Turgenjew

Die Zeit nach dem Tode Lermontows, die vierziger Jahre, bedeuten in der russischen Literatur eine Periode der Gärung und Klärung. Die Gesellschaft mußte erst die ihr in so rascher Reihenfolge geschenkten Dichtungen Puschkins und seiner Plejade, Gribojedows, Gogols, Lermontows verdauen und sich zugleich in den vom Westen her eindringenden neuen Einflüssen zurechtfinden. Schiller und Goethe waren schon früher bekannt und dank den Übersetzungen Shukowskijs der russischen Literatur gleichsam einverleibt worden. Nun war das Interesse der Russen für die neuere deutsche Philosophie erwacht: Schelling und Hegel beherrschten die Geister. Von französischen Einflüssen war der der George Sand am stärksten. Von Engländern las man statt Byron – W. Scott, Cooper, Dickens und Thackeray. Die . . . weiter lesen

Dostojewskij

Eine Parallele drängt sich auf: der heitere, sonnige Tag Puschkins und die blitzdurchzuckte Nacht Lermontows, apollinische Harmonie und dämonische Zerrissenheit. Turgenjew und Dostojewskij. Schon äußerlich: der gepflegte Grandseigneur mit dem gütigen Antlitz, und der einstige Zuchthäusler mit dem schweren Blick. Turgenjew bezauberte alle durch sein liebenswürdiges Wesen, der schroffe und gallige Dostojewskij stieß fast alle ab. Im Kapitel über Lermontow zitierten wir die Worte, die Kaiser Nikolai I. gesagt haben soll, als er die Kunde vom Tode dieses Dichters erhielt. Nach dem Tode Dostojewskijs schrieb aber Turgenjew an Ssaltykow: »Wenn man bloß bedenkt, daß alle russischen Bischöfe Totenmessen für diesen unsern Marquis de Sade zelebriert haben ...« Andere Zeitgenossen . . . weiter lesen

Puschkin

Alle Großen der Weltliteratur – Goethe, Shakespeare, Cervantes, Molière, Dante – werden nicht nur von ihren Landsleuten, sondern auf der ganzen Erde verehrt und sind gemeinsamer geistiger Besitz aller Völker. Dasselbe gilt in den letzten Jahrzehnten auch von den großen Prosadichtern Rußlands: Tolstoi, Dostojewskij, Turgenjew. Aber einer der Allergrößten – Puschkin – ist für den der russischen Sprache nicht mächtigen Europäer ein Mythos. Man weiß wohl, daß er dem Russen mehr bedeutet als dem Deutschen Goethe, dem Italiener Dante, und nennt seinen Namen darum mit Respekt, kennt ihn jedoch weniger als manchen altchinesischen oder modern-indischen Klassiker. Der Grund dieser sonderbaren Erscheinung liegt darin, daß Puschkin hauptsächlich Verse schrieb und kein Volk der Erde . . . weiter lesen

Gogol

Die von uns bisher behandelten Dichter waren vorzugsweise Lyriker, und selbst der erste russische Roman Jewgenij Onjegin ist in Versen geschrieben. Die große russische Literatur, die auch außerhalb Rußlands bekanntgeworden ist, beginnt erst mit Gogol: er ist der Vater des auch dem Nichtrussen bekannten Teiles der russischen Literatur, nämlich der russischen Prosa. Nikolai Wassiljewitsch Gogol-Janowskij, kein eigentlicher Russe, sondern Ukrainer, wurde 1809 zu Ssorotschinzy (in der Ukraine) geboren, in einem heiteren, sonnigen Lande, unter einem beinahe italienischen Himmel. Seine Kindheit verlief unter einfachen Leuten, die so ganz anders waren als die Bewohner der großrussischen Städte; auch die ukrainischen Märchen und Heldensagen, denen er als Kind lauschte, waren eine Welt für . . . weiter lesen

Tschechow

Der letzte große russische Dichter, der die ›heroische‹ Periode der russischen Literatur beschließt, hatte ein seltsames Schicksal: da er mit zum Teil recht harmlosen, bei der großen Masse als Reiselektüre beliebten Humoresken angefangen hatte und schnell berühmt geworden war, blieb ihm lange Zeit der Ruf eines nicht ernst zu nehmenden Humoristen und schwand nur allmählich, als sein Talent sich in einer ganz anderen Richtung entfaltete und er als einer der ernsthaftesten, tiefsten und bedeutendsten russischen Dichter, als letztes Glied in der Kette Puschkin-Turgenjew-Tolstoi dastand. Auch im Ausland, wo er beinahe ebenso schnell wie in Rußland berühmt geworden war, ging es ihm nicht besser: zahllose, von den Übersetzern willkürlich zusammengestellte Auswahlbände zeigten ihn immer . . . weiter lesen