Die schwarze Katze*

Daß man den so unheimlichen und doch so natürlichen Geschehnissen, die ich jetzt berichten will, Glauben schenkt, erwarte ich nicht, verlange es auch nicht. Ich müßte wirklich wahnsinnig sein, wenn ich da Glauben verlangen wollte, wo ich selbst das Zeugnis meiner eigenen Sinne verwerfen möchte. Doch wahnsinnig bin ich nicht – und sicherlich träume ich auch nicht. Morgen aber muß ich sterben, und darum will ich heute meine Seele entlasten. Aller Welt will ich kurz und sachlich eine Reihe von rein häuslichen Begebenheiten enthüllen, deren Wirkungen mich entsetzt – gemartert – vernichtet haben. Ich will jedoch nicht versuchen, sie zu deuten. Mir brachten sie die fürchterlichste Qual – anderen werden sie vielleicht nicht mehr scheinen als groteske Zufälligkeiten. Es ist wohl . . . weiter lesen

Hopp-Frosch

Ich habe niemals jemand gekannt, der so sehr zu Scherz und Spaß aufgelegt war wie der König; es war geradezu sein Lebenselement. Eine lustige Geschichte gut erzählen – das war der sicherste Weg, sich bei ihm in Gunst zu setzen. So kam es, daß seine sieben Minister alle dafür bekannt waren, vollendete Spaßmacher zu sein. Sie glichen auch sonst dem König: sie waren nicht nur unvergleichliche Witzbolde, sondern auch große, korpulente, fette Männer. Ob die Leute vom Scherzen fett werden oder ob die Veranlagung zu Spaß und Scherz bei fetten Leuten besonders stark entwickelt ist, habe ich nie ganz genau feststellen können; Tatsache aber ist, daß ein magerer Spaßmacher ein seltener Vogel ist. Aus den Feinheiten oder, wie er sagte, dem »Geist« des Witzes machte der König sich . . . weiter lesen

Hans Pfaalls Mondfahrt

Nach jüngsten Berichten aus Rotterdam scheinen sich alle Philosophen der Stadt in höchster Aufregung zu befinden. Es haben sich dort in der Tat so unerwartete, so absolut neue Phänomene gezeigt – Phänomene, die so im Widerspruch mit den bis jetzt behaupteten Ansichten stehen, daß ich fürchte, ganz Europa wird nach nicht allzulanger Zeit in eine Art Aufruhr geraten, die ganze Physik wird sich empören, der gesunde Menschenverstand und die Astronomie werden sich in den Haaren liegen. Den Berichten nach hatte sich also im Monat ... am ... (ich erinnere mich des Datums nicht mit Bestimmtheit) auf dem großen Börsenplatze der bewußten Stadt Rotterdam zu einem nicht genauer erwähnten Zwecke eine große Volksmenge versammelt. Der Tag war warm – ungewöhnlich warm sogar für die Jahreszeit, . . . weiter lesen

Peter Bongbong

Daß Pe­ter Bong­bong ein Gast­wirt von ganz un­ge­wöhn­li­chen Ei­gen­schaf­ten war, wird nie­mand, der sei­ne klei­ne Pin­te zu Rou­en be­sucht hat, ab­strei­ten kön­nen. Daß Pe­ter Bong­bong aber auch in der Phi­lo­so­phie sei­ner Zeit be­wan­dert war, ist ei­ne noch un­leug­ba­re­re Tat­sa­che. Sei­ne pâtés à la fois wa­ren oh­ne Zwei­fel ta­del­los; doch wel­che Fe­der kann sei­nen Es­says sur la Na­tur – sei­nen Ge­dan­ken sur l'Ame – sei­nen Be­mer­kun­gen sur l'Es­prit ge­nü­gen­de Ge­rech­tig­keit wi­der­fah­ren las­sen? Wenn sei­ne Ome­lettes, sei­ne Fri­can­deaux schon un­be­zahl­bar wa­ren, wel­cher Li­te­ra­tur­be­flis­se­ne je­ner Zeit wür­de nicht für ei­ne Idee von Bong­bong dop­pelt . . . weiter lesen

Das Geheimnis von Marie Rogêts Tod

Als ich vor etwa Jahresfrist in meiner Erzählung: ›Der Doppelmord in der Rue Morgue‹, einige auffallende, merkwürdige Geisteszüge meines Freundes August Dupin zu schildern versuchte, hätte ich nicht gedacht, daß ich jemals wieder auf diesen Gegenstand zurückkommen würde. Ich wollte damals eine Charakterschilderung geben und erreichte meine Absicht vollkommen, da mir eine Reihe sehr seltsamer Begebenheiten Belege für Dupins Idiosynkrasie geliefert hatten. Ich hätte noch mehr Beispiele anführen und doch den Beweis nicht schlagender liefern können. Neuere Ereignisse haben mich aber durch ihre überraschende Entwicklung bestimmt, einige weitere Einzelheiten zu erwähnen, die vielleicht wie ein erzwungenes Geständnis aussehen . . . weiter lesen

Der Doppelmord in der Rue Morgue

Sie ist zwar etwas verblüffend, die Frage: welches Lied die Sirenen gesungen oder welchen Namen Achilles angenom­men, als er sich bei den Frauen verbarg, doch liegt ihre Beantwortung nicht außerhalb des Bereiches der Möglich­keit. (Sir Thomas Browne) Während meines Aufenthaltes in Paris im Frühling und Sommer des Jahres 18.. machte ich die Bekanntschaft eines Herrn August Dupin. Der junge Mann stammte aus einer guten, ja aristokratischen Familie, doch war er durch verschiedene widrige Ereignisse in solche Armut geraten, daß seine ganze Willenskraft in ihr unterging und er gar keine Anstrengungen mehr machte, sich wieder in glücklichere Verhältnisse heraufzuarbeiten. Seine Gläubiger ließen aus Anständigkeit einen kleinen Teil seines väterlichen Erbteils in seinen Händen, von . . . weiter lesen

Das System des Doktors Pech und des Professors Feder

Im Herbst des Jahres 18.. machte ich eine Reise durch die südlichen Provinzen Frankreichs. Mein Weg führte mich in die Nähe einer Privat-Irrenanstalt, von der mir meine medizinischen Freunde in Paris viel erzählt hatten. Da ich noch nie eine ähnliche Anstalt besucht, wollte ich die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen und schlug meinem Reisegefährten – einem Herrn, den ich ein paar Tage früher zufällig kennengelernt hatte – vor, den kleinen Abstecher mit mir zu machen und die Anstalt zu besichtigen. Er willigte jedoch nicht ein, schützte zuerst Eile vor, bekannte dann aber, daß ihm der Anblick eines Wahnsinnigen stets einen unangenehmen Schauder bereite. Doch bat er mich, mir um seinetwillen nur ja keinen Zwang aufzuerlegen . . . weiter lesen

Das Faß Amontillado

Die tausend Ungerechtigkeiten Fortunatos hatte ich, so gut es ging, ertragen, doch als er mich zu beleidigen wagte, da schwor ich Rache. Sie kennen mich und werden mir deshalb glauben, daß ich auch nicht eine einzige Drohung gegen ihn ausstieß. Eines schönen Tages würde ich mich schon rächen, das stand felsenfest; und meine Rache sollte so vollkommen sein, daß ich selbst nicht das mindeste dabei zu wagen hätte. Ich wollte nicht nur strafen, son­dern ungestraft strafen. Ein Unrecht ist nicht gesühnt, wenn den Rächer wiederum Strafe ereilt - der Beleidiger büßt nicht, wenn er den Rächer nicht kennt. Sie können sich denken, daß ich dem Fortunato mit keinem Worte, mit keiner Handlung Anlaß gegeben habe, an meinem Wohlwollen zu zweifeln. Ich lächelte ihm freundlich zu, wie immer, . . . weiter lesen

Du hast’s getan

Ich will jetzt den Ödipus des Rätsels spielen, das ganz Rattelburg so lange Zeit in Aufregung hielt. Ich will, ja, ich allein kann Ihnen die geheime Maschinerie erklären, die das Wunder zustande brachte - das einzig dastehende, das wahrhaftige, das eingestandene, das unbestrittene und unbestreitbare Wunder, das allem Unglauben unter den Rattelburgern ein für allemal ein Ende machte und alle Weltlichgesinnten und alle, die es gewagt hatten, skeptisch zu sein, zu der Strenggläubigkeit unserer Großmutter bekehrte. Das Ereignis, von dem ich um keinen Preis im Tone unschicklicher Leichtfertigkeit reden möchte, trug sich im Sommer des Jahres 18.. zu. Herr Barnabas Schüttelwert, einer der wohlhabendsten und angesehensten Bürger des Städtchens, wurde seit ein paar Tagen vermißt, und zwar . . . weiter lesen

Der entwendete Brief

Nil sapientiae odiosius acumine nimio (Seneca) Ich war im Jahre 18.. in Paris und erfreute mich an einem dunklen, stürmischen Herbstabend mit meinem Freunde August Dupin in dessen kleinem Bibliothek- oder Studierzimmer des doppelten Genusses einer Meerschaumpfeife und beschaulichen Nachdenkens. Seit wenigstens einer Stunde waren wir in tiefes Schweigen versunken, und jeder zufällige Beobachter hätte geglaubt, daß wir uns angelegentlichst und ausschließlich mit den Rauchwolken beschäftigten, die das ganze Zimmer einhüllten. Ich erwog jedoch in Gedanken noch einige Punkte der Unterredung, die ich zu Anfang des Abends mit meinem Freunde gehabt und welche sich auf die Begebenheiten in der Rue Morgue und auf den geheimnisvollen Mord der Marie Rogêt bezogen . . . weiter lesen

Liebe auf den ersten Blick

Vor noch nicht allzulanger Zeit gehörte es zum guten Ton, den Glauben an die ›Liebe auf den ersten Blick‹ für eine Lächerlichkeit zu halten, doch alle Leute, die denken und tief empfinden können, sind stets von seiner Wahrheit überzeugt gewesen. Neue Entdeckungen auf dem Gebiet des - sagen wir - ethischen und ästhetischen Magnetismus machen es sehr wahrscheinlich, daß die natürlichsten und folglich die wahrsten und stärksten Empfindungen der Menschen plötzlich, wie durch eine elektrische Wirkung, im Herzen entstehen - mit einem Wort, daß die schönsten und dauerndsten Seelenbande durch einen Blick geknüpft werden. Das Bekenntnis, das ich hier ablegen will, wird die unzähligen Beweise für die Wahrheit dieser Behauptung . . . weiter lesen

Drei Sonntage in einer Woche

Du hartherziger, dickköpfiger, eigensinniger, schimmeliger, verknöcherter, muffiger, vertrockneter alter Filz! sagte ich eines Nachmittags in Gedanken zu meinem Großonkel und ballte ihm eine Faust – in der Tasche. Nur in der Tasche! Denn es existierte leider eine kleine Diskrepanz zwischen dem, was ich sagte, und dem, was ich den Mut hatte, ihm persönlich zu sagen – zwischen dem, was ich tat, und dem, was ich Lust hatte, zu tun. Als ich die Wohnzimmertür öffnete, saß das alte Meerschwein vor dem Kamin, die Füße auf dem warmen Roste, hielt einen Humpen mit Porter in der Pfote und machte wackere Anstrengungen, der Aufforderung des Liedchens Folge zu leisten: Remplis ton verre vide! Vide ton verre plain! »Mein lieber Onkel«, sagte ich, schloß die Tür so sanft wie möglich . . . weiter lesen