Aktenfaszikel 113 – Kap.18

Raoul war es unterdessen wirklich wieder vollständig gelungen, Frau Fauvels Herz wiederzugewinnen. Das war nicht schwer gewesen, denn die Ärmste hatte ja niemals aufgehört, ihn zu lieben, und nun er sich wieder von der günstigen Seite zeigte, war sie ganz glücklich. Sie war überzeugt, daß  ihr Sohn im Grunde den edlen Charakter seines Vaters besaß und nur Louis‘ schlechter Einfluß ihn verdarb.

Raoul stellte keine Geldforderungen mehr und spielte seine Rolle so gut, daß er selbst Magda täuschte und sie von ihm eine bessere Meinung bekam.

Als Louis endlich aus Oloron zurückkam, erfreute sich Raoul allgemeiner Beliebtheit im Hause Fauvel.

Der Marquis von Clameran bezog trotz seiner Millionenerbschaft vorläufig noch sein altes Quartier im Hotel Louvre. Erst später wollte er sich ein Palais kaufen und glänzend einrichten, als prächtigen Rahmen für eine schöne Frau.

Als Raoul den Onkel besuchte, sagte er: »Ich weiß eigentlich nicht was du willst, wir sind nun reich, gib mir den versprochenen Anteil und laß uns gehen.«

Aber das war nicht nach Louis‘ Geschmack. Er hatte das Abenteuererleben satt; nun er reich war, würde sich niemand um seine Vergangenheit kümmern, er wollte in Paris bleiben, eine Rolle spielen, ein großes Haus führen und vor allem Magda heiraten.

Darum antwortete er kurz: »Nein, erst an meinem Hochzeitstage bekommst du das Geld – Magdas ganze Mitgift – gedulde dich aber.«

Raoul versuchte keine Einwendungen mehr, er wußte, daß sie vergeblich wären.

»Ich bin nur neugierig,« sagte er, »wie du es anstellen wirst zu erklären, daß du Gastons Erbe bist, nachdem du doch bei Fauvels behauptet hast, du kennst den Menschen gar nicht.«

»Sehr einfach, ich werde sagen, daß Gaston ein natürlicher, im Ausland geborener Sohn meines Vaters gewesen, den er vor seinem Tode heimlich anerkannt habe. Du selbst  wirst die Güte haben, die Geschichte deiner Frau Mutter zu erzählen.«

»Das ist höchst genial, aber – wenn man Erkundigungen einzieht…?«

»Wer sollte das? Dem Bankier kann es ganz gleichgültig sein, ob er das Geld, das auf dem Namen Clameran bei ihm steht, mir oder einem Fremden auszahlt; und Frau Fauvel meinst du? Selbst wenn sie einen Verdacht hätte, wird sie sich hüten, etwas gegen uns zu unternehmen.«

»Du magst recht haben, Onkel, aber Geld darf ich jetzt wohl keines mehr von ihr fordern, da du doch reich bist.«

»Warum? Das ist kein Grund. Hast du nicht gesagt, daß wir entzweit sind, warst du nicht so entrüstet über mich, daß du erklärtest, du würdest lieber verhungern als etwas von mir anzunehmen? Glaube mir, mein Plan ist gut vorausberechnet, es wird uns alles gelingen.«

»Ich möchte eigentlich nur wissen, wie weit du es noch treiben willst.«

»Die Sache muß sich naturgemäß entwickeln und kommt dann von selber ans Ende,« entgegnete der Oheim lächelnd, »laß uns einmal Rückschau halten und das Ergebnis zusammenfassen: Also, zuerst erschien ich auf der Bildfläche, so ziemlich wie ein Räuberhauptmann und forderte: die Börse oder – die Ehre! Dann habe ich dich erscheinen lassen. Schon die erste Begegnung war großartig – ganz Cäsar, du kamst, sähest und siegtest. Das Mutterherz war im Sturm erobert.«

»Ja, und ohne dich…« »Laß mich ausreden. Der liebevolle, wiedergefundene Sohn – das war der erste Akt. Im zweiten Akt begann der junge Herr den leichtsinnigen Kavalier, den Verschwender hervorzukehren, und das ängstliche Mutterherz wendet sich,  trotz ihrer ursprünglichen Antipathie, an den Onkel. Dieser ist moralisch entrüstet und die Mutter froh, den Freund gefunden zu haben. Aber der Sohn bessert sich nicht, und da nun gar der Onkel die Nichte begehrt, wird die Lage immer verwickelter, besonders, da das junge Mädchen zwar einwilligt sich zu opfern, aber die Tante gegen beide einzunehmen weiß. Im nächsten Akt aber erscheint der Sohn wieder, er ist lammfromm, schiebt alle Schuld auf den bösen Onkel und gewinnt wieder das Herz der Mutter.«

»Ja, so weit sind wir im gegenwärtigen Augenblick.«

»Nun muß dem Stück eine neue Wendung gegeben werden, und das wird der letzte Akt sein. Schon morgen wirst du der Frau Fauvel erzählen, daß ich meinen natürlichen Bruder entdeckt und beerbt habe. Inzwischen wird der Bankier durch meinen Notar in Oloron verständigt sein, daß das bei ihm hinterlegte Geld mir gehört; hierauf erscheine ich bei ihm und ersuche, es weiter in Verwahrung zu halten. Und jetzt kommt das Wichtigste, ich begebe mich zu Frau Fauvel und halte folgende Rede: Verehrte Frau, solange ich mittellos war, sah ich mich leider genötigt, Ihre Hilfe für den Sohn meines Bruders, der auch der Ihre ist, in Anspruch zu nehmen. Leider hat sich der Junge undankbar gezeigt, er hat Ihnen schweren Kummer bereitet, er ist, mit einem Wort, ein Taugenichts. Aber er soll Ihnen nicht länger zur Last fallen, jetzt bin ich reich und ich komme Ihnen mitzuteilen, daß ich von nun an allein für Raouls Leben und Zukunft sorgen werde…«

»Und das nennst du eine dramatische Verwicklung?«

»Warte, das Dramatische kommt noch. Unzweifelhaft wird Frau Valentine von meiner schönen Rede gerührt sein und mich bitten, in meiner Großmut einen Schritt weiter zu gehen und auf Magda zu verzichten. Darauf aber  erwidere ich: Nein, das kann ich nicht, Sie hielten mich für habgierig, aber ich bin es nicht? ich liebe Fräulein Magda um ihrer selbst willen, und würde sie auf den Knien bitten, mir die Ehre zu erweisen, Marquise von Clameran zu werden, selbst wenn sie völlig unbemittelt wäre. Und um Ihnen, gnädige Frau, die Aufrichtigkeit meiner Gefühle zu beweisen, gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß ich am Tage meiner Vermählung mit Fräulein Magda Raoul eine Anweisung auf eine Jahresrente von fünfundzwanzigtausend Frank übergebe.«

»Bravo! Dieses letzte Argument wird meine Frau Mutter ganz auf deine Seite bringen,« warf Raoul ein.

»Gewiß, damit aber der schönen Magda das Opfer nicht gar zu schwer fällt, müssen wir ihren edlen Ritter Bertomy in ihren Augen etwas herabzusetzen suchen. Die Damen müssen erfahren, was für ein schändliches Lasterleben er führt, er spielt, trinkt, lebt im gemeinsamen Haushalt mit einer Dirne…«

»Die notabene reizend ist; vergiß nicht zu sagen, daß Dame Gypsy wunderschön ist, das wird eine großartige Wirkung hervorbringen.«

»Sicherlich, ich werde entrüstet sein und vor Tugend triefen. Nun frage ich, können Tante und Nichte einen Augenblick in der Wahl schwanken? Prosper ein Lump und Habenichts, ich der Träger eines glänzenden Namens, Millionär und Großindustrieller und ein so edler Oheim, der dem bösen Neffen nicht nur verzeiht, sondern sogar glänzend für ihn sorgt. Nun, was sagst du?«

»Ich glaube, daß du den richtigen Weg eingeschlagen hast.«

»Ja, aber an dir ist es jetzt, weiter zu arbeiten, denn deine neue Rolle beginnt. Sobald dir deine Frau Mama Mitteilung von meinen Vorschlägen gemacht hat – du wirst  das Gespräch geschickt zu lenken wissen – also, sobald du erfährst, daß ich für dich sorgen will, bist du entrüstet und empört. Alle Entbehrungen der Welt, Not und Hunger willst du lieber ertragen, als von einem Manne etwas anzunehmen, den du hassen und verachten gelernt hast und so weiter, und so weiter.«

»Sehr gut. In pathetischen Rollen bin ich immer großartig – ich sollte eigentlich zum Theater gehen.«

»Schön, du bist pathetisch und uneigennützig, aber das hindert dich nicht, plötzlich wieder dein verschwenderisches Leben zu beginnen, du wettest, spielst, verlierst und brauchst Geld und immer wieder Geld …«

»O, es widerstrebt mir …«

»Vergiß nicht, daß ich keine Rechenschaft mehr über das verlange, was du erbeutest, alles gehört dir.«

»Ja, dann ist es etwas anderes.«

»Nur verlange ich, daß es schnell geht, in längstens drei bis vier Monaten muß alles, was Tante und Nichte besitzen, in deine Hände übergegangen sein, sie dürfen kein Geld, keinen Schmuck, nichts Wertvolles mehr haben, müssen völlig ausgeplündert sein.«

Louis hatte diese Worte mit so viel Leidenschaft hervorgestoßen, daß Raoul ihn überrascht und verwundert ansah.

»Sind dir denn die beiden unglücklichen Geschöpfe so verhaßt?«

»Verhaßt!« rief Louis, »du weißt doch, daß ich Magda bis zur Raserei liebe!«

»Und da widerstrebt es dir nicht, ihr Kummer zu bereiten?«

»Es muß sein. Am Tage, an dem sie durch dich an den Rand des Abgrundes gebracht worden, an diesem Tage erscheine ich als Retter. Sie haßt mich jetzt, aber mein Edelmut,  meine Uneigennützigkeit, und vor allem meine große Liebe zu ihr, wird sie entwaffnen. Es gibt kein Weib, das einer großen Leidenschaft auf die Dauer widerstehen könnte …«

»Du vergißt, daß sie Prosper liebt.«

»Sie wird ihn binnen kurzem verachten lernen,« entgegnete Louis mit seinem bösesten Lächeln. »Du weißt, Bertomy befindet sich auf abschüssiger Bahn, er spielt, und Fräulein Nina ist kostspielig – es wird der Tag kommen, wo er mit leeren Händen dastehen wird … Er ist Kassierer …«

»O,« protestierte Raoul, »Prosper ist ehrlich.«

»Schön, ich will es glauben, aber wenn man Spielschulden hat, die binnen vierundzwanzig Stunden bezahlt werden müssen, da tritt die Versuchung wohl auch an den Ehrlichsten heran. Und – um es kurz zu sagen, er ist mir im Wege, er muß beseitigt werden, muß so dastehen, daß Magdas Gedanken sich mit Abscheu von ihm wenden. – Und mit deiner Hilfe wird es nur gelingen, ihn in den Sumpf, an dessen Rande er ohnehin steht, hinabzustoßen.«

»Du mutest mir da eine Rolle zu, die mir wenig behagt.«

»Möchtest du etwa gar auf einmal den Moralischen spielen? Wenn man so noble Passionen hat wie du, und gar keine Mittel, da darf man eben nicht zimperlich sein, wenn es gilt, im trüben zu fischen.«

»Ich war leider nie reich genug, um anständig sein zu können,« sagte Raoul seufzend, »aber daß ich zwei wehrlose Frauen foltern, und einen armen Teufel, der mich für seinen Freund hält, ins Verderben stürzen soll, das widerstrebt mir aufrichtig.«

Louis lachte und spottete über die »Sentimentalität« seines Herrn Neffen, wie er es nannte, so lange, bis Raoul darüber in Zorn geriet.

»Genug,« sagte er, »ich weiß genau, daß ich zu weit gegangen bin, um noch zurücktreten zu können. Es bleibt bei unseren Abmachungen.«

Die beiden Spießgesellen schüttelten sich die Hände und trennten sich im besten Einvernehmen.

Schon am nächsten Tag begann Raoul seine neue Rolle, er wechselte plötzlich sein Betragen, und aus dem rücksichtsvollen Sohn wurde wieder der leichtsinnige Patron, der immer mit neuen und immer unsinnigeren Geldforderungen an die Mutter herantrat.

Sie gab und gab, aber es dauerte nicht lange, so waren ihre Mittel vollständig erschöpft; auch Magda, das Cousinchen, wie er sie nannte, wurde von ihm gebrandschatzt und mußte mit ihren kleinen Ersparnissen und ihrem Taschengelde herhalten.

Um sich Geld für ihren leichtfertigen Sohn zu beschaffen, verfiel Frau Fauvel auf schmähliche Auskunftsmittel. Sie kaufte die für den Haushalt nötigen Sachen und Lebensmittel entweder auf Kredit oder sie stellte die Rechnungen, die sie ihrem Manne vorlegte höher, ja sie erfand sogar Ausgaben, während sie sich in Wirklichkeit auf das Äußerste einschränkte und sich jeden Luxus versagte.

Was kommen mußte, kam. Eines Tages stellte Raoul seine Geldforderung ungestümer denn je, er müsse unbedingt sofort 2000 Frank haben.

»Aber,« erwiderte Frau Fauvel, »ich besitze nichts mehr, ich habe dir ja alles, alles gegeben – es bleibt mir nur mein Schmuck – wenn er dir helfen kann – so nimm ihn.«

Trotz seiner Schlechtigkeit fühlte sich Raoul erröten. Er empfand Mitleid mit der gütigen Frau, die er betrog und beraubte – aber – es blieb ihm keine andere Wahl, er  besaß keinen eigenen Willen mehr und mußte den Befehlen eines anderen gehorchen.

Er unterdrückte aber gewaltsam seine bessere Regung und sagte barsch: »Gib mir den Schmuck, ich werde ihn verpfänden.«

Die unglückliche Frau gab ihm ein Etui mit einem herrlichen Diamantenhalsband. Raoul nahm’s mit kurzem Danke und trug es ms Leihhaus.

Aber er begnügte sich mit dein einen Stücke nicht, nach und nach leerte sich Frau Fauvels Schmuckkästchen. Armbänder, Ringe, Spangen, Ketten, alles, alles, was sie besaß, wanderte ins Leihhaus, und als er sich noch immer und immer nicht befriedigt zeigte, gab Magda, der unglücklichen Tante zuliebe, auch ihre kleinen Schätze heraus.

Frau Fauvel weinte still, aber das junge Mädchen zeigte ihm in ihrem Blicke so viel Verachtung, daß er sich schämte.

»Ich kann nicht weiter fortfahren,« sagte Raoul zu seinem Onkel, »wenn es sein muß, will ich auf offener Landstraße die Leute überfallen und ausrauben, aber diese armen wehrlosen Frauen zu Tode martern, dazu fehlt mir der Mut!«

Clameran zuckte die Achseln.

»Sie tun mir auch leid, aber – Not kennt kein Gebot – übrigens kann die Geschichte nicht mehr lange dauern, je früher du fertig wirst, je besser, dann seid ihr alle erlöst.«

Raoul gehorchte, und in der Tat dauerte es nicht lange mehr – der ganze Schmuck war ins Leihhaus gewandert!

Da faßte Frau Fauvel den Entschluß, sich an den Marquis zu wenden. Er hatte sich die ganze Zeit über nicht blicken lassen, da er bei seinem ersten Besuche nach seiner Reise von ihr sehr kühl empfangen worden war. Sie fürchtete Magda von ihrer Absicht Mitteilung zu machen,  weil sie auf Widerspruch gefaßt war, da sie aber nichts ohne ihr Vorwissen unternehmen wollte, sprach sie mit ihr darüber, und zu ihrer Verwunderung war Magda sofort damit einverstanden.

»Je früher du mit dem Marquis sprichst, je besser ist es,« antwortete sie.

Frau Fauvel schrieb daher sofort an Clameran und ersuchte ihn, sie am nächsten Tag zu erwarten.

Zur festgesetzten Stunde erschien sie im Hotel Louvre. Er empfing sie mit ausgesuchter Höflichkeit, doch ließ er durchmerken, daß er sich noch sehr gekränkt fühle, weil sie ihn verkannt habe.

Sie erzählte ihm alles über Raoul und er schien über das Betragen seines Neffen im höchsten Grade entrüstet.

»Ich werde den Schelm schon Mores lehren!« rief er.

Seine Empörung aber kannte keine Grenzen, als ihm Frau Fauvel mitteilte, Raoul wende sich nur deshalb an sie, weil er von ihm nichts annehmen wolle.

»Das ist eine unerhörte Frechheit,« sagte er, »ich habe dem Jungen innerhalb vier Monaten über 20 000 Frank gegeben und zwar nur deshalb, weil er immer drohte, sich an Sie wenden zu wollen, wenn ich ihm nicht willfahre.«

Frau Fauvels Gesicht drückte ein Erstaunen aus, das einem Zweifel nicht unähnlich sah. Da erhob sich Clameran, öffnete eine Schublade seines Schreibtisches und entnahm daraus Schuldscheine, die alle Raouls Unterschrift trugen. Er zeigte sie ihr und sie konnte sich überzeugen, daß die Summe dieser Scheine sich auf 23500 Franken belief.

»Und von mir hat er bare 40 000 Frank erhalten, den Schmuck, der über 100 000 wert ist, nicht eingerechnet,« sagte Frau Fauvel außer sich, »was macht der Unglücksmensch mit dem vielen Gelde?«

Clameran zuckte vielsagend die Achseln. Dann versprach er Raoul noch selbigen Tages aufzusuchen und zur Rechenschaft zu ziehen, und schließlich sagte er: »Gnädige Frau, wenn Sie durch die Schlechtigkeit meines Neffen in momentane Verlegenheit gekommen sein sollten – mein ganzes Vermögen steht zu Ihren Diensten.«

Frau Fauvel lehnte dies Anerbieten zwar mit Dank ab, aber sie war davon gerührt, und als sie nach Hause kam, sagte sie zu Magda: »Ich glaube, wir haben uns geirrt, Clameran ist kein schlechter Mensch.«

Aber das junge Mädchen ließ sich nicht so leicht täuschen wie ihre Tante, sie durchschaute das Spiel, war aber machtlos, dagegen anzukämpfen.

Inzwischen waren Clameran und Raoul zusammengetroffen.

»Bravo,« sagte der Oheim, »du hast deine Sache gut gemacht, die Frauen sind vollständig ausgepreßt, jetzt darfst du keinen Heller mehr verlangen, deine Rolle ist ausgespielt.«

»Es ist auch die höchste Zeit, denn wahrlich, ich hab‘ sie satt. Aber – was denkst du noch zu tun?«

»Ich habe noch ein Hindernis aus dem Wege zu räumen.«

Raoul verstand, daß er damit Prosper Bertomy meinte.

Clameran hatte es sich leicht gedacht, den jungen Mann zu verderben.

Raoul hatte mit Geschick den Verleiter gespielt, er zog ihn zu allen kostspieligen Vergnügungen mit, er veranlaßte ihn, hoch zu spielen, aber da Prosper bei allem leidenschaftslos blieb, so verlor er niemals die Herrschaft über sich selbst.

Zwar war seine Lage schlimm. Gläubiger drängten ihn und er mußte zu bedenklichen Auskunftsmitteln seine Zuflucht nehmen, allein er wäre unfähig gewesen, eine Schlechtigkeit zu begehen.

»Es ist umsonst,« sagte Raoul zu Clameran, »wenn du warten willst, bis sich Prosper an der Kasse vergreift, kannst du bis an den Jüngsten Tag warten, eher schießt er sich eine Kugel vor den Kopf.«

»Wir können ja auch das abwarten,« sagte Louis kalt.

Und er wartete.

Inzwischen war Raoul wieder der gute, liebevolle Sohn geworden. Er stellte seine verschwenderischen Gewohnheiten ein und lebte bescheiden und eingezogen. Um seiner Mutter zu zeigen, wie sparsam er sei, gab er seine kostspielige Stadtwohnung auf und bezog, obgleich es Winter war, ein Landhäuschen in Besinet. Er wollte in der Einsamkeit seine Verirrungen büßen, sagte er; in Wirklichkeit war es ihm sehr angenehm, sich seine Freiheit zu wahren und die Besuche seiner Mutter nicht empfangen zu müssen.

Frau Fauvel freute sich der Wandlung und meinte, eine regelmäßige Beschäftigung würde Raoul nur vorteilhaft sein; sie sprach darüber mit ihrem Manne und dieser erklärte sich mit Vergnügen bereit, den jungen Mann in seinem Geschäfte anzustellen.

Er hatte Raoul zu verschiedenen Malen nicht unbedeutende Summen vorgestreckt und nahm es der Familie Lagors schon lange übel, daß sie den Jüngling im Müßiggange leben ließe.

»Das taugt zu nichts,« sagte er, »ein junger Mensch muß arbeiten, sonst verfällt er auf lauter Dummheiten.«

Und der Bankier bot Raoul sofort eine Stelle in seinem Korrespondenzbureau mit einem Anfangsgehalte von 500 Frank monatlich an.

Raoul freute sich sehr darüber, aber zu seinem eigenen Leidwesen mußte er auf Clamerans ausdrücklichen Befehl  ablehnen und sagen, daß er zum Bankgeschäft keinen Beruf fühle.

Herr Fauvel war über diese Ablehnung sehr verstimmt, er sagte Raoul unumwunden seine Meinung und gab ihm zu verstehen, daß er künftig nicht mehr auf ihn rechnen könne.

Raoul tat beleidigt und ergriff diesen Vorwand, um seine Besuche einzustellen oder doch einzuschränken; er kam nur hie und da, wenn er den Bankier nicht zu Hause wußte, und nur, um über die Vorgänge im Hause unterrichtet zu bleiben.

Clameran begann ungeduldig zu werden. Raoul tat sein möglichstes, um Prosper in die Falle zu locken, aber vergeblich.

Eines Tages aber kam den beiden Verbündeten der Zufall zu Hilfe.

Raoul hatte ein Spielchen veranstaltet, das ziemlich hoch ging, und nach demselben Prosper, der stark verloren hatte, so viel zugetrunken, daß dieser, der kein besonderer Trinker war, etwas benebelt wurde.

Fräulein Gypsy, die mit von der Partie war, wurde gewöhnlich vom Sekt sentimental, und da sie sich über den Mangel an Liebe seinerseits beklagte, verriet er, daß das Stichwort der Kasse ihr Name sei.

Raoul begab sich noch in selbiger Nacht zu Clameran, um ihm diese wichtige Mitteilung zu machen.

Clameran, der zuerst ärgerlich war, weil Raoul ihn geweckt hatte, geriet vor Vergnügen außer sich.

»Jetzt haben wir ihn!« rief er voll Schadenfreude. »Herr Bertomy ist zu tugendhaft, um sich selber an der Kasse zu vergreifen, aber das Stichwort hat der Trunkenbold verraten – das soll er büßen! – Aber warum hast du dich nicht des Schlüssels bemächtigt?«

»Es ist nicht nötig, Herr Fauvel läßt den seinen gewöhnlich in der Schublade seines Privatschreibtisches, zu dem die Frau auch einen Schlüssel besitzt.«

»Schön, du gehst also zu Frau Fauvel und forderst von ihr durch Güte oder mit Gewalt den Kassenschlüssel …«

»Es wird nicht viel nützen, denn wie ich weiß, duldet der Bankier keine größeren Summen in der Kasse.«

»Ich werde dafür sorgen, daß eine darin ist, ich werde mein Depot für übermorgen früh kündigen, so daß es Prosper schon abends vorher in der Kasse haben wird.«

Raoul war verblüfft. Er fürchtete nur Frau Fauvels Widerstand, aber auch diesen Einwand wußte Clameran zu entkräften. Die beiden Verbrecher saßen noch bis zum frühen Morgen beisammen, um genau festzustellen, wie das schändliche Vorhaben ausgeführt werden sollte. Die Sache mußte rasch ins Werk gesetzt werden, damit Prosper nicht etwa inzwischen das Stichwort wechsele, andererseits aber meinte Raoul, könne Clameran das Geld nicht ohne weiteres verlangen, da eine längere Kündigungsfrist bedungen war.

»Das allerdings,« versetzte Louis, »aber, wenn ich Fauvel sage, ich benötige das Geld dringend, er erweise mir damit eine besondere Gefälligkeit, wird er einen Stolz darein setzen, mir zu zeigen, daß er jederzeit über große Summen verfügt. Wir haben also nur darauf Bedacht zu nehmen, daß du Frau Fauvel allein zu Hause findest.«

»Das trifft für übermorgen zu. Herr Fauvel und Lucian sind zu einem Freunde des Bankiers geladen, und Magda hat wie gewöhnlich ihr Lesekränzchen.«

»Also – dann gilt es für übermorgen?«

Als sich die beiden Gesellen trennten, konnte sich Raoul eines unbehaglichen Gefühls nicht erwehren, ihm graute fast vor dem, was ihm bevorstand.

Er war noch jung, kein hartgesottener Verbrecher, ja, er fühlte das Bedürfnis, ehrlich und anständig zu sein. Er begriff Clameran nicht, daß er ohne Not Verbrechen beging und er haßte und verabscheute ihn immer mehr. Aber dies sollte das letzte sein, und er nahm sich fest vor, sich dann von Louis für immer zu trennen.

Je näher der Augenblick rückte, desto banger wurde Raoul, und am Abend, als es galt, die Tat zur Ausführung zu bringen, erklärte er Clameran rund heraus, daß er außerstande dazu sei.

»Zum Teufel,« rief Louis, »fürchtest du dich etwa?«

»Ja,« bekannte Raoul niedergeschlagen, »ich bin kein solcher Henker wie du, ich fürchte mich.«

Die völlige Mutlosigkeit und Niedergeschlagenheit Raouls flößte Louis Besorgnis ein. Im letzten Moment durfte sein kühner Plan nicht an der Torheit eines Knaben scheitern.

Louis redete ihm daher begütigend zu, erinnerte ihn an das Vermögen, das er ihm dann bar ausbezahlen wolle, versprach ihm noch mehr und sagte schließlich: »Deine ganze Furcht ist weiter nichts als eine nervöse Anwandlung. Ein Gläschen Burgunder wird deine matten Lebensgeister wieder auffrischen.«

Er ließ Wein kommen und nötigte Raoul zu trinken. Dieser stürzte rasch einige Gläser des schweren Weines hinunter, aber die Wirkung blieb aus.

Die Uhr im Zimmer schlug die achte Stunde.

»Es ist Zeit,« sagte Louis.

Raoul wurde aschfahl, seine Zähne klapperten. Er wollte sich erheben, aber er vermochte es nicht, die Füße versagten ihm den Dienst.

Louis runzelte die Stirne und seine Augen schossen Blitze. Sollten seine Pläne so elend scheitern? Er wollte  auffahren, allein er bezwang sich, er sah ein, daß er jetzt Raoul nicht reizen durfte, wollte er nicht alles verderben.

Er stand auf und klingelte, als der Kellner erschien, befahl er: »Eine Flasche Portwein und eine Flasche Rum.«

Nachdem der Kellner das Verlangte gebracht hatte, mischte Louis ein großes Glas und hielt es Raoul hin.

»Trink,« sagte er.

Raoul leerte es auf einen Zug. Seine bleichen Wangen röteten sich, er stand auf, schlug auf den Tisch und sagte »Nun zum Henker, ich bin bereit! Vorwärts!«

Clameran fand es für geraten, ihn zu begleiten.

Als sie auf die Straße traten, verflog aber im Nu die künstliche Energie, die ihm der Alkohol gegeben. Er schwankte und Louis mußte ihn stützen und führen. Raoul glich einem Verurteilten auf dem Wege zum Schafott.

Clameran dachte: Wenn er nur einmal im Hause drinnen ist, dann wird sich die Sache ganz von selbst machen. Und laut fragte er: »Hast du alles wohl behalten, was wir ausgemacht haben?«

»Ja, ja.«

»Und den Revolver …?«

»Ich habe ihn in der Tasche – laß mich.«

Als sie beim Hause angelangt waren, überfiel Raoul ein neuer Schwächezustand. Er zitterte und konnte sich kaum aufrecht halten.

»Nein,« stieß er hervor, »es ist zu schändlich, zu feig! Die arme, unglückliche, gute Frau – ich kann nicht!«

»Wahrlich,« sagte Clameran verächtlich, »ich habe mich in dir getäuscht, weshalb hast du dich in den Handel eingelassen? Wer keine Courage hat, sollte lieber ehrlich bleiben!«

Raoul raffte sich zusammen. Er ging die Treppe hinauf und läutete. Ein Diener öffnete.

»Ist die Tante zu Hause?« fragte er.

»Die gnädige Frau ist allein im kleinen Salon,« antwortete der Bediente.

Und Raoul trat ein.

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