Bret Harte.

Aus: Geschichte der englischen Litterattur in neunzehnten Jahrhundert– Karl Bleibtreu, Leipzig 1888

Man kann der amerikanischen Litteratur einen Zug nicht abstreiten, der ihr autochthones Herauswachsen aus einer jungfräulichen Urnatur anzeigt: ein tiefes, gesundes Behagen an der Natur, das mit dem Blick des Jägers und des Landmanns ihre Reize geniesst. Wenn sich der Blumengrund der Thäler entrollt, wenn die Knospen aus ihrer Silberschale bersten, wandert der Dichter sinnend umher und betrachtet die Azaleen am Ufer, das Fünffingerkraut am Ackersaum. Am Fingerhut, Lolch und Schierling entgehen ihm nicht die Veränderungen ihrer Fäden und Federn. Sassafras und Ahorn schmücken sich für ihn im Herbste mit Gold und Karmosin, Enzian und Aster flüstern duftige Erntelieder, die Kastanienschalen bersten, Eicheln bedecken den Boden, und die müde Luft schrickt auf vor dem Dreschen auf der Tenne, während schon der Rebhuhnschlag sie aufweckte und der Wachtelpfiff sie neckte. Und nach dem Zauber des späten „Indianischen Sommers“ entfaltet auch der anbrechende Winter seine melancholische Schönheit. Dann blickt z.B. ein Poet wie Bayard Taylor auf die verlassenen Gärten, wo die Fichte mit greisem Barte schneebelastet schmollt, standhaft ihr Grün im kahlen Dickicht unter nackten Eschen behauptend, wo aber die Blüte des Gaisblatts und die blauhaarige Hyazinthe längst verwehten, wie auch der Frühlingsglanz der Hoffnung und der Leidenschaft Sommerglut erloschen sind. Als echter moralisierender Yankee tröstet er sich dann:

Ob der welke Stamm des Glückes

Entwurzelt sinkt in den Staub?

Oder schläft nur der Zukunft Samen

Unter der Vergangenheit Laub?

Ja, für tausend Aprile wachsen

Die gefrorenen Keime, ich seh’s.

Und der Tau von tausend Sommern

Harret im Schosse des Schnees.

 

Und wenn nun der Frühling wieder ins Land zieht, dann weiss sich der sonst so bedächtige, massvolle Amerikaner nicht zu fassen mit überströmender
Naturbegeisterung.

Bin ich erwacht aus des Todes Reich,

War die Nacht eine Gruft?

Welch andre schönere Erde gleich!

Ich atme Zauberluft.

Ein Geist der Schönheit vom Berge weht,

Ein Geist der Liebe vom Thal,

Und wie mit hellen Demanten besät

Den Himmel der Sonnenstrahl.

Lugt die Spitze von Blumen. blau wie Azur,

Hervor aus der grünenden An?

Oder reckt dort aus der wogenden Flur

Den Nacken der prächtige Pfau?

Ob eine Taube durchs Dickicht rauscht

Oder ist’s ein beschwingter Ozal?

Denn meine Seele ist ganz berauscht

Vom blendenden Frühlingsstrahl!

Ob nur erhöhte Frühlingspracht

Verklärend alles umloht —

Oder mein Herz, das neu erwacht

Zu der Liebe Morgenrot?

 

Diese spezifisch amerikanische Intimität der Naturempfindung, welcher die englische Naturschilderung mit alleiniger Ausnahme von Burns nur die pomphafte Rhetorik des „klassischen“ Stils entgegenzusetzen hat, fällt zuvörderst bei dem Studium des grossen kalifornischen Naturdichters ins Auge. Kaum je ist eine jungfräuliche Urnatur wie die kalifornische von einem aus ihr selbst in adeliger Reinheit hervorgewachsenen Originaldichter mit solcher melancholisch-nervösen Stimmungsfeinheit stereotypiert werden, Dem wechselvollen Klima und dem verschiedenartigen wechselvollen Boden Kaliforniens hat dieser geniale Meister mit unheimlich scharfer Beobachtungsgabe jedes Geheimnis abgelauscht. Wir fanden in dem amerikanischen Wesen eine Art Spiritismus wirkend: verschwimmende Phantome, die über verschleierte Abgründe hingleiten, und plötzlich aus der Erde aufzuckende Flammen, die für einen Augenblick geisterhaftes Licht über die ganze Szene verbreiten. Wir lernten in dem Schilderer der kalifornischen Sierren, Joaquin Miller, einen dichterischen Abenteurer kennen, der lediglich dadurch mächtige Wirkungen erzielte, dass er die Erfahrungen seines Lebens, unglaublich wie ein Märchen, in packender Leidenschaftlichkeit und Unmittelbarkeit ausplauderte. Diese lyrische Beichte erinnert an Trelawney’s „Abenteuer eines jüngeren Sohnes“. Aber der Einfluss Byrons auf die trunkene Phantasie des bildungslosen Naturpoeten hat eine geschraubte Affektation in ihm ausgebildet, eine geckenhafte Sucht als „Amerikanischer Byron“ zu glänzen – wie denn seine skandalöse Scheidungsgeschichte wohl hauptsächlich dieser Sucht entsprungen sein mag. Das ewige Posieren und Grimassenschneiden, als ob er zu einem Titelkopf des „Giaur“ sitzen oder gar als posthumes Modell des „Corsar“ sich neben Trelawney mit flatternder byronischer Halsschleife aufpflanzen wolle, macht uns Miller zuletzt unerträglich.

Aber zu gleicher Zeit tauchte ein anderer ungeahnter Tropenstern von geheimnisvollem Glanze auf – ein Geist, aus dessen farbenprächtiger Dichtung nicht nur die sengende Tropensonne, sondern auch die beruhigende Pracht der Tropensterne uns entgegenstrahlt – ein neuer Selfmade-Man‚ der nur Selbsterlebtes in seinen dichterischen
Bekenntnissen bot, dem die Poesie nur die passendste Form bot, der seine Seele überfüllenden Bilder und überquellenden Empfindungen ledig zu werden. Als Francis Bret Harte (geb. 1839) begann, kümmerte ihn die Aussenwelt gar wenig: er hatte die Gabe, mit sich allein sein zu können, und schrieb einfach nieder, wie’s ihm um’s Herz war.

Bret Harte ist kein Kalifornier, wie man wohl annehmen sollte, sondern im Staat Newyork geboren. Mit 16 Jahren zog er wie die alten Conquistadoren und die modernen Abenteurer nach Eldorado aus, d. h. er ging Gold suchen „im fernen Westen“. Bis 1871 kämpfte Bret Harte tapfer in Kalifornien.

Er kam in eine wüste Welt, die jedoch allmählich in eine höhere Zivilisation überging, und zwar mit der fabelhaften Schnelligkeit des amerikanischen Dampfbetriebs in Leben und Streben. Um 1850 herum war San Francisco noch ein elendes Nest von 50 Baracken; heut zählt es eine Viertelmillion Einwohner. So wurde denn Bret Harte ein rüstiger Hinterwäldler und Kulturbringer. Selfmade-Man in des Wortes verwegendster Bedeutung, trieb er sich hintereinander als Goldgräber, Postillon, Lehrer, Setzer und Redakteur herum und übte sich eifrig im Gebrauch von Bowiemesser und Revolver. Der Zeitpunkt seines Aufschwungs, des wahren Bahnbrechens für sein Talent, fällt in das Jahr 1864, wo er die Zeitschrift „Overland monthly“ gründete und dort seine ersten Meisternovellen erscheinen liess. lm Sturm eroberte er sich Ruhm. weit über die Grenzen der englischen Sprache hinaus, und als er 1871 in die alte Heimat zurückkehrte‚ da es ihn in Kalifornien nicht länger hielt, wurde er als Löwe, als „Star“ Newyorks freudig empfangen. Seine Einnahmen sollen sich, wie man uns aus sicherer Quelle mitteilte, nach seiner Etablierung anfänglich auf 20000 Dollar jährlich belaufen haben. Gleichwohl wurden seine Verhältnisse so derangierte‚ dass er sich genötigt sah, sich auf einen Sinekureposten zurückzuziehn.
Man verlieh ihm den Konsulatsposten in Krefeld [Seinen dortigen Aufenthalt benutzte er zu der reizenden Studie: „A story of Velvet-town“], neuerdings in Glasgow. Bret Harte ist nämlich ein Spieler, der seine Einnahmen rasch zu vergeuden versteht – somit seinen berühmten Lieblingsfiguren, den Spielern Hamlin und Oakhurst, leider wahlverwandt. Der Weltruhm dieses urwüchsigen Poeten ist ein vollkommen verdienter. Denn nicht nur haben seine realistischen „Dokumente“ einen klassischen Wert, indem er für die Kulturgeschichte reiches Material einer jetzt versunkenen Ära anhäufte. Nicht nur erweckt der aus Helden und Verbrechern bunt zusammengesetzte Gesellschaftszustand, in welchen er uns einführt, durch seine ungestüme Ursprünglichkeit ein stoffliches Interesse von besonderer Bedeutung. Sondern diese, rein aus der Schule des Lebens hervorgegangene, ursprüngliche Poesie atmet die lebenskräftigste Frische und stellt sich dabei als neue Kunstform in geradezu klassischer Meisterschaft einer reifen Technik dar.

Als er sich allerdings im Drama versuchte und in „Two men of Sandy-bar“ eine Reihe seiner bekanntesten Novellen („Die Idylle vom roten Thal“, „Der verlorene Sohn“) und bekanntesten Figuren mosaikartig zusammenschweisste, musste dies bedenkliche Sensationsopus leider ein Fiasko erleiden. Aus den gleichen Gründen teilte auch sein Roman „Gabriel Conroy“ dies Schicksal, wo er ebenlalls mit verstimmender Absichtlichkeit seinen Starbottle und Hamlin willkürlich in die Handlung hineinzwängt. Über die mangelhafte, überladene Komposition, die wie ein loses Bündel von Novellen wirkt, die schreiend grelle Färbung der unwahrscheinlichen Situationen (die Hungertod-Geschichte im Anfang – wieder ein seinen „Outcasts of Poker-flat“ entlehntes Motiv – gehört schon in das Gebiet der englischen Sensationswüterei), die grobe Holzschnittmanier der Charakteristik trotz aller scheinbar graziösen Flüchtigkeit der silhouettenhaften Umrisse vermag uns die markige Kraft so mancher Einzelheit nicht zu trösten.

Aber was wollen diese Missgriffe sagen, wenn uns derselbe Mann in seinen kalifornischen Novellen, die er bezeichnend Argonauten-Geschichten nennt, eine Reihe
tadelloser Meisterwerke geliefert hat, die uns den Künstler in ihm auf der gleichen Höhe wie den Dichter zeigen!

Die Äusserlichkeiten des kalifornischen Lebens sind mit unnachahmlicher Sicherheit wiedergegeben. Bret Harte kann nämlich sehen, was sehr viel sagen will, sehen mit seiner nervösen Empfänglichkeit, mit liebevoller Sorgfalt für das Grosse wie das Kleine, mit allen Fasern seines Wesens an das Reale sich festsaugend. Diese virtuose Sehkraft, dieser Erdgeruch der Selbstbeobachtung bedingen eine Wahrhaftigkeit des Ausdrucks, die das erste Erfordernis realistischer Poesie ist. Harte besitzt die Gabe des technischen Sehens und die Fähigkeit, mechanische Dinge plastisch zu modellieren, in hervorragendem Masse. Diese Gabe befähigt ihn dann aber auch, die intimsten Verschlingungen seelischer Vorgänge mit dem Mikroskop psychologischer Forschung zu verfolgen und wie ein mechanisches Geschehnis der Aussenwelt mit sinnlich greifbarer Gestaltung zu photographieren. Diese naturalistische Wahrheit der trockenen und
ausdruckslosen Photographie verbindet sich jedoch stets bei ihm mit der künstlerischen Lebendigkeit, welche eine nie am Stoffe klebende, sondern die Materie überlegen vergeistigende, über den Dingen schwebende ldealität verleiht. Er weiss in die Geheimnisse jener wahren Romantik einzudringen, die trotz aller krassen Realität als
ewige Idee in den Erscheinungsformen des Lebens schlummert. Aus dem Chaos der gleichsam elementaren Wirrnisse des kalifornischen Lebens weiss er mit wunderbarem psychologischem Tiefblick das Bleibende, Ewige, das Entwickelungsfähige herauszufinden.

Aus dem wilden, gesetzlosen Treiben, aus dem Lavageröll dieses mörderischen vulkanischen Bodens sprosst ihm eine edle Rebe, gleich dem ,Lacrymae Christi‘ des Vesuvs, hervor – die Rebe selbstloser, opferfroher Liebe, deren köstlichen Wein er in goldne Schalen presst. Überall entdeckt er des ethischen Prinzipes unzerstörbare Wesenheit, siegreich durchbricht es die Roheit des Egoismus. Insofern ist Bret Harte einer der wohlthätigsten und liebenswürdigsten Optimisten, die je gelebt haben. Allerdings mutet er uns manchmal viel zu, wenn er seine Rauf- und Trunkenbolde, Spieler und Räuber vor unsern Augen die ritterlichsten und feinsten Empfindungen entwickeln lässt. Ein klein wenig Aufschneiderei läuft wohl auch mit unter. Doch wie dem auch sei, er ist und bleibt uns eben lieb als ein Goldgräber des menschlichen Herzens, der vollötiges Gold aufspürt unter Schutt und Schlamm. Und dem gediegenen Gold des Inhalts entspricht der goldklare Stil, das sichere Können.

Diese Novellen sind abgerundete, in sich geschlossene Muster- und Meisterstücke stimmungsvoller Erzählerkunst, die in der Weltlitteratur kaum ihresgleichen haben. Wie versteht er das vielsagende Verschweigen, die bedeutsamen Gedankenstriche, mit welcher Fertigkeit lässt er den Leser raten, mit welcher Sicherheit beherrscht er alle
Kniffe und Künste der Erzählertechnik! In welche schier unverwischliche, leuchtende Farbenpracht sind all diese Gemälde getaucht! Mit einer greifbaren Anschaulichkeit, dass wir mit dem Dichter in seiner Welt leibhaftig zu leben glauben, macht er uns heimisch unter seinen wildtrotzigen Spiessgesellen und wir verlieren uns gern mit ihnen ins Ungewohnte, Absonderliche, von der Heerstrasse Abliegende, unter nie dagewesene fremdartige Lebensbedingungen.

Mit einem tiefsittlichen Ernst, der die Abgründe des Lebens nirgends mit Blumen bedeckt, sondern sie unerschrocken mit festem Auge misst und schwindelfrei an ihnen entlang wandelt, paart sich ein zwangslos übersprudelnder Humor „mit der Thräne im Auge“, der dabei nirgends grotesk ins Masslose schweift, wie der von Dickens, sondern die Grenze des guten Geschmacks mit natürlichem Takt zu bewahren weiss. Sein Oberst Starbottle, sein Kutscher Juba Bill, sein stereotyper Chinese prägen sich dem Gedächtnis ein, wie Gestalten von Fritz Reuter.

Die frühesten Novellen des Meisters stehen bisher noch immer als die künstlerisch vollendetsten da. Nur 13 Seiten hat das wundervolle Luck of roaring camp, aber sie wiegen ganze Romanbibliotheken auf. Wie hier ein unschuldiges Kind einer ganzen Kolonie abgestumpfter, hartgesottener Sünder einen Hauch des Heiligen und ewig Reinen mitteilt, das ist ein Griff ins Innerste des Menschenherzens, wie er nur einem Gottbegnadeten gelingen konnte.

„Und der starke Mann, sich anklammernd an das schwache Kind, wie ein Ertrinkender an den Strohhalm, trieb hinaus in jenes schattige Gewässer, das ewig dem unbekannten Ozean entgegenströmt.“ Wer kann diesen Schluss der rührenden Erzählung mit trockenen Augen lesen!

Und nicht minder ergreifend entrollt sich uns die furchtbare Tragödie The outcasts of Pokerflat. Wie aus himmlischen Höhen flammt hier der verklärende Sonnenstrahl eines heiligen Erbarmens in die entsetzlichste Nacht der Sünde. Der heroische Opfertod John Oakhursts des Spielers gehört zum Edelsten und Erhebendsten, was je geschrieben, – wenn nicht „Tennessee’s Compagnon“ und Brown von Calaveras noch den Vorrang beanspruchten. Und welche Frauengestalten neben den kraftstrotzenden Mannesseelen! Die unvergleichlicheIdylle vom Roten Thal, Miggles, „Mliss“ – überall dieselbe Kraft, mit welcher der bessernde, versöhnende Einfluss einer selbstlosen Liebe verkündigt wird. Kleine Juwelen sind auch „Feld und Flut“, „Tompsons verlorener Sohn“, „der Narr von Fünfgabel“, „Die Rose von Tuolumne“ und vor allem „Die Iliade von Sandy Bar“. In einigen inhaltlich ausgedehnteren Stücken wie „Die Dichterin von Fiddletown“, „Eine Episode aus dem Leben eines Spielers“, „Das grosse Geheimnis von Deadword“, „Eine Geschichte aus dem Madronnothal“‚ „Der Dichter von Sierra Flat“ macht sich eine gewisse Manieriertheit, trotz liebenswürdigster Einzelheiten bemerkbar. Doch zeigen „Die Erbin von Red Dog“ und „Der Mann am Strande“ die alte Frische. Am wenigsten gelangen grössere Novellen wie „Geschichte einer Mine“ und „Thankful Blossom“, obschon in letzterer Erzählung die Schilderung Washingtons ein würdiges Pendant zu dem gleichen Porträtversuch in Thakerays „Virginiern“ bildet. Besondere Erwähnung verdient noch Wan Lee der Heide wegen der hochherzigen Milde, mit welcher der humane Dichter über die verfehmte chinesische Rasse seinen Schild hält, wie er ja den Mantel christlicher Liebe über alle Gebrechen und Gebreste zu decken weiss. Gutmütiges Wohlwollen, Mitleid mit dem Schwachen ist der Grundzug dieses echt angelsächsischen mannhaften Kämpen, der den göttlichen Funken aus den härtesten Felsen zu schlagen weiss. Er selber ist ein Pionier, ein Pionier der Poesie, der urbarmachend in den Urwald neuentdeckter unerschöpflicher Stoffgebiete dringt. Und so möchten wir es denn auf ihn selber bezogen wissen. wenn er seinen Liebling Jack Hamlin auf dem Ritt ins Ungewisse begleitet:

„Und als er tiefer in die Wälder drang, wo es noch an aller Kultur gebrach, da begann er zu singen – in einem eigentümlich süssen, von einem milden, zärtlichen Pathos gedämpften Tenor . . . seine Stimme war nicht ausgebildet . . . aber alles durchbebte etwas merkwürdig Geheimnisvolles, das unaussprechlich rührend war . . . Da hörte man eine singende Stimme, klar und rein, wie die einer Lerche, meilenweit durch die Felder tönen. Die, welche schliefen, wandten sich um auf ihrem harten Lager, um zu träumen von Jugend und Liebe und alten Zeiten. Männer mit verrotteten Gesichtern und gierige Goldsucher, die schon an der Arbeit, hielten inne mit Graben und lehnten sich auf ihre
Spaten, um diesem romantischen Landstreicher zuzuhören, der da den rosigen Strahlen der aufgehenden Sonne entgegenritt.“

Schreitet die amerikanische Litteratur auf so glücklichem Pfade weiter fort, so mag wohl einst auch sie für die alte Welt eine verjüngende Bedeutung erlangen. Dann mag die Prophezeiung auch für sie Geltung beanspruchen, welche der Engel in Rogers‘ „Columbus“ (Siehe Seite 77) dem Entdecker zuraunt:

Dem Aug‘ der andern Mexico enthüllt

Den feinen Teppich und die Schätze Goldes.

Vor anderm Aug’ soll seine mächtige Flut

Der stille Ozean entrollen.

Doch Dein Los sind Ketten! Auf des Westens Meer,

Das du entdeckt, in eigener Kajüte

Als Denkmal aufgehängt, mit dir begraben.

Der Zeit, dem Gram zur Beute wandern soll

Deine ehrwürdige Gestalt umher.

Nicht die Olive, nein, das Schwert du bringst.

Nicht Frieden – Krieg! Doch Frieden ohne Ende

Entspringen soll von dieser neuen Küste,

Erkämpft mit Blut, doch dauernd, unerschüttert.

Hier sollen Kunst und Waffen sich entfalten.

Kunst zu verehren, Waffen nur zu schützen;

Gesegnet alle Völker sein in ihm,

Der Müde Ruh, der Gram hier Tröstung finden.

So juble denn, dein glorreich Werk: gethan!

Zur Sternensphäre hebt dein Name sich

Und lebt in aller Herz, die fühlen für

Der Menschheit Retter! Dein ein ewig Glück,

Mit einer Welt zu segnen eine Welt!

 

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