Lokis

»Theo­dor,« sag­te Herr Pro­fes­sor Wit­tem­bach, »wol­len Sie mir bit­te das in Per­ga­ment ge­bun­de­ne Heft aus dem zwei­ten Fa­che über dem Schreib­ti­sche ge­ben; nein, das nicht, son­dern den Kleinok­tav­band. Dar­in hab' ich al­le mei­ne Ta­ge­buch­no­ti­zen von ein­tau­sen­dacht­hun­dertsechs­und­sech­zig, we­nigs­tens die den Gra­fen Sze­mioth be­tref­fen­den, ge­sam­melt.« Der Pro­fes­sor setz­te sei­ne Bril­le auf und las in­mit­ten tiefs­ten Schwei­gens fol­gen­des: LO­KIS mit dem lit­haui­schen Sprich­wor­te als Mot­to: Abu du to­kiu. Miz­ka su Lo­kiu [Zwei bil­den ein Paar; wört­lich: Mi­chel (Mi­cha­el) und Lo­kis, bei­de ein und der­sel­be. Mi­chae­li­um cum Lo­k­ide , am­bo (duo) . . . weiter lesen

Djuman

Am 21. Mai 18.. kehrten wir nach Tlemcen zurück. Die Unternehmung war glücklich gewesen; Rinder, Schafe, Kamele, Gefangene und Geiseln brachten wir mit. Nach siebenunddreißigtägigem Feldzug oder vielmehr unaufhörlicher Jagd waren unsere Pferde mager, abgetrieben, hatten aber immer noch das lebhafte Auge voller Feuer; nicht eins war unter dem Sattel wundgerieben. Unsere von der Sonne bronzierten Leute mit langen Haaren, schmutzigem Lederzeug, abgetragenen Uniformen zeigten jene Gefahren und Unglück gegenüber sorglose Miene, die den echten Soldaten kennzeichnet. Welcher General würde unsere Jäger nicht den schmucksten, neu eingekleideten Schwadronen für einen Sturmangriff vorgezogen haben? Seit dem Morgen dachte ich an all die kleinen Glückseligkeiten, . . . weiter lesen

Die Seelen des Fegefeuers

  Cicero sagt irgendwo, ich glaube in dem Traktat über die Natur der Götter, daß es mehrere Jupiter gegeben habe, – einen Jupiter auf Kreta, – einen andern in Olympia, – einen andern anderswo; – so daß nicht eine in etwas berühmte Stadt in Griechenland war, welche nicht ihren Jupiter für sich hatte. Aus allen diesen Jupitern hat man einen einzigen gebildet, dem man alle Abenteuer jedes seiner Namensvettern zuschrieb, was die erstaunliche Menge Weibergeschichten erklärt, die man dem Gott unterschiebt. Die nämliche Verschmelzung ist bei Don Juan geschehen, einer Persönlichkeit, die an Berühmtheit Jupiter etwa nahekommt. Sevilla allein hat mehrere Don Juans besessen; manch andre Stadt führt den ihrigen an. Jeden umgab früher . . . weiter lesen

Die Venus von Ille

Ich kletterte die letzte Berglehne des Canigou hinunter, und obwohl die Sonne bereits hinabgesunken war, sah ich noch deutlich in der Niederung die Häuser der kleinen Stadt Ille, die das Ziel meiner Reise war. »Ihr wißt doch«, sagte ich zu dem Katalanen, der mir seit dem Vortage als Führer diente, »Ihr wißt doch bestimmt, wo Monsieur de Peyrehorade wohnt?« »Und ob ich‘s weiß!« rief er. »Ich kenne sein Haus wie mein eignes; und wenn‘s nicht schon so duster wäre, zeigte ich‘s Euch. Es ist das schönste in Ille. Er hat Geld, ja, der Monsieur de Peyrehorade; und seinen Sohn verheirateter mit einer, die noch viel mehr hat.« »Und wird diese Heirat bald vor sich gehen?« fragte ich ihn. »Bald? Kann . . . weiter lesen

Das blaue Zimmer

Mit allen Anzeichen der Unruhe wandelte ein junger Mann in der Vorhalle eines Bahnhofes auf und ab. Er trug eine blaue Brille, und obwohl er keinen Schnupfen hatte, tupfte er sich fortwährend mit seinem Taschentuche an der Nase herum. In der Linken hielt er eine kleine schwarze Reisetasche, deren Inhalt, wie sich später herausstellte, aus einem seidenen Hausrock und einer türkischen Hose bestand. Von Zeit zu Zeit ging er zur Eingangstür, spähte auf die Straße hinaus, holte darauf seine Uhr aus der Tasche und warf einen fragenden Blick auf das Zifferblatt der Bahnhofsuhr. Der Zug ging erst in einer Stunde ab; aber es gibt immer Angstliche, die sich Sorgen machen, zu spät zu kommen. Das war nicht gerade ein Zug, wie ihn eilige Leute benutzen: ein paar Wagen erster Klasse nur. Es war . . . weiter lesen

Das Gässchen der Mme. Lucrezia

Dreiundzwanzig war ich, als ich meine Romreise antrat. Mein Vater gab mir ein Dutzend Empfehlungsbriefe mit, von denen einer, nicht weniger als vier Seiten lang, versiegelt war. Auf der Anschrift stand: »An die Marchesa Aldobrandi.« »Du wirst mir schreiben«, sagte mein Vater, »ob die Marchesa noch immer schön ist.« Seit meinen Kinderjahren hatte ich in seinem Arbeitszimmer, über dem Kamin, das Miniaturbildnis einer überaus hübschen Frau gesehen: der Kopf gepudert und efeubekränzt, ein Tigerfell über der Schulter. Im Hintergrund war zu lesen: ROMA 18.. Da mir das Kostüm merkwürdig erschien, war es mich wiederholt angekommen zu fragen, wer diese Dame sei. Der Bescheid, den ich jedesmal bekam, war: »Eine Bacchantin.« Aber diese Antwort befriedigte mich nicht recht; . . . weiter lesen

Tamango

Der Kapitän Ledoux war ein tüchtiger Seebär. Als einfacher Matrose hatte er angefangen und es bald bis zum Steuermannsmaat gebracht. Bei Trafalgar war ihm die linke Hand durch einen herumschwirrenden Balkensplitter wüst zugerichtet worden; er wurde sie mit ärztlicher Kunst ganz los und in der Folge nebst guten Zeugnissen aus dem Dienst verabschiedet. Die Muße wollte ihm wenig behagen, und sowie sich Gelegenheit bot, wieder aufs Wasser zu kommen, ging er, als Zweiter Offizier, auf einen Kaper. Die blanken Silberlinge, die er sich aus etlichen guten Prisen fischte, ermöglichten es ihm, sich Fachbücher anzuschaffen und in der Theorie der Seefahrerei, die er praktisch schon vollkommen handhabte, letzte Kenntnisse zu sammeln. Mit der Zeit erkletterte er die Kommandobrücke eines Loggerkapers, . . . weiter lesen

Federigo

Es lebte hier herum einmal ein junger vornehmer Herr*, Federigo hieß er; der war schön, wohlgestalt, höflich und gutmütig, aber auch ganz hübsch locker in seinem Lebenswandel; denn er hing sein Herz und seine Sinne Übermaßen an das Spiel, an den Wein und an die Weiber, vor allem ans Spiel. Nie ging er zur Beichte, und in die Kirchen lief er nur, um Gelegenheiten zur Sünde darin zu suchen. Da geschah es dem Federigo, nachdem er ein Dutzend Söhne aus gutem Hause im Spiel auf den Hund gebracht hatte, die dann als Strauchritter in einem mörderischen Scharmützel mit den königlichen Feldhauptleuten unchristlich Sack und Seele ließen, daß er im Handumdrehen selber alles verlor, was er gewonnen hatte, und dazu noch sein ganzes Vätererbe, außer einem winzigen Burgneste hinter den Hügeln . . . weiter lesen

Die etruskische Vase

Auguste Saint-Clair war in der sogenannten großen Welt nicht gerade beliebt; hauptsächlich aus dem Grunde, weil er nur den Leuten zu gefallen suchte, die ihm selber gefielen. Er pflegte den Umgang mit den einen und hielt sich fern von den ändern. Im übrigen war er zerstreut und lässig. Eines Abends, als er aus dem Italienischen Theater kam, fragte ihn die Marquise A***, wie Mademoiselle Sontag gesungen habe. »Ja, gnädige Frau«, antwortete ihr Saint-Clair mit verbindlichem Lächeln und war mit seinen Gedanken bei ganz andern Dingen. Diese lächerliche Antwort war unmöglich als Schüchternheit auszulegen; denn er sprach mit einem großen Herrn, mit einem bedeutenden Manne und sogar mit einer Dame von Welt in genau der selbstsicheren Art, wie wenn er sich mit seinesgleichen unterhalten . . . weiter lesen