Mein Reisebegleiter, der Reformator

  Letztes Frühjahr machte ich mich auf nach Chicago, um mir die Weltausstellung anzusehen, und obwohl ich sie nicht zu Gesicht bekam, war meine Reise doch nicht ganz umsonst – denn es gab eine Entschädigung. In New York hatte ich einen Major der Army kennengelernt, der sagte, dass er auch zur Ausstellung fahren wollte, und wir kamen überein, zusammen zu fahren. Ich musste allerdings zunächst noch nach Boston, aber das störte ihn nicht. Er sagte, er würde mitkommen und sich die Zeit schon vertreiben. Er war ein gutaussehender Mann und gebaut wie ein Gladiator. Aber seine Art war liebenswürdig und seine Redeweise sanft und überzeugend. Er war freundlich und über alle Maßen gelassen – und er hatte überhaupt keinen Sinn für Humor. Er interessierte sich für alles, was um . . . weiter lesen

Bemis‘ Büffel

Den nächsten Morgen, gerade vor Dämmerung, etwa fünfhundertfünfzig Meilen weit von St. Joseph, brach unsere Stage Coach zusammen. Wir sollten einen Aufenthalt von fünf bis sechs Stunden haben. Daher nahmen wir die Einladung einer Jagdgesellschaft an, die sich gerade zur Büffeljagd aufmachte, sie zu Pferde zu begleiten. Es war ein edles Vergnügen, im taufrischen Morgen über die Ebene hinzujagen. Unsrerseits nahm die Jagd jedoch ein Ende mit Schrecken und Verdruss, denn ein angeschossener Stier trieb den Reisenden Bemis fast zwei Meilen weit vor sich her, bis dieser schließlich seinen Gaul im Stiche ließ und sich auf einen einsamen Baum flüchtete. Etwa vierundzwanzig Stunden lang war Bemis höchst verärgert über diese Angelegenheit. Dann beruhigte er sich langsam wieder, und schließlich . . . weiter lesen

Die Ameise – ein Betrug

Hin und wieder, wenn wir eine Rast einlegten, beobachteten wir die emsige Ameise bei ihrer Arbeit. Ich konnte nichts Neues an ihr entdecken, und gewiss nichts, was meine Meinung von ihr geändert hätte. Mir scheint, dass die Ameise in Sachen Intelligenz ein merkwürdig überschätzter Vogel ist. Ich habe sie nun während vieler Sommer beobachtet, während ich eigentlich Besseres zu tun gehabt hätte, und mir ist noch keine lebende Ameise untergekommen, die mehr Verstand gehabt hätte als eine tote. Ich meine natürlich die gewöhnliche Ameise; ich habe keine Erfahrung mit jenen wundervollen Schweizer und afrikanischen Ameisen, die zur Wahl gehen, stehende Heere besitzen, Sklaven halten und über religiöse Fragen disputieren. Diese . . . weiter lesen

Leben auf dem Mississippi – Was ein Lotse braucht

Ich schweife aber von meinem Vorsatz ab, einige besondere Erfordernisse der Lotsenwissenschaft klarer zu machen, als vielleicht aus den vorhergehenden Artikeln ersichtlich ist. Da ist vor allem eine Fähigkeit, die ein Lotse unaufhörlich pflegen muß, bis er es darin zu absoluter Vollkommenheit gebracht hat: nur die Vollkommenheit genügt. Diese Fähigkeit ist das Gedächtnis. Er darf sich nicht damit begnügen, daß er bloß denkt, ein Ding ist so und so; er muß es wissen, denn das Lotsen ist in hohem Grade eine ›exakte‹ Wissenschaft. Mit welcher Verachtung wurde doch in den alten Zeiten ein Lotse angeschaut, wenn er es je wagte, sich der schwachen Redensart ›Ich denke‹ zu bedienen, statt der kräftigen ›Ich weiß!‹ Man kann sich . . . weiter lesen

Der Kojote

Abermals eine Nacht, die abwechselnd Ruhe und Unruhe brachte. Aber der Morgen kam doch nach und nach heran. Abermals ein solches Erwachen inmitten frischer Lüfte, endlos sich ausdehnender grüner Flächen, strahlenden Sonnenscheins, einer ergreifenden, aller sichtbaren menschlichen Wesen und Wohnstätten baren Einsamkeit und einer Atmosphäre von so merkwürdig vergrößernden Eigenschaften, daß Bäume in mehr als drei Meilen Entfernung scheinbar dicht vor uns standen. Wir machten es uns wieder leicht, kletterten auf das Dach unseres dahinfliegenden Wagens, ließen die Beine auf der Seite herunterhängen, riefen gelegentlich einmal unsern tollen Maultieren zu, lediglich um zu sehen, wie sie die Ohren zurücklegten und noch flinker dahinstoben, . . . weiter lesen

In Heidelberg und im Wald

Wir stiegen in einem Hotel am Bahnhof ab. Am nächsten Morgen, während wir in meinem Zimmer saßen und darauf warteten, dass uns das Frühstück gebracht wurde, erweckte unser Interesse, was gegenüber vor einem anderen Hotel vor sich ging. Zu­nächst erschien an der Tür die Persönlichkeit, die man Portier nennt (der nicht Pförtner, sondern mehr so etwas wie der erste Offizier eines Hotels ist), wie aus dem Ei gepellt in einer neuen blauen Tuchuniform, dekoriert mit blitzenden Messingknöpfen und mit Goldlitzen an seiner Mütze und den Ärmelaufschlägen, und dazu trug er weiße Hand­schuhe. Er warf einen offiziellen Blick auf den Stand der Dinge und begann dann, Befehle zu er­teilen. Zwei Dienstmädchen kamen heraus mit Eimern, Besen und Bürsten und verab­folgten dem Gehsteig eine . . . weiter lesen

Pony-Express

Gleich nach­her rich­te­te sich all un­ser Sin­nen und Trach­ten dar­auf, mit lang­ge­streck­tem Hal­se nach dem ›Po­ny­rei­ter‹  aus­zu­schau­en, dem Eil­bo­ten, der mit der Brief­post in acht Ta­gen neun­zehn­hun­dert Mei­len weit über den Kon­ti­nent von St. Jo­seph bis nach Sa­kra­men­to da­hin­jag­te! Man stel­le sich die­se Leis­tung vor für Pferd und Rei­ter von Fleisch und Blut! Der Po­ny­rei­ter war meist ein leib­ar­mes Männ­chen, da­bei aber voll höchs­ter Kühn­heit und Aus­dau­er. Ei­ner­lei, zu wel­cher Ta­ges- oder Nacht­zeit sein Dienst an ihn her­an­trat, und ei­ner­lei, ob es Win­ter war oder Som­mer, ob es reg­ne­te, schnei­te oder ha­gel­te, ob sein ›Strich‹ ihn auf ebe­ner ge­ra­der Stra­ße . . . weiter lesen