Büberei

In Frankfurt am Main war ich nur drei Jahre auf dem Gymnasium. Dann wurde ich hinausgeschmissen. Mein Ordinarius erklärte plötzlich eines Tages, einer von uns beiden könne die Klasse nicht mehr betreten. Der Rektor entschied sich für mich. Als meine Anverwandten weinend bei jenem Lehrer erschienen und ihn fragten, was denn um Gottes willen gegen mich vorläge, erwiderte er: »Es ist nichts Bestimmtes gegen ihn zu monieren. Aber er ist ein Lausbub.« Er strich seinen kakaofarbigen Vollbart und fügte drohend hinzu: »Mit fünfzehn Jahren!«

Ich habe inzwischen über diese Frage noch öfters nachgedacht und gefunden, daß ein Lausbub etwas sehr Erfreuliches ist. Denn ich habe erkannt, daß die Menschen überhaupt nur in zwei Gruppen zerfallen: in Lausbuben und sogenannte ›ernste Menscher‹, oder, wie ich es manchmal zu nennen pflege, in ›Samumisten‹, das heißt: Menschen, die wie Samum wirken, indem sie alles Lebendige im Keime ersticken.

Lehrer, zum Beispiel, sind meistens Samumisten und daher so ziemlich die unbegabtesten Mitglieder der menschlichen Gesellschaft. Künstler dagegen sind immer Lausbuben und daher so ziemlich die begabtesten Lebewesen.

Ich sagte: ein Lausbub sein heißt ungefähr ebensoviel wie: Talent haben, und ich muß hinzufügen, daß der Grad, bis zu dem die Büberei in einem Menschen entwickelt ist, im graden Verhältnis zu der Tiefe und dem Umfang seiner Begabung steht. Um dies empirisch zu beweisen, müßte ich die ganze Weltgeschichte erzählen; ich beschränke mich daher auf ein paar notwendige Beispiele. Bismarck hat doch wohl ziemlich unbezweifelbare positive Leistungen vollbracht. Seine Freude am Witzereißen und Anulken war aber so unbezähmbar, daß sie ihn nahezu niemals verließ. Statt  irgendeiner der zahllosen Anekdoten, die hierüber berichtet werden, will ich nur auf ein einziges Faktum hinweisen, das mehr beweist, als alle Anekdoten, nämlich eine Stelle aus dem Tagebuch Kaiser Friedrichs. Dieser, Bismarck, Roon und Moltke waren am fünfzehnten Juli 1870 König Wilhelm, der von Ems nach Berlin kam, bis Brandenburg entgegengefahren. Unterwegs hielt dann Bismarck dem König einen zusammenfassenden Vortrag über die europäische Lage, und der Kronprinz fügt hinzu: »mit großer Klarheit und würdigem Ernst, frei von seinen sonst so gewöhnlich beliebten Scherzen«. Man denke sich in die Situation: zwischen Emser Depesche und allgemeiner Mobilmachung entwickelt der Kanzler des Norddeutschen Bundes dem König, dem Kronprinzen, dem Kriegsminister und dem Chef des Generalstabes die maßgebenden Gesichtspunkte, bleibt dabei vollkommen ernst, macht nicht einen einzigen Witz, und der Kronprinz notiert diese auffallende Tatsache in sein Tagebuch. Hieraus geht doch wohl hervor, daß es Bismarck im allgemeinen am nötigen Ernst gefehlt haben muß, was ihn aber nicht gehindert hat, das größte praktische Genie zu sein, das Deutschland seit Friedrich dem Großen hervorgebracht hat. Dem es übrigens auch am nötigen Ernst gefehlt hat. Von ihm sagt Macaulay: »Er besaß eine Liebhaberei, die bei einem Knaben verzeihlich sein mag, die aber bei einem Manne von reifen Jahren und gutem Verstande, wenn er sich ihr gewohnheitsmäßig und mit voller Überlegung hingibt, fast unfehlbar auf eine böse Gemütsart schließen läßt. Dies war seine Freude an boshaften Streichen (severe practical jokes). Wenn ein Höfling eitel auf seine Kleider war, wurde ihm Öl über seinen reichsten Anzug geschüttet. Hing er am Gelde, so wurde ein Trick ersonnen, durch den er gezwungen war, mehr zu zahlen als er zurückbekam. Wenn er hypochondrisch veranlagt war, wurde ihm eingeredet, er habe die Wassersucht. Hatte er sich fest vorgenommen, nach einem bestimmten Ort zu fahren, so wurde ein Brief fingiert, der ihn von der Reise abschreckte.« Mit diesen Dingen befaßte sich Friedrich der Große, während er im Begriffe stand, sein Heer zum schlagkräftigsten, seine Verwaltung zur leistungsfähigsten und seinen  Staat zum gefürchtetsten im damaligen Europa zu machen. Und nun will ich, um das nüchterne Preußen nicht zu verlassen, nur noch Moltke nennen, dessen finsterer, schweigsamer Ernst sprichwörtlich geworden ist. Als Bismarck Moltke Mitte Juni 1866 zu sich gebeten hatte, um ihm mitzuteilen, daß der König sich endlich entschlossen habe, den Operationen an der böhmischen Grenze eine kriegerische Wendung zu geben, womit der seit mehr als hundert Jahren drohende große Entscheidungskampf endlich zum Ausbruch kam, drehte sich Moltke beim Verlassen des Zimmers noch einmal um und fragte Bismarck, ob er schon wisse, daß die Dresdner ihre große Brücke gesprengt hätten. »Schade!« sagte Bismarck, »die schöne Brücke! – Wann ist sie denn gesprengt worden?«– »Gestern«, erwiderte Moltke, »aber nur mit Wasser.«

Bei den Künstlern wird man mir den Beweis erlassen, denn die ganze Kunst ist ja nichts als eine große Lausbüberei. Es ist gewiß kein Zufall, daß bei Shakespeare die Humoristen immer die gescheitesten Menschen sind.

Auch daß die Philosophen ernste Menschen sind, ist nur eine Legende. Ja, ich möchte sogar behaupten: der Philosoph fängt erst dort an, wo der Mensch damit aufhört, sich und das ganze Leben ernst zu nehmen. Das hat schon Pascal gewußt, der doch gewiß um die Probleme des Glaubens und Erkennens so ernst gerungen hat, wie nur irgendeiner, und der dennoch den Satz sprach: Le vrai philosophe se moque de la philosophie. Und denselben Gedanken findet man in allen möglichen Variationen bei Nietzsche ausgesprochen. Auch Kant läßt in vielen seiner kleineren Schriften einen unverkennbaren Zug von Ironie durchblicken, und Hegel war einer der witzigsten Köpfe seiner Zeit. Die Vorrede zu Schopenhauers monumentalem Hauptwerk schließt bekanntlich ebenfalls mit einem Witz. Oder denken wir an Sokrates. Erst die humorlosen Aufklärungsphilosophen des achtzehnten Jahrhunderts haben aus ihm einen langweiligen Doktrinär und Tugendprediger, eine Art griechischen Quäker gemacht. Aber seine Zeitgenossen sahen in ihm etwas ganz anderes als einen perorierenden Moralphilosophen: für sie war er in erster Linie ein unterhaltsames Original.  Alle liefen ihm nach, ganz Athen war von diesem liebenswürdigen, witzigen und geistreichen Poseur fasziniert, der nicht glaubte, weil er ein Philosoph sei, müsse er in seinem Zimmer sitzen, der sich mit allem möglichen niederen Volk unterhielt, mit Schmieden, Topfdrehern, Markthelfern und Dirnen, und an ihnen seine Begriffe entwickelte, der am meisten trinken konnte, jeden Spaß vertrug und eine Art wandelndes satirisches Flugblatt von Athen war. Und zwei der größten Dichterphilosophen des neunzehnten Jahrhunderts haben sogar für Kinder geschrieben: Busch und Andersen. Freilich glauben infolgedessen viele Erwachsene, diese beiden seien für sie nicht gescheit genug.

Nun wollen wir aber zum besonderen Verdruß aller Samumisten einen Schritt weitergehen und rundheraus erklären: alles Wertvolle ist lediglich Spielerei und alle menschlichen Betätigungen bleiben nur so lange wertvoll, wie sie eine Spielerei sind, oder bekommen erst in dem Augenblick einen Wert, wo sie zur Spielerei werden.

Der Philister besitzt jedoch die Gabe, aus allem etwas Zweckvolles, Nützliches und Ernstes zu machen und es dadurch zu entwerten. Doch der Künstler ist in der Lage, alles zum Spiel zu erhöhen und es dadurch zum Erfolg zu führen. Wenn man in der Kunst, deren Wesen in sämtlichen Lehrbüchern der Ästhetik als ›holde Zwecklosigkeit‹ definiert wird, materielle Absichten verfolgt, so wird sie natürlich ebenso wertlos, wie jede andere Schiebertätigkeit, über welchen Gegenstand ich mich ja wohl in den heutigen Zeiten, wo man die Büchermacher von den Buchmachern nicht mehr zu unterscheiden vermag, nicht weiter zu verbreiten brauche.

Übrigens ist für den talentlosen Durchschnittsmenschen auch das Spiel kein Spiel. Billard, Skat, Schach, angeblich ›Spiele‹, sind ganz ebenso trostlose Beschäftigungen wie Bilanzmachen und Aktenrevidieren. ›Sport‹ heißt bekanntlich auf deutsch ›Spiel‹: aber auch das Pferderennen, Turnen und Jagen wird für den Normalmenschen zum tödlichen Ernst und zu einer niedrigen Knechtstätigkeit, die sich in nichts von den häßlichen, aber doch wenigstens  unentbehrlichen Arbeiten der Fuhrleute und Dachdecker unterscheidet. Ja, sogar aus der Wissenschaft haben die Schullehrer etwas Ernstes gemacht.

Und nun bleibt zum Schluß nur noch übrig, sich klarzumachen, daß und warum nur die Spielerei einen Erfolg haben kann. Denn was ist ›Erfolg‹, die Sache im weitesten Sinne genommen? Erweiterung und Differenzierung des menschlichen Daseins. Ein Mensch, der auf Nutzen und Sinn ausgeht (›Sinn‹ ist nichts anderes als Nutzen, theoretisch gewendet), ist aber niemals in der Lage, sich intensiv und extensiv zu steigern. Intensiv nicht, weil die fortwährende Rücksicht auf den Endzweck einer Betätigung von dieser Betätigung selbst ablenkt und es daher unmöglich macht, sich in sie zu vertiefen. Extensiv nicht, weil die Rücksicht auf Nutzen und Sinn einer Beschäftigung diese Beschäftigung notwendigerweise in den alten Formen festhält und somit niemals etwas Neues entstehen kann. Denn als nützlich wird immer betrachtet, was bisher genützt hat; als sinnvoll gilt, was einen Sinn bereits hat.

In der Tat sind denn auch alle großen, tiefen und neuen Dinge immer spielend gefunden worden. So verdanken, zum Beispiel, alle praktischen Erfindungen von der Urzeit angefangen, ihre Entstehung höchst unpraktischen Beschäftigungen. Das Wurfgeschoß, der Feuerstein, der Hammer: all dies war anfangs Spielerei. James Watt beobachtete zum Zeitvertreib einen summenden Teekessel, und infolgedessen hat die Erdoberfläche ihr Aussehen gänzlich verändert. Graf Mirabeau, ein geistreicher Schauspieler, der gut reden konnte und sich gern reden hörte, hält eine Reihe von öffentlichen Deklamationsübungen, und das soziale Gebäude Europas geht aus den Fugen. Jener bereits genannte gutgelaunte ältere Herr namens Sokrates vertreibt sich die Zeit mit Aphorismen, ein ebenso gutgelaunter Landsmann von ihm, namens Plato, macht sich daraus eine Reihe amüsanter Dialoge, und Bibliotheken schichten sich auf, Bibliotheken werden auf dem Scheiterhaufen verbrannt, Bibliotheken werden als Makulatur verbrannt, neue Bibliotheken werden geschrieben, und hunderttausend Köpfe und Mägen leben von dem Namen Plato.

Der ernste Mensch hingegen erreicht ausnahmslos nichts. Er will das Leben zu einer verzinslichen Bankanlage machen, aber es zeigt sich, daß nur tote Sachen Zinsen tragen. Er stellt sich vor die Dinge hin und will ihnen ihren Sinn abfragen, aber sie drehen ihm belästigt den Rücken. Denn die Geheimnisse der Welt machen es wie die Kinder: vor einem ernsten, kalten und würdevollen Wesen ziehen sie sich ängstlich zurück, und es ist nichts aus ihnen herauszubekommen.

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