Besser tot als lebendig

 

Mentone ist still, einfach, ruhig und anspruchslos. An diesem abgeschiedenen Plätzchen hat man privatim all die Vorzüge, die in Monte Carlo und Nizza, ein paar Meilen die Küste runter, öffentlich zu haben sind. Das heißt, man hat hellen Sonnenschein, milde Luft und das schillernd blaue Meer ohne die schädlichen Nebenwirkungen von Menschenaufläufen, Getue und Gedöns und eitler Zurschaustellung. Die Reichen und die Schönen kommen nicht dorthin. Im Prinzip, meine ich, kommen die Reichen nicht dorthin. Ab und zu kommt ein einzelner reicher Mann, und bald wurde ich mit einem von ihnen bekannt. Um ihn zu tarnen, werde ich ihn Smith nennen. Eines Tages im Hotel des Anglais rief er beim zweiten Frühstück aus: „Schnell! Gucken Sie mal rüber zu dem Mann, der gerade aus der Tür geht. Schauen Sie sich ihn ganz genau an.“

„Warum?“

„Wissen Sie, wer das ist?“

„Ja. Es war schon ein paar Tage hier, bevor Sie kamen. Sie sagen, er ist ein alter und sehr reicher Seidenfabrikant aus Lyon, der sich zur Ruhe gesetzt hat, und ich nehme an, dass er niemanden mehr auf der Welt hat, denn er sieht immer so traurig und verträumt aus und spricht mit niemandem. Seine Name ist Théophile Magnan.“

Ich nahm an, dass Smith mir nun das große Interesse erklären würde, das er an Monsieur Magnan gezeigt hatte. Aber statt dessen wurde es geistesabwesend und war für mich und den Rest der Welt für einige Minuten unansprechbar. Dann und wann glitten seine Finger durch sein seidiges weißes Haar, wie um ihm beim Nachdenken zu helfen, und unterdessen ließ er sein Frühstück kalt werden.

Schließlich sagte er: „Nein, es ist weg; ich kann es mir nicht ins Gedächtnis zurückrufen.“

„Was können Sie sich nicht ins Gedächtnis zurück rufen?“

„Es ist eines von Hans Andersens schönen kleinen Märchen. Aber es ist mir entfallen. Es geht ungefähr so: Ein Kind hat einen Vogel im Käfig. Der Vogel singt sein Lied ungehört und unbeachtet. Aber mit der Zeit plagen Hunger und Durst diese Kreatur, und das Lied wird traurig und schwach und verstummt schließlich – der Vogel stirbt. Das Kind kommt und ist von tiefer Reue erfüllt. Dann holt es unter bitteren Tränen und Klagen seine Gefährten, und zusammen begraben sie den Vogel mit üppigem Pomp und der zärtlichsten Trauer, die armen Dinger, ohne zu wissen, dass es nicht nur Kinder sind, die Poeten verhungern lassen und dann für ihr Begräbnisse und Denkmäler genug ausgeben, dass man sie am Leben erhalten und es ihnen angenehm und bequem machen hätte können. Nun –“

Aber an dieser Stelle wurden wir gestört. Gegen zehn an diesem Abend lief Smith mir über den Weg, und er bat mich in seinen Salon hinauf, um ihm beim Rauchen und einem heißen Whisky Gesellschaft zu leisten. Es war ein gemütlicher Ort mit seinen bequemen Stühlen, verspielten Lampen und seinem freundlichen offenen Feuer aus abgelagertem Olivenholz. Und um alles vollkommen zu machen, drang von draußen das gedämpfte Rauschen der Brandung herein. Nach dem zweiten Whisky und viel müßigem und zufriedenem Plaudern sagte Smith:

„Nun sind wir wohl genügend vorbereitet – ich, um eine kuriose Geschichte zum Besten zu geben, und Sie, um sie sich anzuhören. Es war viele Jahre lang ein Geheimnis – ein Geheimnis zwischen mir und drei anderen; aber jetzt werde ich das Siegel brechen. Haben Sie es bequem?“

„Vollkommen. Fahren Sie bitte fort.“

Hier folgt, was er mir erzählte:

„Vor langer Zeit war ich ein junger Künstler – ein sehr junger Künstler, um genau zu sein – und ich wanderte durch die ländlichen Gegenden Frankreichs, zeichnete hier und zeichnete dort, und bald schlossen sich mir zwei liebenswerte junge Franzosen an, die dasselbe trieben wie ich. Wir waren ebenso glücklich wie wir arm waren, oder ebenso arm wie wir glücklich waren – ganz wie Sie wollen. Claude Frère und Carl Boulanger – das waren die Namen dieser Jungs; liebe, liebe Gefährten und die sonnigsten Gemüter, die jemals die Armut ausgelacht und sich bei jedem Wetter prächtig amüsierten haben.

Schließlich strandeten wir in einem bretonischen Dorf, und ein Künstler genauso arm wie wir, nahm uns bei sich auf und bewahrte uns buchstäblich vor dem Verhungern – François Millet. . . “

„Was! Der große François Millet?“

„Groß? Er war damals kein bisschen größer als wir. Er war überhaupt nicht berühmt, noch nicht einmal in seinem eigenen Dorf; und er war so arm, dass er uns zum Essen nichts als Kohlrüben geben konnte, und selbst die gingen uns manchmal aus. Wir vier wurden schnell Freunde, vernarrte, unzertrennliche Freunde. Wir malten nun zusammen mit all unserer Kraft und häuften Werke auf Werke, konnten aber selten einmal eines losschlagen. Wir hatten eine wunderbare Zeit zusammen; aber, oh meiner Seel! wie mussten wir uns immer wieder einschränken.

Für ein wenig mehr als zwei Jahre ging das so. Und schließlich sagte eines Tages Claude:

‚Jungs, wir sind am Ende. Versteht ihr? – Absolut am Ende. Keiner rückt mehr etwas heraus – die haben sich alle gegen uns verschworen. Ich habe mich im ganzen Dorf umgetan, und es ist so, wie ich euch es sage. Sie weigern sich, uns auch nur noch ein Centime Kredit zu geben, bis unsere Schulden nicht bis auf den letzten Rest bezahlt sind.‘

Das erwischte uns kalt. In allen Gesichtern stand das nackte Entsetzen. Wir erkannten jetzt, wie verzweifelt unsere Lage war. Es entstand eine lange Pause. Schließlich sagte Millet seufzend:

‚Mir fällt nichts ein – absolut nichts. Schlagt mal was vor, Leute.‘

Es gab keine Antwort, wenn man nicht ein trauriges Schweigen eine Antwort nennen will.

Carl stand auf und ging eine Weile nervös auf und ab, dann sagte er:

‚Es ist eine Schande! Seht euch diese Ölgemälde an: Stapel über Stapel von Bildern, die so gut sind wie von irgendwem sonst in Europa – ganz egal von wem. Ja, und eine Menge faulenzender Urlauber haben dasselbe gesagt – oder jedenfalls fast dasselbe.‘

„Aber sie kauften nicht.“

‚Na wenn schon, aber sie haben es gesagt; und es stimmt auch. Sieh dir deinen Angelus hier an! Kann mir vielleicht mal jemand sagen. . . ‚

‚Pah, Carl – mein Angelus! Mir wurden fünf Francs dafür angeboten.‘

‚Wann?‘

‚Von wem?‘

‚Wo ist er?‘

‚Warum hast du sie nicht genommen?‘

‚Kommt schon – redet nicht alle durcheinander. Ich dachte, er würde noch mehr geben – ich war mir ganz sicher – er sah so aus – deshalb verlangte ich acht.‘

‚Gut – und dann?‘

‚Er sagte, er würde noch einmal kommen.‘

‚Blitz und Donner! Warum, François. . .‘

‚Oh, ich weiß – ich weiß! Es war ein Fehler, und ich war ein Narr. Jungs, ich meinte es doch nur gut; das werdet ihr mir doch zugestehen, und ich. . . ‚

‚Aber ja, sicher, das wissen wir doch, Segen deinem teuren Herzen, aber stell dich nicht nochmal so dämlich an.‘

‚Ich? Ich wünschte, jemand käme und böte uns einen Kohlkopf dafür an – ihr würdet sehen!‘

‚Einen Kohlkopf! Oh, sprich nicht davon, mir läuft schon das Wasser im Munde zusammen. Rede lieber von weniger verführerischen Dingen.‘

‚Jungs,‘ sagte Carl, ‚fehlt es diesen Bildern etwa an Vorzügen? Gebt mir eine Antwort.‘

‚Nein!‘

‚Sind sie nicht vielmehr von sehr großem und hohen Wert? Antwortet.‘

‚Ja.‘

‚Von so großem und hohen Wert, dass sie sich zu blendenden Preisen verkaufen lassen würden, wenn eine berühmter Name unter ihnen stünde. Oder etwa nicht?‘

‚Sicher. Niemand zweifelt daran.‘

‚Aber – ich scherze nicht – ist es nicht wirklich so?‘

‚Aber ja, natürlich ist es so – und wir scherzen auch nicht. Aber was soll das. Was soll das? Was hat das mit uns zu tun?‘

‚In der Hinsicht, Freunde – dass wir einen berühmten Namen unter sie setzen werden!‘

Die lebhafte Unterhaltung brach ab. Die Gesichter wandten sich fragen zu Carl. Was für eine Art von Rätsel mochte das sein? Wo konnte man sich einen berühmten Namen dafür ausleihen? Und wer sollte das tun?

Carl setzte sich wieder und sagte:

‚Nun, ich habe da einen vollkommen seriösen Vorschlag für euch. Ich denke, das ist der einzige Weg, um uns aus dem Armenhaus rauszuhalten, und ich glaube, es ist eine vollkommen sichere Sache. Ich begründe diese Ansicht auf bestimmte zahlreiche und seit langem feststehende Tatsachen aus der Geschichte der Menschheit. Ich glaube, mein Projekt wird uns alle reich machen.‘

‚Reich! Du hast wohl den Verstand verloren.“

‚Nein, habe ich nicht.‘

‚Hast du doch – du hast den Verstand verloren. Was nennst du überhaupt reich?‘

‚Hunderttausend Francs pro Mann.‘

‚Er hat wirklich den Verstand verloren, ich hab’s ja gewusst.‘

‚Ja, hat er. Carl, die Entbehrungen waren zu viel für dich, und. . .‘

‚Carl, du solltest eine Pille nehmen und dich gleich ins Bett legen.‘

‚Verbindet ihn zuerst – verbindet ihm den Kopf, und dann. . .‘

‚Nein, verbindet ihm die Fersen; sein Verstand ist schon seit Wochen immer weiter nach unten gesackt – ich hab’s genau bemerkt.‘

‚Haltet die Klappe!‘ sagte Millet mit demonstrativer Strenge, ‚und lasst den Jungen sagen, was er zu sagen hat. Nun, dann rück mal raus mit deinem Projekt, Carl. Um was handelt es sich?‘

‚Nun denn, als Einleitung muss ich euch erst mal bitten, folgende Tatsache in der Geschichte der Menschheit zur Kenntnis zu nehmen: das nämlich der Wert manch eines großen Künstlers niemals anerkannt wurde, bevor er nicht verhungert und tot war. Das ist schon so oft geschehen, dass ich kühn ein Gesetz darauf begründen werde. Das Gesetz lautet: der Wert jedes großen unbekannten und vernachlässigten Künstlers muss und wird erkannt werden, und die Preise für seine Bilder werden nach seinem Tod in die höchsten Höhen klettern. Mein Plan ist nun, dass wir losen müssen – einer von uns muss sterben.‘

Diese Bemerkung fiel so ruhig und so unerwartet, dass wir fast vergaßen hochzuspringen. Dann erhob sich wieder ein wildes Durcheinander von Ratschlägen – Ratschlägen medizinischer Natur –zum Wohle von Carls Verstand; aber er wartete geduldig, bis sich die Aufregung gelegt hatte, und fuhr dann mit seinem Plan fort:

‚Ja, einer von uns muss sterben, um die anderen zu retten – und sich selbst auch. Wir werden Lose ziehen. Der, den es trifft, wird berühmt werden, und wir alle reich. Seid mal still jetzt – seid still; unterbrecht mich nicht – ich sage euch, ich weiß, wovon ich rede. Die Idee ist folgende: In den nächsten Monaten wird der, der sterben soll, malen, was das Zeug hält und seinen Vorrat vergrößern, wie er nur kann – keine Gemälde, nein! Skizzen, Studien, Teile von Studien, Fragmente von Studien, ein Dutzend Pinseltupfer pro Stück – unbedeutend, natürlich, aber seine, mit seiner Signatur darauf; fünfzig Stück pro Tag, jedes muss irgendeine Besonderheit oder einen Manierismus enthalten, die man leicht als die seinen entdecken kann – das sind, wie ihr wisst, die Sachen, die sich verkaufen und die zu fabelhaften Preisen von den Museen der gesammelt werden, nachdem der große Mann gestorben ist; wir werden eine Masse davon bereit halten – eine Masse! Und die ganze Zeit wird der Rest von uns den Todgeweihten fleissig unterstützen und Paris bearbeiten und die Händler – Vorbereitungen für das kommende Ereignis, ich wisst schon; und wenn sie richtig schön heiß gemacht sind, werden wir sie mit seinem Tod konfrontieren und das berüchtigte Begräbnis veranstalten. Habt ihr’s begriffen?‘

‚Nnein, wenigstens nicht ga-‚

‚Nicht ganz? Ja, versteht ihr denn nicht? Der Mann stirbt nicht wirklich; er ändert seinen Namen und verschwindet; wir begraben eine Puppe und beweinen sie zusammen mit der ganzen Welt. Und ich. . .‘

Aber sie ließen ihn nicht zu Ende sprechen. Alle brachen in einen stürmischen Beifallsjubel aus, alle sprangen auf, tollten im Zimmer herum und fielen sich mit freudigem Entzücken und voller Dankbarkeit um den Hals. Stundenlang sprachen wir über diesen großartigen Plan, ohne auch nur einmal Hunger zu verspüren; und schließlich, als alle Einzelheiten zufriedenstellend geregelt waren, losten wir, und die Wahl fiel auf Millet – die Wahl zu sterben, wie wir es nannten. Dann kratzten wir alle Dinge zusammen, von denen man sich niemals trennt, bis man sie auf einen zukünftigen Reichtum wettet – Andenken, Schmuckstücke und solche Dinge – und diese versetzten wir, was uns genug einbrachte für ein frugales Abschiedsabendessen und -frühstück und ein paar Francs für die Reise und ein paar Kohlrüben, von denen Millet ein paar Tage leben konnte.

Früh am nächsten Morgen verschwanden wir drei schnurstracks nach dem Frühstück, zu Fuß selbstverständlich. Jeder von uns hatte ein Dutzend von Millets kleinen Bildern bei sich, um sie zu verkaufen. Carl ging nach Paris, wo er damit anfangen wollte, Millets Namen für den kommenden großen Tag aufzubauen. Claude und ich sollten uns trennen und über ganz Frankreich verteilen.

Nun, es wird Sie überraschen zu erfahren, wie leicht und bequem die ganze Sache lief. Ich wanderte zwei Tage, bevor ich mit dem Geschäft begann. Dann fing ich damit an, eine Villa in der Nähe einer großen Stadt zu zeichnen – weil ich den Besitzer auf einem Balkon stehen sah. Er würde herunterkommen, um mir zuzuschauen – dachte ich mir. Ich arbeitete schnell, in der Absicht, sein Interesse wach zu halten. Ab und zu stieß er einen kleinen Ausruf der Anerkennung aus, und allmählich redete er sich in Begeisterung und sagte, ich wäre ein Meister!

Ich legte den Pinsel weg, griff in meinen Ranzen, holte einen Millet heraus und zeigte auf die Signatur in der Ecke. Ich sagte stolz:

‚Ich nehme an, Sie erkennen das? Er hat mir das Malen beigebracht! Ich glaube wohl, ich sollte mich auf mein Handwerk verstehen.‘

Der Mann sah schuldbewusst verlegen drein und schwieg. Ich sagte betrübt:

‚Sie wollen doch wohl nicht andeuten, dass Sie die Signatur von François Millet nicht kennen!‘

Natürlich kannte er diese Signatur nicht; aber er war trotzdem der dankbarste Mann, den Sie jemals gesehen haben, weil ich ihn so billig aus einer unangenehmen Situation kommen lassen hatte. Er sagte:

‚Nein! Aber ja, das ist Millets Zeichen, gewiss. Ich weiß nicht, wie ich daran zweifeln überhaupt konnte. Selbstverständlich erkenne ich es jetzt.‘

Als nächstes wollte er es kaufen; aber ich sagte, dass ich zwar nicht reich, aber nicht so arm wäre. Aber schließlich überließ ich es ihm für achthundert Francs.“

„Achthundert!“

‚Ja. Millet würde es für ein Schweinekotelett verkauft haben. Ja, und ich bekam achthundert Francs für das kleine Ding. Ich wünschte, ich könnte es für achtzigtausend zurück kriegen. Aber diese Zeiten sind vorbei. Ich malte ein sehr nettes Bild vom Haus dieses Mannes und wollte es ihm für zehn Francs anbieten, aber das wäre nicht passend gewesen, da ich ja der Schüler eines solchen Meisters war, und so verkaufte ich es ihm für hundert. Ich schickte die achthundert Francs von dieser Stadt aus gleich an Millet und machte mich am nächsten Tag wieder auf den Weg,

Aber ich ging nicht mehr zu Fuß – nein, ich fuhr. Seitdem bin ich immer nur noch gefahren. Ich verkaufte ein Bild pro Tag und versuchte nie, zwei zu verkaufen. Ich sagte immer zu meinen Kunden:

‚Ich bin ein Narr, überhaupt ein Bild von François Millet zu verkaufen, denn dieser Mann hat keine drei Monate mehr zu leben, und wenn er tot ist, kriegt man seine Bilder auch für viel Geld und gute Worte nicht mehr.‘

Ich trug Sorge, diese kleine Tatsache so weit wie möglich zu verbreiten und die Welt auf das Ereignis vorzubereiten.

Auf unseren Verkaufsplan für die Bilder halte ich mir etwas zu gute – er stammt nämlich von mir. Ich schlug ihn am letzten Abend vor, als wir unseren Feldzug entwarfen, und die drei anderen stimmten zu, ihm eine faire Chance zu geben, bevor wir ihn zugunsten eines anderen aufgeben würden. Er funktionierte bei allen von uns. Ich wanderte nur zwei Tage, Claude wanderte auch zwei – wir beide fürchteten, Millet zu nahe an Zuhause berühmt zu machen – aber Carl wanderte nur einen halben Tag, dieser ausgekochte, gewissenlose Schlingel, und reiste von da an wie ein Herzog.

Dann und wann wandten wir uns an den Redakteur einer Landzeitung und lancierten eine Meldung in die Presse; keine Meldung, die ankündigte, dass ein neuer Maler entdeckt worden war, sondern eine Meldung, die voraussetzte, dass jedermann François Millet kannte; keine Meldung, die ihn irgendwie lobte, sondern nur ein paar Worte, die den gegenwärtigen Gesundheitszustand des „Meisters“ betrafen – manchmal zuversichtlich, manchmal verzagt, aber immer getränkt mit der Befürchtung des Schlimmsten. Wir strichen diese Absätze immer an und schickten die Zeitungen allen Leuten, die uns Bilder abgekauft hatten.

Carl war bald in Paris und trieb die Dinge im großen Stil voran. Er freundete sich mit Korrespondenten an und brachte es fertig, dass über Millets Zustand in England und auf dem ganzen Kontinent und in Amerika und überall berichtet wurde.

Nach sechs Wochen trafen wir drei uns in Paris und beendeten die Aktion und schrieben Millet nicht mehr um weitere Bilder an. Der Boom war auf dem Höhepunkt und alles so reif, dass es uns klar war, dass es ein Fehler sein würde, nicht auf der Stelle aufzuhören, ohne noch länger zuzuwarten. Wir schrieben also an Millet, er solle sich ins Bett legen und ziemlich schnell zu siechen anfangen, denn wir würden ihn gerne in zehn Tagen sterben sehen, wenn er es schaffen könne.

Dann zählten wir zusammen und kamen auf fünfundachtzig verkaufte Bilder und Studien und neunundsechzigtausend Francs, die sie uns eingebracht hatten. Carl hatte den letzten Verkauf gemacht und den glänzendsten von allen. Er verkaufte den Angelus für zweitausendzweihundert Franc. Wie wir ihn dafür priesen! – ohne vorherzusehen, dass nach und nach ein Tag kommen würde, an dem Frankreich darum kämpfen sollte, ihn zu besitzen und ein Fremder ihn für fünfhundertfünfzigtausend in bar entführen sollte.

Zum Abschluss der Kampagne hatte wir an diesem Abend ein großes Essen, und am nächsten Tag packten Claude und ich unsere Sachen und machten uns auf den Weg, um Millet in seinen letzten Tagen zu pflegen und ihm die Wichtigtuer vom Hals zu halten und tägliche Bulletins zu Carl nach Paris zuschicken, die zur Unterrichtung einer erwartungsvollen Welt in den Zeitungen mehrerer Kontinente veröffentlicht werden sollten. Schließlich kam das traurige Ende, und Carl war rechtzeitig da, um bei den Trauerfeierlichkeiten zu helfen.

Sie erinnern sich sicherlich an das große Begräbnis und daran, welch ein großes Aufsehen es rund um den Globus erregte, und wie die Berühmtheiten aus beiden Welten kamen, um ihm beizuwohnen und ihre Trauer zu bekunden. Wir vier – immer noch unzertrennlich – trugen den Sarg und ließen uns von niemandem dabei helfen. Wir taten gut daran, denn es lag nichts weiter drin als eine Wachsfigur, und andere Sargträger hätten am Gewicht den Schwindel sofort bemerkt. Ja, wir vier alten Knaben, die liebevoll alle Entbehrungen miteinander geteilt hatten in den alten harten Zeiten, die nun für immer vorbei waren, trugen den Sa-“

„Welche vier?“

„Wir vier – denn Millet half dabei, seinen eigenen Sarg zu tragen. Natürlich in Verkleidung. Verkleidet als ein Verwandter – ein entfernter Verwandter.“

„Erstaunlich!“

„Aber trotzdem wahr. Nun, Sie wissen ja, wie die Bilder im Preis hoch gingen. Geld? Wir wussten nicht, wohin damit. In Paris gibt es einen Mann, der besitzt siebzig Bilder von Millet. Er zahlte uns zwei Millionen Francs dafür. Und was die Mengen von Zeichnungen und Studien angeht, die Millet in den sechs Wochen, in denen wir auf Achse waren, ausspuckte, Sie würden erstaunt sein, zu welchen Preisen wir sie heute verkaufen – das ist die Geschichte, wie wir beschlossen, einen von uns sterben zu lassen!“

„Es ist eine wunderbare Geschichte, vollkommen wunderbar!“

„Ja – das ist sie wohl.“

„Und was ist aus Millet geworden?“

„Können Sie ein Geheimnis für sich behalten?“

„Das kann ich.“

„Erinnern Sie sich an den Mann, auf den ich Sie heute morgen im Speisesaal aufmerksam gemacht habe? Das war François Millet.“

„Großer. . .“

„. . . Gott! Ja. Denn einmal ließen sie nicht ein Genie verhungern und stopften dann das Geld, das ihm zugestanden hätte, in anderer Leute Taschen. Diesen Singvogel ließ man sich nicht das Herz ungehört aus dem Leibe singen und entlohnte ihn dann mit dem kalten Pomp eines großen Begräbnisses. Dafür haben wir gesorgt.“

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