Blaize Ferrage

1779–1780

In den französischen Gebirgsabhängen der Pyrenäen verbreitete sich am Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ein panischer Schrecken unter den Bewohnern der umliegenden Ortschaften. In den Felsschluchten nistete ein Ungeheuer, welches Menschen, sowohl Einwohner derselben als Reisende, anfiel, beraubte, mißhandelte, je nachdem sie in seine Höhle schleppte und – auffraß. Und dieses Ungeheuer war – ein Mensch.

Bald nach den ersten blutigen Untaten war man über die Person des Täters nicht in Zweifel. Man hatte ihn von seiner Kindheit an gekannt; schade nur, daß man ihn nicht beobachtet hatte, wo, bei welcher Gelegenheit der bestialische Trieb zuerst bei ihm herausbrach, welche Umstände verführerisch auf ihn wirkten oder, wenn man solche Beobachtungen gemacht, daß man es für überflüssig hielt, sie niederzulegen.

Blaize Ferrage, mit dem Beinamen Seyé, war zu Ceseau, einem Dorfe in der Grafschaft Commingues, etwa um 1757 geboren.

Von kleiner Gestalt, besaß er eine übermenschliche Muskel- und Gliederkraft, die seinen Gespielen schon furchtbar ward. Als er über die erste Kindheit hinaus war, entwickelte sich eine Sinnlichkeit, die ihn selbst zu allen Ausschweifungen trieb und Frauen und Mädchen zum Fliehen brachte, denn ihm zu widerstehen war unmöglich.

Von Gewerbe war er ein Maurer; er scheint das Handwerk bis zum zweiundzwanzigsten Jahre betrieben zu haben. Welcher besondere Anlaß ihn um das Jahr 1779 getrieben, Handwerk, Wohnort und menschliche Gemeinschaft zu verlassen und sich seiner tierischen Blutgier in der Einsamkeit hinzugeben, und ob es infolge einer ersten kannibalischen Tat geschehen, wegen deren er nur in der Flucht sein Heil fand, wird uns nicht gesagt. Genug, er floh in die Berge, um seinem Menschenhaß zu leben und bald auch der Gier, Menschen zu vertilgen.

Hoch an der Wand eines der nackten Felsgipfel, die über die Berge von Aure in die Lüfte ragen, suchte, fand und baute er in einer überdachten Felsspalte seine Wohnung, sein Raubnest. Es war ein vollkommenes Versteck, es wurde auch eine sichere Burg, da kaum ein Jäger sich hierher verstieg. Wenn er die Tageszeit hier verschlafen oder verträumt hatte, stieg er in der Dämmerung auf Wolfsfährten herab und durchstreifte die benachbarten Felder und Gärten, um, was sich ihm bot, Früchte, Federvieh, Schafe, Hammel, zu fangen und unter dem Mantel der Nacht schon tot oder unter seinen Krallen noch zappelnd in seine Bergfeste hinauf zu schleppen.

Das Glück wollte ihm wohl, und sein Mut und seine Wildheit stiegen. Er verweilte auf seinen Raubzügen, auch wenn die aufgehende Sonne ihn schon zum Rückzug mahnte. Hinter den lebenden Hecken versteckt, lauerte er auf die ersten Auszügler aus den Dörfern und überfiel die Milchmädchen und jungen Frauen, die so unglücklich waren, des Weges zu ziehen, den er eingeschlagen. Ihm zu entfliehen war kaum möglich, da er eine Flinte trug und ein guter Schütze war. Die nicht stehen wollten, fielen, wenn er sie aufs Korn genommen hatte; er stürzte wie der Geier auf seine Beute über seine Opfer her, sie zerreißend und erwürgend, um dann seine Brunst an ihnen unter ihren letzten Todeszuckungen zu kühlen. Von denen, die er lebendig in seine Höhle schleppte, hörte man nur noch ihr verhallendes Geschrei: wiedergesehen hat man keine.

Sein Name war der Schrecken der Gegenden ringsum. Beim Abendfeuer am Herd, in den Spinnstuben war nur von dem neuen Werwolf die Rede. Man glaubte seine Tritte im welken Laube rauschen zu hören, seine Augen durch den rieselnden Nebel glänzen zu sehen. Man malte sich seine Burghöhle, die keiner gesehen hatte, aus. Man beschrieb, wie er halbe Tage lang auf der oder jener Klippe über den Tälern hockte, unbeweglich, um sich nicht zu verraten, aber mit seinen Habichtsaugen keine Bewegung eines lebenden Wesens außer acht lassend. Er wählte seine Opfer aus. Man malte sich das Stilleben des zum Tier gewordenen Menschen aus, der, so lange entfernt von allem Umgänge mit seinesgleichen, zwischen seinen rauhen Felszacken und Schneefeldern nur auf das Geheul des Windes, der Raubvögel, der Tiere des Waldes horchend, die menschliche Sprache verlernt haben müsse. Da keine der verschwundenen Personen wiedergekommen, noch Teile oder Spuren von ihnen, so war ebensowenig ein Zweifel darüber, daß er ein wirklicher Menschenfresser war.

Dies sei er aber nur geworden, behaupteten andere, weil man dergestalt auf seiner Hut gewesen sei und Ställe und Gehöfte so besetzt habe, daß, wenn er sich nur von fern zeigte, überall Lärm geschlagen worden sei und infolge dieser Bewachung es ihm an Lebensmitteln gefehlt habe. Die Männer, die er überfiel, erschoß, niederstach oder erwürgte, fraß er nur ans Hunger, mit mehr Appetit die Frauen, deren Leiber ihm vorher einen andern Genuß verschafft hatten besonders junge Mädchen. Eine größere Delikatesse waren für ihn die halben Kinder, und es wird erzählt, daß er auf die brutalste Weise, die besser unerzählt bleibt, es vorher möglich machte, seine Wollust an ihnen zu befriedigen.

Seyé streifte nie anders als bis an die Zähne bewaffnet aus seiner Feste. Das Entsetzen, welches seine Erscheinung bewirkte, war so groß, daß oft alle Wachsamkeit darüber zuschanden ging. Auch die Soldaten der Marechaussée, die zu seiner Verfolgung ausgeschickt waren, sollen davon keine Ausnahme gemacht haben. War ihm doch schon der Stempel des Wunderbaren aufgedrückt. Der Mann da oben in der Wolkenhöhle, der mit den Raubtieren lebte, ihre Stärke und die Spürkraft ihrer Sinne angenommen hatte, der scharf wie der Adler sah, wie der Falke auf seine Beute schoß, mußte auch wunderbare Gaben und Kräfte besitzen, die es ihm möglich machten, allen Verfolgungen zu entgehen, er mußte sich unsichtbar machen können und schuß- und stichfest sein. Einmal waren sein Pulver und seine Kugeln ihm ausgegangen, und um sich neuen Vorrat zu schaffen, hatte er die Verwegenheit, bei Tage aus seinen Bergen herabzusteigen und auf den Markt der kleinen Stadt Montugeau zu gehen. Einige der Marktleute kannten ihn; als sie ihre Kunde den andern mitteilten, so stürzte man nicht auf ihn, den Einzelnen, los, sondern die Massen flohen wie vor einem aus dem Käfig gebrochenen wilden Tiere, und er konnte, nachdem er den Zweck seiner Herabkunft erreicht, unbelästigt wieder in seine Berge steigen.

Endlich nahmen die bewaffneten Diener der Gerechtigkeit sich ein Herz, sie verfolgten seine Spuren, und es gelang ihnen, den Halbwilden zu fangen. Aber plötzlich war er, sei es aus dem Kerker oder noch auf dem Transporte, seinen Wächtern wieder entsprungen. Jetzt hieß es in der ganzen Gegend, er trage in seinen verwachsenen, struppigen Haaren ein Kraut, welches die geheime Kraft besitze, das stärkste Eisen so mürbe und morsch zu machen, daß man es zerbrechen könne.

Die Folge war, daß man, als man ihn wieder ergriff, ihm die Haare zerzauste und beinahe gänzlich ausriß, um ihm dies Rettungsmittel zu verderben. Er mußte das Wunderkraut aber diesmal wohl nicht in den Haaren versteckt haben, denn es gelang ihm wieder, seine Fesseln abzustreifen und zu entfliehen.

Die Furcht vor ihm überstieg jetzt alle Grenzen. Die Dirnen und Frauen, ja auch die stärksten Bauern wagten in den Distrikten, die er auf seinen Streifereien heimsuchte, nicht mehr allein auf der Straße sich sehen zu lassen. Indessen beging er zu Ausgang 1781 oder zu Anfang 1782 zwei Verbrechen, deren Umstände später als Haltepunkte dienten, um die Untersuchung gegen ihn daran zu knüpfen, und die seine letzte Verhaftung wenigstens zur Folge hatten.

Ein Landbesitzer stand bei ihm in Verdacht, daß er ihn der Polizei habe verraten wollen, Seyé rächte sich dafür an ihm, indem er eines Nachts seine Ställe anzündete, die mit dem größten Teile des Viehes verbrannten. Dann war nachweislich ein spanischer Maultiertreiber oder Händler mit Maultieren über die Berge von Aure nach Frankreich gezogen. Seyé war ihm auf dem Wege begegnet und hatte sich ihm als Führer angeboten. Es war ihm gelungen, den Spanier bis an seine Höhle zu locken, wo der Mann spurlos verschwunden war. Seyé hatte ihn umgebracht.

Man fühlte endlich das Bedürfnis, seiner habhaft zu werden, und alle möglichen Mittel wurden dazu angewandt. Die großen Belohnungen, die man bot, waren für die Bewohner der Umgegend nicht groß genug, um ihnen ihre Furcht abzukaufen. Auch war die Arbeit kein leichtes Stück. Seye kannte tausend verschlungene Fußwege, um unbemerkt aus seinem und in sein Nest zu kommen. Wenn auch niemand bis hinein gedrungen war, wußte man doch, daß seine Höhle eine sehr befestigte Lage hatte, man konnte nur auf schmalen, jähen Felswegen, die an Stellen nur für die Gemse gangbar erschienen, dahin gelangen und unter dem Auge ihres Bewohners, der, seit er erfahren, daß er umstellt war und auf ihn gefahndet werde, seine Wachsamkeit verdoppelte.

Seine Gefangennahme gelang nur durch List. Eine andere mehr als verdächtige Person wurde zu dem Wagestück gedungen. Der Betreffende kletterte als Flüchtling in die Berge von Aure. Er rief ängstlich, in die Nähe seines Reviers gekommen, den Namen Seyé an, bis dieser, den er vielleicht überzeugt, daß er kein Späher aus dem Hinterhalte sei, sich ihm näherte und dann alsbald eine innige Verständigung zwischen ihnen eintrat. Auch dieser Umstand spricht gegen das an sich unwahrscheinlich klingende Gerücht von einer absoluten Vereinsamung des Räubers; zur Erhöhung des Entsetzens und der Furcht vor ihm war die Verbreitung desselben förderlich, aber auch die wildesten Gebirgsräuber bedürfen der Kundschafter, Zuträger und Vermittelungspersonen, die sie gewöhnlich in den Hirten finden.

Der Flüchtling gewann das volle Vertrauen des Halbmenschen. Sie unternahmen gemeinschaftliche Raubzüge, bei denen jener diesen von seiner Höhle zu entfernen und in eine von der Marechaussée und andern Bewaffneten umstellte Gebirgsgegend zu locken wußte. In einer Nacht gelang es, ihn einzufangen. Die ganze Gegend atmete auf, wie von einem Alpdruck befreit. Ferrage war diesmal in Banden, die er nicht mehr sprengen konnte.

Der Prozeß, heißt es, war kurz; noch kürzer sind die Mitteilungen darüber. Er hatte drei Jahre in den Bergen als Raubtier gehaust und in der kurzen Zeit so viel Verbrechen begangen, als wozu die vollendesten Verbrecher sonst eine Lebenszeit gebrauchen. Die Diebstähle und Räubereien gibt man kurzweg als zahllos an, dagegen berechnete man die Verschwundenen und von ihm Ermordeten und Aufgefressenen auf wenigstens achtzig Personen, die Mehrzahl davon Frauen und junge Mädchen.

Das Parlament von Languedoc verurteilte ihn am 12. Dezember 1782 zum Rade. Er war erst fünfundzwanzig Jahr alt. Am folgenden 13. Dezember verdreifachte man bei der Hinrichtung die Wachen. Es geschah des Volkes wegen, das in steter Furcht war, er möge doch noch einmal losbrechen. Tränen und Reue konnte niemand von einem solchen Halbtier erwarten, er schritt ruhig, mit blühendem Gesichte in der Mitte der Henkersknechte nach dem Richtplatz. Ob ein Geistlicher menschliche Regungen in ihm entdeckt, ob der Untersuchungsrichter danach gefragt hat, sind unbeantwortete Fragen. Selbst als er schon gefesselt auf dem Rade lag, hielten die umstehenden Bauern sich noch nicht für vollkommen gesichert. Erst nachdem die zerschmetterte Leiche herabgenommen und zum Verscharren fortgetragen ward, hielten sie sich überzeugt, daß sie nun nichts mehr von ihm zu fürchten hätten.

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