Besuch in der Alten Welt

 

 

 

Ehe diese Niederlassung aber zur Ausführung kommen konnte, mußte ich wegen der Gesundheit meiner Frau eine Reise nach Europa unternehmen. Wir brachten einige Zeit in London zu. Welch’ wunderlicher Szenenwechsel zwischen den zwei so verschiedenen Welten! Der alte Kreis politischer Flüchtlinge, den ich vor drei Jahren zurückgelassen, hatte sich aufgelöst. Die gute Baronin Brüning die so vielen von ihnen eine Milde, hülfreiche Freundin gewesen war, hatte an einem Herzleiden sterben müssen. Die meisten derer, die um ihren gastfreien Herd versammelt gewesen, waren entweder nach Amerika ausgewandert oder sonst von der Bildfläche verschwunden. Meine nächsten Freunde, die Familie Kinkel lebten noch in London. Sie hatten Erfolg gehabt; er mit seinen Vorträgen über Kunstgeschichte sie als Musillehrerin; sie bewohnten ein größeres Haus.

 

Meine Freundin, Malwida von Meysenbug lebte noch in Familie des berühmten russischen Liberalen – Alexander Herzen – um die Erziehung seiner Töchter zu beaufsichtigen. Ich fand auch meinen Universitätsfreund Friedrich Althaus, der sich mit Unterrichtgeben beschäftigte und vom Prinzen Albert angestellt war, beim Ordnen seiner Kupferstichsammlung zu helfen. Es war wenig mehr übrig geblieben von den revolutionären Verschwörungen und Komplotten, denen sich die Flüchtlinge früher hingegeben hatten, beseelt von der trügerischen Hoffnung, daß bald auf dem europäischen Kontinent eine neue Erhebung für freie Regierungsformen aufleben würde. Louis Napoleon saß fest auf dem Kaiserthron von Frankreich, und das Prestige, das er durch den Krimkrieg gewonnen hatte, brachte ihm die schmeichelhaftefte Anerkennung der anderen europäischen Fürsten und ließ ihn als Schiedsrichter der Geschichte des Kontinents erscheinen. In Deutschland verfolgte die einfältige und rohe Reaktion ihren Lauf. In Österreich schien die Rückkehr zur absolutistischen Herrschaft fast vollständig zu sein. In Italien waren Mazzinis revolutionäre Versuche, deren Aussichten er mir drei Jahre vorher in so glühenden Farben geschildert hatte, in einem unheilvollen Mißlingen geendet. An keiner Seite des europäischen Horizonts zeigte sich ein Hoffnungsstrahl, der die noch in London lebenden Verbannten hätte aufmuntern können. Es bestand allerdings ein internationales Komitee, das im Falle irgendwelcher neuer revolutionärer Bewegungen die Führung übernehmen sollte. Die Erfahrung lehrt jedoch, daß nichts geschäftiger und verblendeter sein kann als die Phantasie, und nichts eifriger, unbegrenzter und rührender als die Glaubensseligkeit des Verbannten. Denjenigen, welche die wirkliche Situation mit offenen Augen durchschauten, erschien das internationale Komitee wie eine Versammlung von Gespenstern auf einem Kirchhof.

 

Ob Mazzini zu dieser Zeit in London weilte, weiß ich nicht. Wenn er dort war, so hielt er sich in der geheimnisvollen Abgeschiedenheit zurück, die für ihn charakteristisch war, eine Abgeschlossenheit, in der er nur mit seinen vertrautesten politischen Agenten und den englischen Familien zusammenkam, deren Mitglieder ganz unter seinem wunderbaren Zauber standen und ihm mit fast unbegrenzter Aufopferung ergeben waren. Kossuth war jedoch in London, und ich machte ihm sogleich meine Aufwartung. Ich hatte ihn nur einmal vor vier Jahren gesehen, als er zuerst England besuchte. Damals kam er als Fürsprecher für sein unglückliches Land, das nach einem tapferen Kampf von einer überlegenen brutalen Macht überwältigt worden war. Ich habe früher schon beschrieben, mit welchen begeisterten Huldigungen er bei seiner Ankunft in London vom ganzen englischen Volk – so schien es fast – empfangen wurde; wie es als eine Vergünstigung galt, bei ihm vorgelassen zu werden, und wie er bei einem öffentlichen Empfang ein Wort zu mir sagte, das mich

 

sehr stolz und glücklich machte. Dann war er, auf eine Einladung der Regierung – ich möchte sagen, des Volkes der Vereinigten Staaten hin – nach Amerika gereist, wo man ihn fast wie ein übermenschliches Wesen empfing, wo sich alle Gesellschaftsklassen um ihn drängten mit überschwänglichen Ausdrücken begeisterter Bewunderung. Aber er konnte weder die Regierung dieser Republik dazu bewegen, zugunsten der Unabhängigkeit Ungarns tätig einzuschreiten, noch – konnte er von seinen amerikanischen Bewunderern Hilfe für die Sache erlangen, für die er gehofft und gestrebt hatte, und so kehrte er als schmerzlich enttäuschter Mann von Amerika zurück. Sein zweites Erscheinen in England überzeugte ihn, daß die überströmende Begeisterung des englischen Volkes verflogen war. Seine weiteren Aufrufe zugunsten seiner Sache begegneten nur einer mitleidigen Sympathie, die keine anregende Inspiration mehr besaß, und es muß ihm klar geworden sein, daß, für den Augenblick wenigstens, seine Sache verloren war. Zuerst war er, in England sowohl wie in Amerika, in der Rolle eines legitimen obwohl abgesetzten Herrschers von Ungarn erschienen, und seine mit ihm verbannten Landsleute hatten ihren »Gouverneur« mit einer Art Hofzeremoniell umgeben, das ihrem Respekt für ihn Ausdruck verleihen sollte, das seinem Stolz schmeichelte und das auch von vielen anderen als seiner Würde angemessen erachtet wurde. Dieser »Stil« war in ungarischen Kreisen Londons eine Zeitlang aufrechterhalten worden, sogar dann noch, als schon der öffentliche Enthusiasmus abgenommen hatte. Ganz natürlich schliefen diese Gebräuche von selbst ein, als viele der Anhänger, die bei seinen Triumphzügen das glänzende Gefolge gebildet hatten, sich zerstreuten, um sich einen Lebensunterhalt zu suchen; als Armut ihn zwang, sich in die Abgeschlossenheit eines bescheidenen Quartiers zurückzuziehen, als er bei seinem Erscheinen auf der Straße nicht mehr umringt wurde von hochrufenden Menschenmengen und ihn höchstens noch die wenigen Personen, die ihn kannten, mit stillschweigendem Respekt begrüßten.

 

Dieses war seine Lage, als ich ihn in dem sehr anspruchslosen Häuschen aufsuchte, welches er in einer Vorstadt Londons bewohnte. Die Tür wurde mir aufgemacht von einem älteren Manne mit ehrlichem, gewinnenden Gesicht von unverkennbarem ungarischen Typus, mit scharfen dunklen Augen, breiten Backenknochen und glänzenden Zähnen. Nach seiner Erscheinung urteilte ich, daß es eher ein Freund, ein ergebener Gefährte als ein Diener sei, und das fand ich später bestätigt. Ohne Zeremonie führte er mich in ein sehr einfach möbliertes, kleines Gemach, wo, wie er sagte, der Gouverneur mich empfangen würde. Nach einigen Minuten trat Kossuth ein und begrüßte mich mit herzlicher Freundlichkeit. Er war sehr gealtert, seit ich ihn zuletzt gesehen. Sein Haupt- und Barthaar waren mit Grau gemischt. Seine Stimme hatte aber den weichen Wohllaut bewahrt, der vor wenigen Jahren noch so zahllose Menschenmassen bezauberte. Er sprach von seiner amerikanischen Tour, lobte den gastfreien Geist des amerikanischen Volkes, und mit ruhiger Würde drückte er seine Enttäuschung über die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen aus. Er malte mir ein trübes Bild der gegenwärtigen Verhältnisse in Europa, doch glaubte er, daß solche Zustände nicht von Dauer sein könnten und daß die Zukunft nicht ohne Hoffnung sei. Nach einer Weile trat Madame Kossuth in das Zimmer, und er stellte mich seiner Frau mit einigen freundlichen Worten vor. Sie sprach mit großer Höflichkeit zu mir, aber ich muß gestehen, daß ich etwas gegen sie eingenommen war. In den Zeiten ihres Glücks hatte sie den Ruf, hochmütig und unnahbar zu sein, und man sagte, daß ihr anmaßendes Verhalten zuweilen der Popularität ihres Mannes gefährlich gewesen sei. Wenn solche Charaktere von ihrer Höhe fallen, können sie gewöhnlich nicht auf besondere Teilnahme Anspruch machen. Aber als ich sie so sah, schien sie von zärtlicher Sorge für die Gesundheit ihres Mannes erfüllt.

 

Ich verließ Kossuth mit traurigem Herzen. In ihm, dem Abgott der populären Phantasie, jetzt zur Schwäche, Armut und Einsamkeit herabgesunken, sah ich das deutliche Abbild der Niederlage, welche die revolutionäre Bewegung von 1848 erlitten hatte.

 

Bei Gelegenheit dieses Besuchs in London machte ich die Bekanntschaft von Alexander Herzen, dem natürlichen Sohn eines russischen Edelmanns von hohem Rang. Er war selbst ein russischer Patriot im liberalen Sinne, der, als »gefährlicher Mann«, gezwungen war, sein Geburtsland zu verlassen, und der jetzt durch seine Schriften, die über die Grenze geschmuggelt wurden, daran arbeitete, den russischen Geist aufzuklären und anzuregen. Malwida von Meysenbug die Erzieherin seiner Töchter, brachte uns zusammen, und wir wurden bald gute Freunde. Herzen, wenigstens zehn Jahre älter als ich, war Aristokrat von Geburt und Instinkt, aber Demokrat aus philosophischer Überzeugung; eine feine, edle Natur, ein Mann von Kultur, von warmem Herzen und weitreichenden Sympathien. In seinen Schriften sowohl wie in seiner Unterhaltung ergoß er feine Gedanken und Gefühle mit einer impulsiven, oft poetischen Beredsamkeit, welche manchmal außerordentlich bezaubernd wirkte. Ich konnte ihm stundenlang zuhören, wenn er in seiner rhapsodischen Weise von Rußland und vom russischen Volke sprach, von diesem ungeschlachten, erst halbbewußten Riesen, der allmählich seine oberflächliche, vom Westen erborgte Zivilisation mit einer Zivilisation nationalen Charakters vertauschen würde. Er glaubte, daß das Erwachen des Riesen der schwerfälligen Autokratie, deren tötendes Gewicht jetzt noch allen freien Aufschwung erdrückte, ein Ende machen und feine aus geheimnisvollen Tiefen hervorgebrachten neuen Ideen viele der Probleme lösen würden, welche jetzt die westliche Welt verwirrten. In den Versicherungen seines Glaubens an die Größe dieses Geschicks meinte ich aber einen Grundton des Zweifels und des Verzagens an der nahen Zukunft durchzuhören. Ich wurde stark an den Eindruck erinnert, den die Turgenieffschen Romane auf mich gemacht hatten, in denen beschrieben wird, wie die russische Gesellschaft sich mit unklaren Träumereien und Bestrebungen von trostloser Zwecklosigkeit die Zeit vertreibt.

 

Noch andere Eindrücke sammelte ich bei der Berührung mit einigen von Herzens russischen Freunden, die ich von Zeit zu Zeit in seinem gastlichen Hause und an seinem Tische traf. Während des Essens sprühte die Unterhaltung von dramatischen Erzählungen aus dem russischen Leben und von Beschreibungen merkwürdiger gesellschaftlicher Zustände und Unruhen, die geheimnisvolle Aussichten auf große Umwälzungen und Verwandlungen eröffneten. Alles das war mit witzigen Ausfällen gegen die Regierung und drolligen Satiren gegen die herrschenden Klassen untermischt. Wenn aber nach dem Essen die Bowle starken Punsches auf den Tisch gestellt wurde, fingen dieselben Personen, die sich bis dahin wie Herren von Bildung und feiner Gesittung benommen hatten, allmählich an sich zu erhitzen und brausten in solchen Aufwallungen fast barbarischer Wildheit auf, wie ich sie niemals bei Deutschen noch bei Franzosen, Engländern oder Amerikanern gesehen hatte. Sie erinnerten mich lebhaft an das Sprichwort: »Kratze einen Russen und du findest einen Tartaren.« Herzen selbst bewahrte immer seine Selbstbeherrschung, aber als nachsichtiger Wirt legte er seinen Gästen keinen Zwang auf. Wahrscheinlich wußte er, daß er dazu auch nicht imstande gewesen wäre. Ein oder zweimal sagte er halblaut zu mir, mein Erstaunen bemerkend: »So sind sie, so sind sie! Aber sie sind trotzdem prächtige Kerle!« Und das sind sie gewiß im Grunde, nicht nur als Individuen, sondern auch als Nation. Eine riesige unförmliche Masse, mit einer glänzenden Politur auf der Oberfläche, aber mit ungestümen Kräften im Innern, die von einem ungeheuren Druck der Gewalt, des Aberglaubens oder der dumpfen Frömmigkeit im Zaume gehalten werden, in Wirklichkeit aber ungezähmt und voll roher Triebe. Einem gänzlichen Losbrechen dieser Kräfte muß ein entsetzlicher Zusammenbruch folgen, und aus diesem entspringt dann – was? Es ist schwer, sich vorzustellen, wie das russische Kaiserreich von Polen bis zum östlichen Sibirien anders zusammengehalten werden könnte, als durch eine autokratische zentralisierte Macht, eine sich beständig selbst behauptende und herrschende Autorität, die eine enorme organisierte Kraft hinter sich fühlt. Dieser strenge zentrale Despotismus kann nicht umhin, in der Regierung der mannigfaltigen Gebiete und verschiedenartigen Bevölkerung des Kaiserreichs drückende Mißbräuche zu zeitigen. Wenn diese Last der Unterdrückung zu peinigend wird, dann werden rohe, ungeschickte, mehr oder weniger unbewußte und konfuse Versuche gemacht werden, sich Erleichterung zu schaffen, mit sehr schwacher Aussicht auf Erfolg. Die Unzufriedenheit mit der unerbittlichen Autokratie wird sich ausbreiten und die höhere Intelligenz des Landes ergreifen, welche dann von einem rastlosen Ehrgeiz erfüllt werden wird, auch einen Anteil an der Regierung zu erlangen. In dem Augenblick, in dem der Autokrat den Forderungen der Volksintelligenz nachgibt und zu der konstitutionellen Beschränkung seiner eigenen Macht oder zu irgend einer Maßnahme, die dem Volke eine autoritative oder offizielle Stimme verleiht, seine Einwilligung gibt, wird erst die wirkliche revolutionäre Krisis beginnen. Die öffentliche Unzufriedenheit wird nicht durch die Konzession beschwichtigt, sondern sie wird dadurch nur verschärft werden. Alle die sozialen Gewalten werden dann in krampfhafte Unruhe versetzt, und wenn diese Gewalten in ihrer ursprünglichen Wildheit die Fesseln der Tradition sprengen, dann mag die Welt ein Schauspiel revolutionären Chaos erleben, desgleichen die Geschichte noch nicht kennt. Dieses Chaos kann schließlich neue Begriffe von Freiheit, Recht und Gerechtigkeit hervorbringen und neue Gestaltungen organisierter Gesellschaft oder neue Entwicklungen der Zivilisation. Wie aber der Umfang dieser vulkanischen Störungen und ihr schließliches Ergebnis sein wird, das ist ein Geheimnis, vor dem die Phantasie zurückschreckt, ein Geheimnis, dem wir uns nur mit Furcht und Grauen nahen können.

 

Solcher Art waren die Betrachtungen, welche die Berührung mit einem Teil der russischen Welt – diesem Rätsel der Zukunft – in mir erweckte. Mit welch’ schöner Zuversicht wandte ich mich von dieser nebelhaften Verwirrung ab und der »Neuen Welt« zu, die ich kürzlich zu meiner Heimat gemacht hatte: der großen westlichen Republik, die allerdings nicht ohne ihre schwierigen Probleme, aber die eine Republik war, auf klare, gesunde, gerechte, humane, unumstößliche Prinzipien begründet: die bewußte Verkörperung der höchsten Ziele des modernen Zeitalters. Und diese Republik war bewohnt von einem Volk, das warme Teilnahme an allen Freiheitsbestrebungen in der ganzen Welt beseelte und das erfüllt war von begeistertem Bewußtsein seines eigenen hohen Geschicks als Anführer der Menschheit im Kampfe für Freiheit und Gerechtigkeit, für allgemeinen Frieden und allgemeine Menschenliebe. Wie sehnte ich mich danach, »nach Hause« zurückzukehren, um an dem großen Kampfe gegen die Sklaverei, diesem einzigen Flecken auf dem Wappenschild der Republik, teilzunehmen und dem bösartigen Einfluß entgegenzuwirken, dem einzigen, wie ich damals glaubte, der die Erfüllung ihrer großen Mission in der Welt bedrohte.

 

Ehe ich aber nach Hause zurückkehren konnte, hatte ich noch ein erfreuliches Erlebnis, das ich mich nicht enthalten kann zu beschreiben. Dieses Erlebnis war künstlerischer Art. Frau Kinkel nahm mich mit in ein Konzert (ich glaube, es galt einem wohltätigen Zweck) in welchem Jenny Lind, die sich damals schon von der Bühne zurückgezogen hatte, die große Arie der »Agathe« aus dem »Freischütz« singen sollte und für welches auch Richard Wagners Ouvertüre zum »Tannhäuser« angesagt war. Wagner selbst sollte dirigieren. Wie ich im ersten Teil dieser Erinnerungen schon sagte, war Frau Kinkel eine der höchstgebildeten und vollendetsten Musikkennerinnen, die ich gekannt habe. Ich verdankte ihr nicht nur mein Verständnis für Beethoven, Bach, Gluck und andere klassische Komponisten, sondern sie hatte mich auch mit Chopin und Schumann vertraut gemacht, deren Schöpfungen sie mit anmutsvoller Vollendung vortrug. Ihre musikalischen Prinzipien und ihr Geschmack blieben aber sehr streng der alten Schule getreu und sie verabscheute Wagner, da sie glaubte, daß er in verwegener, fast verbrecherischer Weise das musikalische Gewissen demoralisierte. Sie versäumte nicht mir auf dem Wege zum Konzert eine gründliche Vorlesung zu halten über Wagners Schändlichkeiten: seine Verachtung der heiligsten Gesetze der Harmonie, seine unmöglichen Übergänge von einer Tonart in die andere, seine schneidenden Dissonanzen, sein leidenschaftliches Haschen nach sinnlichen Effekten usw. »Es ist wahr,« setzte sie als Warnung hinzu, »es ist etwas Aufregendes, ein gewisser Zauber in seiner Musik, und viele lassen sich davon hinreißen, sogar einige Musiker, von denen man Besseres erwarten könnte. Ich hoffe aber, daß Sie ganz kühl bleiben und nicht Ihren kritischen Sinn verlieren werden, wenn Sie ihn hören«.

 

Ich hatte noch nie eine Note Wagnerscher Musik gehört; nur einige seiner Schriften hatte ich gelesen, deren Ton mir keinen günstigen Eindruck machte. Meine persönliche Berührung mit Wagner in Zürich, von welcher ich schon früher gesprochen habe, war mir nicht sympathisch gewesen, im Gegenteil, ich teilte die Meinung über Wagner, die dort unter den Flüchtlingen vorherrschte, daß er eine äußerst anmaßende, hochmütige dogmatische und abstoßende Persönlichkeit sei, von der man sich am besten fernhalte. Ich war daher keineswegs darauf vorbereitet, mich von den Reizen seiner Schöpfungen hinreißen zu lassen. Als ich ihr dieses sagte, war mein Mentor augenscheinlich beruhigt. In Bezug auf die Leistung der Jenny Lind waren Frau Kinkel und ich ganz einer Meinung. Ihre Gestalt, obgleich noch äußerst anmutig, war schon etwas matronenhaft geworden. Ihre Stimme hatte vielleicht nicht mehr ganz die ursprüngliche, vogelähnliche, trillernde Leichtigkeit, aber sie hatte noch den halbverschleierten Klang, als ob etwas Geheimnisvolles sich dahinter berge, den sammetartigen Schmelz, das eigenartige, magnetische Vibrieren, dessen Ton allein dem Zuhörer Tränen entlocken konnte. Sie war noch immer die Nachtigall. Sie zu hören war tiefer, reiner, traumhafter Genuß. Von allen großen Stimmen, die ich gehört habe, und ich hörte viele, war keine so engelhaft, ging keine so bestrickend und schmeichelnd zu Herzen wie die von Jenny Lind. Endlich kam die Tannhäuser-Ouvertüre. Frau Kinkel, die ihr Entzücken über Jenny Linds Vortrag der Freischütz-Arie in den beredtesten Worten ausgedrückt hatte, wurde unruhig. »Jetzt halten Sie sich gut zusammen« sagte sie, indem sie mich mit einem Blick ansah, der ihre Besorgnis verriet. Der einleitende Pilgerchor, wie er vom Orchester herauftönte, gefiel mir sehr, ohne mich jedoch als etwas Überwältigendes zu berühren. Als aber dann die Violinen einsetzten mit dem geheimnisvollen, sich immer steigernden Aufruhr der Leidenschaft die frommen Töne des Pilgerchors durch wilden Aufschrei und unheimliches Rasen übertönend, dann in klagendes Stöhnen der Erschöpfung versinkend, da konnte ich mich kaum mehr beherrschen. Es war mir, als müsse ich aufspringen und schreien. Frau Kinkel bemerkte meine Erregung, legte ihre Hand auf die meine, als wolle sie mich auf meinem Sitz, zurückhalten, und flüsterte mir zu: »Ach ja! Ich sehe, wie es auch Sie ergreift! Aber: hören Sie denn nicht, daß es alles verkehrt ist?«

 

Ich konnte ihr nicht antworten, sondern fuhr fort mit Entzücken zu lauschen. Ich hörte nicht, daß alles verkehrt war, und hätte ich bemerkt, daß etwas nicht mit den angenommenen Regeln des Generalbasses übereinstimmte, es wäre mir einerlei gewesen. Ich war ganz überwältigt von der schwellenden, rollenden, wogenden Harmonie, von der Brandung der Leidenschaft, die über Felsen stürzte und zerschellte, von den klagenden Stimmen der Trauer und Verzweiflung, den innigen Tönen der Liebe und Wonne, die über der Begleitung schwebten, welche die Melodie wie in einer poetischen Wolke umfloß. Als die letzten Noten der Tannhäuser-Ouvertüre verklungen waren, saß ich ganz still, unfähig ein Wort auszusprechen. Ich fühlte nur, daß sich mir eine ganz neue musikalische Welt erschlossen und offenbart hatte, deren Zauber ich nicht widerstehen konnte. Meine gute Freundin, Frau Kinkel bemerkte recht wohl, wie es um mich stand. Sie sah mich traurig an und sagte mit einem Seufzer: »Ich sehe, ich sehe, Sie sind jetzt auch gefesselt. Und so geht es. Was soll noch aus unserer Kunst werden«.

 

Ich war wirklich gefesselt und ich blieb es auch. Es traf sich, daß viele Jahre, vielleicht dreißig, verflossen, ehe ich wieder Wagnersche Musik hörte, ausgenommen einige Bearbeitungen für das Klavier, die natürlich nur eine schwache Wiedergabe der Orchesterpartitur waren, und eine einzige Vorstellung von Lohengrin im kleinen Wiesbadener Theater. Als ich aber endlich, während der denkwürdigen deutschen Opernsaisons in New York, die im Winter 1884 anfingen, das Glück hatte, die wundervollen Vorstellungen des Nibelungenringes von Tristan und Isolde und den Meistersingern zu genießen und noch später, als ich Parsifal in Bayreuth hörte, waren die Eindrücke, die ich empfing, nicht weniger mächtig und tief, wie bei der ersten Gelegenheit, die ich eben beschrieben habe. Es lag mir nicht daran, Wagners Theorien des Musikdramas zu studieren oder, indem ich die gedruckten Partituren entzifferte, mich in die geheimnisvollen Tiefen seiner harmonischen Ausarbeitung zu stürzen. Ich gab mich einfach den Empfindungen hin, die in mir durch das, was ich hörte und sah, erregt wurden. Die Wirkung auf mich war ganz frei von dem Einfluß vorgefaßter Meinung und von aller Affektation, sie kam ungerufen, unvorbereitet, natürlich und unwiderstehlich. Ich verlor nicht meine Genußfähigkeit für Bach, Beethoven, Mozart, Schubert, Chopin und andere Tondichter. Aber hier war etwas ganz Besonderes, etwas ganz Eigenartiges. Wie konnte ich Wagner mit Beethoven »vergleichen?« Ebensogut hätte ich versuchen können, zwischen dem Parthenon und dem Kölner Dom Vergleiche zu ziehen oder zwischen einem dieser Bauten und den Niagarafällen. Wagners musikalische Sprache hat mich immer berührt wie die Ursprache der ewigen Elemente, wie die Sprache ehrfurchtgebietender Beredsamkeit, die sich in Tönen ausdrückt, welche aus den geheimnisvollen Tiefen der Erkenntnis und Leidenschaft entspringen. Es ist schwer, was ich sagen möchte, durch ein Beispiel zu erklären, aber ich will es versuchen. Unter den Trauermärschen in der musikalischen Literatur haben Beethovens und Chopins meine Gefühle immer am sympathischsten bewegt, Beethovens mit der majestätischen Feierlichkeit seiner Trauer, Chopins mit den Kirchenglocken von melodischem Wehklagen begleitet. Wenn ich aber Siegfrieds Totenmarsch aus der Götterdämmerung höre, scheint mein Herzschlag zu stocken bei dem unermeßlichen Seufzer des Schmerzes, der, wie noch nie zuvor gehört, durch die Luft rauscht.

 

Für mich, als Deutschgeborenen, hat Wagners Nibelungenring, besonders der junge Siegfried und die Götterdämmerung immer einen eigenen heimatlichen Zauber gehabt, der umso stärker wurde, je besser ich diese Tondichtungen kennen lernte. Ich hatte schon in meiner Knabenzeit an der Siegfriedsage in ihren verschiedenen Formen die größte Freude gehabt. Als ich zuerst die Leitmotive des Nibelungenrings hörte, klangen sie mir wie etwas, das ich in der Wiege, in dem Halbbewußtsein frühester Träume vernommen. Das war freilich eine Illusion, aber diese Illusion zeigte mir, wie Wagner, wenigstens für mein Gefühl, in diesen musikalischen Motiven die wahre Saite der Sage berührt hat, wie sie über meinem Vaterlande schwebt und in meiner Phantasie widerhallt. Ich werde nie den ersten Eindruck von Parsifal vergessen, den ich viele Jahre später hatte. Die Vorstellungen in Bayreuth waren damals noch auf ihrer Höhe. Die ganze Atmosphäre der Stadt und ihrer Umgegend war erfüllt von künstlerischer Begeisterung und Schwärmerei. Die Mengen der Besucher aus allen Teilen der zivilisierten Welt kamen fast wie die Pilger zu einem Heiligtume hingezogen. Die Menschen wanderten nach dem Festspielhaus wie die wahren Gläubigen zur Kirche. Als dann die Zuhörer sich in dem streng einfach gehaltenen Gebäude versammelt hatten, und die Lichter niedergedreht wurden, senkte sich eine fast beunruhigende Stille über das Haus. In ehrfurchtsvoller Erwartung hielt die Menge den Atem an. Dann schwebten die feierlichen Töne des Orchesters herauf aus ihrer geheimnisvoll verborgenen Tiefe. Die Teilung der Vorhänge enthüllte die Szene des heiligen Sees. Der leidende Amfortas trat auf mit seinen Begleitern vom heiligen Graal, und die mystische Handlung entwickelte sich, – die Erscheinung des jugendlichen Parsival und das Töten des heiligen Schwanes – das alles in majestätische Harmonien gehüllt, hielt unsere Herzen im Bann. Aber dieser Anfang war nur eine schwache Einleitung für das, was folgen sollte. Die sich verwandelnde Szene verhüllte sich allmählich mit Dunkelheit, deren geheimnisvolle Wirkung durch schwingendes Läuten mächtiger Kirchenglocken erhöht wurde. Dann, wie durch Zauberei, stand die große Tempelhalle des heiligen Graal vor uns, von Licht überflutet. Als die Graalsritter jetzt die Gänge des Tempels herunterschritten und ihre Sitze einnahmen, als die blondgelockten Pagen, schön wie die Engel, und der König des Graal den wundertätigen Kelch tragend, erschienen und der Knabenchor von der Höhe der Kuppel auf uns herniederscholl – da, ich muß es gestehen, flossen mir die Tränen die Wange herab – denn ich sah hier etwas, das dem Bilde gleichkam, das ich mir als Kind vom Himmel gemacht. Diese Beschreibung mag überschwenglich klingen, aber ein großer Teil, wenn nicht die Mehrheit der Zuhörer war von denselben Gefühlen überwältigt. Als nach dem Schluß des Akts die Vorhänge sich schlossen und die Lichter im Zuschauerraum wieder aufblitzten, sah ich Hunderte von Taschentüchern die feuchten Wangen berühren. Es folgte nicht der geringste hörbare Applaus. In lautloser Stille erhob sich die versammelte Menge und bewegte sich den Ausgängen zu. In dem kleinen Freundeskreis, der mich umgab, wurde kein Wort gesprochen. Wir drückten uns nur stumm die Hände, als wir hinausgingen. In der Reihe hinter uns saß der große französische Künstler Coquelin. Er ging gerade vor uns hinaus. Sein Gesicht trug den Ausdruck tiefsten Ernstes. Als er ins Freie kam, hörte ich wie einer seiner Begleiter ihn frug, wie ihm die Vorstellung gefallen habe. Coquelin antwortete ihm kein Wort, sondern wandte sich von seinem Freunde ab und ging still und allein von dannen. Zwischen dem ersten und zweiten Akt aßen wir, wie es der Brauch ist, in einer der nahe gelegenen Restaurationen zu Mittag. Nicht einer von uns hatte sich genügend erholt, um zu einer Tischunterhaltung aufgelegt zu sein; wir saßen während der ganzen Mahlzeit fast wortlos beisammen.

 

Als dieses sich zutrug – im Jahre 1889 – war ich nicht mehr jung oder leicht erregbar, sondern ziemlich über den Höhepunkt des Lebens hinaus. Ich war nie zur sentimentalen Hysterie geneigt gewesen. Die Freunde, die mich umgaben, waren alle vernünftige Leute, einige von ihnen musikalisch gebildet. Wir hatten alle viel in der Welt gehört und gesehen. Was war es also, in dem ersten Akt des Parsifal, das solche außergewöhnlichen Empfindungen in uns erregte? Es war nicht die Pracht der Dekorationen, denn schön wie sie waren, konnten sie nur unseren Sinn für das Malerische berühren und unsere Bewunderung hervorrufen. Auch war in der Handlung nichts Melodramatisches, das uns so tief bewegen und uns zu Tränen rühren konnte. Die Handlung war sogar höchst einfach und eher mystisch als menschlich sympathisch in ihrer Bedeutung. Noch war es die Musik allein, die, wenn sie in der Konzerthalle gehört wird, wie ich sie seitdem oft gehört habe, allerdings als etwas außergewöhnlich Schönes und Großartiges berühren mußte, aber doch nicht das Gefühl des ganz überwältigenden Gehobenseins hervorbrachte. Nein, es waren alle diese Dinge zusammen – Dekorationen, Handlung und die Musik, die uns in eine Atmosphäre – wie soll ich es nennen? – andächtiger Inbrunst versetzte, uns hoch über alle gewöhnliche Alltäglichkeit des Lebens erhebend, in eine Sphäre des rein Erhabenen, des Heiligen – alle Sehnsucht nach Glauben und Anbetung entfesselnd, die in der Seele geschlummert haben mochte. Wir waren wahrhaftig und tief fromm, als wir dasaßen und schauten und lauschten, fromm über alle Selbstbeherrschung hinaus. Unsere Herzen waren erfüllt von einer wundersamen Freudigkeit, aufwärts strebend mit diesen wundersamen Harmonien, als wogten und schwebten sie dem Geheimnis des Himmels entgegen.

 

Kein Kunstwerk hat mich jemals vorher noch seitdem annähernd so wundersam, so überirdisch berührt wie der erste Akt von Parsifal, und die Wirkung blieb dieselbe, als ich ihn wiedersah, obgleich dann das Element der Überraschung fehlte. Auch habe ich nie jemanden gekannt, der diesen Akt gesehen und gehört und sich ganz dem überwältigenden Zauber entzogen hätte. Und dieses war das letzte und krönende Werk einer erstaunlichen Laufbahn. Man kann wohl den Erfolg eines Mannes im höchsten Grade überraschend nennen, der in sorgfältig ausgearbeiteten Abhandlungen die systematischen Theorien wahrhaft revolutionären Charakters auseinandersetzte, auf denen die Werke seiner Phantasie aufgebaut waren oder aufgebaut werden sollten, in denen er für alles die Gründe angab, die Ziele, die er im Auge hatte, und die Mittel, die er zu deren Erreichung anwenden wollte. Indem dieser Mann die allgemein angenommenen Prinzipien und Ansichten mit hochfahrendem und beinah unverschämtem Vertrauen in seine eigene Kraft angriff und, der Kritik und dem Widerspruch trotzend, fast das ganze Künstlertum gegen sich eingenommen hatte, errang er schließlich einen Triumph, wie ihn noch nie vor ihm ein Komponist zu träumen gewagt hatte. Er erkühnte sich den Fürsten und Machthabern, den Anführern in Literatur und Kunst und der ganzen Menschheit gewissermaßen zu erklären: »ich bin nicht länger gesonnen, meine Schöpfungen unter Euch feil zu bieten, ich habe, nicht zu Eurer Bequemlichkeit, aber für die meine ein kleines entlegenes Städtchen Deutschlands ausersehen, um da meine Musterbühne zu errichten, und dahin werdet Ihr kommen müssen, um meine Werke zu hören, wie ich wünsche, daß sie gesehen und gehört werden«. Und sie kamen. Die berühmtesten Künstler rechneten es sich zur höchsten Ehre an, auch ohne einen Pfennig Gage dort aufzutreten in dem bescheidenen Opernhaus auf dem Hügel bei Bayreuth, und die Mächtigen und die Reichen, und Männer und Frauen höchster Bildung aus allen Teilen Europas und von jenseits des Meeres füllten die Plätze in dem schmucklosen Auditorium als begierige und andächtige Zuhörer. In der Geschichte der Kunst hat es noch nie einen Triumph gegeben, der diesem Ausdruck öffentlicher Huldigung gleichkommt.

 

Wie lange Wagners Werke auf der Bühne noch die hervorragende Stelle behaupten werden, die sie heute einnehmen, muß natürlich von dem, was folgen wird, abhängen. Soweit haben sie einen fast verwirrenden, wenn nicht einen wirklich erdrückenden Maßstab aufgestellt. Wenn ein neuer Komponist Wagners Auffassung des Musikdramas anwendet, Worte, Musik und Dekoration zu einer harmonischen Dichtung verschmelzend, und dabei ähnliche Methoden wie diejenigen Wagners für seine Instrumentation annimmt, so wird er leicht ein Nachahmer genannt werden, und der Vergleich mit dem großen Urheber wird wahrscheinlich zu seinen Ungunsten ausfallen. Wenn er sich aber von dem Einfluß freihält und den alten Mustern treu bleibt oder sich selbst neue Bahnen bricht, so wird seine Musik Gefahr laufen, dem Ohr, das an Wagners gewaltige, überraschende Kraft musikalischen Ausdrucks gewöhnt ist, dünn und alltäglich zu klingen. Es mag eines Genies von außergewöhnlicher Macht bedürfen, diese Art von Herrschaft zu brechen – und die Menschheit mag lange auf ein solches Genie warten müssen!

 

 

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