Köpfe – Holstein

Großbeerenstraße 40, Dicht am Kreuzberg. Kleinbürgerhäuser, Kleinbürgerläden. Fünf Minuten davon, schon in der Yorkstraße, poltert, kreischt, protzt das neue Berlin im Stuckpomp. Hier, zwischen der Hagelberger- und der Kreuzbergstraße, ists still. Altberlin. Kein Bierpalazzo, kein Prunkladen. Enge Kutscherkneipen; der Bäckermeister, der für drei, vier Gäste Sitzgelegenheit bietet, Napfkuchen, Windbeutel, Sahnenbaisers bereit hält, auch, wenns verlangt wird, Kaffee kochen läßt, nennt sich nur schüchtern Konditor. Sogar Grünkramkeller giebts da noch, vor denen, auf dem Pflaster, Kartoffeln, Kohl, Mohrrüben, Äpfel stehen. Die Strähne der Telephondrähte ist dünn und das Surren des Straßenbahndrahtes dringt nur sacht in die graue Stille; wird im Sommer vom Rauschen des Wasserfalles . . . weiter lesen

Landhaus Energie

Aus. Lebenslinien 3.Teil, 3.Kap. Die eigene Scholle. Das Bedürfnis, auf eigenem Grund und Boden zu sitzen, war väterliches Erbgut. Es ist seinerzeit erzählt worden (I, 5), daß mein Vater seine ersten Ersparnisse dazu verwendet hat, sich ein eigenes Häuschen zu erwerben. Auch nach dem unverschuldeten wirtschaftlichen Zusammenbruch, aus dem er sich so tapfer wieder emporgearbeitet hatte, setzte er einen erheblichen Teil seines neu erworbenen Vermögens in Landbesitz um, auf dem er zufrieden starb. Die nomadische Daseinsform des Deutschen Professors ist ein großes Hindernis für die Betätigung solcher Neigung zur Bodenständigkeit. Gilt doch in diesem Kreise der Aberglaube, daß der Erwerb eines eigenen Hauses ein nahezu sicheres Mittel sei, . . . weiter lesen

Der Austauschprofessor

Aus: Lebenslinien, 3.Teil, 2.Kap. Der Gedanke des Professorenaustausches. In seinen vielfältigen und nicht immer glücklichen Bemühungen, ein möglichst nahes Verhältnis zwischen Deutschland und Amerika herzustellen, war Kaiser Wilhelm II. aufmerksam gemacht worden, daß von den verschiedenen Arten des Verkehrs beider Völker der wissenschaftliche besonders stark entwickelt war. Allerdings vorherrschend in der Gestalt, daß die begabteren jungen Amerikaner zur Erlangung der höchsten wissenschaftlichen Weihen eine Deutsche Universität aufsuchten, um sich dort den Doktorgrad zu erwerben. Dies ging so weit, daß die Amerikanischen Universitäten Protest gegen die dort verbreitete Meinung erhoben, eine wissenschaftliche Laufbahn sei nicht möglich, . . . weiter lesen

Joachim Nettelbeck

Aus: Jakob Wassermann - Deutsche Charaktere Als Sohn eines Brauers und Branntweinbrenners wurde Joachim Nettelbeck am 20. September 1738 zu Kolberg geboren. Seine Mutter war aus dem Geschlecht des Schiffers Blanken; seines Vaters Bruder war ebenfalls Schiffer. Seine größte Kinderfreude bestand darin, auf Schiffen herumzuspringen, und sobald er lallen konnte, war sein Sinn auf die Schifferei gestellt. Sein Hang war so groß, daß er aus jedem Span, aus jedem Stück Baumrinde, das ihm in die Hände fiel, kleine Schiffe schnitzelte, sie mit Segeln von Federn oder Papier ausrüstete und damit auf Rinnsteinen und Teichen oder auf der Persante hantierte. Kein größeres Vergnügen gab es für ihn, als wenn seines Onkels Schiff im Hafen lag; da hatte er zu Hause keine Ruhe und bat immerfort, man . . . weiter lesen

Napoleon Bonaparte

Ich habe den General Bonaparte zum erstenmal in meinem Leben zwei Tage nach seinem Übergang über den Sankt Bernhard gesehen, am Fort Bard, am 21. Mai 1800, also [heute 1837] vor 37 Jahren. Vierzehn Tage nach Marengo hatte ich ihm in seiner Loge in der Scala, Mailands großem Theater, einen Bericht zu überbringen. Ich war Augenzeuge beim Einzuge Napoleons 1806 in Berlin, ich war 1812 in Moskau, 1813 in Schlesien. Zu allen diesen Zeiten habe ich den Kaiser aus allernächster Nähe gesehen. Persönlich gesprochen habe ich dreimal mit ihm. Zum ersten Male richtete der große Mann das Wort an mich bei einer Truppenschau im Kreml. Ich bin von ihm durch ein langes Gespräch geehrt worden in Schlesien während des Feldzugs von 1813. Schließlich gab er mir im Dezember 1813 mit kräftiger Stimme . . . weiter lesen