Auf dem Gymnasium in Köln.

Ich war zehn Jahre alt, als mein Vater mich nach Köln ins Gymnasium brachte. Es war das katholische, oder, wie es gewöhnlich genannt wurde, das Jesuitengymnasium, obgleich es mit dem Orden in keinerlei Verbindung stand. Köln hatte damals etwa 90 000 Einwohner und war in meiner Vorstellung eine der großen Städte der Welt. Schon früher hatte ich die Stadt einmal mit meinem Großvater besucht, und ich erinnere mich, wie er bei dieser Gelegenheit mir meine übergroße Höflichkeit verwies, da ich, der Dorfsitte gemäß, vor jeder erwachsenen Person, der wir auf den Straßen begegneten, zum Gruße meine Mütze abziehen wollte; denn, sagte er, es seien so viele Leute in Köln, daß man, wenn man sie alle grüßte, zu nichts anderem Zeit haben würde; zweitens kenne man nicht alle, und manche darunter seien nicht wert, gegrüßt zu werden; und drittens würde man sich durch solche Höflichkeit nur als Landpflanze erweisen und lächerlich machen. Vor diesem Lächerlichmachen hatte ich nun große Scheu, und doch geschah es mir, daß, obgleich ich durch den genossenen sehr gründlichen Elementarunterricht, meine lateinischen Vorstudien und meine unter kleinen Knaben nicht gewöhnliche Belesenheit gut vorbereitet war, mein erstes Erscheinen im Gymnasium mich dem Spott meiner Mitschüler aussetzte. In den Schulen in Liblar und Brühl hatten wir für unsere Rechenexempel sowohl wie für einige andere schriftliche Arbeiten Schiefertafeln benutzt. Nicht ahnend, daß der Gebrauch einer Schiefertafel mit der Würde des Sextaners im Gymnasium durchaus unverträglich sei, brachte ich bei dem Eintritt in die Klasse meine Schiefertafel mit mir. Sofort waren die Blicke all meiner Mitschüler, von denen ich keinen einzigen kannte, auf mich gerichtet, und es brach allgemeines Gelächter aus, als einer auf gut Kölnisch ausrief: „Süch ens doh! Dä het ene Ley! Dä het ene Ley!“ (Sieh einmal da! der hat eine Schiefertafel!) Ich hätte mich gerne sofort mit der Faust an die Höhnenden gemacht, aber da trat der Ordinarius ein, und es erfolgte erfurchtsvolle Stille.

Da meine Eltern über nur geringe Mittel geboten, so wurden meine häuslichen Einrichtungen in Köln auf einen recht bescheidenen Fuß gesetzt. Mein Vater quartierte mich bei einem ihm bekannten Schlossermeister auf der Maximinenstraße ein für eine billige Vergütung. Meister Schetter, so hieß er, galt für einen tüchtigen Handwerker und braven Bürger, und seine Frau, eine fleißige Haushälterin, besorgte mich wie ihr eigenes Kind. Mit dem Sohn des Hauses, der als Schlossergeselle bei seinem Vater arbeitete, schlief ich in demselben Bette. Meine Mahlzeiten mußte ich an demselben Tische nehmen mit den Gesellen, wie das auch der Meister und die Frau Meisterin taten. Bei Tisch hielt der Meister auf strengen Anstand; er selbst führte da das Wort, und höchstens der Altgeselle durfte einmal mitsprechen. Meine Lektionen studierte ich in dem Wohnzimmer der Familie, wo ich jedoch an Werktagen gewöhnlich allein blieb. Gesellige Berührung mit Leuten von Bildung hatte ich außerhalb der Schule nicht; aber die Schule selbst brachte mich unter sehr wünschenswerte Einflüsse.

In unsern Tagen wird die Frage, was in den Gymnasien und ähnlichen Anstalten gelehrt werden sollte, vielfältig diskutiert. Ich werde später darauf zurückkommen. Aber die Frage des Lehrplanes halte ich keineswegs für die einzig wichtige, vielleicht nicht einmal für die wichtigste. Was man in der Schule lernt, ist doch natürlich nur wenig, nur ein geringer Teil dessen, was man für eine fruchtbare Wirksamkeit im Leben zu lernen hat. Es kommt daher besonders darauf an, daß das in der Schule Gelehrte, was es auch sein mag, in einer Weise gelehrt werde, die bei dem lernenden Schüler die Lust des Lernens weckt und anregt und ihn in den Stand setzt, die Mittel des selbständigen Weiterlernens, soweit sie ihm erreichbar sind, leicht zu finden und mit Geschick und Erfolg zu benutzen, mit einem Wort, daß der Schüler in der Schule das Lernen lernt. Dies erfordert dann nicht allein richtige, auf diesen Zweck berechnete Lehrmethoden, sondern auch eine besondere individuelle Fähigkeit des Lehrers, die Fähigkeiten des Schülers zu erkennen, in Tätigkeit zu setzen und zu lenken. Gerade in diesem Punkte bin ich während meiner Lehrjahre auf dem Gymnasium in Köln ungemein begünstigt gewesen.

Der Ordinarius der Sexta war zu meiner Zeit ein junger Westphale, Heinrich Bone, dessen ich mit besonderer Dankbarkeit gedenken muß. Er hat sich später auch in weiteren Kreisen als Lehrer einen nicht unbedeutenden Namen gemacht. Er gab uns neben dem lateinischen auch den deutschen Unterricht, und wenn ich in meinem spätern Leben den Grundsatz festgehalten habe, daß Klarheit, Anschaulichkeit und Direktheit des Ausdrucks die Haupterfordernisse eines guten Stiles sind, so habe ich das in großem Maße den Lehren zu verdanken, die ich von Bone empfing. Statt uns fortwährend mit trockenen grammatischen Regeln zu quälen, ließ er uns sogleich kleine deutsche Aufsätze anfertigen, nicht etwa über solche Gegenstände wie die „Schönheit der Freundschaft“, oder den „Nutzen des Eisens“, sondern zuerst kurze Beschreibungen gesehener Dinge, eines Hauses, einer Baumgruppe, eines Stadttores, eines Bildes und dergleichen mehr. Diese Beschreibungen hatten wir anfänglich in den allereinfachsten Satzformen zu halten, ohne irgendwelche Verwicklung oder Verzierung. Der wichtigste Grundsatz aber, den er uns mit besonderem Nachdruck einschärfte, war dieser: Jedes Hauptwort, jedes Eigenschaftswort, jedes Zeitwort mußte eine mit den Sinnen wahrgenommene Sache, Eigenschaft oder Handlung ausdrücken. Alles Verschwommene, Abstrakte, nicht sinnlich Wahrgenommene war fürs erste streng ausgeschlossen. So wurden wir denn gewöhnt, zuerst uns unserer sinnlichen Wahrnehmungen und Eindrücke klar zu versichern, und dann dieselben in klarster, bestimmtester und einfachster Weise zum Ausdruck zu bringen in Worten, die eben das Wahrgenommene darstellten und nichts anderes.

Nachdem diese Übungen in der einfachsten Form uns eine Zeitlang beschäftigt und wir es darin zu einer gewissen Sicherheit gebracht hatten, wurden uns Erweiterungen in der Satzbildung erlaubt, jedoch sollten dieselben nur dazu dienen, um Wahrgenommenes in seiner Gestalt, seinen Eigenschaften oder seiner Tätigkeit klarer und vollständiger vorzuführen. Diese Erweiterungen wurden wir angewiesen, allgemach zu entwickeln, bis wir endlich mehr oder minder verschlungene Satzperioden zu bilden verstanden. Auf die Aufsätze rein beschreibenden Inhalts, deren Gegenstände nach und nach größere Verhältnisse angenommen hatten, folgte dann die erzählende Darstellung einfacher Vorgänge, kleine Geschichten. Stets aber bestand der Lehrer auf Anschaulichkeit als dem vornehmsten Erfordernis; und erst dann ließ er den abstrakten Begriff und die Reflexion zum Ausdruck zu, als vorausgesetzt werden konnte, daß der Schüller von anständiger Begabung das Wesentliche der Beobachtung, Auffassung und Darstellung sinnlicher Erscheinungen gründlich erfaßt hatte. Die Aufsätze wurden von Bone sorgfältig korrigiert und bei der Zurückgabe der Hefte einer belehrenden Einzelkritik unterworfen, die, wenn sie etwas in außergewöhnlicher Weise zu loben fand, dem Schüler zu besonderer Ermutigung gedieh. Bones Methode lehrte uns also nicht allein korrekte Sätze zu bauen, sondern sie übte in uns die Fähigkeit, die merkwürdigerweise bei verhältnismäßig wenigen Menschen gründlich ausgebildet ist, die Fähigkeit, so zu sehen, so wahrzunehmen, daß man sich über das Wahrgenommene vollständige Rechenschaft geben und es zu klar anschaulicher Darstellung bringen kann. Das Studium der Grammatik, das keineswegs vernachlässigt wurde, lief dabei nebenher als das dienende Element.

Der dieser Methode zugrunde liegende Gedanke, daß es der Hauptzweck des Unterrichts ist, den Geist des Schülers zu selbständiger Tätigkeit anzuregen und darin leitend zu fördern – auf alle Lehrgegenstände angewandt –, enthält das Geheimnis der erfolgreichen Schülererziehung. So wird das Lernen gelehrt. Freilich erfordert die Durchführung dieser Methode Lehrer von Fähigkeit und gründlicher Ausbildung, denen auch ihr Beruf etwas mehr ist als ein bloßes Routinegeschäft.

Ich rechne es unter die Begünstigungen durch das Schicksal in meinem Leben, daß Professor Bone von Jahr zu Jahr aufsteigend Ordinarius der Sexta, Quinta und Quarta wurde, und daß ich so drei Jahre hindurch unter der Leitung dieses ausgezeichneten Lehrers stand. Der in der Klasse genossene Unterricht wurde durch häufige Gespräche mit ihm vervollständigt, da ich das Glück hatte, ihm persönlich näher zu kommen. Meine ersten kleinen Aufsätze zogen seine Aufmerksamkeit auf sich und gewannen seinen Beifall. Ich erinnere mich noch lebhaft meiner stolzen Genugtuung, als ich einmal eine meiner Arbeiten der Klasse als ein Muster vorlas. Er hob besonders einen Satz heraus, in dem eine Sommerabendszene im Dorfe beschrieben war, wie die Knaben die Kühe von der Weide herein trieben, während die Frauen und Mädchen an dem durch das Dorf fließenden Bächlein saßen, ihr Blech- und Zinngeschirr blank scheuernd; und der Professor setzte hinzu: „Das ist nun ein klassischer Satz.“ Er faßte eine warme Zuneigung zu mir und lud mich ein, ihn auf seinem Zimmer zu besuchen. Damals war er mit der Zusammenstellung eines deutschen Lesebuches für den Gymnasialunterricht beschäftigt, für das er selbst eine Reihe kleiner Beschreibungen und Geschichten als Muster seiner Methode schrieb. Mehrere davon las er mir vor und forderte mich, wahrscheinlich um sich des Eindrucks auf den Geist des Schülers zu vergewissern, zur Kritik auf, die ich dann mit Freimut, wenn auch nicht ohne Schüchternheit, ausübte. Er erwies mir sogar die Ehre, zwei oder drei meiner eigenen kleinen Schulaufsätze, in denen er seine Lehre am treuesten befolgt fand, ohne wesentliche Änderung seinem Buche einzufügen. Einen davon, den ich in der Sexta geschrieben, will ich hier mitteilen, wie ich ihn in der dreiundfünfzigsten Auflage des Lesebuches, die ich mir aus Deutschland habe kommen lassen, vor mir sehe. Es ist eine Jagdszene:

„Berge und Felder waren mit glänzendem Schnee bedeckt; der Himmel trug das rosige Kleid der Morgenröte. Da sah ich drei Jäger, welche unter einer hohen Eiche standen. Die größeren Äste des Baumes trugen eine schwere Last Schnee, die kleineren waren mit Reif behangen. Die Kleider der Jäger hatten eine hellgrüne Farbe und waren mit blanken Knöpfen besetzt. Zu ihren Füßen lag ein großer Hirsch, dessen rotes Blut den weißen Schnee färbte. Drei dunkelbraune Hunde saßen um den toten Körper und ließen die roten Zungen lechzend hervorhängen.“

Dies illustriert Bones Methode, sowie meine Auffassung derselben. In dem Lesebuche blättere ich oft, und dann steigt mir das Bild mancher schönen Abendstunde auf, die ich mit meinem verehrten Lehrer in anregendem Gespräch verbrachte. Nicht wenige dieser Stunden benutzte er dazu, meine Lektüre zu leiten und mich besonders mit den Schönheiten der älteren deutschen Dichter bekannt zu machen. Ich selbst versuchte mich früh im Verseschreiben und war in Gefahr, eine gute Meinung von meinen poetischen Inspirationen und meiner Geschicklichkeit im Ausdruck zu gewinnen, als ich eines Tages meinem Lehrer eins meiner Erzeugnisse vorlas, ohne mich als Verfasser zu bekennen, und er sagte: „Das Gedicht klingt ja, als ob es von Claudius wäre, aber ich kenne es nicht.“

Auch trieb mich Bone an, Geschichtliches zu lesen. Ich besaß Beckers vielbändige Weltgeschichte. Diese las ich ganz durch und begann darauf, das wieder zu lesen, was mich besonders interessiert hatte. So wurde ich durch die in dem Beckerschen Werke gegebenen Auszüge zuerst mit dem Homer bekannt. Diese Auszüge, in gefälliger Prosa geschrieben, stachelten meine Begier, davon mehr zu sehen, so sehr an, daß ich mir die Übersetzung der Iliade und der Odyssee von Voß verschaffte. Nie hatte mich bis dahin, und ich glaube, nie hat mich seither eine Dichtung so gewaltig gepackt, wie der Abschied Hektors von Andromache am skäischen Tor, da der Held den kleinen Astyanax auf seinen Arm nimmt und die Götter anruft; – wie das Niedersinken des alten Königs Priamus im Zelte des Achilles, als er den grausamen Sieger um die Leiche seines herrlichen Sohnes anfleht; – wie die Begegnung zwischen Odysseus und Nausikaa und der Abschied des göttlichen Dulders vom Hause des Königs der Phäaken, als Nausikaa traurig und verschämt, hinter einer Säule verborgen, dem scheidenden Fremdling nachblickt; – wie der furchtbare Kampf mit den Freiern und das Wiedersehen des Odysseus und der treuen Penelope; – wie die Szene, als der zurückgekehrte Held sich im Garten des stillen Landhauses dem alten, gramgebeugten Vater Laertes zu erkennen gibt. Den Grund, warum diese Szenen mich soviel tiefer bewegten, als die Beschreibungen der Kämpfe in der Iliade und die fabelhaften Abenteuer in der Odyssee, obgleich diese auch mich mächtig fesselten, habe ich erst später einsehen lernen: sie berühren das rein menschliche Gefühl, welches weder von Zeit noch von Ort abhängt – welches weder antik, noch modern, sondern universal und ewig ist.

Nachdem ich die Übersetzung des Homer gelesen, sehnte ich mich mit Begier danach, das Studium des Griechischen zu beginnen, und die Leichtigkeit, mit der ich mir später diese Sprache aneignete, war wohl in großem Maße dem Wunsche zu verdanken, das, was ich dem Inhalt nach als so schön empfunden, auch in der ganzen Herrlichkeit seiner ursprünglichen Form kennen zu lernen.

Mit den römischen Königen und den Helden der Republik war ich natürlich auch bald befreundet, und ich habe damals an mir selbst die Erfahrung gemacht, wie sehr ein mit lebhaftem Interesse geführtes Studium der Geschichte eines Landes das Studium der Sprache desselben erleichtert. Und dies gilt von den alten Sprachen ebensosehr wie von den neuen. Wenn der Schüler aufhört, in dem Schriftsteller, den er zu übersetzen hat, nur einen Haufen von Wörtern zu sehen, die betreffs ihrer Übereinstimmung mit grammatischen Regeln geprüft werden müssen; wenn das, was der Autor sagt, so sehr des Schülers Wißbegierde angeregt hat, daß dieser eifrig den wahren Sinn und Zusammenhang jedes Wortes erforscht und mit Lust von Zeile zu Zeile und von Seite zu Seite vorwärts eilt, um mehr zu erfahren, dann wird die Grammatik, die ihm ja nur in seinem Streben Hilfe bietet, aufhören, für ihn ein trockenes und abstoßendes Studium zu sein, und die Sprache wird ihm wie von selbst zufliegen. Dies wurde mir klar, als ich unter Bones Leitung den Cornelius Nepos und Cäsars gallischen Krieg las, und noch mehr später bei dem Übersetzen der ciceronischen Reden in den höhern Klassen. Die meisten derselben kommen dem Schüler zuerst ziemlich schwer vor. Fängt er aber jedesmal damit an, die Umstände zu studieren, unter denen die Rede gehalten wurde, den Zweck zu erforschen, der durch sie erreicht werden sollte – die Punkte festzustellen, auf die es besonders ankam – sich die Persönlichkeiten zu versinnlichen, die dabei beteiligt waren – so wird er sich unwillkürlich von der Begierde fortgerissen fühlen, genau zu erfahren, mit welchen Darstellungen und Argumenten, welchen Angriffen und Verteidigungen, welchen Anrufungen an die Vernunft oder an das Ehrgefühl, oder an die Leidenschaft der Redner seine Sache geführt hat – und das Lebensvolle der Lektüre läßt bald die sprachlichen Schwierigkeiten verschwinden. Ich erinnere mich, daß ich, so angeregt, in meinen Übersetzungen gewöhnlich über die für die nächste Unterrichtsstunde gestellte Aufgabe weit hinausging; und durch das vielfache Lesen bildete sich ein Gefühl, ich möchte sagen, für den Tonfall der Sprache aus, welches später in der ziemlich guten Latinität meiner lateinischen Aufsätze wieder zum Vorschein kam.

Diese Art zu studieren hatte ich zum großen Teil meinem Lehrer Bone zu verdanken, der aber aufhörte, mein Lehrer zu sein, als ich aus der Quarta in die Tertia aufstieg. Man war auch außerhalb des Gymnasiums auf seine außergewöhnlichen Fähigkeiten aufmerksam geworden, und er empfing einen Ruf, die Leitung einer Erziehungsanstalt zu übernehmen, die eine Gesellschaft von rheinischen Adligen für die Ausbildung ihrer Söhne gegründet hatte. Er verließ das Gymnasium, um diesem Ruf zu folgen. Später füllte er andere Lehrstellungen und geriet in Schwierigkeiten während der Kulturkampfzeit. Ich sah ihn nicht wieder bis zum Jahre 1888. Auf einer Reise in Deutschland hörte ich von einem alten Schulfreunde, daß Bone in hinfälliger Gesundheit sich nach Wiesbaden zurückgezogen habe. Ich beschloß sogleich, ihn aufzusuchen. Ich fand seine Wohnung in einem bescheidenen Hause, das wie eine Art von religiösem Stift aussah. (Bone war nämlich immer ein sehr eifriger Katholik gewesen.) Von allen Wänden blickten Heiligenbilder auf mich herab. Ein ältliches, nonnenhaft aussehendes Frauenzimmer führte mich in ein kleines, ebenfalls mit Heiligenbildern und Kruzifixen geschmücktes Wohngemach und trug meine Karte in ein anstoßendes Zimmer. Von dort hörte ich etwas wie einen Freudenschrei, und im nächsten Augenblick kam durch die Tür eilig hereingeschlurft mein guter alter Lehrer, den ich zum letztenmal als blühenden Dreißiger gesehen – jetzt ein kleines, zusammengeschrumpftes, gebrechliches Männchen in einem langen grauwollenen Schlafrock, mit riesigen Filzpantoffeln an den Füßen und einem schwarzseidenen Käppchen auf dem spärlichen weißen Haar. Wir umarmten und küßten einander, und er schien außer sich vor Vergnügen. „Sehn Sie, das freut mich nun“, rief er! „Ich hörte im Frühjahr schon, daß Sie in Deutschland waren. Dann habe ich von Ihren Zusammenkünften mit Bismarck und dem Kaiser gelesen. Aber ich wußte, Sie würden auch zu mir kommen. Ich habe Ihre Stimme erkannt – ja, ja, ich erkannte Ihre Stimme, als ich Sie draußen nach mir fragen hörte.“ Nun setzten wir uns, und es ging an ein Fragen und Erzählen. Er klagte über seinen Rheumatismus, der ihm das Ausgehen fast unmöglich und jede Beschäftigung sauer mache. Aber seine Augen glänzten vor Vergnügen, als ich ihm sagte, wie ich meinen Kindern die Methode erklärt, nach der er mich gelehrt habe, deutsch zu schreiben, und daß ich mir zur Erläuterung erst vor kurzem die letzte Auflage seines Lesebuches aus Deutschland habe nach Amerika kommen lassen. Dann erinnerte er mich an unsere Abende in Köln, und wie er mich als Knaben lieb gehabt, usw. usw. So vergingen ein paar wahrhaft glückliche Stunden. Als ich endlich aufstand, rief er: „Gehen wollen Sie? Wir haben ja unser gegenseitiges Wohl noch nicht getrunken. – O Himmel, nun habe ich keinen Wein hier. O, o – aber einen vorzüglichen Magenbittern hab ich. Wollen wir in Magenbittern anstoßen?“ Ich war’s zufrieden. Er holte eine schwarze Flasche aus einem Wandschränkchen, füllte zwei kleine Gläser, und wir stießen in Magenbittern an, daß es klang. Noch eine Umarmung, und ich schied von ihm – auf Nimmerwiedersehen. Er starb nicht lange nachher.

Kehren wir jetzt zu meinem Jugendtagen zurück. Das stille Leben meiner ersten Jahre in Köln war doch nicht ohne seine Aufregungen. Ich erinnere mich besonders lebhaft zweier Vorfälle, die zurzeit einen tiefen Eindruck auf mich machten. Wenn ich von dem Hause meines Schlossermeisters zur Schule ging, so führte mich mein Weg die Trankgasse hinauf am Dom vorbei. Der Kölner Dom, der jetzt in der ganzen Herrlichkeit seiner Vollendung dasteht, sah damals noch einer großartige Ruine gleich. Nur der Chor war vollständig ausgebaut. Das Mittelstück zwischen dem Chor und den Türmen stand notdürftig überdacht, zum großen Teil noch in äußern Backsteinmauern, und von den beiden Türmen selbst erhob sich der eine wohl wenig mehr als sechzig Fuß über dem Boden, während der andere, der den jahrhundertealten weltberühmten Kran trug, vielleicht die drei- oder vierfache Höhe erreicht hatte. An beiden hatte der Zahn der Zeit das kunstvolle Meißelwerk vielfach verstümmelnd zernagt, und so blickten sie, unfertig und doch schon verwittert, greisenhaft und traurig herab auf das lebende Geschlecht. Als ich nun eines Morgens meinen gewöhnlichen Weg zur Schule ging, sah ich von der Höhe des Kranturms einen Gegenstand herunterfallen, den ich zuerst für einen Rock oder Mantel hielt, und von dem sich etwas, das wie eine Kappe aussah, im Fallen absonderte und vom Winde getragen wurde. Aber der vermeintliche Rock schoß stracks herunter und schlug mit dem Geräusche eines schweren Stoßes auf das Steinpflaster der Straße. Sofort liefen die Vorübergehenden zusammen, und es fand sich, daß in dem Rock ein Mann steckte, der unzweifelhaft, von dem hohen Turme springend, den Tod gesucht hatte. Er war, wie es schien, auf die Füße gefallen und lag, wie ein kleines Häufchen zusammengedrückt – die Knochen der Beine anscheinend in den Leib getrieben, der Kopf beinahe unverletzt, ein Kranz grauer Haare um einen kahlen Scheitel, die Augen geschlossen, das Gesicht das eines ältlichen Mannes, blaß und verzerrt. Der Gegenstand, der sich im Fallen von dem abstürzenden Menschen entfernt hatte, war eine Perücke, die, nachdem der Wind ein paar Sekunden mit ihr gespielt, sich dann in der Nähe ihres toten Eigentümers niederließ.

Dieses schreckliche Schauspiel setzte meine Einbildungskraft in eine unheimliche Bewegung. Ich gab mir große Mühe, zu erfahren, wer der unglückliche Mann gewesen sei, und was ihn wohl zu dem verzweifelten Entschluß getrieben haben mochte, seinen Tod durch den Sprung von dem Turm eines Gotteshauses zu suchen; aber ich begegnete nur unbestimmten, sich widersprechenden Gerüchten. Nun führte meine Phantasie mir alle möglichen Schicksale, Lebenslagen und Stimmungen vor, die den Menschen in den Selbstmord jagen könnten – hoffnungslose Not, verlorene Ehre, getäuschte Liebe, Gewissensqual ob eines geheimen Verbrechens – und bald entsprangen in meinem Kopfe allerlei Pläne von Romanen und Trauerspielen, die sämtlich mit jenem selbstmörderischen Sprung vom Domkran endeten.

Eine andere tragische Szene, der ich beiwohnte, wirkte auf ähnliche Weise. Ein junger Mensch in Köln, namens Broichhausen, hatte seine Geliebte erstochen, ich weiß nicht mehr, ob aus Eifersucht oder nur, weil er ihre Gunst verloren. Er wurde zum Tode verurteilt, und da das linke Rheinufer von der französischen Zeit her noch unter dem Code Napoleon stand, so sollte das Todesurteil durch das französische Hinrichtungsinstrument, die Guillotine, vollzogen werden, und zwar früh morgens bei Sonnenaufgang auf einem zwischen dem Dom und dem Rhein gelegenen öffentlichen Platz der Stadt, vor den Augen all derer, die sich dort versammeln mochten. Der Prozeß hatte schon die ganze Bevölkerung in große Aufregung versetzt, und nun sah man der blutigen Katastrophe mit gesteigerter Spannung entgegen. Mein Schlossermeister war der entschiedenen Meinung, daß er und ich uns das seltene Schauspiel nicht dürften entgehen lassen. Lange vor Sonnenaufgang an dem verkündeten Tage weckte er mich und nahm mich mit sich zur Richtstätte. Dort fanden wir schon im grauen Morgenlichte eine dichtgedrängte Menschenmasse, die zu Tausenden zählte. Männer und Frauen, Mädchen und Knaben. Über ihre Köpfe hinaus ragte das schwarze Gebälk des Blutgerüstes. Es herrschte tiefe Stille. Nur ein leises Summen schwebte über der Menge, das, als der Verurteilte beim Schafotte ankam, ein wenig anschwoll, um dann für eine Weile ganz zu verstummen. Der stämmige Schlossermeister hob mich, da ich noch klein war, auf seinen Armen empor, damit ich über die vor uns Stehenden hinweg alles sehen sollte. So sah ich denn den Unglücklichen auf das Gerüst des Schafottes treten. Sofort schnallten ihm die Gehilfen des Scharfrichters ein Brett vor den Körper, das von den Füßen bis zu den Schultern reichte, den Hals freilassend. Er blickte hinauf zu dem Fallbeil, das vor ihm zwischen zwei durch einen Querbalken verbundenen Pfosten hing. Rasch wurde er vornüber gestürzt und vorgeschoben, so daß sein Hals zwischen den beiden Pfosten lag. Im nächsten Augenblick schoß wie ein Blitz das Beil herab, den Kopf von den Schultern trennend. Ein Blutstrom stürzte aus dem durchschnittenen Halse, aber dieser grauenhafte Anblick wurde schleunigst durch ein übergeworfenes Tuch den Augen der Zuschauer verborgen. Die ganze Handlung vollzog sich mit der Schnelligkeit des Gedankens. Man kam kaum zum Bewußtsein des Gräßlichen, das geschah, als es schon vorüber war. Ein dumpfes Murmeln erhob sich von der Menschenmenge, die sich dann schweigend zerstreute. Das Schafott war schon wieder abgebrochen und die Lache von Menschenblut auf der Erde mit Sand bedeckt, als der Morgensonnenschein von der Höhe des Doms heiter auf den Richtplatz hinunterstieg. Ich erinnere mich, daß ich ein inneres Beben und Schaudern mit mir nach Hause trug, und daß ich mein Frühstück nicht genießen konnte. Um keine Preis hätte ich seither wieder eine Hinrichtung sehen mögen.

Aber mein braver Schlossermeister führte mich nicht bloß zu Szenen des Grauens. Er war ein eifriger Theaterfreund, und zuweilen nahm er mich mit sich – freilich auf die oberste Galerie, wo ein Platz nur fünf Silbergroschen kostete. Das Kölner Theater nahm, wie ich später erfuhr, in der damaligen Bühnenwelt einen anständigen Rang ein. Mir war es der Inbegriff alles Prächtigen und Wunderbaren. Mein Vater hatte mir oft davon erzählt; aber was ich sah, übertraf alle meine Erwartungen. Ich war außer mir vor Staunen, als ich zum erstenmal, wie das vor dem Anfang des Stückes zu geschehen pflegte, die gemalte Decke über dem Zuschauerraum sich auseinanderschieben und den von hundert Lichtern strahlenden Kronleuchter durch die geheimnisvolle Öffnung sich langsam heruntersenken sah – worauf die Decke sich wieder schloß. Auch die Aufführung packte mich gewaltig. Mit der ersten durchaus naiven Illusion, welche mich die Schicksale der schönen Genovefa hatte mitdurchleben lassen, war es allerdings vorbei. Die verunglückte „Banditenbraut“ in Brühl hatte mich stutzig gemacht. Aber was ich im Theater zu Köln sah, war von so viel höherer Art, daß ich mich dem Genuß wieder voll hingeben konnte. Der dramatische Geschmack meines Freundes, des Schlossermeisters, lag in der Richtung des Ritterstücks, und in seinen Augen gab es keinen größeren Schauspieler als Wilhelm Kunst, der zuweilen in Köln Gastrollen spielte. Kunst gehörte zu der Klasse der muskulösen Mimen – ein Riese von Gestalt und mit gewaltigen Körperkräften und einer Löwenstimme begabt. Aber diese Stimme war auch schöner Modulationen fähig und er gebrauchte seine außerordentlichen Mittel mit so viel Maß und Urteil, daß er sich, wie ich glaube, den Ruf eines nicht unbedeutenden, ja sehr achtungswerten dramatischen Darstellers bewahrt hat.

Das erste Stück, das ich an der Seite meines Schlossermeisters sah, war „Otto von Wittelsbach“, ein damals berühmtes Ritterspiel, in dem der Held den Kaiser Philipp von Schwaben, der ihn getäuscht, beim Schachspiel trifft, mit eisengepanzerter Faust auf das Schachbrett schlägt, daß die Figuren über die Bühne fliegen, und dann den Kaiser mit einem Schwertstreich niederstreckt. Hier war Kunst in seinem Element, und seine Leistung begeisterte mich im höchsten Grade. Ferner sah ich ihn als „Wetter vom Strahl“, im „Käthchen von Heilbronn“, und als Wallenstein in „Wallensteins Tod“ – freilich nicht schnell hintereinander, sondern es lagen Monate dazwischen, da der häufige Besuch des Theaters mit den Begriffen von Ökonomie, die unsere Lebensgewohnheiten beherrschten, nicht in Einklang stand. Mein Schlossermeister fand auch großen Gefallen an der akrobatischen Kunst und wußte mir viel zu erzählen von dem berühmten Averino, einem Stern erster Größe in diesem Fach, der ebenfalls zuweilen Köln besuchte, um im Theater Vorstellungen zu geben. Auch einer solchen wohnte ich mit meinem Freunde bei. Indes die halsbrechenden Sprünge, die unmenschlichen Verrenkungen und die Kraftproben mit Kanonenkugeln konnten mich wenig rühren, und ich sah den großen Averino, trotz des Enthusiasmus des Schlossermeisters, einmal und nicht wieder.

Aber um so tiefer hatte mich das Drama ergriffen, und ich fühlte einen unwiderstehlichen Drang, selbst etwas Dramatisches zu schaffen. Emsig las ich meine Beckersche Weltgeschichte, um einen guten historischen Stoff zu finden, und bald verfiel ich auf den angelsächsischen König Edwy, der um die Mitte des zehnten Jahrhunderts in England herrschte und sich durch seine Liebe zu der schönen Elgyva und seinen Streit mit dem heiligen Dunstan ein böses Schicksal bereitete. Es schien mir, daß, wenn ich mir einige Freiheiten mit der Geschichte erlaubte, wie dramatische Dichter das zu tun pflegen, sich diesem Stoffe wohl ein tragisches Interesse geben ließe, – eine menschliche Leidenschaft auf dem Thron im Kampf mit der sich die politische Gewalt anmaßenden Kirche. So ging denn der Quartaner kühn und frisch ans Werk. Natürlich wurde aus der Tragödie nicht viel. Aber indem ich den Plan und eine Reihe von Szenen ausarbeitete, genoß ich doch die ganze Wonne der Schaffenslust. Wer diese Wonne nie genossen hat, der kennt nicht eine der schönsten Freuden des Lebens.

Auch lyrische Gedichte schrieb ich, und daneben eine Ballade. Zu dem Balladenstoff war ich auf folgende Weise gekommen: In der Nähe der Burg bei Liblar befand sich ein von einer Gruppe hoher Bäume beschattetes verfallenes Gemäuer. Zu welchem Zwecke es früher gedient haben mochte, wußte mir niemand zu sagen. Der Platz selbst hatte für mich immer etwas Unheimliches gehabt, und ich stellte mir in meiner Einbildung allerlei Dinge vor, die dort geschehen sein konnten. So entstand denn eine wild romantische Geschichte von einem Zwinger, in dem in grauer Vorzeit die Ritter von der Gracht wilde Tiere gehalten, und, wenn ich mich recht erinnere, von einer edlen Jungfrau, die auf irgend eine Weise in den Zwinger hineingeraten und von einem Edelknaben gerettet worden sei usw. Diese Geschichte brachte ich in hochtönende achtzeilige Stanzen, die mir so prachtvoll klangen, daß ich mich nicht enthalten konnte, das Gedicht meinem Vater nach Liblar zu schicken. Als mein Vater fand, daß es sich darin um alte Ritter von der Gracht handelte, hatte er in seinem Stolz auf die Leistung seines Sohnes nichts Eiligeres zu tun, als dem Grafen Metternich zur Gracht mein Machwerk mitzuteilen. Der Graf, der sich wohl auf Poesie nicht sehr verstand, meinte, das Gedicht sei recht schön, aber von dieser Geschichte habe er nie das geringste gehört – was mich gar nicht wunderte.

Auch in Prosa versuchte ich mich weit über die Grenzen der Schularbeit hinaus, und als ich einmal einen Aufsatz über Schillers Jungfrau von Orleans geschrieben hatte, der mir selbst besonders gut gefiel, erfaßte mich der ehrgeizige Wunsch, denselben gedruckt zu sehen. Ich fertigte also eine saubere Abschrift an und gab sie im Bureau der Kölnischen Zeitung ab mit einem Brief an Herrn Levin Schücking, den bekannten Novellisten, damaligen Redakteur des Feuilletons jenes Blattes, – in dem ich um Erlaubnis bat, mich persönlich vorzustellen. Ich empfing eine höfliche Antwort, die mir Tag und Stunde für meinen Besuch angab, und bald stand ich mit lautem Herzklopfen an der Tür des großen Mannes, der, wie ich glaubte, meine schriftstellerische Zukunft in seiner Hand hielt. Ich fand in Herrn Schücking einen freundlichen Mann mit angenehmen Gesichtszügen und großen, blauen, sanften, beruhigenden Augen. Er empfing mich recht wohlwollend, sprach mit mir über allerlei und gab mir zuletzt mein Manuskript zurück mit der Bemerkung, daß der Aufsatz viel Gutes enthalte, daß ich ihn aber doch lieber als eine Studie ansehen solle. Ich ging einigermaßen zerschmettert von dannen, aber schließlich bin ich doch dem guten Herrn Schücking für diesen zeitgemäßen Fingerzeig aufrichtig dankbar geblieben. Sehr vieles von dem, was ich später geschrieben, habe ich seinem Rate gemäß als Studie betrachtet.

Als ich die Tertia des Gymnasiums erreicht hatte, begünstigte mich das Schicksal wieder, indem es mich mit einem anderen ausgezeichneten Lehrer in nähere Beziehungen brachte. Es war dies Professor Wilhelm Pütz, der sich besonders als Lehrer der Geschichte hervortat. Er konnte sich wohl keiner großen historischen Forschungen rühmen, die er selbst gemacht, aber er besaß ein seltenes Geschick, bei seinen Schülern die Lust an seinen Unterrichtsgegenständen anzuregen und zu weiteren Studien den Weg zu zeigen. Er hatte ein Handbuch geschrieben, das in dürrer Kürze die historischen Tatsachen und Verhältnisse angab und, in mehrere Bände eingeteilt, sich von den frühesten Perioden auf die neueste Zeit ausdehnte. Seine Lehrmethode war folgende: Einen großen Teil der Stunde brachte er damit zu, das geschichtliche Material, das er uns einprägen wollte, in freier Rede vorzutragen und dabei allgemeine Gesichtspunkte aufzustellen und soviel Detail einzufügen, wie erforderlich war, um seinen Vortrag nicht allein belehrend, sondern auch dramatisch und pittoresk und damit anziehend und leicht erinnerlich zu machen. Das so Vorgetragene hatte nun der Schüler in sich zu verarbeiten. Die dürren Angaben des Handbuchs dienten ihm dabei als Grundriß, um danach seine Erinnerung an die Einzelheiten des gehörten Vortrags aufzubauen. In der nächsten Lehrstunde hatten dann die Schüler, wie der Lehrer sie aufrief, das Gehörte ebenfalls in freiem Vortrage zu wiederholen und, sozusagen, in ihrer eigenen Sprache aus sich heraus zu reproduzieren. Von Zeit zu Zeit faßte er das Gelehrte in größeren Perioden in umfassendem und übersichtlichem Vortrage zusammen. So prägte sich dann die Geschichte nicht tabellenhaft oder anekdotisch, sondern periodenweise lebensvoll und von einem philosophischen Lichte erhellt der Phantasie und somit auch dem Gedächtnisse des Lernenden ein. Mir wurde dadurch die Geschichtsstunde und das damit zusammenhängende Studium, für das ich immer besondere Neigung gefühlt, statt einer Arbeit ein wahres Vergnügen, das sich mir nicht oft genug wiederholen konnte. Auf diese Weise wurde es mir möglich, daß, als ich einige Jahre später im Abiturientenexamen stand und Professor Pütz mich fragte, ob ich mich wohl getraue, die Geschichte der Regierung Alexanders des Großen frei darzustellen und die Karte zu den Feldzügen auf die große Tafel zu zeichnen, ich diese Aufgabe unbedenklich unternahm und befriedigend löste.

Pütz zog mich bald, nachdem ich sein Schüler geworden, näher an sich heran, und es entspann sich zwischen uns ein Verhältnis von freundschaftlicher Vertraulichkeit. Die für seine Lehrbücher empfangenen Honorare hatten ihn in den Stand gesetzt, während der großen Ferien Reisen in fremde Länder zu machen, viele merkwürdige Dinge zu sehen, Bekanntschaft mit bedeutenden Persönlichkeiten anzuknüpfen, und somit seinen Gesichtskreis über das bei Gymnasiallehrern gewöhnliche Maß hinaus zu erweitern. So hatte er in seinen Anschauungen etwas Weltbürgerliches gewonnen und galt in religiöser sowohl wie politischer Beziehung als ein „Aufgeklärter“. Da er uns eine Zeitlang auch den deutschen Unterricht gab und in meinen Aufsätzen Spuren einer mit der seinigen verwandten Denkweise entdecken mochte, so behandelte er mich fast wie einen jungen Kameraden, dem er erlaubte, in seiner Gegenwart auf einen Augenblick den Schulknaben zu vergessen. Er erzählte mir gern von seinen Reisen und von den sozialen und politischen Einrichtungen und Händeln der Welt; und wenn die Rede auf Kirche und Staat kam, so sprach er nicht selten mit einem Anflug von Ironie, der mich merken lassen sollte, daß in seiner Meinung da manches anders sein dürfte. Er ermutigte auch Meinungsäußerungen meinerseits, und es machte ihm Vergnügen, zu sehn, daß ich nachgedacht hatte über diese und jene Dinge, die nicht gerade in dem gewöhnlichen Gedankenkreise der Schulbank lagen. Und wenn ich dann, so ermutigt, auch meiner Kritik des Bestehenden freimütigen Ausdruck gab, so hörte er wohl mit beistimmendem Lächeln zu, meinte aber zuweilen, so etwas dürften wir wohl unter uns ohne Rückhalt äußern, doch sei es geraten, im Gespräch mit weniger vertrauten Personen vorsichtiger zu sein.

Auch auf andere Weise erweiterte er meinen Horizont. Aus seiner Privatbibliothek lieh er mir mehreres von Goethe und von Schriftstellern der jüngeren Zeit. Selbst die Literaturen des Auslandes eröffnete er mir. Er gab mir die Schlegel-Tiecksche Übersetzung aus Shakespeare in die Hand, die ich mit Begierde verschlang. Auch machte er mich mit Cervantes und Calderon bekannt. Die Anfangsgründe des Italienischen lehrte er mich selbst, las mit mir die „Gefängnisse“ des Silvio Pellico im Original und Teile des Tasso und Ariost in Übersetzungen. So ging mir durch ihn eine neue Welt auf, und als eines der Wohltäter meiner Jugend gedenke ich seiner mit Dankbarkeit.

Auch mit ihm bin ich im späteren Leben wieder in Berührung gekommen. Gegen Mitte der siebziger Jahre, als ich Mitglied des Senats der Vereinigten Staaten war, empfing ich eines Tages durch die europäische Post ein Paket, das einen Brief von Professor Pütz mit einigen gedruckten Blättern enthielt. „Ich habe Ihnen oft Ihr Pensum korrigiert“, schrieb er, „nun korrigieren Sie mir einmal das meinige.“ Dann teilte er mir mit, er bereite soeben eine neue Ausgabe seines Leitfadens zur Weltgeschichte vor und wünsche mein Urteil zu haben über den Teil, der die jüngsten Ereignisse in Amerika betreffe. Diesen legte er mir auf den beifolgenden Blättern vor. Mit Freuden erfüllte ich seinen Wunsch und fand seine Darstellung in allen Einzelheiten so richtig, daß sie nicht der geringsten Korrektur bedurfte. Meine nächste Reise in Deutschland benutzte ich dazu, ihn aufzusuchen, und traf ihn in Köln. Von seinem Lehramt hatte er sich zurückgezogen und lebte in behaglichen Verhältnissen. Ich fand ihn allerdings sehr gealtert, aber noch lebhaften Geistes. Unser Wiedersehen war uns beiden eine herzliche Freude und wir feierten es mit einem heiteren Souper.

Mit meinem Eintritt in die höheren Klassen des Gymnasiums begann nun auch der Einfluß der jugendlichen Freundschaften auf mich zu wirken. Nach dem Ablauf des dritten Jahres hatte ich die Wohnung bei dem Schlossermeister aufgegeben und daran war die Musik schuld. Ich setzte meinen Klavierunterricht beständig und mit Liebe fort; aber da es in der Schlosserei kein Instrument gab, so mußte ich zu einem Freunde gehen, der ein Klavier besaß, um meine Übungen zu machen. Dies wurde auf die Dauer zu beschwerlich; mein Vater suchte mir daher ein Unterkommen in einem andern Hause, wo ein Klavier zur Hand war. Da ich dort auch Besuche von meinem Freunden empfangen konnte, so begann für mich damit ein etwas freieres Leben. Unter meinen Mitschülern hatte ich immer gleichaltrige Freunde gehabt, mit denen mich gegenseitige warme Zuneigung verband, aber keinen, dessen Geistesrichtung und Bestrebungen mit den meinigen übereinstimmten, bis ich in die Tertia kam. Dann wurde ich mit einem Kreise junger Leute bekannt, die auch Verse schreiben, dieselben einander vorlasen und sich gegenseitig in der Kenntnis anderer literarischer Erscheinungen förderten. Sie waren etwas älter als ich und gehörten höheren Klassen an, nahmen mich aber in ihren Bund auf. Diejenigen davon, mit denen ich in diese freundschaftlichen Beziehungen trat, waren Theodor Petrasch, der Sohn eines Sekretärs der Provinzialregierung, der auch eine hohe Stellung im Freimauererorden einnahm, und Ludwig von Weise, Abkömmling eines alten kölnischen Patriziergeschlechts. Petrasch war eine liebenswürdige, heitere, enthusiastische, übersprudelnde Natur, während Weise bei sehr tüchtigem Talent und starkem Charakter in sich mehr die kritische, als die produktive Fähigkeit entwickelt hatte. Beide sprachen über religiöse und politische Dinge mit viel mehr Sicherheit als ich, und Petraschs freisinnige Äußerungen hatten schon die Aufmerksamkeit der Lehrer auf sich gezogen. Ja, er war bereits von dem Religionslehrer des Gymnasiums, einem recht gescheuten Manne, zur Rede gestellt worden und hatte diesem ein so offenes Bekenntnis seiner ketzerischen Ansichten abgelegt, daß der erschreckte Lehrer ihn zu weiteren Gesprächen über heilige Dinge einlud, ihn aber vorläufig von aller Teilnahme an religiösen Handlungen dispensierte, bis ihm ein neues Licht erschienen sein würde.

Mir selbst hatten dieselben Fragen schon recht schwere Stunden gemacht. Ich habe bereits erzählt, wie in früher Kindheit mein Glaube an die ewige Verdammnis der Andersgläubigen und an die Unfehlbarkeit und sittliche Größe des Priestertums bedenklich erschüttert worden war. Ich hatte seitdem über diese und verwandte Gegenstände viel und ernstlich nachgedacht. Endlich kam die Zeit, da ich konfirmiert werden, oder, wie wir es nannten, „zur ersten Kommunion gehen“ sollte. Als Vorbereitung wurde uns ein besonderer Unterricht in der katholischen Glaubenslehre durch den Religionslehrer des Gymnasiums zuteil. Ich gab mich diesem Unterricht hin mit aufrichtigen und wahrhaft frommen Wunsche, meine Zweifel zu überwinden. Ich bildete mir sogar ein, daß dies gelungen sei, und so ging ich durch den Akt der ersten Kommunion in einer Art von religiös schwärmerischer Stimmung. Aber unmittelbar darauf meldeten sich die alten Skrupel wieder, und zwar stärker als je vorher. Was mir nach wie vor am meisten widerstrebte, war der Glaubenssatz, daß die römische Kirche nicht allein die einzig wahre, sondern auch die allein seligmachende sei und daß es außerhalb derselben absolut kein Heil, sondern nur ewige Verdammnis gebe; daß Sokrates und Plato, daß alle Tugend des Heidentums, daß mein guter alter Freund, der Jude Aaron, daß selbst jedes neugeborene Kind, das zufällig ohne Taufe gestorben, unrettbar im ewigen Höllenfeuer brennen müßte; – ja, daß ich selbst, wenn ich an der Verdammnis jener Unschuldigen einen noch so ehrlichen Zweifel hege, auch zu den Ewigverlorenen gehöre. Gegen diesen Satz lehnte sich nicht allein meine Vernunft, sondern es bäumte sich gegen ihn mein tiefinnerstes Gerechtigkeitsgefühl auf, wie mir denn auch stets von allen Schandtaten menschlicher Grausamkeit, denen wir in der Geschichte begegnen, die religiösen Verfolgungen die empörendsten gewesen sind. Diese Lehre schien mir dem Wesen der göttlichen Allgerechtigkeit so schreiend zu widersprechen, daß sie nur dazu diente, mir andere Glaubensartikel verdächtig zu machen.

Freilich versagen einige hohe Autoritäten in der Kirche dieser extremen und grausamen Lehre ihre Zustimmung und weisen den Seelen ungetaufter Kinder und denen tugendhafter Heiden einen Mittelzustand zwischen Himmel und Hölle an. Aber gewiß ist, daß die Religionslehrer meiner Jugend mich so lehrten, wie ich hier angegeben habe. Sie taten dies mit der rauhen und erbarmungslosen Logik, die das Dogma von der Erbsünde und die gepredigte Notwendigkeit der Kindertaufe zu erfordern schienen. Welch ein Segen würde es für die Kirche sein und für alle, die unter ihrem Einfluß stehen, wenn all ihre Lehrer in allgemeiner Übereinstimmung nicht nur ihren Gläubigen, sondern allen schuldlosen und tugendhaften, wenn auch ungetauften, Menschenseelen den Himmel öffneten mit all seiner Glückseligkeit!

Diese Gedanken beunruhigten mich furchtbar. Ich betete oft und inbrünstig um Erleuchtung, aber als Antwort auf mein Gebet kamen immer dieselben Zweifel wieder. Meinem Religionslehrer vertraute ich meinen Gemütszustand mit voller Offenheit. Wir hatten eine Reihe von Gesprächen, in denen er mir jedoch wenig zu sagen wußte, das ich nicht schon früher oft gehört hatte. Ich gestand meinem Lehrer freimütig, daß, während ich mich gern überzeugen ließe, er mich doch nicht überzeugt habe, worauf er auch mich von den kirchlichen Observanzen dispensierte, bis ich mich selbst würde gedrungen fühlen, dieselben wieder aufzunehmen. Er fuhr fort, mich mit Güte und Freundlichkeit zu behandeln, und ich könnte nicht sagen, daß die Geständnisse, die ich ihm gemacht, mir im Laufe meiner Schulzeit irgendwelche Schwierigkeiten verursacht hätten. Ich meinerseits studierte Kirchengeschichte und Schriften dogmatischen Inhalts mit gesteigertem Eifer und benutzte jede Gelegenheit, Prediger von Ruf zu hören; aber je länger und ernstlicher ich diese Studien fortsetzte, um so weniger konnte ich den Weg zu den meinem Gerechtigkeitsgefühl widerstrebenden Glaubenssätzen zurückfinden. Dabei blieb in mir ein starkes religiöses Bedürfnis tätig, eine tiefe Achtung vor dem religiösen Gedanken und ich habe nie einem leichtfertigen Spötter über religiöse Dinge ohne Widerwillen zuhören können.

Auf diesem Gebiete freilich konnten mir meine Freunde nicht viel Belehrendes erzählen; um so mehr aber auf einem andern.

Von der neuesten deutschen Literatur, besonders der politischen, wußte ich sehr wenig. Von Heine hatte mir mein Lehrer Pütz erzählt, aber ich kannte ihn eigentlich nur dem Namen nach; von Freiligrath nur einige seiner Tropenbilder; von Gutzkow, Laube, Herwegh usw. gar nichts. Petrasch lieh mir Heines Buch der Lieder. Das war mir wie eine neue Offenbarung. Ich fühlte fast, als hätte ich nie vorher ein lyrisches Gedicht gelesen, und doch klang mir von Heines Liedern manches, als hätte ich es schon längst gekannt, als hätten die Feen es mir an meiner Wiege gesungen. Unverzüglich flog alles, was ich bis dahin an Versen geschrieben hatte, und das durchweg von der hochtrabenden deklamatorischen Sorte war, ins Feuer, und ich sah es mit Lust brennen. Das Lesen und Wiederlesen des Buchs der Lieder war mir eine unbeschreibliche Schwelgerei. Dann ging ich an die neuen Lieder, die Reisebilder, das Wintermärchen, Deutschland und den Atta Troll mit ihrer ätzenden politischen Satire, deren Witz dem Gemüt nicht wohl tat, aber die Gedanken auf den Zustand des Vaterlandes lenkte. Ferner las ich mit meinen Freunden auch Gedichte der revolutionären Himmelsstürmer, wie Herwegh, Hoffmann von Fallersleben und anderer, die wir meist nur in Abschriften besaßen.

Die revolutionären Leidenschaften die in einigen derselben Ausdruck fanden, waren uns allerdings in Wirklichkeit fremd. Aber die Angriffe auf die bestehenden Regierungen, besonders die preußische, schlugen doch eine Seite an, die in der Brust des Rheinländers leicht wiederklang. Jenes Stück des Rheinlandes mit seiner fröhlichen, leichtlebigen Bevölkerung hatte innerhalb einer verhältnismäßig kurzen Periode allerlei bunte Schicksalswechsel erfahren. Vor der französischen Revolution hatte es unter der gemütlich-liederlichen erzbischöflich-kurfürstlichen Herrschaft gestanden. Dann, von französischen Heeren erobert, gehörte es eine Weile zu der französischen Republik und dem Kaiserreich. Endlich im Jahre 1815 wurde es zu Preußen geschlagen. Von diesen drei Herrschaften, deren rasche Aufeinanderfolge ein Gefühl wahrer Loyalität nicht aufkommen ließ, liebte der Rheinländer die preußische am wenigsten, obgleich sie unzweifelhaft bei weitem die beste war. Das kurz angebundene, autoritätssüchtige preußische Wesen, die stramme preußische Ordnung sagten dem etwas leichtsinnigen rheinischen Volk nicht zu. Dann war das Volk dieses Landesteils fast ausnahmslos katholisch, während der Begriff Preußen den Begriff Protestantismus in sich schloß. Überdies kamen altpreußische Beamte in ansehnlicher Zahl ins Rheinland, um die Rheinländer regieren zu helfen, und das setzte natürlich böses Blut. All diese Dinge liegen ließen die preußische Herrschaft am Rhein wie eine Art von Fremdherrschaft erscheinen, die, wie das fast immer der Fall ist, von Anfang an dem Gefühl der Eingeborenen widerstrebte. Im Laufe der Zeit sah man allerdings ein, daß die ehrliche und gut geregelte preußische Administrationsweise sehr große Vorzüge besaß. Aber die dem Rheinländer angeborene Oppositionslust war nun einmal angestachelt; der preußische Beamte blieb ein „hungriger Preuß“, und das Wort „Preuße“ überhaupt galt im Volksmunde als ein ziemlich ehrenrühriges Schimpfwort. In der Tat, wenn in einer Zänkerei von Schulknaben der eine den andern einen „Preußen“ gescholten hatte, so hielt es schwer, noch einen höhern Trumpf zu finden. Das sollte allerdings infolge der nationaldeutschen Einheitsbestrebungen und besonders der politischen Erregungen der Jahre 1848–49 ganz anders werden; aber zur Zeit, als ich Gymnasiast war, stand der Preußenhaß am Rhein noch in voller Blüte. Uns jungen Leuten war freilich die provinziale und besonders die religiöse Engherzigkeit ziemlich fremd. Aber wir teilten doch das vorherrschende Gefühl, daß da manches anders werden müßte; daß es ein Skandal sei, dem Volke Rede- und Preßfreiheit vorzuenthalten; daß der alte preußische Absolutismus einer konstitutionellen Regierungsform zu weichen habe; daß die der deutschen Nation im Jahre 1813 von den Fürsten gegebenen Versprechungen schmählich gebrochen worden seien, und daß das zersplitterte deutsche Vaterland in ein geeinigtes großes Reich mit freien politischen Institutionen zusammengeschmiedet werden sollte. Der unruhig aufstrebende deutsche Nationalgeist, der damals die Gemüter der gebildeten Stände durchwehte und in der Literatur beredten Ausdruck fand, erregte in uns die wärmste Begeisterung. Wie die geträumte Freiheit und nationale Einheit zuwege gebracht werden sollten – ob wir zu diesem Zweck, wie Herwegh in einem Gedichte empfahl, das wir alle auswendig hersagen konnten, die eisernen Kreuze aus der Erde reißen und daraus Schwerter schmieden müßten, oder ob es einen Weg friedlicher Entwicklung nach dem ersehnten Ziele gäbe –, darüber waren unsere Gedanken keineswegs klar. Um so fester aber standen uns die Zielpunkte selbst, und wir suchten uns durch fleißiges Lesen von Zeitungen und Flugschriften über die Vorgänge des Tages und die Gedankenströmungen im Volke zu unterrichten. Auch konnten wir uns nicht enthalten, unsere Gesinnungen gelegentlich laut werden zu lassen. Ich war in der Obersekunda, als eines Tages unser Lehrer im Deutschen – damals nicht mehr mein Freund Pütz, sondern ein anderer auch recht fähiger Mann – uns die Aufgabe stellte, als deutschen Aufsatz eine Gedächtnisrede auf die Schlacht bei Leipzig zu schreiben. Da ich es für meine Pflicht hielt, das zu sagen, was ich wirklich dachte, so ließ ich bei dieser Veranlassung meine Ansichten über die dem deutschen Volke nach so heldenmütigen Anstrengungen gewordene Behandlung und meine Hoffnung auf eine nationale Regeneration des deutschen Vaterlandes freimütig aus. Es war mir heiliger Ernst dabei. Ich schrieb die Gedächtnisrede sozusagen mit meinem Herzblut. Als der Professor – sein Name war Nattmann – uns in der Klasse unsere Hefte mit seinen kritischen Bemerkungen zurückgab, reichte er mir das meinige ohne ein Wort. Ich fand unter meinem Aufsatz die Zensur: „Stylistisch sehr gut; aber was für nebelhafte Ansichten!“ Nach der Unterrichtsstunde rief er mich zu sich, legte seine Hand auf meine Schulter und sagte: „Was Sie da geschrieben haben, klingt ja ganz brillant. Aber so etwas kann doch auf einem königlich preußischen Gymnasium nicht passieren. Tun Sie’s nicht wieder!“ Er gab uns nie wieder ein Thema, das politische Anspielungen hätte veranlassen können.

Unterdessen setzte ich meine literarischen Studien eifrig fort, und mein schriftstellerischer Schaffenstrieb, nicht wenig von dem gelegentlichen Beifall meiner vertrautesten Freunde angespornt, hielt mich in beständiger Tätigkeit. Ich schrieb lyrische Gedichte in Menge und auch mehrere Tragödien geschichtlichen Inhalts. Von diesen Jugendsünden ist keine erhalten geblieben, um mir durch ihren Anblick mein späteres Alter zu verbittern – oder vielleicht auch zu belustigen. Leicht schämt man sich ja des gar zu Unvollkommenen, das man hervorgebracht, oder der Selbstüberhebung, die dazu gehörte, um es zu unternehmen. Aber ich kann doch nicht ohne eine gewisse Rührung an jene Zeit zurückdenken, als ich mit so tiefem Ernst mich dem dichterischen Triebe hingab, und mit der Hoffnung – sicherlich mit dem Wunsche –, im Laufe der Zeit einmal dem Vaterlande wertvolle Schöpfungen zu schenken und in die Reihe seiner namhaften Schriftsteller zu treten.

Es versteht sich von selbst, daß meine literarischen Bestrebungen einen nicht geringen Teil der Zeit in Anspruch nahmen, die sonst andern Studien würde gehört haben. In den ersten Jahren meines Gymnasialkursus hatte ich bei der halbjährigen Zeugnisaustellung jedesmal in allen Fächern ohne Ausnahme die höchsten Zensuren gewonnen. Dann opferte ich diese stetige Gleichmäßigkeit meiner literarischen Neigung insofern, als ich in einigen Unterrichtsgegenständen, namentlich der Mathematik und der Naturwissenschaft, eben nur das tat, was streng gefordert wurde. Doch behauptete ich immerhin meine Stellung als einer der besseren Schüler der Klassen, in denen ich mich nacheinander befand.

Um so einfacher und bescheidener war mein Leben außerhalb der Schule. Die Vermögensverhältnisse meiner Eltern gaben mir die wertvollste Gelegenheit, die Tugend der Genügsamkeit zu üben. Ein regelmäßiges Taschengeld hatte ich eigentlich gar nicht. Ich erinnere mich auch nicht, meine Eltern jemals um ein solches gebeten zu haben. Sie dachten wohl selbst daran und steckten mir eine Kleinigkeit zu, wenn ich aus den Ferien nach Köln zurückging, oder wenn sie mich dort besuchten. Zuweilen kam ich wochenlang mit der Summe von fünf Silbergroschen aus. Der Besitz von zehn Groschen oder gar eines Talers gab mir das Gefühl von Reichtum. Auch wenn ich nichts besaß, was zuweilen der Fall war, kam ich mir dennoch nie arm vor. Die Denkweise, in die ich mich damals ohne viel Reflexion hineinlebte, ist mir in meinen späteren Schicksalen sehr viel wert gewesen. Die Freunde, mit denen ich umging, schienen in diesen Dingen viel besser gestellt zu sein als ich. Sie konnten sich manchen Genuß erlauben, den ich mir versagen mußte. Ich gewöhnte mich daran, das zu tun, ohne mich selbst darum geringer oder vom Schicksal schlecht behandelt zu dünken, und besonders ohne die geringste Regung von Neid in mir aufkommen zu lassen. Diese früh gepflegte Gewohnheit hat mich im späteren Leben vor mancher Störung meiner Gemütsheiterkeit bewahrt, denn es ist mein Los gewesen, fast immer in engen Beziehungen mit Menschen zu verkehren, die von dem, was man die Glücksgüter der Welt nennt – Reichtum, Macht, gesellschaftliche Stellung, – mehr besaßen als ich. Der Neid ist wohl von allen Leidenschaften diejenige, die den Menschen in sich am unglücklichsten macht. Unter Neid verstehe ich natürlich nicht etwa den bloßen Wunsch, begehrenswerte Dinge, die wir im Besitz von andern sehen, ebenfalls zu besitzen – denn solche Wünsche hegt wohl zuweilen die bestgeartete Menschennatur; sie sind oft dem edelsten Ehrgeiz nicht fremd. Ich verstehe vielmehr unter Neid, gepaart mit solchen Wünschen, jene scheelsüchtige Mißgunst, die andern das, was sie besitzen, nicht gönnen will und ihnen dessen Genuß verderben oder zerstören möchte. Eine lange Erfahrung hat mir die Überzeugung gegeben, daß das wahrste, schönste Glück der Menschenseele in der Freude an dem Glück anderer besteht. Der Neidische aber sucht sein eigenes Glück darin, andere ihres Glückes beraubt zu sehen. Das ist von allen denkbaren Gemütsverfassungen die elendeste.

Die Erziehung kann jungen Leuten kaum einen größeren Dienst erweisen, als, indem sie lehrt, ihre Vergnügungen vom Gelde unabhängig zu machen. Dies ist viel leichter, als man gewöhnlich glaubt; man braucht nur von den Genüssen, die fast jede Umgebung bietet, diejenigen recht würdigen zu lernen, die nichts kosten. Auf diese Weise entdeckt man den wahren Genußreichtum des Lebens, welcher dem Reichen, der sich seine Genüsse zu kaufen gewohnt ist, oft zum großen Teil verborgen bleibt. Obgleich ich als Knabe nur äußerst beschränkte Mittel aufzuwenden hatte, waren meine Kunstgenüsse doch keineswegs gering. Von meinen Theaterbesuchen, die, wenn auch sehr selten und nicht kostspielig, doch die Grenze meiner finanziellen Kräfte berührten, habe ich schon gesprochen. Kaum geringere Freude machten mir andere Dinge, die sich mir frei boten. Sonntags morgens pflegte ich mich in der Wallraffschen Gemäldesammlung umzusehen, die damals in einem kleinen alten Gebäude auf der Trankgasse aufgestellt war. Einige Zimmer waren mit Bildern der alten kölnische Schule gefüllt, die mich, obgleich ich ihren kunstgeschichtlichen Wert nicht zu schätzen wußte, durch ihre Farbenpracht und die Naivetät der Darstellung anzogen. Eines „jüngsten Gerichts“ erinnere ich mich besonders, in welchem das grausam-heitere Grinsen einer Anzahl roter, blauer und grüner Teufel von phantastisch gräulicher Gestalt mich höchlich belustigten. Auch moderne Bilder gab es dort, darunter einige von bedeutendem Wert. Vor Bendemanns „trauernden Juden an den Wassern von Babylon“, einem berühmten Erzeugnis des Düsseldorfer Meisters, habe ich manche halbe Stunde in träumerischer Betrachtung gestanden. Wie das wohl immer der Fall ist, zog den Knaben zuerst das Gegenständliche des Gemäldes an, bis oft wiederholtes Anschauen die kritische Unterscheidung weckte und den Geschmack zu bilden begann.

Ebensowenig fehlte es an musikalischen Genüssen. Sonntags morgens fand im Dom die sogenannte „musikalische Hochmesse“ statt, bei der nicht selten auch der Erzbischof fungierte und der katholische Kultus seine ganze Pracht zur Schau stellte. Der Hauptreiz der Handlung, der außer dem frommen auch das kunstsinnige Publikum zuströmte, bestand jedoch in ihrem musikalischen Teil. Gewöhnlich wurde von einem vollständigen Orchester und ausgewählten Singstimmen eine Messe irgend eines bedeutenden Komponisten aufgeführt. Diese Aufführungen waren von eigentümlich wundersamer Wirkung. Ich habe schon erwähnt, wie ruinenhaft zu jener Zeit der Dom in seinem Äußern erschien. Das Innere entsprach zum großen Teil der äußeren Erscheinung. Wer durch das verwitterte Portal zwischen den Turmstumpfen in das Mittelschiff eintrat, der sah in einiger Entfernung vor sich eine kahle, graue Wand, die, unmittelbar jenseits des Kreuzschiffes zwischen den mittleren Säulen aufgerichtet, den Chor gegen den Rest des Gebäudes abschloß. Dies war die Rückenwand des großen Orgelbaues, der an dieser ungewohnten Stelle provisorisch seinen Platz gefunden hatte, weil eben der Chor das einzige vollendete Stück der Kathedrale war. Die Orgel stand also sozusagen mit dem Rücken gegen den größten Teil der Kirche; und auf der Estrade vor der Orgel, dem Chor zugewendet, waren bei der „musikalischen Messe“ das Orchester und die Sänger aufgestellt. Wer sich nun in dem unterhalb des Chores gelegenen Teil des Domes befand, der hörte die Musik und den Gesang nicht direkt, sondern nur als ein an dem Säulenwalde und den himmelhohen Spitzbogengewölben hundertfältig gebrochenes Echo wie aus weiter Ferne, ja wie aus einer andern Welt. Das war ein wunderbares Wehen und Wogen von Tönen – die Geigen und Oboen wie das Flüstern und Seufzen des Frühlingswindes in den Wipfeln, die Trompeten und Posaunen und der mächtige Vollchor dem Brausen des Sturmes und dem Tosen der Meeresbrandung gleich. Zuweilen schien das Echo auf Augenblicke zu schweigen und eine Melodie oder Harmoniefolge flog klar durch den ungeheueren Raum, oder ein Sopransolo löste sich los von dem zauberhaften Wirrsal und schwebte darüber wie Engelsgesang. Dann war die Wirkung unbeschreiblich rührend, und ich erinnere mich, daß, wie ich still lauschend an eine der hohen Säulen gelehnt stand, mich etwas wie ein heiliger Schauer überlief. So dachte ich mir das, was ich die Sphärenmusik hatte nennen hören, oder das Konzert der Himmelskinder, wie ich sie auf den alten Bildern des Wallraffmuseums gemalt gesehen.

Der Sonntagmittag bot mir noch einen musikalischen Genuß anderer Art. Die Wachtparade der Garnison fand auf dem Neumarkt, dem großen Exerzierplatz statt. Die vortreffliche Kapelle des 28. Infanterieregiments spielte dann zum Parademarsch ihre martialischen Weisen und unterhielt darauf noch die Offiziere und das versammelte Publikum mit einigen gut ausgewählten Stücken, meist Opernmusik. Und da das Repertoir der Kapelle ein ziemlich reiches war, so halfen mir die Wachtparadenkonzerte nicht wenig zur Erweiterung meiner musikalischen Kenntnisse.

Da nun auch die Erzählungen meines vielgereisten Freundes Professor Pütz, sowie ein kunstgeschichtliches Werk, das er mir in die Hand gegeben, mein Interesse für antike und mittelalterliche Baukunst angeregt und meinen Sinn für architektonische Schönheit geweckt hatten, so gewährte mir die oftmalige und eingehende Betrachtung der vielen mittelalterlichen Bauwerke kirchlichen und weltlichen Charakters, deren die Stadt sich rühmen kann, manche schöne Stunde. An Kunstgenüssen fehlte es mir also durchaus nicht – obgleich ich mich fast ganz auf diejenigen zu beschränken hatte, die mir ohne Kosten zugänglich waren. Meine freien Nachmittage brachte ich gewöhnlich mit den Freunden zu, mit denen mich eine Verwandtschaft geistiger Bestrebungen verband. Wir lasen uns gegenseitig unsere dichterischen Erzeugnisse vor, schwelgten miteinander in unseren Lieblingsschriftstellern, oder philosophierten über Gott und die Welt, mit dem Ernst und der Weisheit, die sehr jungen, etwas frühreifen und enthusiastischen Leuten eigen zu sein pflegt. Zuweilen ging ich auch nach Lind hinaus, eine halbe Wegstunde von Köln, wo mein Ohm Peter den „Münchhof“ bewohnte. Seine Söhne, meine Vettern Heribert und Otto, der eine ein Jahr älter, der andere ein Jahr jünger als ich, waren meine guten und lieben Kameraden. Da sie sich nicht für eine Gelehrtenlaufbahn vorbereiteten, sondern Landwirte werden sollten, so hatte ich weniger geistige Interessen mit ihnen gemein als mit meinen andern Freunden; aber sie waren Knaben von gewecktem Geist, vortrefflicher Gemütsart und ritterlichem Wesen, und wir vergnügten uns zusammen in der heitersten Weise. Wenn das Wetter das Umhertummeln in der freien Luft nicht zuließ, so unterhielten wir uns wohl im Hause mit Kartenspielen. Hier muß ich nun, um der Wahrheit treu zu bleiben, einen Vorfall erwähnen, der zeigt, daß meine Jugend keineswegs von bedenklichen Flecken frei war.

Anfangs spielten wir nur des Zeitvertreibes wegen. Wie wir aber Geschmack an der Sache gewannen, so machten wir bald kleine Einsätze, allerdings nur sehr geringe, da ich äußerst wenig Geld besaß, und meine Vettern freilich etwas mehr, aber auch nicht viel. Doch regte uns das abwechselnde Gewinnen und Verlieren so an, daß die Lust am Spiel schließlich mit uns durchging und zu einer Katastrophe führte. Meine Vettern besuchten eine Zeitlang die Bürgerschule in Köln und blieben die Woche über des Nachts in der Stadt in einem unsern Begriffen nach sehr hübschen Quartier. Dort versammelten wir uns dann und wann an freien Nachmittagen zu einem Kartenspiel. So ereignete es sich, daß, als ich einmal das in den nächsten Tagen zu bezahlende Schulgeld in der Tasche hatte und in fortwährendes Verlieren kam, ich mich von der Aufregung des Augenblicks hinreißen ließ, das mir von meinen Eltern für die Schule anvertraute Geld anzugreifen. Natürlich hoffte ich, das Verlorene zurückzugewinnen; ich spielte fieberhaft weiter; aber das Glück wandte sich nicht, und ich verlor das ganze Schulgeld im Spiel. Freilich betrug die Summe nur ein paar Taler, und meine Vettern halfen mir sofort aus der Not. Aber mein Schreck über das Geschehene war so groß, mein Schuldbewußtsein so peinigend, und, als ich meinen Eltern das Geständnis machte, meine Beschämung so tief – denn ich kam mir, nicht mit Unrecht, wie ein Verbrecher vor –, daß mir die inneren Leiden jener Tage zeitlebens als eine furchtbare Lehre gegenwärtig geblieben sind. Ich hatte an mir selbst eine ernste Erfahrung gemacht. Bei unserm Spiel war es mir nicht um das Gewinnen von Geld zu tun gewesen. In der Tat, es gab vielleicht wenig Menschen, die des Geldes weniger bedurften und die dessen Besitz weniger schätzen. Und doch hatte mich der böse Zauber, der dem Versuchen des Glückes eigen ist, zu einer Handlung verführt, die unter ungünstigen Verhältnissen und in größerem Maßstabe begangen, meinen Charakter hätte unheilbar schädigen können. Das Spiel wird zu den sogenannten noblen Passionen gerechnet; aber ich glaube, es gibt kein Vergnügen, das, einmal zur Passion geworden, dem Charakter gefährlicher ist. Es war vielleicht ein Glück für mich, daß diese Lehre in meinem Leben so früh kam und sich bei mir so schmerzhaft und tief eingrub.

Lustige Tage gab es während der Schulferien, die ich, wenn nicht gerade Ausflüge zu den verschiedenen Oheimen gemacht wurden, in Liblar zubrachte. Dazu fanden sich häufig die Vettern von Lind, Herrig und Jülich zusammen, zuweilen gar verstärkt durch Schulfreunde von Köln. Das war die Zeit des Austobens, und sie wurde redlich benutzt. Die Alten der Familie freuten sich an den Jungen und mit ihnen. Zwei Vorkommnisse meines Ferienlebens sind mir besonders lebhaft im Gedächtnis geblieben. Ein „studierender“ Junge ist in einem Dorfe immer eine Art von Merkwürdigkeit, und es wird ihm manches Ungewöhnliche erlaubt. Nun war mein Vater auf meine Fortschritte recht stolz und mochte gern meine Talente den Nachbarn vorführen. Mit dem Lateinischen und Griechischen und mit meinen literarischen Leistungen, die ich übrigens auch gewöhnlich für mich behielt, ging das natürlich nicht; so versuchte er es denn auf dem musikalischen Felde. Mein Klavierspielen hatte ich fortgesetzt und auch etwas Generalbaß studiert. Besonderes Vergnügen machte es mir, auf dem Instrument zu improvisieren. Mein Vater, der daran großen Gefallen fand, meinte nun, so gut wie auf dem Klavier würde das auch vor dem versammelten Volk auf der Kirchenorgel gehen; und so beredete er den alten Organisten, der selbst ein sehr schwacher Musiker war, mich während der Messe an einer passenden Stelle ein Zwischenspiel oder am Schluß des Gottesdienstes während des Hinausgehens der Gemeinde ein Stück spielen zu lassen. Dies geschah, nicht etwa einmal, sondern oft, da es den Dorfleuten wohl zu behagen schien und der brave Organist keine Künstlereifersucht kannte. An einem Festtage, als der Graf Metternich mit seiner Familie in seiner Kapelle am Chor dem Gottesdienste beiwohnte und die Gemeinde ungewöhnlich zahlreich versammelt war, hielt ich es für angemessen, etwas Besonderes zu leisten. Beim Schluß der Messe also zog ich alle Register auf und spielte einen Marsch, den ich auf dem Neumarkt in Köln bei einer Wachtparade gehört und im Gedächtnis behalten hatte, mit so donnerndem Effekt, daß die Gemeinde, die bereits aufgestanden war, um die Kirche zu verlassen, wie von Erstaunen gebannt stehen blieb und der Graf aus seiner Kapelle hervortrat, als ob er zusehn wollte, was da eigentlich los sei. Als ich endlich schloß, meinten die Dorfleute, das sei einmal etwas Rechtes gewesen, und so etwas habe man in Liblar nie gehört. Dies war der Höhepunkt meiner Laufbahn als Orgelspieler. Sie sollte bald ein jähes Ende nehmen. Eines Sonntags wurde mir erlaubt, den Chor, der aus dem Küster und drei oder vier Sängern bestand, bei der Vesper zu begleiten. Der Regel gemäß fügte der Organist zwischen je zwei gesungenen Versen eine kurze Improvisation als Zwischenspiel ein. Dabei ließ ich nun meiner Kenntnis im Generalbaß freien Lauf. Einmal begann ich mein Zwischenspiel in der Tonart, in welcher der Chorgesang lag, schloß es aber eine Terz höher, um dann mit einem kühnen und raschen Übergang auf die ursprüngliche Tonart zurückzugehen. Auf solche Künste waren nun der Küster und seine Chorgänger nicht eingeübt. Sie wollten meinem kühnen Übergang nicht folgen, sondern setzten ihren Chor eine Terz höher ein, als sie es gewohnt waren und schrien dabei, daß sie rot im Gesicht wurden und ihnen die Kopfadern zu springen drohten. Nach der Vesper erklärte der Küster höchst entschieden, mit den künstlichen Improvisationen und dem Generalbasse sei es nichts; dieser Unfug müsse aufhören, und der alte Organist sei ihm viel lieber. So war es denn mit meiner Glorie als Orgelspieler in Liblar für immer aus.

Auf einem andern Felde erfüllte sich mir ein ehrgeiziger Wunsch. Sehr früh hatte ich schießen lernen und es darin zu einer ziemlichen Geschicklichkeit gebracht. Als ich nun Sekundaner geworden war, und mir eine Kugelbüchse in die Hände fiel, die irgend einem Mitgliede unserer Familie gehört hatte, hielt ich die Zeit für gekommen, mich als vollgültigen Schützen an dem Vogelschießen der Sankt Sebastianus-Brüderschaft zu beteiligen. Ich ließ mich also in die Liste einschreiben, bot mich mehreren Mitgliedern, männlichen und weiblichen, als Vertreter beim Schießen an, und wurde in den meisten Fällen angenommen. Das Kugelgießen am Samstag vor Pfingsten war einer der feierlichsten Akte meines Lebens; und als ich mit Sonnenaufgang am Pfingstmontage aufwachte, fühlte ich, als sei für mich ein Tag großer Entscheidung angebrochen. Mit tiefem Ernst marschierte ich am Nachmittage hinter Hahnen Drickes, dem Trommler, und Schneidermeister Schäfer, dem „Fänt“, in den Reihen der Schützen nach dem Schießplatz; dem „Felde der Ehre“, wie ich es nannte; und als nach dem dreimaligen Umzuge um die Vogelstange das Gebet kam, war ich vielleicht einer der Inbrünstigsten. Ich hatte sogleich zu Anfang mehrere Schüsse, von denen keiner fehl ging. Hahnen Drickes belohnte mich mit dem üblichen Trommelwirbel, und ich fürchte, ich schaute zuweilen mit einem Blick umher, der Bewunderung suchte. Nur ein Schuß blieb mir noch übrig. Aber der hölzerne Vogel war schon sehr zersplittert, und es wurde mit jedem Augenblicke ungewisser, ob meine Nummer noch erreicht werden würde. Mein Herz schlug hoch. Meine letzte Nummer wurde wirklich noch erreicht. Da oben hing nur noch ein kleiner Fetzen von Holz an der Eisenspitze der Vogelstange. Ich setzte die Büchse an die Schulter mit dem Gefühl, als ob dieser Schuß das ganze Schicksal meiner Zukunft enthalte. Mit mächtiger Anstrengung zwang ich mich zur Kaltblütigkeit; mein Blick blieb wirklich klar und meine Hand fest. Aber als ich abgedrückt hatte, schwamm es mir vor den Augen. Ich hörte nur, wie Hahnen Drickes auf seinem Kalbfell raste und wie die umstehende Menge schrie. Das Große war also geschehen. Ich hatte „den Vogel abgeschossen“. Ich war Schützenkönig! Nicht weit von mir stand mein Vater. Er lachte aus vollem Halse und freute sich offenbar über die Maßen. Nun hängte man mir die große silberne Schilderkette um die Schultern, die mich fast zu Boden drückte, und man setzte mir einen hohen Hut auf mit der alten Flitter- und Blumenkrone. Es war ein stolzer Augenblick. Aber ich hatte den Vogel nicht für mich selbst abgeschossen, sondern nur als Vertreter für eine andere Person. Wer war diese Person? Eine Sankt Sebastianus-Schwester, eine alte Waschfrau. Sie wurde herbeigeholt und auch mit einigen Bändern und Blumen geschmückt. Als meiner Königin mußte ich ihr den Arm geben, und so marschierten wir denn feierlich hinter Trommel und Fahne ins Dorf zurück. Die Schützen knallten mit ihren Büchsen, die Kinder jubelten, und die alten Leute standen vor ihren Türen, grüßten mit den Händen und riefen meinen Namen. Aber ich fühlte doch, als ob wir beiden, die alte Waschfrau und ich, in diesem Triumphzuge, der mir in meiner Phantasie immer so feierlich erschienen war, ein recht groteskes Bild darstellten. Ich glaubte sogar, einige Leute über diesen Aufzug spöttisch lachen zu sehen. Aber, schlimmer noch als dies, ich bemerkte auf den Gesichtern einiger der älteren Schützen etwas wie einen Ausdruck des Unwillens. Mein Ohr fing sogar eine Bemerkung auf, es sei doch eigentlich nicht passend, daß das Schützenfest der altehrwürdigen Sankt Sebastianus-Brüderschaft zu einem Knabenspiel werde. Ich konnte mir innerlich nicht leugnen, daß diese Ansicht etwas Berechtigtes habe. So fiel denn in der Stunde des Triumphes, von dem ich vorher soviel geträumt hatte, in den Kelch des Erfolges und der Freude ein schwerer Tropfen Wermut hinein. Es war die alte Erfahrung, mir damals noch neu, daß es selten eine Freude ohne bittere Beimischung gibt, und daß die Erfüllung eines Wunsches gewöhnlich anders aussieht, als man sie sich vorher gedacht. Diese Erfahrung war mir bestimmt in meinem Leben noch recht oft zu machen.

Unterdessen waren über die Familie dunkle Wolken heraufgezogen. Der Abzug meines Großvaters von der Burg hatte allerlei Folgen gehabt, die sich nach und nach als unheildrohend entwickelten. Es war als sei der Familie der feste Boden unter den Füßen weggeglitten und alles ins Schwanken geraten. Der Ertrag der Verkäufe des Inventars wurde, wenn ich mich recht erinnere, meinem Onkel Georg, dem jüngsten Sohn meines Großvaters, der die Ackerwirtschaft auf der Burg hätte führen sollen, zu geschäftlicher Verwendung überlassen. Dieser tastete eine Zeitlang ohne festen Plan umher und kam endlich auf den Gedanken, in Getreide zu handeln. In Verbindung damit entschloß sich mein Vater, der auch das dringende Bedürfnis einer Erweiterung seiner Erwerbsquellen fühlte, neben unserm Hause ein Gebäude zu errichten, das zu ebener Erde einen großen Saal und darüber geräumige Getreidespeicher enthalten sollte. Mein Vater hatte in einem der vielen Bücher, die er gelesen, die Beschreibung einer neuen Bauart mit gepreßten Erdquadern gefunden, die ihm außerordentlich einleuchtete und besonders sehr wohlfeil vorkam. Sie hatte für ihn den großen Reiz des Neuen. So ging er denn ans Werk, und der Bau wurde erfolgreich ausgeführt, nur kostete das Experiment viel mehr, als mein Vater im voraus berechnet hatte. Auch stellte es sich bald heraus, daß der festlichen Gelegenheiten für den Gebrauch des Saales zu wenige waren, um das darauf verwendete Kapital zu einer gut zahlenden Geldanlage zu machen. Mit dem Getreidespeicher ging es in der Folge noch schlimmer. Der Getreidehandel meines Onkels Georg nahm bald den Charakter der Spekulation an, und man versprach sich goldene Berge davon. Wenn der Führer des Geschäfts ins Gedränge kam, so sprangen ihm die Brüder und Schwäger natürlich bei, und bald fanden sich alle in Unternehmungen verwickelt, für die keiner von ihnen besonderes Geschick besaß. Wie ich sie vorher schon beschrieben habe, keiner von ihnen war ein scharfer Rechner und Händler. Es ging gegen das Kavalierartige in ihrer natürlichen Anlage. Mein Oheim Jakob, der Bürgermeister von Jülich, hatte allerdings mehrere der Eigenschaften, deren ein Kaufmann bedarf. Er war in allen Dingen gewissenhaft, ordentlich und exakt. Aber der sichere Blick in der Berechnung des Vorteils, der Instinkt des Händlers fehlten auch ihm. Ebensowenig war mein Vater ein guter Geschäftsmann. Er interessierte sich viel mehr für das, was er in seinen populär-naturwissenschaftlichen Werken fand, als für die Dinge, die seine Geschäftsbücher füllen sollten. Es schien ihm unmöglich zu sein, die allernötigste Ordnung in seinen Papieren zu halten. In unserm Wohnzimmer stand ein Pult mit einem Klappdeckel, in dem er seine Rechnungen, Quittungen, Geschäftsbriefe usw. aufbewahrte. Ich erinnere mich, ihn oft gesehen zu haben, wie er an diesem Pult arbeitete mit einem verworrenen Haufen von Papieren vor sich, wie sein Gesicht einen immer hülfloseren und ungeduldigeren Ausdruck annahm, und wie er dann plötzlich aufstand und die Papiere in ihrem wilden Durcheinander mit seinem Ellbogen in das Innere des Pultes zurückschob, um den Deckel schließen zu können. Und diese Untugend fürchte ich, habe ich von meinem Vater geerbt, denn es ist immer darüber geklagt worden, daß es auf meinem Schreibtisch wüst aussehe.

Die gegenseitigen Hülfeleistungen brachten nach und nach unter den Brüdern und Schwägern so große Verwirrung hervor, daß endlich keiner von ihnen mehr genau wußte, wie seine eigenen Angelegenheiten standen. Um in diese Konfusion Licht zu bringen, versammelten sie sich zuweilen, mit dem Vorsatz, nur von Geschäften zu sprechen, bis alles in übersichtliche und befriedigende Ordnung gebracht sein würde. Dabei hätte nun freilich manches gesagt werden müssen, was dem einen oder dem anderen hätte unangenehm sein können, – und davor scheute sich jeder. So begannen sie denn damit, sich zusammen zu Tisch zu setzen und sich gegenseitig an die köstlichen Tage zu erinnern, die sie miteinander verlebt, und an die tollen Streiche, die sie zusammen ausgeführt. Allmählich wurde dann aus der beabsichtigten Geschäftskonferenz ein Familienfest der heitersten Art. Sie aßen und tranken und freuten sich so herzlich miteinander, daß es gar zu schade gewesen wäre, die Gemütlichkeit durch die Erwähnung unangenehmer Dinge zu stören. Nachdem dies einige Tage so fortgegangen war, erinnerten sie sich, daß es nun für die von auswärts hergekommenen Zeit sei, nach Hause zu reisen. Dann nahmen sie rührenden Abschied, küßten einander, weinten auch wohl gar ob der Trennung und gingen jeder seines Weges, ohne daß von den bösen Geschäften, wegen deren sie sich versammelt, auch nur einen Augenblick die Rede gewesen wäre. Natürlich gerieten ihre Angelegenheiten so in einen immer heilloseren Zustand, und einige gewagte Getreidespekulationen, die alles wieder gutmachen sollen, aber wie gewöhnlich fehlschlugen, dienten nur dazu, die Lage noch bedeutend zu verschlimmern.

Mein Vater war an diesen Spekulationen zwar nur indirekt beteiligt, aber doch genug, um in die daraus entstehenden Schwierigkeiten verwickelt zu werden. Obgleich ich mit diesen Dingen möglichst wenig behelligt wurde und die Jugend sie ja auch gewöhnlich leicht nimmt, so entging es mir doch nicht, daß meine Eltern zuweilen in drückender Sorge waren, und ich fing an, diese Sorge ernstlich zu teilen. Ich selbst warf die Frage auf, ob es ihnen möglich sein werde, mich länger im Gymnasium zu halten. Diese Frage wurde dadurch entschieden, daß ich mir ein Stipendium erwirkte, das einen großen Teil der Kosten meines Aufenthaltes in Köln deckte, und daß ich den Rest durch Privatstunden erwarb, die ich Schülern in den unteren Klassen des Gymnasiums gab. Dies unternahm ich mit großem Eifer und nicht ohne Erfolg. Freilich bezahlten mir die meisten meiner Schüler nur 2½ Silbergroschen die Stunde; fünf Groschen die Stunde sah ich für ein sehr schönes Honorar an. So arbeitete ich mich bis in die Unterprima durch.

Nun trat in der Lage meiner Eltern plötzlich eine hoffnungsvolle Änderung ein. Mein Vater fand Gelegenheit, das Eigentum in Liblar, Haus, Garten und Saalbau um einen Preis zu verkaufen, der ihn in den Stand setzen würde, seine Verbindlichkeiten zu decken und noch etwas für die Gründung einer neuen Existenz übrig zu behalten. Sobald der Verkauf abgeschlossen war, zog er mit der Familie nach Bonn, wo ich in Jahresfrist, nachdem ich das Gymnasium absolviert, die Universität beziehen sollte. In Bonn kam er durch ein Arrangement mit einem alten Bekannten in Besitz eines geräumigen Hauses, dessen unterer Teil als ein Restaurant mit Mittagstisch für Studenten diente, während in den obern Stockwerken mehrere Zimmer vermietet wurden. Mein Freund Petrasch, der unterdessen zur Universität gegangen war, bezog eines derselben. Alles ließ sich befriedigend an.

Aber unsere Lage verdunkelte sich wieder in erschreckender Weise. Der Käufer des Eigentums in Liblar, mit dem, wie es schien, mein Vater sich nicht gehörig vorgesehen, und der bei dem Abschluß des Kaufes nur eine geringe Anzahlung geleistet hatte, erklärte plötzlich, daß ihm der Kauf leid geworden sei, und daß er die bereits erlegte kleine Summe aufgeben, aber keine weitere Zahlung machen werde. Das war ein harter Schlag. Mein Vater versuchte, den Käufer gerichtlich an seinen Kontrakt zu halten, doch das war eine langwierige und unsichere Sache. Ein anderer Käufer fand sich nicht. Nach Liblar zurückgehn konnte mein Vater auch nicht, da er nun in Bonn gebunden war. Nun begannen die Wechsel fällig zu werden, die er im Vertrauen auf das Eingehen der Kaufsumme seinen Gläubigern gegeben hatte. Er konnte seine Versprechen nicht einhalten; die Wechsel wurden protestiert, und plötzlich empfing ich in Köln die Nachricht, daß einige der Gläubiger zur Erzwingung der Zahlung meinen Vater hatten ins Schuldgefängnis sperren lassen. Das traf mich wie ein Donnerschlag. Ich lief nach dem Gefängnis und sah meinen Vater hinter einem Gitter. Es war eine erschütternde Begegnung, aber wir sprachen uns gegenseitig Mut zu. Er setzte mir seine Umstände auseinander, und wir überlegten, was wohl getan werden könnte, um ihn aus dieser demütigenden und für unsere Familie so entsetzlichen Lage zu befreien.

Ich war siebzehn Jahre alt und sollte in die Oberprima gehn. Aber nun war es mit meinem Verbleiben in Köln zu Ende. Ich nahm also von meinen Lehrern und Freunden einen eiligen Abschied und widmete mich ganz den Angelegenheiten der Familie. Meine Oheime wollten gern nach Kräften helfen, aber sie selbst steckten in den schwersten Verlegenheiten. Geldgeschäfte waren mir durchaus fremd und meiner Neigung zuwider. Doch ist die Not ein wunderbarer Schulmeister, und ich hatte die Empfindung, als wäre ich plötzlich um viele Jahre älter geworden. Nach vielem Hin- und Herreisen und unablässigen, sorgenvollen Bemühungen gelang es, die Gläubiger so weit zu befriedigen, daß sie meinen Vater freiließen und sich zu den erforderlichen Akkommodationen bequemten. Das waren schwere Tage.

Als mein Vater wieder imstande war, die geschäftlichen Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, warf sich die Frage auf, was nun mit mir geschehen solle. Sollte ich meine Studien aufgeben und eine andere Laufbahn beginnen? Dieser Gedanke wurde sofort verworfen. Aber die Umstände erlaubten nicht, daß ich nach Köln zurückging. Ich mußte bei der Familie bleiben. Es wurde daher der kühne Plan gefaßt, ich solle sofort anfangen, als nicht-immatrikulierter Student Vorlesungen an der Universität zu hören, dabei aber privatim meine Gymnasialstudien fortsetzen und im Herbste des nächsten Jahres das Abiturientenexamen in Köln als „Auswärtiger“ absolvieren. Dieser Plan war deshalb kühn, weil es wohl schwierig erschien, die Gymnasialstudien nebenbei bis auf den erforderlichen Punkt fortzuführen, und weil die „Auswärtigen“ bei dem Abiturientenexamen besonders strenge behandelt zu werden pflegten. Aber ich zauderte nicht, das Wagestück zu unternehmen. Mein Beruf war mir unterdessen auch klar geworden. Ich liebte vor allen geschichtliche und Sprachstudien und glaubte, schriftstellerische Fähigkeit zu besitzen. Ich beschloß also, mich auf eine Professur der Geschichte vorzubereiten. Nach vollendetem Universitätskursus hoffte ich die erwerbslose Privatdozentenperiode bis zur Erlangung einer Professur mit dem Ertrag literarischer Arbeiten überbrücken zu können. So fing ich denn an, philologische und geschichtliche Vorlesungen zu besuchen.

Mein Abschied vom Gymnasium bringt mich zu der früher schon erwähnten Frage zurück, ob nicht der Lehrplan der deutschen Gymnasien, sowie der korrespondierenden Anstalten in andern Ländern, veraltet und unpraktisch geworden sei. Ist es weise, einen so großen Teil der Zeit und der Lernkraft der Schüler auf das Studium des Lateinischen und des Griechischen und der klassischen Literaturen zu verwenden? Würde man nicht der jungen Generation einen größeren Dienst erweisen, wenn man an die Stelle des Lateinischen und des Griechischen das Studium moderner Sprachen und Literaturen setzte, deren Kenntnis in den praktischen Geschäften des Lebens viel nutzbarer wäre? Dieser Frage ist ihre Berechtigung gewiß nicht abzusprechen. Das Lateinische ist nicht mehr, was es in den meisten Ländern der sogenannten zivilisierten Welt bis zum Anfang des achtzehnten Jahrhunderts, ja in einigen bis zu einem viel jüngerem Zeitpunkt war: die Sprache der Diplomatie, des Rechts, der Philosophie, der gesamten Wissenschaft. Nicht einmal die Fähigkeit, lateinische Zitate in die Rede einzustreuen, ist jetzt noch erforderlich, um den gebildeten Menschen zu dokumentieren. Die Literaturen des klassischen Altertums sind nicht mehr die einzigen, in denen wir große Dichterschöpfungen in vollendeter Formenschönheit, Muster der Geschichtschreibung und der Beredsamkeit und Tiefe des philosophischen oder wissenschaftlichen Gedankens finden. In den modernen Literaturen gibt es reiche Schätze davon, und ebenso von vortrefflichen Übertragungen, die auch demjenigen, der die alten Sprachen nicht versteht, die Meisterwerke des antiken Geistes zugänglich machen.

Und doch – wenn ich mich jetzt in meinen alten Tagen nach vielfacher Lebenserfahrung frage, welchen Teil des Unterrichts, den ich in meiner Jugend empfangen, ich mit dem geringsten Bedauern entbehren würde, so würde meine Antwort keinen Augenblick zweifelhaft sein. Ich habe ja freilich – und leider – von dem Latein und Griechisch, das ich als Schüler wußte, im Lauf der bewegten Zeiten viel vergessen.

Aber die ästhetischen und sittlichen Anregungen, die jene Studien mir gaben, die idealen Maßstäbe, die sie mir errichten halfen, die geistigen Horizonte, die sie mir eröffneten, sind mir niemals verloren gegangen. Jene Studien waren nicht ein bloßes Mittel zur Erwerbung von Kenntnissen, sondern im besten Sinne des Wortes ein Kulturelement. Und so sind sie mir mein ganzes Leben hindurch eine unerschöpfliche Quelle erhebenden Genusses geblieben.

Wäre mir noch einmal die Wahl gegeben zwischen den klassischen Studien und den sogenannten „nützlichen“ an ihrer Stelle, so würde ich, für mich selbst, unzweifelhaft im wesentlichen denselben Lehrplan wählen, den ich durchgemacht habe. Ich würde das um so unbedenklicher tun, als ich die klassischen Studien wahrscheinlich nie im späteren Leben hätte aufnehmen können, hätte ich sie nicht in meinen Gymnasialjahren begonnen, und als die Kenntnis der alten Sprachen mir später auch bei dem Erlernen der modernen von unschätzbarem Vorteil gewesen ist. Wer Lateinisch versteht, wird das Französische, Englische, Spanische, Italienische und Portugiesische nicht allein viel leichter lernen, sondern auch viel besser. Ich kann von mir selbst sagen, daß ich in der Tat nur die lateinische Grammatik ganz gründlich verstanden habe, daß aber diese Kenntnis mir die grammatischen Studien in den modernen romanischen und germanischen Sprachen aller Mühseligkeit entkleidet, ja spielend leicht gemacht hat. – Während ich also dem jetzt so beliebten Nützlichkeitsargument in bezug auf die Veränderung des Lehrplans sein Anrecht auf ernstliche Beachtung keineswegs abspreche, so kann ich doch nicht umhin zu gestehen, daß ich persönlich dem alten klassischen Kursus sehr viel Gutes und Schönes zu verdanken habe, das ich nicht entbehren möchte.

Student an der Universität zu sein, ist der schönste Traum des Gymnasialschülers – das Ziel seiner Sehnsucht. Ich hatte davon keine Ausnahme gemacht. Nun war ich an der Universität. Aber wie? Als bloßer Zuläufer, der sein Recht auf die akademische Bürgerschaft erst durch eine schwere Prüfung zu gewinnen hatte; als eine fragliche Existenz, kaum einer demütigenden Lage entgangen, von bitteren Sorgen gedrückt, mit sehr unsicherem Ausblick auf die Zukunft. So geschah es mir wieder, daß das, was ich erhofft hatte, in einer traurigen Gestalt kam. In der Erfüllung konnte ich den vorhergegangenen Wunsch kaum wiedererkennen.

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