Esterka Regina

Esterka Regina! Wir nannten sie alle so, wir jungen Schüler, wenn wir in den Sommerferien von den Gymnasien zu Tarnopol oder Czernowitz heimkamen in das Städtchen, und später, wenn wir als Studenten in Wien zeitweilig zusammentrafen und von den Mädchen von Barnow sprachen, da nannten wir sie wieder mit diesem stolzen, klingenden Namen. Sie hieß aber in Wahrheit Rachel Welt und später, als sie den magern Chaim, den Ochsenhändler, geheiratet hatte, Rachel Pinkus, und war ein armes, schüchternes Mädchen aus der Judengasse zu Barnow. In dem kleinen Häuschen neben der jüdischen Schlächterei wohnte sie, und ihr Vater, Hirsch Welt, war ein Fleischhauer, ein sehr dicker und seiner Grobheit wegen verrufener Mann. Aber das hinderte uns nicht, aus der Ferne für sie zu schwärmen, . . . weiter lesen

Das »Kind der Sühne«

Von einem Kinde handelt diese Geschichte. Es hieß Lea und war vierjährig, und hatte schwarze, glänzende Haare und große dunkle Augen. Diese Augen aber waren nicht glänzend, wie ein Schleier lag es über ihnen und über dem blassen, zarten Gesichte des kleinen Mädchens. Es war sehr armer Leute Kind und hatte ein einziges Kleidchen, das arg geflickt war, dasselbe für die Samstage, dasselbe für die Wochentage; man konnte kaum noch die ursprüngliche Farbe des gelben Zitzes heraus erkennen. Aber daher rührt jener Schleier nicht. Was wußte Lea von der Armut?! Alle Tage wurde sie satt; wenn nicht ganz, so doch halb satt; alle Tage durfte sie im Sonnenschein spielen, so viel ihr beliebte. Und den allerschönsten Spielplatz hatte sie, den man sich nur wünschen kann, groß und grün und still, . . . weiter lesen

Der wilde Starost und die schöne Jütta

Es ist ein trauriges Land, das Land Podolien; auch der Frühling kommt spät in die große Ebene. Aber weil er ein rechter, fröhlicher Tröster ist, so verklärt und überglänzt er dann auch vor Allem, was seines Trostes am meisten bedürftig ist: die arme, braune Haide, die nun des weißen, glitzernden Wintermantels beraubt ist und wieder vor Gott in ihrer entsetzlichen Öde ausgebreitet liegt ... Er aber löst ihr die Lappen des alten Gewandes von den Schultern und umhüllt sie mit jungem Grün und Haideblumen und erheitert ihre Armut durch bunte Falter und Lerchensang. Fast rührend liegt der Frühling auf der Haide; es ist, als schmiege sich ein Lächeln der Freude um ein verhärmtes Antlitz. Und dann macht er sich auf und hält seinen Einzug ins Städtchen. Am Eingange des . . . weiter lesen

Zwei Retter

Wer jemals in Barnow gewesen ist, der hat gewiß auch die alte Frau Hanna, des Vorstehers Mutter, kennen gelernt und sich ehrlich gefreut an ihrer feinfühligen, grundgütigen Art, und wer nicht dort war, dem ist kaum eine Vorstellung davon zu geben, wie lieb und klug diese Greisin war. »Babele« (Großmütterchen) nannten sie alle Leute des Städtchens, nicht bloß ihre eigenen Enkelkinder, und mit gutem Grunde, denn sie stand Allen bei mit Rat und That, unermüdlich ihr ganzes, langes, gesegnetes Leben hindurch, und auch Jene, die weder ihr Geld, noch ihren Beirat brauchten, suchten sie gerne auf, um sich eine leere Stunde mit einer hübschen Geschichte ausfüllen zu lassen. Sie war als Erzählerin ebenso geschätzt und geliebt, wie als Helferin, und wer an einem Sabbath Nachmittage . . . weiter lesen

Nach dem höheren Gesetz

Es sind nun viele Jahre her, seit die arme Esther zu ihres Vaters Füßen verschieden ist, und auch Moses Freudenthal ist lange tot. Aber das große weiße Haus an der Heerstraße, das nun dem Rabbi von Sadagóra zugehört, steht noch heute so stolz und stattlich da, wie zur Zeit, da der harte, unglückliche Mann darin hauste. Über dem Thore hängt jetzt ein eirundes Blechschild, da ist auf gelbem Grund ein schwarzer Adler gemalt und rings steht die Umschrift: »K.K. Bezirksgericht.« Denn da, wo einst Moses um seine Tochter getrauert, werden jetzt die ruthenischen Diebe verhört, die polnischen Betrüger und die jüdischen Wucherer. Das ist im Erdgeschosse zur Rechten, zur Linken aber besteht noch der Laden, den Moses geführt, nur zeigt das Schild einen andern Namen: »Nathan Silberstein's . . . weiter lesen

Der Shylock von Barnow

Gerade dem alten, grauen Kloster der Dominikaner gegenüber steht das große, weiße Haus des Juden, hart an der Heerstraße, die von Lemberg nach Skala führt und das düstere Städtchen durchschneidet. Wer in einem der kleinen, schmutzigen Häuser des Ghetto geboren ist, wächst in Ehrfurcht und Bewunderung auf vor diesem Hause und seinem Besitzer, dem alten Moses Freudenthal. Dieses Haus und dieser Mann sind der Stolz von Barnow. Und Beide rechtfertigen auch, jedes in seiner Weise, diesen Stolz. Da ist zuerst das Haus. Es ist, als wüßte es seinen Wert, so stolz und stattlich steht es da in seinem weißen, reinlichen Aufputz, mit der langen, glänzenden Fensterreihe des ersten Stockwerks, mit den bunten Kaufläden zu ebener Erde, zu beiden Seiten des mächtigen Thorwegs, der einladend . . . weiter lesen