Sternickel.

Das Kapitalverbrechen bringt im hellen Jahrhundert nicht mehr hohen Zins. Die Konjunktur aller das Wesen unserer Zeit bestimmenden Mächte stemmt sich gegen diese Art menschenthierischer Thätigkeit und eine Gestalt vom Schlag des sobernheimer Henkersgehilfen Johannes Bückler, der an der Neige des achtzehnten Jahrhunderts, als Schinderhannes, der Schwarzalb ganzer Bezirke war und den geängsteten Markthändlern Pässe verschleißen konnte, ist heute kaum noch vorstellbar. Schon der Zwang, von der Wiege bis zur Bahre gestempeltes Papier mitzuschleppen, sich in irgendeinem Amtshaus an- und abzumelden, von jeder Schnüffelnase den Heimathschein, Militärpaß, Steuerzettel beriechen zu lassen, erschwert das ins Dunkel trachtende Handwerk; und die Schnelle des modernen Erkundungdienstes erlaubt . . . weiter lesen

Johanna Bismarck.

An einem grau verhängten Novembermorgen des Jahres 1894 war der varziner Gutsherr früher als sonst je auf den Beinen. Viel Schlaf hatten die letzten Nächte ihm nicht beschert. Seit Wochen siechte die Frau neben ihm hin. Ein altes Leiden, dessen erste Mahnung schon vor Jahrzehnten hörbar geworden war, ein hagerer Körper, der längst nur noch aus Sehnen und Nerven zu bestehen schien und dem schleichenden Übel zwar zähen Widerstand leisten, doch dem dorrenden Leben nicht neue Kraftquellen erschließen konnte: da blieb dem Angreifer nicht viel mehr zu zerstören. So lange es irgend ging, hielt die Tapfere sich aufrecht; der Mann durfte nicht geängstet werden. Bald aber versagte die mutigste Heuchelei selbst die Wirkung. Der kurzsichtige, nicht nur ein zärtlich wägender Blick mußte . . . weiter lesen

Richter.

»So kann und so darf nicht mehr lange in Deutschland regirt werden. Mit solchem Regirungsystem kann man nicht transigiren, nicht paktiren. Der Herr Reichskanzler hat im Abgeordnetenhaus erwähnt, daß ich seine wirthschaftliche Politik als eine Schnapspolitik gekennzeichnet habe. Das ist richtig; und ich bin nicht in der Lage, den Ausdruck irgendwie zurückzunehmen.« In den ersten Märztagen des Jahres 1886 sprach der Abgeordnete Richter diese Sätze im Deutschen Reichstag. Drei Wochen danach antwortete ihm der Reichskanzler Fürst Bismarck: »Der Herr Abgeordnete Richter hat bei irgendeiner Gelegenheit gesagt, ich sei ein großer Brenner vor dem Herrn. Er hat diese Andeutung in der Weise vervollständigt, daß er sein Wort von der Schnapspolitik wiederholte; es ging ungefähr darauf . . . weiter lesen

Köpfe: Otto v. Bismarck

Seit neun Monaten war es gewiß, wars bei jeder Frage nach dem geliebten Fürsten im bangen Blick des Arztes zu lesen, dessen sorgendes Auge an einem dunklen Oktobermorgen die erste Spur des neuen Leidens erkannt und nicht eine Sekunde sich scheu der schrecklichen Gewißheit verschlossen hatte, die Tage Otto Bismarcks seien gezählt. Im Fuß der Rieseneiche, deren unverwelklich grüne Greisenkrone kein Sturm zu brechen vermochte, nagte und bohrte geschäftig der leise Wurm; und die Liebe mußte der lange genährten Hoffnung entsagen, den Ragenden werde eines Tages ein Streich aus der Fülle der Lebenskraft reißen, ein dem Blitz jäh folgender Donnerschlag mit gewaltigem Wurf entwurzelt zu Boden schmettern. So hatten wirs uns erhofft, hatten wirs . . . weiter lesen

Köpfe – Holstein

Großbeerenstraße 40, Dicht am Kreuzberg. Kleinbürgerhäuser, Kleinbürgerläden. Fünf Minuten davon, schon in der Yorkstraße, poltert, kreischt, protzt das neue Berlin im Stuckpomp. Hier, zwischen der Hagelberger- und der Kreuzbergstraße, ists still. Altberlin. Kein Bierpalazzo, kein Prunkladen. Enge Kutscherkneipen; der Bäckermeister, der für drei, vier Gäste Sitzgelegenheit bietet, Napfkuchen, Windbeutel, Sahnenbaisers bereit hält, auch, wenns verlangt wird, Kaffee kochen läßt, nennt sich nur schüchtern Konditor. Sogar Grünkramkeller giebts da noch, vor denen, auf dem Pflaster, Kartoffeln, Kohl, Mohrrüben, Äpfel stehen. Die Strähne der Telephondrähte ist dünn und das Surren des Straßenbahndrahtes dringt nur sacht in die graue Stille; wird im Sommer vom Rauschen des Wasserfalles . . . weiter lesen