Landstreicherleben

Vorwort Vidocqs Buch heißt „Denkwürdigkeiten“, es ist aber ein Roman. Vidocq stellt nämlich nicht, wie der echte Memoirenschreiber, mit Hilfe seiner persönlichen Erfahrung Zeitgeschichte dar, sondern wie der Romandichter an den Ereignissen der Zeit eine persönliche Geschichte. Das Buch Vidocqs ist eine der wenigen Schriften der Weltliteratur, die durch außerordentliche Zusammendrängung realer Begebenheiten der Erlebnisse eines Menschen die überpersönliche Wirkung des Kunstwerks hervorbringen. Das ist ja etwa die Wirkung der Biographie Benvenuto Cellinis. Vidocq ist ein Cellini von der Unterseite der menschlichen Gesellschaft. Aber Vidocqs Leben konnte nur in Frankreich gelebt werden, und dies Buch kann nur aus den Katastrophendünsten der französischen Revolution kommen. Der . . . weiter lesen

Wostok

''Kennt ihn jemand?'' fragte Golik. Die Männer vom Kutter 'Olga IV', die im Schuppen der Fischereigenossenschaft unter einer trüben Glühbirne um den Toten auf dem Sortiertisch herumstanden, blickten auf ihn nieder und schwiegen. Sie hatten ihn zusammen mit einer halben Tonne Hering aus dem Wasser geholt, und das war alles, was sie über ihn sagen konnten. Genadij Woronzow, der Vorsitzende der Genossenschaft, war ein massiger Mann mit buschigen, schwarzen Brauen über kleinen, scharf funkelnden Augen. Seine zerwühlten Haare und das unrasierte Gesicht erzählten eine Menge von der Eile, mit der er Bett und Haus verIassen hatte müssen. Erbost darüber und über die lästige Störung des Betriebs schnauzte er: ''Der Kerl ist nicht von hier. Und die Fische haben kaum noch was übrig gelassen . . . weiter lesen

Erniedrigte und Beleidigte

  Erster Teil Erstes Kapitel Im vorigen Jahre, am Abend des zweiundzwanzigsten März, erlebte ich etwas sehr Seltsames. Ich war den ganzen Tag über in der Stadt umhergelaufen, um mir eine Wohnung zu suchen. Meine bisherige Wohnung war sehr feucht, und ich begann schon damals häßlich zu husten. Ich hatte bereits im Herbst umziehen wollen, aber die Sache hatte sich dann bis zum Frühling hingezögert. Den ganzen Tag über hatte ich nichts mir Zusagendes finden können. Erstens wollte ich eine eigene Wohnung haben, nicht eine in Aftermiete; und zweitens wollte ich mich zwar nötigenfalls mit einem einzigen Zimmer begnügen, dieses sollte aber unbedingt groß sein, selbstverständlich gleichzeitig auch möglichst billig. Ich hatte die Beobachtung gemacht, daß in einem engen Zimmer . . . weiter lesen

Die Reise mit der Beagle

Erstes Kapitel. Sankt Jago. – Die Inseln des grünen Vorgebirges. 16. Januar 1832. – Die Gegend von Porto Praya hat vom Meere aus gesehn, ein ödes Ansehen. Das vulkanische Feuer verflossener Jahrhunderte und die brennende Hitze einer tropischen Sonne sind die Ursache, daß das Land unfruchtbar und zum Pflanzenwuchs untauglich ist. Es erhebt sich in auf einander folgenden tafelförmigen Terrassen, hie und da finden sich stumpfe kegelförmige Hügel und eine unregelmäßige Kette von höheren Bergen begrenzt den Horizont. Durch die dunstige Atmosphäre dieses Klimas betrachtet, hat die Scene allerdings Interesse; doch darf dabei nicht vergessen werden, daß einer, der von der See kommt und nun gerade zum ersten Male in seinem Leben in einem Haine von Kokospalmen gewandelt ist, kaum einen . . . weiter lesen

Nach Westen

  Am 17. September 1852 fuhren meine junge Frau und ich, nach einer Reise von 28 Tagen, an Bord des prächtigen Paketschiffes »City of London«, in den Hafen von New York ein. Es gab allerdings schon um diese Zeit Dampfschiffe wenn auch nur wenige, welche die regelmäßige Fahrt zwischen England und Amerika machten. Ein Freund, der mehrmals dieses Land besucht hatte, versicherte uns aber, daß ein gutes, großes Segelschiff sicherer sei als ein Dampfer und für Personen, die zur Seekrankheit neigten, auch behaglicher. Auf diesen Rat hin wählten wir das Schiff »City of London«, ein prächtig aussehendes Vollschiff von ungefähr 2000 Tonnen. Diese Wahl bereuten wir nicht. Unsere Kajüte war groß und bequem, der Kapitän, obgleich auf der See aufgewachsen, höflich und aufmerksam, . . . weiter lesen

Domremy.

Aus: Kriegsgefangen. Erlebtes 1870 Wie heißt der Ritter? Baudricourt. Er steht Kaum einen Tagesmarsch von Vaurouleurs’. Ich bin nur eines Hirten niedre Tochter Aus meines Königs Flecken Domremy, Der in dem Kirchensprengel liegt von Toul. (Jungfran von Orleans.) Am 2. Oktober war ich in Toul. Ich kam von Nancy. Nancy ist eine Residenz, Toul ist ein Nest. Es machte den Eindruck auf mich wie Spandau vor dreißig Jahren. Die Kathedrale ist bewunderungswürdig, das Innere einer zweiten Kirche (St. Jean, wenn ich nicht irre) von fast noch größerer Schönheit, aber von dem Augenblick an, wo man mit diesen mittelalterlichen Bauten fertig ist, ist man es mit Toul überhaupt. In 2 Stunden hatt’ ich diese Sehenswürdigkeiten hinter mir und dennoch war ich gezwungen, 2 Tage an . . . weiter lesen

Von Perlin nach Berlin

1. Die Vorfahren. Es geht eine dunkle Sage, dass der Urahn meiner Familie wegen irgend eines Verbrechens aus der Schweiz entflohen sei. Man nagelte dort, da man seiner selbst nicht mehr habhaft werden konnte, sein Bildniss an den Galgen, er aber wandte sich nach Sachsen und gründete dort ein zahlreiches Geschlecht, wie ja denn noch heute der Name Seidel in Sachsen häufig ist. Ob diese Sage auf Wahrheit beruht, weiss ich nicht, mir aber hat sie stets ein gewisses Vergnügen bereitet. Denn der Mensch ist  im Allgemeinen so geartet, dass er, anstatt sich mit seiner Ahnenreihe bald ehrbar und spurlos in das Dunkel der Vergangenheit zu verlieren, lieber eine recht herzhafte Abscheulichkeit eines Vorfahren in den Kauf nimmt, wenn sie nur dazu beigetragen hat, sein Gedächtniss der Nachwelt zu . . . weiter lesen

Das Geheimnis von Cloomber-Hall

Ich, James Fothergill West, stud. jur. auf der St. Andrews-Universität zu Edinburg, will in folgenden Zeilen eine wahre Geschichte in möglichst kurzer und bündiger Form erzählen, ohne durch eine gekünstelte Reihenfolge der verschiedenen Ereignisse den Eindruck derselben zu erhöhen. Es sollen vielmehr diejenigen, welche außer mir noch von den fraglichen Begebenheiten unterrichtet sind, meinem Berichte beistimmen können, ohne zu finden, daß ich auch nur in den geringfügigsten Einzelheiten von der strengen, ungeschminkten Wahrheit abgewichen bin. Zu diesem Zweck werde ich die notariell beglaubigten Aussagen eines gewissen Israel Stakes, ehemaligen Kutschers von Cloomber-Hall, und des Herrn John Easterling, Edinburg – jetzt praktischer Arzt in Stanvaer, Wigtownshire – aufführen und . . . weiter lesen

„Weltstadt“-Panorama

Cafe Stehely (1831) Ob man bei Stehely einen Begriff von der Verberlinerung der Literatur bekommen kann – ganz gewiss, oder man müsste sich täuschen in dieser stummen Bewegungssprache, die einen Haufen von Zeitschriften mit wilder Begier und neidischem Blick zusammenträgt, ihn mit der Linken sichert und mit der Rechten eine nach der andern vor die starren, teilnahmslosen Gesichtszüge hält. Die Eisenstange und das Schloss des Journals scheint mit schwerer Gewalt auch seine Zunge zu fesseln – wer würde hier seinen Nachbar auf eine interessante Notiz aufmerksam machen? Ein feindliches Heer könnte eine Meile von Berlin entfernt sein, kein Mensch würde die Geschichte vortragen, man würde auf den Druck warten und auch dann noch ein Exemplar durch aller Hände wandern lassen – fast . . . weiter lesen

1. Ich

An mei­ner Bü­ro­tür un­ter mei­nem Na­men steht: Con­trol­ling. Ir­gend­was muss ja da ste­hen, und Job­kil­ler kann man nicht gut dran­schrei­ben, ob­wohl das der Wahr­heit viel nä­her kä­me. Mit an­de­ren Wor­ten, ich bin der Mann fürs Gro­be. Ich ma­che die Schmutz­ar­beit für die Fir­ma. Und die Fir­ma, das ist Maddox Deutsch­land, ei­ne Un­ter­neh­mens­grup­pe, die von Ba­by­win­deln bis zum 50-Ton­nen-Bull­do­zer so ziem­lich al­les her­stellt, wo­mit sich Geld ma­chen lässt. Und wenn das mit dem Geld nicht so rich­tig klappt und ir­gend­wo im Kon­zern die Ge­winn­zah­len über mehr als drei Mo­na­te nach un­ten ge­hen, dann klin­geln in der Zen­tra­le die Alarm­glo­cken, und ich fah­re hin und neh­me den La­den . . . weiter lesen

Jugend, Militär und explosive Experimente

Meine früheste Jugenderinnerung ist eine kleine Heldenthat, die sich vielleicht deswegen meinem Gedächtnisse so fest einprägte, weil sie einen bleibenden Einfluß auf die Entwickelung meines Charakters ausgeübt hat. Meine Eltern lebten bis zu meinem achten Lebensjahre in meinem Geburtsorte Lenthe bei Hannover, wo mein Vater das einem Herrn von Lenthe gehörige »Obergut« gepachtet hatte. Ich muß etwa fünf Jahre alt gewesen sein und spielte eines Tages im Zimmer meines Vaters, als meine drei Jahr ältere Schwester Mathilde laut weinend von der Mutter ins Zimmer geführt wurde. Sie sollte ins Pfarrhaus zu ihrer Strickstunde gehen, klagte aber, daß ein gefährlicher Gänserich ihr immer den Eintritt in den Pfarrhof wehre und . . . weiter lesen

Heimat und Vorfahren. Erste Jugendjahre.

Vom deutschen Revolutionär zum US-Innenminister - Carl Schurz

Ich bin in einer Burg geboren. Dies bedeutet jedoch keineswegs, daß ich von einem adligen Geschlecht abgestammt sei. Mein Vater war zur Zeit meiner Geburt Schulmeister in Liblar, einem Dorfe von ungefähr 800 Einwohnern, auf der linken Rheinseite, drei Stunden Wegs von Köln gelegen. Sein Geburtsort war Duisdorf bei Bonn. In frühster Kindheit hatte er seine Eltern verloren und war der Sorge seines Großvaters anheimgefallen, der dem Bauernstande angehörte und auf einem kleinen Ackergütchen Getreide, Kartoffeln und ein wenig Wein zog. So wuchs mein Vater als ein eigentliches Bauernkind auf. Im Jahre seiner Geburt, 1797, befand sich das linke Rheinufer im Besitz der französischen Republik. Seine Jugendjahre fielen daher in die von den Rheinländern so genannte „französische Zeit“, . . . weiter lesen

Aktenfaszikel 113

Seit drei Tagen sprach ganz Paris von nichts anderem als von dem Diebstahle, der in dem Bankhause André Fauvel verübt worden war. Dem Täter, der ungemein gewandt und schlau zu Werke gegangen sein mußte und den die Polizei bis zur Stunde nicht zu entdecken vermochte, war es gelungen, aus der versperrten Kasse 350 000 Frank zu entwenden. Die Kasse selbst erwies sich als völlig unversehrt und es war unerklärlich, auf welche Weise das Geld dem einbruch- und feuerfesten Schranke entnommen worden. Der Kassenraum war Fremden überhaupt nicht zugänglich und es waren außerdem solche Sicherheitsmaßnahmen getroffen, daß nur ein Eingeweihter die Kasse öffnen konnte. Das durch einen vergitterten Schalter in zwei Hälften geteilte und mit dem Arbeitskabinett des Chefs durch eine geheime . . . weiter lesen

Leipzig vor 150 Jahren

Wenn man das Alter des Psalmisten bereits um etliche Jahre überschritten hat und man nun jeden Morgen seine Todesanzeige in der Zeitung zu lesen erwartet, mag der Wunsch begreiflich erscheinen, einen Rückblick zu halten auf seine Kindheit und Jugend, und auf die Umwelt, auf die sie gestellt waren. Welten scheinen das Einst von dem Jetzt zu trennen, so von Grund auf haben sich ja seitdem alle Verhältnisse geändert und interessant mag dem Jüngeren sein, was der Aeltere aus seiner Kindheit Tagen von dem Leben und Treiben auf den gleichen Straßen und Plätzen und deren damaligem Aussehen zu erzählen weiß, über die der Schritt des Jüngeren jetzt ebenso dahin schreitet wie einst und noch jetzt — auf wie lange noch? — der des Erzählers. Aber indem ich mich anschicke, mit meiner Schilderung . . . weiter lesen

Heinrich Schliemann: Kindheit und kaufmännische Laufbahn

1822 bis 1866 Wenn ich die­ses Werk mit ei­ner Ge­schich­te des eig­nen Le­bens be­gin­ne, so ist es nicht Ei­tel­keit, die da­zu mich ver­an­lasst, wol aber der Wunsch, klar dar­zu­le­gen, dass die gan­ze Ar­beit mei­nes spä­tern Le­bens durch die Ein­drü­cke mei­ner frü­hes­ten Kind­heit be­stimmt wor­den, ja, dass sie die nothwen­di­ge Fol­ge der­sel­ben ge­we­sen ist; wur­den doch, so­zu­sa­gen, Ha­cke und Schau­fel für die Aus­gra­bung Tro­jas und der Kö­nigs­grä­ber von My­ken­ae schon in dem klei­nen deut­schen Dor­fe ge­schmie­det und ge­schärft, in dem ich acht Jah­re mei­ner ers­ten Ju­gend ver­brach­te. So er­scheint es mir auch nicht über­flüs­sig, hier zu er­zäh­len, wie ich all­mäh­lich in den Be­sitz . . . weiter lesen

Der Leipziger Kreis

Aus: Lebenslinien, 2.Teil, 5.Kap. Allgemeines. Der Eintritt in den Kreis der neuen Kollegen in Leipzig war für mich und die Meinen mit Schwierigkeiten verbunden. Wir hatten bisher in wesentlich anderen gesellschaftlichen Sitten und Gewohnheiten gelebt und waren weder durch Verwandtschaft noch durch Freundschaft mit reichsdeutschen Kreisen, insbesondere nicht mit denen der Universitäten in Verbindung gekommen. Die Bekanntschaften, welche ich mir auf meinen Reisen erwerben konnte, hatten nur schnell vorübergehende persönliche Berührungen bewirkt. So waren wir in vielen Beziehungen Fremdlinge, als wir in Leipzig einzogen und sind es auch einigermaßen während der neunzehn Jahre geblieben, die wir dort zugebracht haben.  Hierzu trug nicht wenig der Umstand . . . weiter lesen

1. Gestatten Lünch – Bodo Lünch

Mal angenommen, Sie haben einen finanziellen Engpass. Im Prinzip kann das jedem passieren. Die Banken wittern Aasgeruch und drehen Ihnen den Hahn ab. Andere Kreditgeber sind weit und breit nicht in Sicht. Aber es gibt ja noch die privaten Geldverleiher, die laufend knallige Anzeigen in den Zeitungen haben von wegen Schnell-Kredite ganz ohne Sicherheiten und lästige Formalitäten bei sofortiger Barauszahlung. Klingt alles prima. Also greifen Sie zu und haben ruck, zuck wieder Bares auf der blanken Kralle, und die Banken können Ihnen in die Tasche steigen. -- Denken Sie. Doch die Geschäftsbedingungen sind nicht von Pappe und die Zinsen horrend, und es wäre schon ein verdammtes Wunder, wenn Sie mit den Raten nicht ins Stottern kämen. Sind Sie ein Wunderkind? Nein? Gut, dann werden Sie . . . weiter lesen