Als Flüchtling in der Schweiz.

Von Selz nach Straßburg wanderten wir zu Fuß. Es war ein herrlicher Sommersonntag. Eine Zeitlang konnten wir von unserer Straße aus die Türme von Rastatt in der Ferne sehen. Der Anblick des großen Gefängnisses, dem wir entkommen, würde das Vollgefühl unserer Freiheit zu lustigem Übermut entfesselt haben, hätte uns nicht der Gedanke an die unglücklichen Freunde gedrückt, die dort, eines dunklen Schicksals harrend, in der Gewalt ihrer Feinde saßen. Da wir noch unsere Uniformen trugen – andere Kleider hatten wir nicht –, so wurden wir in den elsässischen Dörfern, durch die uns unsere Straße führte, sofort als flüchtige deutsche Revolutionssoldaten erkannt und nicht selten von den Dorfleuten angehalten, die mit wohlwollender Neugier wissen wollten, wie wir davongekommen seien. So gab es denn mehrfache Rasten mit Wein und Imbiß und lustigen Gesprächen, bis wir spät abends Straßburg erreichten. Dort kehrten wir im „Rebstöck’l“ ein, einem Gasthaus, dessen Wirt wegen seiner deutschen Sympathien weit bekannt war. Er nahm uns äußerst freundlich auf und pflegte uns, nachdem er die Hauptzüge unserer Geschichte gehört, mit besonderer Sorge. Am nächsten Tage hatten wir uns mit unserm Laufpaß beim Präfekten zu melden. Dieser eröffnete uns, daß die französische Regierung beschlossen habe, die Flüchtlinge zu „internieren“; es sei daher weder in Straßburg noch irgendwo anders in der Nähe der Grenze lange unseres Bleibens; wir müßten so bald wie möglich zwischen einigen Städten im Innern Frankreichs, die er uns nannte, unsere Auswahl treffen, um dahin befördert zu werden; auch nach der Schweiz könne er uns keine Pässe geben. Aber gerade nach der Schweiz wollten wir und beschlossen daher insgeheim, auch ohne obrigkeitliche Bewilligung, dahin unsere Reise fortzusetzen.

Es war unterdessen die Nachricht angelangt, daß die pfälzischen und badischen Soldaten und Volkswehrmänner, die in die Hände der Preußen gefallen waren, und die sich nichts anderes als bloßen Dienst in der Revolutionsarmee hatten zuschulden kommen lassen, ohne weitere Strafe nach Hause geschickt werden sollten. Nur die Offiziere und sonstige besondere Übeltäter wurden zurückbehalten. Es stand also der Rückkehr Adams in seine Heimat nichts mehr entgegen, und ich ermahnte ihn, er solle diese Möglichkeit sofort benutzen. Adam drückte mir noch einmal seine Anhänglichkeit aus, an der ich gewiß keine Ursache hatte zu zweifeln. Aber er sah doch ein, daß mein Rat gut war, und entschloß sich, ohne Verzug zu den Seinigen in der Pfalz zurückzuwandern. Ich gab ihm einen Teil meiner Barschaft, und wir schieden voneinander mit aufrichtiger Rührung und mit dem Versprechen, gelegentlich einander zu schreiben. Erst als Adam schon fort war, fiel mir ein, daß ich seinen Familiennamen nie gekannt hatte, so daß ich ihm nicht schreiben konnte; und ich habe von meinem braven Gefährten seit jenem Abschiedstage auch nie wieder gehört.

Nachdem ich einige Stunden damit zugebracht hatte, das Straßburger Münster zu beschauen, rüsteten Neustädter und ich uns zur Abreise. Wir kauften uns leichte Staubröcke, die wir über unsere badischen Uniformen tragen konnten, und nahmen dann einen Eisenbahnzug nach Basel, stiegen aber, kurz ehe wir die Schweizer Grenze erreichten, an einer Wegestation aus, deren Namen ich vergessen habe. Es war gegen Abend. Wir gingen in das nahe Dorf und fanden ein kleines Wirtshaus, durch dessen offene Tür wir eine Frau am Herde beschäftigt sahen. Wir traten ein und fragten die Frau, ob sie uns zu essen geben könne, und aus langen Verhandlungen, ihrerseits in der uns schwer verständlichen elsässischen Mundart geführt, ging hervor, daß sie uns wohl einen Eierkuchen mit Speck zu bieten imstande sei. Während der Kuchen in der Pfanne zischte und duftete, trat der Wirt ein. Sein biederer Gesichtsausdruck erweckte Vertrauen, und ich hielt es für das beste, ihn offen mit unserer Lage bekannt zu machen, sowie mit unserm Wunsche, die Grenze der Schweiz zu passieren, ohne auf einen Beamten zu stoßen, der uns nach einem Paß oder einer sonstigen Legitimation fragen möchte. Das lebhafte Interesse und die genaue Sachkenntnis, die der Wirt uns entwickelte, ließen vermuten, daß dem Biedermann die Schleichwege der Grenzschmuggler durchaus nicht fremd seien. Nach eingetretener Dunkelheit begleitete er uns eine Strecke und gab uns dann eine sehr klare Beschreibung der Fußpfade, auf denen wir alle Grenzwächter vermeiden und nach nicht gar langer Wanderung das schweizerische Dörfchen Schönebühl erreichen würden. Dort bezeichnete er uns eine am Wege stehende Scheune, die wir wahrscheinlich offen finden, und in der wir uns auf gutem Heulager bis zum Morgen würden ausruhen können. Genau folgten wir seinen Anweisungen, und es mochte etwa Mitternacht sein, als wir uns in der bezeichneten Scheune auf duftigem Heulager zum Schlafe ausstreckten.

Mit Sonnenaufgang waren wir wieder auf den Füßen und erfragten uns von den Bauern, die zu ihrer Arbeit gingen, den Weg nach Bern, – denn ich hatte in Straßburg erfahren, daß Anneke und die übrigen Freunde, denen ich mich anschließen wollte, sich in Bern aufhielten. Die Straße führte uns zuerst durch fruchtbare Talgründe. Es war ein sonniger Tag. Die Felder wimmelten von Landleuten, mit der Ernte beschäftigt. Ich erinnere mich noch deutlich der Empfindungen, die mich auf jenem Marsche bewegten. Ich freute mich an dem Bilde heitern Friedens, aber immer stieg mir wieder der Gedanke auf: „Wie viel glücklicher sind doch diese da als du. Wenn sie ihre schwere Arbeit getan haben, so kehren sie nach Hause zurück. Sie haben eine Heimat; du hast keine mehr.“ Ich konnte diese trüben Reflexionen nicht los werden, bis wir ins Münstertal eintraten, jenen großartig wilden Spalt im Juragebirge, den eine gewaltige Erdrevolution aufgerissen zu haben schien. Nachdem wir geruht, konnte ich das Verlangen nicht bezähmen, sogleich die Alpen zu sehen. So stiegen wir denn jenseits von Moutiers den etwa 4000 Fuß hohen Monto hinauf, und da stand dann in klarer Ferne die wunderbare Erhabenheit der Schneehäupter vor uns. Es war mir ein seltsam stärkender, ermutigender Anblick.

In einem tiefen Tal auf der andern Seite des Monto kehrten wir in einer kleinen Schenke ein, in der wir einen intelligent aussehenden Mann mit einem Knaben fanden, die sich an Trunk und Imbiß erquickten. Als wir uns bei dem Manne nach dem Wege und den Entfernungen erkundigten, gab er uns freundliche Auskunft und erzählte uns weiter, er wohne in Bern und habe die Stadt erst vor wenigen Tagen verlassen, um mit dem Knaben, seinem Sohn, eine Fußreise zum Vergnügen zu machen. Auf weitere Fragen erfuhren wir, daß er viele von den deutschen Flüchtlingen kannte, unter andern auch meine Freunde, und daß diese sich allerdings in Bern eine Zeitlang aufgehalten hatten, aber vor wenig mehr als einer Woche von dort abgereist und nach Dornachbruck bei Basel gezogen seien, wo ich sie jetzt finden könne. Das war mir eine verdrießliche Nachricht. Um zu ihnen zu stoßen, mußte ich also den Weg wieder zurückgehen, den ich gekommen war. Ich entschloß mich sofort dazu. Neustädter aber, der meine Freunde nicht kannte, und der in der Stadt Bern irgendwelche Beschäftigung zu finden hoffte, zog vor, seine Reise dahin fortzusetzen. So trennten wir uns denn in der kleinen Schenke im Tal, und ich sah Neustädter erst achtzehn Jahre später in St. Louis am Mississippi wieder, wo er eine bescheidene, aber geachtete Stellung einnahm, und wo wir die Erinnerung an unser gemeinsames Jugendabenteuer mit Behagen auffrischten.

Meine Ankunft in Dornachbruck brachte mir eine neue Enttäuschung. Im Gasthause des Dorfes erfuhr ich, daß Anneke und andere meiner Freunde allerdings vor wenigen Tagen dagewesen, aber nach kurzem Aufenthalt nach Zürich abgereist seien. Gern wäre ich sofort weiter gewandert, aber ich wußte nicht, ob nicht die, welche ich suchte, auch nicht schon wieder von Zürich abgezogen waren. Auch war meine Barschaft fast gänzlich erschöpft, und überdies fühlte ich mich sehr ermüdet. So beschloß ich denn, vorläufig in Dornachbruck zu bleiben, ließ mir im Gasthofe ein Zimmer anweisen, schrieb nach Hause um etwas Geld und zurückgelassene Kleider und legte mich zu Bett. Die großen Aufregungen und Strapazen der letzten Tage fingen nun an, ihre Wirkung zu üben. Ich war sehr abgespannt und kam mir äußerst einsam und verlassen vor. Selbst der Schlaf erquickte mich wenig. Trübselig ging ich im Dorf und der Umgebung umher und brachte manche Stunde in dem verfallenen Turm einer Burgruine, auf einem benachbarten Hügel im Grase liegend oder auf Mauertrümmern sitzend zu. Die Wirtstochter, eine kräftige Jungfrau von etwa 25 Jahren, die dem Hauswesen vorstand, war die einzige menschliche Seele, die meine krankhafte Stimmung zu bemerken schien, und die sich meiner mitfühlend annahm. In der furchtbaren Mundart des Basellandes, die mir nur schwer verständlich war, redete sie mir Trost und Mut zu, bereitete mir ihre besten Leckerbissen und gab mir auch ihr bestes Buch zu lesen. Es war „Stifters Studien“, ein Buch, das mir zuerst für ihren Begriffskreis zu hoch scheinen wollte. Aber ich fand bald, daß diese junge Schweizerin einen recht guten Schulunterricht genossen hatte und trotz ihrer baselländischen Sprache in der deutschen Literatur nicht unbewandert war. Aber meine Schwermut wurde immer düsterer; die Zukunft lag wie eine dunkle Wolke vor mir. Ich bildete mir zuletzt ein, ich sei ernstlich krank, und brachte den größten Teil des Tages in halbträumenden Zustande auf dem Bette liegend zu. Ich mochte wohl zehn Tage lang in Dornachbruck gewesen sein, als ich eines Morgens eine auffallend laute Stimme auf dem Hausflur meinen Namen nennen hörte. „Das ist ja der leibhaftige Strodtmann!“ rief ich aus, indem ich vom Bette aufsprang. Er war es in der Tat, und im nächsten Augenblicke stand er vor mir. Er war von Bonn herangereist, um mir einen Brief von meinen Eltern und Dutzende von meinen Universitätsfreunden zu bringen; auch einen Beutel voll Geld, und was ich sonst bedurfte. Mein Entkommen aus Rastatt hatte in Bonn die freudigste Aufregung hervorgebracht, die in den Briefen sehr lebhaften Ausdruck fand, und von der mir Strodtmann nicht genug erzählen konnte. Nun war meine elegische Stimmung auf einmal verschwunden. Ich fühlte mich plötzlich wieder vollkommen wohl; und nachdem wir unser Wiedersehen mit der besten Mahlzeit, die das Gasthaus in Dornachbruck leisten konnte – Strodtmann war nämlich ein Feinschmecker –, passend gefeiert hatten, beschlossen wir, am nächsten Tage unsere Reise nach Zürich anzutreten, wo Strodtmann einige Zeit bei mir zu bleiben versprach.

So zogen wir denn los in lustiger Studentenweise, kehrten häufig ein und wanderten wieder vorwärts mit gesteigerter Heiterkeit. An der Aar, im Angesicht der Ruine Habsburg, nicht weit von dem Fleck, wo vor Jahrhunderten Kaiser Albrecht von Johann von Schwaben erschlagen worden war, lagerten wir uns ins Gras, verloren uns in geschichtlichen Betrachtungen und poetischen Ergüssen und schliefen ein. Es war Abend, als ein schweizerischer Gendarm uns weckte. Wir fanden im nächsten Wirtshaus Nachtquartier, und am Tag darauf nahmen wir Plätze auf der Postkutsche nach Zürich, da es uns anständiger schien, so dort anzukommen, und da unser Kassenbestand uns solchen Luxus erlaubte. Das war meine letzte Studentenfahrt. Als wir nun oben auf der Kutsche sitzend in Zürich einfuhren – was sollte ich sehen? Da standen am Halteplatz des Postwagens, als hätten sie meine Ankunft erwartet, Anneke, Techow, Schimmelpfennig und Beust, die Freunde, die ich so lange auf meiner Irrfahrt gesucht. Aber ihre Überraschung war nicht geringer als die meinige. Als ich so plötzlich unter sie sprang, trauten sie ihren Augen nicht. Von meinem Entkommen aus Rastatt hatten sie in der Schweiz nichts vernommen. Auch hatten sie meinen Namen nicht in den Zeitungen gefunden, die über die in Rastatt gefangenen Revolutionsoffiziere berichteten. Von niemand hatten sie über mich Nachricht empfangen. So hatten sie dann geglaubt, ich sei auf irgendeine Weise verloren gegangen, vielleicht im letzten Gefecht, vielleicht bei einem Versuch, durch die preußischen Linien zu dringen. Als sie mich nun lebendig und in unzweifelhafter Gestalt vor sich sahen, war der Ausrufe des Erstaunens kein Ende.

Sogleich wurde für meine Einrichtung gesorgt. Ehe es Abend wurde, hatte ich schon ein kleines Schlafzimmer bei der Bäckerswitwe Landolt im Dorfe Enge, einer kleinen Vorstadt von Zürich, gemietet mit dem Recht, einen anstoßenden großen mit einem langen Tisch und zwei Bänken möblierten Raum zu benutzen. Strodtmann nahm eine Stube im benachbarten Wirtshaus. Meine Freunde wohnten zusammen in der Nähe beim Schulmeister von Enge. Alles ließ sich gemütlich genug an. Solange Strodtmann bei mir war, bewegten sich meine Gedanken noch meist in den alten Verhältnissen, und mein Aufenthalt in Zürich hätte als ein Abschnitt einer studentischen Vergnügungsreise gelten können. Aber nach etwa zehn Tagen kehrte der liebe gute Freund nach Bonn zurück, und nun begann für mich das Flüchtlingsleben in seiner wahren Gestalt. Ich war noch nicht zu dessen klarer Erkenntnis gekommen, als die Krankheit, die sich schon in Dornachbruck gemeldet hatte und dann durch die frohe, durch Strodtmanns Kommen hervorgebrachte Aufregung unterbrochen worden war, sich zu einem heftigen Fieber entwickelte, das mich ein paar Wochen im Bett hielt. Der Arzt von Enge, sowie die gute Witwe Landolt und ihre Tochter sorgten treulich für mich, und ich genas. Aber als ich wieder aufstand, fand ich mich in einer fremden Welt. Es kam mir zum Bewußtsein, daß ich absolut nichts zu tun hatte. Mein erster Impuls war, mir eine regelmäßige Beschäftigung zum Lebensunterhalt zu suchen. Ich überzeugte mich bald, daß für einen jungen Menschen meiner Art, der etwa Unterricht im Lateinischen, Griechischen und der Musik hätte geben können, bei einer Bevölkerung, welche die massenhaft eingeströmten Flüchtlinge keineswegs gern sah, an eine lohnende Erwerbstätigkeit nicht zu denken sein werden, wenigstens nicht auf einige Zeit hinaus. Die andern Flüchtlinge waren in derselben Lage, aber viele von ihnen blickten auf solche Bestrebungen, solange das mitgebrachte Geld nicht erschöpft war, mit einer gewissen vornehmen Geringschätzung herab. Es stand bei ihnen durchaus fest, daß in naher Zukunft in den politischen Verhältnissen des Vaterlandes ein neuer Umschwung eintreten müsse. Niemand übt die Kunst, sich selbst mit den windigsten Illusionen zu täuschen, so geschickt, geschäftsmäßig und unverdrossen aus wie der politische Flüchtling. In jeder Zeitung gelang es uns, Nachrichten zu finden, die auf den unvermeidlichen und baldigen Ausbruch einer neuen Revolution klar hindeuteten. Es war gewiß, daß wir bald triumphierend in das Vaterland zurückkehren und dann als die Vorkämpfer und Märtyrer unserer siegreichen Sache die Helden des Tages sein würden. Warum sollte man sich da Sorge um die Zukunft machen? Wichtiger schien es, für die kommende Aktion die Rollen zu verteilen. Mit tiefem Ernste erörterte man, wer bei der bevorstehenden Umwälzung Mitglied der provisorischen Regierung, Minister, militärischer Führer werden sollte, und wer nicht. Man saß über den Charakter, die Fähigkeiten und besonders die „revolutionäre Gesinnungstüchtigkeit“ aller, die dabei in Betracht kommen konnten, scharf zu Gericht, und wenige vergaßen dabei die Stellung, zu welcher sie sich selbst berechtigt hielten. Kurz, man disponierte über die zukünftige Herrlichkeit, als hätte man das Heft der Macht tatsächlich in der Hand. Dieser Geist war wohl geeignet, die Entwicklung eines leichtsinnigen Wirtshauslebens zu fördern, dem sich viele unserer Schicksalsgenossen denn auch nach Kräften hingaben. Ich hörte nicht selten Flüchtlinge mit einer Art vornehmen Hochgefühls sagen, daß das Vaterland auf uns als die Helfer und Führer blicke; daß wir unser Leben dieser hohen Pflicht ungeteilt widmen müßten, und daß wir daher unsere Zeit und Kräfte nicht mit alltäglichen, spießbürgerlichen Beschäftigungen zersplittern und vergeuden dürften. Zur Verhütung solches Zersplitterns war es denn am besten, sich mit Gleichgesinnten über die Interessen der Freiheit und des Vaterlandes zu besprechen und sich in dieser patriotischen Arbeit höchstens die Erholung einer Partie Domino oder Kegel oder eines Ausfluges nach einem nahen Vergnügungsorte zu gönnen.

Ich muß zugestehen, daß ich die Illusion über das Bevorstehen einer neuen revolutionären Erhebung treuherzig teilte. Aber das Wirtshaus hatte für mich nicht den geringsten Reiz, und bald fing das Flüchtlingsleben an, mich wie eine fürchterliche Öde anzustarren. Es befiel mich wie wahrer Hunger nach einer geregelten und nützlichen geistigen Arbeit. Zuerst schloß sich dieses Verlangen an die Aufgaben an, die ich als junger Mann in den vorausgesehenen neuen Kämpfen in Deutschland zu erfüllen haben würde. Mit meinen nächsten Freunden, die fast alle preußische Offiziere gewesen und vortreffliche Lehrer waren, ging ich die militärischen Operationen in Baden auf einer eigens dazu gezeichneten Karte kritisch durch. Daran knüpfte sich dann eine Reihe von militärischen Studien, taktischen und strategischen Charakters, zu denen mir meine Freunde das Material und die nötige Unterweisung lieferten, und die ich mit großem Eifer betrieb. Ich ahnte damals nicht, daß die so gesammelten Kenntnisse mir dereinst auf einem von Deutschland sehr entfernten Operationsfelde zugute kommen könnten und daß einer meiner Lehrer, Schimmelpfennig, einmal als Brigadekommandeur unter meinen Befehlen stehen würde.

Aber diese Arbeit tat mir nicht Genüge. Meine alte Liebe zu historischen Studien war ungeschwächt, und da es mir gelang, zu einer ziemlich wohlausgestatteten Bibliothek Zutritt zu erhalten, in der ich Rankes Werke und manche andere Bücher von Wert fand, so war ich bald wieder in die Geschichte der Reformationszeit vertieft. Als der Winter kam, wurde meine von der guten Witwe Landolt gemietete Stube mangelhafter Heizung wegen unbehaglich. Ich bezog also mit einem pfälzischen Revolutionsgenossen, einem alten Oberförster namens Emmermann, ein bequemes Quartier in der Wohnung eines Kaufmanns namens Dolder, im dritten Stock eines ansehnlichen Hauses am Schanzengraben. Mein Stubenkamerad Emmermann war ein Fünfziger und hatte das typische alte Oberförstergesicht jener Zeit – wettergebräunt, von scharfen Augen beleuchtet, von einem Netz tiefer Furchen und Fältchen durchzogen, und mit einem riesenhaften, ins Graue spielenden Schnurrbart geschmückt. Er war ein alter Jungeselle, eine gute, liebenswürdige, menschenfreundliche Seele, und wir lebten in heiterem Frieden und ungetrübter Freundschaft zusammen. Er erzählte mir oft, sein Forsthaus habe in der Nähe eines Ortes gelegen, der Tronegg geheißen und in grauer Vorzeit der Sitz des finstern Helden des Nibelungenliedes, Hagen von Tronje, gewesen sei. Etwa zwanzig Jahre später starb mein Freund Emmermann als Forstbeamter des Herrn von Planta in Graubünden, in dessen Dienste er getreten war, als die neue Revolution in Deutschland immer nicht kommen wollte.

Unser Hausherr, der Kaufmann Dolder, an dessen Tisch wir auch unsere Mahlzeiten nahmen, war ein Mann von der durchschnittlichen schweizerischen Bildung, die bei dem vortrefflichen Unterrichtswesen im Kanton Zürich eben nicht niedrig steht. Er nahm an allen Zeitereignissen ein lebhaftes und intelligentes Interesse und war besonders stolz darauf, im Sonderbundskriege als Major im eidgenössischen Heer gedient zu haben. Seine einzige „Schlacht“ war allerdings nur ein kleines Gefecht bei Lunnern gewesen, aber obgleich man bei dieser Affäre auch nur wenige Schüsse gewechselt hatte, so erzählte er doch gern davon. Auch besaß er eine kleine Sammlung militärischer Bücher, die er mir bereitwillig zur Verfügung stellte; und wenn ich sonst wissenschaftliches Material bedurfte, so bemühte er sich eifrig, mir dazu zu verhelfen. Mit warmer Dankbarkeit gedenke ich auch seiner Gattin, einer Frau in mittleren Jahren, weder schön noch geistreich, aber in hohem Grade verständig und von einer edlen Mütterlichkeit des Wesens. Sie erinnerte mich nicht selten so lebhaft an meine eigene Mutter, daß es mir in ihrer Nähe fast heimatlich zumute wurde.

So lebte ich in angenehmen häuslichen Verhältnissen und setzte meine militärischen und geschichtlichen Studien emsig fort. Obgleich ich das Bierhausleben vermied, so schloß ich mich doch keineswegs von dem Verkehr mit den Flüchtlingen im größeren Kreise ab. Wir hatten einen politischen Klub, der sich wöchentlich versammelte und an dessen Verhandlungen ich regen Anteil nahm. Dieser unterhielt eine Korrespondenz mit gewissen Gesinnungsgenossen im Vaterlande, unterrichtete sich über die Volksstimmung und alles, was als Vorzeichen der kommenden neuen Revolution gelten konnte, und suchte hier und da nachzuhelfen, – eine Tätigkeit, von der ich erst später einsehen lernte, wie illusorisch sie war. In der Tat kam mir schon damals der Gedanke, die Revolution möchte etwas länger, als wir geglaubt, auf sich warten lassen, und ich fing an, für mich selbst Zukunftspläne zu machen. Es ging das Gerücht, daß die schweizerische Bundesregierung beabsichtige, in Zürich eine große eidgenössische Universität zu errichten. An dieser Universität dachte ich im Laufe der Zeit, wenn die neue deutsche Revolution gar zu lange auf sich warten lassen sollte, mich als Privatdozent der Geschichte etablieren und mir dann nach und nach eine Professur erobern zu können. Vorläufig engagierte ich mich, der von meinem Freunde Dr. Hermann Becker, dem „roten Becker“, redigierten Zeitung in Köln Korrespondenzen und Artikel gegen Honorar zu liefern und mich so bei meinen äußerst bescheidenen Bedürfnissen bis zur Erlangung eines festen Erwerbes über Wasser zu halten. So glaubte ich denn, im Nebel der Zukunft einige Lichtblicke zu sehen.

Meine merkwürdigste Bekanntschaft in jenen Tagen war die von Richard Wagner, der infolge seiner Beteiligung an den revolutionären Ereignissen in Dresden auch in Zürich als Flüchtling lebte. Er hatte schon einige seiner bedeutendsten Werke geschaffen, aber seine Größe war nur in einem engen Kreise erkannt worden. Unter seinen damaligen Schicksalsgenossen war er keineswegs beliebt. Er galt als ein äußerst anmaßender, herrischer Geselle, mit dem niemand umgehen könne, und der seine Gattin, eine recht stattliche, gutmütige, aber geistig nicht hervorragend begabte Frau, sehr schnöde behandelte. Wer uns damals seine großartige Laufbahn prophezeit hätte, würde wenig Glauben gefunden haben. Ich, ein unbedeutender und schüchterner junger Mensch, kam ihm natürlich auch nicht nahe. Obgleich ich mehrmals mit ihm zusammengetroffen bin und mit ihm gesprochen habe, hat er mich schwerlich jemals hinreichend bemerkt, um sich später meiner zu erinnern.

Es würde mir wahrscheinlich im Laufe der Zeit gelungen sein, mir, wenn auch nicht an der großen eidgenössischen Universität in Zürich, deren Einrichtung wohl nicht ernstlich beabsichtigt wurde, aber doch an irgendeiner andern Anstalt eine Lehrstelle zu gewinnen, wäre nicht die stille Geschäftigkeit meiner Existenz von einem Ereignis unterbrochen worden, das meinen Lebenslauf in eine andere Richtung zu drängen bestimmt war. Das unglückliche Schicksal meines Freundes Kinkel erregte mein Mitgefühl in so hohem Grade, daß ich einem Ruf um Hilfe, der an mich erging, nicht widerstehen konnte. Kinkel war, wie schon erwähnt, unmittelbar vor der Einschließung von Rastatt in einem Gefechte am Kopf verwundet und von den Preußen ergriffen worden. Man brachte ihn zuerst nach Karlsruhe und dann, nachdem durch die Übergabe von Rastatt der Aufstand sein Ende erreicht hatte, in diese Festung, wo er mit den übrigen gefangenen Notabilitäten der pfälzisch-badischen Erhebung kriegsgerichtlich abgeurteilt werden sollte. Am 4. August erschien Kinkel vor dem Kriegsgericht, das aus preußischen Offizieren bestand. Todesurteile waren damals an der Tagesordnung, und es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß vom Armeekommando sowohl wie von der preußischen Regierung Kinkels Verurteilung zum Tode gewünscht und erwartet wurde. Aber Kinkel führte seine Verteidigung zum Teil selbst, und dem Zauber seiner wunderbaren Beredsamkeit konnten sich auch die an den blutigen Geist des Kriegsrechts und den strengsten Glauben an die absolute Königsgewalt gewöhnten Offiziere, die seine Richter waren, nicht entziehen. Anstatt zum Tode verurteilten sie ihn zu lebenslänglicher Festungshaft.

Den Freunden Kinkels, den Verehrern des Dichters, ja, ich darf sagen einer großen Mehrheit des deutschen Volkes erschien dieser Urteilsspruch immer noch grausam genug. Aber die preußische Regierung gab sofort ihre Unzufriedenheit mit diesem Spruche zu erkennen, weil er zu milde sei. Es kam ein Gerücht in Umlauf, daß das Erkenntnis vorgekommener Formfehler wegen beiseite gesetzt, und daß Kinkel vor ein neues Kriegsgericht gestellt werden solle. Wochenlang hatte der Arme mit Bangen und Hoffen auf die Bestätigung oder Verwerfung des Urteils zu warten, bis endlich am 30. September folgende Bekanntmachung erschien:

„Warnung. Der ehemalige Professor und Wehrmann in den Freischaren, Johann Gottfried Kinkel aus Bonn, wurde, weil er unter den badischen Insurgenten mit den Waffen in der Hand gegen preußische Truppen gefochten, durch das zu Rastatt angeordnete Kriegsgericht zu dem Verlust der preußischen Nationalkokarde und, statt zur Todesstrafe, nur zu lebenslänglicher Festungsstrafe verurteilt. Zur Prüfung der Gesetzlichkeit wurde dies Urteil von mir dem königlichen Generalauditoriate, und von demselben als ungesetzlich Sr. Majestät dem König zur Aufhebung überreicht. Allerhöchstdieselben haben jedoch aus Gnaden die Bestätigung des Erkenntnisses mit der Maßgabe zu befehlen geruht, daß der p. Kinkel die Festungsstrafe in einer Zivilanstalt verbüße. Diesem allerhöchsten Befehl gemäß ist von mir das kriegsgerichtliche Erkenntnis dahin bestätigt, daß der p. Kinkel wegen Kriegsverrats mit dem Verlust der preußischen Nationalkokarde und einer zu verbüßenden Festungsstrafe zu bestrafen, und zum Vollzug des Erkenntnisses die Abführung des Verurteilten nach dem Zuchthause angeordnet worden, was hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht wird.

Hauptquartier Freiburg, 30. September 1849.

Der kommandierende General des ersten Armeekorps

der königl. preußischen Operationsarmee am Rhein

v. Hirschfeld.“

Dieses unerhörte Verfahren rief selbst bei vielen von denen, die Kinkels politische Meinungen nicht teilten und seine Handlungen mißbilligten, die tiefste Entrüstung hervor. Das in aller Form gefällte Erkenntnis eines Kriegsgerichts wurde ungesetzlich genannt, nur weil es nicht auf den Tod lautete. Es wurde ein Akt der Gnade genannt, daß der König, das als „ungesetzlich“ erkannte Urteil des Kriegsgerichts dennoch annehmend, die Festungsstrafe in Zuchthausstrafe verwandelte. Was war Festungsstrafe? Einsperrung in eine Festung unter militärischer Bewachung, bei welcher der Gefangene immerhin die Zeichen seiner bürgerlichen Identität, seinen Namen, seine Kleider, seinen Charakter als Mann behielt, eine dieses Charakters nicht unwürdige Behandlung seitens seiner Wächter empfing, ja wo ihm nicht selten seine gewohnten geistigen Beschäftigungen verblieben, – eine Haft, aber keine Beschimpfung, keine Marter. Und was war Zuchthausstrafe? Einsperrung in eine Strafanstalt der gemeinen Verbrecher, wo der Gefangene mit dem Diebe, dem Fälscher, dem Raubmörder gleichgestellt, wo sein Haupthaar geschoren, seine bürgerliche Kleidung mit der Zuchthausjacke vertauscht wurde, – wo er seinen Namen verlor und statt dessen eine bloße Nummer empfing, wo er im Falle eines Disziplinarfehlers mit Stockschlägen gezüchtigt werden durfte, wo er sein ganzes geistiges Leben aufzugeben hatte, um dafür geisttötende Zwangsarbeit zu verrichten. Nicht etwa von einem Todesurteil, denn ein solches war nicht gefällt, – sondern von jener Festungshaft zu dieser Zuchthausstrafe wurde Kinkel „begnadigt“, – er, der Kunstgelehrte, der so manchem jungen Geiste das Reich des Schönen aufgeschlossen, der Dichter, der so manches deutsche Herz erfreut und erhoben, der liebenswürdige, weichmütige, lebensfrohe Mensch, den nur seine Begeisterung für Freiheit und Vaterland und sein warmes Gefühl für das aufstrebende Volk zu dem geführt hatte, was man als sein Verbrechen ansehen mochte. Selbst wenn er nach dem Kampfe, den er verloren, dem Gesetze nach einer Strafe verfallen war, so empörte sich doch der gesunde Sinn selbst vieler Andersdenkenden gegen die grausame Willkür, die ihn über den Wahrspruch des Kriegsgerichts hinaus nicht allein bestrafen, sondern beschimpfen und unter den Auswurf der Menschheit verweisen wollte. Selbst der Tod, der ihm doch seine Manneswürde gelassen hätte, würde weniger grausam erschienen sein, als solche „Gnade“.

Kinkel wurde nun zuerst in das badische Gefängnis in Bruchsal gebracht, um bald darauf in das Zuchthaus zu Naugard in Pommern übergeführt zu werden. Man wollte ihn offenbar vom Rheinlande, dem Herde der Sympathie für ihn, möglichst weit entfernen. Geschorenen Hauptes, in graue Züchtlingsjacke gekleidet, hatte er seine Tage mit Wollespulen zu verbringen. An den Sonntagen mußte er seine Zelle scheuern. Von aller geistigen Tätigkeit wurde er so viel wie möglich abgeschnitten. Seine Nahrung war diejenige der im Zuchthause eingesperrten Verbrecher. Vom Tage seiner Ankunft in Naugard, dem 8. Oktober 1849, bis zum April 1850 erhielt er nur ein Pfund Fleisch. Doch scheint er das Herz des Direktors des Zuchthauses bald gewonnen zu haben, denn seine Behandlung nahm nach und nach einen etwas rücksichtsvolleren Charakter an; und es wurden ihm kleine Vergünstigungen gewährt. Man gestattete ihm eine etwas häufigere Korrespondenz mit seiner Gattin, – wobei freilich alle Briefe immer offen durch die Hände des Direktors gingen; er wurde von dem sonntäglichen Scheuern seiner Zelle dispensiert; ein kleines Geschenk von Zuckerwerk, welches seine Familie ihm zu Weihnachten schickte, wurde ihm überliefert. Aber Wolle spulen mußte er noch immer, und als unser guter Strodtmann, damals noch Student in Bonn, durch ein Gedicht: „Das Lied vom Spulen“, für Kinkel an das Volksherz appellierte, wurde der junge Dichter sofort von der Universität ausgestoßen.

Unterdessen gingen in Köln die Vorbereitungen für die Prozessierung derjenigen vor sich, die im Mai 1849 sich an dem Zuge von Bonn nach Siegburg beteiligt hatten, und im Anfang des Jahres 1850 verbreitete sich das Gerücht, daß die Regierung beabsichtige, im Frühling Kinkel von Naugard nach Köln zu bringen, um auch ihn wegen der Siegburger Sache vor Gericht zu stellen und weiter bestrafen zu lassen.

Es war im Februar 1850, daß ich einen Brief von Frau Kinkel empfing. In brennenden Farben schilderte sie mir die entsetzliche Lage ihres Mannes und den Jammer der Familie. Aber die geistvolle und energische Frau sprach keineswegs zu mir in dem Tone jener ohnmächtigen Verzweiflung, die nur die Hände ringt und sich dem übermächtigen Schicksal schwachmütig unterwirft. Der Gedanke, daß es möglich sein müsse, Mittel und Wege zur Befreiung ihres Mannes zu finden, beschäftigte sie Tag und Nacht. Schon seit Monaten hatte sie mit Freunden korrespondiert, in deren Gesinnung sie Vertrauen setzte, und deren Tatkraft sie anzuregen hoffte. Einige hatten auch Befreiungspläne mit ihr beraten, andere ihr Summen Geldes zur Verfügung gestellt. Aber, schrieb sie mir, niemand habe sich bereit gezeigt, selbst das Wagestück zu unternehmen. Was not tue, sei ein Freund, der Mut, Ausdauer und Geschick habe, und der seine ganze Kraft dem Befreiungswerk widmen wolle, bis es gelungen sei. Sei selbst würde den Versuch machen, müßte sie nicht fürchten durch ihr Erscheinen in der Nähe ihres Mannes sofort Verdacht zu erregen und die ihn umgebende Wachsamkeit noch zu verschlimmern. Aber es müsse schnell gehandelt werden, ehe die nagende Qual des Gefängnislebens Kinkels geistige und körperliche Kraft völlig zerstört hätte. Dann teilte sie mir mit, daß Kinkel, dem Gerücht gemäß, im April wegen der Siegburger Affäre in Köln vor das Geschworenengericht gestellt werden solle, und daß sich dann vielleicht günstige Gelegenheit für einen Befreiungsversuch bieten möchte. Sie bat mich nun um meinen Rat, da sie sowohl meiner Freundschaft wie meinem Urteil vertraue.

Die Nacht nach der Ankunft dieses Briefes lag ich lange wach. Zwischen den Zeilen hatte ich darin die Frage gelesen, ob ich nicht selbst das Wagnis unternehmen wolle. Diese Frage ließ mich nicht schlafen. Ich sah Kinkel in seiner Züchtlingsjacke am Spulrade beständig vor mir, und ich konnte den Anblick kaum ertragen. Als Freund war ich ihm von Herzen zugetan. Auch glaubte ich, daß er berufen sein möchte, mit seinen Geistesgaben, seinem Enthusiasmus und seiner seltenen Beredsamkeit der Sache des Vaterlandes und der Freiheit noch große Dienste zu leisten. Der Wunsch, ihn, wenn ich könnte, Deutschland und seiner Familie wiederzugeben, wurde mir unwiderstehlich. Ich entschloß mich, es zu versuchen, und beruhigt von diesem Entschluß schlief ich ein.

Am nächsten Morgen fing ich an, mir die Sache im einzelnen zu überlegen. Ich erinnere mich jenes Morgens noch sehr klar. Zwei Bedenken beschäftigten mich ernstlich. Das eine war, ob ich fähig sei, ein so schwieriges Unternehmen zu glücklichem Ende zu führen. Ich sagte mir, Frau Kinkel, die doch am meisten zu gewinnen und zu verlieren habe, schiene mich doch für fähig zu halten, und dann gezieme es sich mir nicht, ihrem Vertrauen gegenüber meine Fähigkeit in Zweifel zu stellen. Würden aber diejenigen, deren Mitwirkung bei einem so gefährlichen Streich gewonnen werden müßte, einem so blutjungen Menschen, wie ich war, dasselbe Vertrauen entgegenbringen? Ich konnte es mir vielleicht durch festes und besonnenes Auftreten erwerben. Auch sagte ich mir, daß ich als junger, unbedeutender und wenig gekannter Mensch weit eher unbemerkt bleiben würde als ein älterer und mehr bekannter Mann, und daß ich mich daher mit geringerer Gefahr in den Rachen des Löwen wagen könne. Und schließlich, – würden ältere, erfahrene, an genaues Abwägen der Chancen gewöhnte Männer sich überhaupt willig finden, alles das zu tun, was die Lösung der Aufgabe erfordern möchte? Vielleicht nicht. Kurz, dies war, alles bedacht, ein Stück Arbeit für einen jungen Menschen, und meine Jugend erschien mir zuletzt eher im Lichte eines Vorzuges als eines Nachteils.

Mein zweites Bedenken betraf meine Eltern. Konnte ich es ihnen gegenüber verantworten, nachdem ich soeben einem furchtbaren Schicksal entgangen war, Leben und Freiheit nochmals aufs Spiel zu setzen? Würden sie es billigen? Eines war mir klar: ich durfte meine Eltern in diesem Falle nicht um ihre Einwilligung fragen, denn ich hätte dann mit ihnen über mein Vorhaben korrespondieren müssen, und eine solche allen möglichen Zufällen unterworfene Korrespondenz hätte leicht zur Entdeckung und gänzlichen Vereitelung des Planes führen können. Nein, sollte das Unternehmen gelingen, so mußte es ein tiefes Geheimnis bleiben, von dem nur die Mitwirkenden wissen durften, und auch diese womöglich nur teilweise. Selbst den Meinigen durfte ich es nicht einmal mündlich anvertrauen, denn ein Gespräch unter ihnen, zufällig von Unberufenen gehört, könnte es verraten. Ich mußte mir also die Frage der Einwilligung meiner Eltern selbst beantworten, und ich beantwortete sie schnell. Sie waren warme Bewunderer Kinkels und ihm in herzlicher Freundschaft ergeben. Sie waren gute Patrioten. Meine Mutter, so dachte ich, die mir im vorigen Jahre, als ich auszog, selbst meinen Säbel gereicht, würde mir sagen: „Geh und rette Deinen Freund.“ Somit waren alle Bedenken überwunden.

An demselben Tage schrieb ich an Frau Johanna, sie würde meiner Meinung nach wahrscheinlich das Los ihres Mannes nur erschweren, wenn sie einen Befreiungsversuch in Köln bei Gelegenheit des Siegburger Prozesses erlaubte, weil die Behörden dann unzweifelhaft darauf bedacht sein würden, die umfassendsten Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Sie solle ihre Mittel zusammenhalten und, ohne an baldige Unternehmungen zu denken, geduldig und schweigend warten, bis sie wieder von ihrem Freunde höre. Mein Brief war so abgefaßt, daß sie ihn verstehen konnte, während er meine Absicht nicht verraten haben würde, wäre er in falsche Hände gefallen. Da sie auch meine Handschrift kannte, so unterschrieb ich ihn mit einem andern Namen und dirigierte die Aufschrift an eine dritte Person, welche sie mir angegeben hatte. Ich faßte sogleich den Plan, sie persönlich in Bonn aufzusuchen und dort mit ihr mündlich das weitere zu verabreden, statt es dem Papier anzuvertrauen.

Ohne Aufschub begann ich meine Vorbereitungen. Ich schrieb meinem Vetter Heribert Jüssen in Lind bei Köln, dessen Signalement in allen wesentlichen Punkten mit dem meinigen übereinstimmte, er solle sich von der Polizeibehörde einen Reisepaß für das In- und Ausland geben lassen und ihn mir schicken. Wenige Tage darauf war der Paß in meinen Händen, und ich konnte nun wie ein gewöhnliches unverdächtiges Menschenkind ohne Schwierigkeit reisen, wo man mich nicht persönlich kannte. Nun galt es, für mein Vorhaben aus meiner Verbindung mit der Flüchtlingschaft möglichst viel Vorteil zu ziehen, ohne meine Freunde auf die Fährte meines Planes zu bringen. So gab ich denn dem Vorstande unseres Klubs zu verstehen, ich sei bereit, als Emissär verschiedene Plätze in Deutschland zu besuchen, um dort geheime Zweigklubs zu organisieren und diese mit dem Komitee in der Schweiz in Verbindung zu setzen. Diese Andeutung wurde mit großem Vergnügen aufgenommen, und ich empfing mit ausführlichen Instruktionen eine lange Liste von zuverlässigen Personen in Deutschland. Nun war alles für meine Abreise bereit, und da ich als Emissär auf eine geheime Expedition auszog, so fanden meine Freunde es natürlich, daß ich gegen Mitte März plötzlich ohne Abschied aus Zürich verschwand.

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