Auf dem Wege zu Kinkels Befreiung.

Es ist später erzählt worden, ich habe damals Deutschland in einer mich unkenntlich machenden Verkleidung durchreist. Dies war keineswegs der Fall. Ich suchte und fand meine Sicherheit darin, daß ich in der Gestalt erschien, die mir natürlich war, und daß ich mich in Gesellschaft anderer Menschen möglichst unbefangen bewegen konnte. Freilich zeigte ich mich nicht mehr als nötig war, und vermied es, die Aufmerksamkeit anderer auf mich zu ziehen. So durchfuhr ich von Basel aus das Großherzogtum Baden an Rastatt vorbei, dessen Schloßturm, auf dem ich so manche Stunde verbracht, ich von dem Fenster meines Eisenbahnwagens sehen konnte. Meine erste Reisestation war Frankfurt, wo mehrere der von dem Vorstand unseres Klubs in Zürich bezeichneten Vertrauenspersonen wohnten. Diese besuchte ich, ließ mir von ihnen Aufschluß über den Stand der Dinge in diesem Teile von Deutschland geben und berichtete das Gehörte meinen Auftraggebern in der Schweiz. Überhaupt führte ich die mir von diesen gegebenen Instruktionen getreulich aus, und es gelang mir, den Eindruck in bezug auf den Zweck meiner Reise, den ich in Zürich zurückgelassen, so vollständig aufrecht zu erhalten. So besuchte ich denn eine Reihe von Städten, Wiesbaden, Kreuznach, Birkenfeld, Trier, wo ich Gesinnungsgenossen fand und neue Verbindungen anknüpfte. Überall gab es noch Leute, die hofften, durch Geheimbünde eine neue revolutionäre Umwälzung herbeiführen zu können. Es ist dies eine gewöhnliche Nachwehe fehlgeschlagener Volkserhebungen. Ich reiste die Mosel hinunter nach Koblenz, wo ich mich des Tages über still hielt, um von dort die Nachtpostkutsche nach Bonn zu nehmen. Alles dies gelang mir, ohne daß ich durch ein zufälliges Zusammentreffen mit andersgesinnten Bekannten in Gefahr gekommen wäre. Wie ich mich meiner Heimat näherte, fing meine Fahrt jedoch an, bedenklicher zu werden. Gegen zwei Uhr morgens kam ich in Godesberg an, wo ich die Postkutsche verließ. Dann machte ich den Rest des Weges nach Bonn zu Fuß. Wie schon erwähnt, lag das Haus meiner Eltern außerhalb der Stadt auf der Koblenzer Straße. Ich erreichte es gegen drei Uhr morgens. Zufällig besaß ich den Hausschlüssel noch, den ich als Student gebraucht hatte, und der eine Hintertür öffnete. So gelangte ich in das Haus und stand plötzlich in dem Schlafzimmer meiner Eltern. Sie schliefen beide tief. Nachdem ich eine Weile still auf einem Stuhl gesessen, und als schon das Frühlicht durch das Fenster dämmerte, weckte ich sie. Ihr Erstaunen, mich zu sehen, war unbeschreiblich. Einige Augenblicke konnten sie sich nur schwer überzeugen, daß ich es auch wirklich sei. Dann ging ihre Überraschung in die lebhafteste Freude über. Meine Mutter fand, daß ich zwar etwas ermüdet, aber sonst doch vortrefflich aussah, und wollte sogleich für ein Frühstück sorgen. Nachdem ich über mein Kommen die notdürftigste Auskunft gegeben, wollte mein Vater, der unmäßig stolz auf mich war, von mir wissen, wen ich denn im Laufe des Tages sehen möchte. Ich hatte Mühe, ihn zu überzeugen, daß vor allem meine Gegenwart mit der größten Sorgfalt geheim gehalten werden müsse, und daß ich daher mit niemandem als den allervertrautesten und zuverlässigsten Personen in Berührung kommen dürfe.

Glücklicherweise traf es sich, daß Frau Johanna Kinkel an demselben Morgen, wie sie das oft zu tun pflegte, meine Eltern besuchte, und ich konnte mit ihr ein Gespräch unter vier Augen haben. Ich sagte ihr, daß ich bereit sei, mich der Befreiung Kinkels zu widmen, wenn sie das Unternehmen ganz in meine Hände legen, sich niemandem anders darüber anvertrauen, niemandem meinen Namen nennen und von mir nicht mehr Berichte über den Fortgang des Unternehmens verlangen wolle, als ich ihr freiwillig geben werde. Mit rührender Begeisterung dankte sie mir für meine Freundschaft und versprach alles. Nachdem wir uns darüber verständigt, was vorläufig zu tun und zu unterlassen sei, gab ich ihr das in Zürich von mir erfundene Rezept einer „Zaubertinte“, mit welcher wir die Korrespondenz, die zwischen uns nötig sein möchte, führen konnten. Es war eine chemische Lösung, mit der man ein Blatt Papier beschrieb, ohne daß die Schrift sichtbar wurde. Dann wurde ein Brief, unverfängliche Dinge enthaltend, mit gewöhnlicher Tinte darüber geschrieben. Der Empfänger trug dann mit einem Pinsel oder Schwamm eine andere chemische Lösung auf das Papier, die das mit gewöhnlicher Tinte Geschriebene verschwinden machte. Darauf wurde das Blatt am Ofen oder einer Lampe erwärmt, worauf die mit der „Zaubertinte“ geschriebene Mitteilung leserlich erschien. Kinkels ältester Sohn, Gottfried, damals ein kleiner Knabe, erzählte später, daß er gesehen, wie seine Mutter dann und wann Blätter Papier gewaschen und am Ofen oder über dem Lampenschirm getrocknet habe. Das waren meine Briefe.

Nachdem ich Frau Johanna gesehen, war mein wichtigstes Geschäft in Bonn beendigt, und ich konnte mich einige Tage oder so lange, als ich hoffen durfte, unentdeckt zu bleiben, der Freude des Zusammenseins mit den Meinigen hingeben. Einige meiner vertrautesten Freunde unter den Studenten sah ich in der Wohnung eines von ihnen und traf dort auch einen jungen Mediziner, Abraham Jacobi, einen eifrigen Gesinnungsgenossen, der sich in Amerika im späteren Leben einen so bedeutenden Namen als Arzt und medizinischer Schriftsteller gewann, daß ihm, obgleich er politisch geächtet gewesen, die seltene Ehre eines Rufes an die Berliner Universität zuteil wurde. Seine Freundschaft habe ich bis zu dem Augenblicke, da ich dieses schreibe, beständig genossen und immer höher schätzen lernen. In der Dunkelheit der Nacht ging ich auch ein paarmal aus, um meine gewohnten Wege noch einmal zu betreten; und auf einer solchen nächtlichen Gespensterfahrt konnte ich es nicht unterlassen, auch an Bettys Fenster vorüberzuwandern, um vielleicht einen Lichtschein zu erhaschen, der durch die Läden fallen möchte. Es war jedoch alles dunkel. Am nächsten Morgen aber empfing ich mehr als einen nächtlichen Lichtschein. Einer meiner besten Freunde, der auch Betty kannte, kam zum Hause meiner Eltern und brachte mir einen Blumenstrauß. „Diesen Strauß“, sagte er, „schickt Dir ein Mädchen, dem ich mit voller Sicherheit sagen durfte, daß Du hier seiest.“ Ich wurde über und über rot, als ich die Blumen annahm und meinen Dank aussprach. Weitere Fragen scheute ich mich zu stellen; ich zweifelte nicht, wer die Geberin war.

Nach wenigen Tagen waren so viele Freunde von meiner Anwesenheit unterrichtet worden, und die Gefahr, durch eine zufällige Unterhaltung zwischen ihnen verraten zu werden, trat mir so nahe, daß ich es für nötig hielt, von Bonn zu verschwinden. Auf meinen Wunsch kam mein Vetter Heribert Jüssen, derselbe, dessen Paß und Namen ich führte, mit seinem Fuhrwerk nach Bonn herüber, um mich während der Nacht nach Köln zu bringen. Der Abschied von meinen Eltern und Geschwistern war hart, aber sie sahen mich doch guten Mutes von dannen ziehen. Ich ließ sie wie meine Freunde in der Schweiz, in dem Glauben, daß ich ausschließlich im Auftrage des Züricher Komitees in Deutschland sei. Doch hatten wir oft über Kinkels entsetzliches Schicksal gesprochen, und meine Eltern hatten wiederholt und nachdrücklich den Wunsch geäußert, es möge sich doch jemand dazu finden, einen Rettungsversuch zu unternehmen. Obgleich sie dabei wahrscheinlich nicht an mich dachten, so hielt ich mich doch überzeugt, daß sie meinen Entschluß billigen würden. Aber wie gern ich es auch getan hätte, ich teilte ihnen nichts davon mit, da ich das tiefste Geheimnis für eine Bedingung des Gelingens ansah. So wußte denn, als ich Bonn verließ, niemand von meinem Vorsatz als Frau Johanna Kinkel selbst.

In Köln wurde ich im obersten Stock einer Restauration, die von einem eifrigen Demokraten geführt wurde, bequem und sicher einquartiert. Mein Freund, „der rote Becker“, Redakteur der demokratischen Zeitung, war dort mein besonderer Beschützer und Vertrauter. Ich hatte ihn auf der Universität kennen lernen. Er war zwar nicht mehr Student; seine juristischen Examina hatte er längst hinter sich, aber er liebte es noch immer, als „bemoostes Haupt“, oder als angehender „alter Herr“, mit seiner ehemaligen Burschenschaft, der Alemannia, in studentischer Weise zu verkehren. Und niemand besaß einen lustigeren Humor und eine unverwüstlichere Ausdauer beim Gelage. Jeder kannte und liebte ihn. Seinen Spitznamen „der rote Becker“ hatte er der Eigentümlichkeit seiner Erscheinung zu verdanken. Er hatte dünnes goldrotes Haar und einen dünnen goldroten Vollbart. Dazu waren seine Augenlider chronisch entzündet, so daß die Augen rot eingefaßt schienen. Nicht allein seine liebenswürdige Gemütsart und sein sprudelnder Witz, sondern auch sein scharfer, kritischer Geist und seine umfassenden Kenntnisse machten ihn zu einem höchst angenehmen und sehr gesuchten Gesellschafter. Doch würde man damals schwerlich vorausgesetzt haben, daß dieser lustige Kumpan, dem ein wochenlanges „Bummeln“ mit seiner alten Burschenschaft noch so große Befriedigung gewährte, während er schon in verhältnismäßig jungen Jahren die Seltsamkeiten eines unverbesserlichen alten Junggesellen in hoher Entwicklung zeigte, sich einst als Verwaltungsbeamter auszeichnen und als Oberbürgermeister der Stadt Köln und Mitglied des preußischen Herrenhauses sterben werde.

Mich hatte politische Gesinnungsgenossenschaft mit ihm zusammengeführt und eng verbunden. Er war zurzeit nicht allein Redakteur des demokratischen Blattes, sondern auch Führer des demokratischen Vereins in Köln, und ich konnte mit Sicherheit darauf rechnen, daß, wenn irgend eine Absicht gehegt würde, Kinkel während des Siegburger Prozesses zu befreien, er gewiß davon unterrichtet sei. Becker erzählte mir denn auch mit der größten Offenherzigkeit, was man alles darüber geredet und geplant habe, und daß alle Welt davon spreche, „etwas müsse getan werden“. Es war mir klar, daß, da alle Welt davon sprach, ein solcher Versuch unmöglich gelingen könne, und ich freute mich zu hören, daß Becker diese Überzeugung entschieden teilte. Ich war also darüber beruhigt, daß man in Köln nichts tun werde, das geeignet war, spätere Versuche zu erschweren.

Bald wurde das Geheimnis meiner Anwesenheit von meinen nächsten Freunden mit echt kölnischer Gemütlichkeit so vielen anderen mitgeteilt, und man wollte mich so oft zum Besuch öffentlicher Vergnügungsorte am hellen Tage bereden, daß ich glaubte, das Weite suchen zu müssen. So reiste ich denn mit einem Nachtzuge über Aachen nach Brüssel und von dort nach Paris. Meine Absichten in bezug auf Kinkel hatte ich auch in Köln niemandem anvertraut. Becker wußte nicht besser, als daß ich nach Paris gereist sei, um mit den dort lebenden deutschen Flüchtlingen Verbindungen anzuknüpfen, um über die dortige Situation für seine Zeitung Korrespondenzen zu schreiben, und vielleicht um geschichtlicher Studien halber längere Zeit in der französischen Hauptstadt zu verweilen. In der Tat war es mir hauptsächlich darum zu tun, an einem sichern Platz still zu sitzen, bis der Siegburger Prozeß in Köln mit seinen Aufregungen vorüber und Kinkel nach Naugard oder einer anderen Strafanstalt transportiert sein würde, so daß ich ihn an einem bestimmten Orte finden und dort die vielleicht langwierige Arbeit beginnen könnte.

Die Eindrücke, die ich am Tage meiner Ankunft in Paris empfing, werden mir immer gegenwärtig bleiben. Die neuere Geschichte Frankreichs mit ihren welterschütternden Revolutionen war mir geläufig. Ich hatte sie seit den Märztagen 1848 mit besonderem Interesse studiert, indem ich hoffte, dadurch das, was um mich her vorging, besser verstehen und beurteilen zu lernen. Und nun war ich auf dem Schauplatze ihrer großen revolutionären Aktionen angekommen, in denen die Elementarkräfte der Gesellschaft in wilder Entfesselung das Alte gestürzt und dem Neuen die Bahn geöffnet hatten. Die Nacht hatte ich, in einem gefüllten Bahncoupé sitzend, fast schlaflos zugebracht. Vom Bahnhofe ging ich in das nächste kleine Hotel, ließ mir ein Zimmer anweisen und streckte mich auf dem Bette aus, um die verlorene Nachtruhe nachzuholen. Aber der Gedanke, daß ich nun wirklich in Paris sei, ließ den Schlaf nicht kommen. Ich stand auf und wanderte, mit einem Stadtplan bewaffnet, hinaus. Mit Begierde las ich die Straßennamen an den Ecken. Da waren sie denn, diese Schlachtfelder der neuen Ära, die meine erregte Phantasie sofort mit den historischen Gestalten bevölkerte, – hier der Platz der Bastille, wo das Volk seinen ersten Sieg erfocht; da der Temple, wo die königliche Familie gefangen gewesen; da das Faubourg St. Antoine, welches an den Tagen großer Entscheidung die Massen der Blusenmänner auf den Kampfplatz geschickt; da das Karree St. Martin, wo die ersten Barrikaden des Februar gestanden; da das Hotel de Ville, wo die Kommune gesessen und Robespierre mit blutendem Kopf auf einem Tisch gelegen; da das Palais Royal, wo Camille Desmoulins, auf einem Stuhl stehend, seine feurige Rede gehalten und ein grünes Blatt als Kokarde an seinen Hut gesteckt; da der Karusselplatz, wo an dem berühmten 10. August das Königtum Ludwigs XVI. fiel.

Mehrere Stunden war ich so wie in einem Traum befangen umhergewandert, als ich an einem Schaufenster eines Ladens zwei Männer miteinander deutsch sprechen hörte. Dies weckte mich aus meinen Phantasien auf, und es fiel mir ein, daß ich mich wohl nach den deutschen Flüchtlingen umsehen sollte, deren Adressen ich besaß. Ich redete also die deutsch sprechenden Männer an, indem ich sie fragte, wo eine gewisse Straße sei. Ich empfing höflichen Bescheid und befand mich bald in der Wohnung meines Freundes, den ich in der Pfalz kennen gelernt, – des sächsischen Flüchtlings von Zychlinski. Dieser besorgte mir ein möbliertes Zimmer in der Nähe der Kirche St. Eustache und unterwies mich schnell in der Kunst, in Paris für wenig Geld ziemlich gut zu leben.

Mein Aufenthalt in der französischen Hauptstadt dauerte etwa vier Wochen. Meine erste Sorge war, mich in der Landessprache zu üben. Ich hatte nämlich in Brüssel schon bemerkt, daß der französische Unterricht, den ich auf dem Gymnasium genossen, mich kaum in den Stand setzte, mir ein Frühstück zu bestellen. So fing ich denn sofort an, mit einem Wörterbuch in der Hand Zeitungen zu lesen, die Anzeigen einbegriffen, um dann jede Gelegenheit zu benützen, um im Gespräch mit dem Concierge meines Hauses, oder dem Kellner, der mich im Restaurant bediente, oder mit irgend jemandem, dessen ich habhaft werden konnte, die gewonnenen Worte und Redensarten zu verwerten. Schon nach wenigen Tagen fand ich, daß ich mir in alltäglichen Lebensangelegenheiten einigermaßen durchhelfen konnte. Doch werde ich auf meine Methode fremde Sprachen zu erlernen, später noch ausführlicher zurückkommen. Bedeutende Bekanntschaften machte ich damals in Paris nicht. Allerdings sah ich die leitenden Männer des gesetzgebenden Körpers, aber nur in der Entfernung von der Galerie aus. Mitflüchtlinge brachten mich mit einzelnen Franzosen zusammen, die durchweg der extremrevolutionären Richtung angehörten. Da vernahm ich denn wenig mehr als die landesüblichen Tiraden gegen Louis Napoleon, der damals noch Präsident der Republik war, aber deutliche Zeichen eines über diese Stellung hinausgehenden Ehrgeizes blicken ließ. In den Kreisen, in denen ich mich bewegte, stand es nun fest, daß diese napoleonische Wirtschaft unmöglich lange dauern könne, und daß die den Präsidenten stürzende neue Revolution sich unfehlbar wieder über den größten Teil von Europa verbreiten werde. Obgleich ich mir redliche Mühe gab, die Lage der Dinge in Frankreich richtig zu erkennen, und obgleich ich zu diesem Ende eifrig die Journale der Parteien las und auch meine Bekannten mit den eingehendsten Fragen auszuforschen suchte, so konnten sich doch meine Schlüsse nicht dem Einflusse meiner Wünsche und Illusionen entziehen, und es würde mir sehr unwillkommen sein, die Korrespondenzen, die ich damals in gutem Glauben für Beckers Zeitung schrieb, jetzt im Lichte der geschichtlichen Ereignisse wieder lesen zu müssen. Die Irrtümer, die ich damals beging, und die ich weniger als zwei Jahre darauf einsehen lernte, sind mir eine unvergeßliche und heilsame Lehre gewesen.

Einen großen Teil meiner Zeit brachte ich damit zu, die in Paris aufgehäuften Kunstschätze zu sehen, die mir eine bis dahin ungeahnte Welt eröffneten.

Ich erinnere mich aus jener Zeit eines Vorfalles, der, wie an sich unbedeutend er auch war, mir doch später wieder häufig im Gedächtnis aufstieg und mich zum Nachdenken anregte. Ich pflegte mit Zychlinski und einigen anderen Deutschen nach Tisch in einem gewissen Café im Quartier Latin zusammenzukommen. Eines Abends suchte ich meine Freunde dort vergebens. Dies war mir um so verdrießlicher, als ich Zychlinski bitten wollte, mir aus einer augenblicklichen Verlegenheit zu helfen. Eine Geldanweisung von Becker für verdientes Honorar, die schon vor drei Tagen hätte ankommen sollen, war nämlich zu meiner Verwunderung ausgeblieben, und meine Barschaft bestand nur noch aus den wenigen Sous, die hinreichten, um für eine Tasse Kaffee zu bezahlen und dem Kellner das übliche Trinkgeld zu geben. Ich setzte mich nieder und ließ mir, wie gewöhnlich, eine Tasse Kaffee geben mit der zuversichtlichen Hoffnung, daß der eine oder andere meiner Freunde bald erscheinen werde. Ich trank meinen Kaffee möglichst langsam, aber als ich die Tasse geleert hatte, war noch keiner von den Erwarteten da. Ich warf meinen übriggebliebenen Zucker in ein Glas Wasser und bereitete mir so meine eau sucrée, wie das die ökonomischen Gäste in den Cafés des Quartier Latin nicht selten taten; ich las ein Journal nach dem andern, indem ich mein Zuckerwasser mit peinlicher Langsamkeit fast tropfenweise schlürfte, – noch immer niemand. Ich mochte wohl zwei Stunden da gesessen haben und es wurde spät. Die dame du comptoir, der man Zahlung zu leisten hatte, fing an zu gähnen und selbst Monsieur Louis, der Billardmarkör, der schon eine halbe Stunde unbeschäftigt gewesen, schien schläfrig zu werden. Ich sehe den flinken Monsieur Louis noch vor mir, wie er von Zeit zu Zeit die Bälle auf dem Billard mit den Fingern umherrollte und dann zu mir herüberblickte. Ich fühlte, als wäre die ganze Wirtschaft auf die lange Zeit, die ich bei meiner Tasse Kaffee verbracht, aufmerksam geworden. Das war mir höchst unangenehm, und ich beschloß, mit meinen letzten Sous zu zahlen und nach Hause zu gehen.

Aber als ich von meinem Stuhl aufstand, begegnete mir ein Unglück. Durch eine ungeschickte Bewegung stieß ich die Kaffeetasse von dem kleinen Tisch auf die Steinplatten des Fußbodens hinunter, und sie zerbrach. Natürlich dachte ich, ich müßte für die zerbrochene Tasse auch zahlen. Für den Kaffee, den ich getrunken, hatte ich Geld genug; für die zerbrochene Tasse aber nicht. Ich fing einen raschen Blick der dame du comptoir auf und einen von Monsieur Louis. Mir war, als bohrten beide in die Tiefe meines schuldigen Gewissens. Was tun? In diesem Augenblicke traten mehrere frische Gäste ein, französische Studenten, von denen zwei oder drei mit der dame du comptoir scherzhafte Gespräche begannen. Konnte ich nun in diese Gruppe treten und in meinem holperigen Französisch der Dame das Geständnis meiner fatalen Lage machen? Würde ich mich nicht so dem Gespött und Gelächter der ganzen Gesellschaft aussetzen? In der Aufregung des Augenblicks faßte ich einen verwegenen Entschluß. Ich sagte mir selbst, daß ebenso wie andere Gäste auch einige meiner Freunde noch zu so später Stunde kommen könnten. Ich bestellte mir noch eine Tasse Kaffee, setzte mich nieder und nahm wieder ein Journal auf. Aber lesen konnte ich nicht mehr. Ich litt die Qualen des bösen Gewissens. Mit angstvoller Erwartung blickte ich Elender jeden Augenblick von der Zeitung auf nach der Türe. Lange wartete ich – aber nicht vergebens. Zychlinski kam wirklich noch. Eine Zentnerlast fiel von meiner Seele. Ich mußte an mich halten, um nicht einen Freudenschrei auszustoßen. Ich erzählte ihm meine Geschichte, und wir lachten herzlich darüber, aber es war mir doch nicht wohl dabei zumute. Zychlinski lieh mir Geld, so daß ich meine eigene Zeche bezahlen konnte. Als wir nun aufbrachen, und ich fragte die dame du comptoir, was die zerbrochene Tasse koste, erwiderte sie mit huldvoll herablassendem Lächeln, in diesem Café nehme man nie Bezahlung für zufällig zerbrochenes Geschirr. Meine Angst war also durchaus überflüssig gewesen. Und in meinem Quartier angelangt, fand ich einen Brief von Becker, welcher die so heißersehnte Anweisung auf einen Pariser Bankier enthielt.

Dieses kleine Abenteuer ist im späteren Leben noch oft in meiner Erinnerung aufgestiegen, und ich habe hin und wieder in mir die Frage erörtert, ob ich recht gehandelt habe, als ich mir die zweite Tasse Kaffee bestellte. Als Resultat dieser Überlegung möchte ich nun meinen Nachkommen, die diese Geschichte lesen, den ernstlichen Rat geben, unter ähnlichen Umständen nicht meinem Beispiel zu folgen und nie auf die Chance des Zufalls hin der alten Schuld eine neue unnötige ohne Zahlungsfähigkeit der alten hinzuzufügen. Es war eben ein Fall falscher Scham, – jener falschen Scham, die schon so manchen sonst gut angelegten und ursprünglich ehrlichen Menschen auf die abschüssigsten Bahnen des Unheils gedrängt hat. Mancher ist zum Lügner, zum Meineidigen, zum Fälscher, zum Dieb, ja zum Mörder geworden, dessen verbrecherische Laufbahn damit anfing, daß er nicht den sittlichen Mut besaß, sich lieber einer Beschämung auszusetzen, als einen Schritt von zweifelhafter Ehrlichkeit zu riskieren.

Während meines Aufenthalts in Paris ging nun in Köln der Prozeß gegen die an dem Zuge nach Siegburg Beteiligten vor sich. Früh am 12. April wurde Kinkel in Begleitung von drei Polizeibeamten von Naugard fortgeführt, und schon am 13. langte er in Köln an. Auf der Reise, die man mit großer Heimlichkeit machte, ließ man ihn einen Paletot und einen kleinen schwarzen Hut tragen. Sobald er im Zuchthause zu Köln abgeliefert war, mußte er wieder die graue Züchtlingsjacke anlegen. Einige Tage später erhielt Frau Kinkel die Erlaubnis, ihren Gatten im Zuchthause zu besuchen, freilich nur in Gegenwart von Gefängnisbeamten. Sie nahm ihren kleinen sechsjährigen Sohn Gottfried mit sich, der in dem kahlgeschorenen, abgehärmten, durch die Züchtlingskleidung entstellten Mann den Vater nicht wiedererkannte, bis er seine Stimme hörte. Die öffentliche Prozedur vor dem Geschworenengericht begann am 29. April. Zehn Personen waren angeklagt, „ein Attentat verübt zu haben, dessen Zweck war, die bestehende Verfassung umzustürzen, die Bürger oder Einwohner des Staats aufzureizen, sich gegen die königliche Gewalt zu bewaffnen, sowie einen Bürgerkrieg dadurch zu erregen, daß man die Bürger oder Einwohner des Staats gegeneinander bewaffnete oder verleitete, sich gegeneinander zu bewaffnen.“ Von den Angeklagten waren Gottfried Kinkel, Anselm Unger, Ludwig Meyer und Johann Bühl in den Händen der Regierung, – die sechs anderen, Friedrich Anneke, Joseph Gerhardt, Friedrich Kamm, Mathias Rings, Franz Joseph Klinker und Karl Schurz auf flüchtigem Fuße.

Unter der Bevölkerung von Köln herrschte fieberhafte Aufregung. Schon mit Anbruch des Tages, an dem der Prozeß beginnen sollte, drängte sich um das Gerichtsgebäude eine ungeheure Menge, die Kinkel, den gefangenen Freiheitsmann, den zum Zuchthaus begnadigten Dichter, noch einmal sehen und ihm ihre Sympathie bezeugen wollte. Die Behörden hatten ihrerseits große Vorbereitungen getroffen, um jeden Befreiungsversuch zu vereiteln. Der Wagen, der Kinkel von dem Zuchthause zum Gerichtshofe führte, war von einer starken Kavallerietruppe mit gezogenen Säbeln begleitet. Die Straßen, die er passieren mußte, sowie alle Zugänge des Justizgebäudes, starrten von Bajonetten. Auf dem Vorplatz waren zwei Kanonen mit einem Munitionswagen aufgefahren; die Artilleristen standen dabei fertig zum Dienst. Als Kinkel erschien, wurde er trotz alledem von den versammelten Volksmassen mit donnernden Hochrufen empfangen. Man hatte den Züchtling wieder in bürgerliche Kleidung gesteckt. Auf der Fahrt hatte er stumpf und teilnahmslos geschienen. Der Anblick und Zuruf des Volkes gab ihn sich selbst wieder. Das geschorene Haupt kühn und stolz erhoben, schritt er von dem Wagen zwischen den festgeschlossenen Reihen der Soldaten grüßend hindurch in den Gerichtssaal. Dort hatte Frau Johanna sich schon frühmorgens einen Platz gesichert, den sie auch jeden Tag während der Dauer des Prozesses einnahm. Für Kinkel beantragte der Staatsanwalt die Todesstrafe. Die Verhandlungen gingen den gewöhnlichen Gang; die Aussagen der zahlreichen Zeugen konstatierten den bereits erzählten Tatbestand ziemlich klar; der öffentliche Ankläger und die Advokaten der Angeklagten plädierten mit kühler Geschicklichkeit, Ludwig Meyer hielt eine mannhafte Rede, und endlich am 2. Mai ergriff Kinkel selbst zu seiner Verteidigung das Wort.

Die Erwartung der Versammelten, ja, des ganzen Volks, war aufs höchste gespannt. „Was wird er sagen?“ fragte man sich. „Wird er sich demütig und reuevoll beugen? Wird er das Bild eines gebrochenen und hinfort ungefährlichen Mannes darstellen, um sich so Gnade zu erkaufen? Oder wird er der Gewalt Trotz bieten, indem er sich kühn zu all dem bekennt, was er gewollt und getan, und so den letzten Anspruch auf eine Milderung seines furchtbaren Schicksals verscherzen?“ Man würde es dem schwer getroffenen Mann gern verziehen haben, hätte er durch eine nachgiebige Haltung eine Milderung seines entsetzlichen Loses bewirkt.

Die Antwort, die Kinkels Verteidigungsrede auf diese Fragen gab, war im höchsten Grade imponierend und rührend zugleich. Er begann mit einer gedrängten Schilderung der politischen Lage in Deutschland nach der Märzrevolution von 1848. Das Volk habe damals die Souveränität errungen. Diese Souveränität des Volks sei verkörpert worden in den aus allgemeinem Wahlrecht hervorgegangenen konstituierenden Versammlungen, der preußischen Konstituante in Berlin sowohl wie dem Nationalparlament in Frankfurt. Alle Welt habe es so verstanden. Das Nationalparlament sei mit Mäßigung vorgegangen. Es habe eine Magna Charta der Volksrechte und eine Reichsverfassung geschaffen und den König von Preußen, denselben Fürsten, der sich im März 1848 an die Spitze der Einheitsbewegung gestellt, als Schirmherrn der Magna Charta zum Kaiser gewählt. Die Durchführung dieses Gedankens sei die letzte Rettung für die großen Hoffnungen der Nation gewesen. Aber der König von Preußen habe sich geweigert, durch die Annahme der Kaiserkrone das nationale Einheitswerk zu vollenden. Er habe die preußische Kammer, die ihn zur Annahme drängte, aufgelöst und damit die Möglichkeit einer Verständigung vernichtet und so auch alle Hoffnung auf die Verwirklichung sozialer Reformen. Nichts sei übrig geblieben, als ein Appell an die Waffen. Auch er, der Angeklagte, habe die Waffen ergriffen, und er erkläre jetzt seinen Richtern gegenüber, er glaube Recht getan zu haben. Er bekenne sich noch heute zu seiner Handlungsweise vom vorigen Mai; was er getan, habe er getan als ein Mann von Ehre.

Er ging noch weiter in seinem Bekenntnis. Er nannte sich einen Sozialisten, obgleich er ein Sozialist in dem uns jetzt geläufigen Parteisinne des Wortes eigentlich nie gewesen. Er war kein Anhänger eines jener Systeme, die eine gänzliche Umwälzung der hergebrachten Gesellschaftsordnung bedingen. Wenn er sich einen Sozialisten nannte, so bedeutete das nur, daß „sein Herz sich zu den Armen und Unterdrückten in seinem Volke gehalten und nicht zu den Reichen und Gewaltigen dieser Welt“. Es war der Gefühlsdrang, der so viele Herzen erfaßt hatte und den Parteinamen wählte, der ihm am genehmsten klang. „Und weil ich Sozialist bin“, fuhr Kinkel fort, „darum bin ich Demokrat, denn ich glaube, daß seine eigenen tiefen Wunden nur das Volk selbst zu empfinden, zu reinigen und zu heilen vermag. Weil ich aber Demokrat bin, weil ich den demokratischen Staat für die einzige und gewisse Möglichkeit halte, das Elend aus der Welt fortzuschaffen, darum glaube ich auch, daß, wenn einmal ein Volk demokratische Einrichtungen erobert hat, dieses Volk das Recht nicht allein, sondern auch die Pflicht besitzt, diese Einrichtungen bis auf den letzten Mann und mit allen Waffen, also auch mit der Kugel und dem scharfen Stahl zu verteidigen. In diesem Sinne bekenne ich mich für das Prinzip der Revolution, für welches seitdem auch mein Blut geflossen ist, und noch heute, ganz der Gewalt des Gegners hingegeben, noch heute bekenne ich mit den bleichen Lippen des gefangenen Mannes mich zu diesem Prinzip. Und darum auch glaube ich, daß ich damals samt den Freunden an meiner Seite recht gehandelt habe, als ich den Kampf aufnahm und ihm die höchsten Opfer brachte. Denn uns winkte ein großes Ziel. Hätten wir gesiegt, so retteten wir unserem Volk den Frieden mit sich selber, die Einheit des Vaterlandes, diesen Grundgedanken der deutschen Revolution, und in ihr den Schlüssel zu allen künftigen Eroberungen von Glück und Größe. Meine Herren, wir haben nicht gesiegt. Das Volk hat diesen Kampf nicht durchgesetzt, hat uns, welche ihm voraufgingen, verlassen. Die Folgen fallen auf unser Haupt.“

Nun erklärte er, wie in diesem Kampf er sich nicht gescheut habe, mit Leuten ohne Bildung und von zweifelhaftem Ruf sich zu verbinden, denn nie sei „eine Weltidee dadurch geschändet worden, daß die Zöllner und Sünder sich zu ihr bekannten“. Dann führte er aus, daß die Strafbestimmungen des Code Napoleon, der damals im Rheinlande das herrschende Gesetz war, auf die Staatsverhältnisse von 1849 keine Anwendung fanden; daß dieser Code einer militärisch absoluten Monarchie zum Gesetz gegeben worden; daß der Deutsche nach der Revolution von 1848 die Volksbewaffnung mit freier Wahl der Führer besaß; daß dieses den Zweck hatte, das Volk zu befähigen zum Schutze seiner Rechte gegen Eingriffe von oben. „Ihr sagt zu uns: Ihr wolltet die bestehende Verfassung umstürzen. Welche Verfassung meint man? Die neue preußische? Wem von uns ist das eingefallen? Oder die Frankfurter? Diese zu schützen, zogen wir aus. Bei Ihrem Gewissen, meine Herren, sind wir es gewesen, die Attentate auf die Verfassungen gemacht haben? Aber den Bürgerkrieg wollten wir entzünden!? Wer wagt das zu behaupten? Wer will es leugnen, daß durch eine Erhebung des ganzen Volks in Waffen, aber eine großartig-feierliche Erhebung, die Krone auch ohne Bürgerkrieg auf den Weg des Fortschritts gedrängt werden konnte? Ja, wenn das alles wahr wäre, was die Anklageakte uns Schuld gibt, wenn wir uns verschworen hätten, der Gewalt die Gewalt entgegen zu setzen, wenn wir uns bewaffnet hätten, ein Zeughaus zu stürmen, wenn wir den Bürgern Waffen gegeben hätten zu einer solchen Erhebung, dann, selbst dann würden wir nach einer Niederlage Unglückliche sein, aber Strafbare keineswegs. Wir hätten es getan, nicht um eine Verfassung umzustürzen, sondern eine wankende zu halten; wir hätten es getan, nicht um den Bürgerkrieg zu wecken, sondern um den Bürgerkrieg zu hindern, den gräßlichen Bürgerkrieg, der die Iserlohner Landwehr in den Tod trieb gegen die deutschen Schützen auf dem Turme von Durlach, der in seinen Folgen Durtu zur Kugel, Corvin zum Spinnrade verurteilte. Wie es geworden ist im Vaterlande, weil wir nicht siegten, das wissen Sie. Hätten wir aber gesiegt in diesen Kämpfen, bei Gott, meine Herren, statt des Fallbeils, mit dem heute ein rheinischer Staatsanwalt im Bunde mit dem Gesetz des französischen Tyrannen uns bedroht, würden wir aus Ihren Händen heute die Bürgerkrone fordern für unser Haupt.“

Dieser Teil der Rede wurde von allen Versammelten im Saale mit Erstaunen, von vielen mit Bewunderung gehört. Der präsidierende Richter fand es schwer, den Beifallssturm zu unterdrücken, der sich zuweilen entfesseln wollte. Doch fühlten alle, daß dieser Angeklagte, welcher der herrschenden Gewalt so kühn und stolz die Stirne bot, wenn er auch einer neuen Verurteilung entging, von nun an alle Hoffnung auf eine Milderung der ihm bereits auferlegten Strafe verwirkt habe. Aber was nun folgte, überwältigte die Zuhörer in ungeahnter Weise. In wenigen Sätzen wies Kinkel auf die Widersprüche und schwachen Punkte in den Zeugenaussagen hin und fuhr dann fort:

„Das einzige, wovon ein Schein übrig bleibt, ist, daß ich Bürger zur Bewaffnung aufgereizt hätte. Ich will es Ihnen sagen, wie es mit dieser Aufreizung ging. Ich sage es Ihnen gerne, weil in meinem Handeln dies eine zweideutig scheinen könnte, daß ich von einem Unternehmen, in das ich selbst mich stürzte, andere eher abzuhalten suchte. Mit voller Schärfe steht jener 10. Mai noch vor mir; denn dieser Tag, an dem ich, bis dahin ein hochbeglückter Mann, von all meinem Lebensglück schied, er ist mit den glühenden Nadeln des Schmerzes in meine Seele gegraben. Der Sturm jener drangvollen Zeit riß mir Stück um Stück vom Herzen weg; doch um 5 Uhr stand in mir noch kein Entschluß fest. Ich ging in die Universität, ich hielt ruhig und gelassen wie immer meine Vorlesung; es war meine letzte. Um 6 Uhr trafen die Nachrichten ein aus Elberfeld und Düsseldorf; sie schlugen zündend in meine Brust. Ich fühlte, daß für mich die Stunde da sei, wie die Ehre gebot, zu handeln. Aus der Versammlung ging ich in meine Wohnung, um Abschied zu nehmen. Ich nahm Abschied von dem Frieden meines Hauses, von dem Amte, das zwölf Jahre mich beglückt, das ich zwölf Jahre, wie ich glaube, treu verwaltet hatte; nahm Abschied von dem Weibe, an dessen Besitz ich schon einmal meine Existenz gesetzt, Abschied von meinen schlafenden Kindern, die nicht träumten, daß sie in dieser Minute ihren Vater verloren. Aber als ich nun über die Schwelle trat in die dunkelnde Straße, da sprach ich zu mir: „Du durftest diesen Entschluß fassen, denn welches auch die Folgen sein mögen, du weißt es, daß der Trost der Idee und der Überzeugung dich niemals verlassen kann. Aber einen andern Gatten, einen andern Vater hast du kein Recht mit fortzureißen in den gleichen furchtbaren Entschluß.“ In dieser Stimmung betrat ich die Rednerbühne, in dieser Stimmung mahnte ich jeden ab, dessen Herz nicht fest war wie das meinige – und aus dieser Rede macht die Anklage eine unmittelbare Aufreizung! Glauben Sie nicht, meine Herren, als wollte ich durch Rührung Sie überwältigen und Ihr Mitleid erwecken. Ja, ich weiß es, und die Begnadigungen des Jahres 1849 haben mich darüber belehrt, daß Ihr „Schuldig“ ein gewisses Todesurteil in sich schließt; aber trotzdem begehre ich Ihr Mitleid nicht. Nicht für meine Mitangeklagten, denn diesen sind Sie nicht Mitleiden, sondern eine Genugtuung schuldig für die lange unverdiente Haft. Nicht für mich, denn so unschätzbar mir Ihre Teilnahme als Bürger und Männer ist, so wenig hat Ihr Mitleiden für mich Wert. Die Leiden, die ich trage, sind so furchtbar, daß Ihr Spruch mich nicht schrecken kann. Man hat über das Maß der mir zuerkannten Strafe hinaus meine Haft gesteigert, durch die grauenvolle Einsamkeit der Isolierzelle, in deren öde Stille kein Trompetenton der kämpfenden Welt draußen, kein Liebesblick treuer Freunde dringt. Man hat einen deutschen Schriftsteller und Lehrer, der in mehr als einer Brust die Flamme des Geistes und der Schönheit entzündet, man hat ein mitteilsames Herz dazu verdammt, in seelenloser Zwangsarbeit, in Versagung aller geistigen Hülfsmittel, langsam hinzusterben. Der Giftmischerin, dem entsetzlichen, gräulichen Verbrecher, sobald einmal über seinem Haupte das Wort der Begnadigung erscholl, wird es vergönnt, die Luft seines Rheinlandes zu atmen, das Wasser seines grünen Stromes zu trinken – diese vierzehn Tage haben es mich gelehrt, welche Seligkeit schon Luft und Licht der Heimat sind! – Mich aber hält der ferne, trübe, kalte Nord, und nicht einmal hinter dem Gitter ist es mir vergönnt, die Tränen meines Weibes zu sehen und in die Aurikelaugen meiner Kinder zu blicken! Ich begehre Ihr Mitleid nicht, denn wie scharf Ihr Spruch, wie blutig dieses Gesetzbuch sei, Sie können mein Los nicht gräßlicher machen als es ist. Der Mann, den man vor diesen Schranken der Feigheit zu zeihen wagte, hat im letzten Jahre dem Tode in seinen verschiedensten Gestalten so oft, so nahe, so kaltblütig ins Auge gesehen, daß auch die Guillotine ihn nicht besonders mehr erschüttert. Ich will Ihr Mitleid nicht; aber mein Recht verlange ich von Ihnen; mein Recht wälze ich auf Ihr Gewissen, und weil ich weiß, daß Sie, Bürger Geschworene, Ihrem rheinischen Mitbürger sein Recht nicht versagen können, darum erwarte ich mit der ruhigsten Zuversicht aus Ihrem Munde das „Nichtschuldig“. Ich habe gesprochen; nun richten Sie.“

Der Eindruck, welchen diese Worte hervorbrachten, ist mir von Augenzeugen geschildert worden. Zuerst lauschte die Zuhörerschaft mit fast atemloser Stille, aber es währte nicht lange, bis die Richter auf ihren erhöhten Sitzen, die Geschworenen, die dicht gedrängten Bürger im Saal, der Staatsanwalt, der die Anklage geführt, die Gendarmen, welche die Angeklagten bewachten, die Soldaten, deren Bajonette an der Türe blinkten, in Schluchzen und Tränen ausbrachen. Erst mehrere Minuten, nachdem Kinkel seine Rede geschlossen, fand der Gerichtspräsident seine Fassung und seine Stimme wieder, um die Prozedur weiter zu führen. Die Geschworenen brachten sofort ihren Wahrspruch ein; er lautete: „Nichtschuldig.“ Da erhob sich im Saal ein donnernder Jubelruf, der von der draußen versammelten Volksmenge aufgenommen in den Straßen der Stadt weithin widerhallte. Frau Johanna drängte sich auf ihren Mann zu, um ihn zu umarmen. Ein Polizeibeamter befahl den Kinkel umgebenden Gendarmen, sie zurückzuhalten. Aber Kinkel, sich hoch aufrichtend, rief mit gebietender Stimme: „Komm, Johanna! Gib Du Deinem Mann einen Kuß! Das soll Dir niemand wehren!“ Wie von einer höheren Macht überwältigt, traten die Gendarmen zurück und öffneten eine Gasse für die Frau, die sich in die Arme ihres Mannes warf.

Die andern Angeklagten konnten nun frei ihres Weges gehen. Nur Kinkel, der noch die ihm früher zuerkannte Strafe abzubüßen hatte, wurde wieder rasch von Bewaffneten umschlossen, nach dem Wagen gebracht und unter den Hochrufen des Volks und den Trommelwirbeln der Soldaten ins Gefängnis zurückgeführt.

Wie vorauszusehen gewesen, hatten die Behörden jede mögliche Vorsichtsmaßregel ergriffen, um einem Befreiungsversuch in Köln aufs wirksamste vorzubeugen. Die Regierung hatte auch unterdes beschlossen, Kinkel nicht wieder in das Zuchthaus zu Naugard, sondern in das zu Spandau zu bringen, wahrscheinlich weil in Naugard, wie in Pommern überhaupt, sich warme Sympathien für den Unglücklichen offenbart hatten. Und um Kinkels Freunde irrezuführen und alle Schwierigkeiten unterwegs zu verhüten, wurde angeordnet, daß Kinkel nicht, wie das Publikum allgemein erwartete, auf der Eisenbahn, sondern in einer Kutsche von zwei Gendarmen begleitet, die Reise machen sollte. Die Abfahrt bewerkstelligte man am Tage nach dem Schluß des Prozesses mit aller Heimlichkeit. Aber gerade diese Vorkehrungen machten einen Fluchtversuch möglich, den Kinkel auf eigene Faust, ohne äußere Hülfe, unternahm, und den er mir später so erzählte:

Eines Abends ließen die Gendarmen die Kutsche an dem Wirtshause eines westfälischen Dorfes halten, wo sie und ihr Gefangener zu Abend essen sollten. Kinkel wurde in ein Zimmer des oberen Stockwerks geführt, wo ein Gendarm bei ihm blieb, während der andere hinunterging, um einige Anordnungen zu treffen. Kinkel bemerkte, daß die Türe des Zimmers nur angelehnt war, und daß der Schlüssel draußen im Schloß steckte. Der Gedanke, diesen Umstand zu seiner Flucht zu benutzen, schoß ihm durch den Kopf. Am Fenster stehend, suchte er die Aufmerksamkeit des ihn bewachenden Gendarmen, der an der Türe saß, auf ein Geräusch zu lenken, das sich drunten auf der Straße hören ließ. Sobald der Gendarm die Nähe der Türe verlassen hatte, um an das Fenster zu treten, sprang Kinkel mit einem raschen Satz aus der Tür und drehte draußen den Schlüssel um. Nun lief er, so schnell er konnte, die Treppe hinunter, durch eine Hintertür in den Hof, dann in den Garten und in der Richtung, die ihm eben offenstand, querfeldein. Es war unterdessen ganz dunkel geworden. Bald hörte der Flüchtige Stimmen hinter sich und, sich umwendend, sah er in der Entfernung Lichter, die sich hin und her bewegten. Kinkel rannte mit rasender Eile vorwärts, von der Verfolgung angespornt, die ihm augenscheinlich auf den Fersen war. Plötzlich stieß er mit der Stirn gegen einen harten Gegenstand und stürzte nieder, von dem Schlage betäubt.

Die Verfolgung hatte mittlerweile auch mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Der Gendarm, dem Kinkel aus dem Zimmer entwischt war, sprang nach der Tür, die er verschlossen fand. Er eilte nach dem Fenster zurück, aber in der Aufregung des Augenblicks gelang es ihm nicht, es so schnell, wie er wünschte, zu öffnen. Nun zertrümmerte er mit kräftigem Faustschlag die Scheiben und schrie auf die Gasse hinaus, der „Spitzbube“ sei entkommen. Das ganze Haus kam sofort in Alarm. Die Gendarmen sagten dem Wirte und den Dienstboten, der Entflohene sei einer der berüchtigtsten und gefährlichsten Verbrecher des Rheinlandes, und wer ihn wieder einfinge, würde einer Belohnung von hundert Talern sicher sein. Natürlich glaubten die Dorfleute alles, was ihnen gesagt wurde. Der Postillon, der die Kutsche gefahren und der keine Ahnung davon hatte, daß sein Passagier Kinkel gewesen, zeigte sich besonders tätig. Schnell wurden Laternen herbeigeschafft, um die Spur des Flüchtigen, der aus dem Hause und Hofe unbemerkt entwischt war, draußen aufzusuchen. Bald entdeckte der Postillon die Spur; doch hatte Kinkel durch diese Verzögerungen einen ansehnlichen Vorsprung gewonnen. Aber sein Anrennen gegen einen aufgestapelten Holzhaufen, von dem ein herausstehendes Scheit ihn an der Stirne traf, hatte diesen Vorteil wieder zunichte gemacht. In weniger als einer Viertelstunde wurde er, immer noch in betäubtem Zustande, von dem Postillon, der wirklich glaubte, einen Straßenräuber vor sich zu haben, aufgefunden und den herbeieilenden Gendarmen zurückgeliefert. Diese verdoppelten nun ihre Wachsamkeit, bis das Tor des Zuchthauses in Spandau sich hinter dem Unglücklichen schloß.

Nachdem die durch die Prozeßepisode verursachte Aufregung sich gelegt und Kinkel, still im Spandauer Zuchthause sitzend, zeitweilig aufgehört hatte, die öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, reiste ich von Paris nach Deutschland zurück. Ich hatte unterdessen neue Instruktionen von dem Züricher Komitee erhalten, die ich getreulich ausführte. Zu diesem Zwecke besuchte ich mehrere Plätze im Rheinland und in Westfalen und wohnte sogar einer Zusammenkunft demokratischer Führer bei, die im Juli in Braunschweig stattfand. Dort machte ich die Bekanntschaft des mecklenburgischen Abgeordneten Moritz Wiggers, mit dem ich später in interessante Beziehungen kommen sollte. Auf diesen Reisen schien mir nur einmal eine Gefahr recht nahe zu treten. Ich war auf ein paar Stunden im Posthause zu Hamm eingekehrt und saß im Restaurationszimmer, auf eine bestellte Speise wartend. Mit einem preußischen Leutnant, der an demselben Tische mir gegenüber sitzend eine Tasse Kaffee trank, knüpfte ich ein harmloses Gespräch an, – wie ich denn gewöhnlich an öffentlichen Plätzen mich womöglich an Militärs oder Beamte, auf den Bahnhöfen vorzugsweise an die Polizisten hielt, um mich so als ein ganz unbefangenes und unverdächtiges Individuum zu beweisen. Während ich nun im Posthause zu Hamm mit dem Leutnant über gleichgültige Dinge sprach, bemerkte ich plötzlich, durchs Fenster blickend, eine sonderbare Bewegung. Ein Wagen hielt und ein ältlicher Herr in hellem Reiseüberrock stieg aus; mit ihm zwei Gendarmen, von denen einer an der Haustüre stehen blieb, während der andere mit dem Herrn im hellen Reiseüberrock hereinkam und sich auf dem Flur an der Treppe postierte. Der Herr trat ins Gastzimmer, und ich bemerkte, wie aus dem zugeknöpften Überrock ein dunkelroter Uniformkragen hervorsah. Der Herr war also ein Beamter – wahrscheinlich ein Polizeibeamter. Er fragte nach dem Wirt, und sobald dieser herzugetreten war, eröffnete sich zwischen beiden ein angelegentliches Gespräch, in leisem Tone geführt. Dieser Umstand beunruhigte mich. Unterdessen kam das Beefsteak, das ich bestellt hatte, und ich bezeichnete dem Kellner einen leeren Tisch an einem Fenster, das auf den Hof des Gasthauses hinausging. Dort wünschte ich zu essen. Um an diesen Tisch zu gelangen, schritt ich an dem Herrn im Überrock und dem Wirt möglichst dicht vorüber und suchte ein Wort aufzufangen, das mir über den Gegenstand der eifrigen Unterhaltung Aufschluß geben könnte. Ich hörte den Beamten die Worte aussprechen: „blonde Haare und Brille“, worauf der Wirt ziemlich laut antwortete: „Ich glaube, das muß er sein.“ Dies konnte auf mich passen, und es wurde mir ziemlich schwül zumute. Indes ging ich an den Tisch, auf dem mein Beefsteak mich erwartete, schob meinen Stuhl ans Fenster und fragte zwei in der Nähe sitzende Herren, ob es ihnen unangenehm sein werde, wenn ich das Fenster öffnete, da die Luft im Zimmer drückend warm sei. Ich erhielt die gewünschte Erlaubnis und rekognoszierte durch das geöffnete Fenster den Hof, ob ich eine Chance des Entkommens haben würde, wenn ich den Sprung durchs Fenster wagen müßte. Der Ausblick war sehr zweifelhaft. Dann setzte ich mich nieder und beschäftigte mich mit dem Beefsteak.

Der Wirt hatte unterdessen mit dem Beamten das Gastzimmer verlassen. Nach einigen Minuten traten sie wieder ein, und sogleich entstand um sie her ein Gemurmel, aus welchem die Worte: „Sie haben ihn“, herausklangen. Bald darauf kam der Wirt in die Nähe meines Tisches, und ich fragte ihn, was da los sei? Da hörte ich denn, ein junger Mann sei morgens früh angekommen, habe sich ein Zimmer geben lassen und sich auch seine Mahlzeiten aufs Zimmer bestellt. Soeben sei er verhaftet worden. Er sei Postsekretär in einem nicht weit entfernten Städtchen und habe die Postkasse um 300 Taler bestohlen, um damit nach Amerika zu gehen. „Der arme Kerl!“ setzte der Wirt verächtlich hinzu. „Es war mir gleich auffallend, daß er sich sein Mittagessen ins Zimmer bestellte, statt zur Table d’hote zu kommen. Und dann nur 300 Taler!“ Ich fühlte mich sehr erleichtert und konnte mich nicht enthalten, von dem Tisch, an dem der geheimnisvolle Beamte sich zu einem Imbiß und einem Schoppen Wein niedergelassen hatte, mir ein Zündhölzchen zu holen, um mir zur Tasse Kaffee eine Zigarre anzuzünden.

Anfangs August kehrte ich nach Köln zurück und hatte dort noch eine Zusammenkunft mit Frau Kinkel. Sie berichtete mir, daß die für die Befreiung ihres Gatten verfügbare Summe um ein ansehnliches gewachsen sei, und freute sich zu hören, daß ich diese Summe für hinreichend hielt, um nun ans Werk zu gehen. Wir verabredeten, daß das Geld an eine vertraute Person in Berlin geschickt werden sollte, von der ich es nach Bedarf in Empfang nehmen könne. Auch erzählte sie mir, daß sie eine Methode gefunden habe, Kinkel auf unverfängliche Weise Nachricht zu geben, wenn etwas für seine Befreiung geschähe. Sie habe ihm über ihre musikalischen Studien geschrieben und in ihren Briefen spielten lange Auseinandersetzungen über die „Fuge“ eine große Rolle. Kinkel habe ihr nun in einer ihr verständlichen, aber den Gefängnisbeamten, welche die Briefe revidierten, unverständlichen Weise angedeutet, daß er die Bedeutung des Wortes „Fuge“ (lateinisch „fuga“, deutsch „Flucht“) sich gemerkt habe und begierig sei, über dieses Thema mehr zu hören. Frau Johanna versprach mir, mit ihren Briefen an Kinkel vorsichtig zu sein und ihn nicht in unzeitige Aufregung zu versetzen – auch selbst nicht ungeduldig zu werden, wenn sie von mir nur selten hören sollte. So schieden wir und ich ging nach dem Schauplatz meines Unternehmens ab.

Auf dem Bahnhofe traf ich meinen Freund Jacobi, der auf dem Wege nach Schleswig-Holstein war, um dem kämpfenden Brudervolk seine Dienste als Mediziner zu widmen. Einen Teil des Weges konnten wir zusammen reisen. Dies war eine angenehme Überraschung. Eine um so unangenehmere war es, daß wir in dem Coupé, in dem wir Platz nahmen, den Professor Lassen von der Bonner Universität, der mich kannte, uns gerade gegenüber fanden. Wir stutzten beide einen Augenblick. Auch sah Lassen mich zuerst eine Weile verdutzt an. Aber da Jacobi und ich nun begannen, scheinbar unbefangen und lustig zu lachen und zu schwatzen, wie auch andere junge Leute das getan haben würden, so dachte der gute Orientalist wahrscheinlich, er müsse sich geirrt haben, und ich könne unmöglich der Übeltäter sein, dem ich ähnlich sähe.

Am 11. August kam ich in Berlin an. Da mein auf Heribert Jüssen lautender Paß in bester Ordnung war, so ließ mich die Polizei, die sonst alle Reisenden scharf beobachtete, ohne Schwierigkeit in die Stadt ein. Zunächst suchte ich einige meiner Universitätsfreunde auf, die von Bonn nach Berlin übergesiedelt waren. Ihnen vertraute ich mich an – d. h. meine Person; nicht das Geheimnis meines Planes. Bei zweien von ihnen, Müller und Rhodes, ehemaligen Mitgliedern der Bonner Frankonia, die nun in Berlin studierten und ein Quartier auf der Markgrafenstraße bewohnten, fand ich Obdach und herzliches Willkommen. Mit ihnen ging ich aus und ein, so daß die Polizisten, die in jenem Bezirk Dienst hatten, mich für einen der Berliner Universität angehörenden Studenten hielten. Und wie es damals in Berlin Sitte war und vielleicht teilweise noch ist, daß der Einwohner eines Miethauses nicht selbst einen Hausschlüssel führt, sondern, wenn er nachts nach Hause kommt, sich vom Nachtwächter der Straße das Haus aufschließen läßt, so rief auch ich, wenn ich spät von meinen Gängen zurückkehrte, den Nachtwächter herbei, damit er mir das gastliche Haus öffne. Daß ich, der steckbrieflich Verfolgte, der Flüchtling, von der Berliner Polizei, die für so allwissend galt, so willig bedient wurde, gab uns häufig Stoff zum Lachen und war in der Tat scherzhaft genug. Es ist daher nicht zu verwundern, daß ich unter solchen Umständen ein wenig übermütig wurde und einige leichtsinnige Dinge tat, die mir hätten teuer zu stehen kommen können. Während ich Verbindungen anknüpfte und Anstalten traf, welche die Befreiung Kinkels vorbereiteten, und von denen ich später genauer erzählen werde, konnte ich mich der Versuchung der von der Hauptstadt gebotenen Genüsse nicht ganz entziehen, und unter diesen Genüssen war einer, der mir besonders kostbar, aber auch besonders gefährlich wurde.

Die berühmte französische Schauspielerin Rachel befand sich damals in Berlin, um dort ihr klassisches Repertoire dem hauptstädtischen Publikum vorzuführen. Sie hatte zu jener Zeit den Höhepunkt ihres Ruhmes erreicht. Ihre Lebensgeschichte wurde wieder und wieder von den Zeitungen erzählt – wie dieses Kind armer elsässischer Juden, geboren im Jahre 1820 in einem kleinen Wirtshause im schweizerischen Kanton Aargau, ihre Eltern auf ihren Hausiertouren in Frankreich begleitet hatte; wie sie Pfennige erworben hatte, indem sie mit einer ihrer Schwestern auf den Straßen von Paris zur Harfe sang; wie ihre Stimme vielfache Aufmerksamkeit auf sich zog und sie darauf im Konservatorium aufgenommen wurde; wie sie vom Singen zum Deklamieren und zu schauspielerischen Versuchen überging; wie ihr phänomenales Genie, plötzlich hervorstrahlend, sie sofort den berühmtesten histrionischen Künstlern der Zeit voranstellte. Wir revolutionären jungen Leute erinnerten uns auch mit besonderem Interesse an die kurz nach der Februarrevolution des Jahres 1848, als König Louis Philipp geflohen und die Republik proklamiert worden war, von Paris gekommenen Berichte, wie die Rachel auf einer Bühne in Paris die Marseillaise halb singend und halb sprechend rezitiert und damit in ihren Zuhörern einen wunderbaren Paroxysmus von patriotischer Begeisterung entflammt habe.

Einige meiner jungen Freunde in Berlin, die ihrer ersten Aufführung dort beigewohnt, kamen zu mir mit überaus enthusiastischen Erzählungen. Natürlich wünschte ich sehr, das auch zu genießen. Freilich konnte ich das nicht ohne Gefahr. Aber meine Freunde meinten, die Polizeispitzel würden schwerlich im Theater sich nach Staatsverbrechern umsehn, und ich würde in einem Schwarm von Rachelenthusiasten ziemlich sicher sein. Ich könnte mich ja in irgend einer dunkeln Ecke des Parterre aufhalten ohne Gefahr, einem feindlichen Blick zu begegnen – wenigstens einen Abend. Mit dem Leichtsinn der Jugend entschloß ich mich dann zu dem Wagnis.

So sah ich die Rachel. Es war einer der überwältigendsten Eindrücke meines Lebens. Ich hatte die meisten der Tragödien Racines, Corneilles und Voltaires gelesen und getraute mich wohl, dem Dialog folgen zu können. Aber ich hatte nie an diesen Stücken viel Gefallen gefunden. Die darin dargestellten Empfindungen waren mir gekünstelt erschienen, die Leidenschaften unecht, die Sprache stelzenhaft, die alexandrinische Versform mit ihrer unerbittlichen Cäsur über die Maßen steif und langweilig. Ich hatte mich immer gewundert, wie solche Stücke auf der Bühne packend dargestellt werden könnten. Das sollte ich nun erfahren. Als die Rachel auf die Szene trat – nicht mit dem bekannten affektierten Kothurnschritt, sondern mit einer ihr eigentümlichen Würde und majestätischen Anmut, gab es zuerst einen Moment schweigenden Erstaunens und dann einen rauschenden Ausbruch von Beifall. Einen Augenblick stand sie still, in den Falten ihres klassischen Gewandes wie eine antike Statue frisch von der Hand des Phidias, – das Gesicht ein langes Oval; eine schön gewölbte Stirn beschattet von schwarzem welligem Haar; unter hoch geschwungenen gewitterdunkeln Brauen zwei Augen, die wie schwarze Sonnen in tiefen Höhlen brannten und leuchteten; die Nase fein und leicht gebogen mit offenen, zuckenden Nüstern; über einem energischen Kinn eine strenge, vornehme Linie der Lippen mit leicht abwärts geneigten Mundwinkeln, wie wir uns den Mund der tragischen Muse vorstellen mögen; die Gestalt, – zuweilen groß, zuweilen klein scheinend, sehr mager und doch voll Kraft; die schlanke, sprechende Hand mit ihren feinen Fingern von seltener Schönheit – der bloße Anblick versetzte den Zuschauer in einen Zustand des Erstaunens und der geheimnisvollen Erwartung.

Nun begann sie zu sprechen. In tiefen Tönen, wie aus den innersten Höhlen der Brust, ja, wie aus dem Bauche der Erde, kamen die ersten Sätze hervor. War das die Stimme eines Weibes? Eines fühlte man gewiß, – eine solche Stimme hatte man nie gehört, – nie einen Ton zuweilen so hohl und doch so voll, so gewaltig und doch so weich, so übernatürlich und doch so wirklich. Aber diese erste Überraschung mußte bald neuen und größeren weichen. Diese Stimme, in so tiefen Tönen beginnend, flog und rollte nun im wechselnden Spiel der Empfindungen oder Leidenschaften die Tonleiter auf und ab, – eine Oktave oder zwei, wie die Noten eines musikalischen Instrumentes von scheinbar unbegrenztem Umfang und endloser Mannigfaltigkeit der Tonfarbe. Wo war nun die Steifheit der Alexandriner geblieben? Wo die langweilige Einförmigkeit der Cäsur? Diese wunderbare Stimme und die Wirkungen, die sie auf den Hörer hervorbrachte, lassen sich kaum beschreiben ohne die Hülfe scheinbar übertriebener Metapher.

Wie ein stiller Strom durch grüne Gefilde floß die Rede dahin: oder sie hüpfte munter spielend wie ein Bach über Kieselgeröll; oder sie stürzte rauschend herab wie ein Bergwasser von Fels zu Fels. Aber wenn die Leidenschaft losbrach, wie schwoll und wogte und brauste diese Stimme gleich der vom Sturm gejagten Brandung der Meeresflut stürzend gegen den Strand; oder sie rollte und krachte und schmetterte wie der Donner nach dem Zischen des nah einschlagenden Blitzes, der uns in Schrecken auffahren macht. Die elementaren Kräfte der Natur und alle Gefühle und Erregungen der menschlichen Seele schienen entfesselt in dieser Stimme, um darin ihre beredteste, ergreifendste, durchschauerndste Sprache zu finden. Jetzt kam ein Ton der Rührung, und die Tränen schossen uns jählings in die Augen; nun eine scherzende oder einschmeichelnde Wendung, und ein glückliches Lächeln flog über alle Gesichter; nun eine Note der Trauer oder der Verzweiflung, und die Herzen aller Zuhörer zitterten vor Wehmut; aber dann einer jener furchtbaren Ausbrüche der Leidenschaft, und man griff unwillkürlich nach dem nächsten Gegenstand, um sich festzuhalten gegen den Orkan. Die wunderbaren Modulationen dieser Stimme würden allein, ohne sichtbare Gestalt, hingereicht haben, die Seele des Zuhörers mitzureißen durch all Phasen der Empfindung, der Freude, des Schmerzes, der Liebe, des Hasses, der Verzweiflung, der Eifersucht, der Verachtung, des unbändigen Zornes, der wütenden Rachesucht.

Aber wer kann den Zauber der Geste beschreiben und das Spiel der Augen und der Gesichtszüge, mit denen die Rachel den Zuschauer überwältigte, so daß die gesprochenen Worte zuweilen fast überflüssig schienen? Das war nicht allein kein Umherschwenken der Arme, kein Durchsägen der Luft, keine der armseligen mechanischen Künste, von denen Hamlet spricht. Rachels Gestikulation war sparsam und einfach. Aber wenn diese schöne Hand mit ihren schlanken, fast durchsichtigen Fingern sich erhob oder senkte, so sprach sie, und jedem Zuschauer war diese Sprache eine Offenbarung. Breiteten diese Hände sich offen in erklärender Weise aus und verharrten einen Augenblick in dieser Stellung – einer Stellung, die das Genie des Bildhauers sich nicht schöner hätte träumen können –, so eröffneten sie das vollste, befriedigendste Verständnis. Streckten diese Hände sich nach dem Freunde, dem Geliebten aus, und begleitete sie diese Bewegung mit einem Lächeln – dem Lächeln, das in ihrer Aktion selten war, aber wenn es kam, die Umgebung bestrahlte wie ein freundlicher Sonnenblick aus einem wolkigen Himmel –, so flog etwas wie ein glückliches Beben über das Haus. Wenn sie ihren edeln Kopf mit dem majestätischen Stolz der Autorität erhob, als beherrschte sie die Welt, so mußte jeder sich vor ihr beugen. Wer würde gewagt haben, den Gehorsam zu verweigern, wenn sie, mit königlicher Macht auf ihrer Stirn, die Hand erhob zum Zeichen des Befehls? Und wer hätte aufrecht vor ihr stehen können gegen den steinig stieren Blick der Verachtung in ihrem Auge, und gegen das höhnisch vorgestoßene Kinn, und den wegwerfenden Schwung ihres Armes, der den Elenden vor ihr in das Nichts zu schleudern schien?

Es war in der Darstellung der bösen Leidenschaften und der wildesten Empfindungen, daß sie ihre ungeheuersten Wirkungen erreichte. Nichts Furchtbareres kann die Phantasie sich ausmalen, als ihren Anblick in den größten Steigerungen des Ausdrucks. Wolken von unheimlich drohender Finsternis sammelten sich auf ihren Brauen. Ihre Augen, von Natur tief liegend, schienen hervor zu quellen und funkelten und blitzten mit wahrhaft höllischem Feuer. Ihr Gesicht verwandelte sich in ein Gorgonenhaupt, und man fühlte, als sähe man die Schlangen sich in ihren Haaren winden. Ihr Zeigefinger schoß hervor wie ein vergifteter Dolch auf den Gegenstand ihrer Verwünschung. Oder ihre Faust ballte sich, als wollte sie die Welt mit einem einzigen Schlage zerschmettern. Oder ihre Finger krallten sich, wie mörderische Tigerklauen, um das Opfer ihrer Wut zu zerreißen, – ein Anblick so grauenvoll, daß der Zuschauer, schaudernd vor Entsetzen, sein Blut erstarren fühlte und, nach Atem ringend, unwillkürlich stöhnte: „Gott steh uns bei!“

Dies alles mag wie eine wilde Übertreibung klingen, wie ein extravagantes Phantasiebild, geboren aus der erhitzten Einbildung eines von der Theatergöttin bezauberten jungen Menschen. Ich muß gestehen, daß ich zuerst meinen eigenen Empfindungen mißtrauen wollte. Ich habe daher, damals sowohl wie zu späteren Zeiten, Personen reifen Alters, welche die Rachel gesehen hatten, nach den Eindrücken gefragt, die sie empfangen, und ich habe gefunden, daß diese Eindrücke sich fast nie von den meinen wesentlich unterschieden. In der Tat, ich habe oft grauköpfige Männer und Frauen, Personen von künstlerischer Erfahrung, gebildetem Geschmack und ruhigem Urteil über die Rachel sprechen hören mit derselben unbeherrschbaren Begeisterung, die mich zurzeit überwältigt hatte.

Ich kann in Wahrheit sagen, daß in meiner Bewunderung der Rachel nichts war von der oft vorkommenden Schwärmerei eines romantischen Jünglings für eine Schauspielerin. Wenn jemand mir angeboten hätte, mich bei der Rachel persönlich einzuführen, so würde nichts mich bewogen haben, die Einladung anzunehmen. Die Rachel war mir ein Dämon, ein übermenschliches Wesen, eine geheimnisvolle Naturkraft, – nur kein Weib, mit dem man frühstücken, oder über alltägliche Dinge sprechen, oder im Park spazieren fahren könnte. Meine Bezauberung war von durchaus geistiger Art. Aber die Anziehungskraft ihres Genies war so stark, daß ich ihr nicht widerstehen konnte, und so ging ich denn ins Theater, um sie zu sehen, so oft der Zweck, zu dessen Erreichung ich in Berlin war, und der häufige nächtliche Besuche in Spandau erforderte, mir dazu Zeit ließ. Dabei vergaß ich allerdings nicht ganz die Gefahr, der die Theaterbesuche mich aussetzten. Ich nahm mir immer einen Sitz im Parterre möglichst nahe beim Ausgang. Bei offenem Vorhang durfte ich darauf rechnen, daß aller Augen auf die Szene geheftet blieben. In dem Zwischenakten aber, wenn manche der Zuschauer sich umdrehten, um sich das Publikum anzusehen, hatte ich stets mein Opernglas vor den Augen, auf die Leute in den Logen gerichtet, und gelegentlich hielt ich mein Taschentuch vors Gesicht, als ob ich Zahnweh hätte. Und sobald nach dem letzten Akte der Vorhang fiel, eilte ich möglichst schnell hinaus, um das Gedränge zu vermeiden.

Aber eines Abends, als die Schlußszene mich noch mehr als gewöhnlich gefesselt hatte, war ich doch nicht schnell genug. Ich geriet unter die Menge der Hinausströmenden, und plötzlich wandte sich mir in diesem Gedränge ein Gesicht zu, dessen Anblick mich erschreckte. Es war das eines Menschen, der nach der Märzrevolution im Jahre 1848 in Bonn studiert und unserem demokratischen Verein angehört hatte, aber durch einige sonderbare Vorkommnisse unter den Verdacht gefallen war, der Polizei als Spion zu dienen. Ich hatte von seiner Anwesenheit in Berlin gehört, und auch dort wurde er als eine verdächtige Persönlichkeit gemieden. Nun befand ich mich in diesem Menschenknäuel ihm dicht gegenüber, und er blickte mir gerade in die Augen mit einem Ausdruck, als sei er überrascht, mir dort zu begegnen. Ich sah ihn fest an, als wunderte ich mich, von einem unbekannten Menschen so fixiert zu werden. So standen wir einige Augenblicke Angesicht zu Angesicht, ohne uns bewegen zu können. Dann lockerte sich das Gedränge, und ich machte mich eiligst davon. Das war mein letzter Rachelabend in Berlin.

Aber ich habe sie doch später wiedergesehen, im nächsten Jahre in Paris und noch später in Amerika. In der Tat, ich habe sie zu verschiedenen Zeiten in all ihren großen Rollen gesehen, in einigen davon mehrere Male, und der Eindruck war immer der gleiche, selbst auf ihrer amerikanischen Tour, als ihre Lungenkrankheit schon stark bemerklich war und es hieß, ihre Kräfte seien sehr auf der Neige. Ich habe oft versucht, mir über diese Eindrücke Rechenschaft zu geben, und mich zu diesem Ende gefragt: „Aber ist dies nun wirklich der Spiegel der Natur? Hat wirklich je ein Weib in solchen Tönen gesprochen? Haben solche Wesen, wie die Rachel uns vorführt, jemals wirklich gelebt?“ Nie konnte ich eine andere Antwort finden, als daß solche Fragen müßig und eitel seien. Wenn die Phädra, die Roxane je gelebt haben, so mußten sie so gewesen sein und nicht anders. Aber die Rachel stellte nicht nur individuelle Menschen dar; in ihren verschiedenen Charakteren war sie die ideale Verkörperung des Glücks, der Freude, des Schmerzes, des Elends, der Liebe, der Eifersucht, des Hasses, des Zornes, der Rache; und alles dies in plastischer Vollendung, in höchster poetischer Gewalt, in gigantischer Wahrheit. Dies mag keine besonders klare oder genaue Definition sein, aber sie ist so klar und genau, wie ich sie geben kann. Man sah, man hörte, und man war überwunden, unterjocht, zauberhaft, unwiderstehlich. Die Schauer des Entzückens, der Angst, des Migefühls, des Entsetzens, mit denen die Rachel ihre Zuschauer übergoß, entzogen sich aller Analyse. Die Kritik tastete in hülfloser Verlegenheit umher, wenn sie unternahm, die Leistungen der Rachel zu klassifizieren, oder sie mit irgend einem herkömmlichen Maßstabe zu messen. Die Rachel stand ganz allein in ihrer Eigentümlichkeit. Der Versuch, sie mit irgend andern Schauspielern oder Schauspielerinnen zu vergleichen, schien sinnlos, denn die Verschiedenheit zwischen ihr und den andern war nicht eine bloße Verschiedenheit zwischen Graden der Vortrefflichkeit, sondern eine Verschiedenheit der Art, des Wesens. Einige Schauspielerinnen jener Periode mühten sich ab, die Rachel nachzuahmen; aber wer das Original gesehen, hatte nur ein Achselzucken für die Kopie. Es war der bloße Mechanismus ohne den göttlichen Hauch. Ich habe seither nur drei Künstlerinnen höheren Ranges gesehen, die Ristori, die Wolter und Sara Bernhardt, die dann und wann mit einer Geste oder einer besondern Intonation der Stimme an die Rachel erinnerten, aber nur in flüchtigen Momenten. Im ganzen war der Unterschied doch unverkennbar. Es war der Unterschied zwischen dem wahren Genie, das unwiderstehlich überwältigt, und vor dem wir uns unwillkürlich beugen, und dem großen Talent, das wir bloß bewundern. Die Rachel ist mir daher eine alles überschattende Erinnerung geblieben. Und wenn in späteren Jahren dann und wann in meinem Freundeskreise von großen Bühnenleistungen die Rede war und sich ein besonderer Enthusiasmus über eine lebende Theatergröße laut machte, so habe ich selten die Bemerkung zurückhalten können, – in der Tat, ich fürchte, ich habe sie oft genug bis zur Langweiligkeit wiederholt: „Alles recht schön, aber ihr hättet die Rachel sehen sollen!“

Wenige Tage nach meiner Begegnung mit dem Polizeispion traf mich ein wirkliches Unglück. Ich ging mit meinen Freunden Rhodes und Müller in ein öffentliches Badehaus. In der Zelle, in welcher ich mich nach dem Bade wieder ankleidete, glitt ich auf dem nassen Fußboden aus und verletzte durch den Fall meine linke Hüfte dergestalt, daß ich nicht aufzustehen vermochte. Ich wurde nun von meinen Freunden unter großen Schmerzen in eine Droschke gepackt und nach meinem Quartier in der Markgrafenstraße geschafft, wo zwei herbeigerufene junge Ärzte, von denen einer, Dr. Tendering, mein Universitätsgenosse in Bonn gewesen, zurzeit aber Kompagniechirurg in einem Infanterieregiment war, den Schaden untersuchten. Da ich sehr litt, so wurde ich, zum erstenmal in meinem Leben, unter Chloroform gesetzt. Ich erinnere mich noch sehr deutlich des Traumes, den das Chloroform hervorbrachte. Mir war, als säße ich auf einer rosafarbenen Wolke, die sich langsam mit mir von der Erde erhob, aber mein linker Fuß war an der Erde festgebunden und das Hinaufsegeln der Wolke verursachte eine etwas schmerzhafte Spannung. In der Tat waren die beiden Ärzte damit beschäftigt, mein linkes Bein zu ziehen und hin und her zu drehen. Sie fürchteten nämlich, ich hätte den linken Schenkelhals gebrochen. Aber ich litt nur, wie die Ärzte sich überzeugten, an einer sehr starken Quetschung, die mich längere Zeit ans Bett zu fesseln drohte. Da lag ich denn, unbeweglich und hülflos, während die Stadt von Polizeiagenten wimmelte, denen der Fang eines pfälzisch-badischen Freischärlers, der noch dazu wegen sonstiger politischer Untaten verfolgt und jetzt in sehr sträflichen Dingen engagiert war, ein besonderes Vergnügen gewesen sein würde. Mein Invalidentum dauerte über zwei Wochen. Sobald ich mich wieder hinauswagen konnte, ging ich mit verdoppeltem Eifer an die Aufgabe, von deren Lösung ich nun einen zusammenhängenden Bericht geben werde.

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