Brown von Calaveras

Der gedämpfte Ton der Unterhaltung und das Fehlen von Zigarrenrauch und Stiefelab­sätzen an den Fenstern der Wingdamer Postkutsche ließen darauf schließen, daß sich unter den Passagieren im Innern eine Frau befand; und der Eifer, mit dem die Stations­bummler auf den Haltestellen sich vor den Fenstern versammelten, sowie eine gewisse Besorgnis hinsichtlich des Aussehens ihrer Röcke, Hüte und Vatermörder deuteten fer­ner darauf hin, daß die Dame schön war. Alle diese Beobachtungen machte Herr Jack Hamlin von der Höhe seines Bocksitzes aus mit dem Lächeln eines zynischen Philoso­phen. Nicht daß er das schöne Geschlecht verachtete, aber er hatte in ihm ein trügerisches Element erkannt, dessen Kultus die Menschheit zuweilen ablenkte von den ebenso unbeständigen Freuden des Spiels, . . . weiter lesen

Einsame Fahrt

Als ich in die Slumgullioner Postkutsche stieg, sah ich, daß die Nacht dunkel, die Straße einsam und ich der einzige Passagier war. Der Leser gestatte mir, ihn zu versichern, daß ich mit dieser Bemerkung keinen geheimnisvollen Nebenzweck verfolge. Ein langer Kursus in leichter Lektüre hat mir die Augen darüber geöffnet, was von einem solchen Anfang zu erwarten ist. Der Erzähler, der durch solch aufregende Einleitungen vorsätzlich das Schicksal versucht, der den erwartungsvollen Leser ahnen läßt, er schwebe in Gefahr, geplündert oder halb totgeschlagen oder von einem durchgegangenen Tollhäusler erschreckt oder seinem Feinsliebchen zum erstenmal vorgestellt zu werden - der verdient, daß man ihn anzeigt. Es ist eine wahre Genugtuung . . . weiter lesen

Pony-Express

Gleich nach­her rich­te­te sich all un­ser Sin­nen und Trach­ten dar­auf, mit lang­ge­streck­tem Hal­se nach dem ›Po­ny­rei­ter‹  aus­zu­schau­en, dem Eil­bo­ten, der mit der Brief­post in acht Ta­gen neun­zehn­hun­dert Mei­len weit über den Kon­ti­nent von St. Jo­seph bis nach Sa­kra­men­to da­hin­jag­te! Man stel­le sich die­se Leis­tung vor für Pferd und Rei­ter von Fleisch und Blut! Der Po­ny­rei­ter war meist ein leib­ar­mes Männ­chen, da­bei aber voll höchs­ter Kühn­heit und Aus­dau­er. Ei­ner­lei, zu wel­cher Ta­ges- oder Nacht­zeit sein Dienst an ihn her­an­trat, und ei­ner­lei, ob es Win­ter war oder Som­mer, ob es reg­ne­te, schnei­te oder ha­gel­te, ob sein ›Strich‹ ihn auf ebe­ner ge­ra­der Stra­ße . . . weiter lesen

Liebe auf den ersten Blick

Vor noch nicht allzulanger Zeit gehörte es zum guten Ton, den Glauben an die ›Liebe auf den ersten Blick‹ für eine Lächerlichkeit zu halten, doch alle Leute, die denken und tief empfinden können, sind stets von seiner Wahrheit überzeugt gewesen. Neue Entdeckungen auf dem Gebiet des - sagen wir - ethischen und ästhetischen Magnetismus machen es sehr wahrscheinlich, daß die natürlichsten und folglich die wahrsten und stärksten Empfindungen der Menschen plötzlich, wie durch eine elektrische Wirkung, im Herzen entstehen - mit einem Wort, daß die schönsten und dauerndsten Seelenbande durch einen Blick geknüpft werden. Das Bekenntnis, das ich hier ablegen will, wird die unzähligen Beweise für die Wahrheit dieser Behauptung . . . weiter lesen

Drei Sonntage in einer Woche

Du hartherziger, dickköpfiger, eigensinniger, schimmeliger, verknöcherter, muffiger, vertrockneter alter Filz! sagte ich eines Nachmittags in Gedanken zu meinem Großonkel und ballte ihm eine Faust – in der Tasche. Nur in der Tasche! Denn es existierte leider eine kleine Diskrepanz zwischen dem, was ich sagte, und dem, was ich den Mut hatte, ihm persönlich zu sagen – zwischen dem, was ich tat, und dem, was ich Lust hatte, zu tun. Als ich die Wohnzimmertür öffnete, saß das alte Meerschwein vor dem Kamin, die Füße auf dem warmen Roste, hielt einen Humpen mit Porter in der Pfote und machte wackere Anstrengungen, der Aufforderung des Liedchens Folge zu leisten: Remplis ton verre vide! Vide ton verre plain! »Mein lieber Onkel«, sagte ich, schloß die Tür so sanft wie möglich . . . weiter lesen