl auf den Lippen lag. So ging ich hinaus, aufs Geratewohl die helle breite Straße entlang zu einem Platz, wo eine Bürgergardenkapelle spielte, und wieder weiter inmitten der lässig fortflutenden . . . weiter lesen

Ein Tag bei Albert Schweitzer

Ein vollkommener Tag ist selten. So hat, der ihn erlebt und gerade heute erleben darf, die Pflicht, besonders dankbar zu sein und dieser Dankbarkeit das Wort zu lassen. Schon der Morgen gab ein großes Geschenk. Seit Jahr und Tag stand man wieder einmal vor dem Straßburger Münster, dieser vielleicht schwerelosesten Kathedrale der europäischen Erde. Daß frühwinterlicher Nebel den Himmel dunkelte und dem Horizont einen stumpfen Ton gab, vermochte die Wirkung nicht zu mindern; im Gegenteil, wie von innen glühend in seinem einzigartigen Rosagestein stieg mit seinen Hunderten gemeißelten Gestalten dieses quaderne Spitzenwerk empor, selig leicht und doch unverrückbar, jeden aufhebend in sein beschwingtes Empor. Wie außen in die Höhe beglückt emporgeschwungen, spürt man innen, abermals . . . weiter lesen

Anmerkung zu Joyce’s ›Ulysses‹

Gebrauchsanweisung: man suche zuerst nach einem soliden Stützpunkt, um diesen Mammutroman nicht während des Lesens unablässig in der Hand halten zu müssen, denn dieser Band umfaßt fast 1500 Seiten und liegt einem wie Blei in den Gelenken. Zuvor nehme man noch sorgfältig zwischen den zweiten und dritten Finger die beigelegten Prospekte über »Das größte Prosawerk des Jahrhunderts« und den »Homer unserer Zeit«, reiße diese lautpaukenden, übertreiblichen Reklamezettel von einem bis zum anderen Ende durch und werfe sie in den Papierkorb, um nicht zu phantastischen Erwartungen oder Widerspruch im voraus gereizt zu werden. Dann setze man sich in einen Fauteuil (denn es wird lange dauern) und hole alle Geduld und Gerechtigkeit aus sich hervor (denn man wird sich auch ärgern) und beginne: Gattung: . . . weiter lesen

Paris – London

Für das erste Jahr der eroberten Freiheit hatte ich mir Paris als Geschenk versprochen. Ich kannte diese unerschöpfliche Stadt nur flüchtig von zwei früheren Besuchen und wußte, daß, wer als junger Mensch ein Jahr dort gelebt, eine unvergleichliche Glückserinnerung durch sein ganzes Leben mitträgt. Nirgends empfand man mit aufgeweckten Sinnen sein Jungsein so identisch mit der Atmosphäre wie in dieser Stadt, die sich jedem gibt und die keiner doch ganz ergründet. Ich weiß es wohl, dieses selig beschwingte und beschwingende Paris meiner Jugend ist nicht mehr; vielleicht wird ihm niemals mehr jene wunderbare Unbefangenheit zurückgegeben werden, seit die härteste Hand der Erde ihm das eherne Brandmal herrisch aufgedrückt. In der Stunde, da ich diese Zeilen zu schreiben begann, . . . weiter lesen

Brief einer Unbekannten

Als der bekannte Romanschriftsteller R. frühmorgens von dreitägigem erfrischendem Ausflug ins Gebirge wieder nach Wien zurückkehrte und am Bahnhof eine Zeitung kaufte, wurde er, kaum daß er das Datum überflog, erinnernd gewahr, daß heute sein Geburtstag sei. Der einundvierzigste, besann er sich rasch, und diese Feststellung tat ihm nicht wohl und nicht weh. Flüchtig überblätterte er die knisternden Seiten der Zeitung und fuhr mit einem Mietautomobil in seine Wohnung. Der Diener meldete aus der Zeit seiner Abwesenheit zwei Besuche sowie einige Telephonanrufe und überbrachte auf einem Tablett die angesammelte Post. Lässig sah er den Einlauf an, riß ein paar Kuverts auf, die ihn durch ihre Absender interessierten; einen Brief, der fremde Schriftzüge trug und zu umfangreich schien, . . . weiter lesen

Episode am Genfer See

Am Ufer des Genfer Sees, in der Nähe des kleinen Schweizer Ortes Villeneuve, wurde in einer Sommernacht des Jahres 1918 ein Fischer, der sein Boot auf den See hinausgerudert hatte, eines merkwürdigen Gegenstandes mitten auf dem Wasser gewahr, und näherkommend erkannte er ein Gefährt aus lose zusammengefügten Balken, das ein nackter Mann in ungeschickten Bewegungen mit einem als Ruder verwendeten Brett vorwärts zu treiben suchte. Staunend steuerte der Fischer heran, half dem Erschöpften in sein Boot, deckte seine Blöße notdürftig mit Netzen und versuchte dann, mit dem frostzitternden, scheu in den Winkel des Bootes gedrückten Menschen zu sprechen; der aber antwortete in einer fremdartigen Sprache, von der nicht ein einziges Wort der seinen . . . weiter lesen

Balzac

Balzac ist 1799 geboren, in der Touraine, der Provinz des Überflusses, in Rabelais' heiterer Heimat. Im Juni 1799, das Datum ist wert, wiederholt zu werden. Napoleon – die von seinen Taten schon beunruhigte Welt nannte ihn noch Bonaparte – kam in diesem Jahre aus Ägypten heim, halb Sieger und halb Flüchtling. Unter fremden Sternbildern, vor den steinernen Zeugen der Pyramiden hatte er gefochten, war dann, müd, ein grandios begonnenes Werk zäh zu vollenden, auf winzigem Schiffe durchgeschlüpft zwischen den lauernden Korvetten Nelsons, faßte ein paar Tage nach seiner Ankunft eine Handvoll Getreuer zusammen, fegte den widerstrebenden Konvent rein und riß mit einem Griff die Herrschaft Frankreichs an sich. 1799, das Geburtsjahr Balzacs, ist der Beginn . . . weiter lesen

Dostojewski

„Daß du nicht en­den kannst, das macht dich groß.“ Goe­the, West­öst­li­cher Di­van EIN­KLANG Es ist schwer und ver­ant­wor­tungs­voll, von Fe­dor Mi­chailo­witsch Dos­t­o­jew­ski und sei­ner Be­deu­tung für un­se­re in­ne­re Welt wür­dig zu spre­chen, denn die­ses Ein­zi­gen Wei­te und Ge­walt will ein neu­es Maß. Ein um­schlos­se­nes Werk, ei­nen Dich­ter ver­mein­te ers­tes Na­hen zu fin­den und ent­deckt Gren­zen­lo­ses, ei­nen Kos­mos mit ei­gen krei­sen­den Ge­stir­nen und an­de­rer Mu­sik der Sphä­ren. Mut­los wird der Sinn, die­se Welt je­mals rest­los zu durch­drin­gen: zu fremd ist ers­ter Er­kennt­nis ih­re Ma­gie, zu weit ins Un­end­li­che ver­wölkt ihr Ge­dan­ke, zu fremd ih­re Bot­schaft, . . . weiter lesen

Dickens

Nein, man soll nicht Bü­cher und Bio­gra­phen be­fra­gen, wie sehr Charles Di­ckens von sei­nen Zeit­ge­nos­sen ge­liebt wor­den ist. Lie­be lebt at­mend nur im ge­spro­che­nen Wort. Man muß es sich er­zäh­len las­sen, am bes­ten von ei­nem Eng­län­der, der mit sei­nen Ju­gend­er­in­ne­run­gen noch zu­rück­reicht bis an je­ne Zeit der ers­ten Er­fol­ge, von ei­nem de­rer, die sich noch im­mer nicht nach nun fünf­zig Jah­ren ent­schlie­ßen kön­nen, den Dich­ter des „Pick­wick“ Charles Di­ckens zu nen­nen, son­dern ihm un­ent­wegt sei­nen al­ten ver­trau­li­che­ren, in­ni­ge­ren Neck­na­men „Boz“ ge­ben. An ih­rer weh­mü­tig rücks­in­nen­den Rüh­rung kann man den En­thu­si­as­mus der Tau­sen­de mes­sen, . . . weiter lesen

Georg Friedrich Händels Auferstehung

21. August 1741 Der Diener Georg Friedrich Händels saß am Nachmittag des 13. April 1737, auf das sonderbarste beschäftigt, vor dem Parterrefenster des Hauses in Brookstreet. Er hatte ärgerlich bemerkt, daß sein Tabakvorrat ausgegangen war, und eigentlich hätte er nur zwei Straßen weit zu laufen gehabt, um sich in der Bude seiner Freundin Dolly frischen Knaster zu besorgen, aber er wagte sich nicht vom Hause aus Furcht vor seinem jähzornigen Herrn und Meister. Georg Friedrich Händel war in vollsaftiger Wut aus der Probe nach Hause gekommen, prallrot das Gesicht von aufwallendem Blut, und dick die Adersträhnen an den Schläfen, mit einem Knall hatte er die Haustür zugeworfen und wandert jetzt, der Diener konnte es hören, so heftig im ersten Stock auf und ab, daß die Decke bebte: . . . weiter lesen

Die unsichtbare Sammlung

Eine Episode aus der deutschen Inflation Zwei Stationen hinter Dresden stieg ein älterer Herr in unser Coupe, grüßte höflich und nickte mir dann, aufblickend, noch einmal ausdrücklich zu wie einem guten Bekannten. Ich vermochte mich seiner im ersten Augenblick nicht zu entsinnen; kaum er dann aber mit einem leichten Lächeln seinen Namen nannte, erinnerte ich mich sofort: er war einer der angesehensten Kunstantiquare Berlins, bei dem ich in Friedenszeit öfter alte Bücher und Autographen besehen und gekauft. Wir plauderten zunächst von gleichgültigen Dingen. Plötzlich sagte er unvermittelt: »Ich muß Ihnen doch erzählen, woher ich gerade komme. Denn diese Episode ist so ziemlich das Sonderbarste, was mir altem Kunstkrämer in den siebenunddreißig Jahren meiner Tätigkeit begegnet . . . weiter lesen

Buchmendel

Wieder einmal in Wien und heimkehrend von einem Besuch in den äußern Bezirken, geriet ich unvermutet in einen Regenguß, der mit nasser Peitsche die Menschen hurtig in Haustore und Unterstände jagte, und auch ich selbst suchte schleunig nach einem schützenden Obermir. Glücklicherweise wartet nun in Wien an jeder Ecke ein Kaffeehaus – so flüchtete ich in das gerade gegenüberliegende mit schon tropfendem Hut und arg durchnäßten Schultern. Es erwies sich von innen als Vorstadtcafé hergebrachter, fast schematischer Art, ohne die neumodischen Atrappen der Deutschland nachgeahmten innerstädtischen Musikdielen, altwienerisch bürgerlich und vollgefüllt mit kleinen Leuten, die mehr Zeitungen konsumierten als Gebäck. Jetzt um . . . weiter lesen

Schachnovelle

Auf dem großen Passagierdampfer, der um Mitternacht von New York nach Buenos Aires abgehen sollte, herrschte die übliche Geschäftigkeit und Bewegung der letzten Stunde. Gäste vom Land drängten durcheinander, um ihren Freunden das Geleit zu geben, Telegraphenboys mit schiefen Mützen schossen Namen ausrufend durch die Gesellschaftsräume, Koffer und Blumen wurden geschleppt, Kinder liefen neugierig treppauf und treppab, während das Orchester unerschütterlich zur Deck-show spielte. Ich stand im Gespräch mit einem Bekannten etwas abseits von diesem Getümmel auf dem Promenadendeck, als neben uns zwei- oder dreimal Blitzlicht scharf aufsprühte - anscheinend war irgendein Prominenter knapp vor der Abfahrt noch rasch von Reportern interviewt und photographiert worden. Mein Freund blickte . . . weiter lesen