An Bord der Sphinx

Am 6. Juli vormittags empfing ich folgende vom Tage vorher datierten Zeilen: »Sehr geehrter Herr. Es würde mich außerordentlich freuen, Sie an einer Bootexpedition teilnehmen zu sehen, die seitens der ›Sphinx‹ am 7. früh von Köpenick aus unternommen und bis Teupitz ausgedehnt werden soll. Es handelt sich, nach vorgängiger Passierung befahrener Wasserstraßen, um ein Vordringen bis zu den See- und Quellgebieten der ›Wendischen Spree‹, Gebiete, die selbst Ihnen vielleicht auf Ihren märkischen Wanderungen unerschlossen geblieben sind. Einer brieflichen Rückäußerung bedarf es nicht; ich und einige Freunde sehen Ihrem Eintreffen am 6. abends mit Bestimmtheit entgegen. Sie finden uns an Bord. Ihr Backhusen.« – In einer Nachschrift war hinzugefügt, daß die »Sphinx« bereits im Laufe des Tages an der Südspitze der Köpenicker Schloßinsel vor Anker gehen werde.

Diese Zeilen versetzten mich in eine Aufregung, als ob es sich um ein Vordringen bis zu den See- und Quellgebieten des Nils gehandelt hätte. Und so wird es immer sein. Die Erfüllung eines Lieblingswunsches, sei der Wunsch selber, wie er wolle, berührt uns wie Weihnachtsfreude. Das Herz bleibt ein Kind. Ich war sofort entschlossen, an der Expedition teilzunehmen, breitete den »Kreis Teltow« vor mir aus und schwelgte vorweg in den blauen Seeflächen, die, auf der bunten Rappardschen Karte, den ganzen Weg zwischen Köpenick und Teupitz ausfüllen. Hand in Hand mit dem Kartenstudium ging ein Studium des Bergbaus, Abschnitt »Hydrographische Beschaffenheit des Spreeflusses«. Was ich dadurch an Orientierung gewann, sei auch dem Leser nicht vorenthalten.

An der Brücke von Köpenick treffen zwei Flüsse beinahe rechtwinklig zusammen: die eigentliche Spree und die Wendische Spree, letztere auch »die Dahme« geheißen. Die Wendische Spree, mehr noch als die eigentliche, bildet eine große Anzahl prächtiger Seeflächen, die durch einen dünnen Wasserfaden verbunden sind. Ein Befahren dieses Flusses bewegt sich also in Gegensätzen, und während eben noch haffartige Breiten passiert wurden, auf denen eine Seeschlacht geschlagen werden könnte, drängt sich das Boot eine Viertelstunde später durch so schmale Défilés, daß die Ruderstangen nach rechts und links hin die Ufer berühren. Und wie die Breite, so wechselt auch die Tiefe. An einer Stelle Erdtrichter und Krater, wo die Leine des Senkbleis den Dienst versagt, und gleich daneben Pfuhle und Tümpel, wo auch das flachgehendste Boot durch den Sumpfgrund fährt. So diese Wasserstraße. An ihren Ufern hin, ähnlich wie im Spreewald, hielten sich, bis in unsere Tage hinein, die wendischen Elemente. Wer die Gegend kennt, nennt sie deshalb die »Wendei«. Sie hat wenig Dörfer, keine Städte; selbst der Eisenbahnzug geht nur wie eine Erscheinung durch sie hin.

So ungefähr waren die Resultate, die mir Buch und Karte bei flüchtigem Studium an die Hand gaben.

Vor Anker in Köpenick

(Reisevorabend)

 
Am 6. abends war ich in Köpenick. Ich hatte die Wahl, ob ich von der Land- oder Wasserseite her an Bord gehen wollte, entschied mich aber für letzteres. Alle Dinge haben ihr Gesetz. Wer zu einer Parforcejagd geladen ist, muß in einem roten Frack kommen oder wegbleiben. Also zu Wasser. Ein Boot führte mich um die Schloßinsel herum bis an die Ankerbucht, in der die »Sphinx« still und friedlich unter einem Dach weit vorgestreckter Ulmenzweige lag. Ein leiser Rauch stieg anheimelnd aus ihrem Küchenschornstein auf. Nach kurzem Anruf faßte ich eines der zwischen Mast und Schiffswandung straff ausgespannten Taue und kletterte die Stufen, bloße angenagelte Brettstücke, hinauf. Ich fand die Reisegesellschaft bereits versammelt. Es waren: Kapitän Backhusen, Lieutenant Apitz, Supercargo Nettermann. Zu diesen drei Herren, die sich als Mitglieder des Seglerklubs bereits bei mancher Regatta bewährt hatten, gesellte sich, als einziger Nicht-Gentleman an Bord, das Faktotum Mudy. Er vereinigte in sich alle niedrigeren Schiffsgrade, vom Vollmatrosen bis zum Kajütenjungen, und führte jeden dieser Titel nicht nur als scherzhaften nom de guerre, sondern mit allervollster Berechtigung. Mit dem Stoßruder in der Hand hatte er sein halbes Leben auf Rüdersdorfer Kalk- und Linumer Torfkähnen zugebracht. Seine Dienste, wie immer die der Subalternen, waren unentbehrlich. Er war auch Koch.

Nach Begrüßung und Vorstellung durch den Kapitän baten alle drei Herren, sich auf eine gute halbe Stunde verabschieden zu dürfen, da eine meine eigenen Interessen mitberührende Frage, die der Verproviantierung, noch zum Abschluß zu bringen sei. Mudy werde mittlerweile die Honneurs machen, wenn ich es nicht vorzöge, mich im Köpenicker Schloßpark zu ergehen. Ich entschied mich für den Park. Mudy blieb mir immer noch; man hat nirgends so viel Zeit zu Personalstudien wie an Bord eines Schiffes. Eine schmale Falltreppe führte mich ans Ufer; dann, meine Richtung auf das Schloß zu nehmend, erreichte ich ein großes, von einem Kiesweg eingefaßtes Wiesenrondell. Um diesen Kiesweg herum, in weiter gespanntem Bogen, wuchsen Buschwerk und Unterholz auf, aus deren dichtem Gewirr einzelne alte Bäume, Eichen und Akazien, emporstiegen. Die Akazien füllten die Luft mit Wohlgeruch. Es war ein köstlicher Abend. In den Nischen des Buschwerkes standen halbzerbrochene Sandsteinfiguren, Urnen und trauernde Engel, anzeigend, daß hier in halbvergessenen Tagen irgendein prinzeßlicher Vorleser, irgendein Mitglied von Hofstaat oder Kapelle begraben worden sei. Nun schlugen die Nachtigallen darüber. Eine dieser Begräbnisstätten – nicht aus Pietät, sondern aus Gärtnerlaune – war von einem Blumenbeet umgeben. Alles Grün fehlte; nur Lilien, weiße und rote, drängten sich dicht durcheinander. Diese prätentiöse Pracht wirkte beinah unheimlich. Ein junges Köpenicker Paar ging an mir vorüber, das vielleicht Auskunft geben konnte. »Wer liegt hier?« fragt ich. »Da liegt der Flötenspieler«, lautete die Antwort. Und dabei kicherten beide.

Ich schlenderte noch den Kiesweg auf und ab, als ich meine Reisegefährten von der Schloßbrücke her zurückkommen sah. Es folgten ihnen drei Paar Träger mit großen Deckelkörben, die den angekündigten Proviant herantrugen. Die Körbe über den schmalen Steg hin direkt an Bord zu schaffen war unmöglich; ihr Inhalt mußte also vom Ufer aus in Einzelstücken herübergereicht werden, etwa wie sich Bauarbeiter die Steine zureichen. Dies gab mir Gelegenheit, die Verproviantierung der »Sphinx« im Detail kennenzulernen. Der Eindruck, den ich davon empfing, war ein gemischter, denn alles Tröstliche, was er mit sich brachte, wurde durch ebensoviel Beängstigendes balanciert. Durch welche Gegenden mußten wir kommen, um zu solchen Vorsichtsmaßregeln gezwungen zu sein! Es wurden eingeschifft: 120 Flaschen Tivolibier, 120 Flaschen Sodawasser, 30 Flaschen Bordeaux, 3 Filets, 2 Schock Eier, 1 Butterfaß, 1 Zuckerhut, 1 Baumkuchen, 6 Flaschen Scharlachberger und 1 Dutzend Flaschen Champagner. Mehr noch als diese durch Zahl oder Gewicht bemerkenswerten Quantitäten imponierte mir die Liste der »Kleinigkeiten«; sie füllte einen halben Bogen und wies über hundert Nummern auf. Ich zitiere daraus nur folgendes: eine Muskatnuß, ein kleines Reibeisen dazu, Salveiblätter, um Aal, und Dilldolden, um Schlei zu kochen. Alle diese Dinge, groß oder klein, verschwanden ohne Schwierigkeit in dem Rumpf des Schiffes; die Butter, das Fleisch erhielten ihren Platz auf großen Eisblöcken, und eh eine halbe Stunde um war, war auch die letzte Flasche »gestaut«.

Damit hatten die Vorbereitungen ihr Ende erreicht; Ruhe trat an die Stelle der Arbeit, und während Mudy im Vorderraum des Schiffes sich um den Tee bemühte, saßen wir auf der Rundbank zwischen dem Steuer und dem Kajüteneingang und plauderten.

Es war um die elfte Stunde; in der dunklen breiten Wasserfläche spiegelten sich die Sterne, zugleich auch die Lichter aus Häusern und Villen, die, im Grünen halb versteckt, das Ufer des Flusses einfassen.

Ich fragte nach dem Schiff, nach seiner Bauart, nach seinen Schicksalen, vor allem auch nach dem Seglerklub, dem die »Sphinx« als eines der schönsten Boote angehört. Kapitän Backhusen, im allgemeinen kein Mann der Rede, war plötzlich in seinem Element und nahm gern das Wort.

»Ich weiß nicht, um welche Zeit der Klub ins Leben trat, aber seit einer Reihe von Jahren ist er da. Er hat wohl an hundert Mitglieder oder mehr, und die Zahl seiner Boote wird nicht geringer sein. Zwischen Treptow und dem ›Eierhäuschen‹ ankert seine Flottille, die eine Musterkarte schöner und lieblicher Namen aufweist: ›Sturmvogel‹ und ›Greif‹, ›Komet‹ und ›Blitz‹, ›Libelle‹ und ›Forelle‹, ›Undine‹ und ›Albatros‹. Wir haben Korsos und Regatten, Preisrichter und Preisverteilungen! Chronometer, Flaggen und Becher. Der große Ehrenbecher muß von Jahr zu Jahr immer neu erworben werden; da dies selten glückt, so wandert er meist von Hand zu Hand. Aber das weckt keinen Neid; es herrscht eben ein kameradschaftlicher Geist.«

»Die Folge gemeinschaftlich überstandener Gefahren.« »Was Sie scherzhaft aussprechen, trifft doch schließlich im Ernste zu. Aller Sport, der sonst nur Spiel wäre, hat seine Gefahr, aber keiner mehr als der Segelsport. Ob es an uns liegt oder an der Perfidie unserer Gewässer, laß ich dahingestellt sein; nur soviel, es vergeht kaum ein Jahr, wo nicht die Spree hierherum ihr Opfer fordert. Und immer nimmt sie uns die Besten. Ein solcher war auch Heinecke, der auf Neu-Spreeland wohnte, unser Seglerveteran. Dazu aller Menschen Freund. Er hatte ein neues Boot bauen lassen, fuhr hinaus, kenterte und ertrank. Das machte einen großen Eindruck. ›Wenn das dem passieren konnte‹, sagte sich jeder und sah einen Augenblick mißtrauisch auf die eigene Kraft.« »Und der Unfall ereignete sich hier, auf der Spree selbst?« »Nein, weiter aufwärts, auf der Müggel. Sie ist das tückischste unter allen Wässern. Geradeso tückisch, wie sie unschuldig aussieht. Plötzlich springt ein Wind auf, wirft sich in die Segel und legt das Boot auf die Seite. Wer sich dann an Mast und Planke hält, der mag gerettet werden; wer es aber durch eigene Kunst ertrotzen will, der ist verloren. Er verfitzt sich im Kraut und geht in die Tiefe. Die guten Schwimmer und die guten Segler, gerade sie sind es, die der Müggeltücke verfallen.« »Aber muß es denn immer die Müggel sein?« »Nein. Es ist freilich die schönste Wasserfläche weit und breit, nicht zu sprechen davon, daß die Gefahr ebenso anzieht, wie sie schreckt. Aber dennoch ist das Ansehen der Müggel im Niedergehen. Sie muß mindestens die Herrschaft teilen. Wir bevorzugen jetzt die Wendische Spree. Dort finden auch unsererseits die Regatten statt, deren ich schon flüchtig gegen Sie erwähnte.« »Man hört so selten davon.«

»Gewiß. Die Berliner haben keinen Sinn dafür. Man merkt ihnen nicht an, daß sie von den Fischerwenden abstammen. Aber was sie in ihrer Totalität vermissen lassen, das suchen die einzelnen wieder auszugleichen. Und diese einzelnen sind wir. Ich wollte, Sie wären einmal zugegen, wenn der Mai anbricht und an unseren Ankerplätzen alles Leben und Erwartung ist. Wir sind dann in derselben Erregung, wie wenn Oxford und Cambridge an der Brücke von Twickenham ihren Wettkampf führen.«

»Und der Schauplatz dieser Wettkämpfe ist jetzt die Wendische Spree?«

»Ja, oder doch zumeist. Es ist dasselbe Terrain, das Sie morgen kennenlernen werden. Trotz der Müggel eine pompöse Wasserfläche; die Themse bietet nichts Ähnliches. Bei ›Café Lubow‹, halben Wegs zwischen Köpenick und Grünau, beginnt unsere Segelbahn, durchschneidet der Länge nach den Langen See und läuft dann an der Krampenbaude vorbei auf unser Flaggenschiff zu, das, weithin sichtbar, im breiten Seddin-See das ersehnte Ziel aller unserer Anstrengungen bildet. Das Ziel und den Drehpunkt. Jetzt, mit seitwärts gedrücktem Steuer, die Biegung um das Flaggenschiff herum, und mit verdoppeltem Eifer geht es die Segelbahn bis ›Café Lubow‹ zurück. Eine Strecke von rund drei Meilen. Ich darf sagen, es wird dabei mehr Kunst gezeigt, als mancher von uns Spreefahrern erwarten möchte.«

»Und wer entscheidet über Sieg und Preis?« »Die Schiedsrichter. Und dieses Schiedsrichteramt ist nun freilich das Schwerste von allem. Es handelt sich nämlich immer wieder darum, durch minutiöseste Rechnungen festzustellen, wie viele halbe und viertel Sekunden Vergütigung jedes Boot im Verhältnis zu seiner Größe zu empfangen oder zu gewähren hat. Nur nach dem Resultat dieser Berechnung werden die Preise verteilt, so daß es vorkommen kann, daß das drittschnellste Boot leer ausgeht und das drittlangsamste gewinnt.« »Es würde mich freuen, an einer dieser Regatten teilnehmen zu dürfen.« »Da lad ich Sie auf nächstes Jahr an Bord der ›Sphinx‹. Sie sollen uns willkommen sein. Ja, es ist ein Vergnügen, wie es kein größeres gibt, solche Wettfahrt mit vollen Segeln, zumal wenn es stark windet und nun allerhand Unberechenbarkeiten hier zu Havarien führen, dort Boot und Mannschaft mit Niederlage bedrohen. So das letzte Mal. Wir musterten einunddreißig Fahrzeuge, ein wundervoller Anblick; aber nur fünfundzwanzig erreichten das Ziel. Die anderen sechs hatten Schiffbruch gelitten. Der ›Elektra‹, unserem schönsten und größten Boot, brach der Mast glatt über Deck ab und stürzte samt der Takelage in den Seddin-See; der ›Styx‹ rannte fest; der ›Forelle‹ platzte von dem mächtigen Segeldruck die Wantenverbolzung und hob sich aus dem Schiffskörper heraus; der ›Sturmvogel‹ zog Wasser und mußte Gummiplatten auf die Lecks nageln, um sich zu halten. Ein nicht geringerer Unfall traf die ›Undine‹. Ihr riß der Leitwagen aus, der das Segel hält, und zwar gerad in dem kritischen Moment des Lavierens. Aber Willy Krüger, der sie führte, setzte sich als lebender Ballast auf den Leitwagen und ließ sich halb durch die Wellen schleppen. So glückte es ihm, die Regatta wenn nicht siegreich, so doch ruhmreich mit auszusegeln.« »Das klingt gut. Es würde mich nach dem allen kaum wundernehmen, Ihren Seglerklub zu einer Vorschule für unsere Flotte heranwachsen zu sehen.« »Ich sage dazu nicht nein. Ein jeder nach seinen Kräften. Wie Sie wissen, haben die Mittelgrafschaften Englands ihren vollen Anteil an dem Flottenruhm der Nation. Lord Nelson war ein Predigerssohn. Das Binnenland hat die Sehnsucht nach der See, und aus dieser Sehnsucht erwächst immer das Beste. Nicht aus der alltäglichen Routine. Wollen Sie glauben, daß wir zwischen »Café Lubow« und der Krampenbaude mehr als einen Chinafahrer ausgebildet haben?« »Sie scherzen.«

»Durchaus nicht. Ich nenne Namen. Einer dieser Chinafahrer war Viktor von Graefe, der, zu Mehrung des von Vater und Bruder her ererbten Ruhmes, das Seine getreulich beigetragen hat. Wenigstens nach unserer Vorstellung.«

»Und zwar als Chinafahrer?«

»Gewiß. Es mögen jetzt zwanzig Jahre sein, daß er in Stettin eine Brigg bauen ließ, sie befrachtete und mit ihr nach England ging. Er war Schiffsreeder und Kapitän zugleich. Mit ihm war unser alter Eichmann, ein Freund und Klubgenosse, der die Dienste eines Steuermanns versah. In England wurde die Fracht gewechselt; dann ging es in großer Tour erst bis Ceylon, dann von Ceylon bis Hongkong. In den ostasiatischen Gewässern verblieben die Freunde längere Zeit, wurden für die Linie Singapore-Kalkutta gechartert und befuhren dieselbe eine Reihe von Malen. Ihre Ladung war abwechselnd Tee und Reis. Sie verdienten ein bedeutendes Stück Geld und trafen nach Ablauf von dritthalb Jahren wohlbehalten an unserer pommerschen Küste wieder ein. Ihre Studien zu solcher Weltumsegelung aber – denn ich glaube fast, daß sie ihren Rückweg um das Kap Hoorn nahmen – hatten sie auf der Müggel und dem Seddin-See gemacht.«

Unter solchem Geplauder war Mitternacht herangekommen; die Lichter am Ufer hin erloschen, nichts leuchtete mehr als die Johanniskäfer im Gebüsch und die Sterne zu unseren Häupten. Die Frische des Abends steigerte sich zu nächtlicher Kühle, und ein Frösteln überlief uns, trotzdem längst energischere Getränke an die Stelle des von Mudy präsentierten Tees getreten waren. Kapitän Backhusen mahnte zum Aufbruch. In der Kajüte drückte noch die Schwüle des Tages, so daß wir übereinkamen, die Tür nicht zu schließen. Zum Schutze gegen Mücken und Motten wurde dicht am Steuer ein Windlicht aufgestellt, das wir unmittelbar darauf von all den Unholden umschwärmt sahen, die ohne diese Vorsichtsmaßregel unsere Nachtruhe gestört haben würden. So aber schliefen wir unbelästigt unserem ersten Reisetag entgegen.

 

Von Köpenick bis Dolgenbrodt

(Erster Reisetag)

 
Als ich erwachte, war es heller Tag; die schon ziemlich hoch stehende Sonne füllte die Kajüte mit Licht, und an dem Lärm auf Deck, nicht minder an einer leichten Schaukelbewegung, ließ sich unschwer erkennen, daß unsere »Sphinx« bereits unter vollen Segeln war. Und so war es wirklich. Schloß Köpenick, selbst das preisrichternde »Café Lubow«, das am Abend vorher so oft genannt worden war, lagen längst hinter uns, und die Müggelberge links, die Spreeheide rechts, fuhren wir mit scharfer Morgenbrise den Langen See hinauf.

Der Nordwest, der blies, sosehr er unserer Fahrt zustatten kam, ließ es doch wünschenswert erscheinen, unser Frühstück in der Kajüte zu nehmen, deren etwa nur zehn Fuß im Quadrat messender Raum schnell gelüftet war. Mudy trug auf, ein Riesentablett vor uns niedersetzend. Wir verfügten noch über all jene Herrlichkeiten, die auf Seereisen trotz ihrer Einfachheit die größten Luxusartikel bilden: frisches Wasser, frische Milch und – frische Semmeln. Mit letzteren hatte uns Köpenick noch in aller Frühe versorgt.

Eine heitere halbe Stunde leitete den Tag ein, heiter und schönheitsvoll. In den Rahmen der offenstehenden Kajütentür stellten sich camera-obscura-artig die Veduten dieser Spree- und Müggelgegenden. Ruhig ging die Unterhaltung; wenn sie schwieg, vernahmen wir deutlich jenen unbeschreiblichen Gluck- und Murmelton, womit sich ein scharf durchschnittener Strom in nur halb gehobenen und unfertig bleibenden Wellen an die Planken eines Schiffes schmiegt.

Unser Auge richtete sich zumeist auf die wechselnden und doch dieselben bleibenden Landschaftsbilder, die jetzt in immer heller werdender Beleuchtung durch unsere Tür hereinschienen; nur von Zeit zu Zeit wandte sich der Blick auch unserer nächsten Umgebung, vor allem der Kajüte selber und ihrer kompendiösen Einrichtung, zu. Es fehlte nichts. Von der in Zapfen hängenden, alle Bewegungen des Bootes mitmachenden Lampenvorrichtung an bis zu der kleinen Druckmaschine herab, die die Zigarrenspitzen abschneidet, war alles da. Flaschen, Gläser und Flacons standen eingepaßt in ihren Behältern; überall Polster und Kissen, jeder Gegenstand des Komforts und der Toilette vertreten. Eß- und Spieltische konnten aufgeklappt oder ausgezogen werden. Das Ganze beständig an jene Karlsbader Etuis erinnernd, die in zwei zusammenpassenden Nußschalen eine Schere, einen Fingerhut, einen Bindlochstecher und eine Nadelbüchse enthalten, während man doch annehmen sollte, daß der Fingerhut allein schon ausreichen müßte, das Etui zu füllen.

Nach dem Frühstück, dem namentlich unser Supercargo durch allerhand kulinarische Aperçus eine höhere Weihe zu geben wußte, stiegen wir auf Deck und hatten nun die Wald- und Wasserlandschaft, die wir, während der letzten Stunde, nur in Ausschnitten kennengelernt hatten, in ihrer Totalität vor uns. Ein klarer, lichter Tag; blauer Himmel und Sonne, und doch ein feiner grauer Nebelschleier, der, über Wasser und Landschaft liegend, alles milderte und dämpfte. An den Ufern hin – ein seltener Anblick im norddeutschen Flachland – standen hoch aufgeschichtete Holzmeiler, bestimmt, zu Kohle verbrannt zu werden. Wie mir versichert wurde, eine Folge des Raupenfraßes, der nur noch diese Verwendung der geschädigten Kiefernwaldungen gestattet oder sie doch als die vorteilhafteste erscheinen läßt. Zwischen den Holzmeilern, und auf eine weite Strecke hin mit ihnen abwechselnd, erhoben sich die Kolossalbauten der Berliner Eiswerke, die halb wie Riesenschuppen einer Fabrikanlage, halb wie die Gradierwände einer Saline dreinschauten. Zu meiner Überraschung erfuhr ich, daß auch zuzeiten Feuer in ihnen ausbricht.

Eingesprenkelt in diese Meiler und Eiswerke, die auf weithin die Ufer beherrschen und ihnen den Charakter geben, präsentierten sich auch Villenanlagen, die in allen erdenklichen Spielarten, namentlich im italienischen und englischen Kastellstil, zu uns sprachen. Dicke und schlanke Flachtürme, mit Pfeilern, Sims und Balustrade. Alles in allem ein wunderbarer Anblick, der, nach mehr als einer Seite hin, zu denken gibt. Geflissentlich an den unübertroffenen Vorbildern Schinkels und seiner Schule vorübergehend, wie sie die Villenstraßen des Tiergartens aufweisen, gefällt sich der Bourgeois unserer östlichen Stadtreviere darin, seinen »Donjon« und, wenn es sein kann, selbst seinen »Belfroi« zu haben. Und dieser Schiefheit des Gedankens entspricht die Ausführung, die er erfährt. Eine geschäftsbefreundete »Firma«, die ein Ignorieren nicht wohl gestattet, empfängt den Bau in Entreprise, und tot und steif werden nun die Rund- und Spitzbögen aus dem Nürnberger Spielkasten genommen.

Eben wieder lag ein reichgegliederter »Tudor-Turm«, dessen hochaufgehißtes Banner allem Stolz von York und Lancaster zu trotzen schien, glücklich hinter uns, als die Wasserfläche des Langen Sees sich verbreiterte und unseren Architektur-Unmut, soweit er überhaupt an Bord unseres Schiffes geteilt wurde, in dem Imposanten des landschaftlichen Bildes untergehen ließ. Wir waren in das eigentliche Regattaterrain eingefahren und befanden uns in Nähe jener haffartigen Stelle, wo sich, angesichts der Schmöckwitzer Brücke, vier über Kreuz gestellte Seeflächen: der Lange See, der Seddin-See, die Krampe und der Zeuthener See, ein Rendezvous geben.

Der Nordwester wuchs, rascher ging die Fahrt, feuchter und erquicklicher wurde die Luft.

Das Bild nahm uns gefangen: wir waren begierig, es von einer Hochstellung aus besser überblicken zu können. Eine Strickleiter war nicht da, die wir hätten erklettern können; so festigten wir, rechts und links, ein Klammer- und Hakenbrett an die zwischen Mast und Wanten straff gespannten Schrägtaue und nahmen auf diesen Brettern hüben und drüben unseren Stand. Kapitän Backhusen, den Tubus in der Hand, gab nicht nur die Ordres, sondern auch die Informationen. »Das ist die Krampenbaude, das ist Philippshütte, das ist der Schmöckwitzer Turm; hier in Front aber, wo Sie die Rohrinsel schwimmen sehen, das ist ›Robins Eiland‹, wo unser Flaggenschiff an den Regattatagen zu liegen pflegt. Dahinter steigt der Müggelsheimer Forst an, und wo er sich wieder senkt, das ist Kahniswall.«

»Kahniswall?« fragte ich einigermaßen überrascht.

»Gewiß, Kahniswall. Kennen Sie es? Eine Kolonistenanlage; früher ein Fischerhaus.«

»Ja, dann kenn ich es. Nicht von Ansehn, aber aus einer Erzählung. Und Robins Eiland, das dort im Rohrgehege mit den drei Pappelweiden schwimmt, muß dann just die Insel sein, wo meine Robinsonade spielt.«

Wir stiegen wieder auf Deck, und die Aufforderung erging an mich, zu erzählen, wobei es nicht an Zweifeln und scherzhaften Vorwürfen fehlte, ihnen, »den Halbautochthonen dieser Gegenden«, etwas Neues über die nördliche Wendei verraten zu wollen.

»Wir wissen hier Bescheid, wie in unserer eigenen Tasche; wir könnten Zivilstandsregister führen und Chroniken schreiben, und nun kommen Sie, um uns auf unserem eigenen Terrain eine Niederlage zu bereiten. Kahniswall, eine Robinsonade; was ist es damit?«

»Ich habe vor Jahren, als ich Geschichten aus dem Teltow sammelte, durch Güte eines Freundes davon erfahren. Es war eine briefliche Mitteilung und trug die Überschrift: ›Der Fischer von Kahniswall‹.«

»Nun, so lassen Sie hören.«

»Gut denn.«

Der Fischer von Kahniswall

»Fischer Kahnis hielt eine Fähre, da, wo der Bahnsdorfer Spreearm in den Seddin-See eintritt. Das Häuschen, das er bewohnte, war des sumpfigen Untergrundes halber von ihm selber auf einem eigens hergerichteten Damm oder Wall aufgeführt worden, und weil alles damals noch ohne feste Bezeichnung war, erhielt diese Wallstrecke, wo sein Häuschen stand, den Namen Kahniswall. Die Kolonisten von Gosen und Neu Zittau, seine nächsten Nachbarn, vergaßen über diesen Ortsnamen sehr bald den Namen dessen, der Wall und Häuschen erst geschaffen hatte, und nannten ihn, nach seiner Schöpfung, den ›Fischer von Kahniswall‹. Diese Bezeichnung verblieb ihm auch sein lebelang, trotzdem er, bei jungen Jahren schon, die nach ihm benannte Heimstätte verließ. In der Geschichte jedoch, die Sie nun hören sollen, werd ich ihn, der Kürze halber, einfach bei seinem Namen nennen.

Kahnis hatte eine junge Frau, eine Kossätentochter aus Schmöckwitz, die sehr blond und sehr hübsch war, viel hübscher, als man nach ihrem Geburtsort hätte schließen sollen. Er war, bei Beginn unserer Erzählung, drei Jahre mit ihr verheiratet und hatte zwei Kinder, Krausköpfe, die er über die Maßen liebte. Seine Hanne aber liebte er noch viel mehr. Hatte sie doch, allem Dreinreden unerachtet, aus bloßer Neigung zu ihm – er war ein stattlicher Spreewende – eine Art Mesalliance geschlossen.

So kam der Oktober 1806. Eh der Unglücksmonat zu Ende war, waren die Schelmen-Franzosen in Berlin und drei Tage später auch in Köpenick. Hier sah sie nun unser Kahnis. Es waren Kürassiere von der Division Nansouty. Als er hörte, daß ein paar Schwadronen auch auf die umliegenden Dörfer gelegt werden sollten, überkam ihn ein eigentümlich schreckhaftes Gefühl, eine Eifersuchtsahnung, ein Etwas, das er bis dahin nicht gekannt hatte. Wer wollt es ihm verargen? Er war gerade gescheit genug, um zu wissen, daß die Weiber, in ihrer ewigen Neugier, das Fremde und Aparte lieben, und sosehr er seiner Hanne unter gewöhnlichen Verhältnissen traute, sowenig glaubte er ihrer sicher zu sein, wenn es sich um einen Wettstreit mit den Nansoutyschen Kürassieren handelte, die alle sechs Fuß maßen und einen drei Fuß langen Roßschweif am Helme hatten. Ich muß sagen, daß er sich hierin, wie in vielen anderen Stücken, als ein einfacher, aber sehr verständiger Mann bewies.«

Kapitän Backhusen nickte zustimmend.

»Kahnis sann also nach, wie er der Gefahr entgehen könne, überschlief es und sagte dann anderen Tages früh: ›Hanne, komm; ich mag die Kerls nicht sehen. Sie haben keinen Herrgott und stehlen Kinder. Hier an der Straße sind wir nicht sicher vor ihnen. Ich weiß aber einen guten Platz, wo sie uns nicht finden sollen. Ewig wird es ja nicht dauern.‹ Daß er aus eifersüchtiger Furcht seinen Vorschlag machte, davon schwieg er. Er verfuhr wie immer die Ehemänner in ihrer Bedrängnis und tat alles ›um der Kinder willen‹. Hanne war eine gute Frau und zärtliche Mutter; zudem hielt ihre Erkenntnis gerade die Höhe von Schmöckwitz. Sie gab also unserem Kahnis einen herzhaften Kuß, zum Zeichen, daß sie mit allem einverstanden sei. Und das ist immer das Beste, was Frauen tun können.«

Kapitän Backhusen nickte abermals zustimmend.

»Gesagt, getan. Viel Zeit war ohnehin nicht zu verlieren. Unsere Fährleute gingen rasch ans Werk, und das Einschiffen ihrer Habseligkeiten begann. Das große Fährboot hatte ja Platz vollauf. Betten und Wiege, die Bibel und die Kuckucksuhr, die Kinder und die Ziege wurden geladen, und ehe die Sonne unter war, fuhren alle Insassen von Kahniswall, nichts weiter als die kahlen Wände zurücklassend, nach der Insel im Seddin-See hinüber. Da der Seddin-See nur eine Insel hat, so muß es Robins Eiland gewesen sein. Hier bezogen sie zunächst ein Camp, in dessen Mitte Kahnis aus Balken und Bohlen eine Wohnstätte zusammennagelte, die halb Blockhaus, halb Bretterhütte war. Der Winter setzte alsbald hart ein; aber wer wie Kahnis drei Jahre lang von dem Führpfennig der Gosener Kolonisten und dem Marktertrage seines Fischkastens gelebt hatte, der war eben nicht verwöhnt. Zudem verstand er sich darauf, den Unbilden der Witterung zu begegnen. Schilf, das er in dichten Bündeln auf sein Block- und Bretterhaus packte, dazu ein darüber gebreitetes altes Segeltuch gaben Schutz gegen Regen und Kälte; eine Feuerstelle war bald aufgemauert, und lange bevor die Ostersonne im Seddin-See sich spiegelte, fand Kahnis, daß die alte Kuckucks-Wanduhr auf der Insel geradesogut schlüge wie daheim auf Kahniswall. Die Ziege gab Milch; an Fischen und Sumpfvögeln war Überfluß, und als die Brutzeit herankam, lagen die Enten- und Kiebitzeier zu vielen Hunderten rings um die Insel her. Allsonnabendlich brachte er seine Fische nach Köpenick, kaufte Wochenbrot und beobachtete das politische Wetterglas, vor allem die Köpenicker und ihre Einquartierung. Was er da sah und hörte, machte ihn nur fester in seinem Entschluß, das Kriegswetter erst vorüberziehen zu lassen; das Franzosenzeug war gerade so, wie er es sich gedacht hatte, aber das Weiberzeug war viel schlimmer. Er beglückwünschte sich deshalb zu seiner Inseleinsamkeit und fuhr jedesmal fröhlich wieder heim.

Im Spätsommer Anno 8 hieß es: ›Jetzt ziehen sie ab.‹ Kahnis aber schüttelte den Kopf und sagte: ›Sie sind noch da; und wenn sie nicht mehr da sind, so kommen sie wieder; Hanne, wir wollen bleiben, wo wir sind.‹ Und darin war unser Robinson auf Robins Eiland klüger als mancher Allerklügste. Denn sie kamen wirklich wieder.

Kahnis freilich, als er so sprach, hatte nicht seine Klugheit, sondern nur seine Neigung befragt. Das Wahre von der Sache war: er wollte nicht mehr fort. Aus dem Schlupfwinkel, den er zwei Jahre früher als ein Flüchtling betreten und zunächst nur wie einen Lagerplatz eingerichtet hatte, war längst ein ansehnliches Gehöft mit Stube und Stall, mit Kammer und Keller geworden, das nicht mehr inmitten einer schilfüberwachsenen Insel, sondern im Zentrum eines von Garten- und Ackerstreifen durchzogenen und von einem Schilfgürtel nur eben noch eingefaßten Wiesenrondelles lag. Hier gruben und pflanzten Mann und Frau wie die ersten Menschen, und als endlich, nach zweimaliger Entscheidung, nach Leipzig und Waterloo, wirklich der große Frieden kam und Kahnis nun ehrenhalber sagen mußte: ›Hanne, jetzt ist es Zeit‹, da senkte diese den Kopf und erklärte, daß sie bleiben wolle. Das war es, was er zu hören gewünscht hatte. Nun gestand er ihr auch, daß er nicht aus allgemeiner Franzosenfurcht, sondern aus ganz besonderer eifersüchtiger Sorge vor den Nansoutyschen Kürassieren auf die Insel gezogen sei. Hanne machte kein Aufhebens von diesem Geständnis. Sie nahm nur das Schmeichelhafte heraus und entschlug sich aller tugendlichen Empfindsamkeit. Viel Nachdenken war überhaupt nicht ihre Sache.

So gingen die Jahre. Die Kinder wuchsen heran, verließen Haus und Insel; endlich starb auch die Frau. Kahnis stellte den Sarg auf sein bestes Boot und fuhr quer über den See, um der Toten auf dem Schmöckwitzer Kirchhof ein christliches Begräbnis zu geben. Denn in Lutheri Catechismo von Jugend auf fest, war er, der seit langen Jahren mehr mit Gott als mit den Menschen gelebt hatte, in seinem Glauben immer lebendiger geworden. Am Ufer warteten die Träger, Schmöckwitzer Kossäten. Als sie den Sarg niederließen, da, zum ersten Male, kam ein Schwanken in sein Herz, und er erschrak, wenn er an die Öde von Robins Eiland dachte; denn er war nun ganz allein. Aber die Anhänglichkeit an den Boden, den er sich errungen hatte, siegte auch diesmal, und gutes Mutes kehrte er in seine Einsamkeit zurück. Die Insel war seine Welt geworden.

Sein Leben blieb dasselbe: allwöchentlich fuhr er zu Markt und bot seine Fische feil, wie er es vierzig Jahre lang getan hatte. Er war wohlgelitten in Köpenick; sie kannten ihn alle; und nur zuzeiten blieb er aus. Dann lebte er mit den Köpenickern in Fehde. Oft um kleiner Dinge willen, aber auch um großer. 1848 ließ er sich ein halbes Jahr lang nicht sehen und kam erst wieder, als ›Vater Wrangel‹, dessen Bild er damals mit einer breiten Goldborte an die Stubentür klebte, seinen siegreichen Einzug gehalten hatte. Die Köpenicker, als sie ihn wiedersahen, vergaßen allen politischen Hader und sagten nur: ›Alte Leute sind wunderlich.‹ Meine Geschichte geht zu Ende. – Es war am ersten Sonnabend des Monats Oktober 1850. Kahnis blieb aus. Die Köpenicker rechneten nach, worin sie‘s wohl wieder versehen haben könnten, konnten aber nichts finden. Daß Kahnis einmal eines von ihm und seiner Laune ganz unabhängigen Zwischenfalles halber fehlen könne, das fiel niemanden ein. Darin waren die Schmöckwitzer klüger. Diese, als er Tages darauf in ihrer Kirche fehlte, wußten, was geschehen war. Sie fuhren hinüber und fanden ihn neben der Schwelle seiner Tür, auf einem Bündel Schilf sitzend, das er sich seit lange, als seine Altersbank, zurechtgelegt hatte. Es war ersichtlich, daß er, die warme Herbstsonne suchend, an dieser Stelle eingeschlafen war, um nicht wieder zu erwachen. Die Verwandtschaft der Frau richtete ihm ein groß Begräbnis her; der Schmöckwitzer Küster schrieb an die beiden Söhne, die, mit sieben Enkeln und anderthalb Hand breitem Krepp um den Hut, von Berlin und Rathenow herüberkamen, die ganze Köpenicker Fischerzunft aber, die, schon zwei Stunden vor Beginn der Feierlichkeit, bei der Insel angefahren war, folgte jetzt in dreißig Booten nach Schmöckwitz hinüber. Der Prediger, der den alten Mann sehr geliebt und seiner Gemeinde als das Bild eines schlichten und frommen Christen oft empfohlen hatte, sprach über das Schriftwort: ›Ei, du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen; gehe ein zu deines Herren Freude.‹ Und denselben Spruch hat auch der Schmöckwitzer Tischler auf das Grabkreuz unseres Freundes geschrieben.«

»Dies Grab müssen wir besuchen«, rief jetzt Kapitän Backhusen mit Emphase; »das ist mein Mann; allein sein, nichts von der Welt wollen!« Und Lieutenant Apitz und unser Supercargo, trotzdem sie als Typen ausgesprochenster Gesellschaftsneigung gelten konnten, stimmten begeistert bei. Denn mit Nachdruck ausgesprochene Sätze sind ihres Einflusses immer sicher.

Wir waren inzwischen bis in unmittelbare Nähe der Schmöckwitzer Brücke gekommen. Kapitän Backhusen gab ein Zeichen mit Horn und Sprachrohr, und gleich darauf, während die halbe Dorfjugend herzudrängte, hob sich eine der Brückenklappen und gestattete uns, unter Salut und Zoll, die Einfahrt aus dem Seddin-See in den Zeuthener See zu machen. Unsere erste Station war erreicht: Schmöckwitz. Die »Sphinx« legte an; wir stiegen ans Ufer, um auf eine halbe Stunde wieder terra firma unter den Füßen zu haben.

Schmöckwitz, eine Art Kapitale dieser Gegenden, wirkt doch ganz nur wie ein Dünendorf an der Ostseeküste. Öd und ärmlich. Hinter Sandhügeln versteckt, in tiefen Löchern und Einschnitten liegen einzelne Häusergruppen, während sich alte und junge Kiefern, oft mehr waagerecht als aufrecht stehend, an den sandigen, mit Strandhafer überwachsenen Abhängen entlangziehen. Inmitten des Ganzen die Kirche, ein trister Bau, aus dem Anfang dieses oder vielleicht auch des vorigen Jahrhunderts.

Sowenig einladend nun das Äußere derselben war, so drang ich doch, nach vielfacher auch auf diesem Gebiete gemachter Erfahrung, die jedes Vorwegurteil verpönt, auf Besuch des Inneren. Denn die trivialste märkische Dorfkirche kann immer noch das Rührendste und die häßlichste immer noch das Schönste verbergen. Hier freilich war ein solcher Ausnahmefall nicht gegeben. An weißgestrichenen Wänden hingen die üblichen Gedächtnistafeln; unter der Kanzel stand ein bestaubter Altar, beiden gegenüber aber, dicht gedrückt unter der Decke hin, blinkten die dünnen Röhren eines Harmoniums, dieses verkümmerten Enkelkindes der Orgel. In der Mitte der Kirche paradierte ein Kronleuchter, zum Andenken an die Jahre 13, 14 und 15 gestiftet. Er zeigte die Form einer Kosakenmütze und war mit einem in Blech geschnittenen Eisernen Kreuz geschmückt. Derselben Zeit gehörte auch eine Landsturmfahne an, die auf ihrem roten Flanellappen einen schwarzen Adler und die Bezeichnung »1. Division, 1. Brigade« trug. Was hier so niederdrückend wirkte, war die melancholische Abwesenheit alles Freien und Selbständigen; die Armut kann poetisch sein, die Armseligkeit nie.

Wir traten auf den Kirchhof hinaus, dessen Gräber, wie die Häuser des Dorfes, gruppenweise versteckt in den Senkungen des Hügels lagen. Nur hier und dort ein Busch, ein Blumenbeet.

Um den Eindruck zu bannen, den das Innere der Kirche auf uns gemacht hatte, forschten wir nach Kahnis‘ Grab, freilich zunächst umsonst. Der Küster, der erst wenige Monate im Dorfe war, hatte den Namen nie gehört, zeigte sich indessen beflissen, in seiner Schulklasse zu fragen. Als er wieder zu uns trat, war er in Begleitung eines halbwachsenen Mädchens, dessen flachsblonde Zöpfe zu einer dichten Krone zusammengelegt waren. Sie begrüßte uns unbefangen, schritt auf einen abseits gelegenen, halbverwilderten Fliederbusch zu und sagte dann, indem sie die Zweige auseinanderbog: »Das ist Kahnis‘ Grab.« Auf einem eingefallenen Hügel, der mehr mit Moos als mit Gras überwachsen war, lag ein halb umgestürztes Kreuz; die Inschrift war längst vom Regen abgewaschen. Als wir neugierig fragten, »woher sie die Stelle so gut kenne«, zeigte sie, statt jeder anderen Antwort, auf ein Hänflingsnest das sich in dem Gezweig versteckte. Die beiden Alten flogen auf, umkreisten aber die Stätte. Kapitän Backhusen, als er des geängstigten Pärchens ansichtig wurde, lüpfte den Hut und sagte dann: »Das sind wir dem Andenken Kahnis‘ schuldig, den Frieden dieses glücklichen Haushaltes nicht länger zu stören.« Und damit traten wir unseren Rückzug an.

Eine Viertelstunde später waren wir wieder an Bord der »Sphinx« und fuhren nun, unseren Cours wechselnd, auf die Südspitze des Zeuthener Sees zu. Auch hier noch ist der Segelklub zu Haus, dessen anwesende Mitglieder nicht ermangelten, mir »Hankels Ablage«, »Haches Gruß«, den »Gingang-Berg« und ähnlich wunderlich benannte Punkte vorzustellen. Aber der Zeuthener See ist doch schon Vorterrain; die Villen hören auf, der Einfluß der Hauptstadt schwindet und die eigentliche »Wendei« beginnt. Die Ufer still und einförmig. Nur dann und wann ein Gehöft, das sein Strohdach unter Eichen versteckt; dahinter ein Birkicht, ein zweites und drittes, coulissenartig in die Landschaft gestellt. Am Horizonte der schwarze Strich eines Kiefernwaldes. Sonst nichts als Rohr und Wiese und ein schmaler Gerstenstreifen dazwischen; ein Habichtpaar in Lüften, das im Spiel sich jagt; von Zeit zu Zeit ein Angler, der von seinem Boot oder einem halbverfallenen Steg aus die Schnur ins Wasser wirft. Wenig Menschen, noch weniger Geschichte. Selbst der Feind mied diese Stelle. Darum fehlen hier auch die Schlachtfelder auf viele Meilen hin. In einer alten Chronik heißt es: »Der Dreißigjährige Krieg kam nicht hieher, weil ihm die Gegend zu arm und abgelegen war.« Er wußte wohl, was er tat. Wie ein Feuer ohne Nahrung wär er in diesem See- und Spreegebiet erloschen.

Der Grundzug der Wendei, wenigstens an dieser Stelle, ist Trauer und Einsamkeit.

Um Mittag hatten wir die Südspitze des Zeuthener Sees erreicht; von fern her blickte der Königs-Wusterhausener Turm zu uns herüber. Dann fuhren wir in die Neumühler Schmalung ein, die den Zeuthener See mit dem Krüpel-See verbindet, endlich aus dieser Schmalung in den Krüpel-See selbst.

Die Landschaftsbilder blieben dieselben und wechselten erst, als wir, bei Dorf Kablow, aus der bis dahin befahrenen Seenkette der Wendischen Spree in diese selbst gelangten. Nicht viel breiter als ein Torfgraben, zieht sie hier die Grenze zwischen dem teltowschen und dem beeskow-storkowschen Kreis, bis sie, nach einer Wegstrecke von kaum einer Meile, bei dem Dorfe Gussow abermals zu einem See sich breitet, dem Dolgen-See. Unsere Fahrt verlangsamte sich jetzt, da mittlerweile beinahe völlige Windstille eingetreten war; erst eine bei Sonnenuntergang aufspringende Brise führte uns glücklich über den See bis Dolgenbrodt.

Es war völlig dunkel geworden, und nur der Schein weniger Lichter bezeichnete die Stelle, wo, hinter Bäumen und Rohrgehegen, das Dorf zu suchen sei. Wir selber warfen Anker inmitten dreier Torfkähne, die schon vor uns an diesem Platz ein Unterkommen gesucht hatten. Zugleich wurde die Sturmlaterne ausgehängt. Als ich mein Befremden über diese Vorsichtsmaßregel ausdrückte, zeigte Kapitän Backhusen auf eine dunkle sternlose Stelle am Horizont, die ihm Sturm zu bedeuten schien, zum zweiten aber auf die Torfkähne, zwischen denen wir allerdings wie eingeklemmt lagen. »Zieht ein Wetter herauf und diese drei ›großen Christophs‹ reißen sich los, so werden wir zerquetscht wie ein Polarschiff im Eismeer. Die Laterne tut nicht alles, aber viel. Zum mindesten zeigt sie uns die Stelle, wo wir untergehen.«

Um diesen Trost reicher, suchten wir unser Lager. Müde von des Tages Last und Hitze, schliefen wir unbekümmert ein.

 

Von Dolgenbrodt bis Teupitz

(Zweiter Reisetag)

 

Mit dem frühesten war ich auf, zwischen drei und vier; die Sonne kündigte sich erst durch einzelne Strahlen an, die von Zeit zu Zeit am Horizonte aufschossen. Aber so früh ich war, so war ich doch nicht der Frühste. Lieutenant Apitz war mir zuvorgekommen und hatte, da er die Angelpassion mit der Segelpassion glücklich zu vereinigen wußte, seine Schnur seit länger als einer halben Stunde ausgeworfen. Mit ihm Mudy. Ein guter Frühfang hatte ihre Anstrengungen belohnt. In einer neben ihnen stehenden Wanne zappelte es bereits von Schlei und Hecht, von Giesen und Karauschen, die für unser Mittagsmahl einen vorzüglichen zweiten Gang in Aussicht stellten.

Es war ein erquicklicher Morgen; in dem fallenden Tau gab sich die Natur wie gebadet. Ein Flachboot strich hart an uns vorüber, in dem ein junger Dolgenbrodter, mit angehängtem Fischkasten, stromabwärts fuhr. Er sah ziemlich spöttisch zu unserer Angelrute auf und grüßte. Lieutenant Apitz aber war nicht der Mann, sich verwirren zu lassen. »Eingeborner Wende, was gelten die Fische?« Der Angeredete nannte eine beliebige Summe. »Da lasse ich sie billiger und gebe noch eine Bleiflinke zu.« Damit griff Apitz in die Wanne und warf ihm die angekündigte Flinke ins Boot. In diesem Augenblicke stieg der Glutball der Sonne auf und durchleuchtete die dünnen Nebel. Wir sahen nun erst, wo wir waren.

Am Wasser hin zog sich eine schmale Wiese, von Huflattich eingefaßt, der hier und dort in grotesken Blattbildungen kleine vorspringende Inseln schuf. Hinter dem Wiesenstreifen, immer den Windungen des Flusses folgend, stand eine Reihe von Häusern, jedes einzelne durch ein blühendes Mohnfeld von dem Nachbarhause geschieden. Die Bewohner schliefen noch oder hantierten in Küche und Kammer; nur ein paar Blondköpfe waren aus dem Bett in den Garten gesprungen und spielten in ihren roten Friesröcken unter dem weißen Mohn umher. Im Rücken der Häuser stieg das Erdreich an, fast einen Damm bildend, auf dessen Höhe der Hanf in dichten Stauden stand. Hinter dem Damm aber lief die Dorfstraße hin, wenigstens klang von dort her ein leises Läuten herüber. Ich glaubte die Herde zu sehen, trotzdem sie meinem Auge verborgen war.

Einsamkeit auch hier. Aber wenn sie am Tage vorher, an den Ufern des Zeuthener Sees, wie ein wendisches Volkslied elegisch geklungen hatte, so klang sie hier wie ein Idyll aus alten Zeiten und schuf dem Herzen ein süßes Glück, wo jene nur ein süßes Weh geschaffen hatte. Ich wurde des stillen Lebens, das aus diesen Bildern zu mir sprach, nicht müde. Immer Neues erschloß sich mir, das mein Herz bewegte. In Front jenes Hauses stand ein uralter Birnbaum, in der einen Hälfte abgestorben, aber in der anderen noch frisch und mit Früchten überdeckt. In dem hohlen Hauptast bauten die Bienen, an dem Stamm lehnte die Sense, zwischen den Zweigen hing das Netz; und in dieser Dreiheit lag ersichtlich das Dasein dieser einfachen Menschen beschlossen. Das Sammeln des Honigs, das Mähen der Wiese, das Fischen im Fluß, in so engem Kreislauf vollendete sich tagtäglich ihre Welt. Und so war es immer an dieser Stelle.

Wie die Menschen hier, in Pfahlbauzeiten, im Gezweige gewohnt hatten, so wohnten sie jetzt unter dem Gezweig; aber in ihm oder unter ihm, sie blieben wie die Vögel, die Nester bauen.

Und in diesem Berührtwerden von etwas Unwandelbarem, in der Wahrnehmung von dem ewigen Eingereihtsein des Menschen in den Haushalt der Natur, liegt der Zauber dieser Einsamkeitsdörfer.

Schon vor sechs Uhr war die »Sphinx« unter Segel. Aber der Wind ließ bald nach, so daß wir froh waren, inmitten einer eben zu passierenden Schmalung die großen Stoßruder benutzen zu können. Wir schoben uns nur noch von der Stelle. Dies dauerte Stunden. Erst bei Prierosbrück machte sich der Wind wieder auf und trieb uns nun in die »Schmölte« hinein, einen buchtenreichen, durch Schiebungen und Waldcoulissen ausgezeichneten See, der, zugleich mit dem ihm anliegenden Duberow-Forst (gemeinhin kurz »die Duberow« geheißen), den inneren Zirkel der Wusterhausener Herrschaft, dieses großen, an die dreizehn Quadratmeilen umfassenden und namentlich während der Regierungszeit Friedrich Wilhelms I. Aus adligen Gütern der Schlieben, Oppen und Schenken von Teupitz zusammengekauften Jagdrevieres, bildet.

Mit der Einfahrt in die »Schmölte« waren wir, um es zu wiederholen, in den »inneren Zirkel« dieses Revieres eingetreten. Eine ausgestellte Schildwacht, wie sie nicht charakteristischer sein konnte, ließ uns keinen Zweifel darüber. Inmitten des Sees, auf einer wenig überspülten Sandbank, stand ein großer, ziemlich fremdartig dreinschauender Grauvogel und salutierte auf seine Weise, durch eingezogenen Hals und Fuß. Wir erwiderten seinen Gruß, das Geringste, was wir tun konnten; denn wir waren im selben Augenblicke, wo wir ihn in seiner Schildwachtstellung passierten, zu einem fremden Volke gekommen, zu dem Volke der Reiher, das in der »Schmölte« seinen Fang und in der »Duberow« seine Nester hat. Der ganze innere Zirkel der Wusterhausener Herrschaft eine große Reiherherrschaft! Diese kennenzulernen war seit lange mein Wunsch. In einer Bucht, die von zwei bastionsartig vorspringenden Waldstücken gebildet wird, gingen wir vor Anker.

Ein Besuch des nahe gelegenen Reiherhorstes entsprach unserem Programm. Nur der einzuschlagende Weg, den Lieutenant Apitz »querdurch« genommen wissen wollte, führte zu einer lebhaften Debatte.

Während diese noch schwankt, erzähl ich dem Leser von alten und neuen Reiherjagden, wie sie die »Duberow« sah.

Die Duberow, von der Natur dazu vorgezeichnet, ist alter Reihergrund. Alle Elemente sind da: Eichen, Sumpf und See. Schon der Große Kurfürst jagte hier, aber erst unter dem »Soldatenkönig«, der all sein Lebtag seiner Wusterhausener Herrschaft die noch aus kronprinzlichen Tagen herstammende Liebe bewahrte, erst unter König Friedrich Wilhelm I. Kamen die Duberow-Reiherjagden, die damals Reiherbeizen waren, zu Flor und Ansehen. Bei einem zeitgenössischen Schriftsteller, der selber diese Jagden mitmachte, finde ich folgende Schilderung: »Im Frühling und im Herbst vergnüget sich der Hof, neben manchem anderen, auch mit der Reiherbeize, an der die Königin nicht selten teilnimmt. Der Schauplatz dieser Vergnügungen ist verschieden, zumal aber ist es Wusterhausen und der Duberow-Wald oder ›die Duberow‹, wie die Leute, der Kürze halber, den Wald zu nennen pflegen. Ich habe solchen Reiherbeizen öfter beigewohnt. Ist dergleichen angesaget, so begibt sich der König auf eine Höhe, die einen weiten Umblick gestattet. Seine Majestät reiten gemeiniglich und werden auch von vielen anderen zu Pferde begleitet. Indem werden zwei Wurstwagen angespannt, und es sitzen auf jedem derselben sechzehn bis zwanzig Personen. Auf der Waldhöhe ist ein Herd errichtet, auf dem ein gewaltiges Feuer brennt. Dieser ganze Herd ist ringsherum umgraben, so daß man sich dabei niedersetzen und, wer frieret, zur Genüge wärmen kann. Auch ist der Platz, an dem sich Herd und Feuer befinden, mit Maien umstecket. Unten in der Ebene halten die Falkoniers mit ihren Falken und sind an unterschiedene Posten verteilt. Wenn sich nun ein Reiher reget und in der Luft daherspazieret kommt, so lässet man einen, zwei, auch drei und vier Falken steigen. Sobald der Reiher des Falken, oder ihrer mehr, gewahr wird, fänget er entsetzlich an zu schreien und schwingst sich so hoch, als er nur immer kann. Aber der Falke machet dennoch, daß er weit über dem Reiher in der Luft zu stehen kommt. Alsdann schießet er wie ein Pfeil herab, gibet dem Reiher den Stoß, bringet ihn auf die Erde und hält denselben so lange, bis die Falkoniere kommen und ihn aufnehmen. Die Falkoniere aber bringen den Reiher dem Ober- oder Hofjägermeister, und dieser präsentierst ihn dem Könige, von dem er mit einem Ring gebeizet und sodann wieder in die freie Luft gelassen wird. Manchmal geschiehet es, daß der Reiher von zwei, drei und vier Falken in der Luft gestoßen und angefallen, dadurch aber die Lust desto größer wird. Ist der Tag glücklich, so werden fünf, sechs und noch mehr Reiher gefangen und gebeizet.«

So war es in den Tagen Friedrich Wilhelms I. An die Stelle dieser »Reiherbeizen« ist jetzt ein ebenfalls dem Mittelalter entstammendes Reiherschießen getreten, das weniger eine Jagd als eine Zielübung ist und im Bereiche moderner Erscheinungen am besten mit dem Taubenschießen auf unseren Schützenfesten verglichen werden kann. Nur mit dem nicht unwesentlichen Unterschiede, daß die Taube, wenigstens heutzutage, von Holz, der Reiher aber lebendig ist.

Diese Reiherjagden, die, statt mit dem Falken, mit der Büchse in der Hand unternommen werden, finden jetzt alljährlich in der zweiten Hälfte des Juli statt. Dann ist die junge Brut groß genug, um einen jagdbaren Vogel von wünschenswerter Schußfläche abzugeben, und doch wiederum nicht groß, das heißt nicht flügge genug, um sich, gleich den Alten, der drohenden Gefahr durch Flucht entziehen zu können. So stehen sie dann aufrecht in den hohen Nestern, kreischen und schreien und werden heruntergeschossen. Ein sonderbarer, dem Gefühle des Nichtjägers widersprechender Sport, über den indes andererseits, wie über manches Ähnliche aus der Sphäre des high-life, ohne Sentimentalitäten hinweggegangen werden muß. Es sind dies eben Überbleibsel aus vergangenen Jahrhunderten her, mit denen, weil sie einem ganzen System von Anschauungen angehören, nicht ohne weiteres aufgeräumt werden kann, Dinge des Herkommens, zum Teil auch der praktischen Bewährung, nicht des persönlichen Geschmacks. Tradition und Repräsentation schreiben immer noch, innerhalb des Hoflebens, die Gesetze. Übrigens mag hier eingeschaltet sein, daß unser Kronprinz, ein passionierter Reiherjäger, das bequeme Schießen aus dem Neste verschmäht und es vorzieht, den um die Herbstzeit völlig flügge gewordenen Jungvogel aus der Luft herunterzuholen. Hier, wie in manch anderem, eine Modelung des Überlieferten.

Der Streit, welcher Weg uns am besten zu dem nahe gelegenen Reiherhorst führen würde, war mittlerweile zugunsten von Lieutenant Apitz entschieden worden. Also »querdurch«. Wir erkletterten zunächst das Uferbastion, in dessen Schutze wir lagen, hielten kurze Umschau und schlugen uns dann, immer die Höhe haltend, waldeinwärts. Nach längerem Suchen und Irren, das zu den üblichen Bemerkungen über »Richtwege« führte, hatten wir endlich die Reiherkolonie, ihre Wohn- und Brutstätte vor uns und schritten ihr zu.

Dieser Reiherhorst, wie jeder andere, befindet sich in den Wipfeln alter Eichbäume, die, zu mehreren Hunderten, auf der plattformartigen Kuppe einer abermaligen Ansteigung des Waldes stehen. Eine Anzahl dieser Eichen, vielleicht die Hälfte, war noch intakt, die andere Hälfte aber zeigte jeden Grad des Verfalls, und zwar um so mehr, je länger sie des zweifelhaften Vorzuges genossen, im Reiherdienste zu stehen, das heißt also, ein Reihernest in ihren Wipfeln zu tragen. Die Zahl dieser Nester wechselt. Manche Bäume haben eins, andere drei und vier. Das letztere ist das gewöhnlichere. Aber ob eins oder mehrere, über kurz oder lang trifft sie dasselbe Schicksal: sie sterben ab, unter dem Einfluß der Reiherwirtschaft, namentlich der Reiher-Kinderstube, deren Details sich jeder Mitteilungsmöglichkeit entziehen.

Erst Mitte Juli pflegen die Jungen flügge zu werden. In diesem Jahre jedoch mußten sie kräftiger oder gelehriger gewesen sein; jedenfalls fanden wir alles ausgeflogen und sahen uns in der angenehmen Lage, jede einzelne Wohnstätte aufs genaueste mustern zu können. Was die Wipfel der Bäume angeht, so bleibt dem Gesagten an dieser Stelle nichts hinzuzufügen; aber auch der Untergrund erzählt noch manche Geschichte. Hier und dort lag zu Füßen einer wie geschält aussehenden, ihrer Rinde halb entkleideten Eiche das Federwerk eines Jungvogels. Das erklärt sich so. Fällt ein junger Reiher vor dem Flüggewerden aus dem Nest, so ist er verloren. Ein freies, selbständiges Leben zu führen, dazu ist er noch zu jung, ihn wieder in das Nest hinaufzuschaffen, dazu ist er zu schwer. So bleibt er liegen, wo er liegt, und stirbt den allerbittersten Tod unter den Unbilden seiner nächsten Verwandten, die, ohne ihre Lebens- und Anstandsformen im geringsten zu ändern, erbarmungslos zu seinen Häupten sitzen.

Unter anderen Bäumen lagen herabgestürzte Nester. Sie gaben uns Veranlassung, ein solches zu untersuchen. Es ist einem Storchennest ähnlich, aber noch gröber im Gefüge, und besteht aus angetriebenem Holz der verschiedensten Arten: Kiefern-, Elsen- und Weidenzweige. Dazu viel trockenes Stechapfelkraut, lange Stengel, mit aufgesprungenen Kapseln daran. Ob sie für dies Kraut um Geruches willen, vielleicht auch als Arzneidrogue, eine Vorliebe haben oder ob es ihnen lediglich als Bindemittel zu festerer Verschlingung der dicken Holzstäbe dient, muß dahingestellt bleiben. Überall aber, wo ein solches Nest lag, sproßte wuchernd aus hundert Samenkörnern ein ganzer Giftgarten von weißblühender Datura auf, der übrigens, jede Ausschließlichkeit vermeidend, auch anderem Blumenvolk den Zutritt gestattete. Nur »von Familie« mußten die Zugelassenen sein: Wolfsmilch, Bilsenkraut, Nachtschatten. Das Harmloseste, was sich eingeschlichen hatte, war Brennessel.

Ein Erinnerungsblatt hier mitzunehmen verbot sich; so mußten die umherliegenden Federn aushelfen. Ein paar der schönsten an unsere Mützen steckend, kehrten wir, nunmehr des Weges kundig, in kürzester Frist an Bord unseres Schiffes zurück.

Hier hatte sich mittlerweile Mudy nach mehr als einer Seite hin legitimiert. Der Tisch war unter einer ausgespannten Leinwand gedeckt; der weißeste Damast, das blinkendste Silber lachten uns entgegen. Selbst an Tafelaufsätzen gebrach es nicht. Neben dem großen Köpenicker Baumkuchen parodierten zwei prächtige, in hundert Blüten stehende Heidekrautbüschel, die Mudy, samt dem Erdreich, ausgeschnitten und in zwei reliefgeschmückte Weinkühler eingesetzt hatte. Aber Größeres war uns vorbehalten, was sich erst offenbaren sollte, als die Reihe der vorschriftsmäßigen Gänge, unter denen sich besonders das Fischgericht »Schlei mit Dill« auszeichnete, beendet war. Ob aus Nachklang oder Inspiration, aus Erinnerung oder geoffenbarter Weisheit, gleichviel, in Mudys Seele hatte die Vorstellung gedämmert, daß »das Dessert die Krone jedes Mahles sei«. Und dieser Vorstellung Ausdruck zu geben, hatte er sich beflissen gezeigt. Daß er dabei, in materiell eng gezogenen Grenzen verbleibend, über einen bloßen symbolischen Akt nicht hinausgekommen war, steigerte nur den Effekt. Der Leser urteile selbst. In ebendemselben Augenblicke, in dem der Kreis des Möglichen nach unser aller Ansicht geschlossen schien und auch in dem begehrlichsten Herzen nur noch Wunsch und Raum für Zigarette und Kaffee vorhanden war, erschien Mudy mit einem auf dem Menuzettel ungenannt gebliebenen Überraschungsgericht. Geheimnisvoll genug in seiner Einkleidung. Eine Glasschale war mit Kraut und Blütenzweigen gefüllt; in der Mitte dieser Schale aber, wie ein Ei in einem Neste liegt, lag ein Teesieb, in dem unser dienender Bruder, während wir auf der Suche nach dem Reiherhorste waren, aus dem spärlichen Vorrat der nächsten Wald- und Uferstellen eine halbe Hand voll Erd- und Blaubeeren mühsam gesammelt hatte. Die Wirkung dieser Aufmerksamkeit war eine enthusiastische und rang nach entsprechendem Ausdruck. Kapitän Backhusen fand ihn. Einen vor ihm stehenden Römer bis an den Rand mit Scharlachberger füllend, schüttete er den Inhalt des Schälchens hinein und sprach dann kurz: »Perle der Kleopatra, armselige Renommisterei; hier, in Erd- und Blaubeeren, spricht bescheiden eine schönere Tat. Es lebe Mudy.«

Die Luft stand. Es war noch zu früh zum Aufbruch; so beschlossen wir eine Waldsiesta, und unsere Plaids an schattiger Stelle ausbreitend, suchte sich jeder eine Ruhestätte. Libellen flogen, Käfer summten, und in mir klang es aus einem meiner Lieblingsdichter:

Hier an der Bergeshalde

Verstummet ganz der Wind;

Die Zweige hängen nieder,

Die blauen Fliegen summen

Und blitzen durch die Luft.

Einmal, zweimal wiederholte ich diese Zeilen, die den Klang eines Nachmittags-Schlummerliedes haben; dann schlief ich ein. Die Genossen hatten weniger gezögert.

Es war sechs Uhr, und die Sonne streifte schon von der Seite her die Wipfel des Waldes, als uns die Schiffsglocke, rasch anschlagend, mit zur Eile mahnendem Tone wieder an Bord rief. Kapitän Backhusen hatte früher als seine Gäste den Nachmittagsschlaf abgeschüttelt. Ein paar Kommando-Worte, und die »Sphinx« löste sich leicht und gefällig von der Uferstelle, in deren Schatten sie sechs Stunden geankert hatte. Die Landzungen schoben uns immer neue, von Minute zu Minute prächtiger beleuchtete Coulissen in den Weg; in Schlängellinien umfuhren wir sie, ein paar Geleit gebende Reiher hoch über uns in Lüften. So kamen wir aus der Schmölte in den Hölzernen See.

Alles war bis dahin gut gegangen, und zu endgültiger Bewährung der »Sphinx« fehlte nur noch ein Zwischenfall, ein »Accident«. Auch dieser sollte nicht ausbleiben. Kaum in den Hölzernen See, nomen et omen, eingefahren, so saßen wir fest. Aber die Führung unseres Schiffs hätte nicht die sein müssen, die sie war, wenn sie sich in solchem Momente hätte ratlos erweisen sollen. Kapitän Backhusen, mit dem Tubus auslugend, erkannte, hinter Schilf und Werft versteckt, in nicht allzuweiter Entfernung ein Brückenwärterhäuschen, an das jetzt Mudy, die Schiffsjolle herablassend, mit der Anfrage deputiert wurde, ob man bereit sei, unseren aus dicken Eisenplatten bestehenden Ballast auf zwei, drei Tage zu beherbergen. In kürzester Frist war die bejahende Antwort da, die großen Barren wanderten aus dem Rumpf in die Jolle, und nach dreimaliger Fahrt zwischen Schiff und Zollhaus war unsere »Sphinx« wieder flott und frei. Unter dankbarem Hüteschwenken ging es, eine Viertelstunde später, an dem Brückenzollhaus vorüber. Aber dieses Hüteschwenken genügte uns nicht. Unserer Freude einen lauteren Ausdruck zu geben, holten wir aus der Waffenkammer ein paar Vogelflinten herbei, und auf unendliche Entfernungen hin, zwischen Dümpler und Krickenten hineinfeuernd, weckten wir das Echo, das, offenbar verdrießlich über die Störung, mit nur halber Stimme antwortete. Wir empfanden es und stellten die Flinten an ihren alten Platz.

Es begann zu dunkeln, als wir, zwischen Groß- und Kleinköris, in ein schwieriges, aus mehreren flachen Becken bestehendes Seegebiet einfuhren, das in seiner Gesamtheit den wenig klangvollen, aber bezeichnenden Namen der »Modder-See« führt. Die Karten unterscheiden einen großen und kleinen. Das Wasser in diesen Becken stand nur etwa fußhoch über einem aus gelbgrünen Pflanzenstoffen bestehenden Untergrund, der so weich war wie ein mit Hülfe von Reagenzien eben gefällter Niederschlag. Unser Schiff durchschnitt diese reizlosen, aber für die Wissenschaft der Torf- und Moorbildungen vielleicht nicht unwichtigen Wassertümpel, die vor uns, unaufgerüttelt, in smaragdner Klarheit, hinter uns in graugelber Trübe, wie ein Quirlbrei von Lehm und Humus, lagen.

Es wurde still und stiller an Bord. Jene Schweigelust überkam uns, die nach einem schönen, an Bildern und Eindrücken reichen Reisetage auch den Heiter-Gesprächigsten anzuwandeln pflegt und, weder in Ermüdung noch in Verstimmung wurzelnd, ihren Grund in dem plötzlichen Berührtwerden von dem Ausgehen alles Glückes, von der Endlichkeit aller Dinge hat. Auch wir hatten diesen Tribut zu zahlen, stärker als bei mancher anderen Gelegenheit, da nichts da war, uns dieser Stimmung zu entreißen. Die Dörfer hörten auf; nur in einiger Entfernung lag Sputendorf. Es klang wie eine Mahnung, und wir ließen sie uns gegeben sein. Ein neues Segel bei! Der Wind setzte sich hinein, und plötzlich, wie aufatmend, fuhren wir aus einem Gewirr von Tümpeln und Schmalungen, die wir während der letzten zwei Stunden zu passieren gehabt hatten, in ein imposantes und beinah haffartig wirkendes Wasserbecken ein. Nur in sehr unbestimmten Umrissen erkannten wir die Ufer. Nach links hin, in langer Linie, blitzten Lichter und spiegelten sich in dem dunkelen See. An Bord drängte alles zu neuer Tätigkeit. Lieutenant Apitz, mit eigner Hand, feuerte den landeinwärts gerichteten Böller ab; Mudy, auf Befehl des Kapitäns, ließ eine Rakete in den Nachthimmel aufsteigen. In wenigen Minuten sahen wir unseren Zweck erreicht: Gestalten, hin und her laufend, sammelten sich an einer Stelle, die ein Landungsplatz, eine Anlegebrücke sein mochte. Stimmen klangen herüber. Gleich darauf fiel der Anker.

Im Angesicht von Teupitz, dunkel und rätselvoll, lag die »Sphinx«.

 

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