Du hast’s getan

Ich will jetzt den Ödipus des Rätsels spielen, das ganz Rattelburg so lange Zeit in Aufregung hielt. Ich will, ja, ich allein kann Ihnen die geheime Maschinerie erklären, die das Wunder zustande brachte - das einzig dastehende, das wahrhaftige, das eingestandene, das unbestrittene und unbestreitbare Wunder, das allem Unglauben unter den Rattelburgern ein für allemal ein Ende machte und alle Weltlichgesinnten und alle, die es gewagt hatten, skeptisch zu sein, zu der Strenggläubigkeit unserer Großmutter bekehrte. Das Ereignis, von dem ich um keinen Preis im Tone unschicklicher Leichtfertigkeit reden möchte, trug sich im Sommer des Jahres 18.. zu. Herr Barnabas Schüttelwert, einer der wohlhabendsten und angesehensten Bürger des Städtchens, wurde seit ein paar Tagen vermißt, und zwar . . . weiter lesen

Eine schreckliche Nacht

  Iwan Pe­tro­witsch Pa­ni­ch­idin er­blaß­te, schraub­te den Lam­pen­docht hin­un­ter und be­gann mit er­reg­ter Stim­me: »Dich­te Fins­ter­nis hielt die Er­de um­fan­gen, als ich in der Weih­nachts­nacht 1883 von mei­nem in­zwi­schen ver­stor­be­nen Freund heim­kehr­te, bei dem wir ei­ne spi­ri­tis­ti­sche Sit­zung ab­ge­hal­ten hat­ten. Al­le Gas­sen, durch die ich ging, wa­ren aus ir­gend­ei­nem Grun­de nicht be­leuch­tet, und ich muß­te mich bei­na­he vor­wärts­tas­ten. Ich wohn­te da­mals in Mos­kau, dicht ne­ben der Kir­che ›Ma­riä Him­mel­fahrt auf den Grä­bern‹, im Hau­se des Be­am­ten Tru­pow, al­so in ei­ner der ent­le­gens­ten Ge­gen­den des Ar­bat-Stadt­teils. Wäh­rend ich heim­ging, . . . weiter lesen

Waldwinkel

Über dem Dache des Rat­hau­ses, das zu­gleich die Woh­nung des städ­ti­schen Bür­ger­meis­ters bil­de­te, kreuz­ten die ers­ten Schwal­ben in der Früh­jahrs­son­ne; auf der Vor­stra­ße stan­den die "Bür­ger­meis­ters­bu­ben" und such­ten ver­ge­bens die Kö­ni­gin der Luft mit den Lehm­ku­geln ihres Pus­t­rohrs zu er­rei­chen. Drin­nen aber in sei­nem Ge­schäfts- und Ar­beits­zim­mer saß der Ge­stren­ge selbst, der außer dem ge­nann­ten Amte auch das eines Ge­richts­die­ners und Po­li­zei­meis­ters in sei­ner Per­son ver­ei­nig­te, ver­tieft in ein di­ckes Ak­ten­fas­zi­kel, nicht ach­tend des hei­te­ren Glan­zes, der durch die Fens­ter zu ihm her­ein­ström­te. Da wurde drau­ßen flüch­tig an die Tür ge­pocht, . . . weiter lesen

Drei Begegnungen

   Passa quei' colli e vieni al­le­gra­men­te, Non ti curar di tanta com­pa­gnia – Vieni, pen­san­do a me se­gre­ta­men­te – Ch'io t'ac­com­pa­gna per tutta la via. I. Vor Jah­ren jagte ich mit be­son­de­rer Vor­lie­be in der Nähe des Kirch­dor­fes Glin­no­je, das etwa zwan­zig Werst von mei­nem Gute ent­fernt liegt. Es ist wohl das beste Jagd­ge­biet im gan­zen Land­krei­se. Nach­dem ich alle Fel­der und Ge­bü­sche nach Wild ab­ge­sucht hatte, ging ich noch re­gel­mä­ßig gegen abend zum Moor­grun­de – es war der ein­zi­ge Moor­grund in der gan­zen Ge­gend – und begab mich erst von dort zu mei­nem gast­freund­li­chen Wirte, dem Dorf­schul­zen von Glin­no­je, bei dem ich in der Jagd­zeit immer Quar­tier . . . weiter lesen

Die Nase

Am 25. März ereignete sich in Petersburg eine ganz ungewöhnliche, seltsame Begebenheit. Der auf dem Himmelfahrtsprospekt wohnende Barbier Iwan Jakowlewitsch (der Familienname war ihm verlorengegangen, und sogar auf seinem Schilde, das einen Herrn mit einer eingeseiften Wange darstellte, war weiter nichts zu lesen als die Aufschrift: » ... und wird zur Ader gelassen«) – also, der Barbier Iwan Jakowlewitsch erwachte ziemlich früh und spürte den Duft frischgebackenen Brotes. Er richtete sich in seinem Bett ein wenig auf und sah, daß seine Frau, eine ziemlich ehrenwerte Dame, die sehr gern Kaffee trank, aus dem Ofen soeben ausgebackene Brote zog. »Heute, Praskowja Ossipowna, will ich keinen Kaffee«, sagte Iwan Jakowlewitsch; »statt dessen . . . weiter lesen

Ein schwaches Herz

  Unter dem gleichen Dache, in der gleichen Wohnung, im gleichen vierten Stock wohnten zwei junge Beamte und Kanzleikollegen: Arkadij Iwanowitsch Nefedewitsch und Wassja Schumkow ... Natürlich erachtet es der Autor für notwendig, dem Leser zu erklären, warum der eine Held mit seinem vollen Namen, der andere dagegen mit dem Diminutiv genannt wird; er müßte es schon aus dem einen Grunde tun, weil ihm sonst diese letztere Form als unanständig und plump vertraulich übelgenommen werden kann. Doch zu diesem Behufe müßte er zunächst den Rang, das Alter und den Beruf einer jeden der handelnden Personen angeben; da es aber allzuviel Schriftsteller gibt, die ihre Erzählungen mit derartigen Charakteristiken beginnen, hat sich der Autor der vorliegenden Novelle entschlossen, nur um den . . . weiter lesen

Christbaum und Hochzeit

Neulich sah ich eine Hochzeit ... doch nein! Ich will Ihnen lieber von einer Christbaumfeier erzählen. Die Hochzeit war schön; sie gefiel mir sehr, aber die andere Feier war noch schöner. Ich weiß nicht warum, doch als ich die Hochzeit sah, mußte ich an die Christbaumfeier denken. Diese sah ich aber bei folgender Gelegenheit. Vor genau fünf Jahren war ich am Sylvesterabend zu einem Kinderball eingeladen, Der Gastgeber war ein sehr bekannter Geschäftsmann mit viel Verbindungen, Bekanntschaften und Intrigen, so daß der Kinderball wohl mehr ein Vorwand für die Eltern war, zusammenzukommen, um auf eine scheinbar harmlose und zufällige Weise von andern, wichtigeren Dingen zu sprechen. Ich war in die Gesellschaft ganz zufällig hineingeraten, hatte keinerlei Beziehungen zu den interessanten . . . weiter lesen

Weiße Nächte

Die erste Nacht Es war eine wunderbare Nacht, eine von den Nächten, die wir nur erleben, solange wir jung sind, freundlicher Leser. Der Himmel war so sternenreich, so heiter, daß man sich bei seinem Anblick unwillkürlich fragen mußte: können denn unter einem solchen Himmel überhaupt irgendwelche böse oder mürrische Menschen leben? So fragt man nur, wenn man jung ist, freundlicher Leser, wenn man sehr jung ist; doch möge der Herr Ihnen solche Fragen öfter eingeben ... Da ich gerade von allerlei mürrischen und bösen Herrschaften spreche, muß ich an mein musterhaftes Betragen während des ganzen heutigen Tages denken. Schon vom frühen Morgen an quälte mich ein seltsames Unlustgefühl. Es war mir plötzlich, als ob ich, Einsamer, von allen verlassen sei und als ob sich alle von . . . weiter lesen

Liebe auf den ersten Blick

Vor noch nicht allzulanger Zeit gehörte es zum guten Ton, den Glauben an die ›Liebe auf den ersten Blick‹ für eine Lächerlichkeit zu halten, doch alle Leute, die denken und tief empfinden können, sind stets von seiner Wahrheit überzeugt gewesen. Neue Entdeckungen auf dem Gebiet des - sagen wir - ethischen und ästhetischen Magnetismus machen es sehr wahrscheinlich, daß die natürlichsten und folglich die wahrsten und stärksten Empfindungen der Menschen plötzlich, wie durch eine elektrische Wirkung, im Herzen entstehen - mit einem Wort, daß die schönsten und dauerndsten Seelenbande durch einen Blick geknüpft werden. Das Bekenntnis, das ich hier ablegen will, wird die unzähligen Beweise für die Wahrheit dieser Behauptung . . . weiter lesen

Die etruskische Vase

Auguste Saint-Clair war in der sogenannten großen Welt nicht gerade beliebt; hauptsächlich aus dem Grunde, weil er nur den Leuten zu gefallen suchte, die ihm selber gefielen. Er pflegte den Umgang mit den einen und hielt sich fern von den ändern. Im übrigen war er zerstreut und lässig. Eines Abends, als er aus dem Italienischen Theater kam, fragte ihn die Marquise A***, wie Mademoiselle Sontag gesungen habe. »Ja, gnädige Frau«, antwortete ihr Saint-Clair mit verbindlichem Lächeln und war mit seinen Gedanken bei ganz andern Dingen. Diese lächerliche Antwort war unmöglich als Schüchternheit auszulegen; denn er sprach mit einem großen Herrn, mit einem bedeutenden Manne und sogar mit einer Dame von Welt in genau der selbstsicheren Art, wie wenn er sich mit seinesgleichen unterhalten . . . weiter lesen