Cartouche

Louis Dominique Cartouche wurde 1693 zu Paris als der Sohn eines ehrenwerten Bürgers geboren, der sich als Faßbinder recht und schlecht ernährte. Weil der Knabe schon früh viel Geist und Fassungskraft verriet und zudem bildschön und anmutig war, ließ sich der Vater verleiten, ihm eine Erziehung zu geben, die über seinen eigenen Stand weit hinausging.

Er wurde von seinem Vater in das Jesuitenkolleg Clermont – später das Collége royal Louis le Gran in der Rue St. Jacque – gebracht, in dem sehr viel junge Leute aus den ersten Familien des Landes erzogen wurden. Diese Kameraden erhielten reiche Taschengelder zu ihren Vergnügungen, sie trugen glänzende Kleider, die sie oft wechselten. Cartouche aber hatte kein Taschengeld und mußte dürftige, abgelegte Stücke aus der väterlichen Wirtschaft tragen. Bei den Spaziergängen kauften seine Kameraden Näschereien; er mußte zusehen oder warten, bis sie ihm aus Freundlichkeit etwas davon abgaben. Der Reiz, sich die gleichen Genüsse zu verschaffen, ward zu mächtig in ihm, und er begann seine ersten Diebstähle bei den Obsthökerinnen, immer mit Glück und Geschick.

Aber diese kleinen Erfolge konnten ihm bald nicht mehr genügen. Seine Begehrlichkeit wuchs immer mehr, und ein Zufall kam ihm zu gelegener Zeit zu Hilfe.

Cartouches Lieblichkeit und kindliche Anmut hatten ihm die Freundschaft eines jungen Marquis erworben, der mit ihm in derselben Klasse saß. Er wurde von ihm und dem Gouverneur, der ihn – neben einem Kammerdiener – in das Kollegium begleitet hatte, stets gern gesehen und hatte zu allen Zeiten freien Zutritt in das Zimmer seines vornehmen Freundes. So war er auch dabei gewesen, wie dieser hundert Taler, die ihm eben von Hause geschickt worden waren, in eine Kassette getan hatte, die dann auf einen Schrank gestellt worden war.

Nun mußte man durch die Stube des Kammerdieners, um in die des Marquis zu gelangen; nur die Tür zu der letzteren war in der Regel verschlossen. Eines Morgens, als der Kammerdiener und der Gouverneur ausgegangen waren und beide Freunde in der Klasse nebeneinander saßen, gelang es Cartouche, dem Marquis den Zimmerschlüssel aus der Tasche zu ziehen, ohne daß dieser es bemerkte. Unter irgendeinem Vorwande erhielt der Dieb die Erlaubnis, aus der Klasse zu gehen, und eilte nun, sein Vorhaben auszuführen.

Cartouche gelangte ohne Schwierigkeit in das Zimmer, aber der große altmodische Schrank, auf den die Kassette gestellt worden war, war hoch, er bedurfte einer Leiter, um hinaufzusteigen, aber diese Leiter war nicht vorhanden. Er mußte also mehrere Stühle zusammenstellen und gelangte auf diese Weise bis zu einer Höhe, von der aus er an die Kassette gelangen konnte. Zum Erbrechen der Kassette hatte er sich mit einem Eisen aus der Werkstätte seines Vaters bewaffnet; der Deckel der Kassette sprang auch wirklich schon auf: als er plötzlich rasche Tritte hörte. Schnell stieß er mit dem Fuß die Stühle unter sich fort und schwang sich auf den Schrank hinauf, der geräumig genug war, um ihn zu verstecken. Inzwischen  wurde die Tür zur Kammer des Dieners aufgemacht, dann die, die nach dem Zimmer führte, und schon trat der Gouverneur in das Zimmer. Er fand in der Unordnung nichts Außerordentliches, glaubte, die Stühle wären in einer Balgerei zwischen seinem Zöglinge und dessen Freund umgeworfen worden, stellte sie wieder in Ordnung und – blieb im Zimmer. Bald darauf kehrte auch der Kammerdiener zurück. Ein heftiges Kopfweh hatte ihn befallen, er war deshalb früher zurückgekehrt, sprach darüber mit dem Gouverneur und – legte sich zu Bett.

Cartouches Lage wurde immer peinlicher. Nun war auch der junge Marquis aus der Klasse zurückgekehrt und fragte alle Welt nach seinem Freunde, der unbegreiflicherweise nicht in die Klasse zurückgekehrt war. Er fand in seinem Zimmer den Kammerdiener und den Gouverneur, aber auch diese wußten nichts von ihm. Schon bei seiner Rückkehr hatte der Gouverneur den Stubenschlüssel von dem Marquis gefordert, aber dieser hatte ihn in seiner Tasche nicht gefunden: wahrscheinlich hatte er ihn in der Klasse zurückgelassen. Beim Hinaufkommen hatte der Gouverneur den Schlüssel jedoch in der offenen Tür stecken gefunden, aber auch das hatte ihm noch keinen Grund zum Argwohn gegeben: er hatte angenommen, daß ihn der Marquis beim Hinuntergehen vergessen hatte. Inzwischen wurde es Mittag, und der Gouverneur und sein Zögling gingen zum Mittagstisch hinab. Auch Cartouche oben empfand neben der Angst einen empfindlichen Hunger; aber er konnte nicht hinunter, der Kammerdiener war ja in der Stube nebenan, und der Sprung vom Schranke hätte ein Geräusch verursacht; ebensowenig konnte er es wagen, diesen Mann zu seinem Vertrauten zu machen.

So verstrich der Tag und die folgende Nacht. Endlich erschien der Morgen. Der Gouverneur stand auf, auch der  junge Marquis, aber der Kammerdiener stand nicht auf. Niemand kam es in den Sinn, den Schrank zu untersuchen, aber Cartouche zitterte doch wie Espenlaub. Da tönte die Glocke zum Frühstück, dann wieder zum Mittagessen, und Cartouche starb fast vor Hunger. Endlich entschloß sich auch der Kammerdiener aufzustehen, um draußen frische Luft zu schöpfen.

Jetzt endlich war der Dieb gerettet, aber ehe er den Sprung tat, wollte er sich für seine Leiden entschädigen: er leerte die Kassette und füllte sich die Taschen, wagte dann den Sprung, der ihn bei seiner Schwäche heftig erschütterte, ihm aber doch nicht die Besinnung raubte. Als er eben zur Tür hinaus wollte, kamen ihm der Marquis und sein Gouverneur entgegen. Das erste stumme Erstaunen der drei wurde bald durch Cartouches beredte Worte unterbrochen. Er hatte in seinem Verstecke Zeit gehabt, ein einigermaßen wahrscheinlich klingendes Märchen zu ersinnen, das er jetzt mit Zuversicht vorbrachte. Einige Tränen gaben den Worten noch mehr Eindruck vor diesen Zeugen, die in solcher Art Abenteuern nicht die geringste Erfahrung hatten. Aber der Kollegialdirektor war erfahrener in solchen Dingen, ihm durfte er eine solche Fabel nicht aufbinden, außerdem vernahm er, daß der Direktor geschworen habe, es dem Flüchtlinge entgelten zu lassen. Daher wurde er von seinen Freunden überredet, auf einige Tage zu verschwinden und zu seinem Vater zurückzukehren, während sie indessen versuchen wollten, für ihn einen erträglichen Frieden mit dem Direktor abzuschließen.

Unter vielem Dank und tausend Tränen umarmt er seine Wohltäter, er ist untröstlich, sie zu verlassen, gelobt hoch und teuer, sie wiederzusehen, und stiehlt sich dann mit dem festen Entschluß fort, nie wieder einen Fuß in das Kolleg zu setzen. Mit hundert Kronentalern schleicht er  um die Ecke und dünkt sich im Besitz der Minen von Potosi.

Dies war Cartouches erste Tat: an Kühnheit, Ausdauer, Selbstüberwindung und Schlauheit ein Omen seiner künftigen Unternehmungen.

Cartouche wagte es wirklich, zu seinem Vater zurückzukehren. Auch dieser ließ sich ebenso leicht wie der Gouverneur und der Marquis durch ein neues Märchen betören. Still in der engen väterlichen Wirtschaft zu leben machte ihm aber kein Vergnügen: er schweifte in der Stadt umher, um sich zu zerstreuen. Da kam der Diebstahl heraus, der ehrliche Vater wütete, ein gutmütiger Bruder unternahm es, Cartouche vor der Rückkehr zu warnen.

Der Knabe hielt Paris nicht mehr für sicher, er lief zum Tor hinaus und streifte über Feld, wohin der Zufall ihn trieb. Die Angst der Einsamkeit und des nächtlichen Dunkels überkam ihn, der Dieb fürchtete sich vor Dieben, und als er vor Müdigkeit nicht weiterkonnte, verbarg er sich in einem Gebüsch und schlief ein.

Nach einer Viertelstunde aber wurde es lebendig um ihn, er sah sich beim Mondenschein von wunderlichen Gestalten umgeben, wie er sie noch nie gesehen hatte, er hörte eine Sprache, von der er kein Wort verstand. Es war eine Zigeunerhorde, die den jungen Menschen bald entdeckte und unter allerlei Scherzen in ihren Kreis zog. Er mußte an ihrem Mahl teilnehmen, er schlief in ihrer Mitte und – fand am Morgen, daß seine Taschen geleert waren: die heitere Gesellschaft war aber noch da. Sie machten kein Hehl daraus, daß er die Hoffnung, etwas wiederzubekommen, aufgeben müsse; sie stellten es ihm aber frei, sich ihnen und ihrem lustigen Leben anzuschließen. Cartouche, der ohnedies nicht wußte, wohin er sich wenden sollte, schwankte keinen Augenblick, das Anerbieten anzunehmen,  er zog mit den Zigeunern, und was er aus Instinkt gelernt hatte, vervollkommnete sich in ihrem Unterricht und durch ihre Praxis. So wohl gefiel ihm das freie Leben, daß der große Cartouche wahrscheinlich als kleiner Zigeunerkönig geendet hätte, wenn es das Schicksal nicht anders gewollt hätte.

Die Polizei sprengte die Bande, als sie die Normandie ausbeutete. Cartouche blieb allein in Rouen zurück und war schon drauf und dran, Seedienste zu nehmen, als ihn ein zufällig anwesender Oheim erkannte, ihn aufgriff, ihm Verzeihung von den Eltern zusicherte und ihn dann nach Paris zurückführte.

Der Vater schien aber zuerst unerbittlich, und der Oheim mußte Cartouche eine Weile in seinem Hause versteckt halten. Eine schwere Krankheit, die jetzt über ihn kam, stimmte den Vater versöhnlicher, er nahm den verlorenen Sohn wieder in sein Haus, und Dominique schien tatsächlich ein anderer werden zu wollen, er zeigte sich ordentlich, fleißig und gehorsam in allen Stücken.

Das währte indes nicht lange. Der junge Herumtreiber fiel in die Netze einer anmutigen Näherin, die ihre Reize zu den höchsten Preisen verkaufte. Er war so verliebt, daß er, um ihre Gunst zu gewinnen, wieder zum Diebstahl greifen mußte; jetzt bestahl er seinen Vater. Aber er wollte das Mädchen allein besitzen, und dazu reichte auch die Kasse des Vaters nicht aus; jedoch das Glück wollte ihm auch jetzt wieder wohl, und er konnte bald ihre und seine Wünsche in vollstem Maße befriedigen.

Seine Ausflucht, daß er die Mittel zu diesem Aufwände durch Glück im Spiel gewonnen habe, konnte das Mißtrauen seines Vaters nicht beschwichtigen. In Dominiques Kasten fand er die deutlichsten Veweise dafür, wie sein Sohn zu seinen Reichtümern kam. Aber er schwieg und  wollte sich seiner auf sichere Art entledigen. Um ihn in dem Erziehungshause von Saint Lazare unterzubringen, nahm er einen Wagen und forderte Dominique auf, mit ihm zu fahren, er wolle fünfhundert Tonnen in Saint Lazare kaufen. Dominique aber witterte Verrat, als er auf dem Wege dahin mehrere der sogenannten königlichen Bogenschützen zu beiden Seiten des Wagens hergehen sah. Jedoch auch er schwieg und ließ sich keine Unruhe merken, als der Wagen anhielt und der Vater ihn zu warten befahl, bis er zurückkehre; er wolle nämlich um Erlaubnis bitten, seinem Sohne den Garten zu zeigen. Als Dominique allein war, warf er in aller Schnelligkeit Hut, Perücke und Stock ab, knüpfte ein weißes Taschentuch wie eine Mütze um den Kopf, erspähte einen Augenblick, in dem die Schützen sich abwandten, glitt dann ohne Geräusch aus der Kutsche auf der Seite nach dem Gebäude zu, wo man es am wenigsten erwartete, und ging dann dreist durch die Soldaten fort, die ihn für einen Pastetenbäckerjungen ansahen. Er bog um die nächste Ecke und eilte im Fluge in das Haus seines Vaters, weil er annahm, daß man ihn dort zuletzt suchen werde. Schnell machte er in seinem Zimmer Toilette, steckte alles Wertvolle zu sich und entfernte sich, um niemals nach Hause zurückzukehren.

Jetzt hatte er erkannt, welch ein weites Feld Paris für ihn darböte, und war keineswegs gewillt, es um einer solchen Kleinigkeit wie das erstemal zu verlassen. Er legte ein anderes Kostüm an, färbte und entstellte sein Gesicht, so gut es ging, nahm einen fremden Namen an und überließ sich seinem Glück, das ihn auch nicht verließ.

Eines Tages hatte er in der Jesuitenkirche einen überaus geschickten Fang gemacht, als er sich von jemand beobachtet sah. Der junge Mann, der ihn ins Auge gefaßt hatte, machte ihm mit sehr pfiffigen Augen und lächelnden  Mienen Zeichen des Einverständnisses, und in traulichem Zwiegespräch an einem sicheren Ort außerhalb der Kirche wurde alsdann Cartouche von dem andern mit Lobsprüchen über seine Geschicklichkeit überhäuft. Der Fremde bot Cartouche seine Freundschaft und sein Vertrauen an, führte ihn in seine Wohnung zu einer wohlbesetzten Tafel, an der zwei hübsche junge Mädchen die Honneurs machten, und zeigte sich nicht wenig erstaunt, von ihm zu hören, daß er sein Geschäft auf eigene Hand und ohne Verbindung mit einem der großen Gauner von Paris betreibe. Der neue Freund widerriet ihm ernstlich, weiter wie bisher so in den Tag hineinzuleben, wenn es gleich für den Augenblick angenehm und vorteilhaft erscheine, lasse es sich doch für die Dauer nicht ohne Schaden durchführen: gegenseitige Hilfe vermindere zwar scheinbar den Vorteil, aber auch die Gefahr. Er trug sich ihm zum Gesellschafter an und versprach ihm eine der Schönen zur Interimsfrau. Cartouche ging darauf ein, und die Sache wurde im Augenblick zum Abschluß gebracht.

Sechs Monate lang ging das kleine Geschäft vortrefflich, als die Sozii auf handhafter Tat ergriffen wurden. Der Freund kam auf die Galeeren, die Damen ins Hospital, Cartouche gelang es zu entspringen.

Ihm schien es unter diesen Umständen nicht ratsam, sein Geschäft fortzusetzen, er griff lieber zum Spiel und ließ sich in die sogenannten Akademien einführen, wo man einen so geschickten jungen Mann mit dem anmutigen Äußeren bald mit offenen Armen empfing. Sein Glück überstieg alle Erwartungen. Das Gold rollte nur so in seine Kassen, und bald konnte er sich seinen eigenen Spielsaal gründen. Der Luxus regierte darin, und zwei Lakaien mit Goldtressen folgten ihm. Unglücklicherweise bestahl aber einer dieser Diener seinen Herrn, und dieser gab  dummerweise den Dieb bei Gericht an. Der Lakai denunzierte dafür seinen Herrn, die von ihm Geplünderten taten das ihrige als Zeugen, und wenngleich die Anzeigen gegen ihn auch nicht von solchem Gewicht waren, um ihn in Haft zu bringen, so war es doch um seinen Ruf geschehen. Die Türen seiner vornehmen Spielfreunde schlossen sich vor ihm, er mußte sein eigenes Haus schließen und alle seine Juwelen, und was er sonst Überflüssiges besaß, verkaufen und trat in ein Werbergeschäft ein.

Da diese Beschäftigung für einen Geist wie den seinen nicht ausreichte, erbot er sich dem Generalpolizeileutnant von Paris, d’Argenson, gegenüber, ihm alle Diebe der Hauptstadt bekanntzumachen. Für diese Tätigkeit erhielt er täglich einen Kronentaler. Doch genügten ihm beide Geschäfte, die er nun nebeneinander betrieb, noch immer nicht, und er sehnte sich nach dem früheren gefährlicheren, aber ungleich lustigeren Leben zurück. Ein Zufall führte ihn aus allen diesen Kreisen in einen ganz anderen.

Er hatte sich einem Sergeanten gegenüber, der damals in Paris seine Werbungen vornahm, verpflichtet, ihm für eine bestimmte Summe fünf Rekruten zu stellen. Allein trotz aller Rührigkeit konnte er bis zu dem Augenblick, in dem der Sergeant Paris verlassen mußte, nur vier auftreiben. Der Unteroffizier schien auch damit zufrieden, sagte kein Wort und bat ihn nur, ihm seine Rekruten bis la Villette führen zu helfen, wo er ihm sein Werbegeld auszahlen wolle. Cartouche war damit einverstanden, da er schon früher manchmal die Werber in die Provinz begleitet hatte. Als man in Villette angekommen war, wurde ein reichliches Frühstück eingenommen, aber auch jetzt noch trennte sich der Sergeant so ungern von seinem bewährten Freunde, daß er ihm vorschlug, ihn der Sicherheit der Rekruten wegen auch noch bis Meaux zu begleiten. Cartouche  hatte nichts dagegen. Sie kamen in Meaux an, wo einige Flaschen Likör beim fröhlichsten Abendessen geleert wurden, bis Cartouche sich schweren Kopfes und desto leichteren Sinnes zu Bett legte. Als er aber am nächsten Morgen aufspringen will, um nach Paris zurückzufahren, merkt er, daß seine Hände zusammengebunden sind. An seinem Bett stehen, das Gewehr im Arm, die vier von ihm geworbenen Rekruten. Der Unteroffizier erklärt ihm, daß er ihn als den fünften Rekruten, den er zu stellen sich erboten habe, annehme. Er ist arretiert, denn er hat auf die Gesundheit des Königs getrunken, und alles Fluchen, Schwören und Toben hilft dem überlisteten Gauner nichts: er hat es mit der rohen Gewalt zu tun, ist Soldat und muß in den Krieg nach Flandern marschieren.

Sie kamen zum Regimente. Cartouche war nichts weniger als eine Heldengestalt, aber der wohlgebildetste unter allen Rekruten, und da er stets bereitwilligst gehorchte, wurde er bald der Liebling seines Kapitäns. So dienstbereit und aufmerksam hatte sich noch selten ein neu Geworbener gezeigt, und seine Vorgesetzten versprachen ihm bald eine Beförderung. Auch im Kriege selbst täuschte Cartouche das Vertrauen der Offiziere nicht; er war tapfer und willig und zeichnete sich bei mehreren Gelegenheiten durch Mut und Umsicht aus. So wurde er wirklich befördert, und wenn der Krieg fortgedauert hätte, hätte der Gauner bei seinen Anlagen möglicherweise einen glänzenden Aufstieg machen oder auf dem Felde der Ehre einen ruhmvollen Heldentod sterben können. Unglücklicherweise aber wurde wieder Frieden geschlossen, er bekam seine Entlassung und war nun gezwungen, seine früheren dunklen Geschäfte wieder aufzunehmen.

Jeder beendete Krieg, und zumal in älterer Zeit, spie über das Land eine Masse Herumtreiber aus, die jeden  Sinn für angestrengte Tätigkeit und wahren Erwerbfleiß verloren und dafür Diebstahl und Raub und alle anderen lichtscheuen Beschäftigungen wortwörtlich von der Pike auf gelernt hatten. Ein kühner und schlauer Führer fand bei ihnen sofort Anhang. Cartouche, der im Felde seine Leute kennengelernt hatte, wollte nicht als ein kleiner Taschendieb, sondern als ein Unternehmer größten Stils nach Paris zurückkehren. Mit einem Schwarm abenteuerlustigen Gesindels, der von Tag zu Tag wuchs, konnte er große Unternehmungen wagen, vorausgesetzt, daß Ordnung in der Bande herrschte und sie sich von einem zielbewußten Willen leiten ließ.

Zunächst wurde eine Art von Generalversammlung an einen einsamen Ort in der Nähe der Stadt berufen, zu der sich gegen zweihundert Mitglieder einfanden, Cartouche redete sie an und wurde daraufhin von ihnen einstimmig zum Oberhauptmann erwählt, worauf er sie zu einer neuen Versammlung an einem der nächsten Tage beschied, in der er ihnen die Gesetze mitteilen wollte, auf die sie sich verpflichten sollten. Der Zufall wollte es, daß ein Bettler, der in einem Graben gelegen hatte, die Szene beim Mondenschein mit angesehen hatte, ohne der Entfernung wegen gehört zu haben, was gesprochen worden war. Als die Versammlung auseinandergegangen war, hatte er die Kühnheit, auf Cartouche zuzugehen und ihn als den großen General um ein Almosen anzuflehen. Cartouche zuckte einen Augenblick zusammen und war sich unschlüssig, ob er in ihm einen Verräter zu fürchten hätte oder die Gratulation als ein gutes Omen betrachten sollte. Er wählte das letztere und beschenkte den Vagabunden reichlich: übrigens einer der wenigen Züge, die ihn über die Gemeinheit eines Strauchdiebes erheben.

Bei der zweiten Versammlung wurde die von ihm entworfene  Verfassung verlesen und angenommen. Der Hauptmann hatte nach ihr das Recht über Tod und Leben eines jeden von der Bande, er brauchte niemand Rechenschaft über Strafen und Belohnungen, die er vornahm, abzulegen; jeder einzelne war eidlich verpflichtet, dem andern, auch auf Gefahr seines Lebens, beizuspringen, wenn der andere sich in Not befinden sollte, und den Offizieren, die der Oberhauptmann ernennen würde, mußte unbedingter Gehorsam geleistet werden – eine Verfassung also, die deutlich erkennen läßt, daß sie zur Zeit des Absolutismus abgefaßt war.

Sie bewährte sich zum Schrecken von Paris in außerordentlicher Weise. Man hörte bald in der Hauptstadt von nichts als Diebstählen, Einbrüchen und Mordtaten sprechen; die frechsten Streiche fanden an den Kais und auf den Seinebrücken statt, von denen herab die Beraubten in den Fluß geworfen wurden. Kein noch so kunstreiches Schloß war mehr fest genug, und mit Strickleitern stieg man selbst bis in die oberen Stockwerke der Häuser. Die geschicktesten von Cartouches Leuten wurden in den Kirchen zum Taschen- und Juwelendiebstahl verwendet. Während die reiche Dame neben einem überbigotten Andächtigen zu knien vermeinte, der seine gefalteten Hände ganze Viertelstunden lang nicht zurückzog und nicht einmal bewegte, weil sie nämlich von Holz oder von Wachs – mit Handschuhen darüber – waren, griffen die wirklichen Hände in die Taschen der Nachbarn oder lösten Ketten und Geschmeide von Hals oder Armen. Kein Ort, an dem viele zusammen waren, war sicher, und der Schrecken darüber teilte sich bald der ganzen Stadt mit.

Die Ausbeute entsprach dennoch nicht den Erwartungen der Bande. Von dem Gewinn ging zu viel ab für die  Spione, besonders für diejenigen, die man unter den Polizeisoldaten selbst gewonnen und geworben hatte, für die Künstler und Handwerker, die den gestohlenen Sachen in aller Eile eine andere Gestalt geben mußten, für die Hehler, deren mehrere sie fast in jeder Straße hatten, für die gefälligen Frauen, welche die Fremden anlockten und ihnen verrieten, und endlich für die Unterhaltung der Truppe selbst, die täglich eine beträchtliche Summe verschlang; denn jeder scheint außer den Beuteanteilen Tagegelder erhalten zu haben. So war es einfach ein Gebot der Notwendigkeit, daß man sich nach neuen außerordentlichen Mitteln umzusehen begann.

Eben war Law aufgetreten mit seinen Banknoten. Er hatte in der Rue Quincampoir sein Bankbureau aufgeschlagen, und die Reichen aus Paris und ganz Frankreich stürzten dahin, um für ihr Silber Papiernoten einzutauschen. Cartouche hegte gar keinen Zweifel an dem Wert dieser Banknoten, sondern bestrebte sich vielmehr, so viele, als möglich war, an sich zu bringen, woran er von seinem Standpunkte aus ganz richtig handelte, da er sie nicht im Kasten liegen ließ, sondern schon am nächsten Tage wieder ausgab. Er umstellte also alle Zugänge zur Straße Quincampoix mit seinen Helfern und ließ alle Leute, die aus dem Bankhause kamen, durch die Straßen verfolgen. Viele von ihnen wurden dann an unbelebten Stellen oder sonstwo überfallen, durch Schläge mit bleigefüllten Stöcken betäubt oder mit Pechpflastern geblendet und betäubt und ihrer Banknoten beraubt.

Schon waren auch die Landstraßen in der Nähe von Paris nicht mehr sicher. Die Einbrüche in die Schlösser des Adels und die Überfälle auf die Postwagen mehrten sich, bei denen gewöhnlich zuerst die Postillone durch einen Pistolenschuß niedergestreckt wurden und häufig auch die  Reisenden, die sich zu verteidigen wagten, ihr Leben lassen mußten.

Einmal kam es Cartouche in den Sinn, einen solchen Überfall in etwas ritterlicherer Art durchzuführen. Nur mit einem seiner Offiziere sprengte er an die Postkutsche heran, schoß den Postillon nicht nieder und beleidigte keinen von der Gesellschaft: seine Drohung, vielleicht schon seine Bitte genügte, daß man ihm die ganze Barschaft und alle Kostbarkeiten ohne Widerstand aushändigte. Aber die Beute war so bedeutend, daß es Cartouche schon bald bereute, sie mit seinem Leutnant teilen zu müssen, und er jagte ihm kurzerhand eine Kugel durch den Kopf, so daß das Blut, das bei dem Überfall selbst gespart worden war, nachträglich doch noch vergossen werden sollte.

Der Schrecken und die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der scheinbar allzu nachsichtigen Behörde waren zu groß, als daß die Polizei nicht endlich alle Mittel hätte anwenden müssen, um der Bande auf die Spur zu kommen. Was den Schrecken aber noch vermehrte, war die völlige Ungewißheit über ihre Größe, ihren Zusammenhang, ihre Anführer; wenn man wirklich einmal einen auf frischer Tat ertappte und gefangennahm, so setzte er der Polizei und dem Richter ein beharrliches Leugnen über seine Genossen entgegen.

So wurde einst ein Jude namens Joseph Lami, der einen anderen Juden erstochen und seine Frau zum Weibe genommen hatte, ein Stolz der Bande, mit mehreren anderen auf handhafter Tat ergriffen, aber weder die Qualen der Folter noch der Anblick des Rades nach ihrer Verurteilung konnte ihnen ein Geständnis erpressen: sie starben schweigend, weil sie geschworen hatten, ihren Hauptmann nie mit Namen zu nennen. Um die Bande endlich in die Enge zu treiben, verdoppelte man  nunmehr die Posten der Geheimen Polizei, bezahlte die Soldaten mit dreißig Sous den Tag, setzte Belohnungen aus, verordnete, daß alle Herumstreicher, die keine bestimmte Beschäftigung nachweisen konnten, Paris zu verlassen hätten, verbot den Waffenschmieden und Händlern, Waffen zu verkaufen ohne schriftlichen Befehl des Prévot der Kaufleute, legte auf alle Waffen bei den Trödlern Beschlag: alles vergeblich.

Endlich fand sich ein Mitglied der Bande, das auf der Folterbank Cartouches Namen aussprach. Nun hatte die Polizei eine Handhabe, sie verschaffte sich – wie, hören wir nicht – sein Bild, schickte es an alle Landjägereien in Frankreich, setzte auf seine Arretierung zweitausend Livres als Preis: aber was halfen ihr Name und Bild, wenn der Mann selbst aller ihrer Nachforschungen lachte.

Wahrend der Preis auf seinem Kopf stand, überließ er sich den verwegensten Spekulationen. Er besaß gerade hunderttausend Livres in Gold. Damit ging er zu einem großen Bankier, deponierte das Geld bei ihm und erbat sich einen Wechsel auf die gleiche Summe nach Lyon, da einer seiner Freunde, den er mitgebracht hatte, dahin reise und das Geld dort zu Geschäften brauche. Er bat, den Avisbrief sofort nach Lyon zu schicken, damit der Freund, der noch in derselben Stunde abreisen werde, das Geld gleich vorfände und ohne Zeitverlust ausgezahlt erhalte. Er ließ seinem Freund den Wechsel aushändigen und nahm noch vor den Auqen des Bankiers Abschied von ihm. Der Freund, natürlich ein Spießgeselle Cartouches, brachte, statt nach Lyon zu reisen, seinem Herrn den Wechsel, der ihn so geschickt kopierte, daß ein Dritter an keine Täuschung denken konnte, und ließ einen anderen Vertrauten mit ihm nach Lyon reisen. Am gleichen Abend brachte er  aber dem Bankier den echten Wechsel zurück mit der Bitte, das Geschäft gegen das übliche Reugeld rückgängig zu machen, da besondere Umstände die Lyoner Reise verhindert hätten. Er erhielt seine hunderttausend Livres in Paris zurück, während sein Vertrauter sich in Lyon dieselbe Summe auszahlen ließ.

Ein andermal läßt Cartouche einem reichen jungen Mann, der eine Wohnungseinrichtung in Paris kaufen will, wissen, daß er ihm eine ganze Ausstattung billig – statt für einhundertundsiebzigtausend Franken für achtzigtausend in barer Münze – überlassen könne. Der junge Mann geht darauf ein und will die Möbel sehen. Er wird in ein Haus geführt, muß aber zu seiner Verwunderung bis in den fünften Stock hinaufsteigen, wohin man die Sachen der teuren Miete wegen geschafft haben will. Kaum ist er in ein elendes Zimmer eingetreten, in dem nichts als altes Gerümpel zu sehen ist, als ihm zwei Banditen mit gezückten Dolchen entgegenspringen. Auch seine Begleiter, die die Tür hinter ihm zugeschlagen haben, zücken ihre Messer. Dennoch gelingt es ihm, mit seinem Degen die Banditen abzuwehren. Er erreicht entweder das Fenster oder den Treppenflur in einem günstigen Augenblick, bekommt ein Seil zu fassen, an dem die Laterne hängt, läßt sich an ihm bis auf zehn Fuß vom Boden herab und springt dann hinunter, so daß er wenigstens sein Leben retten kann.

Jedoch immer näher und näher rückt man dem Hauptmann auf den Hals, und mehrere Male ist er nahe daran, gefangen zu werden. Endlich hat man in Erfahrung gebracht, daß er sich meist in einem Hause in der Seinestraße aufhält. Er ist bestimmt heute dort, lautet eines Tages die Kundschaft. Augenblicklich wird ein Gefreiter mit Schützen und Jägern dahin beordert. Sie sollen ins  Haus dringen und sich seiner Person bemächtigen; tausend Franken sind ihnen als Belohnung ausgesetzt. Die Ausführung des Befehls wird in tiefster Stille mit peinlichster Genauigkeit vorbereitet, so daß keiner von Cartouches Spähern Kenntnis von dem Plane erhält. Aber Cartouche selbst ist sein bester Späher. Er hört Geschrei auf der Straße, blickt hinaus und sieht, daß das Haus umstellt ist und Bewaffnete eindringen. Hinaus kann er nicht mehr, so will er wenigstens sein Leben teuer verkaufen. Er schließt und verbarrikadiert seine Kammer und erwartet mit drei Paar Pistolen die Angreifer. Die Tür wird gesprengt, die Barrikade widersteht, und über die Schutzwehr hinweg feuert er ohne Aufhören. Mehrere der Schützen werden verwundet, aber vergeblich zielt er auf den Gefreiten, der ihm der gefährlichste und unerbittlichste seiner Feinde zu sein scheint. Schon hat er mehrere niedergestreckt, aber da merkt er, daß seine Munition auszugehen beginnt, während die Zahl seiner Feinde nicht geringer wird, da das Volk die unten vor der Tür stehenden Polizeisoldaten anspornt, ihren Kameraden oben beizuspringen. Endlich bleibt ihm nur noch eine Möglichkeit: ein kühner Versuch zur Flucht. In einem Augenblick hat er alle Kleidungsstücke, die ihn kenntlich machen, herabgerissen und sitzt im Schlot, der glücklicherweise nicht mit einer Eisenstange versehen ist wie der, durch den Jack Sheppard sich einen Weg bahnen mußte. Oben gelingt es ihm dann von Dach zu Dach zu gleiten, bis er sich im Boden des ersten Hauses, wo er einen Eingang findet, niederläßt. Die Bewohner des Hauses sind natürlich über den unerwarteten Besuch nicht wenig erschrocken, obwohl sie, wieder glücklicherweise für ihn, von den Vorgängen in der Nachbargasse nichts wissen. Cartouche ist im Ausreden stets ein Held: er wird von einem unerbittlichen Gläubiger verfolgt, der einen Verhaftbefehl gegen  ihn erwirkt hat und ihn in seiner Grausamkeit für sein ganzes Leben ins Gefängnis bringen würde, wenn er seiner habhaft werden könnte. Er fleht das Mitleid der Leute an, und bald ist er da, wo man seiner Fabel glaubt. Man gibt ihm einen alten Rock, und indem er seinem guten Glück und den Lumpen, die er anhat, vertraut, läuft er geradeswegs durch das Volk und die Kette der Polizeisoldaten, so daß sich die Belagerer endlich doch überzeugen müssen, daß er ihnen – auf unerklärliche Weise – entwischt ist.

Aber die Soldaten haben beschlossen, den Tod ihrer Kameraden zu rächen, und sind willens, alles daranzusetzen, um den furchtbaren Feind unschädlich zu machen. Die Gelegenheit dazu scheint sich bald wieder darzubieten. Sie erfahren, daß Cartouche sich bei einem seiner Weiber befindet. Man kennt die ganze Örtlichkeit schon im voraus und ist über jeden Winkel und jeden Ausgang der Wohnung der Schönen genau unterrichtet. Cartouche wird, als ein Geräusch ihn unruhig macht, von seiner Freundin gebeten, sich doch in einen der vielen Schlupfwinkel zu verstecken, die ihn schon früher oft verborgen haben: aber er ahnt, daß die Gefahr diesmal größer sei. Ein Trupp Schützen zieht heran, zwei besetzen die Haustür, die anderen steigen die Treppe hinauf. Im Augenblick ist er auf den Beinen und geht aus dem zweiten Stockwerk, in dem das Weib wohnt, zu einer anderen Dirne im fünften empor, die er ebenfalls gelegentlich besucht. Sobald er vernimmt, daß die ganze Schar unten eingedrungen ist, schlägt er lachend die Tür bei der Schönen, bei der er sich eben befindet, mit lautem Krachen zu, kommt die Treppen wie von einem gewöhnlichen Besuche sorglos herab und will singend das Haus verlassen, als die Wächter ihn fragen: »Haben sie Cartouche gekriegt?« – »Noch nicht, wie ihr seht«, antwortet er; »er ist hier!« – und im gleichen  Augenblick streckt er sie durch zwei Pistolenschüsse nieder.

Er wurde jedoch von jetzt an so unablässig verfolgt, daß er es für nötig hielt, auf einige Zeit zu verschwinden. Fliehen zwar durfte er nicht, ohne seine Autorität bei der Bande zu verlieren. Er trug daher seinen vertrautesten Offizieren auf, in ihrem Namen der ganzen Gesellschaft den Vorschlag zu machen, daß man den Hauptmann bäte, um seiner und aller Sicherheit willen sich auf einige Zeit in eine entfernte Provinz zu begeben, bis der Sturm der Verfolgung vorübergebraust sei und man wieder etwas Atem schöpfen könne. Der Vorschlag fand zuerst wenig Anklang. Die meisten unter der Bande waren beherzte Männer, die meist unter der Kutte von Mönchen oder im Mantel der Abbes den Nachforschungen der Polizei Hohn sprachen, aber es waren nicht die Kutte und der Mantel, die ihnen Mut und Zuversicht gaben, sondern das Gefühl der Sicherheit, das von der zielbewußten, kühnen Leitung Cartouches ausging. Es kam ihnen vor, als müßte jeder von ihnen ein loser Ring werden, wenn Cartouche, das Schlußglied der festen Kette, nicht mehr da wäre, und der Grèveplatz, dem ja schließlich keiner entgehen konnte, schien ihnen um vieles näher gerückt. Dennoch mußten sie die Notwendigkeit der Abreise ihres Hauptmanns einsehen, Cartouche ernannte die Führer, die in seiner Abwesenheit die Bande befehligen sollten, und zog sich nach Orleans, später nach Bar-sur-Seine zurück.

Cartouche war also entflohen. Das erfuhr Paris sehr bald. Man atmete auf; einige sagten, er sei nach Lothringen, andere, nach England gegangen. Noch Klügere freilich glaubten, er halte sich irgendwo in Paris versteckt, und seine Flucht sei nur vorgetäuscht, um die Polizei in die Irre zu führen.

In Bar-sur-Seine verübte er mittlerweile einen Betrug, der seiner im höchsten Grade würdig war. Eine alte Bürgersfrau in diesem Orte betrauerte die langjährige Abwesenheit ihres Sohnes, den sie jedoch noch immer nicht für tot halten wollte, obgleich seit Jahren kein Lebenszeichen mehr von ihm nach seiner Heimatstadt gedrungen war. Die Hoffnung, ihn wiederzusehen, war mit der Zeit fast zur Narrheit bei ihr geworden. Cartouche, der davon gehört hatte, fand es zweckdienlich, die Rolle des verlorenen Sohnes zu übernehmen. Einige Umstände seines Jugendlebens, die er in Erfahrung gebracht hatte, und die Kenntnis vom Charakter der schwachen alten Frau setzten ihn in den Stand, die Rolle des heimgekehrten Sohnes mit einer so überraschenden Natürlichkeit zu spielen, daß die Alte keinen Augenblick daran zweifelte, in ihm ihr heißgeliebtes Kind wieder vor sich zu sehen. Er war ein vortrefflicher Erzähler und wußte wahrscheinlich mehr und genauer von der längst entschwundenen Jugendzeit zu erzählen, als der wirkliche verlorene Sohn es vermocht haben würde. Als Charles Bourguignon, Sohn und Erbe der Frau Bourguignon zu Bar-sur-Seine, Witwe und Krämerin, war er vor den Nachforschungen der Polizei sicher und konnte über den Eifer, mit dem sie den verschwundenen Cartouche suchte, lächeln.

Aber die Langeweile peinigte ihn von Tag zu Tag stärker. In den engen Mauern einer kleinen Stadt, in der er auf den klatschenden Zirkel seiner sogenannten Verwandten und Nachbarn angewiesen war, konnte ein Geist wie der Cartouches wohl einen Augenblick Ruhe, aber keine Befriedigung finden. Nachdem er sechs Monate in diesem Martyrium geisttötenden Einerleis geschmachtet hatte, hielt er es nicht mehr aus: er mußte fort, und wäre es auf geradem Wege zum Galgen gewesen. So war er eines schönen Tages  ohne ein Wort und ohne eine Zeile des Abschieds plötzlich wieder verschwunden, und die alte Bourguignon konnte zum zweiten Male ihren verlorenen Sohn beweinen.

Seine Ankunft in Paris verursachte einen rauschenden Jubel unter seiner Bande, soweit sie inzwischen nicht dem Galgen und dem Rad zum Opfer gefallen war; denn die Gerechtigkeit hatte stark unter den Seinen aufgeräumt. Nichtsdestoweniger forderte Cartouche strenge Rechenschaft von den Mitgliedern der Bande, und sein erstes war, daß er die tapferen Taten, die während seiner Abwesenheit verübt worden waren, belohnte, während er die Feigen und Trägen mit aller Rücksichtslosigkeit zur Verantwortung zog.

Aber die Polizei hatte sich nicht täuschen lassen: sie war um so eifriger hinter seinen Spuren her, als der Schrecken seines Namens durch seine Entfernung nur noch gewachsen war. Während man in Paris für seine Ergreifung Gelübde ablegte und betete, bekam er es mit der Sorge zu tun, daß die verheißene Begnadigung und die große Belohnung in seiner eigenen Schar Verräter erzeugen könne. Cartouche hielt sich jetzt nirgends für sicher; er war nicht mehr derselbe wie früher, die lange Ruhe in Bar-sur- Seine hatte die Elastizität seines Mutes erschlafft. Die Vorsicht, mit der er jetzt auf seine eigene Sicherheit bedacht war, stach so sehr von seinem früheren verwegenen Auftreten ab, daß selbst seine Getreuen ihn mit Bangigkeit zu betrachten begannen. Er war nicht mehr der alte Cartouche, dessen Blick ihnen Mut und Tapferkeit einflößte. Er schlief nie mehr zwei Nächte in demselben Bett, er fuhr zuweilen auch in der ruhigsten Nacht im Schlafe auf, und seine Blicke wurden unstet, als suchten sie überall Verrat.

Das Schlimmste aber war, daß er in seinem Oberbefehl  zum Terrorismus griff, um die erschütterte Autorität – oder vielleicht war sie es nur in seinem Argwohn – wiederherzustellen. Ein junger Soldat von der Garde, der zur Bande gehörte, hatte sich in einer zärtlichen Stunde verleiten lassen, den Eid der Verschwiegenheit zu brechen und seiner Geliebten, einer Schneidermamsell, seine Verbindung mit Cartouche anzuvertrauen. Er hatte ihr daraufhin versprechen müssen, sich von der Bande zurückzuziehen, aber ehe es noch so weit kam, wurde alles verraten. Am 12. Oktober 1721 berief Cartouche die ganze Bande zu sich, schrie dem jungen Soldaten seinen Verrat ins Gesicht, verdammte ihn in einer donnernden Rede über seine unmännliche Schwachheit, und nachdem er ihn hatte erwürgen lassen, ließ er ihm noch die Zeichen seiner Männlichkeit ausreißen.

Aber statt durch dieses grausame Gericht zu schrecken, erweckte er nur bei den andern die Furcht, daß sie in ähnlicher Weise seine Wut zu fühlen bekommen könnten. Vor allem bei seinen ersten Offizieren stieg die Angst mit jedem Tage, und einer von ihnen, ein Edelmann aus Poitou, der bei den Garden diente, Duchatelet, wurde sein Verräter. Nachdem ihn seine Wirtin bei seinem Major angezeigt hatte, beschloß er alles zu tun, um sein Leben zu retten. Er versprach, Cartouche lebendig der Polizei zu überliefern, wenn man ihm Gnade zusichern wollte. Für den nächsten Morgen neun Uhr war er zu Cartouche geladen. Er begab sich mit dreißig Soldaten und einem Sergeanten nach dem augenblicklichen Quartier des Hauptmanns, einer Schenke in der Courtille, le Pistolet genannt. Ein vorausgeschickter Soldat fragte den Wirt, ob jemand bei ihm wohne. Die Frage wurde verneint. Nun trat Duchatelet ein und fragte, ob nicht vier Damen hier wären. Die Antwort lautete: »Ja.« Das war das Losungswort.  Schnell drang man in das obere Zimmer, in dem Cartouche mit drei seiner Spießgesellen schlief. Zuerst sprangen die drei Begleiter auf und wurden sofort überwältigt. Der Hauptmann hatte sich erst um zwei Uhr in der Nacht niedergelegt und wachte deswegen erst spät aus einem schweren Schlafe auf. Der Sergeant hatte ihn während des Kampfes schon im Bette bemerkt, aber aus Furcht, daß Cartouche sich selbst töten oder bei seiner Gegenwehr noch Schaden anrichten könne, rief er laut aus: »Verdammt! Da ist uns der Hauptspitzbube entwischt. Cartouche ist wieder fort.« Der schlaue Dieb ließ sich täuschen, er glaubte, daß man ihn nicht entdeckt habe, und kroch noch tiefer unter die Decke. Diesen Augenblick benutzte der Sergeant mit seinen Leuten, sie stürzten jetzt über ihn her, faßten ihn und schleppten ihn, ohne ihm Zeit zu lassen, sich anzukleiden, nach dem großen Chatelet.

Keine Siegesbotschaft hätte in Paris solche Freude erregen können wie die Nachricht von Cartouches Gefangennahme. Die Stadt war wie in einem Rausche. Die Italiener und das Theater francais spielten nur Stücke, in denen Anspielungen auf Cartouche vorkamen, die das Publikum wie rasend beklatschte, und Grandval veröffentlichte eine Epopóe auf Cartouche, die reißend abging.

Nachdem ihr Hauptmann gefangen war, zerstreute sich die Bande. Die Mehrzahl rettete sich; gegen einhundertfünfzig sollen unter falschen Namen in die Regimenter eingetreten sein. Cartouche selbst wurde im großen Chatelet mit der äußersten Vorsicht und Strenge bewacht. Ein Arm war ihm vorn geschlossen, der andere hinten. Sechs Schützen durften ihn nie aus den Augen lassen und wurden alle zwei Stunden abgelöst.

Dennoch gab Cartouche den Gedanken nicht auf, sich zu befreien. Mit der Bewachung durch die Schützen muß es  für die Dauer nicht so streng gehalten worden sein, wenn die folgende Erzählung eines seiner Ausbruchsversuche richtig ist.

Mit den Eisen, die er trug, hatte er die Stärke der Gefängnismauer geprüft. Aus dem hohlen Tone schloß er, daß sich ein Keller neben seinem Kerker befinden müsse. Mit Hilfe eines neben ihm sitzenden Maurers brach er ein Loch in das Gemäuer, durch das ein Mensch hindurchkriechen konnte. Sie stiegen hinab und kamen an einen Ort, auf den mehrere Abtritte mündeten, woraus sie schlössen, daß die Seine nicht weit entfernt sein konnte. Cartouche wollte einen Ausgang nach dem Fluß zu suchen, aber der Maurer wies nach oben auf eine der Abzugsröhren, durch die sie wahrscheinlich leichter ins Freie gelangen könnten. Cartouche fügte sich; sie kletterten hinauf und gelangten in einen Abtritt, dessen verrostetes Schloß sie mit leichter Mühe erbrachen. Auf diesem Wege kamen sie in den Laden eines Kistenmachers; aber ein Hund war aufmerksam geworden und bellte. Sie suchten ihn durch Liebkosungen zu beschwichtigen. Aber inzwischen war die Tochter des Kistenmachers wach geworden und schrie: »Hilfe! Wache!« Der Vater stieg hinab, in der einen Hand einen alten Spieß, in der anderen ein Licht, aber schon Cartouches Anblick genügte, ihn aus der Fassung zu bringen, und indem er Licht und Waffe fallen ließ, stürzte er die Treppe wieder hinauf. Inzwischen war auf das ununterbrochene Geschrei der Tochter die Wache wirklich herbeigeeilt, die die Tür einbrach, ehe die Flüchtlinge sich retten konnten, und sie wurden aufs neue in Eisen gelegt.

Cartouche wurde nun in einer Kutsche in die Conciergerie gebracht; zwei Gefreite gingen zu seiner Seite, und der Wagen war von acht Polizeireitern und elf Fußschützen begleitet: so groß war die Besorgnis, daß seine  Bande einen Versuch zu seiner Befreiung wagen könnte. Im Turm von Montgommery wurde er in einen festen Kerker geworfen, wo man ihn in eine große Kette schloß, die von der Decke herabhing und ihm kaum eine Bewegung erlaubte. In dasselbe Gefängnis wurden nach und nach gegen fünfzig seiner Spießgesellen eingeliefert, die allmählich in Paris und seiner Umgegend eingefangen worden waren. Aber als man ihn nach seinen Mitschuldigen ausfragte, erklärte er, er habe keine, und bei der Gegenüberstellung bestritt er, daß er irgendeinen der ihm vorgestellten Leute kenne; denn – weder sei er Louis Dominique Cartouche, noch kenne er ihn, sondern man habe ihn völlig unschuldigerweise gefangengesetzt: er sei kein anderer als Charles Bourguignon, Sohn des verstorbenen Thomas Bourguignon zu Bar-sur-Seine. An diesem Vorgeben hielt er fest, und selbst als seine eigene Mutter und sein jüngerer Bruder ihm vorgeführt wurden und ihn wiedererkannten, ließ er sich nicht im geringsten beirren, sondern leugnete ihnen fest und steif ins Gesicht und sagte, die Leute wären Betrüger. Aber man hatte bei seiner Gefangennahme einen Paß bei ihm gefunden auf den Namen eines Kaufmanns Jean Petit, der vom Herzog von Lothringen unterzeichnet war. Als man ihn fragte, wie er zu diesem Paß komme, geriet er zum erstenmal ins Stocken, und es klang nicht gerade wahrscheinlich, als er auf einmal behauptete, er sei selbst dieser Jean Petit.

Übrigens zeigte er sich trotz seiner furchtbaren Lage heiter, ja ausgelassen, er scherzte mit dem Kriminalleutnant, zog die Wachtsoldaten auf, sang obszöne Lieder uno trank, wenn er nur konnte. Über Langeweile brauchte er sich nicht zu beklagen; täglich empfing er Besuche, denn er war der Lion der Pariser geworden, und die Spenden romantischer Menschenfreunde versüßten ihm seine Kerkerleiden.  Auch seinen Gästen gegenüber zeigte er sich heiter und zu mutwilligen Scherzen aufgelegt. Als ihn einmal eine Dame bedauerte, daß er auf Stroh schlafen müsse, sagte er: »Sie sehen noch nicht alles, Madame«, und indem er ihr seine mit Ketten umschlossenen Beine enthüllte, setzte er lächelnd hinzu: »Wie gefallen Ihnen diese Strumpfbänder?«

Ein Dichter Le Grand hatte eine Komödie »Cartouche« geschrieben, die, noch während dieser in der Conciergerie lag, volle Häuser brachte und dem Verfasser große Summen eintrug. Aus Dankbarkeit schenkte Le Grand bei einem Besuche im Kerker Cartouche hundert Kronentaler. Mehrere Kupferstecher gaben sein Bild heraus, das nicht allein in ganz Frankreich, sondern auch in fremden Ländern ungeheuren Absatz fand.

Indessen wurde die Lage für ihn immer ernster und ernster. Sein freches und naives Leugnen half bald nichts mehr, und schon hatte man ihm sieben Morde so gut wie nachgewiesen. In der Verzweiflung versuchte er, sich den Kopf an seinen Eisen einzustoßen, aber die Wachen hinderten ihn daran. Um es ihm auch in Zukunft völlig unmöglich zu machen, hing man ihm einen großen Klotz um den Kopf. Unter den vielen Besuchern waren ohne Zweifel auch heimliche Freunde und ehemalige Verbündete, denen alles daran lag, daß Cartouche schweigend aus der Welt ging. Sie hatten ihm unvermerkt Gift zukommen lassen. Die Wirkungen zeigten sich in der Nacht. Der herbeigerufene Kriminalleutnant und der Arzt erkannten an der Heftigkeit des Fiebers und den Erbrechungen, was vorgegangen war, und gaben ihm sofort ein Gegengift ein; die Nachwirkungen blieben zwar, verminderten sich aber nach wenigen Tagen.

Der Curé von St. Barthelmy hatte ihm seinen geistlichen  Trost angeboten. Cartouche hatte ihn mit aller Höflichkeit empfangen und mit anscheinender Bereitwilligkeit angehört, er vergaß aber niemals, daß er nicht der Schüler eines Kollegs der Jesuiten und der Verfasser eines Diebeskodex sein wollte, sondern der unwissende Sohn eines Bürgers aus einer Provinzstadt. Als der Geistliche ihn daher eines Tages fragte, ob er ihm einige fromme Bücher zuschicken solle, antwortete er rasch: »Ich danke Ihnen unendlich, mein Herr Curé, aber was könnte mir Ihr gütiges Anerbieten helfen, da ich doch nicht lesen kann.«

Nach seiner völligen Genesung beeilte man den Prozeß. Obgleich er in drei Verhören nichts eingestanden hatte, wurde er dennoch auf die anderweitigen ausreichenden Beweise am 26. November 1721 für schuldig erkannt und zum Tode durchs Rad verurteilt.

Nach altfranzösischem Gerichtsbrauch ward er am Morgen nach dem Urteil auf die Folter gebracht, wo er seine Mitschuldigen nennen sollte. Man erpreßte ihm auch nicht ein einziges Wort. Ebenso wenig Glück hatte sein Beichtiger bei dem Versuche, ihm ein Geständnis zu entlocken. Als einer seiner Mitangeklagten und ehemaligen Diener schon bei der achten Flasche Wasser, die man in seinen Leib schüttete, zu bekennen anfing, ward Cartouche wütend und schalt ihn einen elenden Feigling, von dem er sich Besseres erwartet habe.

Endlich schlug die verhängnisvolle Stunde. Gegen fünf Uhr abends führte man ihn nach dem Grèveplatze, auf dem seine und seiner Gesellen Hinrichtung stattfinden sollte. Auf dem ganzen Platze selbst und in den anliegenden Straßen sah man nichts als Schafotte und Räder; alle Fenster und Dächer wimmelten von Köpfen. Als Cartouche die Galgen und die Räder sah, die von Soldaten zu Fuß  und Pferde umringt waren, schien ihn sein alter Gleichmut zu verlassen, und als er dann den Henker wie zur Probe das Rad schwenken sah, rief er laut und mit bewegter Stimme: »Das ist ein häßlicher Anblick!« Diesen Augenblick innerer Bewegung suchte sein Beichtvater zu nutzen, um ihm ein Geständnis zu entlocken. Plötzlich aber hatte er sich erholt, und mit der zuversichtlichsten Miene von der Welt erklärte er, er wisse nichts und könne auch nichts sagen. So stieg er mit unerschrockener Miene auf das Schafott.

Bis zum letzten Augenblick hatte er zuversichtlich gehofft, daß ihn seine Bande befreien werde. Aber so weit jetzt sein Auge reichte: es lag eine tiefe Stille über den Menschenmassen, und die festgeschlossenen Glieder der Soldaten standen wie Mauern rings um ihn her, nirgendwo wurde ein Tuch geschwenkt, nirgendwo flog ein Hut in die Höhe, und sein scharfes Auge erkannte unter den Tausenden keinen einzigen von seinen alten Kameraden. Da wich plötzlich sein Mut; er war furchtbar enttäuscht. Die straffen Züge seines herausfordernden Gesichtes wurden schlaff, er biß die Lippen zusammen und ward blaß. Er wendete sich zu seinem Beichtvater und erklärte ihm, jetzt wolle er seinen Richtern sehr wichtige Geständnisse machen, denn ihm scheine es, als stehe der Tot leibhaftig vor ihm und spreche mit drohendem Tone zu ihm: »Entdecke deine Verbrechen und bereue!«

Man führte ihn nach dem Hotel de Ville. Hier gab er eine vollständige Erzählung seines ganzen Lebens zu Protokoll, nannte seine Mitschuldigen und die Verbrechen derer, die schon mit ihm gefangen gesessen hatten, und verriet die Orte, an denen sich aller Wahrscheinlichkeit nach die verborgen hielten, die man noch nicht hatte festnehmen können. Während die Polizeisoldaten ausgesandt wurden,  um die Genannten aus ihren Schlupfwinkeln herbeizuholen, zog sich Cartouche mit seinem Beichtvater in eine Ecke des Saales zurück und hörte anscheinend mit Aufmerksamkeit und Ergebung den Tröstungen des Geistlichen zu. Als die Häscher mit einer guten Anzahl seiner Kameraden zurückkehrten, soll er sie mit den Worten angeredet haben:

»Scheltet mich nicht, daß ich den Richtern verraten habe, wer ihr seid und was ihr begangen habt. Ich habe eine furchtbare Folterung ausgestanden, ohne etwas zu bekennen, und hätte euch gern gerettet, wenn es möglich gewesen wäre. Aber mein Beichtvater hat mir befohlen, im Namen Gottes den Richtern alles zu gestehen, was ich weiß. Ich werde dieses Bekenntnis ablegen mit um so größerem Rechte, als ihr euer feierliches Versprechen gebrochen habt, mich zu befreien, und wenn es euch das Leben kostet.«

Nun vollendete Cartouche seine Geständnisse. Er verheimlichte nicht das geringste und schonte niemand. Nicht weniger als achtzig Personen nannte er, die schon bei Eröffnung des Prozesses aus Paris geflohen waren, daneben aber bezeichnete er gegen vierzig andere, die sich in einer geachteten Stellung so sicher gefühlt hatten, daß sie die Flucht nicht für nötig gehalten hatten: unter ihnen waren angesehene Diener aus dem Gefolge der Mademoiselle de Monpensier, die eben im Begriff war, nach Spanien abzureisen, und zwei waren Kammerdiener der Herzogin von Ventadour, der Gouvernante der Königin!

Auch die Wohnungen seiner Mätressen nannte er, von denen im Augenblick drei herbeigeholt wurden. Die eine, ein großes, wohlgebildetes Mädchen mit bescheidener Miene, nannte er seine soeur grise. Er gab Beweise dafür an, daß sie von mehreren Kindern, die er von ihr gehabt hatte,  eines getötet hatte, und ihre Verurteilung konnte keinem Zweifel unterliegen. Der zweiten, die er seine regierende Sultanin nannte, einem üppigen Weib, das keck und in prächtigen Kleidern auftrat, konnte er kein Verbrechen vorwerfen; man begnügte sich, sie zu scheren und auf zehn Jahre in La Force einzusperren. Die dritte, eines der berühmten Fischweiber der Halle, bekannte er am meisten geliebt zu haben; dennoch bezichtigte er sie, eine seiner Haupthehlerinnen gewesen zu sein. Sie wurde ins Chatelet gebracht.

Zugleich gab er auf das gewissenhafteste alle Orte an, wo die Reste seiner Schätze verborgen waren. Sie wurden auch wirklich dort gefunden. Man hatte mit der Aufzeichnung seiner Aussagen die ganze Nacht hindurch und einen Teil des nächsten Morgens zu tun, und die Gerichtspersonen mußten beim Niederschreiben oft wechseln. Bewundernswert war, wie dagegen der verurteilte Cartouche, der schon unter dem Galgen gestanden hatte, die Kraft behielt, durch so lange Zeit seine Mitteilungen zur Niederschrift zu geben, sich befragen zu lassen und Angaben über seine herbeigeführten Mitschuldigen zu machen.

Noch am folgenden Tage, am 28. November 1721, wurde er auf das Schafott zurückgeführt. Er erhielt elf Radschläge bei lebendigem Leibe; dann wurde er aufs Rad gelegt.

Eine halbe Stunde spater zog der Henkersknecht auf die Bitte des Beichtvaters den Strick um Cartouches Hals fest und erdrosselte ihn.

Der Henkersknecht, dem der Leichnam zufiel, zeigte ihn noch mehrere Tage und gewann viel Geld damit. Dann verkaufte er ihn an Anatomen, die ihn, ehe sie ihn sezierten, abermals eine Zeitlang öffentlich sehen ließen.

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