Carl Schurz als »Wilder« im Senat.

Als der Senat im Dezember 1872 wieder zusammentrat, war die Lage der Dinge für Schurz und seine liberalen Kollegen nach der demütigenden Niederlage im Wahlkampfe nicht eben tröstlich und der Ausblick in die Zukunft wenig versprechend. Aber es kamen nun in schneller Folge Ereignisse, die sie rechtfertigten und ermutigten. Die Politik des Präsidenten im Süden, wo sich z. B. in Louisiana der von Grants Schwager unterstützte Gouverneur nur mit Hilfe von Bundestruppen im Amte erhalten konnte, fand selbst bei den regierungsfreundlichen Senatoren nicht unbedingte Billigung, und es ereignete sich der eigentümliche Fall, daß bei der nachsichtslosen Verurteilung der Regierung Carpenter und andere Republikaner Schurz’ eifrige Sekundanten waren. Freilich waren alle Versuche, Grant umzustimmen, vergeblich, aber die Situation bestätigte vollauf die Behauptung der Liberalen, daß die vom Präsidenten im Süden verfolgte Politik Freiheit und Ordnung nicht nur in den rekonstruierten, sondern auch in den andern Staaten der Union zu vernichten drohe.

Gleichzeitig begannen die Enthüllungen über Skandale in der Legislative und Regierung, die sich nun Jahre lang ohne Unterbrechung fortsetzen sollten und lange vor dem Ende von Grants zweitem Amtstermin Schurz’ Kassandrarufe über den drohenden Verfall des sittlichen Empfindens im politischen Leben bewahrheiteten. Ein sensationeller Fall – der offene Kauf eines Sitzes im Bundessenat – bot Schurz während der Extrasession im März 1873 Gelegenheit zu einer vernichtenden Brandmarkung der korrupten Einflüsse, die rings um den Kongreß am Werke seien und besonders von den großen Korporationen ausgingen. In der nächsten Session 1873-74 mehrten sich die Enthüllungen, und der übelriechende Strom von Bestechlichkeit und Schande erreichte 1875 und 1876 seinen Höhepunkt, als die schmählichen Betrügereien des »Whiskey Rings« aufgedeckt wurden, bei denen Brenner und Regierungsbeamte sich in Millionen hinterzogener Steuern geteilt hatten, und als der Kriegsminister Belknap Knall und Fall seine Demission einreichte, um einer parlamentarischen Untersuchung wegen Verkaufs von Händlerstellen bei den Forts im Westen aus dem Wege zu gehen.

Inzwischen kam im Herbst 1873 die große finanzielle und industrielle Krisis, die ein ganz neues Moment in die politische Sachlage einführte und mit einem Male die alten, scharf gezogenen Grenzen zwischen den Parteien durch schwierige Finanz- und Währungsfragen verwischten. Vermehrung oder Einschränkung des Papiergeldes, Papiergeldwährung oder Wiederaufnahme der Barzahlungen waren die Probleme, die dem Kongreß zur Lösung vorlagen, und Carl Schurz, der sich mit Feuereifer in die langen und verwickelten Diskussionen dieser Fragen stürzte, erwarb auch auf diesem Felde sich neue Lorbeeren. Er war der eifrige und jedem Kompromiß abgeneigte Vorkämpfer »guten Geldes« und der baldigen Wiederaufnahme der Barzahlungen. Andere leitende Vertreter derselben Idee, vor allem John Sherman, hatten nicht den Mut der eignen Überzeugung und glaubten den Parteiverhältnissen Zugeständnisse machen zu müssen. Denn im Westen war der Ruf nach mehr Papiergeld unter den Republikanern fast ebenso dringend und allgemein wie unter den Demokraten. So befanden sich die republikanischen Senatoren des Westens in einer Zwangslage und waren zu halben Maßsregeln geneigt, obschon nach ihrer innersten Überzeugung drastische Gesetzgebung not tat, um die Währung auf eine solide Grundlage zu stellen. Drei führende Republikaner des Westens, Morton, Logan und Ferry, verpflichteten sich definitiv zum Eintreten für eine Vermehrung der umlaufenden Noten und wurden so Schurz’ Hauptgegner.

In den ersten Monaten des Jahres 1874 war die Stimmung für einen solchen Schritt stark genug, um eine Vorlage, die die Vermehrung des Papiergeldes (der »Greenbacks«) um vierundvierzig Millionen Dollars vorsah, in beiden Häusern zur Annahme zu bringen. Aber gegen den Gesetzvorschlag legte Grant nach längerem Zögern sein Veto ein. An der Besprechung der Vorlage, die zuzeiten einen höchst bittern Ton annahm, beteiligte sich Carl Schurz in hervorragender Weise. Am 14. Januar und 24. Februar hielt er Reden, die mit überzeugender Klarheit und mit gründlichster Sachkenntnis die allgemeinen Fragen der Handelskrisen und der Papiergeldwährung ohne Einlösungspflicht und mit Zwangkurs erörterten. Die Geschichte und die Theorie der Volkswirtschaft, die er mit genauer Kenntnis und zwingender Beweisführung handhabte, bildeten die Grundlage seiner Darlegungen. Diese Reden waren die Frucht eingehendster Spezialstudien und sorgfältiger Vorbereitung und erzwangen sich die Beachtung der Sachverständigen sowohl wie der Politiker.

Besonders eindrucksvoll war die Rede vom 24. Februar. Carl Schurz selbst war der Meinung, diese und die beiden über Santo Domingo seien die besten, die er im Senat gehalten. Das Publikum hatte seine besondere Freude an einigen rein persönlichen Renkontres, die, an und für sich ohne große Bedeutung, gewisse Charakterzüge der an der Debatte Beteiligten in volles Licht setzten. Morton und Cameron stellten die Behauptung auf, die Sachlage in den Vereinigten Staaten sei einzigartig und lasse sich also nicht nach allgemeinen Grundsätzen beurteilen, die man aus der Geschichte anderer Zeiten und Länder ableite. Carl Schurz fühlte, daß dieses Argument oder vielmehr diese anmaßliche petitio principii unaufrichtig war, und daß seine Gegner aus Rücksichten der Parteipolitik mit ihrer wahren Überzeugung hintanhielten. Er machte kein Hehl aus seiner Verachtung für derartige Ausflüchte und ließ alle ihm zu Gebote stehenden, gefürchteten Künste des Sarkasmus und der Ironie spielen. Dies führte zu ungewöhnlich scharfen Zusammenstößen. Morton antwortete mit großer Schroffheit und nahm dabei zu dem kläglichsten Trumpfe, der dem gebornen Amerikaner gegen einen solchen Gegner zur Verfügung steht, seine letzte verzweifelte Zuflucht: ein Ausländer sei eben nicht imstande, Amerika zu verstehen. Carl Schurz führte ihn nun aber auf Anhieb glänzend ab, indem er zeigte, die Widersprüche in Mortons Stellung zur Währungsfrage, – auffallende Widersprüche, die ganz offenkundig durch die Strömung der öffentlichen Meinung im Westen bedingt waren, – bewiesen nur, daß Morton den Wechsel in der Volksstimmung besser als die Finanzwissenschaft verstehe. Morton war mit dem Tu quoque schnell bei der Hand, das Schurz’ Verlassen der regulären republikanischen Partei nahe legte. Aber auf einen unabhängigen und prinzipientreuen Mann mußte dieser zurückgegebene Vorwurf seine Wirkung verfehlen. Morton stellte nicht in Abrede, daß er seine Meinung geändert habe, und erklärte, er werde das auch in Zukunft wieder tun, sobald er zur Überzeugung gelange, daß er sich im Irrtum befunden habe. Er rühmte sich, – wie es strammen Parteigängern geziemt, – seinen Standpunkt nie so völlig geändert zu haben, daß er sich gezwungen gesehen hätte, aus der Partei auszuscheiden. »Ich habe niemals Verrat an meinen Prinzipien begangen, oder an meinen Freunden, oder an denjenigen, die mir zur Macht verholfen haben; und ich habe nie versucht, diese Macht zu ihrem Verderben zu gebrauchen.« Carl Schurz verband in seiner Antwort eine schneidende Kritik mit einer epigrammatischen Definition der Moral im politischen Handeln. »Er soll mir in meiner Vergangenheit ein einziges Prinzip zeigen, das ich je verraten habe. Er soll mir in den politischen Programmpunkten, für die ich eingetreten bin, einen einzigen Widerspruch nachweisen. Es wird ihm nicht gelingen! Er ist nie aus der Partei ausgetreten, ich bin nie meinen Prinzipien untreu geworden; darin besteht der Unterschied zwischen ihm und mir.«

Für einen Mann von Schurz’ Charakter ist es immer schwer, eine gewisse gerechte Entrüstung über die Ausflüchte und die Unkenntnis arroganter Politiker zu verbergen. Carl Schurz hielt Morton augenscheinlich mehr für unaufrichtig als unwissend. Auf das oft wiederholte und hochtrabende Gerede von den ganz eigenartigen Verhältnissen der Vereinigten Staaten, die eine Abweichung von gesunden volkswirtschaftlichen Prinzipien rechtfertigten, antwortete Schurz: »Wenn ich mit jemand über Arithmetik oder Geometrie sprechen soll, so verlange ich, daß er, ehe wir weiter gehen, gewisse elementare Lehrsätze anerkennt; z. B. den Lehrsatz, daß zwei mal zwei vier ist, und daß der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten eine Gerade ist. Wenn jemand, der mit mir über Arithmetik oder Geometrie diskutieren will, behauptet, daß zwei mal zwei wohl anderswo vier ist, aber nicht hier, und daß der Lehrsatz, nach dem der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten eine Gerade ist, wohl vor fünfhundert Jahren Glauben gefunden haben mag, aber dem Geist des Fortschrittes unseres Zeitalters nicht entspricht, und daß der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten eine gebogene Linie ist, so werde ich ihm sagen: »Sie holen sich am besten Ihre Fibel vor, lernen das Einmaleins und sehen sich den Euklid an, der zwar nicht hierzulande geboren sein mag und schon etliche Jahrhunderte tot ist, von dem Sie aber trotzdem noch eine oder die andere wertvolle Belehrung erhalten dürften.«

Das Resultat der langen Diskussion war zu Schurz’ großer Enttäuschung eine jener leidigen Kompromißvorlagem die auf eine genügende Majorität im Kongreß und zugleich auf die Zustimmung des Präsidenten rechnen konnte und die Ausgabe von weiteren sechsundzwanzig Millionen Papiergeld (»Greenbacks«) vorsah.

Die nächste Session des Kongresses wurde unmittelbar nach den Wahlen von 1874 eröffnet, in denen die Republikaner eine allgemeine und überwältigende Niederlage erlitten hatten. Nun entwarf Sherman, als Vorsitzender des Finanzausschusses, sofort eine neue Währungsgesetzvorlage, und diese wurde unter Anwendung des stärksten Parteidruckes so formuliert, daß ihre Annahme durch die republikanische Majorität gesichert war. Es war die berühmte »Resumptionsakte«, die den 1. Januar 1879 als den Tag festsetzte, von dem an alles Papiergeld gegen Bargeld einlösbar wurde. Die Vorlage zeigte in vielen Punkten sehr große Mängel, in andern große Unklarheit, und Carl Schurz griff sofort alle ihre Schwächen scharf an. Die Dunkelheiten hatte die republikanische Vorversammlung absichtlich darin stehen lassen, da nur so eine Einigung zu erreichen war. Es stand Schurz, für den ja nie Parteirücksichten geltend waren, frei, die Schwächen des vorgeschlagenen Gesetzes bloßzulegen, und er tat dies ohne Erbarmen. Aber unter dem Drucke des Parteizwanges, der die Republikaner glücklich unter einen Hut gebracht hatte, schob man seinen Einspruch achtlos bei Seite und nahm die Vorlage unverändert an. Da sie einige gute und wichtige Punkte enthielt, stimmte auch Schurz dafür, nicht jedoch ohne seinem Bedauern darüber Ausdruck zu geben, daß er nicht eine Anzahl von Amendements habe durchsetzen können, die die Vorlage klarer und folgerichtiger gemacht hätten.

Durch die Wahlen von 1874 ging die Majorität nicht nur im Unterhause des Kongresses, sondern auch allgemein in den Regierungen der Einzelstaaten und in den Kommunalverwaltungen von den Republikanern auf ihre Gegner über. Das Regime Grant, dessen Sturz Carl Schurz jahrelang erhofft und erstrebt hatte, war nun vom Volke ohne Erbarmen verurteilt und verworfen. Das war für Schurz natürlich eine Quelle großer Genugtuung. »Wie ist Sumner gerächt!« schrieb er gleich nach der Wahl an einen Freund. Zugleich war es klar, daß die Wahlen in Missouri den Staat völlig in die Hände der extremen oder»Bourbon«-Demokraten geliefert hatten, gerade als Schurz’ Amtszeit als Senator zu Ende ging. Noch in einem der letzten Wahlkämpfe, nachdem Schurz mit seiner Partei gebrochen hatte, um es durchzusetzen, daß die Ungerechtigkeit gegen diese Klasse von Demokraten endlich aufhörte, war er überall im Staate mit grenzenloser Begeisterung begrüßt worden. Die äußern Zeichen der Bewunderung gingen oft so weit, daß eine Schar schlanker und sehniger Landleute ihn packte und unter wildem Jubel auf den Schultern herumtrug. So etwas war ihm, dessen gesteigerte Gefühle rein geistiger Natur waren, im höchsten Grade zuwider. Bei einem derartigen Anlaß, der ihm besonders fatal war, bemerkte er: »O ja, jetzt habt ihr mich furchtbar lieb, aber bald werdet ihr mir einen Konföderiertengeneral zum Nachfolger wählen.« Selbst nach der Wahl von 1874 suchten seine Freunde ihm und sich einzureden, daß die siegreichen Demokraten liberale Gesinnung genug beweisen würden, ihn wieder in den Senat zu wählen. Aber Carl Schurz gab sich keinen Augenblick dieser Täuschung hin. Er war viel zu sehr mit der praktischen Politik vertraut, um zu vergessen, daß wenn Republiken undankbar sind, Parteien besitzgierig sind. Und seine Prophezeiung traf ein: einige Wochen später wählte die demokratische Volksvertretung von Missouri General Cockrell, einen früheren Konföderierten, zu seinem Nachfolger.

Inzwischen erwog Schurz eingehend allerlei Pläne für die Zukunft nach dem bevorstehenden Rücktritt ins Privatleben und holte sich bei seinen Freunden, besonders bei denen, die im Osten wohnten, Rat bezüglich einer neuen Tätigkeit, die seinen Fähigkeiten angemessen wäre und seinen Neigungen entspräche. Man machte ihm verschiedene Anerbieten für bedeutende literarische Arbeiten historischen Inhalts, und eine Zeitlang dachte er daran, nach Massachusetts zu ziehen, wo ihm ausgezeichnete Bibliotheken zugänglich waren und er mit einer Anzahl geistvoller und gebildeter Freunde, die er sich in diesem Landesteile erworben hatte, in Berührung bleiben konnte.

Während der letzten Monate seiner Tätigkeit als Senator, im Winter 1874-75, hatte Carl Schurz noch einmal Gelegenheit, die Regierung wegen ihres erneuten gewaltsamen Eingreifens in die Angelegenheiten Louisianas an den Pranger zu stellen. Eine formvollendete und gedankenreiche Darlegung der Folgen, welche eine solche Politik unausbleiblich haben müsse, bildete den Inhalt von Schurz’ letzter großer Rede im Senat.

Zwei Wochen, nachdem sein Mandat erloschen war, schrieb er an einen seiner Freunde in Massachusetts: »Ich fühle mich zu der Hoffnung berechtigt, daß das Jahr 1876 Gelegenheit für eine Bewegung bieten wird, wie es die von 1872 hätte sein sollen.« Dieser Ausspruch zeigt, daß der Schreibende den Idealen des Konvents von Cincinnati treu geblieben war, und daß er sich schon im März 1875 mit einem Plan trug, um im Jahre 1876 der liberal-republikanischen Bewegung den Sieg zu sichern, den sie 1872 durch eine unglückselige Nomination verscherzt hatte.

Während der ersten Hälfte von Grants zweiter Präsidentschaft hatte sich die liberal-republikanische Partei allmählich ganz aufgelöst. Ihre Parteiorganisation hörte auf, ihre Mitglieder suchten teils bei den Republikanern, teils bei den Demokraten Unterkunft. Aber Carl Schurz und die ihm Gleichgesinnten konnten an keinen solchen Anschluß denken, solange Mißwirtschaft, Korruption und gefährliche Ansichten über Finanzwirtschaft die Parteien beherrschten. Die bedenklichen Irrlehren über Papiergeldwährung und Vermehrung der Umlaufsmittel waren in beiden Parteien verbreitet, hatten aber bei den Demokraten entschieden freundlichere Aufnahme gefunden. Die Unabhängigen waren radikale Gutgeldleute, die an dem vielgeschmähten Grant wenigstens das zu loben fanden, daß er im Frühjahr 1874 durch das Veto der schlimmsten Vorlage zur Vermehrung der Umlaufsmittel die Sünden seiner Amtstätigkeit zum Teil gutgemacht hatte. Mit der Rückkehr der alten Parteiklepper der »Bourbondemokratie«, die gleich den 1814 nach Frankreich zurückkehrenden Herrschern nichts gelernt und nichts vergessen hatte, machte sich nach dem Siege von 1874 häufig der alte Parteigeist laut geltend, was die Unabhängigen nur noch mehr abstieß. Es gab jedoch in der demokratischen Partei sowohl, wie in der republikanischen ein Element, das für die Ideale der Reformer kräftige Sympathien hegte, und der Gedanke, mit Hilfe dieses Elements eine tatsächliche Anerkennung der Reform von seiten beider Parteien zu erlangen, lag allen Vorbereitungen Schurz’ für die nächste Präsidentenwahl zugrunde.

Während des ganzen Frühjahrs 1875 fand ein lebhafter Briefwechsel über diesen Plan zwischen Carl Schurz und dem geistvollen Kreise seiner Intimen statt, die zu ihm als ihrem Führer aufblickten, und zu denen außer den früher erwähnten Horace White, Samuel Bowles und Charles Francis Adams, auch E. L. Godkin, General J. D. Cox, Charles Nordhoff, Murat Halstead und die Söhne von Adams, besonders Henry und Charles Francis junior, gehörten. Ende April hielt eine Anzahl von ihnen mit Schurz eine Zusammenkunft in New York, wobei die Pläne für den Wahlkampf des folgenden Jahres gründlich besprochen wurden. Bald darauf reiste Schurz nach Europa, um sich dort mehrere Monate aufzuhalten.

Im Sommer nahmen nun aber die politischen Verhältnisse in Ohio eine Wendung, die die Aufmerksamkeit der liberalen Gruppe auf sich zog. Charles Francis Adams junior schrieb am 28. Juni an Schurz, »die Schlacht für 1876 müssen wir jetzt in Ohio gewinnen oder verlieren«, und er beklagte, daß der Führer außer Landes sei.

»Ich bin fest davon überzeugt«, fuhr Adams fort, »daß, wenn Sie jetzt nach Ohio kommen könnten, um die unabhängigen Wähler zu organisieren, so würde die Stellungnahme der Parteien zu den öffentlichen Fragen im Wahlkampfe des kommenden Jahres ein ganz anderes Aussehen erhalten.« Dann schrieben Halstead und Nordhoff im Juli gleichlautende Briefe und baten Schurz dringend, rechtzeitig zum Wahlkampfe zurückzukehren. Die Demokraten, deren Kandidat wieder Gouverneur William Allen war, hatten die Vermehrung der Umlaufsmittel und die Aufhebung des Resumptionsakts als die wichtigsten Fragen in den Vordergrund gestellt. Rutherford B. Hayes, der Kandidat der Republikaner, erklärte sich entschieden für die Wiederaufnahme der Barzahlung und für »gutes Geld«. Adams erneuerte seine Bitten, Schurz möge sich an dem Kampfe beteiligen, und erklärte, die Wahl Allens würde ein furchtbarer Schlag für die liberale Sache sein. »Die Waffe, die uns zum Siege verhelfen kann, sind die Stimmen der Deutschen, es ist die einzig wirkungsvolle Waffe, über die wir verfügen, und diese halten S i e in Händen. Sie müssen zeitig genug zurückkommen, um gerade noch vor Torschluß den Streich zu führen, und das mit all dem Prestige des Ihnen eben in Deutschland bereiteten Empfanges.« Mehrere bedeutende Führer der Liberalen in Ohio schlossen sich dem Drängen seiner intimen Freunde an, und Carl Schurz, der vollkommen mit ihren Bestrebungen sympathisierte, kürzte seinen Aufenthalt in Deutschland ab und war Mitte September wieder in Amerika.

Er reiste unverzüglich nach Ohio und sprach an vielen Orten in deutscher und englischer Sprache zugunsten von Hayes. Aber er betonte nachdrücklich seine Unabhängigkeit von beiden Parteien, beschränkte sich in seinen Reden auf die Währungsfrage und vermied alle persönlichen Beziehungen zu dem Kandidaten, für den er agitierte. Hayes wurde mit geringer Majorität gewählt. »Ich ging heute früh nach Hause«, schrieb Charles Francis Adams junior an Schurz, »mit dem beruhigenden Bewußtsein, daß der blutige, graue Skalp des alten Bill Allen sicher an Ihrem Gürtel baumelt.« Der Vorsitzende des republikanischen Wahlkomitees erklärte in aller Form, daß der Sieg zum großen Teil Carl Schurz zuzuschreiben sei; zu gleicher Zeit bat er diesen um Verzeihung, daß ihm die aus dem Wahlkampfe erwachsenen Ausgaben noch nicht vergütet seien, was er sich nachzuholen erbot. Carl Schurz lehnte aber dieses Anerbieten ab, dessen Annahme das Prinzip und den Zweck seiner Beteiligung an der Agitation kompromittiert haben würde. »Ich war froh«, schrieb er, »daß sich mir Gelegenheit bot, zu tun, was ich getan habe, und ich fühle mich durch den Erfolg reichlich belohnt.«

Aber solche innere Befriedigung sichert keinen Lebensunterhalt. Daher folgte für Carl Schurz auf die Agitationsreisen in Ohio eine lange arbeitsreiche Periode, in der er öffentliche Vorträge hielt. Seine romantische Laufbahn, sein weiter geistiger Ausblick und seine begeisternde Redegabe hatten ihm schon über anderthalb Jahrzehnte als Vortragsredner große Beliebtheit erworben. So war es ihm ein Leichtes, sein bescheidenes Einkommen zu vergrößern, dessen sicherste, wenn auch nicht immer bedeutendste Quelle seine journalistische Tätigkeit bildete. Während der langen, anstrengenden Vortragstournee, die er im Winter 1875-76 unternahm, hörte er nicht auf, brieflich und mündlich im Interesse »einer Bewegung zu arbeiten, wie es die von 1872 hättes ein sollen«. Nachdem die Kandidatur Grants durch das Repräsentantenhaus das sich in einer Resolution fast einstimmig gegen einen dritten Amtstermin aussprach, unmöglich gemacht worden war, wurden Morton, Conkling, Blaine, der frühere Sprecher des Unterhauses, und Finanzminister Bristow die führenden Kandidaten für die republikanische Nomination. Carl Schurz fing bald für Bristow zu agitieren an, der bei der Aufdeckung der Skandale in der Verwaltung eine bedeutsame Rolle gespielt hatte, und auf den man sich also als energischen und erfolgreichen Reformer verlassen konnte.

Aber Blaines Kandidatur hatte große Aussichten, und auch viele Unabhängige neigten sich ihm zu, da er für einige liberale Maßnahmen eingetreten war und große geistige Regsamkeit und ein gewinnendes Wesen besaß. Morton und Conkling waren seine stärksten Nebenbuhler. Als Grants Adjutanten und bereitwillige Vorkämpfer verfügten sie in der Hauptsache über die stramme Unterstützung der Partei. Die Leidenschaften der Kriegszeit schlummerten. Um nun seinen Mitbewerbern innerhalb der Partei den Rang abzulaufen, benützte Blaine am 10. Januar 1876 die Gelegenheit, um im Repräsentantenhause auf die Ex-Konföderierten einen theatralisch inszenierten Angriff zu machen und die Schrecken der Kriegsgefängnisse im Süden mit den düstersten Farben zu schildern. Dies war von unmittelbarer Wirkung. Die Vorurteile des Nordens flammten auf. Blaine stolzierte in die Mitte der Szene. Aber er hatte nicht bedacht, welchen Eindruck ein solches Manöver auf die Unabhängigen machen würde, die ursprünglich für ihn gewesen waren. Viele zogen sich sofort von dem Manne zurück, der sich ihres Vertrauens unwürdig gezeigt hatte.

Carl Schurz hatte Blaines Charakter schon lange richtig eingeschätzt Am 4. Januar 1876, also noch vor dieser neuen Offenbarung, schrieb er an Bowles: »Es werden hier in New York gewaltige Anstrengungen für Blaine und Bristow gemacht. Unser Freund Phelps ist von neuem dem »persönlichen Magnetismus« Blaines zum Opfer gefallen, Nordhoff desgleichen, und es hat den Anschein, als seien sie ihm so verfallen, daß auf ihre Ernüchterung nur geringe Aussicht ist. Ich tue alles, was in meinen Kräften steht, aber ohne große Hoffnung auf Erfolg.« Sechs Tage nach Blaines aufsehenerregender Rede schickte Schurz folgenden heitern Kommentar an Bowles: »Es sieht fast so aus, als hätte Blaine selbst seiner Kandidatur den Todesstoß versetzt, wie ich es immer von ihm erwartet habe. Er mag sich scheinbar erholen, aber ich bin überzeugt, seine allzu große Pfiffigkeit wird ihm doch noch den Garaus machen.«

Selbstredend hegte Blaine für Schurz und dessen Ideale keine Sympathien, aber er sah deutlich, wie wichtig es für ihn war, die Unterstützung des eigentlichen Führers der Unabhängigen zu erlangen. Weit stärkere Gegner als Phelps und Nordhoff waren seinem sprichwörtlichen Magnetismus und dem Zauber seines herzgewinnenden Wesens erlegen, die fast unwiderstehlich wirkten, selbst wenn sie völlig unaufrichtig waren. Er versuchte seine Künste von Zeit zu Zeit an Schurz, aber vergebens. Als er Schurz einmal bei Nordhoff traf, erneuerte er seine Annäherungsversuche, nachdem dieser das Zimmer verlassen hatte. Er begleitete dann Schurz auf dem Heimwege, und als sie sich dem Lafayette-Platz näherten, wurde es Blaine klar, daß seine üblichen Mätzchen nichts fruchteten und der Moment für einen großen Theatercoup gekommen war. Er wurde immer freundschaftlicher, immer warmherziger, aber immer noch ohne die erwünschte Wirkung zu erzielen. Da fiel er Schurz fast buchstäblich um den Hals, blickte ihm flehend ins Auge und sagte: »Carl, Sie. werden doch nicht g e g en mich agitieren!«

Inzwischen hatte sich Carl Schurz mit dem Plan einer Konferenz der Unabhängigen getragen, wo Schritte besprochen werden sollten, um zu »verhindern, daß der Wahlkampf der in das Jahr des hundertjährigen Bestehens der Republik fiel, nicht zu einer bloßen Rauferei um die politische Beute würde«. Die nächsten vier Monate widmete er der Ausarbeitung dieses Planes. In aller Stille und mit der größten Vorsicht – um die Teilnahme der Elemente zu verhindern, die die Bewegung von Cincinnati zum Scheitern gebracht hatten – versicherte man sich der Mitwirkung von Hunderten von Republikanern und Unabhängigen, deren Namen von Einfluß auf die öffentliche Meinung und die Wähler waren.

Gerade im kritischen Stadium dieser Bewegung traf den Führer ein furchtbarer Schlag. Frau Schurz starb am 15. März 1876. Seinen vielen Freunden gelang es erst nach Wochen, ihm durch freundliche Zusprache die gewohnte Geistesruhe wiederzugeben, die die bevorstehende Arbeit erforderte. Aber im April ergingen endlich die formellen Einladungen zu einer Konferenz, die auf den 5. Mai im Fifth Avenue Hotel in New York anberaumt war. Nahezu zweihundert der Eingeladenen – eine viel größere Zahl, als man erwartet hatte – nahmen teil. Unter den Anwesenden, die viele Staaten vertraten, befanden sich Präsidenten und Professoren von Colleges, Geistliche, Schriftsteller, Philanthropen und andere Männer von großer Einsicht und bedeutendem Einfluß. Die Sorgfalt, mit der man die Fehler des Jahres 1872 zu vermeiden suchte, fand sich belohnt. Die »praktischen Politiker«, die in Cincinnati das Fiasko verursacht hatten, fehlten glücklicherweise, die Verhandlungen nahmen einen harmonischen Verlauf und beschränkten sich klugerweise auf die Erteilung von Ratschlägen für die bevorstehende Wahl. Das wichtigste Ergebnis der Beratungen war die Annahme eines von Schurz verfaßten Aufrufs an die Wähler. Dieser Aufruf brachte die Bedürfnisse der Zeit in dem wohlbekannten Verlangen nach Reform in der Verwaltung und nach einer durch unabhängiges Handeln der Wähler zu bewerkstelligenden Neugestaltung der Parteien zum Ausdruck. Die größte Aufmerksamkeit zog der Teil des Aufrufs auf sich, der diejenigen Arten von Politikern beschrieb, denen die Reformer ihre Stimmen verweigern würden. Es waren keine Namen genannt, aber die bekannten Züge aller führenden republikanischen Bewerber um die Präsidentschaft, mit Ausnahme Bristows, traten in scharfen Umrissen hervor. Auf diese Weise waren nicht nur Blaine, Morton und Conkling ausgeschlossen, sondern zugleich alle Neulinge (dark horses), Verlegenheitskandidaten, deren Aussichten auf die Nomination sich auf ihre Schwäche und Nachgiebigkeit gründeten, nicht auf ihre Charakterstärke und ihre Entschlossenheit, die Reform trotz aller Hindernisse durchzusetzen. Auf die Annahme des Aufrufs erfolgte die Wahl eines ausführenden Ausschusses, der ermächtigt war, die Konferenz im Notfalle von neuem einzuberufen. Mit diesem Notfalle aber war die Aufstellung eines für die Unabhängigen unannehmbaren Kandidaten seitens der Republikaner gemeint.

Ehe der republikanische Konvent am 14. Juni in Cincinnati zusammentrat, hatte Blaine sich noch durch etwas anderes als seine »Pfiffigkeit« geschadet: seine öffentlich bekannt gewordene Bestechlichkeit erdrückte ihn, wie die Schlangen den Laokoon. Während noch die Konferenz tagte, hatte sich der Verdacht so stark geregt, daß eine Untersuchung gegen ihn angestrengt wurde, und ehe der Konvent zusammentrat, hatten ihn die »Mulligan Briefe«, die seine Bestechlichkeit erwiesen, ernstlich kompromittiert. Seine Aussichten waren dahin, obgleich er mehr Anhänger hatte als irgend ein Kandidat. Bristow, Morton und Conkling fanden außerhalb ihres Heimatstaates nicht genügende Unterstützung, und so rückte nach Ausscheidung der eigentlichen Führer»der Lieblingssohn Ohios«, Hayes, in den Vordergrund und erhielt die Nomination.

Seit seiner Wahl zum Gouverneur von Ohio, im Jahre 1875, war Hayes nachdrücklich der Aufmerksamkeit der Partei empfohlen worden, aber bis kurz vor dem Konvent hatte dies eine kaum merkliche Wirkung gehabt. Schon im Februar 1876 wandte sich Lee, der Sekretär des Gouverneurs, vertraulich an Schurz und erteilte ihm ausführliche Auskunft über den Standpunkt, den Hayes zu den brennenden Tagesfragen einnahm. Über seine Stellung in der Währungsfrage hatte nie ein Zweifel geherrscht. Jetzt überzeugte Lee nun Carl Schurz auch, daß Hayes bezüglich des Südens und der »Zivildienstreform« mit ihm übereinstimmte. Während der ganzen Zeit, die dem republikanischen Konvent vorausging, erhielt dann Schurz immer von neuem Aufklärungen, die es ihm ermöglichten, sich ein ziemlich klares Bild von Hayes’ Charakter und Fähigkeiten zu bilden, und die ihm das volle Vertrauen gaben, Hayes werde sich den rechten Einflüssen zugänglich erweisen. Als es nun Bristow nicht gelang, den Konvent für sich zu gewinnen, lenkte sich die Aufmerksamkeit vieler Unabhängigen auf Hayes Bald nach der Nomination erklärte Carl Schurz, anfangs nur im privaten Gespräch, daß ihm Hayes annehmbar sei, und andere führende Teilnehmer an der New Yorker Konferenz ließen sich in gleichem Sinne vernehmen.

Andere freilich, darunter solche, die Schurz sehr nahe gestanden hatten, bezweifelten, daß Hayes die erforderlichen Eigenschaften besitze, und zogen Tilden vor, von dem man zuversichtlich erwartete, daß ihn die Demokraten als Kandidaten aufstellen würden. Dabei war es nun bezeichnend für die politischen Zustände und Schurz’ großen Einfluß, daß Gustav Körner aus Illinois, der auch in das Lager der Demokraten übergegangen war, Carl Schurz sofort nach der Nomination bat, er möge seinen Entschluß, für Hayes zu stimmen, nicht gleich öffentlich bekannt machen, denn wenn die Demokraten zu der Überzeugung gedrängt würden, daß sie die Unabhängigen nicht für sich gewinnen könnten, würden sie Tilden fallen lassen und sich den Verfechtern der Geldverschlechterung in die Arme werfen. »Unser Wunsch ist, daß beide Parteien Kandidaten aufstellen, die »gutes Geld« befürworten, damit in jedem Falle, ob nun die Wahl auf einen Republikaner oder einen Demokraten fällt, eines der großen Ziele der liberalen Republikaner erreicht wird.«

Schurz’ Stellungnahme wurde bald öffentlich bekannt. Für viele Liberale war das eine bittere Enttäuschung und einige waren nahe daran, die Lauterkeit seiner Beweggründe in Zweifel zu ziehen, denn sie legten sein Verhalten dahin aus, daß er wieder in die Reihen der regulären Republikaner getreten sei, die er im Jahre 1872 verlassen hatte. Und sein Schritt erschien ihnen mit vollem Rechte als gleichbedeutend mit dem Ende der liberal-republikanischen Bewegung, zu deren Anregung und Förderung er am meisten beigetragen hatte.

Freilich hätte Schurz eine neue, eine Reformpartei vorgezogen, aber, da ein solches Unternehmen augenblicklich ganz aussichtslos war, arbeitete er nun vor allem darauf hin, das Regime Grant zu Falle zu bringen, republikanische Macher wie Morton, Conkling, den pfiffigen Blaine politisch unmöglich zu machen, und so die Partei zu zwingen, sich zu Führern der Reform und einer neuen liberalen Politik zu bekennen. Nach seinem Dafürhalten hatte nun aber die Kaltstellung aller jener Männer und Hayes’ Nomination manches von dem zur Wirklichkeit gemacht, was die liberalen Republikaner anstrebten, und durfte als Bürgschaft für weitere Fortschritte in allernächster Zukunft gelten.

Schurz’ Entschluß, für Hayes zu wirken, brachte die beiden Männer bald in intime Beziehungen. Bei einer persönlichen Unterredung, Anfang Juli, und im Laufe des regen Briefwechsels, der darauf folgte, legte der Führer der Reformbewegung deutlich und nachdrücklich dar, welcher Art der Inhalt des Briefes sein müsse, in dem der Kandidat, wie üblich, die Annahme der Nomination aussprach. Auf Wunsch des letzteren unterbreitete Carl Schurz einen Entwurf des Abschnittes, der die »Verwaltungsreform« betraf, und verschiedene darin enthaltene Wendungen, sowie der eigentliche Sinn desselben fanden Annahme. Und es war auch Schurz’ Anregung zuzuschreiben, daß Hayes das feierliche Versprechen, nicht für eine Wiederwahl zu kandidieren, unmittelbar auf den Abschnitt über die »Verwaltungsreform« folgen ließ, um so die nahe Beziehung der beiden Punkte zu betonen. Die Währungsfrage wollte Hayes anfangs in seinem formellen Annahmeschreiben übergehen, aber er fügte sich schließlich der gegenteiligen Ansicht von Schurz In der Form, wie es schließlich veröffentlicht wurde, stellte das Schreiben die Reformer sehr zufrieden, und es sicherte Hayes so die Unterstützung eines großen Bruchteils der Unabhängigen.

Wenn nun auch die ausgezeichnete Wirkung des Schreibens Carl Schurz befriedigte und ermutigte, so berührten ihn doch gewisse Dinge in der Leitung des Wahlkampfes höchst unangenehm und bestimmten ihn, Hayes ernstliche Vorstellungen zu machen. So war z. B. die Ernennung von Zachariah Chandler zum Vorsitzenden des nationalen Wahlkomitees geradezu lächerlich unpassend; aber in jenen Tagen diktierte weder der Kandidat, noch das Weiße Haus das Programm oder die Wahl der Leiter des Wahlkampfes. Obgleich Schurz zugab, daß es eine heikle Sache für Hayes sei, sich einzumischen, so war er entschieden der Ansicht, daß etwas geschehen müsse. Besonders betonte er die üble Wirkung des Verfahrens, das man von Chandler erwarten durfte, daß er nämlich von den Beamten Beiträge zur Bestreitung der Wahlkosten verlangen würde. Schurz’ Befürchtungen verwirklichten sich auch sofort, und er drang nun in Hayes, einzuschreiten und, wenn möglich, dem Eintreiben solcher »freiwilligen Beiträge« von Regierungsbeamten ein Ende zu machen. Diese Vorstellungen verfehlten ihren Eindruck auf Hayes nicht. Einige Wochen später ging Schurz von diesem die Abschrift eines Briefes zu, in dem er gegen das Verfahren Protest einlegte und bat, man möge davon abstehen.

Während des ganzen Wahlkampfes hielt Carl Schurz im Interesse der Sache, für die er sich erklärt hatte, Reden, die sich durch den ihm eignen würdigen Ernst und große Beredsamkeit auszeichneten. Gleichzeitig stand er in regem und intimem Briefwechsel mit dem Kandidaten, immer bereit, allen der Reform feindlichen Einflüssen entgegenzuarbeiten. Tilden erfreute sich als Reformer eines so guten Rufes, daß die Aussichten der Republikaner beim Herannahen der Entscheidung des Wahlkampfes ernstlich gefährdet schienen. Die geriebenen Parteipolitiker, besonders Blaine, Morton und Conkling, hatten den Eindruck, die einzige Hoffnung auf Erfolg liege in der nachdrücklichen Betonung der »Frage des Südens« und der Möglichkeit eines Triumphes der »Rebellen«, falls die Demokraten siegten. Schurz bekämpfte diese Ansicht energisch und schrieb häufig und eindringlich an Hayes. Er behauptete, daß, wenn man die Reformfrage in den Hintergrund schiebe, die unabhängigen Wähler, denen es hauptsächlich um Reform zu tun sei, zu Tilden übergehen würden. »Der Ruf nach einer »gründlichen Änderung« ist sehr stark. Die Leute sagen sich: »Gouverneur Hayes ist ein ehrlicher Mann, aber welchen Zweck hat es, ihn zu wählen, wenn dann die Regierung ganz unter der Herrschaft von Männern, wie Morton, Conkling, Cameron, Chandler, Blaine usw. steht?« Und damit wenden sie sich von uns ab und gehen dahin, wo sie einer »gründlichen Änderung« gewiß sind. Ich könnte Ihnen zahlreiche Briefe von Männern zeigen, die im Herzen der republikanischen Partei zugeneigt sind, kühles Urteil, geachtete Stellung und Einfluß besitzen, und die diesen Schritt getan haben oder bereit sind ihn zu tun. Ich fühle, daß die Frage, die ich mit Ihnen bespreche, recht heikel ist, aber ich kann ganz frei und offen darüber reden, denn ich verfolge keine Privatinteressen dabei. Wenn Sie siegen, werden Sie mich nicht unter denen finden, die um ein Amt oder eine Gefälligkeit bitten oder dergleichen von Ihnen erwarten. Ich habe lange genug öffentliche Ämter bekleidet, um deutlich zu sehen, wie wertlos sie als Faktor menschlichen Glückes sind; besonders seit der schweren Heimsuchung im vorigen Jahre habe ich in dieser Beziehung ganz und gar keinen Ehrgeiz mehr.«

Es darf nicht wunder nehmen, daß Hayes die Sachlage mit andern Augen ansah, und so fruchtete all die Kraft und Zähigkeit, mit der Schurz ihm Vorstellungen machte, nur wenig. In der Theorie mochte ihm Schurz’ versöhnliche Politik zusagen, aber er konnte die Partei und ihre tatsächlichen Führer nicht unberücksichtigt lassen, selbst wenn sie herben Tadel verdienten. Am 15. September schrieb Hayes: »Mit jedem Tage rücken bei dem Wahlkampfe zwei Fragen mehr in den Vordergrund, die Gefahren eines Sieges des vereinigten Südens und Tildens Ruf als Reformer.« Von diesem Gefühl bestimmt, machte sich der Kandidat in den letzten sechs Wochen vor der Wahl durchaus den Standpunkt derer zu eigen, die auf die entsetzlichen Zustände im Süden verwiesen und, wie es damals hieß, »mit Unruhe in die Zukunft blickten«, wo die Demokraten wieder das Heft in den Händen hätten. Aber Carl Schurz hielt an dem von ihm gewählten Verhalten zur Förderung der republikanischen Sache fest. Er allein unter allen führenden Rednern auf dieser Seite schob die Frage des Südens in den Hintergrund und legte den Hauptton auf die Frage der Verwaltungsreform als Grund für die Unterstützung von Hayes.

Auf die anstrengende Arbeit während des Wahlkampfes folgte wiederum eine längere Vortragsreise. Aber wenn diese private Beschäftigung ihn auch nicht in Anspruch genommen hätte, so wäre ihm bei den Verwicklungen jener Tage kaum möglich gewesen, sich nützlich zu machen. Die Wahlen hatten keine unzweideutige Entscheidung gebracht, und es handelte sich nun darum, welchem der beiden Kandidaten gewisse Wahlstimmen zuzusprechen seien. Die Situation verlangte strammsten Parteigeist, und der war bei Schurz niemals zu haben. Er suchte bei verschiedenen Anlässen, Hayes in seiner Stellung zu der Streitfrage zu beeinflussen, aber seine Bemühungen waren erfolglos.

Aber was für Meinungsverschiedenheiten auch zwischen Schurz und Hayes während und nach dem Wahlkampfe bestanden haben mochten, so waren die beiden Männer doch in allen Hauptpunkten einig, als die Anerkennung von Hayes’ Ansprüchen auf die Präsidentenschaft wahrscheinlich wurde. Während der letzten Hälfte des Januar erbat sich Hayes von Schurz Vorschläge bezüglich seiner Antrittsrede und der Zusammensetzung des Kabinetts In seiner Erwiderung legte Schurz besondern Nachdruck darauf, daß das Kabinett über die »Verwaltungsreform« ein es Sinnes sein müsse, und schlug unter diesem Gesichtspunkte Evarts zum Minister des Auswärtigen, Bristow zum Finanzminister vor. Dagegen fand der Name von John Sherman keine Erwähnung, zweifellos, weil nach Schurz’ und vieler anderer Überzeugung der Parteigeist früher oder später alle etwaigen reformfreundlichen Neigungen Shermans unterdrücken werde. Als Hayes die Absicht äußerte, einen Südstaatler in das Kabinett zu berufen, machte Carl Schurz den Vorschlag, dann einen nicht der Partei Angehörenden zu nehmen, und gegen sein Erwarten ging der Präsident darauf ein.

Schon im Dezember hatte Carl Schurz von General Cox die Andeutung erhalten, Hayes denke daran, ihn zum Mitglied seines Kabinetts zu machen, vorausgesetzt natürlich, daß der Streit über die Zählung der Wahlstimmen zugunsten der Republikaner entschieden werde. Als dann im Februar eine solche Entscheidung höchst wahrscheinlich geworden und Hayes mit bezug auf Schurz zu einem bestimmten Entschlusse gekommen war, schrieb dieser an Murat Halstead, er solle es bei Hayes durchzusetzen suchen, daß Bristow und nicht Sherman Finanzminister werde. Darauf schrieb nun Halstead folgende charakteristische Erwiderung: »Sie schlagen vor, ich solle nach Columbus reisen, um Hayes aufzusuchen und Bristow zu empfehlen. Ich habe ihn hier gesehen und Schurz empfohlen . . . Shermans Berufung ins Finanzministerium ist entschieden. Es lohnt sich wohl kaum, gegen das Unabänderliche anzukämpfen . . . Ich bin sehr in Hayes gedrungen, Sie zu ernennen, und habe festgestellt, daß nach seiner Meinung das Ministerium des Innern mehr Gelegenheit zur »Verwaltungsreform« bietet als das Kriegsministerium . . . Ist zu befürchten, daß Sie als Mitglied des Kabinetts ein störendes Element sein würden? Wie würden Sie sich mit Sherman vertragen, wenn Evarts, Hawley und Harlan Ihre Kollegen wären? Was mir Hayes auf mein Drängen erwiderte, würde Ihnen eine sehr angenehme Lektüre sein, aber ich fühle mich nicht ermächtigt, es zu wiederholen.«

Kurz darauf, am 25. Februar, schrieb Hayes an Schurz: »Es ist nicht – oder war nicht meine Absicht, mich bezüglich der Berufungen ins Kabinett festzulegen, ehe die Frage der Gültigkeit meiner Wahl entschieden war. Aber ich halte es für angemessen, Ihnen zu sagen, daß ich schon lange den Wunsch hege, Sie im Falle der Bestätigung meiner Wahl zu bitten, in das Kabinett einzutreten. Ich bin überzeugt, daß es für das Land und für mich besonders ein Glück wäre, wenn Sie Mitglied des Kabinetts würden. Es ist nicht wahrscheinlich, daß sich meine Anschauungen darüber ändern. Am liebsten sähe ich Sie im Ministerium des Innern, sonst aber schlage ich das Portefeuille des Generalpostmeisters vor.« Carl Schurz erklärte sich daraufhin zur Übernahme des Ministeriums des Innern bereit; zur Verwaltung der Post sei ein Grad von praktischem Geschäftssinn und von Erfahrung nötig, den er nicht zu besitzen glaube.

Als der Präsident die Namen der Männer bekannt gab, die sein Kabinett bilden sollten, äußerten sich die Liberalen und Reformer der Partei im beistimmenden Sinne; aber die Radikalen und die Republikaner strengster Observanz, die voraussahen, daß ihr Einfluß bei der neuen Regierung nur gering sein würde, ließen es an schneidender Kritik nicht fehlen. Daß ein Ex-Konföderierter, General Key, Generalpostmeister werden sollte, nahmen sie gewaltig übel; aber die feindseligste Besprechung erfuhr die Berufung von Schurz. Key – so meinten sie – sei ausgesprochenermaßen Demokrat und niemals etwas anderes gewesen, und seine Berufung sei eben nur ein Stückchen liebenswürdiger Torheit; aber Schurz sei ein Renegat, der die Republikaner 1872 im Stiche gelassen und sich ihnen nun wieder zugesellt habe, um der Partei von neuem Schaden zuzufügen. Und es schien ihnen besonders anstößig, daß ein solcher Mann bestimmt sein sollte, der Nachfolger eines Chandler zu werden, dessen unentwegte Treue gegen die Partei nie gewankt habe. Das war eine unerträgliche Beleidigung, die das abstrakte Prinzip der Partei zufügte! So konnte es niemand überraschen, daß sich das Gerücht verbreitete, die Republikaner würden die verfassungsmäßig notwendige Bestätigung von Carl Schurz im Senat hintertreiben. Um dieser Möglichkeit vorzubeugen, drangen einige seiner Verehrer in die demokratischen Senatoren, für seine Bestätigung zu stimmen. Es war Schurz eine besondere Genugtuung, zu erfahren, daß frühere Kollegen im Senat und auch Oswald Ottendorfer, der ihn bei dem Wahlkampf von 1876 energisch bekämpft hatte, sich bei dieser Agitation beteiligt hatten. Als der Senat über die Bestätigung der Kabinettsmitglieder abstimmte, machte sich gegen den in Aussicht genommenen Minister des Innern eine Opposition von Belang nicht geltend, und so trat also Carl Schurz in Hayes’ Kabinett ein.

WIRD FORTGESETZT

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