Aus dem literarischen Berlin

Der Sonntagsverein (1833)

Wer kennt nicht den Berliner Sonntagsverein, den Rival der Mittwochsgesellschaft? Wenigstens ist es noch nicht vergessen, dass der wirkliche Geheime Intendanzrat Saphir vor vier, fuenf Jahren in Berlin jenen ersten Verein gruendete und ihn witzig nicht die sondern den Sonntagsgesellschaft nannte, um jede Beziehung auf die Sontag in diesem Namen zu unterdruecken und bei der Nachwelt der Vermutung zuvorzukommen, als sei Willibald Alexis, der Enthusiast, jenes Vereins Stifter gewesen. Saphir wusste diese Gesellschaft bald zu bevoelkern. Die Zahl seiner Schueler und Verehrer war beinahe ebenso gross als die seiner Feinde. Saphir zeigte, dass der Witz nichts gelernt zu haben brauchte, dass die Phantasie alle Luecken ausfuelle und der Goetterfunke auf keine Schulzeugnisse sehe. Das war das Signal zu einer Autorensaat, die aus den seinen Gegnern ausgeschlagenen Zaehnen aufwuchs und sich mit Begeisterung unter seine Fahne stellte.

Die Seidenwarenhaendler in der Breiten Strasse tobten, dass ihre Ladendiener, statt die Waren richtig zu messen, Versfuesse massen, um Scharaden, Logogriphe und Raetsel zu machen, die sie am folgenden Tage mit klopfendem Herzen in Saphirs Blaettern abgedruckt sahen. Die Kopisten auf dem Stadtgerichte sollten Ehescheidungsdekrete, Verfuehrungsgeschichten und Schlaegereien ins Reine schreiben und uebten sich in der literarischen Polemik, mit der sie dem Satir in der Behrenstrasse immer willkommen waren. Die Studiosen, die bei Savigny die Pandekten hoerten, machten humoristische Ausfluege und beschwerten das Felleisen der „Schnellpost“ und des „Couriers“, dieser weltbekannten Institute ihres grossen Generalpostmeisters. Gar nicht zu erwaehnen, dass fuer die Juden ein ewiges Laubhuettenfest der Poesie angebrochen war, dass sie sich ihre satirischen Adern oeffnen liessen und unter dem Schutze ihres grossen Messias alles taten, wozu er selbst sie die Handgriffe lehrte. Damals bluehte die Sonntagsgesellschaft und trug herrliche Fruechte, von denen sie zum Besten der Ueberschwemmten vor Jahren einige Spenden bekannt machte. Spaeter kam die Gesellschaft unter den Vorsitz meines liebenswuerdigen Freundes Oettinger. Dann kam die Reihe an die Letzten, um die Ersten zu werden. Diese sind auch noch heute der Stamm, sie haben sich von Saphir emanzipiert und hoeren nicht gern, dass man sie an die Schule ihrer Talente erinnert. Die beiden vorliegenden Baende [„Rosetten und Arabesken. Novellen, poetische Gemaelde und satirische Skizzen der juengern Serapionsbrueder. „] fuehren den Nebentitel „Spenden aus dem Archive des Sonntagsvereins“ und geben den Massstab fuer das, was dieser war, ist und sein koennte.

Zwanzig Koepfe haben hier ihre Phantasien, ihre Ideen, ihre Einfaelle und Ausfaelle mitgeteilt. Jede Kunstform hat ihren Repraesentanten gefunden, und man ist zweifelhaft, nach welchem Gesichtspunkte man die grosse Zahl sondern soll. Darf ich nach den Vornamen gehen? Dann kaemen z.B. Ludwig Schneider und Ludwig Liber zusammen, die freilich auch zusammen gehoeren, weil sie kuerzlich mit zwei grossen goldnen Verdienstmedaillen belohnt worden sind, Ludwig Schneider (auch Both genannt), der das Glaubens- bekenntnis eines Landwehrmanns geschrieben hat, und Lieber Ludwig, wollt‘ ich sagen, Ludwig Liber, von dem „Herzensergiessungen ueber die richtige Mitte“ ausgegangen sind. Doch, wie gesagt, das ist alles zu weitlaeufig und ich begnuege mich nur anzuzeigen, dass diese beiden Baendchen eine Musterkarte von Trivialitaeten, geistlosen Gedankenspaenen, kurz von literarischen Berolinismen sind, einzelne Sachen von Heinrich Smidt, W. Fischer und selbst Schneider ausgenommen. Und selbst der Mittlere sagt in einem Neujahrsliede zum Jahre 1832:

Es schwand ein Jahr, und welch ein Jahr vorueber! Vergebens sucht Ihr es im Buch der Zeit!

Wie billig, fragt man den Verfasser, wo es denn geblieben sei? Solcher Ungereimtheiten findet man zu Dutzenden. Die „satirischen Kleinigkeiten“ von Wilhelm John erregen allerdings Gelaechter, weil sie bewunderungs- wuerdig fade sind. Man hoere: „Die Erfahrung der letzten Zeit hat gelehrt, dass Enthusiasten haeufig Esel, aber Esel niemals Enthusiasten sind. Hieraus koennte man schliessen, der Enthusiasmus sei eine solche Eselei, dass sich nur Enthusiasten, aber keine Esel dazu verstehen koennen.“ Wie dumm! Ferner: „Die groebsten Ausfaelle werden gewoehnlich am meisten gegen diejenigen gerichtet, welche die feinsten Einfaelle haben.“ Ich haette Lust, das erste Glied dieses Satzes wahr zu machen, wenn unser John Bull es nur mit dem zweiten koennte. Ferner: „Der Witz des Poebels gleicht mitunter dem rohen Metall, das nur der Politur bedarf, um zu glaenzen.“ Herr John, Sie werden doch nicht auf sich selbst sticheln? „Die Sucht, originell zu sein, hat das Originelle an sich, dass sie Narren bildet.“ Ach! Es ist genug.

Die Metamorphose von Herrn Smidt ist eine geistvolle Phantasie, die dem Verfasser Ehre macht. Doch kommt von den Novellen keine ueber dies Mittelmass hinaus.

Cypressen fuer Charlotte Stieglitz (1835)

Heraus aus deinem Schneckenhause, du deutscher Gallert, Volk genannt! Heraus aus deinen ohnmaechtigen Zweideutigkeiten, du lederhaeutiger Eunuch! Was wollt Ihr mit Moral, mit dem Stolz auf Eure gesunde, rotbaeckige, laechelnde Vernunft? Wie weit kommt Ihr mit Eurem Achselzucken, Eurer Pruederie und Eurer sittlichen Traegheit, die sich gern auf die grossen Fragen der Weltgeschichte streckt und sich damit bruestet, die kleinste Pfeife der grossen Orgel zu sein? Eure Grundsaetze sind morsch geworden, da Ihr sie in den Boden der Geschichte nicht mit brennenden Spitzen eingepfaehlt habt. Zitternd muesst Ihr fuehlen, dass Ihr bei dem ewigen Sichhingeben, gleichviel ob an die Ordnung der Dinge, wie sie ist, oder wie sie veraendert werden soll, recht klein, zusammengeschrumpft, unbedeutend und nichts als eine Zahl zu andern Tausenden geworden seid! Ihr erschreckt, dass es noch Menschen gibt, welche den innern Prozess der Seele durchmachen; die mit blutigem Schweisse daran arbeiten, in den Geheimnissen des Geistes ein Gebaeude aufzubauen, und sich lieber unter seinen Truemmern begraben, als dass sie die Welt so hinnaehmen, wie sie auf der Strasse, in der Schule, in der Kirche, in der Konversation Euch geboten wird! Seit dem Tode des jungen Jerusalem und dem Morde Sands ist in Deutschland nichts Ergreifenderes geschehen, als der eigenhaendige Tod der Gattin des Dichters Heinrich Stieglitz. Wer das Genie Goethes besaesse und es schon aushalten koennte, dass man von Nachahmung sprechen wuerde, koennte hier ein unsterbliches Seitenstueck zum „Werther“ geben. Denn es sind ganz moderne Kulturzustaende, welche sich hier durchkreuzen, und doch ist der Grabeshuegel, der aus ihnen hervorragt, wieder so sehr Original, dass die Phantasie des Dichters nicht lebendiger befruchtet werden kann.

Ein Geistlicher hat an dem winterlichen Grabe dieses Weibes ueber ihr Beginnen den Fluch ausgesprochen. Es war seines Amtes. Aber wir sind nicht alle ordiniert und auf das Symbol geschworen, und doch hoert man rings von ungeheurer Verwirrung summen, von Nervenschwaeche, von falscher Lektuere und alles schlaegt sich stolz an seine Brust, die etwas aushalten kann, und kehrt pfiffig die Eingeweide seines Verstandes heraus, um zu zeigen, wie gesund, ohne Verknotung, ohne allen Mangel sie sind: Und sie zeigen lachend die Matrikel ihres Lebens, das sie in Gotha beim Geheimrat Arnoldi versichert haben, und furchtsame, aber kuehne Philosophen behaupten den alten elenden Satz, dass Selbstmord die unzulaenglichste Feigheit verrate. Wenige nur ahnen es, dass hier eine ungeheure Kulturtragoedie aufgefuehrt ist, und die Heldin des Stueckes bis auf den letzten Moment fuer zurechnungsfaehig erklaert werden muss vor dem Tribunal einer Meinung, die die Wehen unsrer Zeit versteht. Es gilt hier ueberhaupt nicht das Urteil, sondern die Erklaerung.

Das erste Motiv des tragischen Aktes ist auch hier die Liebe; denn es war ein Opfer, das das hehre Weib ihrem Manne brachte. Aber diese Liebe war eine volle, gesaettigte; eine Liebe, die sich an grossen Tatsachen erwaermt, und welche allein imstande ist, Maenner zu begluecken. Es war nicht eine allgemeine, durch das Band der Gewohnheit zusammengehaltene Neigung, die bei den meisten Frauen sich zuletzt auf die Tatsache der Kinder wirft, und von diesen aus den Mann mit einem matten aber treuen Feuer umfaengt. Es war noch weniger jene egoistische Liebe der Schoenheit, die nur um ihrer selbst willen sich hingibt, wo sie Anbetung findet. Sondern das hoechste Ideal der Liebe lag hier vor; eine objektive, fundierte, angelegte Liebe; eine Liebe, die sich auf Tatsachen stuetzt, welche fuer beide Teile des Bandes gemeinschaftlich waren, auf eine Weltansicht, auf wechselseitige Zulaenglichkeit und auf das Lebensprinzip des Wachstums und des Erkenntnisses. Diese Liebe war erfuellt, sie hatte Staffage. Beide Teile standen sich gleich und Eins durfte fuer das Andre nicht verantwort- lich sein. Ideen vermittelten hier Kuss und Umarmung. Sinnlicher Platonismus wartete hier; und ich glaube, die jungen Maenner des Jahrhunderts werden nicht eher gluecklich sein, bis nicht die Liebe ueberall wieder diesen idealen Charakter angenommen hat, den sie sogar vor vierzig Jahren schon hatte.

Charlotte hatte vor dem Todesstosse in Rahels Briefen gelesen. Rahel wuerde ihren Gemahl niemals haben so ungluecklich machen koennen, denn sie wollte keine Resultate, wie Charlotte; sie ergab sich nur dialektischen Umtrieben, dem Genuss, die Dinge von einem ihr nicht angebornen Standpunkt anzusehen: Rahel zog, wie Lessing, das Suchen der Wahrheit der Wahrheit selbst vor. Charlotte kannte diese Resignation des Gedankens nicht: sie war kein Zoegling der Frivolitaet, wie Rahel, zu deren Fuessen einst die Mirabeaus und Catilinas des preussischen Staates und der Periode 1806 gesessen hatten. Rahel war Negation, Brillantfeuer, Skeptizismus und immer Geist. Sie nahm keinen Gedanken auf, wie er ihr gegeben wurde; sondern wuehlte sich in ihn hinein und zerbroeckelte ihn in eine Menge von Gedankenspaenen, welche immer die Form des Geistreichen und ein Drittel von der Physiognomie der Wahrheit hatten. Rahel unterhandelte mit dem Gedanken: sie war kein Weib der Tat: wie kann sie Selbstmord lehren! Charlotte war Position, dichterisch, glaeubig und immer Seele. Sie beugte sich vor den Riesengedanken der Zeit und der Tatsache, und ihr Geist fing erst da an, wo es galt, sie zu ordnen. Charlotte war System: und weil sie nicht alles kombinieren konnte, was die Zeit brachte (koennen wir’s?), so blieb ihr nichts uebrig, als ihr grosser, starker, goettlicher Wille. Charlotte konnte sterben auch ohne die Rahel. Wie aber und wodurch alles bis auf diese Hoehe kam, wird nur durch Heinrich Stieglitz einzusehen sein; denn wir sagten schon, dass hier nichts ohne die Liebe war.

Heinrich Stieglitz, wie man ihn sieht im braunen Rock und Quaekerhut, luftdurchschneidend, in stolzer und berechneter Haltung, ging aus den Bildungselementen hervor, welche vorzugsweise die Berliner seit zehn Jahren charakterisiert haben. Er liebte Hegel, Goethe, die Griechen, die Philologie, die preussische Geschichte und die deutsche Freiheit, russisches Naturleben, polnische Begeisterung, alles ineinander und nebenbei musste er auf der Koenigl. Bibliothek in Berlin mit Bedienten und Dienstmaedchen verkehren, welche fuer ihre Herrschaft die entlehnten Buecher holten, ueber welche er das Register fuehrte. Himmel, Erde und Hoelle lagen hier ziemlich nahe. Wo Einheit? Wo Ziel und Ende? Stieglitz dichtete; man wollte nicht zugeben, dass er originell war. Es ist alles so oed und trist in Deutschland: die Dinge sind alle Geschmackssache geworden, und da, wo in der Restauration Geist, Leben oder meinetwegen auch nur das Aufsehen war und die Tonangabe, fand Stieglitz schneidenden Widerspruch. So geriet er, der mit Hafizen schwelgte und auf den asiatischen Gebirgsruecken sattelte, in Gefechte mit Saphir! Seine Ideale wurden profaniert. Menzel wies ihn kalt zurueck, weil er keine Originalitaet antraf. Die Julirevolution brach an und ergriff auch seine Muse, wie seine Meinung. Da erschienen die „Lieder eines Deutschen“, vom Tiersparti vergoettert, und doch vom Repraesentanten des Tiersparti, von Menzel, wiederum nicht anerkannt. Wo ein Ausweg? Stieglitz liebte die Goethesche Poesie und die Freiheit und konnte keine Bruecke finden. Er fuehlte sich unheimlich in dem Systeme des Staates, der ihn besoldete; denn die Fragen der Welt fanden Eingang in sein empfaengliches Herz. Aber auch hier wieder soll alles Meinung, Wahrheit und die Prosa der Partei sein. Ist die Freiheit ohne Schoenheit? Kann man nicht mehr Dichter sein und Stolz der Nation, wie es frueher war, wo der alte Grenadier sang? Ach, der unglueckliche Dichter ging noch weiter in seiner Verzweiflung. Er sass im Schimmer der naechtlichen Lampe, Ruhe auf der Strasse, das weisse Papier, das Leichenhemde der Unsterblichkeit, durstig nach Worten der Unsterblichkeit vor ihm. Im Nebenzimmer schlug Charlotte zuweilen auf das Klavier an. Der Dichter weinte. Denn war ihm eine andere Leiter zum Himmel im Augenblicke sichtbar, als die, welche sich aus einem solchen zitternden Tone aufbaute? Wo Wahrheit? Wo Licht, Leben, Freiheit? Wo alles, was man haben muss, um ein grosser Dichter zu sein? Wo der Hass eines Dante, rechter, tiefer, ghibellinischer Hass; nicht jener Hass, den wir unglueckliche Kinder unsrer Zeit mit einer seltsamen Eiskruste unsrer von Natur weichen Herzen affektieren? Wo die Blindheit eines Milton? Wo der Bette1stab Homers? Wo die Situation eines Byron, geschaffen aus eignem Frevel und der rikoschettierenden Rache des Himmels? Wo Wahrheit und ein grosses, stachelndes, unglueckliches Leben? Ach, nichts als Luege, als heitrer Sonnenschein, reichliches Auskommen und der Bekanntschaft laestiger Besuch. Der arme Heinrich liegt krank an der Miselsucht, wo ist des Meyers Tochter, die sich fuer ihn opfre? Ich meine es treu mit diesen Worten und fuehle, welche tragische Wahrheit in ihm liegt. Sie drueckt den Schmerz unsrer poetischen Jugend aus, von der die altkluge oeffentliche Meinung verlangt, dass sie sich zusammenscharen solle und sich aneinanderreihe, um das zu besingen, was die Weltgeschichte dichtet. So fuehl‘ ich es wenigstens: vielleicht dachte Stieglitz anders. Vielleicht dachte er an seine Verse und abstrahierte vom Momente; vielleicht dachte er an die Stellung in der Literaturgeschichte und an die Sonderbarkeit, dass gerade Homer, Virgil, Ariost, Petrarca zu ihrer Zeit so viel gemacht haben; vielleicht dachte er nur an die Persoenlichkeit, wie sie zu allen Zeiten unabhaengig von den Zeiten, dichterisch sich ausgesprochen hat: er fand, dass man eine grossartige Staffage seines Schicksals haben muesse, um originell zu sein in der Lyrik, erhaben im Drama, interessant im Infanteristenausdruck, in der oratio pedestris; und lechzte nach einem Ereignis, das sein Inneres revolutionieren sollte.

Toericht, wenn man Stieglitz den Vorwurf macht, dass er seine Gattin in diesen Strudel hineinriss. Sie musste wissen, was seine Stirn in Runzeln zog, und musste teilen, was an seinem Wesen nagte. Sie stand auf der Hoehe, sein Unglueck zu begreifen. Sie fuehlte wohl, dass dem Manne eine Staffage seiner Begeisterung fehlte. Das gewoehnliche Geschwaetz der Tanten, welche ein Interdikt legen auf Annaeherungen zwischen ihren Nichten und sogenannten Schoengeistern, Kraftgenies und Demagogen, die Philisterei grosser und patriotischer Staedte, welche ihren Toechtern nur angestellte und offizielle Juenglinge zu lieben erlaubt und jedem Manne, der Buecher macht, den Rat gibt, unbeweibt zu bleiben, der lieben Kinder, des Brotes und auch der Poesie selbst wegen, welche ja besser gedeihe ohne buergerliche Ruecksichten und Witwenkassen; diese ganze Misere kam nicht in Charlottens Seele. Es ist ganz falsch, ihr lieben geschwaetzigen Robberspielerinnen und Ehefrauen aus der gemaessigten Zone, wenn ihr glaubt, die naerrische Doktorin Stieglitz, das beklagenswerte Wesen, habe sich deshalb beendigt, um ihrem Manne Ruhe zu schaffen, aus dem Bereich der vierwoechentlichen Waesche zu bringen und ihm die Sorgen zu ersparen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Daran dachte sie nicht, die stolze Seele. Nicht Ruhe, sondern Verzweiflung goennte sie ihrem Manne. Sie gab sich als Opfer hin, nicht um ihn zu heilen, sondern in recht tiefe Krankheit zu werfen. Sie wollte seiner Melancholie einen grellen, blutroten, und ach! nur zu gewissen Grund geben. Sie wollte ihn von der Luege befreien und gab sich hin dem Tode, jung, liebreizend, mitten im Winter gleichgueltig gegen die Hoffnung des Fruehlings, resigniert auf den gewiss noch langen Faden der Parze, bereit, das fuerchterliche Geheimnis des Todes zu erproben, lange, lange vor dem Muessen, resigniert auf jede Freude und Anmut, welche in der Zukunft noch fuer sie liegen konnte.

Die Tat ist geschehen. Das Grab ist still. Schnee bedeckt den Huegel. Die Neugier ist befriedigt. Was soll man schliessen? Ihr nichts: wir alle nichts. Was soll Heinrich Stieglitz? Armer Ueberlebender! Du bist ein ungluecklicher Rest. Aber dein Unglueck, das nun da ist, ist ohne Energie. Dein Unglueck ueberragt dich! Du bist ihm nicht gewachsen. Was wirst du tun? Die ungeheure Tat besingen? Gewiss, ein Totenopfer steht dir an. Dante haette dieser Anregung nicht bedurft; Goethe gar nicht. Wil1st du die Tatsache ueberwinden, sie aufnehmen in dein Blut und unterbringen in den Zusammenhang deiner Gedanken, so musst du so gross sein, wie dennoch Dante und Goethe. Wirst du oeffentlich von dem Opfer zehren, das im Geheimen dir die Liebe gebracht hat? Ich beschwoere dich, bring‘ an das Risiko deiner Verse nicht den gewaltigen Schmerz heran, den du empfindest! In dem Ganzen liegt zu viel Demuetigung, dass nicht das Ende eine Komoedie sein koennte. Wahrlich, Poesie ist nun hier nichts mehr; das Motiv und die Staffage ist groesser als das, was sich darauf bauen laesst. Es ist nicht mehr die Welt, in der hier etwas Seltnes vorgegangen ist, sondern ein enger Raum von vier Waenden, eine Buehne von drei Waenden; denn es ist eine Tragoedie. Aber noch ist die Tragoedie nicht vol1staendig. Ein Gedicht rundet sie nicht ab.

Diese Kritik gehoert Bettinen (1843)

(Nil divini a me alienum puto.)

Wie man nach einem Mittagsmahle, wo man beizende Speisen zu sich genommen hat, die uns austrocknen und einen brennenden, kaum zu ertragenden Durst erzeugen, einen Trunk des reinsten, erquickendsten Quellwassers die verschmachtende Kehle hinunterschuettet und mit Wollust die benetzte Lunge zum Atmen ausdehnt, so erquickt, so erfrischt das neue Buch Bettinens. Im Kristallglase ihrer stilistischen Schoenheiten, mit all den wunderlichen, eingeschliffenen Blumen ihrer gewohnten Darstellungsweise kredenzt die anmutige Zauberin uns diesmal nicht etwa berauschenden Schaumreiz, der uns die Welt im phantastischen Rosenlichte zeigen soll, nicht suedliches Rebenblut, durchduftet von den Blueten des Orients oder gewuerzt von zerstossenen Perlen der Maerchenwelt, sondern diesmal nur reine, frische Quellflut, reines kristallhelles Nass vom Borne der Natur, aus der Zisterne der gesunden Vernunft. O welche Labung, dies herrliche, gedankenklare, gesinnungsfrische Buch! Nach so viel tausend gewuerzten Speisen, die uns die Philosophie dieser Tage aufgetischt hat, nach dieser taeglichen salzigen Heringskost unserer modernen Literatur, nach diesem ewigen Sauerkohl unserer philisterhaften Denk-, Schreib-, Lese- und Lebensmethode ein solches Buch! Ein solcher Trunk aus den Bergen, ein volles Glas, wo die Felsen-Kuehle mit tausend Tropfen die innere Wand beschlaegt! All ihr modernen Rheinweinpoeten und knallenden Champagnersaenger, das konntet ihr nicht geben, was Bettina gibt, Labung und Kuehlung, Erquickung und Staerkung, Trost fuer das Vergangene und Mut fuer das Werdende!

Das neue Koenigsbuch dieser merkwuerdigen Frau ist kein Buch in dem Sinne, dass es wie herbstliches Geblaetter eine Weile raschele und unterm Winterschnee vergessen sein wird, sondern es ist ein Ereignis, eine Tat, die weit ueber den Begriff eines Buches hinausfliegt. „Dies Buch gehoert dem Koenig“, es gehoert der Welt. Es gehoert der Geschichte an, wie Dantes „Komoedie“, Macchiavellis „Fuerst“, wie Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Es sagt Dinge, die noch niemand gesagt hat, die aber, weil sie von Millionen gefuehlt werden, gesagt werden mussten. Man wird diese Dinge bestreiten, man wird des Frauenmundes, der sie ausspricht, spotten und man bestreitet und spottet schon lustig in den Allgemeinen und gemeinen Zeitungen unserer Tage. Aber bei Erscheinungen dieser Art heisst es, das starke Ende kommt nach. Mit des kuehnen Strauss‘ „Leben Jesu“ ging es ebenso. Vor dem wahrhaft Bedeutenden erschrickt man erst, ehe man vor ihm niederfaellt.

Wer noch nicht nach den beiden kleinen Baenden gegriffen hat, wer noch schwankt, ob man ein Buch interessant finden soll, das man nicht wie einen Roman in einem Zuge, sondern in den „bekannten sieben Zuegen“, wie die Studenten sagen, trinken und allmaehlich in sich aufnehmen muss, dem diene folgendes als Erlaeuterung: Das merkwuerdige Buch traegt seinen persischen Titel wirklich mit vollem Recht. Es ist keine Affektation in diesem Titel. Dies Buch gehoert wirklich dem Koenig und musste so heissen, durfte nicht anders. Es ist ein Brief, ein offener Brief, an den Koenig geschrieben und geradezu an Friedrich Wilhelm IV. Es ist eine Adresse der Zeit, von einem Weibe, einer mutigen Prophetin verfasst, und deshalb von Tausenden von Maennerunterschriften bedeckt, weil Bettina hier nur das Organ einer allgemeinen Ansicht, die kuehne Vorrednerin ist, die Jeanne d‘ Arc, die nicht mit ihrem Arme, sondern mit ihrer Begeisterung, mit ihrem Glauben das Vaterland retten will. Traurig genug, dass nur ein Weib das sagen durfte, was jeden Mann wuerde hinter Schloss und Riegel gebracht haben. In diesem wunderbaren Zusammentreffen von Umstaenden, in diesem Zufall, dass eine Frau, der man die „Wunderlichkeit“ ihres Genies und ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen nachsieht, aufsteht und eine Kritik unserer heutigen Politik, eine Kritik der Religion und der Gesellschaft veroeffentlicht, wie sie vor ihr Tausende gedacht, aber nicht einer so resolut, so heroisch, so reformatorisch-grossartig ausgesprochen hat, darin liegt etwas, was goettliche Vorsehung ist. Dem bedraengten Kampfe der Zeit ist ein Engel mit feurigem Schwerte zum Entsatz gekommen. Windet Euch, baut Buecher auf Buecher auf, sprecht Anathema ueber Anathema, die Macht einer Inspiration, die Macht einer Offenbarung, ausgesprochen in einem Weibe, das keine Professur, keine Ehre und irdische Anerkennung haben will, diese Glut einer Ueberzeugung, die sich wie ein feuriger Strom durch die Lande waelzen wird, ist nicht zu daempfen, nicht auszuloeschen. Den Handschuh fuer die Freiheit wirft hier die Poesie hin; die Poesie ist immer ein Ritter, gegen den alle Streiche in die Luft fahren.

Bettina gehoert zu denen, die ohne Falsch wie die Tauben, aber auch klug wie Schlangen sind. Sie redet zunaechst nicht zum Koenig von Preussen. Sie malt zwar seine Politik, die Politik seiner Ratgeber, sie malt einen Minister nach dem Leben, aber, ihrer Poesie und dem „Anstand“ gemaess, kleidet sie ihre Polemik in das Gewand der Allegorie. Sie spricht scheinbar von anno 7, scheinbar von Frankfurt am Main, scheinbar von Napoleon und laesst die Frau Rat, Goethes Mutter, statt ihrer reden. Sentimentale und Tartueffe-Gemueter, die immer wollen, dass man die Sachen von den Personen scheidet und deren steter Jammer die „Indiskretionen“ sind, werden es schreckhaft finden, wie man der in geweihter christlicher Erde auf dem Frankfurter Friedhof schlummernden Frau Rat die Verantwortung so himme1stuermender Gedanken, wie Bettina ihr in den Mund legt, andichten kann. Wer aber zu Schleiermachers Fuessen gesessen, weiss, welche Rolle Sokrates in Platons Dialogen spielt. Xenophon, der auch vom Sokrates berichtet, mag den anregenden Lehrer nur die Dinge reden lassen, die er wirklich gesprochen hat, Plato aber machte aus Sokrates einen Begriff, eine poetische Individualitaet, wie sie der Dramatiker schafft. Sokrates spricht beim Plato, was Plato will. Und Sokrates wird dafuer im Jenseits nicht mit Plato zuernen. Der Vater ist verantwortlich fuer den Sohn, der Staat fuer den Buerger (Bettina fuehrt diese Pflicht mit besonderer Vorliebe aus), der Lehrer fuer den Schueler. Von grossen Menschen bleiben die Genien nachwirkend und leben fort in dem, was aus ihrem Geist geboren wird. Und so ist auch jenes Daemonion, jene hoehere Weihe und ploetzliche Offenbarung, was der Frau Rat innewohnte, wie dem Sokrates, nicht mit ihr verweht und verflogen, sondern hat mit geisterhaften Fittichen auch ihren Sohn Wolfgang umrauscht und umrauscht noch jetzt Bettinen, die es wagen darf, den kuehnen Heldengeist jener Frau mitten unter den Truggespenstern des Tages zu zitieren und sie von den Grimms, von Ranke, von Humboldt reden zu lassen, als wenn sie vom Pfarrer Stein und dem Buergermeister von Holzhausen redete.

Der erste Band des Koenigsbuches ist der Religion, der zweite dem Staate gewidmet. Die Beweisfuehrung in beiden ist die des urspruenglichsten Radikalismus. Ein Geist, gefesselt seit Jahrhunderten an Vorurteil, Lug und Trug, ein Genius, niedergehalten von tausend Ruecksichten der Selbsttaeuschung und Denkohnmacht, scheint sich hier zu erheben, wie Pegasus aus dem Joche auffliegt mit seinen gefluegelten Hufen, der Bahn der Sonnenrosse zu. Wie die rosenfingrige Eos streut Bettina Morgenroete aus. Sie hat die Tafeln eines neuen Gesetzes in ihren kuehnen Haenden, noch sind sie leer, aber nicht ein Wort der Luegen, die darauf standen und die sie mit dem Hauche ihres Mundes von ihnen tilgte, wird wieder auf ihnen stehen duerfen. Sie gibt Negation, aber in der Negation die vol1ste Positivitaet des freien Menschengeistes. Diese Freiheit ist keine indische. Sie ist kein Behagen, keine traeumerische Wollust in sich selbst, sondern ringende, kaempfende Freiheit, griechische Freiheit, wie sie sich in der Palaestra, in der Akademie, auf den olympischen Spielen erprobte. Auch diese Freiheit baut, aber nicht lichtscheue Kapellen im Waldesdunkel, sondern freischwebende Warten und Tempel auf den luftigen Bergeshoehen. Die blinkende Art bahnt den Weg durch Gestruepp und Genist nicht ins blinde, wilde Ungefaehr hinein, sondern nach einem erhabenen, edlen Plane, nach einem Grundrisse, der das All umfasst, Gotteswuerde und Menschenwohl. Sie ist konservativ, diese Polemik im hoechsten, im majestaetischen Stil; denn was verdiente mehr konserviert zu werden als die Natur, die Vernunft und der freie Geist!

Die uebliche, salarierte, verdammende und seligsprechende Theologie unserer Zeit wird ueber den ersten Band ihr schwarzes Kleid zerreissen und siebenmal Wehe! rufen. Dieser erste Band steht vom christlichen Standpunkte auf dem Fundament einer absoluten Glaubensunfaehigkeit. Bettina weist hier jede Vermittelung zwischen der Vernunft und dem Dogma ab. Kein mystisches Blinzeln mehr mit den geheimnisvollen Moeglichkeiten der Nachtseite des Lebens, keine Deutung mehr, keine Allegorie, sondern die einfache Frage: Kann Wein Wasser, kann Wasser Wein werden? Man sage nicht, dass sich Bettina durch diese absolute Negation des Christentums ganz aus den Voraussetzungen der modernen Welt hinauseskamotiert. Ein Blick auf unsere Zeit und ihre wissenschaftlichen Kaempfe lehrt, dass fuer die Freiheit schon unendlich viel gewonnen waere, koennten wir nur auf der Haelfte des Weges, den Bettina schon zuruecklegte, Huetten und Zelte bauen, geschweige Kirchen im Sinne dieser Haelfte. Der Erfolg dieses Buches, wie weit er der freisinnigen Theologie unserer Tage zu Hilfe kommen wird, laesst sich noch nicht ermessen. Erst muss die wilde Jagd der Gegner kommen. Warten wir die Gespenster der Wolfsschlucht ab!

Eingreifender aber noch und unmittelbarer wirkend ist der zweite Band. Man hat diese Partie des Buches kommunistisch genannt. Man hoere, was er enthaelt, und erstaune ueber dies sonderbare Neuwort: Kommunismus. Ist die heisseste, gluehendste Menschenliebe Kommunismus, dann steht zu erwarten, dass der Kommunismus viele Anhaenger finden wird.

Dieser zweite Band ist den Verbrechern und den Armen gewidmet. Man hat schon drucken lassen, Bettina wolle die Verbrecher zu Maertyrern stempeln und zoege die Diebe den ehrlichen Leuten vor. Das letzte ist kindisch, das erste ist wahr. Man schreibt so viel Baende ueber die Gefaengnisse, ueber die Verbrecher, ueber die Straftheorien, man stiftet auch Besserungsanstalten, und doch bleibt es unwiderleglich, dass die wahre Politik, die Politik im Lichte unserer Zeit, die sein sollte, den Verbrechen zuvorzukommen. Moegen wir nun an die urspruenglich gute oder urspruenglich boese Menschennatur glauben, so haben wir doch wenigstens von unserer Erziehung und Bildung einen so hohen Begriff, dass wir von ihrer Anwendung auf die Menschennatur Wunder voraussetzen. Warum verrichten wir diese Wunder so selten? Warum misslingen sie so oft? Unsere gewoehnlichen Quacksalbereien muessen doch wohl nicht ausreichen, um die immer garstiger werdenden Schaeden der Gesellschaft zu heilen. Die alte Leier von den Volksschulen usw. ist ganz verstimmt, sie lockt keinen Hund mehr vom Ofen, geschweige dass sie bezauberte und Menschen zu Menschen machte. Der Cholera gegenueber war es mit aller Medizin aus. Da schuf man neue Spitaeler, neue Quarantaenen, neue Gesundheitsdistrikte und behielt vom Alten nichts mehr, als hoechstens die sonst so verachteten Hausmittel. Nun, die moralische Cholera ist da: jeder Winter z.B. in Berlin bringt die sittliche Brechruhr, nicht etwa sporadisch, sondern so allgemein, dass die Gefaengnisse keinen Platz haben. Guter Gott, man vermehrt die Zahl der Nachtwaechter und Gensdarmen, die Buerger treten zusammen und bilden unter sich eine Sicherheitsgarde. Einer sperrt sich ab gegen den andern und der Stoerer dieses atomistischen Staates wird unschaedlich gemacht. Wenn eine solche Politik von der Not des naechsten Augenblicks geboten wird, so muss man sie gelten lassen; erhebt man aber ihren praktischen Wert zu einer theoretischen, dauernden Bedeutung, so fragt man billig, ist die christliche Welt darum achtzehnhundert Jahre alt geworden? Gibt es keinen Ausweg, die Verbrechen schon im Keime zu ersticken? Ist der Staat immer und ewig nur ein Konglomerat von Egoismus, in dem sich nur der lauter, rein und gluecklich erhaelt, den gleich bei der Wiege die holde Gunst des Zufalls angelaechelt hat?

Neulich hat ein Geistlicher an einem vielbesprochenen Grabe ein herrliches Wort gesagt. Die Leiche des im Duell gefallenen Herrn von Goeler in Karlsruhe wurde bestattet und der Geistliche, der keinen Beruf hatte, dieser Leiche so zu schmeicheln, wie es die Zeitungen getan hatten, aeusserte in seiner wuerdigen Rede, als er vom Duell sprach: Er muesste fuer das Christentum erroeten, wenn er bedachte, dass der milde Geist der Christuslehre noch so wenig in die Menschheit eingedrungen waere, um nicht Vorkommnisse, wie jenen Streit, fuer immer unmoeglich zu machen. Er sagte: Erroeten! Der Geistliche, ein frommer Diener des Wortes, erroetete fuer die geringe Wirkung seiner Lehre. Erroetet wohl ein Beamter fuer den Staat, der ihn besoldet, ein Minister fuer die Lappalien, die er in seinem Portefeuille einschliesst, erroeten unsere Richter fuer die Verbrecher? Nein. Hoechstens der arme Knecht zittert, der die Delinquenten abtun muss. Was nennen sie denn noch im 19. Jahrhundert Politik? Was konservieren denn unsere grossen Staatsmaenner nur als sich? Wie ist es moeglich, dass durch diese Politik der Buerokratie, der Edikte, der Verbote, der Allianzen, Paraden, Gleichgewichtsinteressen usw. ein Lichtstrahl jener wahrhaft konservativen Politik dringen kann, die vor allen Dingen den Menschen dem Menschen bewahrt? Bettina erhebt sich, wenn sie auf dieses Gebiet kommt, zur Seherin, zur Prophetin. Sie richtet an den Koenig, dem sie ihr Buch gewidmet hat, so hinreissende, so feurige Apostrophen, dass es ruehrend ist, wenn man sich sagen muesste, der Brief ist unsterblich, aber er wird seine irdische Adresse verfehlen.

Wer im zweiten Band jede Behauptung der Frau Rat woertlich verstehen wollte, bewiese nur, dass er zu den Langweiligen gehoert. Kein Langweiliger hat Sinn fuer den Humor. Humoristisch ist aber ein grosser Teil der sittlichen Revolutionen zu verstehen, die die kuehne Opponentin mit den Verbrechern zu stiften vorschlaegt. Es ist ihr wahrhaftig nicht darum zu tun, einen Raeuberhauptmann zum Feldherrn, einen Schinderhannes zum Kriegsminister zu machen, sondern sie beklagt in greller, ihr eigentuemlicher Ausdrucksweise, dass das Kapital von Mut, Schlauheit und Standhaftigkeit, was von den Verbrechern konsumiert wird, nicht auf edlere und dem Gesamtwohl nuetzliche Zwecke verwandt wird. Die Dialektik dieser Beweisfuehrung ist teils Ueberzeugung, teils Neckerei. Es ist durchaus ein platonisch-sokratischer Geist, der die kunstvollen Gespraeche belebt, mit dem Scharfsinn und dem hohen Fluge der Divination zugleich gepaart, jene sokratische Ironie, die scherzend die schon gefangenen Voegel der Gegenpartei wieder flattern laesst, um sie nach kurzer Freiheit wieder aufs neue einzufangen. Fast im schaeumenden Uebermass dieser Ironie sind die „Gespraeche mit einer franzoesischen Atzel“ geschrieben. Hier ist selbst die Frau Rat die ueberfluegelte. Der schwarze Vogel auf dem Ofen mit seinen klugen Augen, seiner kecken Federhaube auf dem Kopfe, scheint ein verzauberter Hoellenbote zu sein. Der kleine Spitzbube wettert und schimpft wie ein Kapuziner, der nicht dem Himmel, sondern dem Teufel dient. Er moechte, dass die ganze Welt des Teufels waere und schwaetzt die Dinge, die oben stehen, kopfueber nach unten und umgekehrt. Es wird nicht an Leuten fehlen, die die E1ster beim Wort nehmen und ihre wilden Plaudereien als bare Blasphemie an die geistlich-weltliche Hermandad denunzieren werden. Bettina waere mit der phantastischen Lyrik ihrer Seele humoristisch genug, fuer die Atzel aufzutreten und sie zu verteidigen, wie einst auf einem Konzil sogar die Heuschrecken ihren Anwalt fanden. Verschluckte einst eine Ratte eine Hostie und verrichtete Wunder, warum soll der Teufel nicht in eine Atzel fahren? Die Polemik, die naechstens die evangelische Kirchenzeitung gegen diese Atzel eroeffnen wird, wird sehr komisch sein.

Das ausgezeichnete Werk behandelt aber zu ernste Fragen, als dass es komisch schliessen duerfte. Es schliesst mit dem Septimenakkord des tiefsten Schmerzes, es schliesst erschuetternd, herzzerreissend, tragisch. Wessen Auge ueber dieser Schilderung des Elends im Berliner Voigtlande verweilen kann, ohne in Traenen zu schwimmen, der muss ein Herz von Marme1stein haben. Bettina teilt die Aufzeichnungen eines edlen Menschen mit, der in dem sogenannten Berliner Voigtlande die von der Armut bewohnten Haeuser durchwanderte, an die Tueren pochte, eintrat und sich nach den bittern Lebensumstaenden, die hier zusammengepfercht sind, gruendlich erkundigte. Die Namen sind genannt, die Tueren bezeichnet, hier hoert jede Fiktion auf. Tausende von Menschen leben hier in Hunger und Kummer, schlafen auf Stroh, stuendlich gewaertig, ausgepfaendet und auf die Strasse geworfen zu werden mit Greisen und Saeuglingen, im ewigen Kampf, entweder zu hungern oder zu betteln oder aus Verzweiflung zu stehlen, gehetzt von der Polizei und verlassen von jener Behoerde, die ihr naechster Schutz und Schirm sein sollte, der staedtischen Armendirektion. Fuer die Mitteilung dieses Gemaeldes verdient Bettina den Dank jedes fuehlenden Herzens. Jede Traene dieses Bildes wiegt die kostbarsten Brillanten einer stilistischen Phantasie auf; dieser echte, lebenswahre Murillo steht hoeher als jede idealische Transfiguration. Es kriecht Ungeziefer durch diese Farben, aber die Farben sind echt und der Fuerst, dem sie ihr Buch widmete, hat in dem Augenblick, als er diese Schilderung las, sicher einen Hofball abbestellt, sicher die Zuruestungen eines glaenzenden, nur Staub aufwuehlenden Manoevers auf die Haelfte des angesetzten Etats reduziert. Denn nicht die Armut allein durchschneidet hier unser Herz, nein, auch die Schilderung der Tugenden, die noch in der Verzweiflung dieser Menschen nicht erstorben sind, die Schilderung einer hochherzigen Anhaenglichkeit an das Vaterland und den Fuersten, die sich selbst in diesen Lumpen noch erhalten hat. Eine arme Bettlerin ueberbrachte der Ordenskommission (fuenf Orden), die ihr gestorbener Mann im Freiheitskriege erworben. Die Ordenskommission gab ihr ein fuer alle Mal fuenf Taler (kaum den aeussern Wert der Dekorationen) und nun hungert sie. Wenn auch die hohen freisinnigen Philosopheme der kuehnen Frau, die dieses Werk geschrieben, von den Menschen, die sie in dem (Pfarrer) und dem (Buergermeister) treffend charakterisiert hat, verworfen werden, von diesem Anhang kann man nicht glauben, dass er spurlos voruebergehen wird. Nicht nur, dass die Berliner Armendirektion, eines der unpopulaersten Institute der Residenz, einer gruendlichen Reorganisation unterworfen werden muss, auch die hoehere, den ganzen Staat umfassende, ja ich nenne sie die (kommunistische) Frage: was soll geschehen, um den Menschen dem Menschen zu retten, das Band der Bruderliebe wieder anzuknuepfen und einer unheilschwangern, furchtbar drohenden Zukunft vorzubeugen? Diese Frage wird um Antwort draengen und die Antwort wird nicht in Phrasen, nicht in Almosen, sondern in durchgreifenden Schoepfungen bestehen muessen. Und der edlen Frau, die diese Frage dicht an den Stufen des Throns aufwirft, auf dem Parkett der eximierten Gesellschaft, unter Luxus, sybaritischer Indolenz und transzendentaler, nichtsnutziger Nasen- und Bonzenweisheit, dieser edlen Frau steht der bescheidene Feldblumenkranz eines solchen Verdienstes prangender, als weiland ihre schoensten Blumenkronen aus der Periode ihrer romantischen Naturmystik.

Mit beklommener Erwartung sehen alle die, welche von dem Buche ergriffen wurden, nun auf den, dem es gewidmet ist. Numa Pompilius hatte seine Egeria, eine geheimnisvolle Sybille, die ihm die Weisheit lehrte, mit der er Rom aus einem Raeuberstaate zu einem geordneten Gemeinwesen erhob. Der Koenig von Preussen wird Bettinen nicht zu seinem ersten Minister machen, aber er hat ihr Buch in der Handschrift durchblaettert, er hat die Widmung gestattet und es mit seinen tausend zensurwidrigen Freiheiten vorweg gegen die Verfolgung der Polizei in Schutz genommen. So darf Deutschland und Preussen insbesondere hoffen, dass von der maechtigen Beredsamkeit einer Feuerseele, die hier im Namen der Zeit wie eine Prophetin am Wege ihn angesprochen, wenn nicht ein begeisternder Funke, der zur Tat zuendet, doch eine warme Erregung, die Schonung und Duldung uebt, in ihm zurueckgeblieben ist.

Ein preussischer Roman (1849)

Die kluge und soviel man wusste ziemlich demokratisch gesinnte Fanny Lewald hat einen Roman („Prinz Louis Ferdinand“) geschrieben, der ihr die Ehre einbringen wird, Mitglied des Treubunds zu werden. Ich sehe ihre sonst so freiheitgluehende Brust schon mit einem Ordenszeichen geschmueckt, das ihr in feierlicher Sitzung unter allen Berliner Offiziers- und Beamtenfrauen Graf Schlippenbach anheften wird. Denn was auch vom Standpunkt der Hofdamen aus in diesem biographischen Roman gegen die Etikette und eine gewisse loyale Pietaet fuer hohe und hoechste Personen gesuendigt sein mag, die besonneneren Mitglieder der Preussenvereine wissen sehr wohl, dass man den Royalismus auf alte Art nicht mehr predigen kann. Dies edle Kern- und Grundgefuehl preussischer Herzen kann nicht mehr ueberall der Ausfluss unmittelbaren Instinktes sein wie weiland, als der Friedrich-Wilhelm-Staat noch in patriarchalischen Banden schlummerte, sondern dies Gefuehl muss jetzt „vermittelt“ werden, in der Sprache der Neuzeit reden, gemischt und verquickt mit dem Neusilber der Mode. Das hat Fanny Lewald redlichst getan. Man kann nun doch wieder aufblicken zu jenen strahlenden Meteoren, die man Prinzen nennt. Man kann doch den Beweis fuehren, dass auch in jenen Regionen menschlich empfunden, liebenswuerdig geschwaermt, edel gedacht wird. Man hat doch endlich einmal den vol1sten Gegensatz gegen diese Irrgaenge der Literatur, die schon die Poesie nur noch bei den Handwerkern und Bauern suchen wollte. Die Graefin Hahn rettete der Poesie den Adel, Fanny Lewald, die strenge Richterin Diogenens, rettete ihr wieder die Koenige und die Prinzen.

Wir erfahren in diesen drei mit grosser Gewandtheit geschriebenen Baenden, dass es an der Grenzscheide des Jahrhunderts einen Prinzen von Preussen gab, der ein wenig stark von der Geniesucht seiner Zeit angesteckt war, sich vom Zopf Friedrichs des Grossen und derer, die diesen Zopf fuer das Palladium des preussischen Staats hielten, emanzipieren wollte, Musik trieb, viel Schulden machte, Militaerexzesse beguenstigte, die Franzosen und ihre Republik hasste und um jeden Preis dem „Korsen“ den Glanz preussischer Waffen fuehlbar machen wollte. Als ihm die Diplomatie 1806 seinen Willen tat und den Krieg erklaerte, fiel er in dem ersten Gefecht gegen eine Nation, die er liebte (denn er umgab sich mit Franzosen), aber deren liberale Grundsaetze er hasste. Es ist dieser Prinz Louis Ferdinand so oft als eine Heldengestalt, als ein junger tatendurstender Alexander geruehmt worden, dass man sein Leben wohl fuer beachtenswert, seinen Tod ruehrend finden kann. Wie aber sieht es mit einer naeheren Pruefung dieses Ruhmes aus? Wie muss sich der Biograph, der Dichter stellen, um diese aeusserlich blendende Erscheinung ihrem wahren Kern und Wesen naeher zu bringen?

Wir gestehen, dass Fanny Lewald ihren Helden vom Gesichtspunkt des Weibes sehr wahr auffasste. Statt aller Kritik ueber ihn hat sie sich ganz einfach in ihn verliebt. Ich finde diesen Zug in ihrem Buche fuer den schoensten. Da ist kein nuechternes Raesonnement, da ist keine Pruefung, kein Abwaegen von Mehr oder Minder, sie liebt den Prinzen, wie ihn Rahel Levin geliebt hat. Und gerade das muss den Treubund entzuecken, gerade daraufhin kann Graf Schlippenbach sagen: Seht da eine Demokratin, eine Juedin, eine eifrige Verfechterin der Grundsaetze ihrer Freunde Simon und Jacoby, seht da eine Maerzheldin, die mitten im Zeitalter der Barrikaden Triumphpforten fuer preussische Prinzen baut! Wie wir mit Blumenkraenzen unsern Garderegimentern entgegenwallen und sie mit Treubundshuldigungen in den Bahnhoefen empfangen, wenn sie mit demokratenblutgefaerbten Bajonetten in ihre Kasernen heimziehen, so jauchzen in diesem Buche Maenner und Frauen einem Prinzen entgegen, der im Grunde nichts fuer die Menschheit leistete, sich aber als Hohenzoller fuehlte! Und eine Demokratin traegt uns hier die schwarzweisse Fahne voran! Eine Feindin der aristokratischen Literatur! Die beruehmte Gegnerin unserer unuebertrefflichen Ida!

Fanny Lewald wird sich ueber den Grafen Schlippenbach, noch mehr aber ueber mich, der ihn so reden laesst, sehr erzuernen. Sie wird, ich seh‘ es, alle diese Konsequenzen ihrer Liebe und Begeisterung fuer einen preussischen Prinzen zurueckweisen, sie wird, ich hoer‘ es, ausrufen: Kleinliche Menschen die ihr seid, kann man denn nicht mehr dem Zuge seines Herzens folgen? Soll denn alles, alles Partei sein? Soll es denn nicht mehr moeglich bleiben, dass man jede bedeutende Erscheinung der Menschenwelt, sie tauche nun auf in einem Auerbachschen Schwarzwald-Dorfe oder einer George Sandschen Mare au Diablo oder auf dem Parkett der Ministerhotels und Prinzenpalaeste, mit Interesse, ja mit Liebe umfasst und das Schoene, Wahre, Strebsame auf allen Klimmstufen der Gesellschaft anerkennt? Das hat sich Fanny Lewald gedacht, als sie diesen Roman schreiben wollte. Sie hat sich ohne Zweifel noch groesseres gedacht. Sie hat das Bild eines zerfallenden Staates zeichnen wollen, sie hat geglaubt, einer sich jetzt unueberwindlich duenkenden Gegenwart den Spiegel der Vergangenheit vorhalten zu koennen, indem sie im Staat, der Gesellschaft, im Militaer und Zivil die Grundgebrechen schilderte, an welchen der Stolz und die Eitelkeit jener Tage krankte, ohne es zu wissen. Diese polemische Tendenz, der auch manche vortreffliche Seite ihres Werkes gewidmet ist, ermutigte sie, jenes Bild eines Prinzen als Mittelpunkt ihrer Dichtung festzuhalten und so den Vorwuerfen zu begegnen, gegen die sie als strenger demokratischer Charakter empfindlich sein musste.

Wie dem aber sei, sie ist ihrem weiblichen Herzen zum Opfer gefallen. Sie hat, angeregt von Varnhagen von Ense, jene bedeutsam Zeit schildern wollen, wo sich in der Tat trotz Goethes Spott „Musen und Grazien in der Mark“ begegneten und Schlegel, Gentz, Fichte, die Rahel und ihre „Kreise“ mit einem liebenswuerdigen, genialen Prinzen des koenigl. Hauses in Beziehungen kamen. Es hatte sie das interessiert, besonders Rahels wegen, mit der sie sich in ihrem Roman auffallend identifiziert. Aber der Erfolg ist bei vielen vortrefflichen Eigenschaften ihres Werkes nicht gelungen. Statt, wie eine kuenstlerische Intuition ihr sagen musste, den Prinzen episodisch zu benutzen, stellte sie ihn in den Vordergrund. Statt ihren Roman z.B. durch eine Figur wie Karl Wegmann zu heben und zu tragen und alle jene bedeutenden Menschen nur zuweilen in ihr Werk hineinragen zu lassen, macht sie diese selbst zu Haupttraegern der Handlung und gibt eine romantische Biographie, statt eines Romans. Prinz Louis bleibt immer der Mittelpunkt. Sie dichtet ihm Empfindungen an, die zu beweisen sind, sie gruppiert Menschen um ihn, die sie als edel, mindestens bedeutungsvoll erscheinen laesst, waehrend sie doch meist nur frivol und sittenlos sind. Diese Pauline Wiesel, eine feine Berliner Kurtisane beruechtigten Andenkens, erscheint bei unserer Verfasserin so relativ wertvoll und interessant, so drapiert mit dem grossen Umschlagetuch grell-moderner Ideen und grossblumiger Empfindungen, dass man erstaunt, wenn man sich denken muss: Was wird Diogena zu diesem Buche sagen? Wenn sich bei dieser Dame die Schichten der aristokratischen Gesellschaft zerbroeckeln und in die ihr eigene grossstaffierte Salon- und Boudoir-Romantik zerblaettern, wo Liebe und Skandal bunt durcheinanderlaufen und parfuemierte Billetts, von galonierten Jockeys auf silbernen Tellern praesentiert, alle Schmerzen „unverstandener“ Seelen aushauchen, so gesellt sich hier wenigstens Gleiches und Gleiches, und wir sind doch bewahrt vor der Fanny Lewaldschen Zumutung, jene Berliner Beamtentoechter interessant zu finden, die beim Blasen der Gardekuerassiere an die Fenster rennen, sich in Helme und Epauletten verlieben und Prinzen vollends alles gewaehren, was Prinzen nur von Buergerstoechtern fordern koennen. Henriette Fromm, Pauline Wiesel sind „Damen“ dieses Berliner Schlages gewesen und verdienten nicht von der Poesie so ausstaffiert zu werden, wie dies in unserm Gedenkbuch geschieht. Welche grossen Worte sind da an Niederes verschwendet! Welche gemeinen Gesinnungen bunt aufgeputzt! Wer hat Berlin beobachtet und kennt nicht jene Buhlerei der Muetter und jungen Frauen um Prinzengunst, wie sie nach den Tagen der Lichtenau dort Mode war? Spaeter moegen die Opfer dieser Zustaende mehr gelernt haben als Madame Rietz wusste, sie moegen franzoesisch parliert, Goethe und Schiller gelesen haben und mit Gentz und Schlegel in Beruehrung gekommen sein; sie bleiben aber darum doch, was sie sind, mag auch Varnhagen von Ense noch so milde Lichter ueber sie ausgegossen haben. Die arme Lewald, in dem Drang das Judentum zu heben und eine Juedin Rahel Levin mit Prinzen von Preussen in Verbindung gebracht darzustellen, ist hier von ihrem Herzen und dessen kuehnsten Fluegen geblendet gewesen und hat eine Sphaere fuer dichtungswuerdig gehalten, die es nicht war. Mamsell Caesar, die Berliner Geheimsekretaerstochter, verdiente ebensowenig diesen Aufwand von Seelenmalerei wie Henriette Fromm, die am Tage nach der Verlobung an einen Oekonomen mit einem Prinzen auf- und davonging. Ein Prinz kann doch meist nur von oben herab lieben, von oben herab einer Buergerlichen schmeicheln, nur in aller Kuerze sie auffordern: Sei mein! Einen (Roman) von Gefuehl, Entwicklung, Herausstellung der ede1sten Triebe des Menschen gibt es da hoechst selten und im vorliegenden Fall gewiss nicht. Wer kann Fanny Lewald in dieser Verirrung anders folgen als bloss mit einem gewissen anekdotischen Interesse? Zu empfehlen, aufmerksam zu machen, zu bewundern gibt es da nichts. Man liest es mit Neugier, mit Spannung, wuerde aber erschrecken, wenn die Verfasserin verriete, sie haette beim Niederschreiben dieser Blaetter auch nur im entferntesten gedacht: (Entnehmt euch daraus etwas!)

Einzelne Schilderungen sind der Verfasserin vortrefflich gelungen; unstreitig immer die, wo sie sich eines gedrueckten, leidenden Zustandes der Gesellschaft annehmen kann. Sie empfindet mit der Armut, mit dem gedemuetigten Stolze, mit der getretenen Menschenwuerde. Sie hat in ihrem reinen und aufrichtigen Bekenntnis des Judentums eine Schule der Beobachtung und des Mitgefuehls fuer die Nachtseiten der Gesellschaft durchgemacht. Warum erhob sie sich von dem strengen Gericht, das sie ueber die Militaerzustaende Preussens von 1806, das Kasernenleben, das Ghetto, die Bestechlichkeit der Beamten, die Ohnmacht und den Duenkel der Minister anstellte, nicht auch zur Wahrheit ueber ihren aristokratischen Helden selbst und noch mehr zur Wahrheit ueber das prahlende Zuschautragen des Herzens bei den Weibern, die in diesem Gemaelde aufrauschen? Warum wandeln diese so pomphaft daher und bringen uns den abgenutzten Gefuehlskram unserer blasierten Frauenromane von 1840 zum Kauf? Ist es nicht eitle Flitterware? Ist nicht selbst Rahels Liebesschmerz und entsagende Grossgefuehligkeit um die koenigliche Hoheit affektierter Kram? Erschliessen uns diese Verirrungen, wenn sie stattfanden (und sie muessen es wohl, da Varnhagen von Ense laut Widmung dieses Werkes Taufpate ist), irgendeine grosse Perspektive auf die Tiefe der Menschenbrust? Ich kann der Verfasserin ueberall folgen, wo sie praktisch und verstaendig ist. Wo sie aber Gefuehl geben will, Idealitaet in ihrem Sinn, da befinden wir uns doch eben nur in derselben Sphaere, die sie an der Graefin Hahn hat bekaempfen wollen: Hass gegen das Uebliche, Feindschaft gegen die gewoehnlichen Gleise der Liebe, die sich in ihrer suessen Monotonie Jahrtausende lang durch die Herzen der Menschheit ziehen. Sind euch denn die Muetter, die verheirateten Frauen ewig gleichgueltig und nur diese Rahelen, diese Henrietten und Paulinen der poetischen Betrachtung wuerdig? Es waere eine rechte Erquickung gewesen, wenn wir in diesem Buche neben den vielen Weibern mit starkem Herzen auch ein junges, schoenes und bedeutendes mit einem nur guten angetroffen haetten.

Das Buch schliesst wie eine Symphonie mit unaufgeloester Dissonanz! Der Held stirbt, und – das Ganze ist zu Ende. Alle Faeden, welche die Verfasserin anspann, um uns zu unterhalten, sind zerrissen. Eben noch Licht, und ploetzlich Nacht. Dieser Schluss ist eine Kritik des Werkes. Er sagt, dass mit dem Tode des Helden der ganze Apparat des Romans in Nichts zusammensinkt, und es im Grunde nur ein Spuk war, der ihn umgab, kein wirkliches, daseinberechtigtes Leben. Fanny Lewald hat so den Trieb nach Wahrheit, so die schoene, oft grausame Leidenschaft aufrichtiger Ueberzeugung, dass sie unstreitig fuehlte: Die Menschen, die ich da mit dem Prinzen zusammenkettete, sind nach seinem Tod unnuetz, und keine Seele mehr wird nach ihnen fragen. Ein ernstes Drama soll wie ein Grab enden, ein ernster Roman aber wie ein Kirchhof. Das Auge soll mit Schmerz nach vielen Graebern sich umsehen und nicht wissen, welches von ihnen allen den Immortellenkranz verdient.

Eine naechtliche Unterkunft (1870)

In jenen, noch dem ersten Drittel unseres Jahrhunderts angehoerenden Tagen, wo Berlin rundum keine andere grosse Stadt in der Nachbarschaft hatte, als eine solche, die erst nach einer Postreise von zwanzig Meilen zu erreichen war, bildete sich jene noch jetzt nicht vollkommen ueberwundene eigentuemliche Naivitaet oder, nennen wir es beim richtigeren Namen kleinstaedtische Unzulaenglichkeit aus, die den Charakter des Berliner Pfahlbuergertums in manchem bezeichnen duerfte. Die Sperre gegen eine Welt, die damals dem Berliner schon hinter Potsdam fuer gleichsam wie „mit Brettern vernagelt“ galt, war eine beinahe hermetische. Daher auch die Langsamkeit, womit sich der Zeitgeist, die freiheitliche Entwicklung Preussens erst allmaehlich, ja mit Beweisen voelliger Unbeholfenheit und Unreife anschickte, dem Fortschritt des uebrigen Europa zu folgen.

Noch bis zur Maerzrevolution befand sich im koeniglichen Schlosse, dicht unter der Wohnung des Monarchen, in jenem Portal, das seit dem Jahre 1848 dem Publikum nicht mehr als Durchgang geoeffnet ist, ein alter Rumpelkasten, Portechaise genannt, an deren mit gruenem Kattun verhangenem Fenster unorthographisch zu lesen stand: „Wer sich dieser Portechaise bedienen will, melde sich in der Nagelgasse.“ Letztere, jetzt zur „Rathausstrasse“ avanciert, begrenzt die suedoestliche Front des neuen Rathauses – gelegentlich bemerkt eines Baues, dessen Grossartigkeit den Stil, den kraeftigen Griffel des 19. Jahrhunderts in so ueberwaeltigendem Masse bezeichnet, dass bei allem Reiz, den ein alter Rest der Vergangenheit, die „Gerichtslaube“, fuer die Tafeln der Chronik in Anspruch nehmen darf, ihn die Gegenwart doch fuer ihre Ueberlieferungen an die Zukunft wie einen sinnstoerenden – Druckfehler beseitigen darf.

Und auf dem Gensdarmenmarkt, an derjenigen Seite des „franzoesischen Turms“, die dem Wechselgeschaeft der Herren Brest und Gelpke gerade gegenueber liegt, wuchs nicht nur in den Winkeln, die von den duerftigen Anbauten der beiden stolzen „Gensdarmenmarkttuerme“ gebildet werden, das helle, frische, gruene Gras, untermischt zuweilen mit „Butterblumen“, sondern es war sogar moeglich, dass die damalige schutzmannlose, nur auf jene „Polizeikommissarien“ mit den Dreimastern und karmoisinroten Kragen und Aufschlaegen am Rock angewiesene Zeit in einem dieser Winkel – einen alten ausgedienten Leichenwagen duldete, der entweder durch irgendein Missverstaendnis zur Ueberwinterung dort stehengeblieben oder sonst aus dem Inventar des Leichenfuhrwesens in der Georgenstrasse ausgestrichen war. Die Deichsel fuer die Rosse, die uns zum ewigen Frieden fahren, fehlte nicht. Aber die schwarze Draperie schillerte schon ins vollkommen Roetliche. Die Totengraeber Hamlets haetten hier Betrachtungen anstellen koennen ueber die Vergaenglichkeit alles Irdischen. Ludwig Devrient, drueben von Lutter und Wegener kommend und sich auf die Rolle besinnend, die der grosse Mime am Abend zu spielen hatte, mag manchen verstohlenen Blick hinuebergeworfen haben auf den alten Charonsnachen, der manchmal fehlte, nach kurzer Pause sich aber immer wieder einstellte unter den gewoelbten Tuermen, um deren Saeulen und Saeulchen die Spatzen und die Kraehen und die Habichte nisteten. Berlin, das gegenwaertig alles brauchen kann, selbst die Denkmaeler von den Graebern, Berlin, das jetzt die Bronzebilder der Toten von den Kirchhoefen stiehlt, liess diesen alten Leichenwagen unangetastet.

Abends, wenn der Sturm brauste, die Laternen, ohne Gaslicht und manchmal quer ueber die Strassen hinweggezogen, in aechzenden Toenen hin und her schaukelten, die Wagen der Vornehmen und Reichen dumpf ueber ein noch naturwuechsiges Pflaster rollten, hier und da ein Leierkasten aus einem Keller wie ein ferner Unkenruf ertoente und in den Strassen jener gespenstische Mann umging, der ein Faesschen in der Hand tragend, aus einer bis zu seinen Ohren, ja bis zur Nase hinaufreichenden stolzen roten Kravatte mit einem gewissen wuerdevollen Anstand, aber geisterhaft hohl, den Ausruf hervorpresste: „Neunaugen! Neunaugen – !“, da schlich sich froestelnd, die Haende in abgetragene, viel zu kurze, geflickte Beinkleider gesteckt, einen verschossenen Frack auf dem ausgehungerten Leibe, einen mannigfach bruechigen, beulenreichen Filzhut auf dem Haupte, eine verwitterte, magere, kleine Gestalt ueber den Markt, auf welchem oede Stille herrschte, nachdem sich eben die Zuschauer des Schauspielhauses, die vielleicht eine neue Posse von Raupach ausgezischt, verlaufen hatten.

Der sich scheu Umblickende hatte keine Wohnung. Sein Name war von den Sternen hergekommen. Dort oben am blitzenden Nachthimmel stand die Konstellation, die ihm den Vornamen gegeben. Besonders zur Winterszeit leuchtete sein Stern hellauf in einem Licht, das alle andern Sterne ueberstrahlte. In den Sternen auch hatte er seine eigentliche Behausung, nicht in der Dorotheen-, nicht in der Friedrichstadt. Vorsichtig naehert er sich dem Leichenwagen … Bist du heute wieder da, alter Freund – ? Hat dich Charon heute Nacht nicht noetig, um vom „Tuermchen“ im „Voigtland“ eine Leiche auf die Anatomie zu fahren – ? Schont der „Leichenkommissarius“ seine Gaeule, wenn er sie erst hier einspannt, um einen Armen im „Nasenquetscher“ auf Saturns grosses Brach- und Nivellierungsfeld, auf den Friedhof, zu fahren – ?…. Und husch – ! Die verwitterte Gestalt, herabgekommen wie der Apotheker von Mantua, der an Romeo Gift verkaufte, weil die Geschaefte der ueblichen Pharmakopoe so schlecht gingen, hebt die Vorhangsfetzen des Wagens auf und schiebt sich langsam hinein in ein damaliges – Asyl fuer Obdachlose.

Fand sich wohl ein Stueck Holz, eine Planke darin vor – den Traegern mit den langen Floeren am Dreimaster benoetigt, um den Sarg in die Grube zu senken – so rueckt sie der lebende Tote so, dass sein Haupt mit den langen weissen Haaren eine Stuetze findet beim Sichausstrecken. Vielleicht achtet er auch die neue Beule nicht viel an seinem wettererprobten Zylinder, wenn er damit dem harten Holz einige Weiche gibt und die hohle, gefurchte Wange aufstuetzt. Ruhen wird er; er wird schlafen. An diesem schwarzen Wagen huscht die von einem Ball bei „Dalichows“ in der Dorotheenstrasse kommende Schoene aus dem Volke, der Spieler, der im Hinterzimmer eines „Italieners“ – wir meinen nicht gerade des damaligen Austern-Sala-Tarone – einen gluecklichen Wurf getan, der in der Nacht gerufene Arzt, der um Mitternacht sein Coupe nicht anspannen lassen kann, schnell und scheu vorueber. Selbst der Nachtwaechter haelt sich in der Ferne, dort, wo ein Ruf: „Waechter – !“ ihm ein Trinkgeld fuers Einlassen in ein verschlossenes Haus, dessen Schluessel an seinem klirrenden Eisenbunde haengt, sicherer einbringt, als wenn er hier Posto fasste in der duester-unheimlichen Ecke an einer Kirche, wo vielleicht damals – der junge Fournier als feuriger Kandidat in franzoesischer Sprache predigte und sich nicht traeumen liess, wie uebel spaeter einem Konsistorialrat der Wetteifer mit dem leidenschaft- lichen Pathos eines Schauspielers bekommen konnte.

Der Obdachlose war ein Dichter ohne Verleger. Er lebte in einer Zeit, wo die Journale Berlins unter Zensur standen. Ein Absatz von 500 Exemplaren war schon die allergluecklichste Chance fuer – „Belletristik“. Ein Honorar von einem Taler zahlte man fuer ein Gedicht, von fuenfzehn Silbergroschen fuer eine Reihe von Lueckenbuessern, damals „Aphorismen“, „Streckverse“, „Sternschnuppen“ oder aehnlich genannt. Ach ja, die Sterne, die hatten es dem halben Polen angetan. Er hatte sich die Sprache Schillers und Goethes angeeignet, sang Dithyramben, Oden, Bardenlieder – alles in einem Stil, der an Pindar erinnerte – seiner Unverstaendlichkeit wegen. Aber schon in jener Zeit war die Lektuere frivol. Lieber wollte man Clauren lesen, als Klopstock. Die Gebildeteren hatten gerade van der Velde. Sogar die Aesthetiker sprachen zwar von Goethe, nippten aber, wie in dem Hinterzimmer des „Italieners“ Rosoglio, so an den „Teufelselexieren“ von Hoffmann. Was war da der verkommene Traeumer, der noch bei Ossian stand und bei Jean Paul! Der einen Gedanken, der ihm aufgeblitzt bei seinem jeweiligen Erwachen in seinem dunkeln Leichenwagen ( – und wo denken wir wahrer, fuehlen wir tiefer als in der Naehe der Toten! – ) nur dadurch schlagend, zuendend, lapidar zu machen glaubte, dass er ihn immer enger und enger, immer epigrammatischer und epigrammatischer, zuletzt in zwei Zeilen draengte, wie bei Rochefoucauld und Montaigne, jedes Wort eine ganze Welt – aber – die Zeile laut Quartalsberechnung des Journals drei bis vier Pfennige!

Dieser Obdachlose hiess Orion Julius. Seine Werke stehen nicht in den Katalogen der Leihbibliotheken. Wer sich aber die Muehe geben will, in alten Jahrgaengen des „Freimuetigen“, des „Gesellschafters“ zu blaettern, der wird dort – dem naechtlichen Bewohner des Leichenwagens am Gensdarmenmarkt zuweilen begegnen.

Zum Gedaechtnis Wilhelm Haerings (Willibald Alexis‘) (1872)

Einstimmig berichtete die deutsche Presse das im Dezember vorigen Jahres zu Arnstadt in Thueringen erfolgte Ableben Wilhelm Haerings, genannt Willibald Alexis, mit dem Ausdruck der innigsten Teilnahme. Die gewandtesten dichterischen Gaben, edle menschliche Eigenschaften, ein Charakter voll Gesinnung und ein herbes tragisches Schicksal hatten die Nachrufe, ganz in der ungeteilten Hingebung, wie sie in den Blaettern erschollen, verdient.

Wenn die „Allgemeine Zeitung“, diesmal spaeter kommend als andere Organe der Oeffentlichkeit, ihren Nachruf nicht ganz in dem Ton einer blossen Trauerrede am Grabe haelt, sondern persoenlicher auf den Verstorbenen eingeht, so wolle man darin ein Bestreben erblicken, uns das Bild des Dahingegangenen recht nahe zu ruecken. Schon die Wendung dieser Nachrufe, dass der Tod den Ungluecklichen, der fast fuenfzehn Jahre in geistiger und koerperlicher Paralyse gelebt hatte, „von seinen Leiden erloeste“, ist nicht vollkommen zutreffend. Die liebevol1ste Hingebung einer erst in spaetern Jahren geheirateten Gattin, einer geborenen Englaenderin, die Pflege derselben, die an Geduld ihresgleichen suchte, diese war es, die erloest wurde. Der Gegenstand eines bewunderungswuerdigen Kultus der Liebe selbst fuehlte kaum sein Leid in ganzer Groesse. Die Stunden, die Tage, die Jahre schwanden an dem Beklagenswerten in seinem Rollsessel gleichmaessig dahin. Er glaubte, die volle Klarheit seiner Ideen zu besitzen und nur am Aussprechen derselben verhindert zu sein. Eine in Westermanns „Monatsheften“ gegebene photographische Abbildung der aeusseren Erscheinung Haerings in den Tagen seines Leidens zeigt einen lachenden Demokrit, der der Welt gegenueber sein besseres Teil gefunden zu haben scheint. In der Tat gibt das Bild den vollen Gegensatz der geistesklaren Zeit des edlen Toten, wo seine Mienen in der Regel den Ausdruck der Besorgnis, des aengstlich aufgeregten Beschaeftigtseins durch die Zeit, des baenglichen Erwartens duesterer oeffentlicher Erlebnisse trugen.

Von „Leiden erloest“? Gewiss! Aber doch noch zu modifizieren. Die ganze Sehnsucht eines an die Bedingungen Norddeutschlands gebundenen Herzens ging bei Haering auf idyllisches „Am Land“-Wohnen. In seinen jungen Jahren suchte er einen ihm innewohnenden Trieb, irdische Hilfsquellen, die ihm zu Gebote standen, zu Spekulationen und sogar im Sinn unserer heutigen neuen grossstaedtischen Gruender-Ideen zu verwenden, mit seiner Liebe zur Natur zu vereinigen. Wie mit Ironie auf seinen Namen suchte er unter den alten Eichen und in den Fischerhuetten Heringsdorfs an der Ostsee den Besuch eines poetisch gelegenen Seebades zu foerdern. Spaeter gab er seine dortige Besitzung mit ihren nur relativen Schoenheiten auf und zog sich, seiner ganzen Kraft sich noch bewusst und mit literarischen Plaenen, deren einige auch dort noch ausgefuehrt wurden, nach Arnstadt, einer ohne Zweifel – ich kenne den altberuehmten Ort nicht – reizend gelegenen Stadt, die schon manchen Dichter angezogen hat. Da erzaehlt man von Haerings anmutiger Besitzung, von seiner Liebe zur Natur selbst trotz seiner geschwaechten Geisteskraefte. Wenn die Rosen bluehten, sammelten liebliche junge Maedchen, Verwandte seiner Gattin, die sich schon entblaetternden verbluehten Blumen und bewarfen damit den im Rol1stuhl Sitzenden. Anakreon wuenschte sich solche Spiele mit der Jugend. Auch unser Dulder lachte herzlich. Ist ihm also das demokritische Antlitz der Photographie bis zuletzt geblieben, so rief ihn der Tod aus einer Welt, die er bei alledem und alledem ungern verliess. Sein Lebensende war keineswegs das seines gekroenten Widersachers in Sanssouci, der ihm einst auf eine vertrauens- volle Uebersendung eines seiner „maerkischen Romane“ oder bei einer sonstigen Annaeherung, welche Huld und Guete voraussetzte, die bekannt- gewordenen rauhen, verletzenden Worte entgegenherrschte: „Er haette sich von ihm in seiner politischen Haltung eines Bessern versehen.“ Auch Friedrich Wilhelm IV. hatte das Los, gelaehmt zu werden wie Dr. Haering. Aber jener bot ein Bild des Jammers, wenn er unter den Baeumen Sanssoucis, die den an Plaenen und Ideen ueberreichen genialen Kronprinzen einst unter sich hatten wandeln, zeichnen, malen, studieren sehen, gefahren wurde und nichts mehr von der Welt erkannte. Haering liess sich in seinem Rollsessel an seine Blumen fahren und pflegte diese.

Unsere juengere Generation macht sich das Leben eines solchen abscheidenden Charakters frueherer Tage nach aeussern Notizen leicht zurecht. Geboren den 23. Juni 1797, Studierender der Rechte, Referendar, Mystifikator des Publikums mit einer Nachahmung Walter Scotts – dann eine Zusammenfassung seiner letzten Taetigkeit, die dem „brandenburgischen Roman“ gewidmet gewesen – und der Kern scheint getroffen zu sein. Und dennoch bieten diese Momente fuer den Forscher, der dem Sein und Werden, dem Umirren und Wegeverfehlen, dem Suchen und Finden in der Literatur folgt, bei weitem nicht die genuegenden Anhaltspunkte. Man las bisher ueber Haering nur Zusammenfassungen, kurze Resuemees einer dahineilenden Zeit, die ihre Opfer der Pietaet rasch vollzieht, immer bedacht, nur bald wieder auf sich selbst zurueckzukommen.

Bei solchen Resuemees fehlt natuerlich auch das Zuviel nicht. Die „maerkischen Romane“ des dahingegangenen Vortrefflichen sind in der Tat nicht ganz so hoch zu stellen, wie sie etwa die Ankuendigung des Buchhaendlers stellt, der sie als Eigentum besitzt und sie gern „in jeder deutschen Huette eingebuergert“ sehen moechte. Diese Romane sind reich an Vorzuegen aller Art. Doch reissen sie nicht durch eine maechtige und eigentuemliche Erfindung fort. Es sind sinnig gedachte, doch nur mit reproduktiver Umstaendlichkeit langsam sich fortbewegende Kulturstudien (uebertreibend bis zu Phantasien) ueber eine Mark Brandenburg, die jetzt mit Gewalt aus einer bescheidenen Magd in eine seither verkannte Koenigin aufgeputzt werden soll. Das Toilettenstueck ist ja im vollen Gange. Haette man nicht Berechtigung, jetzt auszurufen: Wollt doch nicht Feigen lesen von den Disteln, und Trauben von den Dornen! Wollt doch nicht die alten Gesetze dessen, was schoen ist, auf den Kopf stellen! Seitdem unsere Reichstagsabgeordneten ihre Exkursionen nach Potsdam machen und erstaunt zurueckkehren, dort so herrliche Baeume, grosse Gewaesser, sogar in Berlins naechster Naehe Spuren von „Gegend“ zu finden, hat man die maerkischen Tannen- und Fichtenwaelder, diese durchsichtigen Linienregimenter, ueberaus poetisch, ja im verwehten Flugsand und dessen duerftiger Vegetation landschaftliche Stimmung finden wollen. Kauft man dann noch gar in Gruender-Compagnien diesen Sand mit Fichtenwaeldern in Masse und will Deutschland einladen, dort Huetten, d.h. Villen, zu bauen, dann zwingt in der Tat die Ausserkurssetzung des Murg- und Nero-Tals, des rauschenden Waldes um Eisenach oder Berchtesgaden zum Widerspruch – auch gegen die Uebertreibung des Poetischen, das sich in Haerings maerkischen Romanen finden soll. In allem Ernst, durch das Preisen und Aufputzen des Duerftigen, Aermlichen, Unzulaenglichen der Mark versuendigt man sich an jener Welt, die seither fuer schoen gegolten hat und deren Zaubergewalt auch dem maerkischen Romantiker Haering selbst zu oft vor die Seele trat, als dass es ihn nicht maechtig nach dem Sueden haette ziehen, zu dem Gestaendnisse zwingen sollen: „Ja in Neapel!“ Seine „Wiener Bilder“ sind eine wahre Befreiung des Gemuets vom Tifteln einer Stimmung, die sich auch in Pankow und Schoenhausen bei Berlin (ja, ja, die Eichen und Erinnerungen Schoenhausens sind schoen, und waere nur dem Park mehr Pflege zu wuenschen!) dem grossen Naturgeiste nahe fuehlen moechte. In dem frisch geschriebenen Buche, das wir nannten, wird dem deutschen Sueden, der blauen Donau, den schneebekraenzten Alpen, seinen Menschen und Sitten ihr volles Recht zuteil.

Vor sechs Jahren, bald nach den Tagen von Koeniggraetz und Nikolsburg, brachte die „Allg. Ztg.“ einen Aufsatz: „Willibald Alexis und die ‚preussische‘ Dichtung unserer Zeit.“ Der Verfasser war einer der begabtesten unserer juengern Erzaehler, Wilhelm Jensen. Dieser, selbst aus Deutschlands nordischer Mark, aus den Herzogtuemern, gebuertig, glaubte mit seinem beredten Fuerwort einen Beitrag zu geben zur Annaeherung zwischen deutschem Sued und Nord. Der Streit, welcher in der Familie gefuehrt worden waere, hiess es, muesste auch in der Familie geschlichtet werden. „Wenn ein Dichter oder irgendein Mann der Gegenwart es vermag, die Abneigung auszutilgen, welche sich des deutschen Suedens gegen den Norden, gegen Preussen und vor allem gegen dasjenige, was man sich gewoehnt hat, als den Kern und Typus dieses Volkes anzusehen, gegen die Mark Brandenburg und ihre Hauptstadt bemaechtigt hat, so ist es Willibald Alexis.“ Der junge Nordlandssohn fordert Sueddeutschland auf, an diese Quelle der Versoehnung, „die Werke des Hrn. G. W. Haering“, sich zu begeben. Scherenberg, setzt er hinzu, Hesekiel, Fontane (Namen, die seit Jahren die Ansprueche auch der „Kreuzzeitung“ auf den Parnass vertreten) reihen sich dann bei dem Vermittler an den Hauptvertreter der geistigen Versoehnung an, welchem der vielleicht feurigste Mund, der sich je ueber einen noch lebenden Autor ergangen hat, Opfer der Anerkennung bringt, die in der Tat den Leser fortzureissen vermoegen, weil der frische Geist der Huldigung Satz fuer Satz zu gleicher Zeit Behauptungen aufstellt, die frappieren, zum Nachdenken reizen, zuweilen als unhaltbar, oft aber als treffend erscheinen duerfen und somit zuletzt den Leser in einen Strudel von Herrlichkeiten fortreissen, die er alle in Willibald Alexis‘ Romanen finden soll….

Das Wahre daran sei dahingestellt. Soviel steht fest, Haerings, des ungluecklichen Mannes, dem wir das innigste Andenken bewahren, Entwicklung ging nicht mit so ausgedehnten Schwingen, nicht mit solchen Adlerfluegeln. Niedrig war der Strich seines Fluges niemals. Niemals – um ebenfalls maerkisch zu reden – glich er dem Kiebitz, der bald links, bald rechts die Beine verschraenkend am Meeresstrande dahinstreicht. Nein, was konnte an sich kuehner sein, als ein Erstlingswerk mit dem Namen Walter Scotts einzufuehren? Eine Tat, die man damals als Eulenspiege1streich belachte. Jetzt hat uns die „Kritik des gesunden Menschenverstandes“ so gewissensstreng gemacht, dass wir in der Wiederholung eines solchen alten Literaturspasses einen bedenklichen Kasus verletzter Moral – „Zuchtlosigkeit“ sagten ja wohl die alten „Grenzboten“ – erblicken wuerden! Aber der belletristische Trieb des jungen Exreferendars tastete lange bald nach diesem, bald jenem Gebiete hin, folgte allerlei Impulsen, kuenstlich gepflegten Neigungen. Seine Natur liess nichts frei aus einem uebervollen Innern hervorstroemen. Selbst die Chronik der Buehnen Berlins weist einige dramatische Anlaeufe auf, die schnell wieder aufgegeben wurden. Die „Allg. Ztg.“ bucht einmal die Ereignisse. So darf sie auch die Zeiten nicht ueberspringen und die Tage nicht vergessen, wo Haering noch zu den Unentschlossenen gehoerte, wo Ludwig Boerne jenen mit gutem Essig und gutem Oel (beim Salat will das alles sagen) angerichteten „Haerings-Salat“ schrieb, Erinnerungen an die Zeit, wo Wilhelm Haering und Ludwig Robert, damals zensurgemaesse Belletristen der Restaurationsperiode, den zum Besuch nach Berlin gekommenen Frankfurter Humoristen, der einen allbewunderten Aufsatz ueber die Sontag geschrieben hatte, durch die Strassen und Gesellschaften Berlins fuehrten, worauf bei jeder Vorstellung eines eilends vorueberschiessenden Bekannten regelmaessig derselbe Dialog hervorgebracht wurde. Vorstellung: „Hofrat! Boerne!“ Verwunderung und Entzuecken: „Boerne? Sontag? Goettlich!“ Es war die Zeit nach der Julirevolution, wo so mancher in Liberalismus gar so weise und vorsichtig machte und nur den Anschauungen des Polizeistaates verfiel. In jenen Tagen bot besonders die Haltung einer grossen Leipziger Buchhandlung mit ihren einflussreichen Blaettern und Sammelwerken, die im literarischen Verkehr wenigstens Nord- und Mitteldeutschlands entschieden den Ton angaben, den Mittelpunkt fuer eine Richtung, der sich auch Haering allzu eng anschloss. Die junge aufstrebende Bewegung der Geister innerhalb der schoenen Literatur, dann die sich vorzugsweise aus dem Universitaetsleben entwickelnde philosophische Kritik wurden von dorther bekaempft. Aus jener Zeit stammt der „Neue Pitaval“, wo schon der Name des Mitherausgebers, Kriminaldirektors Hitzig, auf diejenige Berliner Sphaere schliessen laesst, wo man freisinnig am Teetisch war, im Buero aber tat, was die Obern wollten.

Und auch darin irren sich unsere schnell zusammenfassenden, nur aus dem Konversationslexikon orientierten Nekrologe, dass sie schon von „grossen Erfolgen“ z.B. des „Cabanis“ sprechen. Nein, unser wackerer Freund hat sich redlich muehen, gegen eine „See von Plagen“ und „die Pfeile des Geschicks“ ruesten muessen. Ein junger Verleger namens Fincke wollte das Manuskript des „Cabanis“ durchaus in sechs Teilen bringen. Da musste der letzte und vorletzte Band jeder kaum 100 Seiten betragen! Diese unglueckliche Idee, die ein warmes, spannendes Interesse bei einem sprunghaft, abgerissen gearbeiteten Werk nicht aufkommen liess, wurde nur durch eine fuer jene Zeit des bedruckten Loeschpapiers ueberraschend geschmackvolle Ausstattung einigermassen wiedergutgemacht. Missmutig ueber die Art, wie sich die Buchhaendler zu den Autoren zu stellen pflegen, begruendete Haering selbst eine Buchhandlung. Die Operationen seines Kapitals deckte ein anderer Name. Auch hier traten Misserfolge, Bekuemmernisse, Verwicklungen aller Art ein. Die Hoffnung auf eine Wuerdigung seiner maerkischen Romane, die zunaechst durch Haerings maechtig pulsierendes Heimatgefuehl und vielleicht auch durch Nachahmung des vielgepriesenen Kleistschen „Kohlhaas“ hervorgerufen wurden, betrog ihn nur innerhalb Berlins nicht. Nach aussen hin fand sich kein Interesse. Nur die „Inexpressibles“ des Hrn. v. Bredow belustigten….

Das Jahr 1848 ueberraschte unsern rastlos taetigen, immer geistesfrischen Wilhelm Haering in Italien. Eine Stellung, die er zur „Vossischen Zeitung“ antrat, fuehrte ihn rasch in die richtige Strasse der Bewegung, bewahrte ihn vor unklarem Waehlen und Handeln in Tagen, wo so viel geirrt, so viel bereut worden ist. Diesem Entschluss, einem viel gelesenen Blatte seinen emsigen Fleiss, seine gewandte Federfuehrung, sein reiches Wissen auf allen Gebieten nutzbar zu machen, widmete er sich mit voller Hingebung. Er tat es mit befreitem, von Vorurteilen erloestem Sinn. So vieles, worauf auch er in den vormaerzlichen Tagen noch Nachdruck gelegt hatte, war ja vergessen. Alles Mehr oder Minder, alles So oder So hatte neuen, groesseren Geschenken des Jahrhunderts Platz gemacht. Jene vormaerzliche Annaeherung an einen Fuersten, von welchem er Anerkennung seiner patriotischen Vorliebe fuer maerkische Doerfer, Sandwege mit einsam frierenden Halmen, Tannenwaelder mit Eichhoernchen und gewissen wie schon gedoerrt auf die Welt kommenden Blueten, speziell maerkischen Rispengattungen (ich charakterisiere eine Naturbetrachtung, die uns mit Adalbert Stifter im Salzkammergut entzuecken, zwischen „Schierke und Elend“ nur zur Verzweiflung bringen kann) – diese Annaeherung konnte ihm keine Demuetigung, keine oeffentlich auferlegte Kraenkung mehr bringen. In den vormaerzlichen Tagen besuchte ich ihn in Berlin. Wie leise hauchte er jedes Wort! Wie spionenhaft belauscht fuehlte sich all sein Tun! Ganz in Varnhagens Weise spuerte er ueberall Ungewitter und Heimliches in der Luft. Dieser Druck war endlich gefallen und die schoenste Frucht der Erhebung durch die Zeit wurde Haerings bester Roman: „Ruhe ist die erste Buergerpflicht.“ In diesem ausgezeichneten Gemaelde hatte man nichts von den weglosen Laengen seiner maerkischen Walter Scottiaden, von den langen Konversationen nicht mithandelnder Personen, von den gewissen Theater-Reminiszenzen in den Situationen und Charakteren. Hier waren die historisch erwiesenen Persoenlichkeiten wie im Portraitstil gehalten. Haugwitz, Lucchesini, die Pioniere des preussischen Unterganges, traten so greifbar und in so spannend verbundenen Situationen vor unser Auge, dass uns noch jetzt, jedesmal wenn die Droschke gemuetlich durch die Linden- oder Bruederstrasse schlendert, die in den historischen Haeusern derselben (wenn sie nicht schon demoliert sind) spielenden Begebenheiten dieses Romans einfallen. Preussen war durch Olmuetz auf die abschuessige Seite der schiefen Ebene geraten. Ueber dem ganzen Gemaelde lag das bange Vorgefuehl neuer verhaengnisvoller Stuerme, die fuer das damals von Manteuffel regierte Preussen heraufziehen muessten….

Lyrisches aus dem Zeitungsviertel (1873)

… Fuer die bedeutendsten neuern Erscheinungen auf dem Gebiete der gebundenen Rede gelten jetzt Hamerling und Scheffel, jener unter oesterreichischen, dieser unter rheinischen Voraussetzungen – wozu die dem norddeutschen Ohr unertraeglichen falschen Reime (reiten und leiden) gehoeren. Eingefuehrt sind hier beide – dieser durch Studenten, die in Heidelberg studierten; jener durch Wienerinnen, die sich hieher verheirateten. Schule, Salon, Konversation und Journalistik haben wenig zu ihrer Verbreitung getan, und noch jetzt wuerde der gebildete Kalkulator (Rechnungsrat), der einen gefuehlvollen Sonntagmorgenspaziergang im Tiergarten unternimmt, seine Stimmung ganz durch den Dichter Ferrand befriedigt fuehlen, der vor 30 Jahren in Berlin fuer einen klassischen galt. Die Berliner Poeten, die sich spaeter auf einem traurig untergegangenen Schiffe „Argo“ versammelten, sind teils aus dem Leben geschieden, teils in andere Winde zerstreut oder an andere Berufszweige, z.B. Theaterkritiken zu schreiben, uebergegangen. Wir kommen hiebei, ohne diese Metamorphose heute naeher zu besprechen, der „Vossischen Zeitung“ sehr nahe, und nehmen vom Buechertisch ein in Goldschnitt gebundenes zierliches Baendchen: „Gedichte von Hermann Kletke.“ (Berlin, Schroeder 1873).

Wie ein Redakteur en Chef, der sechsmal in der Woche eine Zeitungsnummer mit zuweilen 10 eng gedruckten Beilagen zu beschaffen hat, der von hundert Gesuchen, Reklamationen, selbst Erwaegungen technischer Schwierigkeiten mit dem Umbrecher (metteur en pages) stuendlich in Anspruch genommen wird, noch Stimmung gewinnen und diese erhalten kann, sich der lyrischen Muse zu widmen, begreift sich nur aus dem Gesetz der Kontraste und dem selbst fuer das politische Gebiet zum Rechnungtragen, zur Ruecksichtnahme, zur Maessigung gestimmten weichen Naturell des hier in Frage stehenden Dichters selbst. Die heilige Nacht, die, ach! manchem politischen Redakteur (gluecklich, wer um 9 Uhr abschliessen darf!) allein zur Erholung uebrig bleibt, spielt denn auch in Verbindung mit dem Mond und den Sternen, dem Brunnengeplaetscher, den Waechtern usw. in den wohlgeformten, nur etwas zu epigrammatisch kurz gehaltenen Gedichten Kletkes eine hervorragende Rolle. Im Gefolge der Nacht gehen Traum, Tod, Jenseits, die vollkommenen Gegensaetze des Leitartikels, der uns des Morgens beim Kaffee an die Gegenwart fesselt. Fuer jede „Ente“, die unser Dichter in seiner Zeitung wider Willen hat schwimmen lassen muessen, rudert hier ein Schwan. Die Schwaene, die Blumen, die Nachen, die Sonne und besonders das sonst den Lyrikern wenig zustroemende Gold, der ganze Apparat der deutschen Lyrik, sind vom Dichter umgesetzt in Situationen anziehender Art, das Gold in Abendroeten, ins Gluehen der Maedchenwange, in den Wellenspiegel des Sees, auch in die Tiefen eines gepriesenen edlen Charakters. Kurz, es gibt sich ein in dieser nihilistischen Zeit, und zumal auf dem Gebiete der Publizistik, in der Tat seltenes, kindlich reines, weihevolles Leben in diesen Gedichten kund. Und keineswegs ist es ein Leben nach der Richtschnur ueberlieferter Traditionen. Selbst den Greis ergreift noch der Reiz des Schoenen, die maechtig wieder auflebende Erinnerung, der Ton geht zuweilen in die dem Saturn trotzende Weise des Hafis ueber – aber bald (und vielleicht zu oft fuer diese immer gleiche Pointe) naht Sturm, oder bricht Nacht herein, oder pocht der Tod an die Tuer und macht so dem vorgefuehrten Bild ein Ende. Wenn wir ferner als tadelndes Wort noch von einer gewissen zuweit getriebenen Knappheit der Form sprechen, so ist allerdings damit zunaechst ein Lob ausgesprochen, das des Entferntseins jeder phrasenhaften Prolixitaet; aber doch ist die Uebertragung der stuendlichen Parole, die ein Redakteur en Chef im Munde fuehren muss: „Nur kurz! Nur kurz!“ auf den lyrischen Mitteilungsdrang bedenklich. Bei Gedichten ist der Rotstift nicht angebracht. Es ist diesen zarten Eingebungen schaedlich, wenn man sie zweimal lesen muss, um sie zu verstehen, wie die weiland Gubitzschen Rezensionen in der „Vossischen Zeitung“. In der Tat sind viele der Kletkeschen Gedichte so kompress in der Form gehalten, so zugleich von irgendeinem zufaelligen, dem Leser nicht sofort gelaeufigen Umstande veranlasst, dass es ein laengeres Verweilen kostet, eine Vertiefung in die gebrauchten Bilder, um in die Konstruktionen und ihren Sinn einzudringen. Am ungezwungensten bewegt sich des Dichters Humor. Im Scherz, angeregt von Vorkommnissen des taeglichen Lebens, besonders der Familie, fliesst die dichterische Sprache mit kristallner Klarheit voll und maechtig. Den Gesellschaftsliedern laesst sich unmittelbare Sangbarkeit und vor allem Geschmack nachruehmen. Letzterer wird doch wohl bei den Trinkliedern unserer Zeit nicht immer eingehalten? Man glaubt jetzt manches derartige, das dem Jahrhundert besonders zu gefallen scheint, nur fuer eine Tafelrunde geroeteter Nasen bestimmt.

Louise Muehlbach und die moderne Romanindustrie (1873)

Heute ist Auktion des Louise Muehlbachschen Nachlasses! Nicht ihrer Manuskripte – denn diese gingen mit noch nicht getrockneter Tinte sofort in die Druckereien – sondern ihrer Moebel, Teppiche, Vorhaenge, Penduelen, Gemaelde, Vasen und der aegyptischen Andenken, die alle in einer Etage der Potsdamer Strasse charakteristisch gruppiert standen! Hoffentlich hat die enthusiastische Ueberschaetzung, die der so ploetzlich der Welt Entrueckten jenseits des Ozeans zuteil wurde, ein reiches Kontingent von amerikanischen Steigerern herbeigefuehrt, das auch fuer eine alte Stahlfeder, die von ihr gebraucht wurde, fuenfzig Dollars zu zahlen bereit ist! Denn ganz Berlin ist erstaunt ueber die Zerruettung der Louise Muehlbachschen Vermoegensverhaeltnisse! Die Verstorbene hatte die glaenzendsten Honorare bezogen. Sie soll vom Khedive aussergewoehnliche Geldspenden erhalten haben. Sie gab Diners und Soupers von lukullischer Fuelle. Sie reiste ohne die mindeste Einschraenkung wie eine Fuerstin. Bei alledem soll fuer ihre noch unversorgte Tochter nichts als eine Schuldenlast vorhanden sein, wodurch die Bedauernswerte vielleicht genoetigt sein duerfte, die Erbschaft nur „unter der Wohltat des Inventars“ anzutreten.

Mitten aus angefangenen Romanen, die des Morgens gegen 10 Uhr einer Stenographin zwei bis drei Stunden lang diktiert wurden, ist die merkwuerdige Frau durch den Tod abgefordert worden, den unerbittlichen Tod, den sie durch kein Zeichen ihres Lebens und Verhaltens als auch fuer sie schon herannahend geahnt hatte. Wenn es vol1staendig „diesseitige“ Menschen gibt, Individuen, fuer die man sich im Jenseits, falls man nicht mit den alten Aegyptern an die Seelenwanderung glauben wollte, nirgends eine passende Unterkunft und Anknuepfung denken kann, so sind dies die reinen Lebens- und Genussnaturen. Louise Muehlbach war eine solche. Sie war die ewig Unerschrockene, immer Mutige, immer auf der Bresche Stehende. Imperterrita haette sie irgendein Romantiker der Spanier in einem Drama genannt, das sich vielleicht aus ihrem fruehern romantischen Leben selbst haette formen lassen. Ihren Freunden wird der resolute, mutige, keine Gefahr oder Anstrengung scheuende, etwas breit-mecklenburgische Klang ihrer Stimme unvergesslich bleiben. Keine Niederlage drueckte sie zu Boden. Die freudigste Zuversicht, Siegesgewissheit, Trotz bei jedem Unternehmen lag in ihren Zuegen, in ihren Worten. Widersprachen die Tatsachen, so hatte sie der Auswege so viele wie ein Feldherr, der nach einer verlornen Schlacht doch noch seinen Rueckzug imposant zu maskieren versteht.

Auf den „Berliner Buechertisch“ koennte nur ihr letztes, von Fluechtigkeiten wimmelndes Werk „Kaiser Wilhelm und seine Helden“ gehoeren, verlegt von einer hiesigen Buchhandlung (Werner Grosse), die nur einen massenhaften Absatz in den mittlern und untern Regionen anstrebt. Es war eine schon von ihren zerruetteten Finanzen herstammende Unsitte, dass sich die in den Stoffen bedraengte Frau, die durchaus ihre alten Erfolge wieder erobern wollte, an lebende maechtige Persoenlichkeiten anschloss, schon den Erzherzog Johann von Oesterreich als Romanstoff verarbeitete, waehrend der ehemalige Reichsverweser noch ruhig auf seinem Schloss in Steiermark sass, an Napoleon schrieb (siehe die „Enthuellungen aus den Tuilerien“), weil sie Hortense und die napoleonische Romantik verherrlichen, auch a tout prix an den Feierlichkeiten bei Einweihung des Suezkanals beteiligt sein wollte usw. Die Unsitte der „Aktualitaet“ ist jetzt durch den ehemaligen Welfenagitator Meding, genannt Samarow, so weit gediehen, dass wir Romane zu lesen bekommen, wo in einer Szene Lasker mit Bismarck ueber einen Kompromiss unterhandelt, Herr v. Keudell dabei eine Zigarre raucht und Lothar Bucher, ans Fenster gelehnt, scheinbar gleichgueltig eine englische Zeitung liest. Die Poesielosigkeit, die Unbildung, das Yankeetum unseres Zeitalters sind die Befoerderer dieses ans Kindische streifenden Missbrauchs einer raschen und gewandten Feder geworden, die sogar nicht mehr angesetzt wird. Die Phantasie, die nur den Bogen fuellen will, bedient sich der Stenographie. Yankeetum nennen wir hier jene fast an den Urzustand von Wilden erinnernde masslose Schausucht, die gierig durch die Masse sich mit eingestemmten Armen Bahn bricht und alles anstaunt, alles belorgnettiert, alles im Bild anschaulich gemacht sehen will, Hinrichtungen, Schreckensvorfaelle, Weltausstellungsspektakel usw. Ganz Nordamerika leidet an diesem Sensationsfieber, waehrend sich doch Europa, nach einigen Aufregungen, laengst, wenigstens in den Kreisen der Bildung, beruhigt hat. Sollte man glauben, dass ein New-Yorker Blatt Louise Muehlbach nicht bloss nach Wien, sondern auch nach Ems schickte, um dort das diesjaehrige (so stille, friedliche, von nicht der mindesten „Sensation“ begleitete) Erscheinen des Kaisers an der Kraehnchen-Quelle zu beobachten und zu beschreiben! Sie flog von Wien nach Ems, machte dann selbst in Marienbad eine Kur, erkaeltete sich, legte sich in Berlin ohne die mindeste Ahnung ihres gefahrvollen Zustandes ins Bett und ist im bewusstlosen Zustande, ohne Schmerzgefuehl, aus dem Leben geschieden. Als man ihre Leiche neben meinem alten Kampfgenossen Theodor Mundt in die Grube senkte und manchem des wuerdigen Sydow Sargweihe-Rede als zu herb noch im Ohre klang, haette ich, wenn hier Laien-Grabreden Sitte waeren, dem Thema: „Richtet nicht – !“ erwidern moegen: Auch diese Prunk- und Prahlsucht, die du zu verurteilen scheinst – forsche nur nach, Priester! – , es lag ihr bloss die weibliche Liebe zugrunde! Liebe zuerst zu ihrem Gatten, der ihr bedeutender, anerkennenswerter erschien, als ihn die schulmaessige Wissenschaft Berlins wollte aufkommen lassen, oder diejenige Berliner Anerkennung, der man nur mit Titeln und Orden imponieren kann! Die Liebe war es, die auch allmaehlich die mephistophelische, satirische, ja zynisch verbitterte Verachtung der Welt annahm, die sich allmaehlich des Gatten und zurueckgesetzten Professors bemaechtigt hatte! Liebe, Liebe allein liess den Schein entstehen, als wenn die moderne Literatur mit dem Adel, mit der Kaufmannswelt, mit den tausend Anmassungen und hochgetragenen Nasen der Anmassung ringsum rivalisieren koennte! Es ist ein alter Satz, den George Sand nur wiederholt hat, wenn man ihn als von ihr herruehrend anfuehrt, dass unsere Fehler die Uebertreibungen unserer Tugenden sind. Dies auf das allerdings erschreckende Systeme de bascule angewandt, wie Louise Muehlbach verstanden hat, sich bei den bekannten Lieferanten von Luxus- und Genussgegenstaenden einen Kredit von Tausenden zu machen und zu erhalten, gibt einen Einblick in die Stufenfolge der Entwicklung der Charaktere. Die Verschwendung dieser Frau war nicht ganz die Folge der persoenlichen Eitelkeit, sondern eine Folge des Widerstandes, den der erlaubte Ehrgeiz geistig Schaffender der breitspurigen, vom Gluecke beguenstigten Alltagswelt leisten moechte. „Erlaubt“ – ? sagte ich von ihrem Ehrgeiz? Nun, in Bezug auf „Friedrich der Grosse und die Seinen“ und „Kaiser Joseph“ moechten wir in unsers Helmerding so koestlich vorgetragenes Couplet mit dem Refrain: „Dazu gehoert wahrhaftig doch Talent!“ mit einstimmen.

In fast allen Berichten ueber die Gegenwartsliteratur findet man den Satz aufgestellt: dass der eigentliche poetische Ausdruck der Zeit der Roman sei. Besonders bei Einleitungen zu einer Besprechung ueber einen neu erschienenen Roman von N. N. begegnet man regelmaessig diesem Axiom von fragwuerdiger Tragweite. Haette der betreffende Autor, dessen Zeltkamerad und wahrscheinlicher taeglicher Zigarrenkastengenosse der Rezensent zu sein pflegt, zufaellig ein Drama als epochemachend zu bezeichnen, so wuerde ihm niemand, der die Unzahl der ueberall erstehenden Theater erwaegt und das trotz der „Krachs“ wieder beginnende Billet-Rennen, widersprechen koennen. Aber genau erwogen ist jener Satz weder fuer den Roman noch fuer die Buehne erweislich. Wenn z.B. heute ein origineller, aus Kunst und Naivitaet geschaffener Geist wie Robert Burns der deutschen Literatur, die aehnliches nur in den Ansaetzen einiger verschollener „Naturdichter“ besitzt, geschenkt werden koennte, warum sollte er nicht in den Vordergrund treten und wieder auch fuer die Berechtigung der Lyrik zeugen koennen! Von einem Hindurchgehenmuessen des aesthetischen Begriffs, wie Carriere sagen wuerde, in „welthistorischer Entwicklung“, ausschliesslich durch den Roman, scheint mir gar keine Rede. Macht gute Dramen, und alle Welt wird davon erfuellt sein! Macht ein „reizendes“ Epos (ich spreche berlinisch), und es wird auf jedem Toilettentisch liegen!

Schon deshalb muss man jenen Einleitungssatz zu den Rezensionen ueber die Romane von N.N. und N.N. ablehnen, weil die Ablagerung der schriftstellerischen Impotenz im Roman eine Ausdehnung angenommen hat, die schreckenerregend ist. Junge Maedchen ohne jede Lebenserfahrung, nur von den Reminiszenzen ihrer Lektuere erfuellt, haeufen Bogen auf Bogen und finden Gelegenheit, ihre Konvolute drucken zu lassen. Frauen „erfinden“ – man kann wohl nach dem Sprichwort sagen: „auf Teufelholen“ – Geschichten von geraubten Kindern, unterdrueckten Testamenten, Brandstiftungen, Nichtanerkennungen illegitimer Kinder, Eindringlingen, die sich, nachdem sie das Herz einer Graefin gewonnen haben, als Galeerensklaven entpuppen, oder sie nehmen Geschichtsstoffe, die in einer Weise zusammengeknetet werden, die den Melangen der Kuechenrezepte entspricht. Gewisse Memoiren-Exzerpenten, die jahrein jahraus ihre 8-9 Baende zusammenbringen, die dann vorher schon in der Unzahl unserer illustrierten Blaetter verwertet worden waren, schreiben mit umso groesserem Vertrauen, als sie nur von Menschen gelesen oder als langweilig beiseite gelegt werden, die nicht wieder schreiben. Kritik existiert fuer diese Buchmacherei nicht. Wer soll sie ueben, wer soll sie lesen, durchblaettern, als hoechstens ein auf massenhaftes „Abtun“ angewiesener Rezensent in den „Blaettern fuer literarische Unterhaltung“? Nur die Reklame haelt sie, worunter nicht die Anzeige „unterm Strich“ zu verstehen ist, sondern die den obern Zeilen ebenbuertige redaktionelle Meinungsaeusserung, in der Regel ein vom Autor oder von dem Verleger selbst besorgtes Referat, das jeden Tadel ausschliesst. Die Redaktionen der meisten hiesigen Zeitungen sind froh, wenn sie nur irgendwie die Buecherstoesse, die sich bei ihnen namentlich gegen Weihnachten aufhaeufen, in solcher Art erledigen koennen.

 

 

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