Eine Weihnachtsgeschichte

Es hatte vierzehn Tage lang gefroren wie in Sibirien. Auf dem höchsten Berg im Lande saß der alte Wintergreis mit seinem bläulichen Gewande und seinem lang hinstarrenden Schneebart, und ihm war so recht behaglich zumute, wie einem Menschengreise, wenn er hinter dem Ofen sitzt und das Essen ihm ge­schmeckt hat und alles gutgeht. Zuweilen rieb der alte Winter sich vor Vergnügen die Hände – dann stäubte der feine, schimmernde Schnee wie Zuckerpulver über die Erde; bald lachte er wieder still vor sich hin und es gab Sonnenschein mit klingendem Frost. Der schneidende Hauch seines Mundes ging von ihm aus, und wo er über die Seen strich, zerspaltete das Eis mit langhindonnerndem Getöse, und wo er durch die Wälder wehte, zerkrachten uralte Bäume von oben bis unten. »Habe Erbarmen, . . . weiter lesen

Weihnachten bei Leberecht Hühnchen.

I. Die Einladung. Ich hatte meinen Freund Leberecht Hühnchen sehr lange nicht gesehen, da traf ich ihn eines Tages kurz vor Weihnachten in der Leipziger Strasse. Er hatte Einkäufe gemacht und war ganz beladen mit Packeten und Packetchen, welche an seinen Knöpfen und Fingern baumelten und überall weggestaut waren, wo sich Platz fand, sodass er in seinem Ueberzieher ein höchst verschwollenes und knolliges Aussehen hatte und fast allen Begegnenden ein behagliches Lächeln auf die Lippen nöthigte, denn um die Weihnachtszeit sieht man gern also verzierte Leute. Er freute sich unbändig, mich zu sehen und sagte: »Wenn Du Zeit hast, so begleite mich doch zum Potsdamer Bahnhof, dass wir noch ein wenig plaudern können.« Ich that dies, und unterwegs zog er wie gewöhnlich alle Schleusen auf. . . . weiter lesen

Das wunderbare Schreibzeug

Es war einmal ein armer Student, der lebte in einer großen Stadt einsam und allein und hatte keinen Menschen, der sich um ihn gekümmert hätte. Eines Tages im Sommer, als er in der Dämmerung durch die Straßen ging, begegnete ihm ein sonderbarer Mann mit einem Hundekarren. Der Mann war nicht groß und etwas buckelig, trug einen langen grauen Rock mit großen Taschen, und ein schwarzer Hut mit breiter Krempe verdeckte sein kleines graubärtiges Gesicht, so daß er, wenn er mit seinen tiefliegenden dunklen Augen jemand ansehen wollte, den Kopf ganz in den Nacken legen mußte. In dem zugeknöpften langen Rocke und dem breitkrempigen Hut sah er beinahe aus wie ein riesiger Pilz. Der Mann ließ seinen Wagen auf der Straße stehen und ging in die Häuser, denn er kaufte Lumpen, Knochen und . . . weiter lesen

Der Hexenmeister

Herr Zuckermahn Winkelburg war eine sonderbare, alte, verschnörkelte Stadt. Die Hauptstraßen waren schon eng und krumm, allein die Nebengassen noch viel enger und krummer, und dabei liefen sie so sonderbar durcheinander oder waren plötzlich an einem Kanal mit trübfließendem Wasser zu Ende oder gingen in finstere Höfe als Sackgassen aus, daß Winkelburg für Fremde eine rechte Vexierstadt war und es lange dauerte, ehe sich jemand zurechtfand in allen diesen Kniffen und Sonderbarkeiten. Wunderliche, alte, düster Tore gab es dort, in denen es schmetternd hallte, wenn ein Wagen hindurchfuhr, und eine solche Versammlung von merkwürdigen, alten Giebelhäusern bestand wohl nicht zum zweitenmal in der Welt. Einige waren vorübergebeugt, als hätten sie auf der Straße etwas verloren und . . . weiter lesen

Von Perlin nach Berlin – 6. Kap.

6. Berlin. Nachdem ich viereinhalb Jahr in Güstrow gelebt hatte, begab ich mich im Herbst des Jahres 1866 nach Berlin, um auf der Gewerbeakademie noch einige Jahre zu studieren. Unter den Linden standen noch in Reihen die Kanonen der Siegesstrasse und ich kam gerade um die Zeit in diese Stadt, von der aus ihr fast beispiellos schnelles Aufblühen beginnt. Damals gefiel mir Berlin sehr wenig, da es mit den meisten seiner Einrichtungen hinter seiner Grösse zurückgeblieben war und in vielen Hinsichten oft von weit kleineren deutschen Städten übertroffen wurde. Obwohl ich in Güstrow gewiss nicht verwöhnt worden war, so fühlte ich doch instinktiv, dass vieles anders sein müsse, und dass Berlin damals nicht viel mehr war, als ein ungeheuer grosses Dorf. Wer diese Stadt kennt, wie sie . . . weiter lesen

Von Perlin nach Berlin – 5. Kap.

5. Güstrow. In der guten alten Vorderstadt Güstrow, die unter den mecklenburgischen Städten den Ruhm für sich beansprucht ein Klein-Paris zu sein und sich auch wirklich durch die Heiterkeit und Lebenslust ihrer Bewohner auszeichnet, befanden sich zwei Maschinenfabriken, eine grössere neue, die sich auf alles Mögliche einliess und eine ältere kleine, die noch von dem berühmten Alban, dem Erfinder des oscillirenden Dampfcylinders und des nach ihm benannten Kessels eingerichtet worden war, jetzt aber einem Herrn Kaehler gehörte und hauptsächlich  landwirtschaftliche Maschinen und Theile für Mühlen baute. Die Arbeiten dieser Fabrik genossen bei den Landleuten grosses Ansehen, denn sie waren ungemein solide und es ging die Sage, sie wären garnicht kaput zu kriegen. Mit Herrn Kaehler . . . weiter lesen

Von Perlin nach Berlin – 4. Kap.

4. Hannover. Die Reise nach Hannover war damals noch nicht so einfach wie jetzt. Der nächste Weg ging über Lauenburg, bis wohin die Bahn führte. Dann setzte man zu Kahn über die Elbe, was im Winter bei Eisgang z. B. seine Schwierigkeiten hatte und zuweilen mit Gefahr verbunden war. Darauf fuhr man etwa zwei Meilen mit der Post bis Lüneburg, wo es einen langen Aufenthalt gab, den man benutzen konnte, die alte Stadt und ihre hübsche nähere Umgebung zu besehen. Besonders die hochgelegene Wallpromenade fand ich sehr schön und es gab dort allerlei zu betrachten.  Gleich zuerst, als ich dort war und nachher immer wieder fiel mir das Lied aus Heines »Heimkehr« ein, das also lautet: Mein Herz, mein Herz ist traurig, Und lustig leuchtet der Mai, Ich steh gelehnt an der Linde, Hoch auf . . . weiter lesen

Von Perlin nach Berlin – 3. Kap.

3. Schwerin. Von der ersten Zeit in Schwerin ist mir wenig in der Erinnerung geblieben. Ich weiss nur, dass wir unsere gute Grosstante Malchen, in deren mit altjüngferlicher Sauberkeit und Zierlichkeit ausgestatteten Räumen wir vier wilden, an unumschränkte Freiheit gewöhnten Rangen uns aufhielten, bis das Haus eingerichtet war, dass wir diese an ein friedliches Stillleben gewöhnte alte Dame an den Rand der Verzweiflung brachten. Solange sie lebte, erzählte sie mit Grausen von diesen Tagen. Das Haus, in das wir einzogen, lag der Kirche gerade gegenüber, war gross und geräumig, besass  einen mächtigen, mit allerlei Gerümpel angefüllten Boden, und Hof und Garten waren nicht allzuklein, so dass wir die beschränktere Freiheit nicht so sehr empfanden. Unsern Hauslehrer behielten . . . weiter lesen

Von Perlin nach Berlin – 2. Kap.

2. Perlin. Das Pastorenhaus in Perlin war alt, hatte schon den dreissigjährigen Krieg überstanden und trug noch ein Strohdach. Es passte nicht mehr in die Zeit und in der Nähe wurde ein funkelnagelneues Haus errichtet aus rothen Ziegeln mit einem thurmartigen Vorbau für die Treppe und einem flachen sogenannten dornschen Dache. Es sah  für die damalige Zeit und für ein Pastorenhaus sehr vornehm aus und wurde später von Fremden oft für »das Schloss« gehalten, was uns natürlich mit grossem Stolze erfüllte. Doch vorher schon, ehe dies neue Haus vollendet war, sorgte der junge Pastor dafür, dass die ansehnlichen Räume, die darin für eine Pastorin vorgesehen waren, nicht leer stehen sollten. Der Gutsverwalter Dimpfel des Grafen B., dem das grosse Gut Perlin gehörte, hatte ganz . . . weiter lesen

Von Perlin nach Berlin

1. Die Vorfahren. Es geht eine dunkle Sage, dass der Urahn meiner Familie wegen irgend eines Verbrechens aus der Schweiz entflohen sei. Man nagelte dort, da man seiner selbst nicht mehr habhaft werden konnte, sein Bildniss an den Galgen, er aber wandte sich nach Sachsen und gründete dort ein zahlreiches Geschlecht, wie ja denn noch heute der Name Seidel in Sachsen häufig ist. Ob diese Sage auf Wahrheit beruht, weiss ich nicht, mir aber hat sie stets ein gewisses Vergnügen bereitet. Denn der Mensch ist  im Allgemeinen so geartet, dass er, anstatt sich mit seiner Ahnenreihe bald ehrbar und spurlos in das Dunkel der Vergangenheit zu verlieren, lieber eine recht herzhafte Abscheulichkeit eines Vorfahren in den Kauf nimmt, wenn sie nur dazu beigetragen hat, sein Gedächtniss der Nachwelt zu . . . weiter lesen

Hans Hinderlich

Es giebt al­ler­lei Ar­ten von Samm­lun­gen, und un­ter den Samm­lern man­cher­lei Son­der­lin­ge. Zu die­sen ge­hört mein Freund Abend­roth, denn er hat die ganz be­son­de­re Lei­den­schaft, Men­schen zu sam­meln. Es wür­de ihn mit dem Straf­ge­setz­buch in Kon­flikt brin­gen, woll­te er ei­nen an­thro­po­lo­gi­schen Gar­ten an­le­gen und die merk­wür­di­gen Ex­em­pla­re sei­ner Samm­lung hin­ter so­li­den Ei­sen­git­tern auf­be­wah­ren, auch wür­de es den hu­ma­nen An­schau­un­gen un­se­rer Zeit nicht ent­spre­chen, woll­te er sie in Spi­ri­tus set­zen oder mit Wi­ckers­hei­mer­scher Flüs­sig­keit durch­tränkt dau­er­haft kon­ser­vi­ren, des­halb be­treibt er die Sa­che mehr auf ei­ne ide­el­le Wei­se . . . weiter lesen

Das alte Haus

Mitten in einem behaglichen Sommeraufenthalt auf dem Lande traf mich plötzlich die Nachricht, daß meine Tante Dorothea gestorben sei und wider alles Erwarten nicht anderweitig über ihr sehr bedeutendes Vermögen verfügt habe. Das Haus, das meiner Tante gehörte, liegt in Berlin »am Karlsbade«. Wer diese Gegend kennt, dem wird längst zwischen den reizvollen und wohlgepflegten Gärten, den prächtigen Villen und palastartigen Häusern dieser Straße ein Gebäude aufgefallen sein, das morsch und verfallen in einem gänzlich verwilderten Garten daliegt, wie ein vergessenes Ueberbleibsel aus alter Zeit. Hier hatte die alte Tante ein einsames Sonderlingsleben geführt, dessen Kernpunkt ein unbesiegliches Mißtrauen gegen alle Menschen und insbesondere gegen alle Verwandten bildete; weshalb . . . weiter lesen

Neue Wunder der Technik

1. Der Sprengstoff Krakataua. Bei Moltke liess sich ein junger Mann anmelden, und da ihm gewichtige Empfehlungen zur Seite standen, wurde er zu einer geheimen Besprechung vorgelassen. Er zog eine kleine Schachtel aus der Westentasche, legte sie auf den Tisch und sprach: »Der Inhalt dieser Schachtel genügt vollständig das Generalstabsgebäude, das Krollsche Etablissement, die Siegessäule und noch einige Kleinigkeiten in die Luft zu sprengen.« Moltke schwieg. Der junge Mann öffnete die Schachtel; sie enthielt kleine runde Pillen. Er nahm eines dieser Kügelchen zwischen Daumen und Zeigefinger und sprach: »Eine einzige solcher Pillen zersprengt jeden Eisenbahn-Fahrdamm. Legt man auf die grösste Kanone einen dieser kleinen Körper und entzündet . . . weiter lesen

Allerlei neue Vereine

Durch Zufall erfuhr ich vor Kurzem von der Existenz zweier neuer Vereine in Berlin, dem »Verein ehemaliger Selbstmörder« und dem »Verein geheilter Pockenkranker«. Diese Beispiele erschienen mir bemerkenswerth für die allgemeine Sucht unserer Zeit, sich zusammenzuthun, und lenkten meine Aufmerksamkeit auf diese Erscheinungen. Es gelang mir im Laufe einiger Wochen eine grosse Anzahl von neuen Vereinen zu entdecken, die, wie ich annehmen darf, dem grossen Publikum mehr oder weniger unbekannt sind. Es mag genügen, wenn ich hier nur einige der bemerkenswerthesten aufzähle. 1. Freie Vereinigung der Sonnenbrüder. Die Sonnenbrüder sind wie schon ihr Name andeutet, Sonnenanbeter. Deshalb finden auch ihre Zusammenkünfte auf grossen freien Plätzen oder ähnlichen Orten statt, die der . . . weiter lesen

Die Weinlese

Unterdes ist es Leberecht Hühnchen recht gut gegangen. Er hat seine Stellung in der Fabrik vor dem Oranienburger Tor mit einer solchen an einer Eisenbahn vertauscht und bei dieser Gelegenheit eine Verbesserung seines Gehaltes erfahren. Zudem ist ihm ganz unerwartet eine kleine Erbschaft zugefallen, welchen Umstand er sofort benutzt hat, einen langjährigen Lieblingsplan auszuführen, nämlich sich ein eigenes Haus mit einem Gärtchen dabei anzuschaffen. Im letzten März kam er eines Tages zu mir und ging nach der ersten Begrüßung, ohne weiter etwas zu sagen, die Daumen in die Ärmellöcher seiner Weste gesteckt, im Zimmer auf und ab, indem er sich sichtlich ein gespreiztes und geschwollenes Ansehen zu geben suchte. Nachdem ich eine Weile mit Verwunderung . . . weiter lesen

Die Landpartie

1. Frau Schüddebold Ich hatte es ja am Ende sehr gut bei Frau Schüddebold, aber zuletzt ging es doch nicht mehr, und zwar aus mancherlei Gründen. Diese meine brave Hauswirtin sorgte mütterlich und musterhaft für mich, und meine beiden kleinen Zimmer glänzten von Sauberkeit und Ordnung; ja von diesem Artikel war sogar nach meinem Geschmack meistens etwas zu viel vorhanden, denn ich muß nur offen gestehen, daß ich zu den Naturen gehöre, die sich am wohlsten fühlen, wenn sie ein wenig in ihrem eigenen Müll sitzen, wie man bei mir zu Lande sagt. Ich wohnte an einem friedlichen Eckchen Berlins, in der Kesselstraße, und aus dem Fenster sah man auf einen kleinen Platz mit Grün und Blumen; es war eine jener stillen Buchten, an denen . . . weiter lesen

Die silberne Verlobung

Vor einigen zwanzig Jahren sah die Chausseestraße in Berlin anders aus als jetzt. Vom Oranienburger Tore aus reihte sich an ihrer rechten Seite eine große Maschinenfabrik an die andere in fast ununterbrochener Reihenfolge. Den Reigen eröffnete die weltberühmte Lokomotivenfabrik von Borsig mit den von Strack erbauten schönen Säulengängen, dann folgten Egells, Pflug, Schwartzkopff, Wöhlert und viele andere von geringerem Umfang. In den Straßenlärm hinein tönte überall schallendes Geräusch und das dumpfe Pochen mächtiger Dampfhämmer erschütterte weithin den Boden, daß in den Wohnhäusern gegenüber die Fußböden zitterten, die Gläser klirrten und die Lampenkuppeln klapperten. Zu gewissen . . . weiter lesen

Leberecht Hühnchen

Ich hatte zufällig erfahren, daß mein guter Freund und Studiengenosse Leberecht Hühnchen schon seit einiger Zeit in Berlin ansässig sei und in einer der großen Maschinenfabriken vor dem Oranienburger Tor eine Stellung einnehme. Wie das wohl zu geschehen pflegt, ein anfangs lebhafter Briefwechsel war allmählich eingeschlafen, und schließlich hatten wir uns ganz aus den Augen verloren; das letzte Lebenszeichen war die Anzeige seiner Verheiratung gewesen, die vor etwa sieben Jahren in einer kleinen westfälischen Stadt erfolgt war. Mit dem Namen dieses Freundes war die Erinnerung an eine heitere Studienzeit auf das engste verknüpft, und ich beschloß sofort, ihn aufzusuchen, um den vortrefflichen Menschen wiederzusehen und die Erinnerung an die . . . weiter lesen