Bemis‘ Büffel

Den nächsten Morgen, gerade vor Dämmerung, etwa fünfhundertfünfzig Meilen weit von St. Joseph, brach unsere Stage Coach zusammen. Wir sollten einen Aufenthalt von fünf bis sechs Stunden haben. Daher nahmen wir die Einladung einer Jagdgesellschaft an, die sich gerade zur Büffeljagd aufmachte, sie zu Pferde zu begleiten. Es war ein edles Vergnügen, im taufrischen Morgen über die Ebene hinzujagen. Unsrerseits nahm die Jagd jedoch ein Ende mit Schrecken und Verdruss, denn ein angeschossener Stier trieb den Reisenden Bemis fast zwei Meilen weit vor sich her, bis dieser schließlich seinen Gaul im Stiche ließ und sich auf einen einsamen Baum flüchtete. Etwa vierundzwanzig Stunden lang war Bemis höchst verärgert über diese Angelegenheit. Dann beruhigte er sich langsam wieder, und schließlich sagte er:

»Na, es war kein Spaß, und es war recht albern von diesen Einfaltspinseln, sich darüber so lustig zu machen. Ich sage euch, eine Weile war ich ernstlich böse darüber. Diesen langen schlotterigen Lümmel, Namens Hank, würde ich gern über den Haufen geschossen haben, wenn ich es hätte fertig bringen können, ohne noch sechs oder sieben andere zu Krüppeln zu schießen – das war natürlich rein unmöglich, denn mein alter ›Allen‹ streut gewaltig. Ich wollte nur, diese Bummler hätten da oben auf dem Baum gesessen, dann wäre ihnen das Lachen schon vergangen. Wenn mein Gaul auch nur einen Pfifferling wert gewesen wäre, – aber nein, sobald er sah, wie der Stier brüllend auf ihn loskam, stieg er kerzengerade in die Luft und blieb auf den Hinterbeinen stehen. Jetzt fing der Sattel an zu rutschen; ich faßte den Gaul um den Hals und legte mich mit einem Stoßgebet fest auf ihn. Nun ließ er sich vorne nieder und streckte die Hinterhand eine Zeit lang in die Luft, so daß der Stier wirklich sein Scharren und Brüllen aufgab, um sich das unheimliche Schauspiel zu betrachten. Dann aber machte der Stier aus nächster Nähe einen mächtigen Satz auf den Gaul zu unter wahrhaft entsetzlichem Gebrüll; das muß meinen Gaul buchstäblich um den Verstand gebracht und ihn völlig toll und rasend gemacht haben. Und ich will verdammt sein, wenn er nicht eine ganze Viertelminute lang auf dem Kopf stand und Tränen vergoß. Er war vollständig aus dem Häuschen – ja gewiß und wahrhaftig – und wußte wirklich nicht mehr, was er tat. Jetzt kam uns der Stier auf den Leib, darauf ließ sich mein Gaul wieder auf alle Viere nieder und nahm einen neuen Anlauf, während der nächsten zehn Minuten machte er aber allen Ernstes einen Purzelbaum nach dem andern in solcher Geschwindigkeit, daß der Bulle ebenfalls außer Fassung kam und nicht mehr wußte, wo er anpacken sollte. So blieb er stehen, indem er nieste, sich Sand auf den Rücken schaufelte und dann und wann brüllte; gewiß meinte er, er habe ein Zirkuspferd für fünfzehnhundert Dollar als Frühstücksbissen vor sich. Nun, ich saß ihm also zuerst auf dem Halse – dem Gaul natürlich, nicht dem Bullen – dann unter seinem Bauch, dann auf seinem Steiß, und hatte bald den Kopf oben bald die Fersen – aber ich sage euch, es hatte etwas großartig Haarsträubendes, sozusagen im Angesichte des Todes in dieser Weise herum geschleudert, gerissen und gewirbelt zu werden. Bald darauf tat der Bulle einen Stoß nach uns und riß meinem Gaul ein Stück von seinem Schweif ab – (ich meine so, gewiß weiß ich es nicht, ich war da gerade ziemlich in Anspruch genommen); auf einmal muß der Gaul von der Sehnsucht nach Einsamkeit ergriffen worden sein, so daß er sich aufmachte, um derselben nachzujagen. Nun hättet ihr einmal dieses alte spinnenbeinige Gerippe ausgreifen sehen und beobachten sollen, wie der Büffel hinter ihm drein war – den Kopf am Boden, die Zunge außen, den Schwanz in der Luft, brüllend wie der Teufel, buchstäblich das Gras vor sich niedermähend, die Erde aufreißend und den Sand aufwühlend gleich einem Wirbelwind! Bei Gott, das war eine heiße Hatz! Ich saß samt dem Sattel dem Gaul auf dem Kreuze, die Zügel hatte ich zwischen den Zähnen und mit beiden Händen hielt ich mich am Sattelknopf. Zuerst ließen wir die Hunde hinter uns, dann kamen wir einem Eselskaninchen voraus; hierauf überholten wir einen Kojoten, und wie wir eben im Begriffe waren, eine Antilope einzuholen, brach der morsche Sattelgurt, so daß ich an die dreißig Ellen weit links hinausflog, und als der Sattel dem Pferd über das Kreuz hinabrutschte, versetzte es ihm eins mit den Hufen, daß derselbe über vierhundert Ellen weit in die Luft hinauffuhr – ich will tot umfallen, wenn es nicht so ist. Ich fiel am Fuß des einzigen Baumes nieder, der meilenweit in der Runde stand und eine Sekunde darauf hatte ich alle zehn Fingernägel und die Zähne in die Rinde geschlagen, und saß im nächsten Augenblick rittlings auf dem Hauptast, so unbarmherzig fluchend über mein Mißgeschick, daß mein Atem stank wie ein Schwefelpfuhl. Jetzt hatte ich den Bullen dran gekriegt, sofern er nicht an eines dachte. Aber dies eine eben fürchtete ich. Es war ja eine Möglichkeit, daß der Bulle nicht daran dachte, allein das Gegenteil hatte mehr Wahrscheinlichkeit für sich. Ich überlegte, was ich im letzteren Falle nehmen wollte. Es waren von meinem Platz aus etwas über vierzig Fuß bis auf den Boden. Vorsichtig wickelte ich den Lasso vom Knopfe meines Sattels los und –«

»Deines Sattels? Nahmst du denn deinen Sattel mit auf den Baum hinauf?«

»Mit auf den Baum hinauf? Na, wie ihr herausschwatzt. Natürlich nicht. Das hätte ja kein Mensch gekonnt. Er war aus der Luft auf den Baum heruntergefallen.«

»Ah – so!«

»Gewiß. Also ich wand den Lasso los und befestigte dessen eines Ende an meinem Ast. Der Riemen war aus allerbestem Rohleder und konnte Zentner tragen. An das andere Ende machte ich eine Schleife und ließ es hinunter um zu sehen, wie weit es reiche Es ging zweiundzwanzig Fuß weit hinab, halb zum Boden. Dann versah ich sämtliche Läufe meines Allen mit doppelter Ladung. Nun war ich ruhig. Ich sagte bei mir selbst, kommt er nicht auf den Gedanken, der mir solche Sorgen macht, gut – und kommt er doch darauf, nun auch gut – ich bin darauf gefaßt. Aber ihr wißt ja doch, daß immer das eintrifft, was man nicht gerne hat, nicht wahr? So geht es stets. Ich erwartete den Büffel mit Bangen – einem Bangen, das nur ermessen kann, wer sich schon in solcher Lage befunden hat, wo er den Tod jeden Augenblick erwarten mußte. Plötzlich blitzt ein Gedanke auf im Auge des Bullen. Ich wußte es ja! sprach ich – wenn mir jetzt die Spannkraft versagt, so bin ich verloren. Richtig – es kam ganz genau, wie ich befürchtet hatte – er machte Anstalt, auf den Baum zu klettern.«

»Wie, der Büffel?« –

»Natürlich – wer denn sonst?«

»Aber ein Büffel kann ja nicht auf einen Baum klettern!«

»Kann nicht? – So, er kann nicht? Nun, wenn ihr es doch so gut versteht, habt ihr es denn schon einmal mit angesehen?«

»Nein. Der Gedanke wäre mir nicht im Traum gekommen!«

»Nun, was hat dann all euer Geschwätz darüber für einen Wert? Weil ihr’s noch nie mit angesehen habt, ist das ein Beweis, daß es nicht möglich ist?«

»Also gut – nun weiter; was tatest du nun?«

Der Stier kletterte los und kam vielleicht zehn Fuß weit ganz gut herauf, dann glitt er aus und rutschte zurück. Ich atmete auf. Er setzte wieder an und kam jetzt etwas weiter herauf, dann rutschte er wiederum ab. Aber er machte sich nochmals dran, und gab diesmal gut acht. Immer höher und höher stieg er, während mir der Mut immer tiefer sank. Immer näher rückte er – Zoll um Zoll – mit blutunterlaufenen Augen und heraushängender Zunge. Immer höher kam er herauf – jetzt stemmte er den Fuß auf einen Ast und schaute herauf, als wollte er sagen: ›Freundchen, dich freß ich auf mit Haut und Haar‹. Dann ging es wieder aufwärts – höher und höher und immer hitziger wurde er, je näher er kam. Er war keine zehn Fuß mehr von mir! Ich holte tief Atem. ›Jetzt oder nie‹ – sprach ich. Ich hielt die Schlinge meines Lasso schon in Bereitschaft, vorsichtig ließ ich sie hinab, bis sie ihm gerade über dem Kopfe hing, dann lasse ich rasch den Riemen fahren, und der Stier steckt ganz fein mit dem Kopf in der Schlinge! Ich nun schneller wie der Blitz meinen ›Allen‹ heraus und ihm die ganze Ladung ins Gesicht. Es gab einen gräßlichen Knall und der Bulle muß davon betäubt geworden sein. Wie der Rauch sich verzog, baumelte er zwanzig Fuß vom Boden in der Luft und verfiel schneller, als man zählen konnte, aus einer Todeszuckung in die andere. Ich hielt mich übrigens mit Zählen nicht auf – ich rutschte von meinem Baum herunter und machte, daß ich weiter kam.«

»Bemis, ist das alles wahr, ganz wie du es erzählt hast?«

»Ich will des Teufels sein auf der Stelle und krepieren wie ein Hund, wenn es nicht so ist.«

»Nun, wir wollen’s ja glauben, und glauben es auch gerne. Wenn man aber doch vielleicht einen Beweis –«

»Beweis! Habe ich meinen Lasso mit heim gebracht? –«

»Nein.«

»Habe ich mein Pferd mit heimgebracht?« –

»Nein.«

»Habt ihr den Stier nachher noch einmal gesehen?«

»Auch nicht.«

»Nun, was braucht es dann weiter? In meinem Leben habe ich noch keine Leute getroffen, die bei einer so einfachen Sache sich so seltsam anstellten wie ihr.« –

*

 Nun, wenn dieser Mensch kein Lügner war, so fehlte jedenfalls nicht viel dazu. Dieses Vorkommnis erinnert mich an einen Zwischenfall während meines kurzen Aufenthalts in Siam, einige Jahre nachher. Unter den Europäern einer Stadt bei Bangkok befand sich ein merkwürdiges Exemplar Namens Eckert, ein Holländer, der wegen seiner vielen sinnreichen und verblüffend großartigen Lügen weit berühmt war. Unaufhörlich wurden seine berühmtesten Stückchen wiederholt, und stets versuchte man, in Gegenwart von Fremden etwas aus ihm herauszuziehen, allein selten mit Erfolg. Zweimal war er in dem Hause, wo ich zu Besuch war, eingeladen, aber nichts vermochte, ihm eine hervorragende Probe seiner Lügenkunst zu entlocken. Eines Tages nun lud mich ein Pflanzer Namens Bascom, ein Mann von Ansehen, stolz und manchmal aufbrausend, ein, mit ihm zu Eckert hinüberzureiten und bei diesem vorzusprechen. Während wir so dahin schlenderten, meinte er:

»Nun, wissen Sie, woran der Fehler liegt? – Daran, daß man Eckert stutzig macht. Sobald die Jungens ihn auszupumpen suchen, merkt er ganz genau, was sie vorhaben, und macht nun natürlich seine Schale zu. Das könnte sich eigentlich jeder selbst sagen. Aber wenn wir hinkommen, müssen wir ihn schlauer anpacken. Man muß ihn die Unterhaltung ganz nach seinem Gefallen wählen lassen – er mag sie fallen lassen oder wechseln, wie es ihm paßt. Er soll sehen, daß kein Mensch ihn auszuziehen sucht. Er soll ganz thun, wie er will. Dann wird es nicht lange anstehen, so vergißt er sich und die Lügen fallen nur so herunter wie das Mehl in der Mühle. Verlieren Sie nur die Geduld nicht – seien Sie ganz still und lassen Sie mich nur machen. Ich will ihn schon zum Lügen bringen. Ich meine, die Jungens müssen blind sein, um solch einen auf der Hand liegenden einfachen Kniff zu übersehen.«

Eckert nahm uns herzlich auf – ein Mann von liebenswürdigem, gebildetem Wesen. Wir saßen eine ganze Stunde auf der Veranda, schlürften englisches Ale und unterhielten uns über den König, den heiligen weißen Elefanten, das schlafende Götzenbild und alles mögliche; dabei bemerkte ich, daß mein Begleiter nie die Unterhaltung leitete oder beeinflußte, sondern einfach sich Eckerts Leitung überließ und niemals Unruhe oder Befangenheit bei irgend etwas zeigte. Der Erfolg ließ sich bald bemerken. Eckert fing an, mitteilsam zu werden, er fühlte sich immer gemütlicher und wurde immer gesprächiger und geselliger. Noch eine Stunde verfloß in derselben Weise, als Eckert ganz plötzlich äußerte:

»Ach, apropos! Beinahe hätte ich es vergessen. Ich habe etwas, das Sie in Erstaunen setzen wird. Etwas, wie es weder von Ihnen, noch von sonst irgend jemand erhört worden ist – ich habe eine Katze, die Kokosnüsse frißt! – gewöhnliche, frische Kokosnüsse – und die nicht bloß das Fleisch frißt, sondern auch die Milch trinkt. Es ist so – ich leiste einen Eid darauf.«

Ein rascher Blick von Bascom, – ein Blick, den ich verstand – dann sagte er:

»Nun, Gott verzeih‘ mir, so was habe ich noch nie gehört. Mensch, das kann nicht sein.«

»Ich wußte, daß Sie das sagen würden. Ich will die Katze holen.«

Er ging ins Haus. Bascom sagte:

»Da – was habe ich Ihnen gesagt? Nun, so muß man es machen, um Eckert dran zu kriegen. Sie sehen, ich habe ihn geduldig gekirrt und seinen Argwohn eingeschläfert. Mich freut es, daß wir hergekommen sind. Erzählen Sie es nur den Jungens, wenn Sie nach Hause kommen. Eine Katze Kokosnüsse fressen – du guter Gott! Nun, das ist ganz genau seine Art – er tischt einem die abgeschmackteste Lüge aus und überläßt es seinem Glücksstern, wie er sich dann wieder herauswickelt. Eine Katze und Kokosnüsse fressen – der einfältige Narr!«

Eckert kam ganz zuversichtlich mit seiner Katze daher. Bascom lächelte und meinte:

»Ich will die Katze halten – bringen Sie eine Kokosnuß.« Eckert öffnete eine und schnitt ein paar Stückchen davon ab. Bascom gab mir verstohlen einen Wink und hielt der Mietze einen Schnitz vor. Sie schnappte darnach, verzehrte ihn gierig und wollte dann noch mehr haben.

Auf dem Heimweg ritten wir unsere zwei Meilen stillschweigend und in weitem Abstand neben einander her. Ich wenigstens sprach nichts, während Bascom seinem Pferd reichlich Püffe und Flüche verabreichte, obwohl sich dasselbe ganz gut hielt. Als ich nach Hause abbog, meinte Bascom:

»Behalten Sie nur das Pferd bis morgen früh. Und – Sie brauchen den Jungens nichts zu erzählen von – dieser albernen Geschichte.«

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