Autobiographische Skizze

An Pilarète Chasles Soeben empfing ich das Schreiben, mit dem Sie mich beehrt haben, und ich beeile mich, die gewünschte Auskunft zu geben. Ich bin geboren im Jahre 1800 zu Düsseldorf, einer Stadt am Rhein, die von 1806-1814 von den Franzosen okkupiert war, so daß ich schon in meiner Kindheit die Luft Frankreichs eingeatmet. Meine erste Ausbildung erhielt ich im Franziskanerkloster zu Düsseldorf. Späterhin besuchte ich das Gymnasium dieser Stadt, welches damals »Lyzeum« hieß. Ich machte dort alle die Klassen durch, wo Humaniora gelehrt wurden, und ich mich in der oberen Klasse ausgezeichnet, wo der Rektor Schallmeyer Philosophie, der Professor Brewer Mathematik, der Abbé Daulnoie die französische Rhetorik und Dichtkunst lehrte, und Professor Kramer die klassischen Dichter explizierte. . . . weiter lesen

Schriftstellernöte

Offener Brief des Dr. Heine an Herrn Julius Campe, Inhaber der Hoffmann und Campeschen Buchhandlung zu Hamburg Mein liebster Campe! Wenn Sie oder andere darauf gerechnet haben, daß mir der »Telegraph« des Herrn Gutzkow hier nicht zu Gesicht komme, irrten Sie sich. Dasselbe ist der Fall, wenn Sie sicher darauf bauten, daß ich auf die darin abgedruckte Erklärung in betreff des »Schwabenspiegels«, aus persönlichen Rücksichten, nichts erwidern würde. Enthielte jene Erklärung nur eine rohe Beleidigung, so würde ich gewiß schweigen, alter Freundschaft willen, auch aus angeborener Milde die aufbrausenden Mißlaunen des Gemütes gern entschuldigend, zumal in dieser schweren Zeit, wo soviel Widerwärtigkeiten wie auf den Schriftsteller, so auch auf den Buchhändler eindringen und einer . . . weiter lesen

Nachtgedanken

Denk ich an Deutschland in der Nacht, Dann bin ich um den Schlaf gebracht, Ich kann nicht mehr die Augen schließen, Und meine heißen Tränen fließen. Die Jahre kommen und vergehn! Seit ich die Mutter nicht gesehn, Zwölf Jahre sind schon hingegangen; Es wächst mein Sehnen und Verlangen. Mein Sehnen und Verlangen wächst. Die alte Frau hat mich behext, Ich denke immer an die alte, Die alte Frau, die Gott erhalte! Die alte Frau hat mich so lieb, Und in den Briefen, die sie schrieb, Seh ich, wie ihre Hand gezittert, Wie tief das Mutterherz erschüttert. Die Mutter liegt mir stets im Sinn. Zwölf lange Jahre flossen hin, Zwölf lange Jahre sind verflossen, Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen. Deutschland hat ewigen Bestand, Es ist ein kerngesundes . . . weiter lesen

Die Harzreise

Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem Könige von Hannover, und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karzer, eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist. Der vorbeifließende Bach heißt »die Leine«, und dient des Sommers zum Baden; das Wasser ist sehr kalt und an einigen Orten so breit, daß Lüder wirklich einen großen Anlauf nehmen mußte, als er hinübersprang. Die Stadt selbst ist schön, und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht. Sie muß schon sehr lange stehen; denn ich erinnere mich, als ich vor fünf Jahren dort immatrikuliert und bald darauf konsiliiert wurde, hatte sie schon dasselbe graue, altkluge Ansehen, und war schon vollständig eingerichtet . . . weiter lesen

Wellington

Der Mann hat das Unglück, überall Glück zu haben, wo die größten Männer der Welt Unglück hatten, und das empört uns und macht ihn verhaßt. Wir sehen in ihm nur den Sieg der Dummheit über das Genie – Arthur Wellington triumphiert, wo Napoleon Bonaparte untergeht! Nie ward ein Mann ironischer von Fortuna begünstigt, und es ist, als ob sie seine öde Winzigkeit zur Schau geben wollte, indem sie ihn auf das Schild des Sieges emporhebt. Fortuna ist ein Weib, und nach Weiberart grollt sie vielleicht heimlich dem Manne, der ihren ehemaligen Liebling stürzte, obgleich dessen Sturz ihr eigner Wille war. Jetzt, bei der Emanzipation der Katholiken, läßt sie ihn wieder siegen, und zwar in einem Kampfe, worin George Canning zugrunde ging. Man würde ihn vielleicht geliebt haben, wenn der . . . weiter lesen

London

 Ich ha­be das Merk­wür­digs­te ge­se­hen, was die Welt dem stau­nen­den Geis­te zei­gen kann, ich ha­be es ge­se­hen und stau­ne noch im­mer – noch im­mer starrt in mei­nem Ge­dächt­nis­se die­ser stei­ner­ne Wald von Häu­sern und da­zwi­schen der drän­gen­de Strom le­ben­di­ger Men­schen­ge­sich­ter mit all ih­ren bun­ten Lei­den­schaf­ten, mit all ih­rer grau­en­haf­ten Hast der Lie­be, des Hun­gers und des Has­ses – ich spre­che von Lon­don. Schickt ei­nen Phi­lo­so­phen nach Lon­don, bei­lei­be kei­nen Poe­ten! Schickt ei­nen Phi­lo­so­phen hin und stellt ihn an ei­ne Ecke von Cheaps­i­de, er wird hier mehr ler­nen als aus al­len Bü­chern der letz­ten Leip­zi­ger Mes­se; und wie die Men­schen­wo­gen ihn . . . weiter lesen

Die Engländer

Un­ter den Bo­gen­gän­gen der Lon­do­ner Bör­se hat je­de Na­ti­on ih­ren an­ge­wie­se­nen Platz, und auf hoch­ge­steck­ten Tä­fel­chen liest man die Na­men: Rus­sen, Spa­ni­er, Schwe­den, Deut­sche, Mal­te­ser, Ju­den, Han­sea­ten, Tür­ken usw. Vor­mals stand je­der Kauf­mann un­ter dem Tä­fel­chen, wor­auf der Na­me sei­ner Na­ti­on ge­schrie­ben. Jetzt aber wür­de man ihn ver­ge­bens dort su­chen; die Men­schen sind fort­ge­rückt; wo einst Spa­ni­er stan­den, ste­hen jetzt Hol­län­der; die Han­sea­ten tra­ten an die Stel­le der Ju­den; wo man Tür­ken sucht, fin­det man jetzt Rus­sen; die Ita­lie­ner ste­hen, wo einst die Fran­zo­sen ge­stan­den; so­gar die Deut­schen sind wei­ter­ge­kom­men. Wie auf . . . weiter lesen

The Life of Napoleon Buonaparte by Walter Scott

Armer Walter Scott! Wärest du reich gewesen, du hättest jenes Buch nicht geschrieben und wärest kein armer Walter Scott geworden! Aber die Curatores der Constableschen Masse kamen zusammen und rechneten und rechneten, und nach langem Subtrahieren und Dividieren schüttelten sie die Köpfe – und dem armen Walter Scott blieb nichts übrig als Lorbeeren und Schulden. Da geschah das Außerordentliche: der Sänger großer Taten wollte sich auch einmal im Heroismus versuchen, er entschloß sich zu einer cessio bonorum, der Lorbeer des großen Unbekannten wurde taxiert, um große bekannte Schulden zu decken – und so entstand in hungriger Geschwindigkeit, in bankrotter Begeisterung das »Leben Napoleons«, ein Buch, das von den Bedürfnissen . . . weiter lesen

Gespräch auf der Themse

Der gel­be Mann stand ne­ben mir auf dem Ver­deck, als ich die grü­nen Ufer der Them­se er­blick­te und in al­len Win­keln mei­ner See­le die Nach­ti­gal­len er­wach­ten. »Land der Frei­heit«, rief ich, »ich grü­ße dich! – Sei mir ge­grüßt, Frei­heit, jun­ge Son­ne der ver­jüng­ten Welt! Je­ne äl­te­re Son­nen, die Lie­be und der Glau­be, sind welk und kalt ge­wor­den und kön­nen nicht mehr leuch­ten und wär­men. Ver­las­sen sind die al­ten Myr­ten­wäl­der, die einst so über­be­völ­kert wa­ren, und nur noch blö­de Tur­tel­tau­ben nis­ten in den zärt­li­chen Bü­schen. Es sin­ken die al­ten Do­me, die einst von ei­nem über­mü­tig from­men Ge­schlech­te, das sei nen Glau­ben in den Him­mel hin­ein­bau­en woll­te, . . . weiter lesen

Der Rabbi von Bacherach

Erstes Kapitel Unterhalb des Rheingaus, wo die Ufer des Stromes ihre lachende Miene verlieren, Berg und Felsen, mit ihren abenteuerlichen Burgruinen, sich trotziger gebärden, und eine wildere, ernstere Herrlichkeit emporsteigt, dort liegt, wie eine schaurige Sage der Vorzeit, die finstre, uralte Stadt Bacherach. Nicht immer waren so morsch und verfallen diese Mauern mit ihren zahnlosen Zinnen und blinden Warttürmchen, in deren Luken der Wind pfeift und die Spatzen nisten; in diesen armselig häßlichen Lehmgassen, die man durch das zerrissene Tor erblickt, herrschte nicht immer jene öde Stille, die nur dann und wann unterbrochen wird von schreienden Kindern, keifenden Weibern und brüllenden Kühen. Diese Mauern waren einst stolz und stark, und in diesen Gassen . . . weiter lesen

Einleitung zur Prachtausgabe des »Don Quixote«

»Leben und Taten des scharfsinnigen Junkers Don Quixote von der Mancha, beschrieben von Miguel Cervantes de Saavedra«, war das erste Buch, das ich gelesen habe, nachdem ich schon in ein verständiges Kindesalter getreten und des Buchstabenwesens einigermaßen kundig war. Ich erinnere mich noch ganz genau jener kleinen Zeit, wo ich mich eines frühen Morgens vom Hause wegstahl und nach dem Hofgarten eilte, um dort ungestört von Don Quixote zu lesen. Es war ein schöner Maitag, lauschend im stillen Morgenlichte lag der blühende Frühling und ließ sich loben von der Nachtigall, seiner süßen Schmeichlerin, und diese sang ihr Loblied so karessierend weich, so schmelzend enthusiastisch, daß die verschämtesten Knospen aufsprangen, und die lüsternen Gräser und die duftigen Sonnenstrahlen . . . weiter lesen