Wissenschaft und Politik

Ich wende mich jetzt dazu, die schon früher bis zum Jahre 1850 geführte kurze Uebersicht meiner wissenschaftlichen und technischen Arbeiten fortzusetzen.

In den Jahren 1850 bis 1856 war ich mit Halske eifrig bemüht, die telegraphischen Apparate und elektrischen Hülfs- und Meßinstrumente für wissenschaftliche und technische Zwecke zu verbessern. Es war ein noch ziemlich unbebautes Feld, das wir bearbeiteten, und unsere Thätigkeit daher recht fruchtbar. Unsere Constructionen, die namentlich durch die Weltausstellungen in London und Paris schnell verbreitet wurden, haben fast überall die Grundlage der späteren Einrichtungen gebildet. Wie schon bemerkt, wurden nur wenige dieser Neuerungen patentirt, die Mehrzahl derselben wurde auch entweder gar nicht oder doch erst in späteren Jahren in Zeitschriften beschrieben. Dies erleichterte zwar ihre allgemeine Einführung und brachte uns viele Bestellungen, aber es entging uns dadurch auch vielfach die allgemeine Anerkennung unsrer Urheberschaft. Ich werde hier nur einige Richtungen darlegen, in denen sich unsre Constructionen bewegten.

Außer der praktischen Durchführung des Morseschen Reliefschreibers für Handbetrieb beschäftigte uns in diesem Zeitabschnitte die Ausbildung dieses Apparates zum Schnellschreiber für unser automatisches Telegraphensystem, das zunächst für die großen russischen Linien bestimmt war und zuerst auf der Linie Warschau-Petersburg im Jahre 1854 zur Anwendung kam. Die Depeschen wurden bei diesem Telegraphensystem durch den sogenannten Dreitastenlocher vorbereitet, der dazu diente, die Morsezeichen in einen Papierstreifen einzulochen, indem durch Niederdrückung der ersten Taste desselben in dem Streifen ein einfaches rundes Loch, durch Niederdrückung der zweiten Taste ein Doppelloch ausgeschnitten wurde. Die nöthige Fortschiebung des Streifens geschah selbstthätig, während der zur Trennung zweier Worte erforderliche, größere Zwischenraum durch Niederdrückung der dritten Taste bewirkt wurde. War auf diese Weise eine Depesche in den Papierstreifen eingelocht, so wurde dieser in dem sogenannten Schnellschriftgeber mit Hülfe eines Laufwerks zwischen einer mit Platin bekleideten Walze und einer Contactfeder oder Bürste hindurchgezogen. Dabei erzeugten die einfachen Löcher einen Punkt, die Doppellöcher einen Strich auf der Empfangsstation. Da sich herausstellte, daß gewöhnliche Magnete mit Eisenanker nicht schnell genug arbeiteten, so verwendeten wir für die Relais sowohl wie für die Schreiber Magnete mit leichten, in den feststehenden Drahtrollen drehbaren Kernen, die aus Drahtbündeln oder aufgeschnittenen, dünnen Eisenröhren gebildet waren, wodurch die gewünschte Geschwindigkeit der Wirkung sicher erzielt wurde.

Einen durchlochten Papierstreifen hatte schon Bain im Jahre 1850 bei seinem elektrochemischen Telegraphen angewendet, doch fehlte ihm ein geeigneter Mechanismus zur schnellen Lochung der Streifen. Wheatstone hat meinen Dreitastenlocher im Jahre 1858 für seinen elektromagnetischen Schnellschreiber mit Vortheil benutzt, freilich ohne die Quelle zu nennen, aus der er geschöpft hatte.

Der Eisenbahnsignaldienst, mit dem unsre Firma von Anfang an vorzugsweise beschäftigt war, brachte weitere Aufgaben. Es sollten auf allen deutschen Eisenbahnen längs der Linien Läutewerke aufgestellt werden, die beim Abgange eines Zuges von einer Station auf der ganzen Strecke hörbare Glockensignale zu geben hatten. Solche Läutewerke hatte bereits der Mechaniker Leonhardt für die Thüringer Bahn angefertigt, sie functionirten aber mangelhaft, weil es schwer fiel, die großen galvanischen Batterien, die auf den Stationen zur Auslösung der Werke erforderlich waren, in gutem Stande zu erhalten. Der Gedanke lag nahe, Magnetinductoren anstatt der Batterien anzuwenden, doch waren die bis dahin bekannten Magnetinductionsmaschinen von Saxton und Stöhrer für diesen Zweck nicht geeignet. Wir construirten nun eine neue Art solcher Inductoren, die sich ausgezeichnet bewährt und alle anderen Constructionen später vollständig verdrängt hat. Das Wesentliche unseres Inductors war, daß als rotirender Anker ein Eisencylinder verwendet wurde, der mit tiefen, sich gegenüberstehenden Längseinschnitten versehen war, die eine Rinne zur Aufnahme des umsponnenen Kupferdrahtes bildeten. Nach der Form seines Eisenquerschnittes erhielt dieser Anker den Namen Doppel-T-Anker; in England ist er unter dem Namen Siemensarmature bekannt. Die am Ende ausgehöhlten Stahlmagnete, welche den rotirenden Cylinder umfaßten, konnten getrennt von einander längs desselben angebracht werden, daher eine kräftigere magnetisirende Wirkung ausüben und sich gegenseitig weniger schwächen. Inductoren dieser Art werden heute überall ausschließlich angewendet, wo man durch Stahlmagnetismus kräftige Ströme erzeugen will.

Meine cylinderförmigen Anker mit transversaler Wickelung besaßen vor den älteren Constructionen den großen Vorzug, daß sie bei kräftiger Wirkung wenig Masse und namentlich bei schneller Drehung geringes Trägheitsmoment hatten. Ich benutzte sie daher auch zur Construction eines sehr einfachen und sicher functionirenden magnetelektrischen Zeigertelegraphen, bei dem der Cylinderinductor durch eine Kurbel mit Räderübersetzung schnell gedreht wurde, während jede halbe Umdrehung einen abwechselnd positiven und negativen Strom durch die Linie schickte, von denen jeder den Zeiger des Empfangsapparates um einen Buchstaben des Zifferblattes fortschreiten ließ. Es genügte, die Kurbel nacheinander auf die zu telegraphirenden Buchstaben einzustellen, um dieselben auf der Empfangsstation in gleicher Reihenfolge sichtbar zu machen. Der Elektromagnet des Empfangsapparates bestand aus einem um seine Axe drehbaren Eisencylinder mit Polansätzen, die zwischen den Polen zweier kräftigen, hufeisenförmigen Stahlmagnete oscillirten. Je nachdem ein positiver oder negativer Strom die feststehenden Windungen des Elektromagnetes durchlief, mußte daher der eine oder der andere Magnet den drehbaren Anker anziehen und dadurch den Zeiger des empfangenden Apparates fortbewegen. Diese schnell und sicher arbeitenden magnetelektrischen Zeigerapparate wurden namentlich für den Eisenbahndienst vielfach verwendet und werden auch jetzt noch häufig benutzt.

Eine größere und allgemeinere Bedeutung hat die eben beschriebene Einrichtung polarisirter Magnete – d.h. solcher, bei denen der oscillirende Anker oder Magnet zwei Ruhelagen hat, je nachdem zuletzt ein positiver oder ein negativer Strom die Elektromagnetwindungen durchlaufen hat – durch ihre Anwendung bei Relais bekommen. Auf der Benutzung polarisirter Relais beruht die Möglichkeit, mit kurzen inducirten Strömen das Morsealphabet zu telegraphiren, indem die eine Stromrichtung den Strich auf dem Papierstreifen einleitet, während die andere ihn beendet. Die Länge des erzeugten Striches hängt also nicht von der Stromdauer, sondern von der Dauer des Zeitintervalles zwischen zwei auf einander folgenden kurzen Strömen wechselnder Richtung ab.

Auf diesem Principe beruhen mehrere unserer Telegraphenconstructionen, von denen hier nur der Inductionsschreibtelegraph erwähnt werden mag. Bei ihm wurden die zum Betriebe erforderlichen kurzen Ströme wechselnder Richtung durch einen in sich geschlossenen Elektromagneten erzeugt, der mit einer primären Wickelung aus wenigem, dickem Draht und einer secundären aus vielem, dünnem Draht versehen war. In den primären Windungen wurden in üblicher Weise die zum Telegraphiren des Morsealphabets erforderlichen Ströme erzeugt. In den secundären, mit Linie und Erdleitung verbundenen Windungen entstanden dann bei Beginn und Schluß der in der primären Leitung cirkulirenden Ströme kurze, kräftige Inductionsströme wechselnder Richtung, die im Telegraphenapparate der Endstation die verlangten Morseschriftzeichen hervorbrachten. Zu den Magnetinductoren wurden magnetisch geschlossene Elektromagnete mit massiven Eisenkernen verwendet, um die Spannung der Schließungs- und Oeffnungsströme möglichst gleich groß zu machen.

Mit solchen Inductionsschreibtelegraphen konnte man mittelst eines einzigen Daniellschen Elementes durch oberirdische Linien mit Sicherheit auf die größten Entfernungen telegraphiren. Auch für unterirdische und unterseeische Linien erwiesen sich die inducirten Wechselströme als sehr vortheilhaft, denn sie ermöglichten es, auf größere Entfernungen und mit größerer Geschwindigkeit zu arbeiten. Wie schon erwähnt, wurde die Linie Sardinien-Malta-Corfu im Jahre 1857 mit unseren Inductionsschreibtelegraphen ausgerüstet. Auch zum Betriebe des im darauffolgenden Jahre gelegten ersten atlantischen Kabels wurden von dem leitenden Elektriker, Mr. Whitehouse, inducirte Ströme benutzt, bis die leider bald nach der Legung eintretende Zerstörung der Isolation ihre weitere Anwendung verhinderte. Später ging man bei langen Unterseelinien allgemein zur Anwendung der Thomsonschen Spiegelgalvanometer mit Batterieströmen zurück.

Auch für Landlinien stellte sich bei Anwendung der kurzen, inducirten Ströme der Nachtheil ein, daß diese sehr kräftig sein mußten, um die nöthigen mechanischen Bewegungen am Ende der Linie ausführen zu können. Da aber die Instandhaltung sehr großer Batterien, wie sie der Betrieb langer Linien mit Gleichstrom oder Batterie-Wechselstrom erforderte, beschwerlich und kostspielig war, so versuchten Halske und ich, auf mechanischem Wege Batterieströme niedriger Spannung in Gleichströme höherer Spannung umzuwandeln. In den Weltausstellungen zu London und Paris stellten wir mehrere, zu diesem Zwecke von uns construirte Mechanismen aus, doch litten dieselben anfänglich an dem Uebelstande, daß die erzielten Ströme hoher Spannung nicht von gleichmäßiger Stärke waren. Erst durch die Construction meiner sogenannten Tellermaschine wurde die Aufgabe der Erzeugung von Gleichströmen nahezu constanter Spannung durch Voltainduction wirklich gelöst.

Diese Tellermaschine besteht im Wesentlichen in einer großen Anzahl von Elektromagneten, die in einem Kreise gruppirt sind, und über deren Polen der sogenannte Teller, eine kegelförmige Eisenplatte, deren Spitze im Centrum des Kreises der Magnete gelagert ist, in Rotation versetzt wird. Die Magnete sind mit doppelten Windungen versehen, von denen die inneren stets zur Hälfte in den Leitungskreis einer Batterie von wenigen großen Elementen eingeschaltet werden und durch passende Contactführung – indem die Contacte der Tellerabrollung stets um ein Viertel des Kreises voraneilen – die Rotation des Tellers bewirken, während die äußeren sämmtlich zu einem in sich geschlossenen, leitenden Kreise verbunden sind. Der über den Magnetpolen fortrollende Eisenconus erzeugt nun in den secundären Windungen der in den Localkreis eingeschalteten Magnete einen Inductionsstrom einer Richtung, dagegen in denen der gleichzeitig ausgeschalteten Magnete einen Inductionsstrom entgegengesetzter Richtung. Die beiden Inductionsströme würden sich das Gleichgewicht halten, und es könnte überhaupt kein Strom in dem secundären Windungskreise entstehen, wenn nicht an zwei einander gegenüberliegenden Stellen dieses Kreises eine fortlaufende Ableitung angebracht wäre, durch welche die entgegengesetzt gerichteten Ströme beider Hälften aufgenommen und zu einem continuirlichen Strome vereinigt würden. Diese Ableitung geschieht durch Schleiffedern, welche durch die verlängerte Axe des Eisenconus gedreht werden.

Die Tellermaschine wurde im Jahre 1854 von mir construirt und in mehreren Weltausstellungen, zuerst in der zu Paris im Jahre 1855, vorgeführt. Ein Exemplar derselben ist nebst vielen anderen Apparaten unserer Construction dem Berliner Postmuseum einverleibt, das wohl überhaupt die vollständigste Sammlung älterer Telegraphenapparate besitzt, die in der Welt existirt. Interessant ist die Tellermaschine deshalb, weil sie die erste Lösung des Problems, constante gleichgerichtete Ströme durch Induction zu erzeugen, darstellt und dabei genau denselben Weg verfolgt, den zehn Jahre später Professor Pacinotti bei seinem berühmten Magnetinductor eingeschlagen hat; das dem Pacinottischen Ringe zu Grunde liegende Princip der Stromverzweigung war in ihr bereits enthalten. Meine Maschine bildet also die Vorgängerin der modernen Dynamomaschine mit continuirlichem Strom und zugleich die des Transformators. Hätte man bei ihr von der Selbstbewegung des Tellers abgesehen und diese durch mechanische Drehung der Axe mit den Schleiffedern bewirkt, so würde man schon damals eine wirksame dynamo-elektrische Maschine gehabt haben, und zwar mit Ueberspringung der Periode der Anwendung des Doppel-T-Ankers, durch welche man erst zu ihr gelangte. Es kann dies als ein Beweis der Schwierigkeit dienen, die mit der ersten Erkenntniß der nächstliegenden Wahrheiten oft verknüpft ist. Ich kann auch nur mit einer gewissen Beschämung des Umstandes gedenken, daß ich nach Aufstellung des Princips der Dynamomaschine nicht gleich daran dachte, die bei der Tellermaschine benutzte Parallelschaltung der entgegengesetzt inducirten Windungshälften anzuwenden, sondern erst mehrere Jahre später durch Pacinottis Vorgang darauf geführt wurde.

Durch eine Mittheilung im Leipziger polytechnischen Centralblatte wurden im Jahre 1854 die Telegraphentechniker in große Erregung versetzt. Die Mittheilung ging dahin, daß es dem österreichischen Telegraphenbeamten Dr. Gintl gelungen sei, zwischen Prag und Wien mittelst des Morseapparates durch denselben Leitungsdraht gleichzeitig in entgegengesetzten Richtungen zu telegraphiren. Es sollte dies dadurch ermöglicht sein, daß die Relais mit zwei Wickelungen versehen wären, von denen die eine vom Linienstrome und die andere in derselben Zeit von einem ebenso starken Localstrome in entgegengesetzter Richtung durchlaufen würde. Dieser zweite Kreislauf sollte durch einen besonderen Contact in demselben Augenblicke wie der Linienstrom geschlossen werden, Dr. Gintl fand jedoch bald, daß dieser Weg nicht zum Ziele führte, weil es unmöglich war, zwei Contacte wirklich in demselben Momente eintreten zu lassen, und weil die am Ende jedes Zeichens erfolgende Unterbrechung des Hauptstromes auch den von der anderen Seite kommenden Strom stören mußte. Daher verließ Gintl diesen Weg und suchte die Aufgabe unter Anwendung des Bainschen elektrochemischen Telegraphen zu lösen. Seine Versuche ergaben hier ein besseres Resultat und verleiteten ihn zu der Ansicht, zwei Ströme entgegengesetzter Richtung könnten denselben Leiter durchlaufen, ohne sich gegenseitig zu stören. In einem Aufsatze »Ueber die Beförderung gleichzeitiger Depeschen durch einen telegraphischen Leiter«, den ich in Poggendorffs Annalen veröffentlichte, wies ich die Unzulässigkeit dieser Ansicht nach und entwickelte die Theorie des elektrochemischen Gegensprechens, zeigte aber auch, daß diese Methode praktisch nicht durchführbar wäre. Zugleich gab ich eine Methode des Gegensprechens mit elektromagnetischen Apparaten, die das gewünschte Resultat vollkommen erzielte. Dieselbe Methode wurde unabhängig von mir auch durch den späteren Oberingenieur unserer Firma, Herrn C. Frischen, in Hannover gefunden; sie ist heute unter dem Namen »Gegensprechschaltung von Frischen und Siemens« bekannt und wird noch jetzt vielfach verwendet. Am Schlusse des genannten Aufsatzes behandelte ich die Theorie des Sprechens mit zwei Apparaten in gleicher Richtung durch denselben Draht und die des gleichzeitigen Doppel- und Gegensprechens, theilte auch die Stromverzweigungen mit, durch welche diese Aufgaben zu lösen sind.

Im Jahre 1857 publicirte ich in Poggendorffs Annalen eine größere Arbeit »Ueber die elektrostatische Induction und die Verzögerung des Stromes in Flaschendrähten«, die das Endresultat mehrjähriger Versuche über die physikalischen Eigenschaften der unterirdischen Leitungen darstellt. Ich gab in dieser Arbeit die Fortsetzung und weitere Entwicklung der schon im Jahre 1850 von mir aufgestellten Theorie der elektrostatischen Ladung unterirdischer Leitungen. Es wurde dieser Theorie in physikalischen Kreisen anfänglich kein rechter Glauben geschenkt; suchte doch selbst Wilhelm Weber die an den preußischen unterirdischen Leitungen auftretenden Störungen noch durch Selbstinduction zu erklären. Dazu kam, daß auch Faradays geniale Theorie, nach welcher die elektrostatische Vertheilung nicht durch directe elektrische Fernwirkung, sondern durch eine von Molekül zu Molekül des Dielektrikums fortschreitende Vertheilung bewirkt wird, bei den meisten Physikern der älteren Schule noch keine Anerkennung zu finden vermochte. Man erklärte den thatsächlichen Einfluß der zwischen zwei Leitern befindlichen Materie auf die Größe der elektrischen Ladung durch ein mehr oder weniger tiefes Eindringen der Elektricität in den Isolator und die dadurch bewirkte Verminderung der Entfernung zwischen den auf den beiden Leitern wirksamen Elektricitätsmengen. Ich entschloß mich daher zur Ausführung einer Experimentaluntersuchung, um die factisch bestehenden Zustände ohne Anknüpfung an eine der vorhandenen Theorien festzustellen. Meine Untersuchung, welche durch die damals noch sehr unvollkommene Entwicklung der Untersuchungsmittel und Methoden wesentlich erschwert wurde, führte mich zu einer vollen Bestätigung der Faradayschen Molekularvertheilungstheorie. Es ergab sich, daß die Bewegungsgesetze der Wärme und Elektricität in Leitern auch für die elektrostatische Induction Gültigkeit haben, und daß mithin die Form des Ohmschen Gesetzes für den elektrischen Strom auch auf sie anwendbar sei. Ich erhielt auf diesem Wege mit Hülfe der Faradayschen Theorie die Poissonschen Ausdrücke für die Dichtigkeit der Elektricität auf der Oberfläche der Körper und konnte den experimentellen Nachweis führen, daß in allen Fällen die Theorie Faradays zur Erklärung der Erscheinungen ausreicht. Ich habe diese Theorie damals in mehreren Richtungen weiter entwickelt und mit ihrer Hülfe Aufgaben gelöst, wie z.B. die Berechnung der Capacität einer aus beliebig vielen, hintereinander geschalteten Leydener Flaschen verschiedener Capacität gebildeten Batterie, eine Aufgabe, die auf anderem Wege bis dahin nicht zu lösen war. Leider fand ich nicht eher als im Frühjahr 1857 die nöthige Muße, um meine Arbeit druckfertig zu machen. Inzwischen hatten schon berühmte englische Physiker, wie Sir William Thomson und Maxwell verschiedene meiner wissenschaftlichen Resultate vorweggenommen, namentlich waren von Thomson dieselben Formeln für die Capacität der Flaschendrähte und die Verzögerung des Stromes aufgestellt, welche ich auf einem ganz anderen, mehr elementaren Wege entwickelt hatte. Maxwell hat in seinen unvergänglichen Arbeiten Faradays Theorie streng mathematisch bearbeitet und den Nachweis geführt, daß sie überall in vollem Einklange mit der Potentialtheorie steht. Wir sind daher durchaus berechtigt, die elektrische Vertheilung mit Faraday als eine von Molekül zu Molekül fortgepflanzte Wirkung aber nicht zugleich als eine directe Fernwirkung zu betrachten, denn nur der eine dieser Vorgänge kann in Wirklichkeit bestehen.

Am Schlusse der eben besprochenen Arbeit habe ich den unter dem Namen der Siemens’schen Ozonröhre bekannten Apparat beschrieben und die Theorie seiner Wirkung entwickelt. Es gelang mir durch denselben, auf elektrolytischem Wege Sauerstoff in Ozon umzuwandeln. Diesem Apparate steht noch eine große Zukunft bevor, da er es ermöglicht, Gase der Elektrolyse zu unterwerfen. Dieselben werden dadurch in den sogenannten activen Zustand versetzt, der sie befähigt, direct mit anderen Gasen chemische Verbindungen einzugehen, die anderweitig nur auf großen Umwegen zu erreichen sind.

Ich habe schon erwähnt, daß noch in der Mitte dieses Jahrhunderts eines der größten Hindernisse, welche der Entwicklung der Naturwissenschaften und namentlich der physikalischen Technik entgegenstanden, das Fehlen feststehender Maaße war. In naturwissenschaftlichen Schriften wurden zwar ziemlich allgemein Meter und Gramm als Maaße für Längen und Gewichte benutzt, die Technik litt aber dessenungeachtet an einer unerträglichen Zersplitterung und Unsicherheit. Immerhin bildeten Meter und Gramm wenigstens feste Vergleichspunkte, auf die man alle Maaßangaben beziehen konnte. Ein solcher Festpunkt fehlte aber gänzlich für die elektrischen Maaße. Zwar hatte Wilhelm Weber schon in Gemeinschaft mit Gauß das bewunderungswürdige System der absoluten magnetischen und elektrischen Einheiten theoretisch entwickelt, hatte auch die Methoden exacter Messung und die dazu erforderlichen Instrumente außerordentlich vervollkommnet. Es fehlten aber Maaßetalons, welche die absoluten Einheiten wirklich darstellten und Jedermann zugänglich waren. In Folge dessen war es gebräuchlich, daß jeder Physiker sich für seine Arbeiten ein eigenes Widerstandsmaaß bildete, was den Uebelstand mit sich führte, daß seine Resultate mit denen Anderer nicht vergleichbar waren. Jacobi in Petersburg machte dann den Vorschlag, einen beliebigen Kupferdraht, den er bei einem Leipziger Mechaniker deponirte, allgemein als Einheit des Widerstandes anzunehmen. Dieser Versuch war aber fehlgeschlagen, weil der Widerstand des Drahtes sich mit der Zeit änderte und die versandten Copien desselben bis um zehn Procent von einander abweichende Werthe zeigten. Der von Halske und mir anfangs als Einheit benutzte Widerstand einer deutschen Meile Kupferdrahtes von 1 mm Durchmesser, der in Deutschland und anderen Ländern für die praktische Telegraphie ziemlich allgemein verwendet wurde, erwies sich auch nur als ein Nothbehelf. Ich überzeugte mich bald, daß es ganz unthunlich sei, ein empirisches Grundmaaß, wie Jacobi es that, aufzustellen, da der elektrische Widerstand keine so feste und controlirbare Eigenschaft der Körper ist, wie etwa die Dimension und die Masse der festen Körper. Auch war es aussichtslos, die ganze Welt zur Annahme eines irgendwo deponirten Widerstandsmaaßes zu bewegen.

Nach diesen Betrachtungen blieb nur die Wahl zwischen der absoluten Weberschen Widerstandseinheit und einer überall mit größter Genauigkeit reproducirbaren empirischen Einheit. An die Annahme der absoluten Einheit war damals leider nicht zu denken, da ihre Reproduction zu schwierig war, so daß Wilhelm Weber mir gegenüber selbst Abweichungen von einigen Procenten für unvermeidlich erklärte. Ich entschied mich also dafür, das einzige bei gewöhnlicher Temperatur flüssige Metall, das Quecksilber, dessen Widerstand sich durch Molekularveränderungen nicht ändern kann und durch Temperaturänderungen weniger als derjenige der zur Herstellung von Widerständen brauchbaren festen Metalle beeinflußt wird, zur Grundlage eines reproducirbaren Widerstandsmaaßes zu machen. Im Jahre 1860 waren meine Arbeiten so weit gediehen, daß ich mit dem Vorschlage, den Widerstand eines Quecksilberprismas von 1 m Länge und 1 qmm Querschnitt bei 0° C. als Einheit des Widerstandes anzunehmen, an die Oeffentlichkeit treten und meine Methode der Darstellung dieser Quecksilbereinheit publiciren konnte. Es geschah dies durch einen in Poggendorffs Annalen erschienenen Aufsatz; »Vorschlag zu einem reproducirbaren Widerstandsmaaße«.

Obgleich Herr Mathiessen in London der Annahme meiner Einheit heftig opponirte und dagegen einen Draht aus Gold-Silberlegirung vom ungefähren Widerstande einer Weberschen Einheit als empirische Einheit empfahl, wurde mein Vorschlag doch bald allgemein angenommen, und die Wiener internationale Telegraphenconferenz vom Jahre 1868 erhob die Quecksilbereinheit zur gesetzlichen Einheit des Telegraphenwesens. Trotzdem setzten die englischen Physiker ihre Bestrebungen fort, das von der British Association adoptirte, von Sir William Thomson vorgeschlagene Centimeter-Gramm-Secunde-System des Widerstandes – die sogenannte c. g. s. Einheit – also den zehnfachen Widerstand der Weberschen absoluten Einheit zum internationalen elektrischen Widerstandsmaaße zu machen. Die British Association setzte eine Specialcommission ein, der Sir William Thomson und auch mein Bruder Wilhelm angehörten, und diese übte nun eine lebhafte Agitation für die allgemeine Annahme der British Association Unit aus, obgleich eine wirklich exacte Darstellung derselben noch nicht gelungen war. Man verließ sich aber auf die zu erwartenden Fortschritte in den elektrischen Meßmethoden und fand mit Recht, daß die Annahme eines theoretisch feststehenden, auf die dynamischen Grundmaaße basirten Widerstandmaaßes die Rechnungen mit elektrischen Kräften wesentlich erleichtern würde. Obgleich sich dagegen einwenden ließ, daß die überwiegende Mehrzahl der auszuführenden Rechnungen mit elektrischen Widerständen dem geometrischen und nicht dem dynamischen Gebiete angehörte, und daß die von mir vorgeschlagene reproducirbare Einheit mit geometrischer Grundlage ebensogut eine absolute zu nennen sei wie die auf dynamischer Grundlage ruhende Webersche Einheit oder die Modification derselben, die von englischer Seite als Einheit vorgeschlagen wurde, so ist später doch die c. g. s. – Einheit des Widerstandes im Princip als internationales Widerstandsmaaß angenommen worden. Ich werde hierauf im Folgenden noch einmal zurückkommen.

Der meinem Bruder Wilhelm und mir von der englischen Regierung ertheilte Auftrag, die Fabrikation der von ihr subventionirten Kabel zu controliren, veranlaßte uns zu sehr eingehenden Versuchen über die Eigenschaften der Unterseeleitungen und namentlich zur Ausarbeitung einer rationellen Methode für die elektrische Prüfung derselben. Das Malta-Alexandria-Kabel war das erste, welches überhaupt einer systematischen Prüfung und Controle während seiner ganzen Anfertigung unterworfen wurde, und welches sich in Folge dessen auch nach seiner Auslegung als vollkommen fehlerfrei erwies und dauernd gut geblieben ist. Ermöglicht wurde eine solche rationelle Prüfung durch das exacte, oben beschriebene Widerstandsmaaß und unsere, den Gewichtssätzen entsprechend eingerichteten Widerstandsskalen, welche die schnelle Darstellung jedes gewünschten Widerstandes in Quecksilbereinheiten gestatteten, ferner durch wesentliche Verbesserungen, welche die Untersuchungsmethoden und Meßinstrumente durch uns erfuhren. Zur Untersuchung des Einflusses, den der in großen Meerestiefen herrschende hohe Druck auf die Kabel ausübt, wurden verschließbare, stählerne Reservoire erbaut und die Isolation der Kabel gemessen, während sie in denselben einem starken Drucke unterworfen wurden. Es bestätigte sich dabei die schon während der Legung des Kabels durch das rothe Meer von uns beobachtete Thatsache, daß die Isolirfähigkeit der Guttapercha sich durch den Wasserdruck vergrößert, wodurch die Möglichkeit festgestellt wurde, Submarinlinien auch durch die größten Meerestiefen zu legen. Wir entwarfen ferner Tabellen für die Größe der Verminderung, welche die Isolationsfähigkeit von Guttapercha, Kautschuk und anderen Isolationsmaterialien durch steigende Temperatur erfährt, sowie für die Vertheilungsfähigkeit – specific induction – dieser Isolatoren. Unsere Versuche ergaben, daß in diesen Punkten das Kautschuk und die Mischungen desselben der Guttapercha weit überlegen sind, ein Umstand, der uns ausgedehnte Versuche anstellen ließ, eine gute Isolirung von Leitungen durch Umkleidung mit Kautschuk zu erzielen, die aber nicht ganz zu den erstrebten praktischen Ergebnissen führten.

Ein im Jahre 1860 der British Association von uns mitgetheilter Aufsatz – betitelt »Umriß der Principien und des praktischen Verfahrens bei der Prüfung submariner Telegraphenlinien auf ihren Leitungszustand« – faßte die wesentlichsten Ergebnisse unserer Untersuchungen zusammen und bildet die Grundlage des später allgemein adoptirten Systems der Kabelprüfungen und Fehlerbestimmungen. Obgleich aber diese Publication in englischer Sprache und meine Mittheilung an die Pariser Akademie vom Jahre 1850, in der meine Fehlerbestimmungsmethoden im Princip ebenfalls schon enthalten waren, in französischer Sprache veröffentlicht wurden, haben spätere Schriftsteller und Erfinder doch nur in wenigen Fällen Rücksicht auf dieselben genommen und die darin angegebenen Methoden mit geringen Abänderungen auf’s neue erfunden und publicirt. Ich will nicht unterlassen, hier darauf hinzuweisen, damit die Geschichte der Entwicklung der Elektrotechnik nicht dauernd gefälscht wird. Ein vor kurzem erschienenes, mit viel Fleiß compilirtes Buch unter dem Titel »Traité de télégraphie sousmarine« von E. Wünschendorff giebt mir Veranlassung zu dieser Bemerkung. Gleich zu Anfang dieses Werkes wird der erste Erfinder der elektrischen Telegraphie, der deutsche Dr. Soemmering als »Professeur russe« bezeichnet, der bei Petersburg und 1845 bei Paris Leitungen unter Wasser gelegt hätte und dadurch Erfinder der submarinen Telegraphie geworden wäre. Wenn dies auch eine, für ein historisches Werk allerdings auffallende Verwechslung des deutschen Dr. Soemmering mit dem viel später in Petersburg lebenden deutschen Professor Jacobi ist, so ist doch zu bemerken, daß diese und andere Projecte unterseeischer Leitungen vor dem Jahre 1847 nur als Phantasiespiele zu betrachten sind, die zu brauchbaren unterirdischen Leitungen nicht führen konnten. Erst meine nahtlos mit Guttapercha umpreßten Leitungen lösten das Problem der Herstellung unterirdischer und unterseeischer Linien, und die 1848 für die Minen im Kieler Hafen von mir gelegten Leitungen und die eisenarmirte Kabelleitung durch den Rhein bei Cöln im Frühjahre 1850 bildeten die factische Grundlage der Unterseetelegraphie. Der deutsche Name des Franzosen Wünschendorff mag vielleicht zu der das ganze Werk umfassenden Nichtbeachtung deutscher Leistungen beigetragen haben.

In den zuletzt beschriebenen Abschnitt meiner Thätigkeit fielen noch zwei Ereignisse, die von wesentlicher Bedeutung für mich waren.

Im Jahre 1859 wurde ich zum Mitgliede des Aeltestencollegiums der Berliner Kaufmannschaft gewählt, welches zugleich Handelskammer der Mark Brandenburg ist. Die Wahl findet durch namentliche Abstimmung aller Gewerbe und Handel treibenden Firmen statt und gilt daher als eine besondere Auszeichnung. Ich erlangte durch sie den Vortheil, mit den Berliner Industriellen in nähere persönliche Verbindung zu kommen.

Im Jahre 1860 wurde ich bei Gelegenheit des fünfzigjährigen Jubiläums der Berliner Universität zum Doctor honoris causa der philosophischen Facultät promovirt. Diese Ernennung zum Ehrendoctor in meiner Heimathstadt Berlin erfreute mich vor Allem deswegen, weil ich in ihr eine Anerkennung meiner wissenschaftlichen Leistungen erblicken konnte und durch sie in gewissermaaßen collegiale Beziehung zu meinen wissenschaftlichen Freunden gebracht wurde.

Auf meine politische Thätigkeit, der ich mich in den folgenden Jahren mit größerem Eifer widmete, will ich nachstehend etwas näher eingehen,

Von frühester Jugend an schmerzte mich die Zerissenheit und Machtlosigkeit der deutschen Nation. Es entstand dieses Gefühl in mir und den zunächst auf mich folgenden Brüdern schon durch unser Leben in deutschen Klein- und Mittelstaaten, in denen ein sich an den eigenen Staatsverband anschließender Patriotismus keinen fruchtbaren Boden fand, wie es in Preußen dank seiner ruhmvollen Geschichte der Fall war. Dazu kam, daß in unserer Familie nationale und liberale Gesinnung stets geherrscht hatte und namentlich mein Vater ganz von ihr erfüllt war. Trotz der traurigen politischen Zustände, in die Preußen mit Deutschland nach den glorreichen Befreiungskriegen wieder zurückgesunken war, blieb doch die Hoffnung auf den Staat Friedrichs des Großen, der durch seine Thaten Selbstvertrauen in den Deutschen erweckt hatte, als künftigen Retter aus der Noth bestehen. Diese Hoffnung war es, die meinen Vater veranlaßt hatte, mir zu rathen, in preußische Dienste zu gehen, und auch in mir selbst war diese Zuversicht auf eine künftige Erhebung Deutschlands durch Preußen stets lebendig geblieben. Daher wurde ich von der nationalen deutschen Bewegung des Jahres 1848 mit so unwiderstehlicher Gewalt ergriffen und trotz widerstrebender Privatinteressen nach Kiel gezogen, um mit Preußen für Deutschlands Einheit und Größe zu kämpfen.

Als diese jugendlich aufbrausende und weit über das vernünftiger Weise anzustrebende Ziel hinausgehende Bewegung an der Ungunst der obwaltenden Verhältnisse gescheitert, als Deutschland wieder der machtlosen Zersplitterung anheimgefallen und Preußen tief gedemüthigt war, da griff bei allen deutschen Patrioten tiefe Muthlosigkeit Platz. Zwar blieb die Hoffnung auf Preußen noch immer bestehen, doch glaubte man nicht mehr, daß der preußische Staat die Vereinigung Deutschlands erkämpfen werde, sondern setzte seine ganze Hoffnung auf den endlichen Sieg der liberalen Gesinnung im deutschen und namentlich im preußischen Volke. Aus diesem Umschwunge der Anschauungen erklären sich die ohne ihn schwer zu begreifenden Erscheinungen der Conflictzeit.

Bis zum Jahre 1860 war ich mit wissenschaftlichen und technisch-praktischen Arbeiten so vollauf beschäftigt, daß ich der Politik ganz fern blieb. Erst als unter der Regentschaft des Prinzen von Preußen die politische Erstarrung und der Pessimismus, die bis dahin fast ausschließlich herrschten, sich milderten, und freiere politische Anschauungen sich wieder hervorwagten, schloß ich mich dem unter Bennigsens Führung gebildeten und vom Herzog Ernst von Ko burg-Gotha beschützten Nationalverein an. Ich wohnte seiner constituirenden Versammlung zu Koburg bei und betheiligte mich fortan als treuer Bundesgenosse an seinen Bestrebungen. Hierdurch und durch meine lebhafte Bethätigung bei den Wahlen zum Landtage wurde ich mit den leitenden Politikern der liberalen Partei näher bekannt. Ich besuchte die Versammlungen der in Bildung begriffenen neuen liberalen Partei und nahm Theil an den Berathungen über Programm und Namen derselben. Die Mehrheit war geneigt, für den Namen »demokratische Partei« zu stimmen, während Schulze-Delitzsch sie »deutsche Partei« taufen wollte. Ich schlug vor den Namen »Fortschrittspartei« zu wählen, da es mir angemessener schien, die Thätigkeitsrichtung als die Gesinnung durch den Parteinamen zu bezeichnen. Es wurde beschlossen, meinen Vorschlag mit dem von Schulze-Delitzsch zu vereinigen und die neue Partei »deutsche Fortschrittspartei« zu nennen.

Die Aufforderung, mich zum Abgeordneten wählen zu lassen, hatte ich wiederholt abgelehnt, hielt es aber im Jahre 1864 für meine Pflicht, die ohne meinen Antrag auf mich gelenkte Wahl zum Abgeordneten für den Bezirk Solingen-Remscheid anzunehmen. Es bildete damals die von der Regierung vorgeschlagene Reorganisation der Heeresverfassung die große Streitfrage, um welche die politischen Parteien sich gruppirten. Der Kern dieser Frage bestand in der nach dem Regierungsplane factisch eintretenden Verdoppelung der preußischen Armee mit entsprechender Vergrößerung des Militärbudgets. Die Stimmung des Landes ging dahin, daß diese Vergrößerung der Militärlast nicht ertragen werden könnte, ohne zu gänzlicher Verarmung des Volkes zu führen. In der That war der Wohlstand Preußens schon damals hinter dem der anderen deutschen Staaten ansehnlich zurückgeblieben, da die Last der deutschen Wehrkraft auch nach den Befreiungskriegen hauptsächlich auf seinen Schultern geruht hatte. Sollte diese Last im Sinne der Reorganisation noch in so hohem Maaße vergrößert werden, ohne daß eine entsprechende Theilnahme der übrigen Staaten erzwungen wurde, so mußte das Land in seinem Wohlstande mehr und mehr zurückgehen und hätte die Last schließlich doch nicht mehr zu tragen vermocht. Man wußte zwar, daß König Wilhelm schon als Prinz von Preußen und als Prinzregent von der Nothwendigkeit überzeugt war, den Staat Friedrichs des Großen wieder zu der seiner geschichtlichen Stellung angemessenen Höhe an der Spitze Deutschlands zu erheben, und man zweifelte nicht an dem Ernste der darauf gerichteten Bestrebungen des persönlich geliebten und hochgeachteten Monarchen, aber man zweifelte an der Durchführbarkeit seines Planes. Der Glaube an den historischen Beruf des preußischen Staates zur Vereinigung Deutschlands und an Preußens Glückstern war zu tief gesunken. Auch die eifrigsten Schwärmer für Deutschlands Einheit und künftige Größe, ja selbst specifisch preußische Patrioten, hielten es deshalb mit ihrer Pflicht nicht für vereinbar, Preußen diese neue, fast unerschwinglich scheinende Militärlast aufzubürden. Die Volksvertretung verwarf, zum großen Theil allerdings mit schwerem Herzen, den Reorganisationsentwurf der Regierung, und bei wiederholten Auflösungen bestätigte das Volk durch die Neuwahlen dieses Votum.

Mir persönlich wurde es besonders schwer, gegen die Vorlage der Regierung zu stimmen, da ich im innersten Herzen meinen alten Glauben an den Beruf des preußischen Staates doch noch aufrecht erhielt, und es auch als Undankbarkeit erscheinen konnte, daß ich dem Willen des Monarchen entgegentrat, der mir einst persönlich sein Wohlwollen bezeugt hatte. Dazu kam, daß ich aus dem Auftreten der Minister von Bismarck und Roon in der Kammer und aus manchen von mir beobachteten Geberden und Worten derselben in den stattfindenden erbitterten Redekämpfen die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß es sich um ernste Thaten handelte, für welche man die Armee vergrößern wollte. Doch wiesen mich meine politischen Freunde damit zur Ruhe, daß sie sagten, ein actives Vorgehen Preußens, um ein einiges Deutschland unter preußischer Führung zu schaffen, würde nothwendig zu einem Kriege mit Oesterreich führen, und dem stände die testamentarische Ermahnung Friedrich Wilhelm III. an seine Söhne »Haltet fest an Oesterreich!« als unübersteigliches Hinderniß entgegen.

Dieser innere Zwiespalt führte mich dazu, in einer anonymen Brochüre, die unter dem Titel »Zur Militärfrage« bei Julius Springer erschien, die Frage zu erörtern, ob sich nicht auf einem anderen als dem von der Regierung vorgeschlagenen Wege die Verdoppelung der Armee für den Kriegsfall erreichen ließe, ohne dem Lande die große Kostenlast aufzubürden, welche der Regierungsentwurf nöthig machte.

Inzwischen war die Reorganisation selbst durch den Kriegsminister von Roon ohne jede Rücksicht auf die parlamentarischen Kämpfe schon durchgeführt und zum Glück bereits beendigt, als im Frühjahr 1866 die Differenzen über Schleswig-Holstein zum Bruche mit Oesterreich führten. Daß dieser Bruch wirklich erfolgen und den Krieg nach sich ziehen würde, glaubten trotz der Rüstungen und Kriegsdrohungen nur Wenige. Um so größer war die allgemeine Ueberraschung, als sich früh Morgens am 14. Juni die Nachricht verbreitete, der Krieg sei an Oesterreich und den deutschen Bund erklärt, die Kriegserklärung bereits an den Litfaßsäulen angeschlagen. In der That fand ich nach einem eiligen Gange von Charlotten burg nach Berlin die nächste dieser Säulen von einer dichten Menschenmenge umstellt. Mich frappirte die ruhige, ernste Haltung, mit der die oft wechselnde Menge das gewaltige Ereigniß hinnahm. Keine kritisirende Bemerkung irgend welcher Art wurde laut, wenn die ernst und würdig gehaltene Bekanntmachung auf Verlangen von den Nächststehenden wiederholt verlesen wurde. Jedermann, der Arbeiter so gut wie der Bürger, empfand das ungeheure Gewicht der Thatsache »Es ist Krieg!«, aber Niemand schien von ihr niedergedrückt zu werden, überall wurde sie mit selbstbewußter Ruhe hingenommen. Mir wurde hier so recht klar, welche Macht in einer ruhmreichen Vergangenheit eines Volkes liegt. Sie stärkt in gefahrdrohenden Zeiten das Selbstbewußtsein, läßt keinen Kleinmuth aufkommen und erweckt in Jedem den Entschluß, das Seinige zur Ueberwindung der Gefahr beizutragen, wie es die Vorfahren thaten. So wie vor der einen Litfaßsäule am Potsdamer Thor sah es in ganz Berlin, ja im ganzen Lande, wenigstens in den alten Gebietstheilen Preußens aus.

Alle politischen Streitfragen wurden vergessen oder doch vertagt, ein Jeder dachte nur daran, seine Schuldigkeit zu thun. Daß dieses Gefühl alle Klassen des Volkes beherrschte, offenbarte sich deutlich in einer Versammlung, die noch am Tage der Kriegserklärung von Privatpersonen in der Absicht berufen wurde, einen Verein zur Pflege der Verwundeten zu bilden. Als ein Politiker die Verhandlungen mit Klagen über die Regierung begann, die den Krieg verschuldet hätte, genügte zur Entgegnung eine kurze Bemerkung von mir, daß der Krieg jetzt ein Factum sei und es sich nur noch darum handeln könne, den Sieg vorzubereiten und die Leiden des Kampfes möglichst zu lindern. Es fand dies so einstimmigen Beifall, daß jede weitere Discussion unterblieb und die Bildung des Hülfsvereins für die Armee im Felde, der später mit großem Erfolge gewirkt hat, einstimmig beschlossen wurde.

Als der Krieg nach wenigen Wochen mit der Niederwerfung Oesterreichs und der ihm verbündeten deutschen Staaten beendet war, da sah die Welt ganz anders aus. Das kleine, tief gedemüthigte Preußen stand jetzt als stolzer Sieger factisch ohne Rivalen an der Spitze Deutschlands. In weiser Erkenntniß des deutschen Volksgeistes, der den unvermeidlichen Bruderkrieg nur als Mittel zur Erringung der ersehnten deutschen Einheit betrachtete, hatten König Wilhelm und sein leitender Minister den besiegten Staaten, soweit sie nicht zur nothwendigen Stärkung des preußischen Staates diesem gänzlich einverleibt werden mußten, nur äußerst milde Friedensbedingungen auferlegt, und der als Sieger in seine Residenz einziehende König und Feldherr gab der Welt ein wohl einzig dastehendes Beispiel selbstüberwindender Gerechtigkeit, indem er von der Landesvertretung Indemnität für die durch die Nothlage des Staates erzwungene Uebertretung ihrer verfassungsmäßigen Rechte erbat und damit auch den inneren Frieden des Landes wiederherstellte. Es bedurfte freilich noch mancher Kämpfe im Abgeordnetenhause, bevor die Weisheit und Großartigkeit dieses Schrittes der Krone volle Anerkennung und Zustimmung fand.

Durch die mehrjährigen Kämpfe mit der Regierung und durch die wiederholt erfolgten Auflösungen hatte sich eine Art Kampfesorganisation im Abgeordnetenhause gebildet, die den Führern überwiegenden Einfluß auf die Abstimmungen in die Hand gab. Namentlich Waldeck, der Führer der entschiedenen Demokraten, hatte große Macht erlangt. Seine Partei verschmähte alle Compromisse und hielt es zur Erreichung ihrer Ziele für geboten und der Würde des Hauses entsprechend, die verlangte Indemnität nur unter sehr weitgehenden Bedingungen zu ertheilen. Dies war bei der damaligen politischen Lage ein außerordentlich gefährliches Beginnen, welches den inneren Frieden ernstlich bedrohte und alle Errungenschaften der glorreichen Siege des preußischen Volksheeres wieder gefährden konnte. Ich hatte mich vor dem Zusammentreten des Landtages, bald nach dem Friedensschlusse, einige Zeit in Paris aufgehalten und Gelegenheit gehabt, die Stimmung der Bevölkerung sowohl wie die der leitenden Kreise kennen zu lernen. Es galt dort als ganz außer Frage stehend, daß Frankreich die von Preußen errungene Machtstellung an der Spitze Norddeutschlands und als Führer des gesammten Deutschlands ohne sehr große Compensationen nicht dulden dürfe und dieselbe, wenn nöthig, mit Gewalt durchbrechen müsse. Aus durchaus zuverlässiger Quelle erfuhr ich, daß der Grund, weshalb Frankreich bis dahin gute Miene zum bösen Spiel machte, nur darin lag, daß der mexikanische Krieg die Armee desorganisirt und namentlich die Magazine geleert hatte, daß man aber auf das eifrigste mit Rüstungen beschäftigt wäre und einstweilen auf die Fortdauer der inneren Kämpfe in Preußen rechnete.

Bei meiner Rückkehr nach Berlin fand ich das Abgeordnetenhaus schon versammelt und die Indemnitätsfrage in eifriger Discussion innerhalb der Parteien. Leider hatte ein großer Theil der nicht zur Waldeckschen Partei gehörigen parlamentarischen Führer, in der festen Erwartung, daß diese wenigstens in der Fortschrittspartei den Sieg erringen würde, seinen Austritt aus der letzteren erklärt und sich für die Bildung einer neuen, der »nationalliberalen« Partei entschieden. Ich selbst hatte grundsätzlich niemals größere Reden im Hause gehalten, da ich meine politische Thätigkeit nur als eine vorübergehende betrachtete und entschlossen war, kein Mandat wieder anzunehmen. Dagegen hatte ich in den Parteiversammlungen stets eifrig mitgewirkt und kannte die Gesinnung der meisten Abgeordneten vielleicht besser als die parlamentarischen Führer. Es war meine Ueberzeugung, daß die überwiegende Mehrzahl der Mitglieder der Fortschrittspartei für den Frieden mit der Krone gestimmt wäre und es für sie nur eines kräftigen Anstoßes bedürfte, um dieser friedlichen Gesinnung Ausdruck zu geben. In der That fiel meine lebhafte Schilderung der vielseitigen Gefahren, die mit der Verweigerung der Indemnität verknüpft wären, in der Parteiversammlung auf einen fruchtbaren Boden, und nachdem Lasker, der auf meine Bitte seine Austrittserklärung bis nach der Fractionssitzung verschob, meine Ausführungen in beredtem Vortrage bestätigt und weiter entwickelt hatte, erklärte sich die Fortschrittspartei mit überwiegender Majorität für die unbeschränkte Bewilligung der Indemnität, obschon Waldeck selbst mit größter Entschiedenheit für das unerschütterliche Beharren auf dem Rechtsstandpunkte und die Ablehnung der Indemnitäts-Erklärung eintrat. Als darauf die Bewilligung der Indemnität auch vom Hause selbst beschlossen und dadurch der innere Frieden im Lande wieder hergestellt war, trat ich vom politischen Schauplatze zurück und widmete die freie Zeit, welche die Leitung meiner Firma mir ließ, fortan wieder wissenschaftlichen Arbeiten.

In den drei Jahren meiner parlamentarischen Thätigkeit habe ich in Commissionssitzungen und Parteiversammlungen bei den drei einzigen Gesetzen, die durch Uebereinstimmung mit Regierung und Herrenhaus Gesetzeskraft erhielten, thätig mitgewirkt. Ich war Specialreferent der Abtheilung »Metalle und Metallwaaren« des deutsch-französischen Handelsvertrages und glaube, durch ein eingehendes Referat, das ich über diesen am heftigsten bestrittenen Theil des Vertrages ausarbeitete, nicht unwesentlich zur schließlichen Annahme desselben beigetragen zu haben. Leider brachte mich dieses Referat in Conflict mit meinem Wahlbezirke. Dieser entsandte eine besondere Deputation an das Abgeordnetenhaus, um gegen den Artikel zu protestiren, der es verbot, Fabrikate mit den Firmen und Fabrikzeichen der Fabrikanten eines anderen Landes zu bezeichnen. Die Solinger und Remscheider Industriellen erklärten, daß es herkömmlich und allgemein üblich wäre, die besseren, in der Regel von englischen Fabrikanten und Händlern bestellten Waaren mit einem englischen Fabrikationsstempel nach deren Angabe zu versehen, und daß ihr Geschäftsbetrieb schwer geschädigt werden würde, wenn man ihnen dies untersagte; die Folge eines solchen Verbotes würde sein, daß sie nicht nur den englischen, sondern auch den deutschen Markt für ihre bessere Waare verlieren würden, da man auch in Deutschland die englische Waare vorzöge.

Trotz langer Debatten kam es zu keiner Verständigung zwischen uns. Die Deputation erkannte wohl an, daß die deutsche Industrie selbstmörderisch handelte, wenn sie ihre gute Waare als fremdes, und nur die schlechtere als eigenes Fabrikat auf den Markt brächte, sie schob die Schuld aber auf das kaufende Publikum, welches es so verlangte. Wir schieden daher im Zwiespalt, und ich glaube, ich wäre nicht wieder gewählt worden, wenn ich mich nochmals zur Wahl gestellt hätte. Das Verbot hat im übrigen gut gewirkt, wenn es auch leider nicht in voller Schärfe durchgeführt wurde. Es hat sich seitdem in jenem alten und berühmten Industriebezirke, wie überhaupt in der ganzen deutschen Technik schon ein Fabrikantenstolz herausgebildet, der nur gute Waare zu liefern gestattet, und man hat auch vielfach schon eingesehen, daß in dem guten Rufe der Fabrikate eines Landes ein wirksamerer Schutz liegt als in hohen Schutzzöllen.

Ein wirksames Schutzzollsystem, welches der Industrie den Consum des eigenen Landes sichert, läßt sich überhaupt nur dann consequent durchführen, wenn dieses Land, wie z.B. die Vereinigten Staaten von Nordamerika, alle Klimate umfaßt und alle Rohproducte, deren seine Industrie bedarf, selbst erzeugt. Ein solches Land kann sich gegen jeden Import absperren, vermindert dadurch aber gleichzeitig seine eigene Exportfähigkeit. Es muß als ein Glück für Europa betrachtet werden, daß Amerika durch sein prohibitives Schutzzollsystem die gefahrdrohende, schnelle Entwicklung seiner Industrie gehemmt und seine Exportfähigkeit verringert hat. Das durch hohe Schutzzollbarrieren zerrissene Europa gewinnt dadurch Zeit, die Gefahr seiner Lage zu erkennen, die ihm den Wettbewerb mit einem zollfreien Amerika auf dem Weltmarkte unmöglich machen wird, wenn es ihm nicht rechtzeitig als mercantil organisirter Welttheil gegenübertritt. Der Kampf der alten mit der neuen Welt auf allen Gebieten des Lebens wird allem Anscheine nach die große, alles beherrschende Frage des kommenden Jahrhunderts sein, und wenn Europa seine dominirende Stellung in der Welt behaupten oder doch wenigstens Amerika ebenbürtig bleiben will, so wird es sich bei Zeiten auf diesen Kampf vorbereiten müssen. Es kann dies nur durch möglichste Wegräumung aller innereuropäischen Zollschranken geschehen, die das Absatzgebiet einschränken, die Fabrikation vertheuern und die Concurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkte verringern. Ferner muß das Gefühl der Solidarität Europas den anderen Welttheilen gegenüber entwickelt und es müssen dadurch die innereuropäischen Macht- und Interessenfragen auf größere Ziele hingelenkt werden.

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