Als Gesandter in Spanien

Ich hielt mich lange genug in London auf, um den amerikanischen Gesandten, Mr. Charles Francis Adams, zu besuchen und von ihm das Neueste über den Standpunkt der europäischen Mächte den Vereinigten Staaten gegenüber zu erfahren. Ich war noch nie vorher mit Mr. Adams zusammengekommen. Der kleine, kahlköpfige Herr mit den regelmäßigen Gesichtszügen und blauen Augen, dem ich mich mit einer gewissen Schüchternheit als Kollegen vorstellte, erinnerte mich lebhaft an die Porträts, die ich von seinem Vater, dem Präsidenten John Quincy Adams, gesehen hatte. Was ich über die besondere Kälte im Wesen des Vaters gelesen hatte, half mir die Art und Weise, in welcher der Sohn mich empfing, richtig zu deuten. Er sagte mir, in einem Ton, der ohne Zweifel freundlich sein sollte und der jedenfalls sehr höflich war, daß er sich sehr freue, mich zu sehen. Es fehlte ihm jedoch jede Wärme, und er hatte etwas so förmlich Steifes, daß, wie ich später einmal einem seiner Söhne, zu dessen großer Belustigung, erzählte, meinem Gefühl nach die Temperatur des Zimmers um mehrere Grad zu fallen schien. Natürlich konnte Adams keine Veranlassung haben, mich kühl zu behandeln, und ich schloß, daß diese steife Frostigkeit einfach Temperamentsache und bei ihm ganz normal sei. Als wir von öffentlichen Angelegenheiten zu sprechen begannen erwärmte er sich nicht geradezu, er sprach jedoch in einer mitteilsamen Art zu mir die mich als vertraulich und darum schmeichelhaft berührte. Er erzählte mir die Geschichte von der »überstürzten« Neutralitätserklärung der englischen Regierung und von dem »unoffiziellen« Empfang der »Konföderierten«-Bevollmächtigten und schilderte mir in einer Weise, die seine ernste Besorgnis verriet, die wenig freundschaftlichen, wenn nicht geradezu feindlichen Einflüsse, die er zu bekämpfen hätte, Einflüsse, deren Tragweite in hohem Maße von dem weit verbreiteten Glauben abhing, daß die Sklaverei nichts mit unseren inneren Kämpfen zu tun habe.

Ich verließ Adams unter dem tiefen Eindruck, den sein Patriotismus, die Klarheit und Schärfe seines Verstandes, sein umfangreiches Wissen und seine Fähigkeit als Diplomat auf mich gemacht hatten. Die Geschichte hat seitdem ihr Urteil über seine Verdienste gesprochen. Er war im besten Sinne des Wortes ein ernster und besonnener Mann. Allerdings fehlten ihm einige der gesellschaftlichen Talente, die für einen Diplomaten wünschenswert sind. Obwohl er in London ein der Würde seiner Stellung angemessenes Haus machte und seinen geselligen Verpflichtungen mit gewissenhafter Pünktlichkeit nachkam, war er weder ein gefälliger Tischredner, noch eine glänzende Erscheinung bei festlichen Gelegenheiten. Ihm fehlten die Gaben des persönlichen Magnetismus und des sympathischen Zaubers, der die Menschen anzieht. Auch besaß er nicht jene Lebhaftigkeit des Geistes und die rassige Kampflust, die seinen Vater, John Quincy Adams, zu einem so gefürchteten Gegner gemacht hatten. Aber sein ganzes geistiges und sittliches Wesen erzwang sich eine so hohe Achtung, daß jedes von ihm gesprochene Wort Gewicht hatte, und seine Gegner in diplomatischen Meinungsverschiedenheiten nicht nur die Weite und Gediegenheit seines Wissens und die Genauigkeit seiner Beweisführung fürchteten, sondern auch bemüht waren, sich seine gute Meinung zu bewahren. Er war nicht imstande, etwas von der leichten, scherzhaften Seite aufzufassen, und ließ auch mit sich nicht spaßen. Seine Wachsamkeit war unermüdlich und seine Beobachtung durchdringend und scharf, ohne doch durch verdächtigenden Argwohn zu verletzen Seine Berichte und Weisungen verdienten die ernsteste Beachtung, vermieden aber jede prahlerische oder drohende Sprache. Die Würde seines Vaterlandes fand in der seinen die beste Verkörperung. Es ist zweifelhaft, ob eine geeignetere Person hätte gefunden werden können, um die Republik während dieser großen Krisis in ihrer Geschichte bei einer Regierung zu repräsentieren, deren Verhalten uns gegenüber von so wesentlicher Bedeutung war.

In Paris sah ich unseren Gesandten Mr. Dayton. Er gab mir über die Unbestimmtheit der Politik des französischen Kaisers den Vereinigten Staaten gegenüber einen beunruhigenden Bericht. Meine Frau wünschte ihre Verwandten in Hamburg zu besuchen, wir hielten es daher für das Richtigste, daß sie mit unseren Kindern bis zum Herbst, wenn die Sommerhitze in Madrid vorüber sein würde, dort bleibe. Ich machte mich also allein auf den Weg nach Spanien. Da das Eisenbahnwesen in Spanien damals noch sehr unvollkommen war, wurde mir geraten, mit dem Zug nur bis nach Marseille und von da per Dampfschiff nach Alicante zu reisen, wo ich direkte Eisenbahnverbindung mit Madrid finden würde. Das tat ich. In Madrid wurde ich von meinem Legationssekretär Mr. Perry empfangen. Er war etwa fünf Jahre älter als ich, von sehr einnehmendem Äußeren und gefälligem Wesen. Meine Ankunft enthob ihn großer Besorgnisse. Er sagte mir, daß Königin Isabella im Begriff stehe, Madrid zu verlassen, um sich nach dem Seebadeort Santander zu begeben, und daß mein offizieller Empfang noch auf mehrere Wochen hätte verschoben werden müssen, wenn ich nicht vor ihrer Abreise eingetroffen wäre. Er hätte mit dem Minister der Auswärtigen Angelegenheiten, Don Saturnino Calderon Collantes, die Angelegenheit besprochen, und die Königin habe eingewilligt, mich am folgenden Abend um halb zehn Uhr im königlichen Schlosse zu empfangen. Mr. Perry gab mir ausdrücklich zu verstehen, daß diese Bestimmung von mir als große Begünstigung angesehen werden müsse. Er hatte für mich im Hotel »de los Embajadores« Logis bestellt. Nachdem ich mich dort installiert hatte, gingen wir zusammen nach der amerikanischen Gesandtschaft, die sich ziemlich weit entfernt, in der Calle de Alcala, befand. Dort setzte ich mich nieder, um die kleine Anrede zu verfassen, mit welcher ich der Königin von Spanien mein Beglaubigungsschreiben vom Präsidenten übergeben mußte. Nachdem dies geschehen war, legte ich einige amtliche Papiere, die ich bei mir hatte, in das mir angewiesene Pult. Sodann führte Mr. Perry mich zur ersten offiziellen Vorstellung in das Auswärtige Amt und begleitete mich darauf zum Hotel, wo ich mich ausruhen sollte, während er meine Rede dem Minister des Auswärtigem mitteilte. Auf dem Wege zum Hotel machte Mr. Perry eine Bemerkung über das offizielle Kostüm, in welchem wir an dem Abend zu erscheinen hätten. Da damals noch die Gesandten der Vereinigten Staaten an auswärtigen Höfen eine bestimmte Uniform trugen – einen reichgestickten Frack mit ebenso verzierten Beinkleidern, einem dreieckigen Hut und Galadegen –, hatte ich diese Dinge bei einem Pariser Schneider, der die Kundschaft amerikanischer Diplomaten zu haben schien, bestellt, aber sie waren noch nicht fertig, als ich Paris verließ. In einigen Tagen sollten sie mir nachgeschickt werden. Ich konnte deshalb nur im gewöhnlichen Abendanzug vor der Königin erscheinen.

Mr. Perry schien über diesen Umstand sehr beunruhigt. Er wußte nicht, wie sich der »Introductor de los Embajadores«, ein hochgestellter Hofbeamter, welcher derartige Hofzeremonien anzuordnen hatte, dazu stellen würde. Er sah Schwierigkeiten voraus. Er wollte jedoch diesem Würdenträger die wahre Sachlage mitteilen und sein Möglichstes tun, die Sache in Ordnung zu bringen. Nach einigen Stunden kehrte Mr. Perry mit dem Bericht zurück, daß der »Introductor de los Embajadores«, ein sehr feierlicher, peinlich genauer Grande, zuerst bei dem Gedanken, daß ein auswärtiger Gesandter in einfachem Abendanzug vor Ihrer Majestät erscheinen könne, bleich geworden sei. Er hätte bezweifelt, daß dergleichen jemals in der Geschichte der spanischen Monarchie vorgekommen sei und daß es sich mit der Würde des spanischen Thrones vereinbaren lasse. Mr. Perry war dann zum Minister der auswärtigen Angelegenheiten geeilt, dem es gelang, den »Introductor de los Embajadores« zu überreden, daß die Dringlichkeit der Situation die Abweichung von einer noch so feierlichen Regel berechtigen müsse. Da aber der Hofmann trotzdem darauf beharrte, daß er solche Abweichung ohne besondere Erlaubnis Ihrer Majestät unmöglich zugeben dürfe, wurde die Angelegenheit vom Minister eiligst der Königin unterbreitet, die gnädigst einwilligte. Diese Krisis war also glücklich überstanden, und ich konnte mich nun in Frieden bis neun Uhr ausruhen, zu welcher Stunde Mr. Perry mich abholen wollte, um mich ins Schloß zu führen.

Um die festgesetzte Zeit kam Mr. Perry und fand mich in tadellosem Abendanzug für die bevorstehende Handlung bereit. Ich brauchte nur noch mein Beglaubigungsschreiben, welches der Königin überreicht werden mußte, in die Tasche zu stecken. Aber – du gütiger Himmel! – Wo war das Beglaubigungsschreiben? Es war nicht zu finden! Konnte es zwischen den Papieren gewesen sein, die ich in mein Pult im Bureau der Gesandtschaft verschlossen hatte? Das mußte der Fall gewesen sein. Aber was jetzt? Erst nach der Gesandtschaft und von da ins Schloß zu fahren, war unmöglich, wir hätten das Schloß erst eine halbe Stunde nach der festgesetzten Zeit erreichen können. Daß die Königin eine halbe Stunde auf einen ausländischen Herrn in einfacher Gesellschaftskleidung warten sollte, war undenkbar. Nur ein sehr kühner Streich konnte die Situation retten; und zu diesem Streich entschloß ich mich. Ich nahm eine Zeitung und packte sie – vorsichtig gefaltet – in ein Kuvert von der offiziellen Größe, an die »Doña Isabel, Königin von Spanien« adressiert. Dieses Kuvert wollte ich Ihrer Majestät bei der Zeremonie überreichen, und ich bat Mr. Perry, den Minister des Auswärtigen beiseite zu nehmen und ihm in aller Kürze mitzuteilen, was sich zugetragen hatte, mich so gut als möglich zu entschuldigen und ihn zu bitten, das Kuvert nicht in Gegenwart der Königin zu öffnen, nachdem sie es ihm gereicht haben würde. Das richtige Beglaubigungsschreiben sollte ihm sicherlich am nächsten Morgen zugeschickt werden. Glücklicherweise war Mr. Perry, der eine Spanierin zur Frau hatte und die Sprache vollkommen beherrschte, sehr gut mit Don Saturnino bekannt, und so hofften wir, daß auch diese Krisis glücklich überstanden würde.

So ausgerüstet, fuhren wir also nach dem Schloß. Am Fuße der großen Treppe bewachten zwei Hellebardiere in prachtvollem mittelalterlichem Kostüm den Zugang zu den Staatsräumen. Als sie mich im gewöhnlichen Gesellschaftsrock gewahrten, mußten auch sie an die Würde des spanischen Thrones gedacht haben, denn sie kreuzten ihre Hellebarden und verweigerten uns den Eintritt. Mr. Perry trug die Uniform des Legationssekretärs das aber genügte den Hellebardieren nicht, die mich mit augenscheinlichem Mißfallen und Verdacht betrachteten. Mr. Perry nahm eine stolze und entrüstete Miene an und rief in befehlendem Ton nach einem der auf der Treppe stehenden Lakaien, dem er befahl, sofort dem «Introductor de los Embajadores« zu berichten, welche Beleidigung dem Gesandten der Vereinigten Staaten zugefügt worden wäre. Der Introductor eilte im nächsten Augenblick mit dem Ausdruck höchster Bestürzung herbei, schleuderte mit eigenen Händen die Hellebarden auseinander, ergoß einen Strom von spanischen Reden, die augenscheinlich zur Entschuldigung dienen sollten, über uns, und im Triumph bestiegen wir die mächtige Treppe.

Im Festsaal fanden wir den neuen englischen Gesandten, Sir John Crampton, mit seinem Stab, der auch sein Beglaubigungsschreiben überreichen sollte. Da er sich etwas früher als ich im Auswärtigen Amt gemeldet hatte, gebührte ihm der Vortritt. Der Minister des Auswärtigen war zugegen, und während wir auf die Königin warteten, hatte Mr. Perry Zeit, ihm mit ein paar eiligen Worten unsere Verlegenheit betreffs des Beglaubigungsschreibens und des Notbehelfs, zu dem ich gegriffen hatte, mitzuteilen. Der Minister sah ernst drein, nickte aber zustimmend. Da wurde eine Tür aufgerissen, ein prachtvoll kostümierter Angestellter rief laut in den Saal einige Worte, und die Königin erschien, eine stattliche Matrone mit einem fleischigen, unschönen, aber gutmütigen Gesicht.. Ich beobachtete Sir John Crampton während der Vorstellungs-Zeremonien und konnte ihn mir zum Vorbild nehmen. Als ich an die Reihe kam, machte ich eine ebenso gute Verbeugung wie Sir John, hielt meine kleine Rede in englischer Sprache, wovon die Königin kein Wort verstand, und präsentierte ihr mein Kuvert mit der Zeitung. Die Königin hielt den kostbaren Gegenstand in der Hand, während sie nun an mich eine kleine spanische Rede richtete, von der ich auch kein Wort verstand, worauf sie mit einer hoheitsvollen Gebärde das uneröffnete Kuvert dem Minister des Auswärtigen überreichte Er nahm es mit einer tiefen Verbeugung in Empfang. In diesem Moment fing ich einen Blick von Don Saturnino auf und sah, wie ein verständnisvolles Lächeln über seine Züge glitt. Die Königin unterhielt sich dann, wie gebräuchlich, kurze Zeit mit mir auf französisch, erkundigte sich nach meinem Befinden und wie mir Spanien gefalle, und ich machte eine höfliche Erwiderung. Noch eine Verbeugung, und die Zeremonie war zu Ende.

Man bedeutete mir, daß ich mich auch dem Könige, Don Franciscos de Assisi, vorstellen müßte. Er war in Wirklichkeit nur der Prinzgemahl der Königin, hatte aber bei Gelegenheit seiner Trauung mit ihr durch besondere Vergünstigung den Titel »König« und »Majestät« erhalten. Seine einzige politische Funktion bestand darin, sich der Welt als offizieller Vater von Isabellas Kindern zu präsentieren. Die Verheiratung Isabellas hatte im Anfang der vierziger Jahre in Europa große Aufregung hervorgerufen, da einige Mächte besorgt waren, es möchte ihnen eine andere durch eine Verbindung mit der spanischen Dynastie zuvorkommen. Es wurde schließlich für das Sicherste gehalten, Isabella an einen spanischen Bourbonen zu verheiraten, und Don Francisco schien der einzige in Betracht kommende Kandidat zu sein, obwohl er Isabella persönlich sehr unangenehm war. So kam es, daß dieses schlecht zusammen passende Paar aus sogenannten » Staatsgründen« durch die Ehe verbunden wurde.

Der »König« war nicht bei dem Empfang der auswärtigen Gesandten in dem großen Saale zugegen gewesen, und man führte mich durch lange Gänge nach den von ihm bewohnten Räumen. Plötzlich öffnete sich eine Tür, und fast wäre ich über einen sehr kleinen Herrn, der auf der Schwelle eines matt erleuchteten Zimmerchens stand, gestolpert. Ich war ungemein überrascht, im nächsten Moment dieser kleinen Persönlichkeit als »Seiner Majestät dem König« vorgestellt zu werden. Die Unterhaltung, die in französischer Sprache hierauf folgte, war im höchsten Grade einfach. Der König sprach mit einer hohen, quiekenden Fistelstimme, ähnlich dem Krähen eines jungen Hahns Er sagte, daß er sich sehr freue, mich zu sehen, daß er hoffe, meine lange Reise von Amerika nach Spanien sei angenehm verlaufen, und daß er vor allen Dingen hoffe, daß ich nicht sehr seekrank geworden sei. Ob ich überhaupt zur Seekrankheit neige? Ich war glücklich, Seiner Majestät versichern zu können, daß meine Reise eine durchweg angenehme gewesen und daß ich nicht im geringsten seekrank geworden sei; auch hoffe ich, Seine Majestät befände sich bei guter Gesundheit. Seine Majestät erwiderte, daß er sich vollkommen wohl befände. Er meinte jedoch, nie seekrank zu werden, sei etwas ganz Außergewöhnliches. Es sei das eine seltene Gottesgabe, in der Tat, eine sehr wertvolle Gabe. Nach diesem letzten Ausspruch schien unser Thema erschöpft zu sein, und es wurde mir gestattet, mich zurückzuziehen.

Als ich vor dem Einschlafen die Ereignisse des Tages noch einmal an meinem inneren Auge vorüberziehen ließ, erschien mir meine Einführung in das diplomatische Leben Madrids wie ein Akt aus einer komischen Oper – ein possenhaftes Vorspiel zu ernster Tätigkeit.

Am folgenden Tage übergab ich Don Saturnino Calderon Collantes das echte Beglaubigungsschreiben und unterhielt mich lange mit ihm. Er war ein kleiner Herr mit starken Gesichtszügen, die, wenn sie sich in Ruhe befanden, den Eindruck der Strenge machten. Er sah mehr einem höheren Schulmeister als einem politischen Führer oder einem kastilianischen Caballero ähnlich. Er sprach fließend genug Französisch, um eine Unterhaltung zu führen, doch mit dem den Spaniern eigentümlichen Akzent. Obgleich in seinem Auftreten etwas feierlich, hatte er doch genügend Humor, um die Komik des gestrigen Intermezzos mit dem untergeschobenen Beglaubigungsschreiben einzusehen, und spielte mit einem Augenzwinkern darauf an. Diese gemeinschaftliche humoristische Erinnerung war mir günstig, denn zusammen ein derartiges geheimes Abenteuer gehabt zu haben, entwickelt gewöhnlich eine Vertraulichkeit, die ohne solchen Zwischenfall kaum möglich wäre.

Es war meine Aufgabe, die Lage meines Landes in den Augen der Regierung, bei welcher ich akkreditiert war, in das günstigste Licht zu stellen. In Spanien konnte ich natürlich an kein Antisklavereigefühl appellieren, weil dazumal in den spanischen Kolonien noch Sklaverei herrschte. Da aber die Freundschaft und der gute Wille der Vereinigten Staaten von großer Bedeutung für Spanien waren – denn die spanischen Besitzungen in den westindischen Inseln lagen unserer Küste so nahe – bemühte ich mich, den Minister von der ungeheuren Überlegenheit der nordischen Hilfsquellen, verglichen mit denen des Südens, zu überzeugen, wodurch die Unterdrückung der Rebellion unvermeidlich herbeigeführt werden müßte. Die Republik werde dann noch machtvoller und ihre Freundschaft den Nachbarländern noch wertvoller sein als zuvor. Auch vergaß ich nicht zu erwähnen, daß der Wunsch, Kuba zu annektieren, im Norden fast gar nicht, sondern beinahe ausschließlich im Süden bestände. Sollte es durch ein Wunder der südlichen Konföderation gelingen, sich unabhängig zu machen, so würde sie jedenfalls bestrebt sein, sich durch größeren Länderbesitz zu verstärken und gewiß zuerst die Augen auf Kuba richten. Don Saturnino erkannte die Wahrscheinlichkeit meiner Behauptungen an, obgleich er die stolze Überzeugung hegte, daß Spanien stets stark genug sein würde, seine Macht zu behaupten.

Was aber die Überlegenheit des Nordens über die südlichen Insurgenten betraf, so hatte er seine Zweifel. Da der Norden ein Land der Industrie und der Süden ein Land der Agrikultur, der Norden daher, was die landwirtschaftlichen Produkte betraf, vom Süden abhängig sei, konnte er sich nicht vorstellen, wie der Norden auf längere Zeit gegen den Süden Krieg führen könne, ohne sich großen Entbehrungen auszusetzen. Don Saturnino schien sehr überrascht,als ich ihm erklärte, daß der Norden keineswegs ein ausschließlich industrielles Land, sondern daß der Ackerbau die größte Quelle auch seines Reichtums sei; der Süden sei, was Brotstoffe anbeträfe, sogar in großem Maße vom Norden abhängig; ja, der Norden exportiere eine beträchtliche Menge Getreide nach europäischen Ländern und den spanischen Kolonien. Das schien für Don Saturnino eine ganz neue Anschauungsweise zu sein, und er bezeugte sein sichtliches Erstaunen durch den gelegentlichen Ausruf »Ah! Ah!«. Ob ich ihn überzeugte, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen; er versicherte aber, daß es die unerschütterliche Politik seiner Regierung sei, die strengste Neutralität zwischen beiden feindlichen Parteien zu bewahren, und daß diese Politik gewissenhaft befolgt werden würde. Um mir, wie ich vermute, die Wichtigkeit solchen Beschlusses für die Vereinigten Staaten recht eindrucksvoll zu machen, erzählte mir Don Saturnino viel von den Erfolgen, die Spanien kürzlich in Afrika über die Mauren errungen hatte, von dem großen Sieg bei Tetuan und von altem und neuem Ruhm spanischer Waffen. Ja er behauptete, als handele es sich um eine allgemein bekannte und anerkannte Tatsache, daß Spanien nicht nur das zivilisierteste, sondern auch das einflußreichste Land Europas sei. Indem er dieses mit einer Miene, die nicht ernsthafter hätte sein können, aussprach, war er gewiß vollkommen aufrichtig.

Einen wahren Schatz besaß ich in meinem Legationssekretär Horatio J. Perry. Er stammte aus New Hampshire, war ein Graduierter der Universität Harvard und ein auffallend schöner Mann. Im Jahre 1849 war er unter der Regierung des Präsidenten Taylor als amerikanischer Legationssekretär nach Spanien gekommen und hatte sich mit einer Spanierin, Doña Carolina Coronado, verheiratet. Nachdem er den diplomatischen Dienst verlassen hatte, war er seiner Frau zu Liebe, da sie sich nicht entschließen konnte, nach den ferngelegenen Vereinigten Staaten überzusiedeln, in Spanien geblieben. Ich habe Ursache zu glauben, daß er trotz seiner angenehmen gesellschaftlichen Stellung in Madrid doch nie die Sehnsucht nach seinem Vaterlande überwand, und daß er, als ihn die Nachricht von dem großen Kampf in Amerika erreichte, begierig danach verlangte, sich im Dienst seiner Regierung nützlich zu machen. Keine geeignetere Person hätte für die Stellung, die er ausfüllte, gefunden werden können. Er sprach und schrieb das Spanische ebenso fließend und fehlerlos wie seine eigene Sprache. Durch seine persönliche Bekanntschaft mit allen Leuten von Bedeutung im öffentlichen Leben hatte er eine tiefe Einsicht in die spanische Anschauungsweise und Politik gewonnen. Es war nichts überschwänglich Zuvorkommendes in der Art, wie er mich empfing, aber eine warme Aufrichtigkeit, die ich sogleich empfand. Meine ersten Unterhaltungen mit ihm bestärkten mich in dem Eindruck, daß ich seiner Fähigkeit sowohl wie seiner Anhänglichkeit vollständiges Vertrauen schenken konnte, und dieses Vertrauen wurde in der ganzen Zeit unseres Zusammenarbeitens nie im geringsten Maße getäuscht. Ich sage Zusammenarbeiten, denn unsere Beziehungen gestalteten sich bald zu denen gemeinschaftlichen Wirkens und wirklicher Kameradschaft. Ich habe nie einen aufrichtigeren, eifrigeren Patrioten, einen wärmeren, zuverlässigeren persönlichen Freund in der Stellung eines Untergebenen gekannt und nie einen wachsameren und tüchtigeren Beamten seiner Regierung. Rührend war es, wie die durch lange unfreiwillige Abwesenheit entstandene Sehnsucht jetzt zu dem heißen Verlangen wuchs, seinem Vaterland in der Stunde der Gefahr beizustehen. Nicht viele Jahre später war es Perrys trauriges Geschick, in Spanien zu sterben, ohne sein Vaterland wiedergesehen zu haben – einer der wahrsten und treuesten Amerikaner mußte in fremder Erde ruhen.

Die Familie Perry hatte ein Haus mit Garten in der nächsten Umgebung Madrids gemietet, »La Quinta«, »Das Landhaus«, genannt, weil es der einzige Wohnsitz dieser Art in der nächsten Nähe der Hauptstadt war. Das wunderliche alte Haus, das der berühmten Königin Christina gehört hatte und gelegentlich von ihr bewohnt wurde, war viel zu groß für die Perrys und gefiel mir so gut, daß ich ihnen anbot einen für mich passenden Teil davon bestehend aus einem geräumigen Salon mit Vorzimmer, Eßzimmer, Bibliothek und mehreren Schlafzimmern, zu übernehmen, um mich dort selbst einzurichten. Wir einigten uns leicht darüber und ich war auf diese Weise angenehm untergebracht. »La Quinta« war ein so kurioser, so spanischer Wohnsitz, daß ich mich nicht enthalten kann, ihn näher zu beschreiben. Durch ein breites schmiedeeisernes Tor trat man in einen mehrere Morgen großen, viereckigen Raum, von einer hohen Backsteinmauer eingeschlossen und größtenteils von ungesund aussehenden Bäumen und Sträuchern bewachsen. Nur ein kleiner Teil des Grundstücks war als Gemüsegarten angelegt. In einer Ecke dieses Geviertes stand ein steinerner Pavillon, dunkel und düster, wie der Eckturm eines mittelalterlichen Schlosses, mit schmalen Fensterspalten, kaum breiter als Schießscharten, die einen Ausblick auf die außerhalb der Backsteinmauer befindliche Gasse gewährten. Von hier aus, hieß es, habe die Königin Christina die wilden Stiere beobachtet, die manchmal auf dem Wege nach dem »Plaza de toros« vorbeigeführt wurden. Man sagte, die Königin Christina sei eine große Kennerin von Kampfstieren und eine Liebhaberin des Sports gewesen.

In einer anderen Ecke des großen Platzes stand das Wohnhaus, ein langes, zweistöckiges Gebäude mit einem vorspringenden Flügel. Man betrat das Haus durch eine mächtige gewölbte Pforte, breit genug, einen Wagen hindurch zu lassen. Zur Linken befanden sich Stallungen, zur Rechten Küchen und Speisekammern und die Schlafräume für die Dienerschaft. Dazwischen führte eine steinerne Wendeltreppe zum ersten Stockwerk in ein viereckiges Vestibül hinauf, das durch eine von der Decke herabhängende Ampel beleuchtet wurde. Hohe weiße Gipsfiguren in den Ecken gaben diesem Raum ein geisterhaftes Aussehen. Von hier trat man in eine Vorhalle, in welche rechts und links verschiedene Gänge mündeten und die in ein Empfangszimmer führte, »Sala de la Cabezas«, Saal der Häupter genannt, weil jede der vier Ecken mit einem riesengroßen Gipshaupt, eine mythologische Figur vorstellend, geschmückt war. Diese große leere Flucht von Zimmern, von welchen die Sage ging, daß in jedem einzelnen ein Duell, ein Mord oder sonst etwas Schauriges sich zugetragen habe, hatte etwas äußerst unheimliches. Alle Fenster waren mit schweren Eisenstäben versehen, um das Haus vor Räubern zu schützen. Das Tor wurde jede Nacht zu demselben Zwecke vorsichtig verriegelt und mit einem starken Querbalken verschlossen. Man sagte mir, daß solche Vorsichtsmaßregeln unbedingt nötig seien, und als ich an einem milden Abend den Wunsch aussprach, auf dem Grundstück spazieren zu gehen, baten mich die Perrys, davon abzustehen, da es unsicher sei, man hätte wiederholt verdächtige Gestalten nach einbrechender Dunkelheit durch das Gebüsch huschen sehen. Ich gehorchte, obgleich es mir schien, daß diese Schauergeschichten einigermaßen übertrieben sein müßten.

Die »Quinta« war auch in anderer Beziehung charakteristisch spanisch. Bäume und Sträucher konnten auf dem Grundstück nicht leben, noch konnte der Gemüsegarten gedeihen ohne häufige künstliche Bewässerung. Diese Bewässerung sowohl wie den Wasserbedarf des Hauses lieferte ein Brunnen, der durch ein großes Schöpfrad in Betrieb gesetzt wurde. Ein Maulesel hielt das veraltete Triebwerk in Bewegung, indem er während des größten Teils des Tages unermüdlich im Kreise herumgehen mußte. Man nannte diese Einrichtung die »Noria«. Ein alter Gärtner, Don Pepe, führte die Oberaufsicht. Er sah aus wie ein stumpfsinniger Bauer, durchaus nicht wie ein Edelmann, der zu dem Titel »Don« berechtigt sein könnte. Aber Doña Carolina, wie Frau Perry von ihren Freunden genannt wurde, erzählte mir, daß er wirklich ein »Don« sei, daß es in Spanien Dörfer gäbe, wo jeder Einwohner von Adel sei, und daß Don Pepe aus einem solchen Dorfe stamme. Er mußte jedoch arbeiten wie jeder andere arme Bauer. Ich sah, wie er im Gemüsegarten den Boden mit einem Pfluge bearbeitete, wie er vielleicht zu Julius Cäsars Zeiten gebraucht wurde. Dieses Werkzeug bestand aus einer hölzernen Stange, deren eines Ende durch Verkohlung gehärtet und in deren Mitte eine zweite Stange im spitzem Winkel befestigt war, so daß sie auf gleicher Höhe mit dem Boden herausragte. An das äußere Ende der Stange war der Maulesel gespannt, und mit diesem Werkzeug pflügte Don Pepe. Nicht eine Spur von Eisen befand sich an dem ganzen Geräte. Ich erkundigte mich, ob es nicht ökonomischer sein würde, Don Pepe mit einem moderneren Pflug zu versehen, aber man sagte mir, daß Don Pepe den alten, von seinen Ahnen stammenden Pflug und keinen anderen zu handhaben verstände, und daß es nicht geraten sei, seinen Kopf mit neumodischen Erfindungen zu verwirren. Ich hatte Gelegenheit zu bemerken, daß Don Pepe nicht der einzige war, der störrisch an den alten Sitten festhielt. Von meinen Schlafzimmerfenstern aus überblickte ich ein Weizenfeld, das zu einem außerhalb der Stadt gelegenen Gut gehörte. Nachdem der Weizen geschnitten war, wurde auf offenem Felde ein Dreschboden hergerichtet, indem ein Stückchen Erde durch Klopfen gehärtet wurde. Hierauf breitete man die Weizenernte aus und trieb darauf eine Anzahl Pferde hin und her, bis sie mit ihren Hufen das Getreide ausgestampft hatten. Das war eine Dreschmaschine, wie zu Abrahams Zeiten, und Don Pepe würde instinktiv jeder anderen mißtraut haben. Trotzdem er ein Edelmann war, verschaffte ihm sein Titel keine Vorrechte in den Augen seiner Arbeitgeber. Eines Tages, als er etwas besonders Einfältiges getan hatte, hörte ich Doña Carolina zu ihm sagen: »Oh, Don Pepe, tu es tan bestia« (»Was bist du für ein dummer Esel«). Sie sagte dies nicht in aufgeregtem Ton des Zorns, sondern ganz ruhig, als mache sie ihm eine nützliche Mitteilung oder wünsche ihm guten Tag. Und er faßte es ebenso ruhig auf, als sei er an derartige Unterhaltungen gewöhnt, und fuhr dann in derselben einfältigen Weise mit seiner Arbeit fort. Doña Carolina zuckte die Achseln und wandte sich lächelnd ab.

In der ersten Zeit versuchte ich in meinem Teil der »Quinta« selbst Haus zu halten. Ich hatte den üblichen Major domo und sonstige Dienerschaft. Aber bald entdeckte ich, daß ich ganz erbarmungslos bestohlen wurde. Nicht nur, daß ich unglaubliche Preise für alles, das für mich angeschafft wurde, bezahlen mußte, sondern auch meine kleinen Habseligkeiten Wäsche, Halsbinden usw., verschwanden mit unglaublicher Geschwindigkeit. Es war mir eine große Erleichterung, als die Perrys mir den Vorschlag machten, sich meines Hauswesens anzunehmen, und diese Einrichtung bewährte sich sehr vortrefflich. Das war Doña Carolinas vielen ausgezeichneten Eigenschaften zu verdanken. Sie war die Tochter eines Edelmannes in Estremadura, von schmächtiger Gestalt mit etwas starken Zügen, großen, dunklen, feurigen Augen und kleinen ungewöhnlich fein gebildeten Händen und Füßen. Ihre literarische Begabung hatte sie nach Madrid geführt. Sie hatte Gedichte und Romane geschrieben, die Aufsehen erregten. Bei einer öffentlichen Gelegenheit war sie als Dichterin mit einem Lorbeerkranz gekrönt worden; wenn ich mich recht erinnere, von der Hand der Königin selbst, deren Liebling sie immer geblieben war. Ihr Ruf als Schriftstellerin hatte sich im ganzen Lande verbreitet. Sie erzählte mir, wie die Bauern, als sie ihr heimisches Estremadura, wohin die Kunde ihrer Lorbeerkrone gedrungen war, besuchte, sich in der Dorfwirtschaft, in welcher sie sich auf der Durchreise aufhielt, versammelt und darauf bestanden hätten, daß sie ihnen ihr »habiljdades« zeigen, d. h. ihnen ihre Gedichte vortragen oder neue improvisieren sollte. Ihre geistigen Fähigkeiten waren auf merkwürdige Weise entwickelt. Sie hatte gar keine mathematische Begabung, keinen Sinn für Zahlen und gestand mir einmal lachend ein, daß sie nicht weit über zehn zählen könne, ohne verwirrt zu werden. So oft sie ausginge, um einzukaufen, trüge sie eine Handvoll Bohnen in der Tasche bei sich als Rechenhülfsmittel. Trotz alledem war sie eine sehr sorgsame Hausfrau und hielt ihre Haushaltungsbücher in vollkommenster Ordnung. Wie sie es fertig brachte, kann ich mir nicht vorstellen. Aber das Hauswesen gehorchte ihrer Führung wie ein Uhrwerk. Wir unterhielten uns immer in französischer Sprache. Ihr Französisch war in der grammatischen Konstruktion sehr eigenartig, aber immer verständlich und fließend und nicht selten elegant im Ausdruck. Wenn sie das französische Wort nicht finden konnte, gebrauchte sie schnell ein gleichbedeutendes spanisches und gab demselben eine französische Wendung. Das erfüllte gewöhnlich den Zweck, führte aber manchmal zu komischen Mißverständnissen. Überhaupt hatte ihre Unterhaltung einen besonderen pikanten Zauber. Ihr Geist war erfüllt von poetischen Phantasien, die gelegentlich in bilderreicher Sprache hervorsprudelten. Von den großen Fragen der Menschheit, im weiteren Sinne, wußte sie wenig, und die Ansichten, die sie zuweilen darüber aussprach, waren sehr· naiv und unreif. Sie hatte jedoch einen Blick für Charaktere, der überraschend war. Dann und wann, wenn Perry und ich eine Person in ihrem Beisein besprachen, unterbrach sie uns plötzlich mit dem Ausruf: »Ich höre Euch Herrn So und So erwähnen. Traut Ihr ihm? Tut es nicht. Er ist kein guter Mensch, er meint nicht, was er sagt, er ist falsch.« »Aber Carolina«, sagte dann wohl Perry, »wie kannst Du das behaupten? Du kennst ihn ja kaum!« Die Antwort war: »Ich habe ihn gesehen. Ich habe ihm in die Augen geblickt. Ich habe seine Stimme gehört. Ich habe seine Atmosphäre empfunden, ich kenne ihn!« In derselben Weise sprach sie manchmal ihren Glauben an Personen aus, denen wir mißtraut hatten. Ich äußerte gegen Perry mein Erstaunen über die Sicherheit ihrer Behauptungen. Er erwiderte, daß er selbst zuerst nicht weniger überrascht gewesen sei, als er sie ähnliche Dinge sagen hörte; daß ihr Urteil zuzeiten dem seinen direkt widersprochen habe, daß er aber immer gefunden hätte, sie habe recht gehabt und daß sie unzweifelhaft einen wunderbaren Scharfblick besitze. Meine eigene Erfahrung stimmte auch damit überein.

Obgleich sie einen Protestanten geheiratet hatte und in ihren Ansichten und Sympathien, Ketzern und Ungläubigen gegenüber, tolerant und liberal auftrat, so war sie doch im Grunde sehr fromm. Wenn sie auf der Straße einem hohen Würdenträger der Kirche begegnete, kniete sie nieder und küßte ihm die Hand. Sie trug zu ihrem Schutze ein Amulett um den Hals und betete mit Inbrunst zur heiligen Jungfrau. Sie hatte viel gelesen und die aufgeklärten Anschauungen des Zeitalters in sich aufgenommen, doch war sie sehr abergläubisch geblieben. Mehrmals war sie in der Kirche ohnmächtig niedergesunken, weil sie glaubte, den Geist ihres Vaters am Altar zu sehen. Als wir dem Hof nach einer Sommerresidenz der Königin in San Ildefonso im Guadaramagebirge gefolgt waren, gingen wir eines Nachmittags, das Ehepaar Perry und ich, in dem Schloßgarten spazieren und kamen an eine dunkle Grotte, einen besonderen Schmuck des Parks. Plötzlich stieß Doña Carolina einen geltenden Schrei aus und lief, so schnell sie ihre Füße tragen konnten, ans Tageslicht zurück. Wir fanden sie heftig atmend und in einem Zustand der größten Aufregung wieder. Auf unsere Frage, was ihr denn fehle, erwiderte sie, ob wir sie denn nicht gesehen hätten, zwei glühende Augen, gerade vor uns in der dunklen Höhle, das eine in grünem, das andere in rotem Feuer brennend, schreckliche, grimmige Augen, wie die des Teufels. Eines Abends saß ich lesend im Speisezimmer der »Quinta«. Mr. Perry war ausgegangen. Von meinem Platze aus konnte ich in den »Sala de las Cabezas« und in zwei dahinter liegende Gemächer sehen, die nur schwach erleuchtet waren. Am Ende dieser Stubenflucht führte eine Seitentür in die von der Familie Perry bewohnten Räume. Plötzlich wurde ich durch einen durchdringenden Schrei aufgeschreckt und sah Doña Carolina in einem weißen Nachtgewande, eine brennende Kerze in der Hand, mit dem Ausdruck des Entsetzens in den weit aufgerissenen Augen aus der Seitentür stürzen und durch die ganze Zimmerreihe aus mich zufliegen. Auf der Schwelle des Speisesaales brach sie ohnmächtig zusammen. Ich klingelte nach der Dienerschaft, und wir legten sie auf ein Ruhebett und besprengten ihr Gesicht mit Wasser. Als ihr Bewußtsein zurückkehrte, sah sie mit wirrem Blick um sich und erzählte mir, daß ihr, als sie vom Schlafzimmer ihrer Kinder in die Wohnstube habe gehen wollen, der Geist ihres Vaters in der Tür erschienen sei und sie am Ärmel festgehalten habe. Nachdem sie sich etwas gesammelt hatte, führte ich sie in ihre Wohnung zurück und auf meinem Arm gestützt ging sie langsam durch den »Sala de las Cabezas« und die anstoßenden Gemächer. Ich sah sogleich, indem wir durch ihre Türe schritten, was sie am Kleide festgehalten hatte: ihr offener Ärmel hatte sich an der großen altmodischen Türklinke gefangen. Ich schob sie sanft dagegen, und wieder blieb ihr Ärmel hängen. Sie schreckte zusammen, doch als sie aufblickte und mich lächeln sah, stimmte sie mit ein und ließ sich ohne Widerrede sagen, daß es kein Gespenst, sondern nur eine Türklinke gewesen sei, was sie erschreckt hatte.

Sie hatte großen Respekt vor dem amerikanischen Patriotismus ihres Mannes und hörte und las gern über die Vereinigten Staaten und das amerikanische Volk. Perry konnte sie jedoch niemals überreden, mit ihm sein Geburtsland zu besuchen. Sie scheute die lange Seereise und beteuerte, daß sie nicht in einem Lande leben könne, wo es so kalt sei und so viel schneie. Das tat es allerdings auch zuweilen in Madrid, aber nur sehr wenig, und der Schnee blieb nicht lange liegen. Wenn es anfing zu schneien, fing Doña Carolina an zu weinen und schloß sich in ihr Zimmer ein, bis der Schnee geschmolzen war. Obgleich durch und durch Spanierin, so war sie doch nicht blind für die Fehler ihres Volkes. Sie verabscheute den blutigen Sport des Stiergefechts als ein Überbleibsel der Barbarei. Mit glühender Beredsamkeit sprach sie von der höheren Zivilisation ihres Volkes, die sie erhoffte und voraussah. Ihre Grundsätze und ihre Gesinnungen waren edel und vornehm, und diese Grundsätze wandte sie bei der Erziehung ihrer beiden kleinen Töchter an. Ein echtes Kind des Südens, besaß sie die schönen Gaben und die hohe Begeisterung, doch auch die oft überspannte Lebhaftigkeit des Temperaments, die launischen Wunderlichkeiten geistiger Veranlagung und die sonderbaren Widersprüche zwischen Gedanken und Gefühl, welche die südliche Sonne oft hervorbringt.

Der gesellige Verkehr, den meine diplomatische Stellung mir eröffnete, war sehr angenehm, wenn auch nicht besonders interessant. Man nimmt gewöhnlich an, und ich hatte diese Annahme geteilt, daß das diplomatische Korps bei den Regierungen der größeren Mächte aus Personen von hervorragenden Fähigkeiten, großen Kenntnissen und ausgedehnter Bildung bestehe und eine hohe Schule der Staatskunst sein müsse, in der die intimsten Geheimnisse dieser Kunst gelernt werden können. Ich näherte mich diesem Kreise mit einer gewissen Scheu, fühlte mich aber viel schneller darin zu Hause, als ich vorausgesehen hatte. Meine Kollegen empfingen mich, trotz, meiner revolutionären Vorgeschichte, sehr freundlich, und da ich bei weitem das jüngste Mitglied war, boten sich einige der ältesten Veteranen liebenswürdig an, mich schützend unter ihre Flügel zu nehmen. Der wohlwollendste unter ihnen war der Gesandte eines kleineren europäischen Hofes, der schon fünfundzwanzig bis dreißig Jahre in Madrid gewesen und im Dienste grau geworden war. Er lud mich mit warmer Dringlichkeit ein, ihn in seiner Junggesellenwohnung zu besuchen, wo wir uns ungestört über manches unterhalten könnten, das mich interessieren würde. Ich kam mit Vergnügen dieser Aufforderung nach, in der Hoffnung, daß seine langjährige Erfahrung am spanischen Hof ihm manchen tiefen Einblick in die spanische Politik gestattet haben würde und daß ich gewiß manches Wertvolle von ihm lernen könne. Nachdem ich ihn jedoch nach Kräften mit Fragen bestürmt hatte, mußte ich zum Schluß kommen, daß er auf solche Dinge niemals viel Nachdenken verwandt hatte und mir keine Aufschlüsse von Bedeutung geben konnte. Was er mir jedoch mit einer geheimnisvollen Wichtigkeit enthüllte, war der Inhalt einer schön gearbeiteten silbernen Kassette, welche den Hauptschmuck auf einem Tische seines Salons bildete. Er öffnete diesen Kasten mit einem hübschen kleinen silbernen Schlüssel und zeigte mir darin die Orden, die er zu verschiedenen Zeiten von Königen und Kaisern empfangen hatte. Während er einen nach dem andern hervornahm und ihn im Lichte glänzen und funkeln ließ, erzählte er mir die Geschichte jedes einzelnen Kreuzes und Sterns, warum der Orden ihm verliehen worden und welche Auszeichnung er bedeute. Nachdem dieses Thema erschöpft war, weihte er mich in den Tagesklatsch des diplomatischen Korps und in die chronique scandaleuse der letzten dreißig Jahre am spanischen Hofe ein. Das war meine erste wirkliche Unterrichtsstunde in praktischer Diplomatie.

Hier lernte ich ein Beispiel der kleinen Diplomatie kennen, die Freude hat an gesellschaftlichem Geschwätz, die ihre kleinen Routinegeschäfte, da sie keine wirklich wichtigen Angelegenheiten zu besorgen hat, zu großen Staatsaktionen aufbauscht und durch vielsagendes Augenblinzeln und das Lächeln eines Auguren eine geheimnisvolle Weisheit heuchelt. Die meisten meiner Kollegen waren jedoch ernste, wohlunterrichtete Männer; wenn auch nicht Staatsmänner ersten Ranges, doch aufmerksame Beobachter und überlegende Denker, von denen man etwas lernen konnte. Der Gesandte, mit dem meine Beziehungen sich am angenehmsten gestalteten, war merkwürdiger Weise Graf Galen, der Vertreter der preußischen Regierung, welche mich nur wenige Jahre zuvor als revolutionären Missetäter und Staatsverbrecher verfolgt hatte. Graf Galen war Westfale und Verwandter jenes Grafen Wolf-Metternich, dessen Pächter mein Großvater gewesen und in dessen Burg ich geboren war. Als junger Mann hatte Graf Galen seine Verwandten in der »Gracht«, der Burg von Liblar, besucht und konnte sich meines Großvaters, des »Burghalfen«, erinnern. Es erschien uns wie eine phantastische und heitere Schicksalslaune, daß ich, der Enkel des Burghalfen, nun am spanischen Hof als der diplomatische Kollege von Graf Wolf-Metternichs Verwandtem auftauchen sollte, und die gemeinsamen Erinnerungen an die Burg in Liblar und ihre Bewohner gaben uns Stoff zu manchem angenehmen Geplauder. Graf Galen interessierte sich lebhaft für amerikanische Angelegenheiten. Aus seinen Äußerungen konnte ich einsichtsvolle Schlüsse ziehen über die wahre Stellungnahme der preußischen Regierung unseren inneren Kämpfen gegenüber. Ein großer Teil des preußischen Adels, sowie viele der Armeeoffiziere sympathisierten instinktiv mit der aufständischen südlichen Konföderation. Die Demokratie war ihnen verhaßt und sie mußten wünschen, daß die Republik der Vereinigten Staaten, als stärkstes und anziehendstes Beispiel einer Demokratie, unterliegen würde. Sie nahmen an, die Sklavenhalter entsprächen als Klasse am meisten der Aristokratie europäischer Länder. Der ganze Rest des preußischen Volkes, bei weitem der größere Teil, die intelligentesten, tätigsten und progressivsten Elemente eingeschlossen, sympathisierte jedoch entschieden mit dem Norden und der Union. Es war überdies die traditionelle Politik Preußens, freundliche Beziehungen mit den Vereinigten Staaten zu pflegen. Die Regierung und das Volk begegneten sich also in diesem gemeinsamen Gefühl. Die Stellung Preußens war daher nicht nur eine neutrale, sondern diese Neutralität war entschieden freundlicher und wohlwollender Natur. Diese freundschaftlichen Gefühle schien auch Graf Galen aufs herzlichste zu teilen.

Mit den spanischen Politikern kam ich weniger in Berührung als ich gewünscht hätte. Das war teilweise dem Umstand zuzuschreiben, daß nur eine verhältnismäßig geringe Zahl der Männer in öffentlichen Stellungen einer anderen Sprache als ihrer eigenen mächtig war, während ich natürlich auch nicht im Handumdrehen die spanische Sprache bemeistern konnte. Mit Calderon Collantes, dem Minister des Auswärtigen, der Französisch sprach, wurden meine Beziehungen mit jeder Unterredung vertraulicher und herzlicher. Die anderen Minister haben mir keinen deutlichen Eindruck hinterlassen, außer O’Donnell, dem Premierminister, einem Militär von kaltem und verschlossenem Wesen. Rivero, ein Führer der Demokraten, der mich besuchte, hatte in seinem Aussehen und Benehmen, sowie ein seiner Sprache viel vom gebildeten, doch formlosen Mann aus dem Volke. Ich lernte Olozaga, den Führer der gemäßigten Liberalen, kennen, dessen gedankenreiche, ruhige, gesetzte Redeweise mir wie die eines wahren Staatsmannes erschien. Auch Emilio Castelar, der um diese Zeit noch ein bescheidener junger Professor war, besuchte mich. Er hatte allerdings schon große Aufmerksamkeit durch den eigenen Reiz seiner Beredsamkeit erregt. Da er nur mühsam Französisch sprach, manchmal lange und mit zweifelhaftem Erfolg nach dem rechten Ausdruck für seine Gedanken suchte, war seine Unterhaltung in dieser Sprache nicht sehr lebhaft. Er gab mir aber seine poetische Begeisterung für die große amerikanische Republik und seinen glühenden Wunsch zu verstehen, daß die Kämpfer für die menschliche Freiheit über die aufrührerischen Sklavenhalter siegen möchten. In seinem Wesen lag etwas, das unwillkürlich Sympathie erweckte. Die Klangfarbe seiner Stimme hatte eine einschmeichelnde Wirkung, und ich kann mir wohl vorstellen, wie der poetische Schwung seiner Beredsamkeit mit dieser Stimme und in der melodischsten aller Sprachen bei seinen Zuhörern einen Gefühlsrausch hervorzaubern mußte, der alle Meinungsverschiedenheiten zum Schweigen brachte, so lange die Macht dieses Zaubers währte. Die lebhafte Erinnerung dieser Eindrücke machte mir später die Aufregung sehr verständlich, die seine Beredsamkeit in den Cortes hervorrief, wie sogar seine Gegner unter den Deputierten am Schlusse seiner Rede von ihren Sitzen aufsprangen, auf ihn zustürzten, ihn umarmten und küßten und in ein donnerndes Hoch auf den »hijo de España« den Sohn Spaniens, ausbrachen, dann aber, einige Stunden später, wenn es zur Entscheidung kam, gegen ihn stimmten. Damals, als ich ihn kennen lernte, war ein kleiner Band seiner Reden im Druck erschienen, den er mir mit einer eigenhändigen Widmung zur Erinnerung schenkte.

Nach hergebrachtem Brauch folgte das diplomatische Korps dem Hof nach der Sommerresidenz der Königin, »La Granja« in San Ildefonso und von da nach dem Eskurial, wo die Königin sich einige Tage aufhalten wollte, um die Gräber ihrer Vorfahren zu besuchen und um Buße zu tun. Diese Tage bildeten den Höhepunkt der »Opera bouffe«-artigen Erlebnisse meines diplomatischens Lebens in Spanien. Der Eskurial sah aus wie eine riesige Strafanstalt aus düsterem, grauem Gestein, gekrönt von der majestätischen Kirchenkuppel. Dem ganzen Bau entströmte die Atmosphäre des finsteren, schrecklichen Philipp II., des frommen und blutigen Henkers der Inquisition. Es wurde uns ein kleiner Balkon, einer Gefängniszelle ähnlich, gezeigt, der das Innere der Kirche überblickte, von hier aus hörte Philipp die Messe. Tief unten, von hohen, dunklen Steinmauern umgeben, lag ein kleiner Hofraum, feucht und schaurig, niemals konnte ein Sonnenstrahl dahin dringen; es war der Lieblingsplatz Philipps für seinen Spaziergang, den er dort wie ein Bär oder ein Tiger im Zwinger abschritt. Daneben die Gruft mit den Gräbern Philipps und der anderen Könige. Und hier, in dieser Umgebung, verrichtete nun die lebenslustige Isabella ihre Buße, sie, deren ausschweifendes Leben so allgemein bekannt war, daß es als geschichtliche Tatsache angenommen werden kann. Die Umstände, unter welchen die flotte Isabella diesmal Buße tat, waren besonders eigentümlich. Es ging hierüber eine Geschichte von Mund zu Mund, der von niemandem widersprochen wurde und der »jedermann«, soviel ich beurteilen konnte Glauben schenkte. Man erzählte sich, daß die Königin während ihrer Buße einen Sinneswandel durchgemacht habe, das heißt nicht etwa, daß sie sich Asche aufs Haupt gestreut habe zur Sühne ihrer Sünden, sondern daß sie ihr Herz von einem alten Liebhaber ab- und einem neuen zugewandt habe. Der anerkannte Liebling war seit einiger Zeit ihr Privatsekretär Don Juan Tenorio gewesen. Um den unbequemen Don Juan loszuwerden, hatte die Königin ihm den Gesandtschaftsposten am päpstlichen Hofe angeboten. Doch Don Juan, von dem man sagte, daß er wirklich eine zärtliche Zuneigung zur Königin hege und jetzt von Eifersucht verzehrt werde, lehnte dieses Anerbieten ab und zog sich in die Einsamkeit zurück, um sich dort den Qualen verschmähter Liebe hinzugeben.

Die Art und Weise, wie diese Geschichte von Mund zu Mund ging, war äußerst charakteristisch. Die Diplomaten hörten sie mit dem ironischen Lächeln, das sie immer für die Schwächen des Landes, dem sie akkreditiert sind, bereit haben und betrachteten sie als einen Leckerbissen, an dem sie unter sich ihren Witz üben konnten. Die mehr oder weniger getreuen Untertanen, soweit wir sie beobachten konnten, schienen höchlichst über den Humor der Situation belustigt zu sein. Sie besprachen die Sache in den Cafés und auf der Promenade mit einem gewissen zynischen Grinsen, wenn auch nicht mit offenem Gelächter. Sogar der vorsichtige Höfling konnte nicht ganz der lustigen Wirkung solcher Zusammenstellung widerstehen, wie sie der düstere, feierliche Eskurial die leichtlebige Königin an den Gräbern ihrer Vorfahren Buße tuend, und die Entlassung des sentimentalen Lieblings zugunsten eines anderen schönen Liebhabers bot. Für viele war die Figur des verschmähten Günstlings, der die Sache so tragisch nahm, noch das Komischste an der ganzen Situation. Nirgends jedoch hörte man ein Wort des gerechten Zornes über diesen Skandal, der den spanischen Thron und, wenn er ungesühnt blieb, auch die spanische Nation entehren mußte. Solches Gefühl existierte gewiß irgendwo in den Tiefen des Volksbewußtseins aber, soviel wir sehen konnten, zeigte es sich nicht an der Oberfläche. Der arme König wurde bei dieser Sache überhaupt nicht berücksichtigt, obgleich man annehmen konnte, daß er in gewissem Sinne ein Interesse daran haben mußte.

Der bedauernswerte Don Francisco mit der Hühnerstimme! Ich sah ihn etwas später bei Gelegenheit des großen Hoffestes der »besa manos« im königlichen Schlosse von Madrid wieder, wo die spanischen Granden die unschöne Hand der Königin küßten. Sie ging dann die Reihe der Diplon1aten entlang und sagte jedem einige freundliche Worte. Seine elende Majestät der König folgte mit den königlichen Kindern und zeigte den Vertretern fremder Mächte die kleinen »Infantes« und »Infantas«, als wenn die Verhältnisse in der königlichen Familie in schönster Ordnung wären. Während diese groteske Vorstellung sich abspielte, tauschten die Diplomaten unter sich Blicke aus, welche, wenn sie in Worte übersetzt worden wären, viel Mitleid, mit einem Beigeschmack von Verachtung, für den armen jämmerlichen König ausgedrückt hätten.

Es ist unmöglich zu beschreiben, in welch düstere Stimmung die Nachricht von der unheilvollen Schlacht von Bull Run unsere Gesandtschaft versetzte. Ich erinnere mich sehr wohl des Tages, als sie uns in Madrid wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf. Ich hatte allerdings keine leichte und schnelle Unterdrückung der aufständischen Bewegung vorausgesehen, dieses Unglück von Bull Run, jedoch, wie es meine Depeschen andeuteten und die Zeitungen ausführlich beschrieben, übertraf bei weitem alles, was ich für möglich gehalten hatte. Es war nicht nur ein Unglück, es schien fast eine Schmach. Es stellte die Fähigkeit der Soldaten der Nordstaaten in Zweifel. Unsere Verleumder in Europa, die immer prophezeit hatten, daß die Nordländer, nachdem sie den Prahlhans gespielt hatten, sich im wirklichen Kampfe als Feiglinge zeigen würden, schrien jetzt mit lauter Stimme: »Seht Ihr, was haben wir gesagt?« Nicht wenige von unseren Freunden fragten sich mit Besorgnis: »Kann es denn wahr sein, was man von den Yankees erzählt?« Einige der spanischen Zeitungen, die uns bis dahin respektvoll behandelt hatten, fingen an, Witze über uns zu machen. Einer der beliebtesten Scherze, der in den Kaffeehäusern die Runde machte, war, daß die Schlacht eigentlich die Schlacht von »Patassas« (der Füße), anstatt der Schlacht von Manassas (der Hände) heißen sollte. Das spanische Militär, Offiziere und Gemeine, schienen sich besonders über die Schnelligkeit zu belustigen, womit die Yankees laufen könnten. Es lag die Gefahr nahe, daß wir uns lächerlich machen würden. Ich konnte keinen Spanier lächeln sehen, ohne den Verdacht, daß es unserer Flucht bei Bull Run gelte. Ich bemerkte, daß meine Kollegen, die sonst ganz offen und teilnehmend ein Mißgeschick meiner Nation mit mir besprochen hätten, sich enthielten, die Schlacht von Bull Run in meiner Gegenwart zu erwähnen, wie man im Beisein eines Gatten oder Vaters vermeidet, eine Schande in seiner Familie zu berühren. Der einzige, der mich besuchte und sich im Tone eines aufrichtigen und teilnehmenden Freundes nach den Ereignissen erkundigte, war Graf Galen. Ich konnte ihm nicht mehr sagen, als er schon durch die öffentlichen Blätter erfahren hatte, nur, daß ich überzeugt sei, die amerikanische Regierung und das amerikanische Volk würden sich mit unerschütterlicher Entschlossenheit und Zuversicht der Stunde gewachsen zeigen und das Unheil wieder gutmachen.

Ich kann die Seelenqualen nicht schildern, die ich in jenen Tagen erduldet habe. Da ich noch nicht wußte, daß auch die südliche Armee sich nach der Schlacht in einem Zustand der Verwirrung befunden hatte, der ihr eine Verfolgung unmöglich machte, quälte ich mich mit Vorstellungen, wie sich die Sieger auf den Fersen unserer flüchtenden Truppen auf Washington werfen würden, wo sich ihnen kein wirksamer Widerstand entgegenstellen könnte! Ich wußte, daß unsere Feinde in Europa sich im Vorgefühl auf dieses Schauspiel freuten. Ich verwünschte die Stunde, in der ich die Ehren eines diplomatischen Postens angenommen hatte, und beneidete die Männer zu Hause, die allerdings von diesem Schlage niedergebeugt waren, doch wenigstens die Gelegenheit hatten, an Ort und Stelle alle Energie anzuspannen, um ihrem Lande wirksame Hilfe zu leisten. Ich hätte ihnen vielleicht zu helfen vermocht, das Volk aus seiner Niedergeschlagenheit aufzurütteln, und dann das Schicksal derer teilen können, die im Felde der Hitze des Kampfes standhielten. Hier aber konnte ich nichts tun als dem Minister des Auswärtigen sagen, daß dieser Unfall, wenn er auch zeitweilig mißlich sei, doch nur zur Folge haben würde, die Regierung und das getreue Volk der Union zu neuer Kraft anzuspornen; das mochte der Minister nun glauben oder nicht. Ich bewog auch einige freundlich gesinnte Journalisten dazu, Zeitungsartikel ähnlichen Inhalts an ein wenig teilnehmendes Publikum zu richten, aber nachdem ich das getan hatte, blieb mir nichts übrig, als in meinem Zimmer auf und ab zu gehen, wie ein wildes Tier in seinem Käfig.

Eines Nachmittags, bald nach der Ankunft der Schreckensnachricht von Bull Run, ging ich außerhalb des »Quinta«-Gebietes planlos spazieren und kam an einem Zirkuszelt vorbei, wo soeben eine Vorstellung im Gange war. Plötzlich hörte ich, wie das Orchester die Melodie von Yankee-Doodle anstimmte. Ich stürzte hinein und sah, wie einer der Künstler, auf einem Pferde wild im Kreise herumreitend, die amerikanische Fahne in der Luft schwenkte. Ich applaudierte mit solch leidenschaftlicher Heftigkeit, daß ich gewiß das Publikum in Erstaunen setzte. Laut rief ich da capo und so viele stimmten in meinen Ruf ein, daß das Kunststück wiederholt werden mußte. Ich hätte den Künstler umarmen und seine geschminkte Wange küssen mögen. Ob das Lied und die Fahne für das Publikum eine Bedeutung hatten, weiß ich nicht, mir aber war es wie eine Neubelebung des Muts und der Hoffnung. Ich habe wohl nie das Sternenbanner mit größerer Begeisterung begrüßt.

Meine Sehnsucht, nach den Vereinigten Staaten zurückzukehren, wuchs mit jedem Tage. Die behagliche Ruhe meines Lebens in Spanien drückte mich wie ein Vorwurf. Der Gedanke, auf diesem Posten mit einer Tätigkeit, die viel wichtiger schien, als sie wirklich war, ein bequemes Dasein zu führen, während viele von meinen Gesinnungsgenossen fast stündlich im Kampfe gegen ein feindliches Geschick ihr Leben aufs Spiel setzten wurde mir immer unerträglicher. Ich widmete alle Zeit, die nicht von meinen Berufspflichten in Anspruch genommen wurde, dem Studium militärischer Werke. Schon früher hatte ich die Feldzüge Friedrichs des Großen, des Erzherzogs Karl und Napoleons und die Werke von Jomini und Clausewitz, sowie andere Bücher über Taktik studiert. Ich nahm jetzt den letzten französischen Feldzug in Italien, der mit der Schlacht von Solferino endete, und einige Schriften des Marschalls Bugeaud vor und übersetzte sogar ein neues Werk über Taktik aus dem Französischen ins Englische, mit der Absicht, es drucken zu lassen, was jedoch niemals geschehen ist. Gleichzeitig gab ich mir alle Mühe, mich über den Einfluß zu unterrichten, welchen die Niederlage von Bull Run auf die öffentliche Meinung in Europa und besonders in jenen Staaten gehabt hatte, von welchen wir eine Einmischung in unseren Kampf und die Anerkennung der Selbständigkeit der südlichen Bundesstaaten befürchten konnten. Die Anhänger einer solchen Politik waren freilich enttäuscht über die Nachrichten aus den Vereinigten Staaten, welche der Kunde von Bull Run folgten. Die siegreiche Rebellenarmee hatte Washington nicht eingenommen, die Bundesregierung sich nicht aufgelöst, der Norden nicht in Verzweiflung seine Sache aufgegeben. Die Regierung hatte einfach die Tatsache erkannt, daß es ein langer und schwieriger Krieg werden würde, und ging jetzt mit hartnäckiger Entschlossenheit an die Aufgabe, sich für solchen Kampf vorzubereiten. Während unsere Freunde in der ganzen Welt aus diesen Dingen Ermutigung schöpften, trösteten sich unsere Feinde mit dem Glauben, daß auch die Konföderierten ihrerseits alle Hilfsquellen zu Rate ziehen und daß ihre Überlegenheit in der militärischen Führung, wie sie sich bei Bull Run gezeigt hatte, ihren Mangel an Truppen und Mitteln aufwiegen würde. Die Agitation für die Anerkennung der Konföderation ging daher noch rüstiger vor sich als früher, und es schien nicht unwahrscheinlich, daß solcher Anerkennung bald ein gemeinsames Vorgehen der auswärtigen Mächte folgen würde, unsere Blockade der südlichen Häfen aufzuheben und durch sonstige Eingriffe der Union gefährlich zu werden.

Es lag allerdings kein Grund vor, zu befürchten, daß Spanien aus eigener Initiative solche Politik ergreifen würde. Spanien. wurde gewiß weniger durch eine Vorliebe für die Vereinigten Staaten, als durch mangelhafte militärische Ausrüstung sowie durch Rücksicht auf die exponierte Lage seiner westindischen Kolonien im Zaum gehalten. Wäre doch Spanien damals die Streitlust und Landgier eines selbständigen Bundes der sklavenhaltenden Staaten gefährlicher gewesen als eine Union, in welcher das sklavenhaltende Element von anderen mächtigeren Einflüssen zurückgehalten wurde. Es war daher das augenscheinliche Interesse Spaniens, mit der Union auf gutem Fuße zu bleiben, und als mich der Minister des Auswärtigen der freundschaftlichen Gefühle seiner Regierung versicherte, war er unzweifelhaft ganz aufrichtig. Es hätte eines sehr starken Druckes vonseiten Frankreichs und Englands bedurft, um Spanien zu einer anderen Stellungnahme zu bewegen. Die wichtige Frage für uns war daher, wie Frankreich und England sich verhalten würden.

Wie ich aus den Zeitungen, sowie aus meiner Korrespondenz ersah, waren in Frankreich und England verschiedene, unserer Sache feindliche, Einflüsse tätig und drängten dazu, gegen uns aufzutreten. Zunächst die Elemente, welche naturgemäß mit allem sympathisierten, von dem man sich versprach, daß es das Mißlingen des großen demokratischen Experiments in der neuen Welt herbeiführen werde; sodann die industriellen Interessen in Frankreich und England, welche durch unsere Blockade der südlichen Häfen in dem regelmäßigen Bezug der Rohbaumwolle geschädigt waren; auch hatte unser neuer Zolltarif auf Einfuhrwaren – der sogenannte Morill-Tarif – großes Mißfallen erregt und den Handel zwischen Europa und den Vereinigten Staaten gestört, während die konföderierte Regierung laut ihre Freihandelsprinzipien proklamierte. Schließlich war auch der Glaube weit verbreitet, daß die Auflösung der Union schon jetzt eine feste und unumstößliche Tatsache sei. Man meinte, daß die Aufgabe, welche die Regierung der Vereinigten Staaten sich gestellt hatte, nämlich ein so ausgedehntes, von einer einigen und kriegerischen Bevölkerung verteidigtes Gebiet zu unterwerfen, ein hoffnungsloses Unternehmen sei, das viel unnützes Blutvergießen und die Zerstörung vielen Eigentums zur Folge haben würde. Woraus man schloß, daß der Menschheit ein Dienst erwiesen würde, wenn solchem, in seiner Zwecklosigkeit verbrecherischen Kriege, Einhalt getan würde. Derartige Ansichten wurden sogar von einem Liberalen wie Gladstone geteilt und ausgesprochen.

Das gefährliche Zusammenwirken all dieser verschieden gearteten Einflüsse fand in der Presse mächtige und beredte Unterstützung. Die London Times predigte Tag für Tag in ihrem schulmeisterlichen Stil die Sache der südlichen Konföderation, und ein Heer kleinerer Zeitungen in England und Frankreich folgte in ihren Fußstapfen. Allmählich nahm auch das Tagesgespräch in Klubs und Cafés denselben Ton an. Die Abgesandten der südlichen Konföderation in London und Paris scheuten keine Mühe, das Feuer zu schüren. Die Glaubwürdigkeit ihrer Argumente wurde in hohem Maße durch den falschen Schein unserer militärischen Schwäche gestärkt. So wurde also nicht nur die politische Eifersucht und das Handelsinteresse, sondern auch das Humanitäts-Gefühl angerufen. Es schien mir nur eine Frage der Zeit zu sein, daß ein solcher, mit Nachdruck an die Regierungen von Frankreich und England gerichteter Appell seine Wirkung haben müßte. In Frankreich hing die Stellungnahme der Regierung in großem Maße davon ab, worin der Kaiser Louis Napoleon seine persönlichen oder dynastischen Vorteile erblicken würde. Seine Sympathien neigten instinktiv der südlichen Konföderation zu. Er nährte in seinem Geiste unbestimmte Entwürfe für die Erhöhung und Ausdehnung seiner Macht, deren Ausführung wesentlich durch die Teilung der Vereinigten Staaten gefördert worden wäre. Er wäre daher geneigt gewesen, unsere Blockade der südlichen Häfen zu durchbrechen und sogar zugunsten der südlichen Staaten direkt in den Kampf einzugreifen. Das konnte er jedoch nicht tun, ohne mit der ausgesprochenen öffentlichen Meinung seines eigenen Volkes in Konflikt zu geraten und ohne Gefahr zu laufen, sich allein in einen Streit von solchem Umfang zu verwickeln, daß dadurch die Stellung Frankreichs unter den europäischen Mächten kompromittiert werden konnte. Aus diesem Grunde war er mit allen Kräften bestrebt, sich die Mitwirkung Großbritanniens bei dem Unternehmen zu sichern. Bei England lag also die Entscheidung.

In England hing aber die Regierung in noch höherem Maße von der öffentlichen Meinung ab als in Frankreich. Wenn die Volksstimme in England ausdrücklich die Anerkennung der südlichen Konföderation und die aktive Intervention zu ihren Gunsten forderte, dann mußten ganz bestimmt Schritte in dieser Richtung erfolgen; wenn die öffentliche Meinung sie mit Bestimmtheit ablehnte, dann mußten sie unterbleiben.

Es kam deshalb alles darauf an, Europa den unerschütterlichen Glauben beizubringen, daß Lincolns Wahl zum Präsidenten sich um die Frage der Sklaverei gedreht hatte; daß die südlichen Staaten der Union abtrünnig geworden waren nicht wegen eines theoretischen, die Rechte der Einzelstaaten betreffenden Streites, sondern, wie die Wahl deutlich gezeigt hatte, weil die Interessen der Sklavenhalter nicht länger in der Union herrschen durften; daß die Sezessionisten einen selbständigen Bund gegründet hatten, nicht um die verfassungsmäßige Freiheit des Bürgers und sein Recht auf Selbstregierung zu behaupten, sondern um das Recht zu verteidigen, seinen Mitmenschen zum Sklaven unterjochen zu dürfen, und um ein neues Reich, wie sie prahlerisch selbst verkündeten, auf dem »Grundstein der Sklaverei« aufzubauen. Sollte unser Bürgerkrieg, den wir zur Erhaltung und Wiederherstellung der Union führten, zugunsten der Sezessionisten ausfallen, so müsse die Gründung jenes Reiches aufgebaut auf dem Grundstein der Sklaverei die Folge sein; sollte die Union siegen, so werde die menschliche Sklaverei unwiederbringlich. aufhören. Wenn nach solch eindringlicher Klarlegung eine europäische Macht die südliche Konföderation begünstigen wolle, so könnte das nur mit der deutlichen Absicht geschehen, in dem Kampf um die Sklaverei für ihre weitere Existenz und Herrschaft Partei zu ergreifen. Welche europäische Regierung, die von der öffentlichen Meinung nicht ganz unabhängig war, würde es wagen, sich auf die Seite der Sklaverei zu stellen und dem moralischen Gefühl der zivilisierten Menschheit zu trotzen?

In dieser Hinsicht war die Haltung unserer Regierung leider zweideutig. Es fehlte nicht an Verwicklungen und Verlegenheiten. Während nämlich jeder verständige Mensch einsah, daß der Krieg nur mit der gänzlichen Ausrottung der Sklaverei enden durfte, machte sich doch in der Regierung ein vorsichtig berechnender Geist geltend; man war darauf bedacht, die Rolle, welche die Sklaverei in dem Kampf spielte, im Hintergrund zu halten, um die Empfindlichkeit der schwankenden sogenannten Grenzstaaten und der Kriegsdemokraten zu schonen, die gewiß dagegen protestieren würden, einen »Krieg für die Union« in einen »Abolitionskrieg« verwandelt zu sehen. Ob nun solche Vorsicht durch die Situation daheim gefordert oder gar geboten war oder nicht, so viel ist gewiß, daß sie die moralische Kraft unserer Sache im Ausland empfindlich beeinträchtigte. Nichts wäre in dieser Hinsicht wichtiger gewesen als eine amtliche Darlegung unserer Ziele durch unseren Minister des Auswärtigen, der mit der Pflicht betraut war, für uns zum Auslande zu sprechen. Was um diese Zeit in Sewards Geist vorging, gehört zu den merkwürdigsten Rätseln der Geschichte. Nachdem er vor Lincolns Wahl als einer der radikalsten Gegner der Sklaverei aufgetreten war, wurde er nach diesem Ereignis einer der zaghaftesten. Aus seiner seitdem veröffentlichten Privatkorrespondenz geht hervor, daß er sich von der Vorsehung, sowie von beiden politischen Parteien dazu ausersehen betrachtete, die von der Sezessions-Bewegung heraufbeschworenen Schwierigkeiten zu schlichten. Er schien zu glauben, daß diese Versöhnung durch beiderseitige Zugeständnisse, durch einen Vergleich über die Sklaverei zu erreichen sei. Als jedoch die Frage aufgeworfen wurde, welche Zugeständnisse er denn zu bieten habe, stellte sich heraus, daß er nur vorschlagen konnte, man solle sich überhaupt nicht mehr mit der Sklavereifrage abgeben, sondern lieber von etwas anderem sprechen. Er zog sich folglich den Unwillen der Sklavereigegner dadurch zu, daß er die Haltung eines Vermittlers annahm, und den Unwillen der eigentlichen Vermittler dadurch, daß er keinen wirklichen Kompromiß vorzuschlagen hatte. Er wollte, wie später die Darlegungen von Nicolay und Hat über die Denkschrift vom 1. April zeigten, die Abtrünnigen in die Union zurückbringen und hatte zu diesem Zweck einen Plan erdacht, so erstaunlich in seiner Abgeschmacktheit, daß niemand es für möglich halten würde, er habe ihn ersonnen, wenn es nicht geschichtlich beglaubigt wäre. In dieser bereits von mir erwähnten Denkschrift schlug Seward dem Präsidenten Lincoln vor, die Sklavereifrage beiseite zu lassen und an Frankreich, Großbritannien, Rußland und Spanien Anfragen zu richten, die so kategorisch waren, daß sie fast unvermeidlich zu einer Kriegserklärung führen mußten. Er bildete sich ein, daß Kämpfe mit auswärtigen Mächten eine allgemeine nationale Begeisterung entfachen würden, ein Gefühl von ,»ganz Amerika gegen die Welt«, gewaltig genug, um bei den Südländern ihren Streit mit dem Norden in Vergessenheit zu bringen und sie ihren nördlichen Brüdern im gemeinsamen Kampf gegen die Ausländer an die Seite zu stellen. Und an diese Möglichkeit glaubte er zu einer Zeit, als nichts die südlichen Abtrünnigen mehr erfreut haben könnte, als ein Kampf des Nordens mit einer starken europäischen Macht, welche dann die natürliche Verbündete der Konföderation geworden wäre. Es ist unbegreiflich wie Jemand hoffen konnte, unter diesen Umständen werde ein Kampf zwischen europäischen Mächten und den Vereinigten Staaten, wie ihn die Sezessionisten sich im Interesse der südlichen Unabhängigkeit brennend wünschten, den Norden und Süden in einer gemeinsamen nationalen Begeisterung vereinigen.

Nachdem Lincoln Sewards Politik eines Krieges gegen die Welt in Diskretion und großmütigem Schweigen begraben hatte, begnügte sich Seward damit, die fremden Regierungen verstehen zu lassen, daß sie die südliche Konföderation nicht als unabhängigen Staat anerkennen könnten, ohne sich dadurch den aktiven Unwillen der Vereinigten Staaten zuzuziehen Er tat dies in einer Sprache, die immer ernst und beredt war und sich manchmal zu einem oratorischen Flug aufschwang.

Seward mag recht gehabt haben, wenn er sagte, daß der Norden doch nicht seine Sache aufgegeben hätte, wenn auch fremde Mächte zugunsten der südlichen Konföderation eingetreten wären; jeder vernünftige Mensch mußte jedoch einsehen, daß in einem Kampf gegen ein Zusammenwirken europäischer Mächte mit der südlichen Konföderation die Lage der Union verzweifelt, wenn nicht hoffnungslos gewesen wäre.

Um so wünschenswerter schien es, daß die moralische Seite der Unionssache in den Vordergrund geschoben würde. Aber in dieser Hinsicht hatte Seward keinen Erfolg. Nicht nur mißlang es ihm, das zu tun, was unsere Lage nach auswärts gestärkt hätte, sondern er tat manches, das uns tatsächlich schwächte. Er konnte in seinen Verhandlungen mit fremden Mächten unseren Krieg für die Erhaltung der Union allerdings nicht ausdrücklich als einen Krieg für die Abschaffung der Sklaverei erklären, denn unsere Regierung nahm diesen Standpunkt nicht ein. Aber in den Instruktionen, die er unseren Gesandten gab, besonders denen, welche die Vereinigten Staaten in England und Frankreich vertraten, verbot er ihnen, nicht nur »irgendwelche widerstreitenden moralischen Grundsätze, die dem Kampfe zwischen den abtrünnigen Staaten und der Union zugrunde liegen möchten, in die Diskussion zu ziehen« – d. h. niemals die Frage der Sklaverei zu erwähnen –, sondern er behauptete sogar tatsächlich: »der Zustand der Sklaverei wird in den verschiedenen Staaten genau derselbe bleiben, ob die Revolution gelingen oder mißlingen wird.« Er beraubte dadurch unsere Sache ihrer besonderen moralischen Kraft, und sagte dabei Dinge, die ein vorsichtiger Politiker überhaupt niemals ausgesprochen hätte und die er mit seiner eigenen philosophischen Einsicht als unwahr erkannt haben mußte.

Sewards Geist war in der Tat in einem merkwürdigen Wahn befangen. Er meinte, daß die Baumwolle die Welt regiere, ohne Rücksicht auf moralische und humanitäre Grundsätze. Er glaubte tatsächlich, daß für England und Frankreich die Abhängigkeit ihrer Baumwollindustrie von dem Rohmaterial, das ihnen die südlichen Staaten lieferten, ein entscheidendes Element in der Bestimmung ihrer Politik bilden würde. So unglaublich es uns heute, rückblickend, erscheinen würde, wenn es nicht dokumentarisch erwiesen wäre, so fürchtete Seward noch im Juli 1862, als Lincoln zuerst dem Kabinett seine Absicht verriet, eine Emanzipationsproklamation zu erlassen, daß Europa einschreiten würde, um die Sklaven in ihrer Knechtschaft zu erhalten, wenn wir den Versuch machen sollten, sie zu befreien.

Unter den obwaltenden Umständen schien es mir Pflicht zu sein, meiner Regierung die Ermittlungen, die ich angestellt hatte und meine Betrachtungen darüber mitzuteilen. Diese Depesche ist in Geschichtswerken als »die erste eindrucksvolle Warnung vor dieser Gefahr« bezeichnet worden.

Der Grundgedanke der Depesche war, daß eine ausgesprochene Antisklavereidemonstration unserer Regierung vielleicht nicht unsere Feinde in Europa bekehren würde, daß sie aber die Strömung der öffentlichen Meinung stark genug zu unseren Gunsten beeinflussen könnte, um die Intrigen gegen uns, hauptsächlich von seiten Englands, zu vereiteln. Wenn das in England gelang, war die Sache entschieden, denn der französische Kaiser würde es nicht wagen, sich tätig in unsere Angelegenheit einzumischen, ohne der Zustimmung und Unterstützung Großbritanniens sicher zu sein. Spätere Ereignisse bewiesen, daß diese Annahme begründet war.

Mit größter Unruhe erwartete ich Sewards Antwort auf meine Depesche. Mittlerweile gab es noch viele andere Dinge, die mich beschäftigten. Ein großer Teil der Korrespondenz mit meiner· Regierung sowie mit dem spanischen Minister des Auswärtigen, befaßte sich mit der Behandlung der Schiffe in kubanischen Häfen, welche in der neuen Situation, die unser Bürgerkrieg hervorgebracht hatte, etwas in Verwirrung geraten war. Die daraus erwachsenden Störungen wurden aber leicht beigelegt.

Die wirklich wichtige Angelegenheit, welche um diese Zeit unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, war die gemeinsame Expedition von Spanien England und Frankreich gegen die Republik Mexiko. Seit vielen Jahren war diese Republik von revolutionären Unruhen zerrissen worden; an ihrer Spitze standen abwechselnd die Anführer der liberalen oder der klerikalen Partei. Handel und Industrie lagen darnieder, da man innerhalb der mexikanischen Grenzen seines Lebens und seines Eigentums nicht sicher sein konnte. Guerillabanden durchstreiften das Land. Mord und Raub waren tägliche Vorkommnisse, da es keine kräftige Autorität gab, die Gerechtigkeit und Ordnung erzwungen hätte. Die öffentlichen Finanzen waren in einem Zustand gänzlicher Zerrüttung. Die Regierung hatte alle Zahlungen der Staatsschuld auf zwei Jahre suspendiert, und die Anleihen waren größtenteils im Ausland untergebracht worden. Fremde welche ihre Geschäfte in Mexiko betrieben, waren der schamlosesten Erpressung und Ausplünderung ausgesetzt. Die offiziellen Vertreter auswärtiger Mächte mußten beleidigende Demonstrationen erdulden. Die ausländischen Forderungen hatten sich zu enormer Höhe angehäuft. Diejenigen von Spanien, England und den Vereinigten Staaten beliefen sich auf mehr als 80 Millionen Dollars. Präsident Buchanan hatte beabsichtigt, zu drastischen Mitteln zu greifen, um sich Befriedigung zu verschaffen, als der Bürgerkrieg dazwischen kam. Die anderen beeinträchtigten Mächte glaubten jetzt die Zeit gekommen, um tätig einzugreifen.

Während der spanische Hof und das diplomatische Korps sich im September 1861 in San Ildefonso aufhielten, benachrichtigten die Zeitungen in Madrid plötzlich das Publikum, daß Frankreich und England sehr bald eine Flottenexpedition nach Mexiko schicken würden, und deuteten an, daß zwischen den beiden Regierungen und Spanien ein Einverständnis erreicht worden wäre. Ich ging unverzüglich zu Calderon Collantes um ihm zu sagen, daß die Vereinigten Staaten, als unmittelbare Nachbarn der Republik Mexiko, sehr an ihrem Wohlergehen interessiert seien, und daß ich nicht bezweifelte, Ihrer Majestät Regierung würde mit ihrer gewohnten Offenheit ihre Absichten einer so freundlich gesinnten und in erster Reihe beteiligten Macht, wie die Vereinigten Staaten es seien, offenbaren. Der Minister Calderon gab vor, die Absichten von England und Frankreich nicht zu kennen. Das Verhalten von Mexiko sei jedoch schändlich gewesen und habe Ihrer katholischen Majestät Regierung viel Grund zu Klagen gegeben. Spanien sei daher völlig gerechtfertigt, wenn es zu kriegerischen Mitteln greife, um sich zu seinem Rechte zu verhelfen. Ich fragte, ob Spanien sich dabei in die inneren Angelegenheiten Mexikos einmischen würde. Mir wurde die Antwort zuteil, daß es immer einleitendes Prinzip Ihrer Majestät Regierung gewesen sei, sich niemals mit den inneren Angelegenheiten anderer Staaten oder Nationen zu befassen; es sei jedoch höchst wünschenswert, daß die Institutionen von Mexiko auf eine solide und permanente Basis gestellt würden und eine Regierung eingesetzt werde, welche ihre Vertragsverpflichtungen erfülle und gegen auswärtige Mächte Gerechtigkeit übe. Was Frankreich und England beträfe, so glaubte er wohl, daß sie schnell und nachdrucksvoll einschreiten würden, und in diesem Fall würde Spanien natürlich nicht müßig bleiben. Aus alledem schloß ich, daß zwischen Spanien, England und Frankreich schon Verhandlungen im Gange seien, um ein gemeinsames Handeln vorzubereiten. Spanien würde wahrscheinlich die Gelegenheit wahrnehmen und seine Macht dazu benutzen, womöglich in Mexiko eine Monarchie mit einem spanischen Prinzen auf dem Thron zu begründen oder wenigstens die klerikale Partei in den Sattel zu heben.

Diese Schlußfolgerung teilte ich natürlich Don Calderon nicht mit, sondern beschränkte mich auf die Andeutung, daß solche Unternehmungen, ohne ein Einverständnis zwischen allen beteiligten Parteien, sehr leicht zu ernsten Schwierigkeiten führen könnten. Er erwiderte darauf, daß, wenn die spanische Regierung in Verbindung mit Frankreich und England jemals beschließen sollte, sich mit den inneren Angelegenheiten und Regierungseinrichtungen der mexikanischen Republik zu befassen, sie sich bemühen würde, auch mit den Vereinigten Staaten ein Übereinkommen zu treffen, und wir uns auf ihre Offenheit und Loyalität verlassen könnten. Augenblicklich sei kein solcher Plan in Aussicht genommen.

Die Zeitungen der Hauptstadt waren voll begeisterten Lobes für dieses Unternehmen. Es war viel »Ruhm« dabei zu holen. Der Ton der offiziösen Presse ließ jedoch keinen Zweifel aufkommen, daß die spanische Regierung Absichten hegte, die weit über das bloße Eintreiben von Schulden und das Schlichten von Beschwerden hinausgingen, und als dann das Gerücht auftauchte, England bestehe fest darauf, den Zweck des gemeinsamen Vorgehens auf die einfache Erlangung von Entschädigung für erlittenen Schaden zu beschränken, fielen die spanischen Blätter wütend über das »perfide Albion« her.

Es schien einen Augenblick, als sollte die Allianz nicht zustande kommen. In diesem Falle wäre Spanien allein vorgegangen. England setzte es jedoch durch, in den Vertrag der drei Mächte eine Klausel einzufügen, in der es hieß: »Die vertragschließenden Parteien verpflichten sich, bei der Anwendung der in diesem Übereinkommen vorgesehenen Maßregeln keinen Landerwerb noch sonstige besondere Vorteile in ihrem eigenen Interesse zu suchen, noch auf die inneren Angelegenheiten Mexikos einen Einfluß auszuüben, der die Rechte des mexikanischen Volks bei der Wahl und Gründung einer neuen Regierung beeinträchtigen könnte.« Louis Napoleon und Ihre katholische Majestät unterschrieben diesen Satz aber unzweifelhaft mit einem heimlichen Vorbehalt von ziemlich ausgedehntem Umfang.

Die Stellungnahme der Regierung der Vereinigten Staaten war eine äußerst vorsichtige. Seward beauftragte mich, Calderon Collantes mitzuteilen, daß die Vereinigten Staaten, auf Grund ihrer Nachbarschaft von Mexiko und auf Grund der ähnlichen republikanischen Verfassung, es zu ihrer eigenen Sicherheit und Wohlfahrt wichtig erachteten, daß keine europäische oder andere fremde Macht das Land unterwerfe und dort ohne Zustimmung des Volkes als Eroberer eine Regierung gründe. Die Vereinigten Staaten stellten jedoch nicht in Abrede, daß Spanien, Frankreich und Großbritannien das Recht hätten, gegen Mexiko zur Abhilfe der ihnen zugefügten Schäden Krieg zu führen; über die Gerechtigkeit eines solchen Krieges müsse jeder Staat rechtmäßigerweise selbst entscheiden. Endlich bestritten die Vereinigten Staaten auch nicht das Recht dieser Nationen, sich als Bundesgenossen zu vereinigen. Ich war ferner beauftragt, zu sagen, wir hätten Grund anzunehmen, daß die Feindseligkeiten, welche Großbritannien und Frankreich gegen Mexiko vorbereiteten, den Zweck verfolgten, die Steuern des Landes, die für die Zinsen der von ihren Untertanen besessenen Anleihen verpfändet seien, in Zwangsverwaltung zu nehmen. Die Regierung der Vereinigten Staaten habe daher diesen beiden Mächten und Mexiko Vorstellungen gemacht, den Streit dadurch zu mildern, daß die Zinszahlung für mehrere Jahre sichergestellt werde; allerdings sei bisher noch keine Antwort auf diesen Vorschlag eingegangen. Was Spanien beträfe, so möge die Regierung versichert sein, daß wir den Wunsch hegten, im Einverständnis der beteiligten Parteien, unsere guten Dienste anzubieten, und bereit seien, einen gewissen Grad von Verantwortung zu übernehmen und Opfer zu bringen, um die Notwendigkeit eines Krieges zwischen zwei Nationen (Spanien und Mexiko) abzuwenden, die, wie wir hofften, ebenso wie die Vereinigten Staaten, in Frieden zu leben wünschten, wenn sich das mit ihren Auffassungen von Ehre und Gerechtigkeit vereinbaren ließe.

Don Calderon drückte sich sehr befriedigt über den freundschaftlichen Ton der Depesche aus. Da das Übereinkommen zwischen den drei Mächten jedoch mittlerweile unterzeichnet worden war, so stand es der spanischen Regierung nicht mehr frei, eine Vermittlung zwischen Spanien und Mexiko in Erwägung zu ziehen. Die zwischen Spanien und Mexiko schwebende Finanzfrage hätte in der Tat durch Vermittlung geordnet werden können, doch war das unmöglich, wenn es sich um die Ehre handelte, d. h. insbesondere um Garantien Mexikos für die Sicherheit und Rechte der auf seinem Boden wohnenden spanischen Untertanen. Es war jetzt die Pflicht Spaniens, Sorge zu tragen, daß in Mexiko Verhältnisse geschaffen würden, die den spanischen Untertanen Schutz und Sicherheit verliehen. Ich setzte ihm mit Fragen zu, wie dieses Resultat zu erlangen sei, aber alles, was ich ihm entlocken konnte war, daß die Mächte nicht beabsichtigten, in Mexiko eine verfassunggebende Volksvertretung einzuberufen, um die Regierungsform festzusetzen. Sie erwarteten, das Erscheinen der gemeinsamen Expedition in den mexikanischen Gewässern und die Einnahme von Vera Cruz und Tampico würden eine so starke moralische Wirkung hervorbringen, daß die Mexikaner sich dem Einfluß solcher Männern unterstellen würden, welche fähig wären, die Verfassung des Landes auf eine solide Basis zu stellen. Die konservative Partei in Mexiko würde sich wahrscheinlich genügend gestärkt fühlen, um eine feste Regierung zu gründen.

Um diese Zeit hielt sich General Miramar, der Anführer der klerikalen oder konservativen Partei in Mexiko, der aus seinem Lande verbannt war, in Madrid auf. Er hatte Unterredungen mit dem Premierminister General O’Donnell, mit Calderon Collantes, mit General Narvaez und anderen hervorragenden Staatsmännern und wurde mit großer Auszeichnung behandelt. Er drückte sich sehr offen über die Unmöglichkeit aus, eine Republik in Mexiko zu erhalten, und befürwortete die Einberufung einer Volksvertretung, um eine konstitutionelle Monarchie zu gründen und einen König zu wählen.

Inzwischen deklamierten die Zeitungen von Madrid mit großer Beredsamkeit über die »Mission von Spanien« in der neuen Welt und feuerten geschäftig die Volksphantasie mit glühenden Prophezeiungen von der Wiederkehr alter Herrlichkeit an. Der Mann, der das alles vollbringen sollte, hatte sich auch schon gefunden in der Person von General Don Juan Prim, Conde de Reus und Marquis de los Castillejos. Er war einer der malerischsten Figuren seiner Zeit. Bei Ausbruch des Karlistenkrieges im Jahre 1833 trat er in die Armee der Königin Christina ein und zeichnete sich in solchem Grade durch Gewandtheit und Tapferkeit aus, daß er in wenigen Jahren zum Range eines Generals avancierte. Im Jahre 1843 trug sein energisches Auftreten viel dazu bei, einen Ausstand in Catalonien zu unterdrücken, wofür er mit dem Titel eines Grafen von Reus belohnt wurde. Er war in der Politik ein Progressista gewesen, doch seine Feindschaft mit Espartero hatte ihn in die Reihen der Moderados geführt. Als diese Partei zur Macht gelangte und rachsüchtige Maßregeln gegen die Progressistas anwandte, trat er wieder zu den Progressistas über und wurde 1844 angeklagt, sich an einer Verschwörung beteiligt zu haben, welche die Ermordung der Generale Narvaez und Concha und anderer Spitzen der Moderadopartei zum Zwecke hatte. Infolgedessen wurde er zu sechs Jahren Gefängnis in einer Festung der Kolonien verurteilt, doch zu Anfang des Jahres 1845 hatte die Königin ihn wieder begnadigt und ihn zum Generalgouverneur von Porto Rico gemacht. Er kehrte 1849 nach Spanien zurück, da sich ihm aber keine Stellung in der Armee bot, erlangte er einen Sitz in den Cortes, wo er sich der Opposition gegen das Moderadoministerium anschloß. Seine Opposition wurde bald unbequem, und so schickte man ihn 1853 in einer diplomatischen Mission nach Paris. Das war jedoch nicht nach seinem Geschmack und er zog es vor, nach Konstantinopel zu gehen, wo er in dem Stabe von Omar Pascha an mehreren Gefechten mit den Russen teilnahm. Inzwischen hatte sich die politische Lage in Spanien geändert, und im Herbst 1854 wurde er zurückberufen, um ein Jahr später als Oberbefehlshaber von Granada angestellt zu werden. Doch auch hier wurde er wieder in politische Verschwörungen verwickelt und nochmals zu fünf Jahren Festungsstrafe verurteilt. Wieder begnadigte ihn die Königin und machte ihn zum Inspektor des Ingenieurkorps. Im Kriege gegen Marokko zeichnete er sich durch große Tapferkeit aus und wurde mit der Verleihung des Titels Marquis de los Castillejos und der Würde eines spanischen Granden belohnt.

Solche Laufbahn, mit ihren Heldentaten und politischen Verschwörungen, ihren Verdiensten und ihrer Widersetzlichkeit, ihren Ehren und ihrer Schande, ihrem plötzlichen Wechsel vom Palast zum Gefängnis, vom Gefängnis wieder zum Palast, wäre in keinem anderen europäischen Lande als Spanien denkbar gewesen. Nur hier war sie möglich, wo die Monarchie durch die aufeinander folgende Herrschaft zweier ausschweifender Frauen entwürdigt worden war; wo das Volk sich seit Ausbruch des Karlistenkrieges im Jahre 1833 in beständiger Gärung befand; wo die Befehlshaber der Armee mit jedem Wechsel der Machthabenden neu angestellt wurden und die Offiziere tätige Parteianhänger und in politischer Intrige geübt waren; wo die Revolution zur Gewohnheit des Volkes geworden und kaum ein Jahr ohne aufständische Bewegung verging.

Prim war jedoch keineswegs der einzige, dessen Lebenslauf so bunte Bilder aufzuweisen hatte. Viele seiner Zeitgenossen, die sich im Staate Auszeichnung errangen, Espartero, Narvaez, Serrano, Ros de Olano, O’Donnell, Manuel und Jose Concha, Olozoga und andere hatten ähnliche Wechselfälle des Lebens durchgemacht. Es war kaum ein Mann von Bedeutung im öffentlichen Leben, der nicht zu irgendeiner Zeit ein Verschwörer und Revolutionär gewesen war.

Als ich Prim kennen lernte, war er ungefähr 47 Jahre alt. Er hatte eine elegante, mittelgroße Figur, ein echtes Soldatengesicht, das schön genannt werden konnte, mit schwarzem Bart und blitzenden Augen; seine Bewegungen waren lebhaft und elastisch, sein Wesen und seine Manieren offen und jovial. Ich sah ihn bei einer militärischen Parade auf einem prächtigen andalusischen Schlachtroß an der Spitze seines Stabes, das Bild eines glänzenden Anführers, den die Menge bewundern und seine Leute vergöttern mußten. Die liberalen Ideen, zu denen er sich in der Politik bekannte, verbanden ihn mit der Partei der Progressisten und gaben ihm eine große Popularität beim Volke. Einige Leute nahmen an, daß ihm seine Erhebung zur Würde eines Granden von Spanien etwas zu Kopf gestiegen sei, aber das war nur eine Vermutung; jedenfalls hatte sie nicht seine Äußerungen über politische Fragen beeinflußt. Er lebte jedoch in fürstlichem Stile, sein Aufwand war verschwenderisch und die Verwaltung seiner privaten Angelegenheiten bis zum äußersten nachlässig. Er hatte eine sehr reiche mexikanische Erbin geheiratet, ihre verfügbaren Mittel in unglaublich kurzer Zeit durchgebracht und sich dann leichtsinnig in Schulden gestürzt. Es war bekannt, daß er von finanziellen Verbindlichkeiten bedrückt war und Schwierigkeit hatte, seine laufenden Bedürfnisse zu bestreiten. –

Als der Plan für die Expedition gegen Mexiko zuerst veröffentlicht wurde, hieß es, General Serrano, der damalige Oberbefehlshaber in Kuba werde ihr militärisches und politisches Oberhaupt werden. Die Nachricht von General Prims Ernennung für diesen wichtigen Posten erregte daher allgemeines Aufsehen. Man war sehr neugierig, was wohl der wahre Grund für diese Abänderung sein mochte. Ich suchte mir hierüber bei Olozaga Aufklärung. Er meinte, daß England wahrscheinlich Prims Anstellung verlangt habe, weil Prim vor zwei Jahren im spanischen Senat eine eindrucksvolle Rede gegen die Pläne und Handlungsweise der Klerikalen in Mexiko gehalten habe und jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach den Intrigen der Partei, welche er damals so emphatisch angeklagt hatte, entgegentreten würde. Diese Theorie wurde jedoch von Sir John Cramptom dem britischen Gesandten bestritten; er sagte mir, daß ihm ein solches Übereinkommen unbekannt sei, und Lord John Russell wisse seiner Ansicht nach sehr wenig von General Prim und seinen politischen Ansichten. Wenn fremder Einfluß überhaupt etwas mit der Ernennung zu tun hätte, dann wäre es wahrscheinlich der Einfluß von Louis Napoleon, dessen großer Liebling Prim immer gewesen sei, wie denn auch Prim immer mit dem französischen Botschafter in Madrid auf sehr vertrautem Fuße gestanden hätte.

Ich besprach sodann die Sache mit einem Führer der Moderadopartei, welcher mir eine für politische Zustände in Spanien höchst charakteristische Erklärung gab. Prim, sagte er mir, sei beständig in Geldverlegenheit und dadurch sehr beunruhigt; es müsse etwas für ihn getan werden, sonst möchte er versucht sein, etwas für sich selbst zu tun. Er könnte sich eines Tages an die Spitze der ihm ergebenen Regimenter stellen, eine Proklamation erlassen, worin er das Volk unter irgendeinem Vorwand zu den Waffen rief, das Ministerium und vielleicht sogar die Dynastie stürzen, um für sich selbst Raum zu schaffen. Prim sei fähig, ein solches Wagnis zu unternehmen, und bei seiner großen Beliebtheit bei der Armee und dem Volke könnte es sehr gefährlich werden. Es sei nicht unwahrscheinlich, daß die Regierung ihm den Oberbefehl dieser Expedition verliehen habe, um einen so unbequemen Mann loszuwerden. Man entfernte ihn auf diese Weise aus dem Lande und gab ihm gleichzeitig Gelegenheit, seine leeren Taschen zu füllen, und damit hörte er auf gefährlich zu sein.

Diese etwas zynische und unbarmherzige Erklärung mag allerdings durch Parteivorurteile beeinflußt worden sein, sie stimmte jedoch auffallend mit der Tatsache überein, welche Politiker aller Parteien offen zugaben. Es wurde nämlich gesagt, daß man den beim Volk beliebten Generälen, wenn sie unruhig wurden und nicht bei Kasse waren, in vielen Fällen Anstellungen in den Kolonien gab, damit sie dort Gelegenheit hätten reich zu werden, und sich alsdann ruhig verhielten. Dieses Verfahren wurde wie ein bekanntes politisches Mittel besprochen und viele der Mißbräuche der spanischen Kolonialverwaltung dadurch erklärt.

Endlich hatte ich eine Unterhaltung mit General Prim selbst. Er empfing mich mit der Herzlichkeit eines guten Kameraden und wollte mir augenscheinlich zu verstehen geben, daß der amerikanische Gesandte der Mann sei, dem er besonders gern sein Herz ausschütten möchte. Er versicherte mir mit Überschwänglichkeit, daß er seine Macht benutzen würde, dem mexikanischen Volke volle Freiheit bei der Regelung seiner Angelegenheiten zu sichern. Er fand es töricht, an die Gründung einer Monarchie in Mexiko zu denken; alle Traditionen des Volkes seien republikanisch. Er war überzeugt, daß nur wenige Mexikaner ernstlich daran dächten, monarchische Institutionen einzuführen. Er wußte sehr gut, daß das Unglück und die Demoralisation des mexikanischen Volkes größtenteils der Geistlichkeit zuzuschreiben sei, und er deutete an, daß diese Überzeugung nicht ohne Einfluß auf seine Handlungsweise sein würde. Er beabsichtigte, dem mexikanischen Volk eine gute Gelegenheit zu verschaffen, seine Wünsche an der Wahlurne auszudrücken, und wollte dann mit seiner ganzen Macht die eingesetzte Regierung unterstützen, einerlei welche Partei den Sieg davontrüge. Wenn er zwischen Miramar, dem Führer der Klerikalen, und Juarez, dem Präsidenten der Republik und Haupt der Liberalen, wählen müsse, so würde er sich für Juarez entscheiden, und, er bezweifelte nicht, daß bei einer ehrlichen Wahl Juarez eine Majorität des Volkes auf seiner Seite haben müsse.

Meine Bemerkung, daß nach Äußerungen Calderon Collantes’ die drei Mächte nicht für die Einberufung einer Volksvertretung und einer Volksabstimmung seien, belustigte ihn sehr. Er gab mir zu verstehen, daß es ziemlich gleichgültig sei, was seine Regierung darüber dächte, und daß er als politisches sowie militärisches Haupt der Expedition so handeln würde, wie es ihm am besten dünkte. Er sei sein ganzes Leben lang ein Liberaler gewesen und würde in Mexiko wie in Spanien seinen Gesinnungen treu bleiben. Er hätte den Oberbefehl der Expedition nicht übernommen wenn man ihm nicht die Freiheit gelassen, eine großmütige und unparteiische Rolle zu spielen. Ich sprach dem General von dem Anerbieten einer Vermittlung, welches die Vereinigten Staaten durch mich der spanischen Regierung gemacht hätten, wie große Schwierigkeiten und Verwicklungen dadurch erspart werden könnten, daß Calderon Collantes es jedoch nicht angenommen habe, weil Spanien schon durch einen Vertrag gebunden wäre. Prim griff diesen Gedanken mit überströmender Wärme auf. Nichts könnte ihn mehr erfreuen, als in gutem Einvernehmen mit den Vereinigten Staaten zu handeln. Die große amerikanische Republik hätte seine herzlichste Sympathie. Er liebte ihre Institutionen und ihr Volk, und wenn ihre Regierung irgend etwas tun könnte, um die mexikanischen Schwierigkeiten beizulegen, so würde er solchen Versuchen im gleichen Sinn entgegenkommen. Sein Zweck sei, das zu tun, was die Freiheit und Unabhängigkeit des mexikanischen Volks am besten fördern könnte, und er bäte mich, auch meiner Regierung seine Äußerungen zu übermitteln. Das tat ich mit den geeigneten Randbemerkungen und mit dem Vorschlag, daß die Regierung der Vereinigten Staaten ein Kriegsschiff nach den mexikanischen Gewässern entsenden möge, um dort amerikanische Interessen zu schützen. Ferner riet ich, einen diplomatischen Agenten mitzuschicken – eine Persönlichkeit von Fähigkeit, gesellschaftlichem Schliff und Unterhaltungsgabe, der spanischen oder französischen Sprache mächtig, die sich General Prim anschließen könnte, um vielleicht einen heilsamen Einfluß auf den Lauf der Ereignisse auszuüben. Ich hatte die Befriedigung, von Minister Seward zu hören, daß die Vorsicht und der Fleiß, welche ich ausgeübt hätte, um ihn in bezug auf die von Spanien gegen Mexiko befolgte Politik unterrichtet zu halten, hoch geschätzt würden. Meine Depesche über General Prim und die verschiedenen Pläne und Ambitionen des Hofs schienen Lincoln besonders gefallen zu haben, denn Seward schrieb mir: »Ich bin vom Präsidenten beauftragt worden, seine entschiedene Billigung dieses Berichtes auszudrücken.« Ich war hoch erfreut, zu wissen, daß Lincoln und Seward mit meinen Diensten zufrieden waren, da ich mich daran erinnern mußte, daß Lincoln mich gegen Sewards Einspruch angestellt hatte.

Wenige Tage nach meiner ersten Unterhaltung mit General Prim traf ich ihn wieder; diesmal bei einem vom päpstlichen Nuntius gegebenen Essen. Wir waren Tischnachbarn, und der General schien in bester Laune zu sein. Die Unterhaltung drehte sich natürlicherweise um seine Mission nach Mexiko, und ich erwähnte das allgemein verbreitete Gerücht, daß der Hof wünschte, den Infante Don Sebastian auf den mexikanischen Thron zu setzen, oder, wenn das nicht ginge, vielleicht einen anderen Prinzen, der eine spanische Prinzessin heiraten könnte, da die Königin eben eine vorrätig hätte, die Infanta Isabella, für welche sie einen Thron suchte. »Ah bah,« sagte er, »der Hof wünscht dies, der Hof wünscht das. Wer kümmert sich darum, was der Hof wünscht. Wenn in Mexiko ein Thron unter spanischem Schutz errichtet werden sollte, warum sollte denn nicht der kommandierende General darauf sitzen?« Er schien höchlichst belustigt über seinen eigenen verschmitzten Scherz, den man vielleicht hätte ernst nehmen können, wenn er nicht sogleich fortgefahren hätte, mit Nachdruck zu wiederholen, was er mir schon über die Unsinnigkeit, Mexiko in eine Monarchie zu verwandeln, und über seinen eigenen Vorsatz, dem mexikanischen Volk völlige Freiheit bei der Ordnung der eigenen Angelegenheiten zu sichern gesagt hatte. Wir setzten unsere lebhafte und heitere Unterhaltung während des Essens fort. Es schien, als wenn er sich besonders darin gefiele, mir in kameradschaftlicher Weise von den Torheiten, den Kleinlichkeiten und den verächtlichen Ränken des Hofes zu erzählen, wie ein Republikaner vertraulich mit einem anderen Gesinnungsgenossen sprechen würde. Ich sollte ihn niemals wiedersehen.

Ich bezweifle nicht, daß General Prim seine mexikanische Expedition mit der ehrlichen Absicht unternahm, das auszuführen, was er mir anvertraute, und daß er fest erwartete, es durchsetzen zu können. Es war ihm jedoch bestimmt, als bitter enttäuschter Mann zurückzukehren. Spanien erschien allerdings zuerst auf dem Kampfplatze mit einer starken Marine- und Militärmacht, und es gelang Prim, ein persönliches Abkommen mit der mexikanischen Regierung zu treffen, das für Mexiko ziemlich günstig war. Frankreich erhob jedoch Einsprache, denn Louis Napoleon kam mit seinem Plan heraus, einen Thron für den Erzherzog Maximilian zu errichten, und Spanien und England zogen sich von dem Unternehmen zurück. Prim fuhr wieder nach Hause, nicht reicher an Ehren und, wie ich vermute, auch nicht an Geld. Seine spätere Laufbahn und sein Ende sind charakteristisch. Nach Spanien zurückgekehrt, stellte er sich an die Spitze einer antidynastischen Opposition, hatte 1866 mit einem Aufstandsversuch keinen Erfolg, entfloh nach Portugal und von da nach London und Brüssel, war sehr tätig bei der Organisation eines neuen Aufstandes, der 1868 stattfand und den Fall und die Verbannung der Königin Isabella zur Folge hatte. Unter der Regentschaft von Serrano wurde Prim Kriegsminister und dann Präsident des Rats und Marschall. Er begünstigte die Wahl des italienischen Prinzen Amadeo zum König von Spanien, in der Hoffnung, die Macht hinter dem Thron zu werden. Zwei Tage nach der Erwählung Amadeos wurde Prim meuchlings von unbekannter Hand ermordet; die Cortes nahmen sich seiner Kinder als Mündel der Nation an.

Die Art und Weise, wie Seward das Verfahren unserer Regierung in dieser mexikanischen Angelegenheit leitete, machte ihm als Diplomat alle Ehre. Als die drei Mächte die Vereinigten Staaten aufforderten, sich ihnen bei dem Unternehmen anzuschließen, schlug Seward es höflich ab, nicht als seien die Vereinigten Staaten gleichgültig gegen das Schicksal von Mexiko, sondern weil es der traditionellen Politik der Vereinigten Staaten entspreche, alle Bündnisse, die Verwicklungen im Gefolge haben könnten, zu vermeiden. Als die verbündeten Mächte das Anerbieten der Union, eine Vermittlung zu übernehmen, ausschlugen, erkannte er bereitwilligst ihr Recht dazu an. Als aber Louis Napoleon mit seinem Plan, in Mexiko einen Thron zu errichten und den Erzherzog Maximilian darauf zu setzen, herausrückte, kleidete Seward, eingedenk des Bürgerkrieges, der unsere ganze Kraft zu Hause in Anspruch nahm, den Protest der Vereinigten Staaten in solche Form, daß die Natur des Protestes allerdings nicht mißverstanden werden konnte, aber jeder verletzende Ausdruck vermieden wurde. Nachdem jedoch unser Bürgerkrieg vorüber war, gab er dem französischen Kaiser zu verstehen, daß seine Armee Mexiko verlassen müsse, doch sagte er nichts, das wie eine Drohung klang oder die Zurückziehung der Truppen dadurch erschwerte, daß sie zu einer Demütigung gestaltet wurde. Gleichzeitig gelang es ihm, die öffentliche Meinung mit der Versicherung zu beschwichtigen, daß die Franzosen sehr bald den amerikanischen Kontinent verlassen würden und damit die militärischen Einflüsse zu paralysieren, welche die Bildung einer neuen Armee zu betreiben suchten. Diese Armee sollte aus den Veteranen der Union und der Konföderation zu dem Zwecke zusammengesetzt werden, die französischen Eindringlinge mit Gewalt aus Mexiko zu vertreiben. Wenn ich mich recht erinnere, so sprach er niemals von der Monroe-Doktrin als solcher, doch die Politik, welche er befolgte, war die tatsächliche Betätigung und Rechtfertigung dieser Doktrin. Er enthielt sich vorsichtiger Weise aller großsprecherischen Redensarten über die Monroe-Doktrin und aller Drohungen, eine Übertretung derselben mit bewaffneter Hand zurückzuweisen, solange die Vereinigten Staaten dazu nicht in der Lage waren, ohne ihre eigene Sicherheit aufs Spiel zu setzen. Als wir uns jedoch nach Beendigung unseres Bürgerkrieges wieder freier bewegen konnten, gelang es ihm, die Monroe-Doktrin ohne das Abfeuern eines einzigen Schusses durchzusetzen, und zwar nicht weniger nachdrucksvoll, weil es auf friedliche Weise geschah. Sewards Leitung dieser mexikanischen Angelegenheit habe ich als seine vollendetste diplomatische Tat betrachtet, ja, als ein Meisterwerk und Muster konsequenter, friedliebender und staatsmännischer Geschicklichkeit.

Während ich mit den betreffenden Autoritäten die mexikanische Frage verhandelte, erhielt ich endlich von Seward die sehnlichst erwartete Antwort auf meine Depesche, in welcher ich die Ansicht ausgesprochen hatte, die Verkündung der Tatsache, daß unser Bürgerkrieg gegen die Sklaverei gerichtet sei, würde das wirksamste Mittel sein, die Gefahr einer Anerkennung der südlichen Konföderation durch das Ausland und eine Einmischung zu ihren Gunsten zu beseitigen. Diese Antwort war ein Beleg für Sewards Gabe, um eine Sache, die er nicht direkt besprechen wollte, mit volltönenden allgemeinen Redensarten herumzugehen.

In einem Schlußabsatz sprach er von den Mißerfolgen der Unionsarmee, auf welche er »keine Zeit« hätte, näher einzugehen, und fügte hinzu: »Während Sie im Auslande von allen Seiten von dem Fehlschlagen der Bestrebungen der Regierung hören, hat jeder einzelne Bürger, der zu Hause geblieben ist, heute mehr Zutrauen zur Unerschütterlichkeit der Union, als an dem Tage, da Sie auf ihre Mission gingen. Dieses Zutrauen ist nicht auf bloße Begeisterung gegründet, sondern auf die Kenntnis des wahren Sachverhalts und auf ruhige und leidenschaftslose Überlegung.«

Diese Worte, welche mir als Antwort auf meinen Vorschlag dienen sollten, man möge die Welt richtig erkennen lassen, welche Rolle die Sklaverei in diesem Kampfe spiele, um die Einmischung fremder Mächte abzuwenden, beunruhigten mich ernstlich. Auch stand die Behauptung, daß jetzt, nach dem Unglück von Bull Run, nicht »ein Mann« in den Vereinigten Staaten sei, der nicht vertrauensvoller als je zuvor aus unseren Erfolg baue, in merkwürdigem Widerspruch mit der wachsenden Besorgnis, die sich in Privatbriefen aussprach, welche ich von Männern mit glühendem Patriotismus und reifer Urteilskraft aus Amerika erhielt. Die Ansicht, daß fremde Einmischung unabwendbar sei, wenn sie nur durch die Betonung des Antisklaverei-Charakters unseres Bürgerkrieges beschworen werden könne, was in letzter Linie der eigentliche Sinn von Sewards Worten war, schien mir äußerst gewagt, wenn nicht leichtfertig. Denn die Tatsache stand fest, daß unsere Aussicht, den Süden zu bezwingen, auf das bedenklichste beeinträchtigt war, wenn England und Frankreich mit ihrer großen Kriegsmacht der Konföderation tätig beisprängen. Ich glaubte aus Sewards Schreiben einen Ton jener Art der Verstimmung herauszuhören, die so leicht die Urteilsfähigkeit trüben kann. Mir schien, als würde Lincoln solche Wendungen nicht gebilligt haben, wenn Seward ihm sein Schreiben vor der Absendung gezeigt hätte. Es kam mir der Gedanke, daß Seward es vielleicht unterlassen hatte, meine Depesche vom 18. September, die so direkt mit seiner Politik im Widerspruch stand, dem Präsidenten zu unterbreiten. Ich konsultierte Herrn Perry über diesen Punkt, und er hatte denselben Zweifel. Von diesem Bedenken beunruhigt, kam ich zum Schluß, daß es meine Pflicht sei, den Inhalt der Depesche Lincoln selbst mit einem Zusatze, wie sie der Gang der Ereignisse nötig machte, vorzulegen. Mein erster Gedanke war, zu diesem Zwecke mein Amt niederzulegen, doch Mr. Perry überzeugte mich, daß ein Wechsel an der Spitze der Gesandtschaft um diese Zeit unserer Stellung bei der spanischen Regierung nachteilig sein würde, daß ich mein Ziel erreichen könne, wenn ich um einen kurzen Urlaub zu einer Reise nach Hause nachsuchte. Um mich jedoch gegen eine Ablehnung dieses Gesuchs oder eine lange Verzögerung seiner Erledigung zu siechem, beschloß ich, als Alternative meinen Abschied einzureichen; denn ich war entschlossen, auf jeden Fall Lincoln so bald wie möglich zu sprechen. Ich richtete daher einen Brief an ihn, in welchem ich folgendes sagte: der Hauptzweck meiner Sendung nach Madrid, nämlich möglichst freundschaftliche Beziehungen zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten zu sichern, sei erreicht worden, aller Wahrscheinlichkeit nach würden jetzt keine Fragen auftauchen, welche die ununterbrochene Anwesenheit eines Bevollmächtigten ersten Ranges nötig machten, meine künftige Tätigkeit in Madrid würde sich, wenigstens auf einige Zeit hinaus, auf ruhige Beobachtung und den Genuß einer bequemen und distinguierten Stellung mit »vornehmer Muße« beschränken, welche mir in Anbetracht der Zustände in Amerika eher drückend als angenehm sei; ich würde von ernsten Zweifeln gequält über die allgemeine Entwicklung unserer Aussichten, wünschte dringend, um diese Zweifel zu heben, nach den Vereinigten Staaten zurückzukehren, und bitte deshalb um Urlaub, und wenn dieser mir aus irgendeinem Grunde nicht erteilt werden könne, um die Enthebung vom Amte.

Aus Loyalität gegen meinen unmittelbaren Chef schickte ich diesen Brief an Seward mit der Bitte, ihn dem Präsidenten zu überreichen.

Während ich auf Antwort von Präsident Lincoln wartete, wurden wir plötzlich durch die Nachricht erschreckt, daß ein Kriegsschiff der Vereinigten Staaten, die »San Jacinto«, Kapitän Wilkes, im Bahamakanal den britischen Postdampfer »Trent« angehalten und mit Gewalt zwei Abgesandte der Südländer, Mason und Slidell, gefangen genommen und entführt habe. Die Bevölkerung der Vereinigten Staaten, so hieß es, sei über diese kühne Tat in einem Rausch der Begeisterung, die Regierung und das Volk Englands hingegen kochten vor Wut über diese Verletzung des Völkerrechts und fordere augenblicklich Genugtuung. Der nächste Tag brachte uns weiteren Bericht, daß die britische Regierung tatsächlich im Begriff sei, Truppen nach Kanada zu schicken und andere Vorbereitungen für einen Krieg mit den Vereinigten Staaten zu treffen. Augenscheinlich hatte die »Trent«-Affäre eine öffentliche Kundgebung in England verursacht, die in hohem Maße dazu angetan war, die Freunde der Konföderation in ihrem Bestreben zu stärken, für den südlichen Staatenbund die Anerkennung und ein aktives Einschreiten von Großbritannien und Frankreich zu erlangen.

Ich konnte kaum einen Freudenschrei unterdrücken, als endlich die Antwort vom Präsidenten und vom Auswärtigen Amt kam und mir meine Bitte um Urlaub gewährte. Meine Reisevorbereitungen waren schnell gemacht. Da meine Familie sich in Hamburg aufhielt, wünschte ich sie dort abzuholen, um sie mit mir auf einem Hamburger Schiff nach Amerika zurückzunehmen. Zu diesem Zweck mußte ich über preußisches Gebiet reisen. Ich besuchte den preußischen Gesandten Graf Galen, um ihm mitzuteilen, daß ich nach Hamburg zu reisen wünsche, und ihn zu fragen, ob ich wohl, ohne bemerkt zu werden, preußisches Gebiet durchqueren könne. Er hatte keinen Zweifel, daß das sehr leicht zu machen wäre, aber um mich zufrieden zu stellen, wollte er noch bei seiner Regierung anfragen. Die Antwort kam sogleich, daß allen betreffenden Beamten Instruktion erteilt werden sollte, mir auf meiner Reise jede gewünschte Erleichterung zu gewähren. Ich richtete meine Reise so ein, daß ich nach Dunkelwerden über die preußische Grenze fuhr, während der Nacht bei Köln den Rhein passierte und Hamburg am nächsten Vormittag erreichte. Als ich die preußische Grenze berührte, stellte sich mir ein höherer Steuerbeamter vor, ließ mein Gepäck uneröffnet und erkundigte sich nach meinen weiteren Wünschen. Meine Mitreisenden schienen sich über diese offiziellen Aufmerksamkeiten zu wundern und waren augenscheinlich begierig, zu erfahren, mit welcher distinguierten Persönlichkeit sie die Ehre hatten, zusammen zu fahren. Ich befriedigte ihre Neugierde nicht. So hatte sich meine Wiederkehr ins Vaterland auf die bescheidenste Weise und ohne Sang und Klang vollzogen. Ich war noch völlig wach, als der Zug in den Bahnhof von Köln einlief, und konnte den Kirchenglocken lauschen, deren Klang mir aus meinen Jugendjahren so vertraut war. Und als wir dann über den geliebten alten Rhein fuhren hörte ich seine Wasser im Dunkeln rauschen.

Früh im Januar schiffte ich mich mit meiner Familie auf dem Dampfer »Bavaria« ein, einem Hamburger Schiff von 2500 – 3000 Tonnen, das jetzt als ziemlich klein gelten würde, damals aber von gewöhnlicher Größe war.

Wir hatten eine entsetzliche Reise. Von Anfang an hinderten starke Gegenwinde und eine schwere See unser Weiterkommen, über uns drohte ein dunkler Himmel. In einiger Entfernung östlich von den Neufundlandbänken brach ein Orkan über uns herein, welcher sechs Tage und Nächte dauerte; es blies erst aus einer Richtung, dann aus der anderen, und manchmal schien der Wind gleichzeitig aus allen Himmelsgegenden zu kommen. Die Wellen donnerten mit furchtbarer Gewalt gegen die Schiffswände, sie rissen alle Relings, alle Rettungsböte, alle Deckhäuser fort und brachen schließlich die Deckfenster ein, die Kajüte mit Wasser überschwemmend. Eines Nachts ergoß sich eine so große Wasserflut in die Schornsteine, daß die Gefahr nahe lag, das Feuer möchte ausgelöscht werden. Wir erfuhren auch später, daß der Oberingenieur, als der Raum sich mit Dampf füllte, die Axt in der einen Hand und die Pistole in der anderen, die Feuerleute zu ihrer Pflicht zwingen mußte. Während der ersten Nacht des Orkans hatte ich ein Erlebnis, dessen Eindruck ich bis heute nicht vergessen habe. Jeder, der schwere Stürme zur See durchgemacht hat, wird sich erinnern, daß manchmal das vom Sturm geschüttelte Schiff für einen Augenblick auf dem Kamm einer Riesenwelle still zu halten scheint, ehe es sich in den gähnenden Abgrund stürzt. Es kommt dann ein Moment – aber nur ein Moment – zitternder, drohender Stille, der merkwürdig mit dem entsetzlichen Aufruhr, der ihm voranging und der ihm unausbleiblich folgen wird, in Widerspruch steht. In jener schrecklichen ersten Nacht, als wir soeben gehört hatten, daß die See vier Matrosen über Bord geschwemmt hätte, trat ein solcher ungewöhnlich langer Augenblick der Stille ein, vielleicht nur zwei oder drei Sekunden. In dieser Stille hörte ich deutlich, wie jemand, wahrscheinlich einer der Stewards, ganz ruhig vor meiner Tür Stiefel putzte. Daß jemand während dieses entsetzlichen Aufruhrs der Elemente, die uns alle im nächsten Momente zu verschlingen drohten, so ruhig eine einfache, alltägliche kleine Pflicht erfüllte, wirkte auf mich wie ein Zauber. Ich fühlte danach, daß uns nichts begegnen würde, und schämte mich gründlich jeder Furcht.

Nachdem der Sturm sich gelegt hatte, wurde das Wetter sehr kalt, und das ganze Schiff war bald mit einer dicken Eiskruste überzogen. Es machte fast einen gespensterhaften Eindruck, als es in den Hafen von New York einfuhr. Wir waren, wenn ich mich recht erinnere, 23 Tage von Southampton unterwegs gewesen. In späteren Jahren habe ich dann und wann auf Hamburger Schiffen Offiziere getroffen, die diese böse Reise auf der »Bavaria« mitgemacht hatten, und die mir zustimmen, daß es beinahe das schlimmste Unwetter gewesen sei, das ein Seemann durchmachen und überleben konnte. Von New York eilte ich sogleich nach Washington, wo ich mich zuerst bei Seward im Auswärtigen Amte meldete. Da einige fremde Diplomaten dem Minister ihre Aufwartung machen wollten, brachen wir unsere Unterhaltung jedoch ab, um sie zu einer günstigeren Zeit fortzusetzen. Ich ging dann zu Lincoln in das Weiße Haus, und er empfing mich mit seiner gewohnten Herzlichkeit.

Nach den ersten Willkommensworten drehte sich die Unterhaltung um die wahren Gründe für meine Rückkehr. Ich wiederholte Lincoln im wesentlichen den Inhalt meiner Depesche vom 18. September. Es schien mir nicht passend, ihn zu fragen, ob er diese Depesche gesehen hätte, denn er erwähnte es auch nicht. Er hörte mir jedoch mit größter Aufmerksamkeit, ja wie mir schien, mit einiger Spannung zu, ohne mich zu unterbrechen. Ich sprach noch mit ihm, als die Tür aufging und Sewards Kopf in der Türspalte erschien. »Verzeihen Sie, Seward,« sagte Lincoln, »entschuldigen Sie mich einen Augenblick, ich habe etwas mit diesem Herrn zu besprechen.« Seward zog sich ohne eine Wort zurück. Mir ist diese Szene noch deutlich gegenwärtig. Nach einer kurzen Unterbrechung setzte ich meinen Bericht fort, und als ich zu Ende war, saß Lincoln eine Minute in Gedanken versunken. Endlich sagte er: »Sie mögen recht haben. Ja, Sie haben wahrscheinlich recht. Ich habe denselben Gedanken gehabt. Ich kann mir nicht vorstellen, daß eine europäische Macht es wagen würde, die südliche Konföderation anzuerkennen und ihr beizustehen, wenn darüber erst volle Klarheit besteht, daß die Konföderation die Sache der Sklaverei und die Union die Sache der Freiheit vertritt.« Dann erklärte er mir, daß eine ausgesprochene Antisklavereipolitik zwar die Gefahr von außen beseitigen und somit zur Erhaltung der Union beitragen würde, ja, daß sie in dieser Beziehung vielleicht sogar zur Erhaltung der Union notwendig sei und demnächst auch ihre Notwendigkeit anerkannt werden würde. Er sei jedoch noch im Zweifel, ob im eigenen Lande die öffentliche Meinung bereits genügend darauf vorbereitet sei. Ihm war darum zu tun, die ganze Kraft des Nordens und die Unionsfreunde im Süden, besonders in den sogenannten Grenzstaaten, in dem Kriege für die Union zu vereinigen und zusammenzuhalten. Würde nicht vielleicht die Parole »Abolitionskrieg«, die durch eine so ausgesprochene Antisklavereipolitik herausgefordert wurde, dazu beitragen, diese Kräfte auseinanderzureißen und somit der Sache der Union zu schaden? Dieser Zweifel beunruhigte ihn sehr. Er forderte mich auf, mich etwas umzusehen und umzuhören und ihm in einigen Tagen die gewonnenen Eindrücke zu berichten. Dann fügte er noch hinzu, wie sehr ihn meine Depeschen über die Zustände und die hervorragenden Männer in Spanien interessiert und wie er sich gefreut hätte, von Seward zu erfahren, daß es mir bei den »Dons« gut gegangen wäre. So trennten wir uns.

Die allgemeine Lage in der Union war zu Anfang des Jahres 1862 nicht sehr ermutigend. Der Sturm, den die »Trent«-Angelegenheit heraufbeschworen hatte sich wieder gelegt. Die Regierung hatte die Notwendigkeit erkannt, die Abgeordneten, welche man von der »Trent« entführt hatte, wieder auszuliefern, um noch zeitig ein drohendes Zerwürfnis mit England zu vermeiden. Was die Triebfedern hierfür betrifft, so ist es mir immer erschienen, als sei Sewards Begründung in seiner berühmten Depesche über dieses Thema, in der er die Auslieferung der Abgesandten auf einen technischen Grund zurückführte, viel weniger überzeugend, würdevoll und ehrenhaft, als der höhere Gesichtspunkt, den Sumner in seiner Rede im Senat einnahm. Sumner nämlich erkannte ruhig an, die Auslieferung der Gefangenen erfolge in Anerkennung der völkerrechtlichen Grundsätze über die Behandlung neutraler Schiffe durch die Kriegführenden, Grundsätze, welche diese Republik immer, insbesondere britischen Ansprüchen gegenüber, vertreten hätte. Aber wenn so auch ein tatsächlicher Kampf vermieden wurde, es blieb doch ein gereiztes Gefühl zwischen den beiden Nationen zurück, ein Gefühl der Enttäuschung bei vielen Engländern, daß »die Unverschämtheit« eines amerikanischen Schiffes, das einen britischen Postdampfer anzuhalten gewagt, nicht bestraft worden sei, und ein Gefühl der Empfindlichkeit bei vielen Amerikanern, weil England uns in unserer Stunde der Not brutal herausgefordert hatte und wir dieser »Anmaßung« uns fügen mußten.

Ich unterhielt mich um diese Zeit öfter mit Senator Sumner. Seine Persönlichkeit übte eine starke Anziehungskraft auf mich aus. Er war sehr verschieden von allen Männern im öffentlichen Leben, die ihn umgaben, ebenso wie Lincoln, nur in ganz entgegengesetzter Weise. Lincoln, von der niedrigsten gesellschaftlichen Stufe emporgestiegen, hatte sich von der rohesten plebejischen Umgebung durch sein hohes moralisches Gefühl und seine geistigen Fähigkeiten zu einer erstaunlichen Höhe des Seelenadels und der staatsmännischen Führerschaft emporgeschwungen. Er war das ideale Erzeugnis des amerikanischen Bodens, dem das demokratische Prinzip wie ein einfaches Naturgesetz erschien. Sumner, ein geborener Puritaner, von Instinkt und Bildung ein Aristokrat, ein Demokrat durch Studium und Überlegung, ein Revolutionär durch die doktrinäre Wucht seines Willens, der Welt um jeden Preis seine Prinzipien aufzuzwingen. Viele glaubten, daß diese beiden Männer wegen ihrer wesentlichen Verschiedenheit unmöglich zusammen arbeiten könnten. Im ganzen gelang es ihnen aber doch, da sie trotz ihrer in vielen Punkten abweichenden Ansichten gegenseitig an ihre Aufrichtigkeit glaubten. Sumner war ein Doktrinär von Charakter, ein aufgeklärter Doktrinär aber ein unbiegsamer, und zu keinem Vergleiche bereit. Seine Begriffe von Recht und Unrecht waren unerschütterlich, und als ihn jemand fragte, ob er jemals die andere Seite der Sklavereifrage betrachtet hätte, antwortete er: »Es gibt keine andere Seite«. Keine Antwort hätte bezeichnender sein können. Er war nicht abgeneigt, die andere Seite einer solchen Frage zu erkennen, er war einfach unfähig dazu. Die Bestimmtheit seiner Überzeugungen war so stark, ich möchte sagen, so kriegerisch, daß es ihm schwer wurde, zu verstehen, wie jemand ernstlich »die andere Seite« betrachten könnte, ohne durch eine moralische Zweideutigkeit irregeführt zu sein. Er sagte von einem alten und bewährten Freunde, der eine zuwartende Politik mit dem Süden nach Lincolns Wahl begünstigt hatte: »Ich glaube jedoch, daß er ehrlich ist«, aber er sagte es auf solche Weise, daß man sehen konnte, welche Überwindung es ihm gekostet hatte, zu diesem Schluß zu kommen.

Lincoln war ihm ein beständiges Rätsel. Er sprach mir oft von den klugen und weisen Dingen, die Lincoln ihm gesagt hätte, und dann wieder von Aussprüchen, die ihm unverständlich waren und ihm nicht im Einklang zu stehen schienen mit den ernsten Aufgaben, die vor uns lagen. Da er selbst keinen Sinn für Humor besaß, so verstand Sumner selten – ich möchte sagen fast nie – die Pointen der drolligen Anekdoten und Bilder, mit denen Lincoln seine Deduktionen, wie mit einem Blitzlicht zu beleuchten liebte. Sumner zitierte nicht selten solche Aussprüche Lincolns und fragte mich dann mit einer Art unschuldiger Verwirrung, ob ich wohl erraten könnte, was der Präsident damit gemeint haben möchte. Für Sumner war der Hauptzweck des Krieges die Abschaffung der Sklaverei. Er hatte sein ganzes Leben lang für den Frieden im weitesten Sinne gewirkt. Seine große Rede vom 4. Juli 1846 über »die wahre Größe der Nationen«, die ihn zuerst allgemein bekannt machte, war ein Lobgesang auf den allgemeinen Frieden gewesen. Er hatte darin als seine Grunddoktrin verkündet, daß es »in unserem Zeitalter keinen Frieden, der nicht ehrenhaft, und keinen Krieg, der nicht unehrenhaft sei, geben könne«.

So mußte er, um in dem Bürgerkriege der Regierung beistehen zu können, mit seinem Gewissen einen Kompromiß schließen, und das tat er, indem er sich sagte, daß es ein Krieg sei zur Aufhebung der Sklaverei, welche für ihn der Inbegriff aller Ungerechtigkeit war. Nur darum, weil durch ihn ein Übel ausgerottet würde, das noch größer war als der Krieg selbst, konnte dieser Krieg gerechtfertigt werden. So machte ihn auch alles ungeduldig, was diesen höchsten Zweck beeinträchtigen oder seine Verwirklichung verzögern konnte, Diese Ungeduld war es, die ihn manchmal die Gründe unterschätzen ließ, welche Lincolns für die »Saumseligkeit« der Regierung, die Antisklavereipolitik zu proklamieren, vorbrachte. Er war bitterlich enttäuscht, als der Präsident es notwendig fand, die Emanzipationsbefehle von General Fremont und General Hunter zu verwerfen, um die Gefühle der Kriegsdemokraten und der Unionsleute in den sogenannten Grenzstaaten nicht zu verletzen. Er verlor aber nicht sein Vertrauen in den Mann, der gesagt hatte: »Wenn die Sklaverei nicht unrecht ist, dann ist nichts unrecht«, und mit unermüdlicher Ausdauer versuchte er den Präsidenten zu entscheidenden Maßregeln und sofortigem Handeln anzufeuern. Lincoln wehrte sein Drängen ab, indem er sagte: »Sumner, Sie sind mir nur sechs Wochen voraus«. Sumner versuchte zu beweisen, daß die Befreiung der Sklaven eine einfache Notwendigkeit sei, um die Rebellion niederzuwerfen, und Lincoln antwortete, daß auch er die Notwendigkeit voraussähe, daß er aber, um alle unsere Kraft zusammenzuhalten, warten müsse, bis auch die, auf deren Hilfe er angewiesen sei, diese Notwendigkeit erkennten. Öfters sah ich Sumner unruhig in seinem Zimmer auf und ab gehen und mit erhobenen Händen ausrufen: »Ich hoffe, daß der Präsident recht hat, indem er so lange säumt, aber ich fürchte, ja, ich bin beinahe sicher, daß er nicht recht hat. Ich baue auf seine Treue, aber ich kann ihn nicht verstehen!«

Was mich betraf, so fühlte ich mit Sumner, aber gleichzeitig lernte ich Lincoln immer besser verstehen. Er war völlig aufrichtig, wenn er sagte, daß er als Haupt der Regierung es als wichtigsten Zweck betrachten müsse, die Union zu retten, sei es nun mit oder ohne Unterdrückung der Sklaverei. Er war ebenso aufrichtig davon überzeugt, daß die Aufhebung der Sklaverei notwendig sei zur Erhaltung der Union, ganz abgesehen davon, daß sie an und für sich eine Pflicht war. Indem er einsah, wie die Notwendigkeit der Sklavenbefreiung immer näher heranrückte, wünschte er im Interesse der Schwarzen sowohl wie der Weißen, daß diese Befreiung allmählich erfolge, soweit das unter den obwaltenden Umständen möglich war. Er würde auch nicht vor einer plötzlichen Befreiung zurückschrecken, wenn die Umstände sich so gestalteten, daß keine andere Wahl blieb. Er wollte aber den entscheidenden Schritt solange aufschieben, bis er keine Gefahr mehr liefe, die verschiedenen Elemente, welche im Kampfe für die Union zusammenwirkten, dadurch auseinanderzureißen. Er meinte, wenn wir im Kampf unterlägen, so würde ein Erlaß zur Befreiung der Sklaven wirken wie die Bulle des Papstes gegen den Kometen. Diese Schlußfolgerung war unzweifelhaft richtig, aber sie verursachte Verzögerungen, welche den ungeduldigeren Sklavereigegnern kaum erträglich schienen. Ich muß zugeben, daß ich selbst zu dieser Klasse gehörte und daß ich nicht ganz die Weisheit dieser vorsichtigen Politik anerkannte, bis sie Früchte getragen hatte. Da ich aber besser als Sumner die sorglose, leichtlebigere Art kannte, mit der Männer der westlichen Staaten, besonders diejenigen, welche ihren Weg von unten herauf gemacht hatten, ihre Gedanken und Gefühle ausdrücken, so war ich weniger als Sumner beunruhigt durch das, was ihm in Lincolns Äußerungen zuweilen als ein Mangel an Ernst oder als eine leichtherzige Auffassung wichtiger Dinge erschien. So wurde Sumners Vertrauen in Lincolns Charakter und Prinzipien oft auf eine harte Probe gestellt.

Lincoln hatte großen Respekt vor den überlegenen Kenntnissen und der höheren Bildung anderer Menschen, sie flößten ihm aber keine Ehrfurcht ein. Er scheute sich in der Tat vor niemandem und vor nichts, in dem Sinne, daß er eine scheinbare Überlegenheit anerkannte, die ihn gezwungen hätte, im geringsten die Unabhängigkeit seines Urteils oder seines Willens aufzugeben. Er wäre dem größten Manne der Welt – dem größten, was geistige Fähigkeiten oder was Stellung oder Macht anbetraf – mit gänzlicher Unbefangenheit entgegengetreten, als wenn er sein ganzes Leben mit solchen Menschen zu tun gehabt; hätte. Als er sein Kabinett bildete, wählte er die ersten Anführer seiner Partei, die um diese Zeit wohl als die ersten Leute im Lande gelten konnten, ohne das geringste Bedenken, daß ihr Ansehen oder ihre Fähigkeiten ihn in den Schatten stellen möchten. Er erkannte immer das Verdienst anderer an, ohne jegliche Furcht, dabei sein eigenes einzubüßen.

Das Urteil oder den Rat keines noch so hochgestellten Menschen schätzte er nach anderem Maßstabe, als nach dem wahren Wert, den er ihm selbst beilegte. Keine Frage von noch so ernster Bedeutung hätte seinen Geist verwirren können; war sie auch noch so groß und wichtig, er beurteilte sie nach den Regeln gewöhnlicher Logik und des gesunden Menschenverstandes. Er begegnete daher großen Staatsmännern und Leuten mit imposanten Titeln mit vollständig natürlicher, ungekünstelter Selbstachtung, wie seines gleichen. »Er betrachtete die großen Staatsangelegenheiten wie einfache Geschäftssachen, die er als Berufspflichten behandeln mußte, und er liebte es, diese Angelegenheiten mit seinen Freunden in einfacher, ungezwungener Sprache zu beraten. Auch die ernsten Fragen erheiterte er mit seinem Humor, obgleich die Prinzipien und die Sympathien, nach denen er sie behandelte, tief und fest in seinem Geist und in seinem Herzen wurzelten.

Man kann sagen, daß, wenn es keinen Mann gab, dessen Meinungen mehr seine ganz persönlichen waren, es auch niemand gab, der empfänglicher war für aufrichtigen Rat oder toleranter gegen abweichende Kritik. Ich habe Männer in Stellungen von großem Einfluß im öffentlichen Leben gekannt, die jede Mißbilligung ihrer Handlungsweise oder ihrer Äußerungen als persönliche Beleidigung betrachteten und jeden Gegner als einen Feind ansahen. Nichts hätte Lincolns Gefühls- und Denkweise ferner liegen können, als eine noch so große Meinungsverschiedenheit zwischen sich und einem Manne, den er sonst für aufrichtig hielt, übel zu nehmen. Wenn er mißverstanden oder angegriffen wurde, so forderte er den Betreffenden zu einem freundlichen Austausch der Ansichten und Meinungen auf, anstatt ihn von seinem Verkehr auszuschließen War dann keine Übereinstimmung in den Ansichten zu erreichen, so erreichte er wenigstens das freundliche Einverständnis, bei den abweichenden Meinungen ohne Bitterkeit zu verharren. Die Geduld, mit welcher Lincoln die oft sehr ungerechte Kritik anhörte, wurde bald bekannt und sehr oft auf die Probe gestellt, ohne die Güte seines Herzens zu beeinträchtigen oder seine Gemütsruhe zu stören. Ich habe auch bei der einen oder anderen Gelegenheit mich solcher Kritik schuldig gemacht, und ich werde im Laufe meiner Erzählung die charakteristische Art mitteilen, mit welcher er mich dann behandelte.

Zur Zeit, von der ich spreche, war Charles Sumner wohl derjenige unter Lincolns regelmäßigen Besuchern, der am schwersten zufrieden zu stellen war, weil die beiden Männer mit gleicher Aufrichtigkeit die große Frage des Tages von zwei so verschiedenen Gesichtspunkten betrachteten. Lincoln schätzte Sumner als das ausgesprochene Gewissen der fortgeschrittenen Antisklavereivertreter, deren Vertrauen und Mitwirkung im gemeinsamen Kampfe ihm von höchster Bedeutung war. Während es all seiner Standhaftigkeit bedurfte, Sumners Drängen zu ertragen, widersetzte sich Lincoln doch nicht Sumners öffentlicher Agitation für eine sofortige Emanzipationspolitik, obgleich sie nicht mit den Maßregeln der Regierung übereinstimmte; er begünstigte im Gegenteil alles was das Volk für die kommenden Entwicklungen vorbereiten konnte. Überdies hatte Sumner der Regierung gerade jetzt einen großen Dienst erwiesen, den nur er mit demselben Nachdruck leisten konnte. Ich habe bereits die Aufregung erwähnt, welche durch die sogenannte »patriotische und heldenhafte Tat« von Kapitän Wilkes im amerikanischen Volk hervorgerufen wurde. Die allgemeine Stimmung war eine so aufgeregte, daß es schien, als wenn niemand die Auslieferung der gefangenen südlichen Abgesandten anraten könnte, ohne unter einer Lawine öffentlicher Verachtung begraben zu werden. Sumner aber blieb kühl; sobald er hörte, was sich zugetragen hatte, sagte er: »Wir müssen die Gefangenen aufgeben«. Er sagte dies, ehe er noch gehört hatte, welchen Eindruck die Nachricht dieses Ereignisses in England gemacht hatte, er sprach nur als internationaler Jurist, der an den Grundsätzen in bezug auf die Rechte Neutraler festhält. Er eilte nach Washington, um seine Ansichten der Regierung zu unterbreiten. Dort wurde er aufgefordert, an den Sitzungen des Kabinetts teilzunehmen, als man über die Stellungnahme unserer Regierung beriet und die Briefe von seinen Freunden aus England – Leuten, die zu den treuesten Anhängern der Union zählten – gaben seinem Rat ein besonderes Gewicht. Die Auslieferung der gefangenen südlichen Abgesandten beschwor einen Sturm öffentlicher Entrüstung von ungewöhnlicher Heftigkeit heraus. Niemand war so dazu befähigt, die Wogen dieser Aufregung zu beschwichtigen, wie Sumner, und niemand trug soviel dazu bei wie er. Er hatte den Ruf eines Radikalen, eines Anhängers extremster Anschauungen eines Mannes, dessen Gefühl für Recht und Ehre gegen alle Macht der Welt unerschütterlich gefeit war. Wenn ein solcher Mann auftrat und erklärte, daß nach seiner Auffassung von Recht und Gerechtigkeit die Regierung nur das getan habe, was ihre Pflicht gebot, so konnte jeder Freund der Freiheit, auch der ausgesprochenste, zufrieden sein. Sumner gab diese Erklärung vor dem Senat in so überzeugender und stolzer Weise, daß die letzten widersprechenden Stimmen zum Schweigen gebracht wurden und die verhängnisvolle »Trent«-Affäre friedlich begraben werden konnte. Sie hat nicht, wie allgemein befürchtet wurde, einen Krieg mit England verursacht und nicht einmal die Beziehungen zwischen der Regierung und dem Volke beeinflußt.

Die Gefahr fremder Einmischung war jedoch noch keineswegs vorüber, denn Louis Napoleon, der sich in sein gefährliches Mexikanisches Unternehmen gestürzt hatte, ließ kein Mittel unversucht, England in eine dem Süden günstige Politik zu verstricken. Unsere Lage zu Hause war auch nichts weniger als vertrauenerweckend. Wir hatten allerdings auf dem westlichen Schauplatze militärischer Tätigkeit einige Vorteile errungen, und die Einnahme der Festungen Henry und Donelson durch General Grant hatte uns die Wege zu Wasser in das Herz von Tennessee eröffnet und großen Jubel beim Volke hervorgerufen. Die politische Schacherei von Simon Cameron im Kriegsamt wurde durch die feurige Energie von Stanton ersetzt.

Die Armee des Potomac unter General McClellan lag aber untätig, wie eine leblose Masse, vor der Stadt Washington. Der Glanz der Lorbeeren, welche der General früher bei seinen Erfolgen in Virginia geerntet hatte, wurde in der Schätzung des Volkes bedeutend getrübt. Der Kongreß mühte sich ab, Geld für die laufenden Ausgaben des Krieges zu beschaffen, denn die Kosten wuchsen zu einer erschreckenden Höhe. Unter dem Druck dieser Notwendigkeit wurde das unheilvolle Papiergeldgesetz erlassen, das in den Entwicklungen späterer Jahre eine so böse Rolle spielen sollte. Das waren aber noch nicht die einzigen Schwierigkeiten, die nachdenklichen Gemütern Sorge machten. Die Regierung erließ unter dem Druck der Lage Erklärungen, die dem Geist der Grundprinzipien verfassungsmäßiger Freiheit arg widersprachen. Es wurden ohne gesetzliche Vollmacht und ohne Prozeß Leute verhaftet, die man im Verdacht hatte, dem Süden beizustehen. Das Recht des »Habeas corpus«« wurde aufgehoben, die Gerichte in der Ausübung ihrer Pflichten gehindert, alles unter dem Zwang der Verhältnisse. Zur Rettung der Republik führte man Unterdrückungs- und Vorsichtsmaßregeln ein, die in einen despotischen Staat passen mochten, in einer Demokratie aber einen üblen Klang hatten. Die Fälle solcher willkürlichen Überschreitungen der Machtvollkommenheit waren allerdings nicht zahlreich, aber sie genügten, um manchen ernsten Nordländer nachdenklich zu machen und in ihm den Wunsch zu erwecken, daß die Zustände, die solche Dinge möglich und in den Augen des gewöhnlichen Volkes sogar lobenswert machten, sich bald ändern möchten.

Unter den Abgeordneten, mit denen ich Gelegenheit hatte, mich zu unterhalten, fand ich die Republikaner meist darauf brennend, die Regierung möchte eine ausgesprochene Antisklavereipolitik befolgen. Es gab aber auch unter ihnen einige, die fürchteten, ihre Wähler wären noch nicht genügend vorbereitet, um den Krieg für die Union als einen Krieg für die Emanzipation der Sklaven anzuerkennen. In vielen Fällen waren sogar die Politiker vorsichtiger, als es die öffentliche Meinung in ihren Bezirken rechtfertigte. Ich reiste nach New York, um mich da, wohin der Einfluß der offiziellen Atmosphäre nicht mehr reichte, von dem Zustande der Volksstimmung zu überzeugen. Dort gewann ich den Eindruck, daß der Parteigeist sich nicht mehr so still verhalte, wie während der großen nationalen Erhebung vor meiner Abreise nach Spanien.

Einige demokratische Führer wandten wieder die alten Kraftausdrücke an, womit sie die machthabenden Abolitionisten kritisiert hatten, andere Demokraten hingegen, die zum Schutze der Union ihrem patriotischen Impulse gefolgt waren, lösten sich allmählich von den alten Parteibanden und bekannten sich nun auch zu der Ansicht, daß die Sklaverei als Ursache des ganzen Unheils büßen und in dem Zusammenstoß untergehen müsse. Diese Gefühle hatten sich allgemein verbreitet, ausgenommen bei den eingefleischten unter ihnen. Meine Gesinnungsgenossen, die ich in New York aufsuchte, stimmten mit mir überein, daß die Zeit gekommen sei, eine entschiedene Bewegung für die Einführung der Sklavenemanzipation ins Leben zu rufen. Um diese Bewegung ins Werk zu setzen, organisierten wir eine »Emanzipationsgesellschaft« und trafen die Vorbereitungen für eine große öffentliche Versammlung, die am 6. März im Saal des Cooper Institute tagen sollte.

Ich kehrte nach Washington zurück und meldete mich sogleich bei Lincoln, um ihm zu berichten, was ich gesehen und gehört und was ich mit meinen Freunden verabredet hatte.

»Gut«, sagte er, »gut; in dieser Versammlung werden Sie eine Rede halten?«

»Ja.«

»Sehr wohl, dann gehen Sie schleunigst nach Hause und überlegen Sie sich, was sie sagen wollen. Tun Sie das sobald als möglich, und wenn Sie fertig sind, zeigen Sie mir, was Sie geschrieben haben, und wir werden es zusammen besprechen.«

Ich ging unverzüglich ans Werk. In einer Ansprache an das amerikanische Volk konnte ich nicht dieselben Argumente gebrauchen, die ich in meinen Depeschen an die Regierung angewandt hatte. Ich verfolgte daher einen ganz anderen Gedankengang, der nicht weniger auf Wahrheit beruhte, aber von einem anderen Gesichtspunkte ausging. Ich widerlegte die übersanguinischen Erwartungen eines baldigen Zusammenbrechens der südlichen Kriegsmacht, prophezeite einen anstrengenden und langen Kampf, der allerdings schließlich die Rebellion unterdrücken und hilflos zu unsern Füßen zwingen würde. Aber das würde nicht schnell geschehen können. Und diese Niederlage der Rebellion war nicht unser einziges Streben. Darüber hinaus ragte als Ziel die Wiederherstellung der Vereinigten Staaten, der nationalen, auf lokaler Selbstregierung gegründeten Republik. Um das zu erreichen, würde nicht nur die militärische Wiedereroberung der abtrünnigen Staaten nötig sein, nicht nur ihre Wiedervereinigung mit uns durch Gewalt, wie sie bei despotischen Regierungen angewandt wird, sondern eine Wiederbelebung des Loyalitätsgefühls, ohne welches keine Union unter demokratischer Verwaltung bestehen könnte. Unzweifelhaft war der Wunsch einer Auflösung der Union und die daraus entspringende Sezessionsbewegung im Süden auf die Existenz der Sklaverei zurückzuführen, eine rechtliche Einrichtung die sich nicht mit unseren demokratischen Prinzipien vertragen und nur fortbestehen konnte, wenn sie von der Übermacht getragen war. Wenn wir daher eine Wiederherstellung und Erhaltung der Union unter demokratischer Regierungsform ins Auge faßten, so mußte die Bevölkerung des Südens unter den Einfluß von Verhältnissen gebracht werden, die ihre Loyalität für die Union und für demokratische Prinzipien von neuem erwecken und zum Lebensprinzip machen würden. Mit anderen Worten, die Ursache all dieses Unheils, die Sklaverei, mußte aufhören, ihre Wünsche und Bestrebungen zu beherrschen. Die Sklaverei würde aber ihre Herrschaft behaupten, so lange sie existierte; sie müßte daher aufhören zu bestehen. Als einleitende Maßnahmen schlug ich vor: 1. Die Aufhebung der Sklaverei im Distrikt von Columbia und überall, wo die Bundesregierung unmittelbare Autorität besaß. 2. Die Konfiskation und damit die Befreiung aller Sklaven, deren Besitzer an der Rebellion beteiligt waren. 3. Das Anerbieten einer angemessenen Entschädigung für diejenigen Sklavereistaaten und Sklavenhalter, die der Regierung treu geblieben waren und sich über einen Modus der Sklavenbefreiung einigen würden. Diesen Beschlüssen sollten solche Maßregeln folgen, die notwendig waren, die Wiederherstellung der Sklaverei unmöglich zu machen, um den Südländern alle Hoffnung auf ihre Wiederherstellung zu nehmen. Ich führte alle Einwände an, die gewöhnlich gegen einen solchen Plan gemacht wurden, und schloß mit einem Appell an den gesunden Menschenverstand und Patriotismus, das Ehr- und Gerechtigkeitsgefühl des amerikanischen Volkes.

Den Entwurf meiner Rede, welche in der gedruckten Ausgabe den Titel trägt »Aussöhnung und Befreiung«, brachte ich Lincoln, und er bat mich, ihn vorzulesen. Als ich geendet hatte, sagte er: »Ich rate Ihnen, diese Rede jetzt bei Ihrer Versammlung am 6. März zu halten, und vielleicht werden Sie noch am selben Tage etwas von mir zu hören bekommen.«

Unsere Versammlung im Cooper Institute gestaltete sich zu einer überwältigenden Kundgebung des Volkes. Der große Saal war gedrängt voll von einem Publikum, das alle Gesellschaftsklassen repräsentierte. Viele der hervorragendsten Männer von New York saßen auf der Tribüne. Jede Anspielung auf die Sklavenbefreiung als eine notwendige Maßregel zur Erhaltung der Union, als moralische Erlösung wurde mit einem Ausbruch warmer Begeisterung begrüßt. Es machte sich ein fast religiöses Feuer bei den ganzen Verhandlungen bemerkbar, ein Geist, der auch zuletzt die große Versammlung trieb, vor dem Aufbruch das alte Kirchenlied »Old Hundred« anzustimmen. Während die Redner noch sprachen, wurde plötzlich, von Horace Greeley, wenn ich mich recht erinnere, die Ankunft einer Depesche aus Washington angekündigt, die das Publikum sehr interessieren würde. Diese Depesche benachrichtigte uns, daß Lincoln an demselben Tage, am 6. März, eine besondere Botschaft an den Kongreß geschickt habe, in welcher er um eine gemeinsame Resolution beider Häuser folgenden Inhalts bat: »Daß die Vereinigten Staaten jeden Einzelstaat, der die allmähliche Aufhebung der Sklaverei beschließe, durch Geldmittel unterstützen und ihn dadurch in den Stand setzen solle, die aus solcher Veränderung erwachsenden Ungelegenheiten privater und öffentlicher Art nach seinem Gutdünken zu mindern«

Diese Ankündigung wurde von der ganzen Versammlung mit überschwänglicher Begeisterung aufgenommen. Jeder fühlte, daß, obgleich der vorgeschlagene Beschluß im höchsten Grade vorsichtig abgefaßt war, er doch das tatsächliche Verhältnis zwischen der Sklaverei und dem Kriege anzeigte. Die Abschaffung der Sklaverei durch das Mittel einer Entschädigung wurde hier unverkennbar als eine Friedens- und Wiedervereinigungsmaßregel angedeutet. Wenn die Sklavereistaaten sie zurückwiesen, mußten sie die Folgen tragen. Die weitere Auseinandersetzung, welche den Beschluß des Präsidenten begründete, lautete folgendermaßen: ,»Nach meinem Dafürhalten wäre eine allmähliche, nicht eine plötzliche Befreiung der Sklaven für alle Beteiligten besser. Ein solcher Vorschlag der Bundesregierung soll nicht ihr Recht begründen, in die Gesetzgebung des Einzelstaates ihrerseits einzugreifen, da sie die Bestimmung über die Sklaverei in jedem Falle dem Staate selbst und seinen Bewohnern überläßt. In meiner Jahresbotschaft vom letzten Dezember hielt ich es für angebracht, zu sagen: »Die Union muß erhalten bleiben, und folglich müssen alle notwendigen Mittel zu diesem Zwecke angewandt werden.« Ich habe das nicht in der Übereilung, sondern mit voller Überlegung ausgesprochen. Der Krieg ist ein unvermeidliches Mittel zu diesem Zwecke geworden und ist es noch jetzt. Eine tatsächliche Anerkennung der Bundesregierung würde den Krieg unnötig machen und sogleich beenden. Wenn jedoch die Auflehnung fortbesteht, muß auch der Krieg fortbestehen, und es ist unmöglich, alle Ereignisse, die damit zusammenhängen, und alle Zerstörungen, die ihm folgen müssen, vorauszusehen. Was unvermeidlich erscheint oder wirksam dazu zu dienen vermag, den Kampf zu beenden, muß und wird kommen.«

Die Möglichkeiten oder vielmehr Wahrscheinlichkeiten für die Zukunft lagen also deutlich vor uns. Lincoln, von Natur konservativ, war vollständig im Ernst, als er davon sprach, die langsame Befreiung der Sklaven einer plötzlichen Änderung vorzuziehen, und als er bei verschiedenen Gelegenheiten den alten Plan, die befreiten Neger irgendwo außerhalb der Vereinigten Staaten zu kolonisieren, wieder vorbrachte. Er hielt diesen Plan für sehr wünschenswert. Da er selbst in einem Sklavenstaat geboren und in einem sklavenhaltenden Gemeinwesen aufgewachsen war, sah er vielleicht klarer als die meisten Gegner der Sklaverei voraus, welche Rassenkonflikte der Emanzipation folgen würden, und er war bemüht, sie zu verhindern, oder sie wenigstens einzuschränken. Der Gang der Ereignisse wirkte jedoch auf seine vorsichtige und konservative Politik ein und drängte ihn in eine radikalere Richtung. Der Kongreß nahm die vom Präsidenten vorgeschlagene Resolution an, doch keiner der sklavenhaltenden Staaten reagierte darauf. Somit war die letzte Gelegenheit, eine allmähliche Abschaffung der Sklaverei mittels Entschädigung der Besitzer einzuführen, verloren gegangen. Vor Ende April nahm der Kongreß ein Gesetz an, das die Sklaverei im Distrikt Columbia verbot. Der Brauch, die Sklaven, welche sich zu unseren Truppen flüchteten, den Eigentümern wieder auszuliefern, ein Brauch, den mehrere der Befehlshaber beibehalten hatten, hörte ganz auf. Die Zeit war nahe, da Abraham Lincoln, die Bedürfnisse des Krieges erkennend, dem großmütigen Impulse seines Herzens gehorchend, und unterstützt von der aufgeklärten Meinung seiner Mitbürger, die Verordnung für die allgemeine Befreiung der Sklaven erließ, welche seinen Namen in der Weltgeschichte vor allem anderen unsterblich macht.

Die Prophezeiung, daß die Proklamierung einer Politik, welche den Krieg für die Erhaltung der Union ausdrücklich zu einem Kriege gegen die Sklaverei stempelte, alle Gefahr fremder Einmischung zugunsten des Südens beseitigen werde, erfüllte sich glänzend. Allerdings wurden nicht alle diejenigen bekehrt, die aus geschäftlichen oder politischen Gründen die Spaltung der amerikanischen Union herbeiwünschten. Ihre Pläne und Bestrebungen wurden jedoch jeder Möglichkeit einer Erfüllung beraubt, trotz der wiederholten und entmutigenden Schicksalsschläge, welche die Union noch erleiden mußte und die unsere Sache manchmal hoffnungslos erscheinen ließen. Vergebens machte ein großer Teil der Aristokratie und der reichen Mittelklasse Englands seiner Abneigung und Eifersucht in Spott und Hohn Luft. Vergebens verkündeten Englands Staatsmänner – sogar Gladstone –, die Union könne niemals die Rebellion unterdrücken und der Krieg sei nur ein nutzloses und gewissenloses Blutvergießen. Vergebens verlachten die »Times« und in ihrem Gefolge andere englische Zeitungen die Logik der Emanzipationserklärungen welche Lincoln erließ, und verurteilten sie als teuflische Aufstachelung zu einem Sklavenkriege. Die großen Massen des englischen Volkes erwachten, von der instinktiven Vorliebe für Freiheit bewegt, zur Erkenntnis der wahren Natur unseres Kampfes, und für sie sprachen viele Männer mit hoher moralischer Begeisterung. Aus »Exeter Hall« erscholl ein mächtiger Ruf für den amerikanischen Norden in seinem Kampf gegen die Sklaverei. Hunderte von öffentlichen Versammlungen wurden in ganz Großbritannien abgehalten, um gegen menschliche Knechtung begeistert sich auszusprechen. Es war, als ob Sewards Prophezeiung, daß die Emanzipation eine europäische Einmischung verursachen würde, um der Baumwollnot abzuhelfen, Lügen gestraft werden sollte, denn Tausende der darbenden Arbeiter von Lancashire kamen zusammen und verfaßten ein Schreiben an den Präsidenten Lincoln, in welchem sie ihre Teilnahme mit der Sache der Union aussprachen und ihm dankten für das, was er für die menschliche Freiheit getan hatte. Von da an hörte der Antisklaverei-Enthusiasmus im britischen Volk nicht mehr auf und sprach sich bei jeder Gelegenheit mit solcher Wucht aus, daß die eifrigsten Freunde der Südländer verdutzt und überwunden waren. Die Bewegung war so stark, daß die britische Regierung, wie auch ihre Sympathie sein mochte, es nicht gewagt haben würde, ihr zu trotzen.

Ich will nicht behaupten, daß England und Frankreich wirklich zugunsten der südlichen Konföderation eingeschritten wären, hätte die amerikanische Regierung dem Kriege nicht einen ausdrücklichen Antisklavereicharakter gegeben, es ist aber nicht ausgeschlossen. Sobald der Unionskrieg sich vor aller Welt zum Kriege gegen die Sklaverei gestaltet hatte, war die Einmischung fremder Mächte gegen die Union unmöglich geworden.

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