Als Newton der Apfel auf die Birne fiel …

. . . tat das erst mal ganz schön weh. Und als der Schmerz nachließ, und die Geisteskräfte langsam wieder zurückkehrten, dachte Newton: Was war das gerade? – Ein Apfel fällt vom Baum. Natürlich. Aber warum fällt er? Warum fällt alles auf der Welt? Und immer nur nach unten? Und nie nach oben? Oder zur Seite? Oder nach vorne oder nach hinten?

Was ist da los?

Hmhm.

Der Apfel fällt also. Nach unten. Immer nur nach unten, nie anderswohin. Will er das?

Hmhm.

Oder zieht vielleicht etwas an ihm? – Ich war es nicht. Und ich habe auch niemand anderen gesehen.

Also: Hmhm. Hmhm. Hmhm.

Es muss unsichtbar sein.

Hmhm.

Unsichtbar und ziehend. Nach unten ziehend.

Hmhm.

Wenn ich ihn (den Apfel) würfe, dann flöge er. Von mir weg. Für einen seitlichen Betrachter von links nach rechts oder umgekehrt.

Hmhm.

Und wenn ich ihn nach unten würfe – dann wäre er Matsch, haha. Aber ich habe ihn ja gar nicht geworfen. Es war ES!

Hmhm.

Was ist ES?

Hmhm.

Also ich war’s nicht. ES war es. Wenn ES es war, dann ist ES = es. Das ist schon mal was, wir haben eine Formel. Wir können rechnen.

Also . . .

Hmhm.

E könnte stehen für – hmhm – Erde? Gar nicht schlecht mein lieber Isaac, gar nicht schlecht. Die Erde ist die Mutter aller Dinge. Aus Staub seid ihr gemacht, und zu Staub werdet ihr werden. Aber nicht abschweifen jetzt. Bloß nicht religiös werden. – Hmhm. – Aber wenn die Bibel doch Recht hat? – Hmhm. – Energieerhaltungssatz? Chaos-Theorie? – Unfug! Alles nur Spekulation!

Hmhm.

Vielleicht: E = mc²?

Was soll mc² sein? Mc², mc², was für ein Blödsinn, wie komme ich nur darauf?

E ist Erde, das steht schon mal fest. Basta!

Also nun S – wofür steht S?

Steuer womöglich? Schließlich bin ich auch Steuereintreiber. Und hier liegt ja offensichtlich ein Wink des Schicksals vor. Aber Steuer? – Hmhm. Hmhm. Hmhm.

Ich glaube nicht, warum sollte mir die Steuer einen Apfel auf die Birne, ähm, mein Haupt werfen? Habe ich etwa meine eigenen Steuern nicht gezahlt? Muss ich überhaupt welche zahlen? Keine Ahnung. Muss der Schuster für sich selber vielleicht Schuhe machen? Egal! Aber: Steuern (nicht bezahlen) und Schweiz, das ist ein Synonym.

Erde und Schweiz ist ES.

Hmhm.

Ich glaube eher nicht. Was ist schon die Schweiz? Das Schicksal will mir einen Wink geben, aber doch sicher nicht mit einem Zwergstaat wie der Schweiz – impossible!

Hmhm.

 

[Hier wurde Newton zum Mittagsessen gerufen.]

 

Er speiste lustlos, legte schließlich Messer und Gabel beiseite und sagte kläglich zu seinem Weib: „Ich brauche ein S.“

„Ein was?“

„Ein S. – Dringend.“

Sie betrachtete ihn aufmerksam. Sie kannte ihn. Und wunderte sich über gar nichts mehr. „Was für ein S?“

„Na ja, ein S für eine Formel, die die Welt erklärt.“

Während sie den Tisch aufräumte, damit Diener John nicht so viel zu tun (und so viel kaputt zu machen) hatte, dachte sie nach. „S, du brauchst also ein S. – Hmhm (das hatte sie von ihrem Mann übernommen). Ein S . . . also ein S. Hmhm.“

Scheppernd stellte sie Teller auf Teller. „S . . .“

„Hmhm.“

Newton wurde nervös. Er nestelte an seiner Serviette herum. „Was denn nun?“

„Lass mich nachdenken. – S ist ein komplizierter Buchstabe, es gibt sehr viele Wörter, die mit S anfangen. Das kann sehr irreführend sein . . .“

Er wischte sich (zum dritten Mal) den Mund ab und sagte unwirsch: „Das weiß ich auch!“

Denkerisch stützte sie den Kopf an der Stirn auf und murmelte: „S, S, S – so viele Worte mit S.“

Newton wurde ungeduldig. „Muss ich denn erst Mr. Johnson fragen?“

Sie hob den Kopf. „Welchen Mr. Johnson?“

„Na, Mr. Samuel Johnson, den Johnson, der das Dictionary of the English Language herausbrachte,“ entgegnete Newton ungehalten.

Sein Weib winkte ab und seufzte. „Ich weiß, mein Lieber, du kannst in die Zukunft blicken. Aber dieser Johnson wird erst in hundert Jahren sein Dictionary herausbringen.“

Newton legte seine Serviette weg. „Indeed? – Astonishing, my dear, absolutely astonishing!“

In diesem Augenblick kam Diener John herein, um abzutragen.

Newton sagte zu ihm: „John! Ein Wort mit S, ohne nachzudenken!“

Und John, der eigentlich Johann hieß und sich daran machte, den Tisch abzuräumen, antwortete eingedenk seiner Arbeitsbedingungen wie aus der Pistole geschossen: „Schwer.“

Newton saß da wie vom Donner gerührt und hauchte: „Schwer! Hast du gehört, meine Liebe: schwer?“

Seine Frau betrachtete ihn und meinte nachdenklich: „Schwer ist nur ein Adjektiv, und ein Adverb vielleicht.“

Doch Newton hieb begeistert auf den Tisch. „Aber es ist gut! Schwer ist ein gutes Wort!“

„Es ist Deutsch,“ entgegnete sie ihm trocken.

„Deutsch? Meinetwegen! Aber es ist gut. Schwer, schwer, schwer – ich liebe es!“

„Vielleicht muss noch irgendwas dazu,“ überlegte sie. „Soviel ich weiß, lieben die Deutschen zusammengesetzte Wörter.“

Newton war erstaunt. „Ach ja?“

John, unter der Last des Geschirrs ächzend, stöhnte: „Kraft.“

„Kraft!“ rief Newton erfreut. „Schwerkraft! Was bedeutet das?“

Das Geschirr hinaustragend, grummelte John über die Schulter: „Wenn Ihr Leben schwer ist, und Sie viel Kraft dafür brauchen.“ Mit der Hacke kickte er die Tür hinter sich zu.

Erschüttert sagte Newton zu seinem Weibe: „Hast du das gehört?“

„Jedes Wort,“ sagte sie.

„Schwerkraft,“ säuselte Newton und lauschte dem Klang nach. „Was für ein Wort! Und welche Bedeutung! Das ganze Leben steckt in ihm, die ganze Welt! Was sage ich, das ganze Universum! – S, das ist es! E und S, das ist die Schwerkraft der Erde! Verstehst du?“

Draußen erscholl Lärm von splitterndem Porzellan und wilden Flüchen.

 

So könnte es gewesen sein, abgesehen von zwei, drei kleinen Fehlern, vor allem dem, dass das Phänomen der Schwerkraft bis heute noch nicht abschließend erklärt ist. – Also, setzen Sie sich unter einen Baum, und lassen Sie sich Äpfel auf die Birne fallen, und finden Sie’s heraus. Sie müssen nur darauf achten, dass es ein Apfelbaum ist.

 

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