Bei Bismarck

Im Herbst 1867 reisten die Meinigen nach Wiesbaden, wo meine Frau sich aus Gesundheitsrücksichten länger aufhalten sollte. Ich beabsichtigte etwa um Weihnachten ebenfalls auf einige Wochen dort hinzukommen. In Deutschland hatten sich seit jener dunklen Dezembernacht im Jahre 1861, wo ich auf dem Wege von Spanien nach Amerika das Land von der belgischen Grenze bis Hamburg im Fluge durcheilte, große Veränderungen zugetragen. Die Zeit dumpfer Reaktion nach dem Zusammenbruch der revolutionären Bewegung von 1848 war vorüber. König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, der so fest überzeugt und so eifrig die Rechte des Königtums von Gottes Gnaden hochgehalten hatte, war in hilflosem Wahnsinn gestorben. Auch König Wilhelm I., sein Bruder und Nachfolger, glaubte an das göttliche Recht, aber nicht an die göttliche Eingebung der Könige; er war ein sehr vernünftiger Mann, der größere Fähigkeiten bei anderen sehr wohl anzuerkennen vermochte, und der in Bismarck einen Minister von beherrschendem Genie gefunden hatte. Der vollständige Sieg, den Preußen 1866 über Osterreich davongetragen, hatte die Gründung des Norddeutschen Bundes unter dem Präsidium Preußens zur Folge, den ersten Schritt zur Einigung ganz Deutschlands zu einem konstitutionellen Reiche. Mehrere der alten Revolutionäre von 1848 saßen nun im Reichstag des Norddeutschen Bundes, und einer der hervorragendsten unter ihnen, Lothar Bucher, war Bismarcks vertrauter Mitarbeiter und Berater. Das ganze Volk war voller Hoffnung, und ein frischer Wind des Liberalismus wehte sogar in den hohen Sphären der Regierung. Ich bezweifelte nicht, daß ich unter diesen Umständen mich nach Deutschland hineinwagen könnte, ohne ernstlichen Unannehmlichkeiten ausgesetzt zu werden; aber da mein Fall rein juristisch von keiner der vielen kürzlich in Preußen erlassenen Amnestien gedeckt, war, so fürchtete ich doch, daß irgendein übereifriger Subalter-Beamter, der seine Pflicht mit echt preußischer Gründlichkeit erfüllte, oder sich gern als besonders wachsam auszeichnen wollte, mich dennoch belästigen könnte. Um meine Sicherheit war mir dabei durchaus nicht bange, aber ich hätte in sensationelle Verhandlungen verwickelt werden können, welche mir sehr unangenehm und auch meiner Regierung unwillkommen gewesen wären. Ich schrieb daher an den amerikanischen Gesandten in Berlin, George Bancroft, mit der Bitte, sich möglichst unter der Hand zu erkundigen, ob die preußische Regierung irgend etwas dagegen hätte, wenn ich mich einige Wochen in Deutschland aufhielte. Er sollte mir die Antwort nach Bremerhaven schicken, damit ich sie beim Eintreffen des Dampfers, auf dem ich Passage genommen, vorfände. Es war meine Absicht, falls die Antwort ungünstig ausfiele, sofort mit dem Dampfer von Bremen nach England zu fahren und meine Familie dorthin kommen zu lassen. Bancroft erfüllte freundlich meine Bitte und versicherte in seinem in Bremerhaven bereitliegenden Briefe nicht allein, daß die preußische Regierung nichts gegen meinen Besuch einzuwenden habe, sondern daß ich willkommen sei.

Ich war kaum vierundzwanzig Stunden in Wiesbaden, als der Polizeipräsident mir seine Aufwartung machte, sich als alter Bekannter von der Universität vorstellte und mich in der liebenswürdigsten Weise willkommen hieß, wobei er versicherte, daß es ihm aufrichtige Freude machen würde, wenn er mir während meines Aufenthaltes irgendwie dienen könnte. Er sprach dann noch die Hoffnung aus, daß ich vor meiner Rückkehr nach den Vereinigten Staaten Berlin besuchen werde; dort, meinte er, gebe es manches zu sehen, was mir als altem Achtundvierziger erfreulich sein würde.

Nachdem ich in Wiesbaden mit den Meinigen Weihnachten gefeiert hatte, ging ich nach Berlin. Ich schrieb ein paar Zeilen an Lothar Bucher, den ich zuletzt vor sechzehn Jahren als Mitflüchtling in London gesehen hatte, und den ich gern wieder begrüßen wollte. Bucher antwortete umgehend, daß er sich sehr darauf freue, mich wieder zu sehen, aber, ob ich denn nicht den »Minister« (Bismarck) kennen lernen möchte, der den Wunsch geäußert habe, mich zu sprechen. Natürlich erwiderte ich gleich, daß ich diese Ehre zu schätzen wisse usw. Eine Stunde später erhielt ich eine eigenhändige Einladung des Grafen Bismarck ihn um 8 Uhr desselben Abends im Kanzlerpalais in der Wilhelmstraße zu besuchen. Pünktlich zur angegebenen Zeit wurde ich ihm gemeldet, und er empfing mich an der Tür eines mittelgroßen Zimmers, offenbar seines Arbeitskabinetts, dessen Tisch und sonstige Möbel mit Büchern und Papieren bedeckt waren. Da stand er also vor mir, der große Mann, dessen Name die ganze Welt erfüllte. Er war von hohem Wuchs, gerade aufgerichtet, breitschultrig; auf dem Hünennacken saß der gewaltige Kopf, der aus Bildern allgemein bekannt ist; die ganze Gestalt machte einen imponierenden, reckenhaften Eindruck. Er war damals dreiundfünfzig Jahre alt und auf der Höhe seiner körperlichen und geistigen Kraft. Er trug die Interimsuniform eines Generals aufgeknöpft. Seine Züge, die offenbar sehr streng blicken konnten, wenn er wollte, waren von einem freundlichen Lächeln erhellt; er streckte mir die Hand entgegen und drückte die meinige kräftig. »Freut mich, daß Sie gekommen sind«, sagte er in einer wohlklingendem aber für seine Hünengestalt merkwürdig hohen Stimme. Dann, während wir uns noch gegenüberstanden, waren seine ersten Worte: »Ich glaube, ich habe Sie schon mal gesehen. Es war Anfang der fünfziger Jahre im Zuge von Frankfurt nach Berlin. Da saß mir ein junger Mann gegenüber – nach dem Bilde in einer illustrierten Zeitung, die ich mir gekauft hatte, hätten Sie es sein können«, Ich entgegnete, dies wäre nicht möglich, da ich zu jener Zeit nicht in Deutschland gewesen sei. »Übrigens«, fügte ich, vielleicht ein wenig kühn, hinzu, »hätten Sie mich dann nicht als Übeltäter arretieren lassen?« »O nein,« rief er mit gutem, herzlichem Lachen aus, »da kennen Sie mich schlecht. So etwas hätte ich nicht getan. Sie meinen wegen der Sache mit Kinkel? O nein, die hat mir Spaß gemacht. Und wenn es für den Minister Seiner Majestät des Königs von Preußen und den Kanzler des Norddeutschen Bundes nicht höchst unschicklich wäre, möchte ich einmal mit Ihnen nach Spandau fahren und mir an Ort und Stelle alles erzählen lassen. Nun nehmen Sie, bitte, Platz.« Er wies auf einen bequemen Lehnstuhl in der Nähe seines eigenen, setzte sich auch, zog eine Flasche Wein auf, die mit zwei Gläsern auf einem Präsentierbrett neben ihm stand, und schenkte ein. »Sie sind Rheinländer,« sagte er dabei, »diesen Tropfen werden Sie zu schätzen wissen.« Wir stießen an, und ich fand den Wein in der Tat vorzüglich. »Sie rauchen natürlich,« fügte er hinzu, »dies sind gute Havannazigarren. Früher rauchte ich sie selbst sehr gern, ich habe jedoch den Aberglauben, daß jeder Mensch in seinem Leben nur eine gewisse Anzahl Zigarren rauchen darf. Ich fürchte, ich habe mein Teil schon aufgeraucht, so wende ich mich jetzt der Pfeife zu.« – Mit diesen Worten zündete er mit einem Fidibus seine lange Pfeife an und blies bald dichte Rauchwolken von sich.

Als die Pfeife ordentlich im Gange war, lehnte er sich behaglich in seinen Stuhl zurück und fragte: »Nun sagen Sie mir mal, als amerikanischer Republikaner und als revolutionärer Achtundvierziger, welchen Eindruck macht Ihnen die gegenwärtige Lage der Dinge in Deutschland? Ich würde diese Frage gar nicht an Sie richten,« fügte er hinzu, »wenn Sie ein Geheimrat wären, denn dann wüßte ich die Antwort schon im voraus. Aber Sie werden mir Ihre wirkliche Meinung sagen«. – Ich antwortete, ich sei erst ein paar Wochen in Deutschland und habe nur oberflächliche Eindrücke empfangen, aber ich habe die Empfindung, daß allgemein ein neubelebter nationaler Ehrgeiz sich betätige, und daß Vertrauen und Hoffnung auf die Entwicklung von freien politischen Institutionen gleichsam in der Luft lägen. Ich habe nur in Frankfurt einen Bankier und in Nassau ein paar alte stockkonservative Philister getroffen, welche enttäuscht und niedergeschlagen waren. Bismarck lachte herzlich. Der mißvergnügte Nassauer, sagte er, sei sicher ein Hoflieferant des ehemaligen herzoglichen Hofes, und er wolle wohl wetten, daß der Frankfurter Bankier entweder ein Mitglied der alten Patrizierfamilien sei, welche meinten, sie wären der höchste Adel des Landes, oder ein Börsenspekulant, der es beklagte, daß Frankfurt nicht mehr wie ehemals das finanzielle Zentrum Süddeutschlands sei. Und nun ließ Bismarck seiner sarkastischen Laune die Zügel schießen. Er hatte in Frankfurt mehrere Jahre als Gesandter beim seligen »Bundestage« zugebracht und wußte eine Menge drolliger Anekdoten von den aristokratischen Ansprüchen der patrizischen Bürger jener alten freien Stadt zu erzählen, sowie von ihrem würdevollen Zorn über die Einverleibung ihres Freistaates in das Königreich Preußen.

Dann erzählte er mir von den großen Schwierigkeiten, die er überwinden mußte, um den Konflikt mit Osterreich zustande zu bringen. Eine der größten dieser Schwierigkeiten war die peinliche Gewissenhaftigkeit und das Zaudern des alten Königs Wilhelm, der nie in etwas einwilligen wollte, was im geringsten verfassungswidrig zu sein schien oder was nicht ganz und gar mit den strengsten Ansichten von Rechtschaffenheit und Treu und Glauben übereinstimmte. In unserem Gespräch nannte Bismarck den König fortwährend »der alte Herr«. Einen Augenblick sprach er vom alten Herrn mit fast zärtlicher Liebe und dann wieder in einem vertraulichen, ja ungenierten Tone, der wenig Achtung und Ehrfurcht verriet. Er erzählte mir Anekdoten vom König, die mich in höchstes Erstaunen versetzten, besonders bei dem Gedanken, daß ich den Premierminister des Königs vor mir hatte, dem ich ein vollkommen Fremder war, und der nichts von meiner Diskretion und meinem Gefühl von Verantwortlichkeit wußte. Als wenn wir unser Leben lang vertraute Freunde gewesen wären, enthüllte er mir, anscheinend ganz rückhaltslos und mit übersprudelnder Lebhaftigkeit, Bilder von Vorgängen, die sich hinter den Kulissen während der berühmten Konfliktsperiode zwischen der Krone und dem preußischen Abgeordnetenhause abgespielt hatten. Bismarck der den Krieg mit Osterreich unabwendbar kommen sah, hatte, ohne gesetzliche Vollmacht, Millionen über Millionen der öffentlichen Gelder dazu verwandt, das Heer für »die große Krisis vorzubereiten. Die liberale Majorität der Kammern und die öffentliche Meinung erkannten beide nicht, daß die Einigung Deutschlands sein großes Ziel war, und erhoben sich hartnäckig und fest gegen dieses eigenmächtige Überschreiten seiner Machtbefugnis. Der König selbst schreckte vor einem derartigen Verfassungsbruch zurück, ja, er fürchtete eine neue Revolution, welche ihm und seinem Minister den Kopf kosten konnte. Diese Befürchtung hätte sich leicht erfüllen können, wenn man im Kriege mit Österreich unterlegen wäre. Da hatte Bismarck wie er sich ausdrückte, »verzweifelt die Sporen gebraucht, damit der edle alte Renner das Hindernis nahm und die Sache wagte«. Und nun erzählte er weiter, von der Heimkehr nach dem Siege. Da war von Schafott keine Rede, sondern sie wurden überall vom Volke begeistert empfangen. Das hatte dann dem alten Herrn sehr gefallen und hatte ihn in bezug auf seinen tollkühnen Minister um eine Erfahrung reicher gemacht.

Aber nicht nur die vorsichtige, konservative Gesinnung des Königs mußte er manchmal überwinden; noch mehr war er gehemmt und nicht selten gereizt durch das, was er die »bornierte alte Bureaukratie« nannte, die so schwer aus dem gewohnten ausgefahrenen Gleise zu bringen war, wenn irgend etwas Neues und Kühnes ausgeführt werden sollte. Er sprudelte geradezu über von lustigen Anekdoten und freute sich selbst an seinen drolligen Schilderungen eines alten verknöcherten Geheimrats, der ihn mit weitaufgerissenen, trüben Augen anstarrte, wenn irgend etwas Ungewöhnliches vorgeschlagen wurde, der überall nur unüberwindliche Schwierigkeiten vor sich sah und schließlich seine ganze Findigkeit aufbot, um den schönsten Aktendeckel hervorzusuchen, in welchem das Projekt zur seligen Ruhe begraben werden könnte. Wenn dem Minister endlich die Geduld riß, ging er zum König und klagte, daß mit dem und dem verknöcherten alten Beamten nicht mehr fertig zu werden sei, und daß notwendigerweise ein fähigerer Mensch an seine Stelle gesetzt werden müßte Aber dann sagte der »alte Herr«, in Mitleid zerfließend, jedesmal: »O, er ist so lange schon ein treuer Diener des Staates gewesen. Es wäre doch zu grausam, ihn nun wie eine ausgepreßte Zitrone wegzuwerfen – nein, das vermag ich nicht«. Ich erlaubte mir die Anfrage, ob die Drohung, seinerseits ein Entlassungsgesuch einzureichen, wenn er seinen Willen nicht durchsetzte, den König weniger zart gegen seine unfähigen Freunde in hohen Stellungen stimmen könnte. »O,« lachte Bismarck »das habe ich oft versucht, vielleicht zu oft! Das wirkt nicht mehr. Was meinen Sie wohl, was geschieht, wenn ich damit drohe, mein Amt niederzulegen? Der alte Herr fängt an zu schluchzen und zu weinen. Tatsächlich vergießt er Tränen und sagt: »Nun wollen Sie mich auch verlassen?« Und wenn ich ihn Tränen vergießen sehe, was in aller Welt soll ich dann tun?« So erzählte Bismarck weiter; eine treffende Schilderung jagte die andere, eine lustige Anekdote die andere. Mein Erstaunen wuchs von Minute zu Minute über die anscheinend rücksichtslose Offenheit Bismarcks einem ihm Unbekannten gegenüber. Ich hätte mich weniger gewundert, wenn mir, was ich später erfuhr, damals schon bekannt gewesen wäre, daß diese Art der Unterhaltung bei Bismarck gar nicht ungewöhnlich war, und daß der alte König, wenn er davon hörte, nur ruhig lächelte.

Nun kam Bismarck auf den Krieg gegen Österreich zurück und enthüllte mir mancherlei von den diplomatischen Kniffen, durch welche er herbeigeführt wurde. Mit offenbarem Vergnügen erzählte er mir eine Geschichte nach der anderen, aus welchen hervorging, daß seine diplomatischen Gegner wie Marionetten in seiner Hand gewesen waren, und wie geschickt er die deutschen Fürsten behandelt hatte, je nachdem sie sich auf die eine oder die andere Seite gestellt hatten. Dann kam er auf die Schlacht bei Königgrätz zu sprechen, besonders auf den »bangen Augenblick« vor dem Eintreffen des Kronprinzen im Rücken der Österreicher. Einige Angriffsbewegungen der Preußen waren zurückgeschlagen, und unter den Truppen wurden Zeichen von Unordnung bemerkbar. »Es war ein banger Augenblick« sagte Bismarck, »ein Augenblick, von dessen Entscheidung das Schicksal des Reiches abhing. Was wäre aus uns geworden, wenn wir diese Schlacht verloren hätten? In wüstem Durcheinander zogen, mehrere Schwadronen Kavallerie, Husaren, Dragoner und Ulanen an der Stelle vorbei, wo der König, Moltke und ich selbst standen. Wir rechneten aus, daß der Kronprinz längst im Rücken der Österreicher hätte erscheinen können, aber er erschien nicht. Die Sache wurde bedenklich, und ich gestehe es, ich war sehr besorgt. Ich blickte auf Moltke, der unbeweglich auf seinem Pferde saß und durchaus nicht beunruhigt von dem schien, was um ihn her vorging. Ich nahm mir vor, ihn auf die Probe zu stellen, ob er innerlich wirklich so ruhig war, wie er schien. Ich ritt auf ihn zu und fragte, ob ich ihm eine Zigarre anbieten dürfte, da ich bemerkte, daß er nicht rauchte. Er sagte, es würde ihm sehr lieb sein, wenn ich eine übrig hätte. Ich bot ihm meine offene Zigarrentasche an, in welcher sich nur zwei Zigarren befanden, eine sehr gute Havanna und eine minderwertige. Moltke sah sie prüfend an, nahm sie sogar eine nach der andern heraus und prüfte sie aufmerksam auf ihre Güte und wählte dann langsam und bedächtig die Havanna. »Sehr fein«, sagte er gleichmütig. Dies beruhigte mich außerordentlich. Wenn Moltke so viel Zeit und Aufmerksamkeit auf die Wahl einer Zigarre verwenden kann, dachte ich, können die Dinge nicht besonders schlimm liegen. In der Tat hörten wir ein paar Minuten später die Kanonen des Kronprinzen, bemerkten unruhige und verwirrte Bewegungen in den österreichischen Stellungen, und die Schlacht war gewonnen.«

Ich sagte, wir in Amerika hätten die Ereignisse mit der größten Spannung verfolgt und wären zurzeit sehr überrascht gewesen, daß der Friede so bald auf die Schlacht von Königgrätz gefolgt sei, und daß Preußen den Sieg nicht besser ausgenutzt hätte. Bismarck entgegnete, der schnelle Friedensschluß wäre vielen sehr überraschend gekommen, er hielte ihn aber für das Beste, was er je getan hätte. Er hätte ihn gegen den Wunsch des Königs und der Militärpartei durchgesetzt, die sehr stolz auf den großartigen Sieg der preußischen Waffen gewesen wären und meinten, ein so großer Erfolg müsse eine größere Belohnung erfahren. Aber die Staatskunst erforderte, daß das österreichische Kaiserreich, dessen Existenz für Europa notwendig sei, nicht ganz zertrümmert oder zu einem bloßen Bruchstücke reduziert wurde. Es müßte zum Freunde werden, und als Freund dürfe es nicht ganz machtlos sein. Preußen hatte in diesem Krieg nur um die Führerschaft in Deutschland gekämpft durch den Erwerb von österreichischen Provinzen mit einer Bevölkerung, die sich dem preußischen System nicht eingefügt hätte, wäre jene Führerschaft aber nicht gekräftigt, sondern geschwächt worden. Überdies meinte der Kanzler, daß man angesichts eines so entscheidenden Erfolges der Preußen klug daran getan hätte, weitere Gefahren und Opfer zu meiden. Die Cholera war unter den Truppen aufgetaucht, und es bestand auch, solange der Krieg dauerte, eine stete Gefahr der französischen Intervention. Diese französische Intervention hatte er bisher mit allen möglichen diplomatischen Manövern abgewehrt, von denen er mir einige mit allen Einzelheiten erzählte. Aber Louis Napoleon wurde bei dem Wachstum der preußischen Macht und des preußischen Ansehens sehr unruhig und hätte gewiß nicht so lange gezögert, sich einzumischen, wenn das französische Heer nicht durch sein törichtes Mexikanisches Abenteuer sehr geschwächt gewesen wäre. Jetzt aber, wo das Gros des preußischen Heeres sich immer weiter vom Rhein entfernte, schwere Verluste erlitten hatte und von böser Krankheit bedroht war, hätte er vielleicht den Mut gefunden, das zu tun, wonach er schon lange strebte.

»Dadurch wäre eine neue Lage der Dinge geschaffen worden. Aber um ihr zu begegnen, hätte ich doch noch einen Ausweg gehabt, der Sie vielleicht überrascht haben würde«

In der Tat, ich war neugierig.

»Was wäre wohl die Wirkung gewesen,« fuhr Bismarck fort, »wenn ich unter solchen Umständen an das Nationalgefühl des ganzen Volkes appelliert hätte, indem ich die Frankfurter Verfassung des Deutschen Reiches von 1848 und 1849 proklamiert hätte?«

»Ich glaube, es hätte das ganze Land begeistert; und damit wäre vielleicht mit einem Schlage eine deutsche Nation geschaffen,« entgegnete ich. »Aber hätten Sie wirklich die arme Hinterbliebene, die Waise der Revolution von 1848, adoptiert?«

»Warum nicht?« sagte der Kanzler. »Gewiß, die Verfassung hatte einige mir sehr unsympathische Züge. Aber eigentlich ist sie doch nicht so sehr verschieden von dem, was ich jetzt anstrebe. Ob der alte Herr einverstanden gewesen wäre, ist allerdings fraglich. Jedoch, wenn er Napoleon vor den Toren gewußt hätte, hätte er vielleicht auch dieses Hindernis genommen. Den Krieg mit Frankreich aber,« fügte er hinzu, »den bekommen wir doch.«

Ich drückte mein Erstaunen über diese Prophezeiung aus. Sie war mir doppelt erstaunlich, wenn ich wieder bedachte, daß der große Staatsmann, der solche furchtbare Verantwortung auf seinen Schultern trug, mit einem ihm völlig fremden Besucher sprach. In ernstem, fast feierlichen Tone fuhr er fort:

»Glauben Sie ja nicht, daß ich den Krieg liebe. Ich kenne ihn genug, um ihn zu verabscheuen. Die furchtbaren Bilder, die ich mit eigenen Augen gesehen habe, werden mich nie verlassen. Nie werde ich einem Kriege zustimmen, der sich irgend vermeiden läßt, geschweige denn einen solchen Krieg herbeiführen. Aber dieser Krieg mit Frankreich, der wird kommen, der wird uns vom Kaiser der Franzosen aufgedrängt werden. Das erkenne ich klar und deutlich.«

Dann setzte er mir auseinander, daß die Lage eines »Abenteurers auf dem Throne«, wie Louis Napoleon, ganz und gar verschieden sei von der eines legitimen Herrschers, wie es der König von Preußen sei. »Ich weiß,« sagte er lächelnd, »daß Sie an das Königtum von Gottes Gnaden nicht glauben, aber viele glauben daran, besonders in Preußen – vielleicht nicht so viele wie vor 1848, aber doch mehr als Sie denken. Die Leute sind der Dynastie mit traditioneller Königstreue ergeben. Ein König von Preußen kann Fehler begehen, kann Unglück oder sogar Demütigungen erleiden, aber die traditionelle Königstreue läßt darum nicht nach. Sie kann wohl hier und dort etwas ins Wanken gebracht werden, aber ernstlich gefährdet wird sie nicht. Der Abenteurer aus dem Thron hingegen hat kein solches überliefertes Vertrauen hinter sich. Er muß fortwährend Aufsehen erregen. Seine Sicherheit hängt von seinem persönlichen Ansehen ab, und um dies Ansehen zu erhöhen, müssen sich sensationelle Begebenheiten in rascher Folge drängen. Sie müssen immer neu und frisch bleiben, um den Ehrgeiz, den Stolz oder meinetwegen die Eitelkeit des Volkes zu befriedigen, besonders eines Volkes wie die Franzosen. Louis Napoleon hat durch zweierlei viel von seinem Ansehen eingebüßt, erstens durch den abenteuerlichen Krieg in Mexiko, der ein erstaunlicher Fehler und eine phantastische Torheit war, und zweitens dadurch, daß er Preußen so mächtig werden ließ, ohne irgendeine »Kompensation« zu erlangen, irgendeinen Erwerb an Land, welches den Franzosen wie eine glänzende Errungenschaft seiner Diplomatie erscheinen konnte. Es war bekannt, daß er eine solche »Kompensation« erstrebte, und daß ich sie ihm, ehe er sich’s versah, wegmanövriert habe. Er ist sich wohl bewußt, daß er viel von seinem Ansehen eingebüßt hat, viel mehr, als er missen kann, und daß dieser Verlust, wenn er nicht bald wieder ersetzt wird, seinem Kaisertum gefährlich zu werden vermöchte. So wie er also annehmen kann, daß sein Heer wieder in guter Ordnung und kriegsbereit ist, wird er Anstrengungen machen, jenes Prestige, das für ihn eine Lebensfrage ist, wiederzuerlangen. Dazu wird er unter irgendeinem Vorwande Streit mit uns anfangen. Ich glaube nicht, daß er persönlich diesen Krieg herbeisehnt, ich glaube sogar, er würde ihn lieber vermeiden, aber seine unsichere Lage wird ihn dazu treiben. Nach meiner Berechnung wird diese Krisis in etwa zwei Jahren eintreten. Wir müssen natürlich darauf vorbereitet sein, und wir sind es auch. Wir werden siegen, und das Ergebnis wird gerade das Gegenteil von dem sein, was Napoleon anstrebt, nämlich die vollständige Einigung Deutschlands außerhalb Osterreichs und wahrscheinlich auch der Sturz Napoleons.«

Dies sagte mir Bismarck im Januar 1868. Der Krieg zwischen Frankreich und Preußen mit seinen Verbündeten brach im Juli 1870 aus, und die Errichtung des Deutschen Reiches und der Sturz Napoleons waren das Ergebnis. Keine Prophezeiung ist je scharfsinniger gemacht und genauer und vollständiger erfüllt worden.

Ich habe Bismarck hier immer in der ersten Person reden lassen. Ich tat es, um den Inhalt seiner Reden in knapper Form wiederzugeben, aber ich erhebe keinen Anspruch darauf, seine Redeweise getreu wiedergegeben zu haben. Die sprühende Lebhaftigkeit seiner dann und wann mit französischen oder englischen Sätzen vermischten Rede, die Geistesblitze, die den Gegenstand seiner Betrachtungen umspielten und mit scharfem Licht plötzlich einen hochgestellten Würdenträger, ein Ereignis oder eine Situation unheimlich beleuchteten, sein Lachen, oft behaglich ansteckend, oft bitter sarkastisch, die raschen Übergänge von ergötzlichem Humor und spielendem Witz, zu rührenden Herzenstönen, die Freude, die der Erzähler offenbar an seinen eigenen Geschichten hatte, das stürmische Tempo, in dem diese Geschichten zum besten gegeben wurden, und hinter all dem jene gewaltige Persönlichkeit, die Verkörperung einer mehr als königlichen Macht, ein wahrer Atlas, der auf seinen Schultern das Geschick eines ganzen Volkes trug: das alles war unbeschreiblich. Es, lag ein eigenartiger Zauber in der Gegenwart des Riesen, der bei aller Größe doch so menschlich erschien.

Während er noch mit unverminderter Lebhaftigkeit auf mich einredete, blickte ich zufällig auf die mir gegenüber befindliche Uhr und war überrascht, daß sie weit nach Mitternacht zeigte. Ich erhob mich sofort zum Abschied und entschuldigte mich beim Kanzler, daß ich seine kostbare Zeit so lange in Anspruch genommen hatte. »O,« sagte der Kanzler, »ich bin es gewohnt, spät zur Ruhe zu gehen, und wir haben ja noch nicht von Amerika gesprochen. Aber Sie haben ein Recht darauf, müde zu sein. Dann müssen Sie wiederkommen. Sie müssen mal bei mir essen. Können Sie morgen. kommen? Ich habe eine Kommission für das Strafgesetzbuch eingeladen – wahrscheinlich lauter langweilige alte Juristen, aber vielleicht findet sich einer darunter, der neben Ihnen sitzen und Sie leidlich unterhalten kann«

Ich nahm die Einladung natürlich freudig an und befand mich am anderen Abend inmitten einer großen Gesellschaft von ernsten, gelehrt aussehenden Herren, alle mit einem oder mehreren Orden geschmückt. Ich war der einzige im Zimmer, der keine Orden hatte, und merkte, daß verschiedene der Gäste mich neugierig musterten, besonders als Bismarck mit lauter Stimme mich der Gräfin vorstellte: General Carl Schurz aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Einige der Herren schienen überrascht, aber ich war sofort im Mittelpunkt des Interesses, und viele ließen sich mir vorstellen. Mein Tischnachbar war ein Richter aus Köln, der genug rheinisches Temperament besaß, um ein guter Gesellschafter zu sein. Das Essen war schnell beendet, es hatte wohl kaum dreiviertel Stunden gedauert, länger gewiß nicht. Mein Richter aus Köln vertraute mir an, daß er nicht satt geworden sei. Kaffee und Zigarren wurden in einem einfachen Saale gereicht. Die Gäste bildeten Gruppen, unter denen der Kanzler hin und her ging und alle mit seinen witzigen Bemerkungen amüsierte. Aber ehe die Raucher ihre Zigarre halb beendet haben konnten, verabschiedete sich der Justizminister, der als Führer und Berater der Kommission für das Strafgesetzbuch zu fungieren schien, von dem Gastgeber, was von der ganzen Gesellschaft als Zeichen zum allgemeinen Aufbruch aufgefaßt wurde. Ich folgte ihrem Beispiele, aber der Kanzler sagte: »Warten Sie doch einen Augenblick. Warum wollen Sie denn draußen im Gedränge stehen, im Kampfe um Ihren Überzieher? Setzen Sie sich noch einen Augenblick zu mir und trinken Sie ein Glas Apollinaris.«

Wir setzten uns an einen kleinen Tisch, das Apollinariswasser wurde gebracht, und Bismarck begann nun, mich über die Verhältnisse in Amerika eingehend zu befragen.

Besonders interessierte ihn der Konflikt zwischen Präsident Johnson und der republikanischen Mehrheit des Kongress es, der sich damals gerade seinem Höhepunkt näherte. Er betrachtete nämlich diesen Kampf als einen Prüfstein für die Macht des konservativen Elements in unserem Staatsgebäude. Würde die feierliche Anklage des Präsidenten und, falls er schuldig befunden würde, seine Amtsentsetzung wohl zu irgend weiteren, dem öffentlichen Frieden und der öffentlichen Ordnung gefährlichen Konflikten führen? Ich antwortete, nach meiner Überzeugung nicht. Die exekutive Gewalt würde einfach in andere Hände übergehen, wie das die Verfassung und die Landesgesetze vorschrieben, ohne von irgend einer Seite auf Widerstand zu stoßen. Würde andererseits Johnson freigesprochen, so würde man sich allgemein und selbstverständlich dem Urteilsspruch unterwerfen, wie hoch auch vorher die Wogen der Erregung im ganzen Volke wegen dieser Sache gegangen sein möchten «

Der Kanzler war zu höflich, um mir geradezu ins Gesicht zu sagen, daß er dies alles stark bezweifle, und doch wollte er mich nicht in dem Glauben lassen, daß er meine Ansichten teilte. Lächelnd fragte er mich, ob ich noch immer ein ebenso überzeugter Republikaner sei, als ich es gewesen, ehe ich nach Amerika kam und Gelegenheit hatte, eine Republik von innen heraus kennen zu lernen. Ich bejahte und versicherte ihm, daß ich zwar die Republik nicht in allen Teilen so schön und lieblich gefunden hätte, wie ich sie mir in meiner jugendlichen Begeisterung vorgestellt hätte, hingegen praktischer in ihren Wohltaten für die große Menge und viel konservativer in ihren Tendenzen, wie ich sie mir je gedacht hätte. Bismarck entgegnete, vermutlich beruhten unsere Eindrücke und unsere Ansichten über viele Fragen auf Temperament, Erziehung und überlieferter Denkungsart. »Ich bin kein Demokrat«, fügte er hinzu, »und kann es nicht sein. Ich bin als Aristokrat geboren und erzogen. Wenn ich ganz ehrlich sein soll, war etwas in mir, was mich für die Sklavenhalter, als die aristokratische Partei in Ihrem Bürgerkriege, instinktiv sympathisieren ließ. Aber«, setzte er mit ernstem Nachdruck hinzu, »dies unbestimmte Mitgefühl beeinflußte in keiner Weise meine Ansichten über die Politik, die unsere Regierung den Vereinigten Staaten gegenüber befolgen müsse. Preußen ist durch Überlieferung und in wohlverstandenem eigenen Interesse ein treuer Freund Ihrer Republik und wird es auch bleiben, trotz seiner monarchischen und aristokratischen Sympathien. Darauf können Sie immer rechnen.«

Er richtete noch viele Fragen an mich über die politischen und sozialen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten. Ihre Art und Reihenfolge bewiesen, daß er viel über diese Dinge nachgedacht hatte und viel davon wußte, mehr als irgendein anderer Europäer meiner Bekanntschaft, der nicht in Amerika gewesen war. Was ich ihm Neues mitteilen konnte, schien er mit großer Freude aufzunehmen. Aber immer wieder wunderte er sich darüber, wie es möglich sei, daß eine menschliche Gesellschaft glücklich und halbwegs geordnet sein könne, wo die Macht der Regierung so beschränkt sei, und so wenig Ehrfurcht vor den eingesetzten Behörden herrsche. Mit herzlichem Lachen, in dem Zustimmung durchzuklingen schien, nahm er meine Bemerkung auf, daß das amerikanische Volk sich kaum zu einem so selbstvertrauenden, energischen, fortschrittlichen Volke entwickelt hätte, wenn an jeder Pfütze in Amerika ein Geheimrat oder ein Schutzmann gestanden hätte, um die Leute davor zu bewahren, hineinzutreten. Auch schien er sehr frappiert, als ich den anscheinend paradoxen Ausspruch tat, daß in einer »wenig-regierten« Demokratie die Dinge im einzelnen schlecht, im ganzen aber gut gehen könnten, während in einer Monarchie mit viel hervortretender und allgegenwärtiger »Regierung« die Dinge im einzelnen sehr glatt und gut, im ganzen aber schlecht gehen könnten. Mit solchen Ansichten konnte er in mir nur einen unverbesserlichen Demokraten erkennen. Aber, sagte er, würden die demokratischen Institutionen Amerikas nicht erst dann die wahre Probe zu bestehen haben, wenn die außergewöhnlich günstigen Chancen, welche aus unseren wunderbaren natürlichen Hilfsmitteln, die in gewissem Sinne Gemeineigentum seien, hervorgingen, aufgehört haben würden zu existieren? Würden dann die politischen Kämpfe Amerikas nicht naturgemäß ein Kampf zwischen Reich und Arm werden, zwischen den Wenigen, die besitzen, und den Vielen, die entbehren? Da öffnete sich uns ein weites Feld der Mutmaßungen.

Den Kanzler interessierte es sehr, von mir zu hören, ob die merkwürdigen Geschichten, die man über die Disziplin in unserem Heere erzählte, wahr seien. Ich mußte zugeben, daß die Art der Disziplin einen echten preußischen Offizier jedenfalls entsetzt haben würde, und ich erzählte ihm einige Beispiele von Äußerungen jenes Gefühls der Gleichheit, das der Amerikaner gern in alle Lebensverhältnisse hineinträgt, und welches hin und wieder eine gewisse ungezwungene Vertraulichkeit zwischen den Offizieren und Mannschaften zeitigt. Über meine Geschichten amüsierte er sich köstlich. Sein preußischer Militärstolz lehnte sich aber jedenfalls dagegen auf, als ich sagte, daß nach meiner Meinung der amerikanische Soldat trotzdem nicht nur gut kämpfen würde, sondern auch in einem längeren Kampfe mit irgend einem europäischen Heere, wenn auch zunächst durch dessen besseren Drill und bessere Disziplin im Nachteil sein, doch nach einiger Erfahrung sich ihnen allen überlegen erweisen würde.

Die Unterhaltung wandte sich dann den internationalen Beziehungen zu und insbesondere der in Amerika herrschenden öffentlichen Meinung über Deutschland. Sympathisierten die Amerikaner mit den nationalen Einheitsbestrebungen der Deutschen? Ich erwiderte, daß, soweit man sich überhaupt in Amerika mit der deutschen Einheit beschäftige, man ihr sympathisch gegenüberstehe. Unter den Deutsch-Amerikanern sei die Begeisterung für den Gedanken natürlich sehr groß. – Ist Louis Napoleon, der Kaiser der Franzosen, in Amerika populär? – Ich erwiderte, daß er im allgemeinen die Achtung des Volkes nicht genösse und nur populär wäre bei einer kleinen Anzahl von Parvenus, die sich durch eine Vorstellung an seinem Hofe geschmeichelt fühlen würden. – Im Falle eines Krieges zwischen Deutschland und Frankreich würde also keine Gefahr dafür vorhanden sein, daß die amerikanischen Sympathien Louis Napoleon zuneigen würden? – Ich verneinte; es sei denn, daß Deutschland den Franzosen ungerechterweise einen Krieg aufzwänge.

Im Laufe unserer ganzen Unterhaltung sprach Bismarck verschiedentlich seine Freude über die freundlichen Beziehungen aus, welche zwischen ihm und den deutschen Liberalen von 1848 bestanden. Er erwähnte viele meiner alten Freunde, Lothar Bucher, Kapp u. a. m., die nach Deutschland zurückgekehrt wären, die sich in den neuen Verhältnissen sehr wohl fühlten, und denen die Wege zu hohen öffentlichen Stellungen und zu hervorragenden und einflußreichen Tätigkeiten, die mit ihren Grundsätzen durchaus übereinstimmten, offen ständen. Er betonte dies und Ähnliches mehrmals und so nachdrücklich, daß es mir fast wie eine Aufforderung klang, es ebenso zu machen. Ich hielt es jedoch für besser, nicht darauf einzugehen, sondern flocht nur bei passender Gelegenheit die Bemerkung ein, daß meine Tätigkeit in den Vereinigten Staaten mich durchaus befriedigte, und daß ich der nordamerikanischen Republik durch ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit verbunden wäre für die Auszeichnung, die sie mir so großmütig verliehen hätte. Unsere Unterhaltung war durchweg so lebhaft gewesen, daß es wieder lange nach Mitternacht war, als ich mich verabschiedete. Meine alten achtundvierziger Freunde, die ich in Berlin traf, waren natürlich sehr begierig, zu erfahren, was der große Mann mir wohl mitzuteilen gehabt hätte, und ich meinte ohne Indiskretion sagen zu können, wie erfreut er sich über die gemeinsamen Ziele und das harmonische Zusammenwirken mit ihnen geäußert hatte. Einige von ihnen hielten Bismarcks Bekehrung zu liberalen Grundsätzen für wirklich aufrichtig; sie meinten, es schmeichele ihm, so beliebt zu sein, und er werde versuchen, sich die Popularität zu erhalten, indem er im wahren Sinne ein konstitutioneller Minister bleibe. Andere waren weniger sanguinisch, wenn sie auch annahmen, daß er in seinen Bestrebungen, ein einiges Deutschland unter der Führung Preußens zu schaffen, aufrichtig sei, meinten sie doch, er werde mit den Liberalen nur so lange »flirten«, als er glaube, damit seine Zwecke am besten fördern zu können, aber daß seine wahre Autokratennatur schließlich doch wieder die Oberhand gewinnen und er seinen zeitweilig angenommenen Liberalismus ohne viel Federlesens über Bord werfen werde, wenn er ihn nicht mehr nötig habe und besonders, wenn er einsehe, daß er ihm bei der Ausübung seines Willens im Wege stehe. Außer bei Gelegenheit meines formellen Abschiedsbesuches sollte ich Bismarck erst zwanzig Jahre später wiedersehen. Auch dann, unter so sehr veränderten Umständen, hatte ich mit ihm mehrere höchst interessante Unterredungen.

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