Aktenfaszikel 113 – Kap.14

Louis von Clameran war eine verschlossene Natur, die unter einer kalten, gleichgültigen Außenseite die wildesten Leidenschaften verbarg. In frühester Jugend schon gärten in seinem Inneren wilde, schlechte Gedanken, er dürstete nach Freiheit, Reichtum, maßlosem Genuß.

Er liebte seinen Vater nicht, den Bruder aber haßte er sinnlos und der alte Marquis nährte, ohne es zu wissen und zu wollen, Louis‘ Neid und Eifersucht. Unverhohlen zeigte der Vater seine Vorliebe für den ältesten Sohn, der ja auch der künftige Majoratsherr und Erbe war.

Trotzdem der offenherzige und ehrliche Gaston alles tat, um die Liebe seines Bruders zu gewinnen, blieb sein Haß unvermindert, obgleich er schlau seine wahren Gefühle, namentlich vor dem Vater, zu verbergen trachtete.

Aber die Diener haben allezeit scharfe Augen für die Fehler ihrer Herren, und so war der Haß des Jüngeren gegen seinen älteren Bruder für sie kein Geheimnis. Als durch den Sturz von Louis‘ Pferd Gaston seinen Feinden ausgeliefert worden, glaubten sie nicht an einen verhängnisvollen Zufall, sondern sahen eine böswillige Absicht darin.  Besonders empört war der Reitknecht, der ein Bravourstück der Reitkunst ausgeführt hatte und fast geflogen war, um seine Verfolger irre zu führen. Und der alte Kammerdiener, dessen Abgott Gaston war, sprach geradezu von Brudermord. Anton scheute sich nicht, dem jungen Grafen zu sagen: »Es ist doch eigentümlich, daß ein so geschickter Reiter wie Sie gerade dann das Unglück hat zu stürzen, wenn von seiner Geschicklichkeit das Leben seines Bruders abhängt.«

Louis war über die Kühnheit dieser Äußerung so empört und – betroffen, daß er den alten Diener mit der Reitpeitsche gezüchtigt hätte, wenn nicht in dem Augenblick die Nachricht gekommen wäre, daß Gaston sich in die Rhone gestürzt habe, um seinen Verfolgern nicht in die Hände zu fallen.

Die Diener waren erschüttert und keiner hatte den Mut, dem Marquis die Hiobsbotschaft zu überbringen …

Louis aber war gefühllos. Das schreckliche Ende seines Bruders erschütterte ihn nicht, ihn durchzuckte nur der eine Gedanke: »Nun bin ich der einzige Sohn und Erbe!« Und wie Triumph blitzte es in seinen Augen auf. Und was keiner wagte, unternahm er, er ging zu seinem alten Vater und sagte ohne Vorbereitung: »Gaston hatte die Wahl zwischen Ehre und Leben, er hat gewählt – er ist tot.«

Bei dieser Eröffnung war der Marquis ohne einen Laut umgestürzt, wie ein vom Blitz getroffener Eichbaum.

Tränenlos stand Louis am Totenbette seines Vaters.

Nun war er der Herr.

Der Vater hatte ihn immer so knapp gehalten, daß er keine fünfzig Frank je in der Tasche gehabt, und jetzt war er Marquis von Clameran, frei, und besaß ein Barvermögen von 200 000 Frank.

Dieser plötzliche Reichtum entzückte ihn derart, daß er es kaum erwarten konnte, ihn zu genießen. Er beschleunigte das Leichenbegängnis so sehr als es nur anging und erregte durch sein fast heiteres Benehmen allgemeines Ärgernis. Kaum war die letzte Erdscholle auf den Sarg seines Vaters gefallen, als er im Schlosse alles verkaufte, was sich verkaufen ließ.

Am nächsten Morgen entließ er die gesamte Dienerschaft; die armen Leute, die in dem Dienste des alten Marquis ergraut waren und gehofft hatten, ihre Tage unter dem Dache Clameran beschließen zu können, wurden trotz ihrer Bitten und Tränen von ihm auf die roheste und unbarmherzigste Art fortgeschickt.

Dann begab er sich nach Paris.

Er dürstete danach, das Leben zu genießen. Er stürzte sich in den Strudel wildester Vergnügungen und in kürzester Zeit war seine Barschaft vergeudet. Er schrieb an seinen Notar wegen des Verkaufes seiner Güter, aber auch der Erlös dafür war bald unter seinen Händen zerronnen. – Ihm blieb nichts mehr als Schloß Clameran, für das sich aber augenblicklich kein Käufer fand, das nichts eintrug, ja sogar dem Verfalle nahe war.

Louis war, so lange er Mittel besessen, ein ebenso kühner als glücklicher Spieler gewesen, als er sich nun plötzlich mittellos sah, glaubte er im Bakkarat eine sichere Einnahmequelle zu finden, allein das Blatt hatte sich gewendet, das Glück war ihm nicht günstig – da wollte er es erzwingen. Bald munkelte man im Klub, daß er ein Falschspieler sei und um einem Skandal zuvorzukommen, wurde er einfach ausgeschlossen. Nun ging es mit ihm im beschleunigten Tempo bergab. Da sich seine Standesgenossen von ihm losgesagt  hatten, trieb er sich in der verrufensten Gesellschaft herum und war auch in eine betrügerische Erpressungsgeschichte verwickelt. Daß er damals nicht gefänglich eingezogen und vor Gericht gestellt worden, verdankte er nur einem alten Freunde seines Vaters, einer einflußreichen Persönlichkeit, dem Grafen von Commarin, der, um die Ehre des Namens Clameran zu retten, veranlaßte, daß die Angelegenheit vertuscht wurde. Er gab Louis die Mittel nach England zu gehen, um dort ein neues Leben zu beginnen. Louis aber setzte in London nur sein altes Spielerleben fort und als ihm der Boden zu heiß wurde, verschwand er, um anderswo wieder aufzutauchen. So trieb er sich in allen Großstädten Europas herum und kehrte endlich nach achtzehnjähriger Abwesenheit nach Frankreich zurück.

Sein erster Weg galt der Heimat. Er wollte Schloß Clameran besichtigen, vielleicht fand sich doch noch ein Käufer dafür.

Von Tarascon legte er den Weg nach Clameran zu Fuß zurück. Vieles hatte sich in der Gegend geändert, nur das Dörfchen mit dem schiefen alten Kirchturme, dem rebenumrankten Pfarrhaus, der rußigen Schmiede und dem freundlichen Wirtshause mit dem großen Olivengarten war unverändert geblieben.

Unwillkürlich überschlich ihn ein eigentümliches Gefühl, war’s Wehmut, war’s Rührung? Er, der für weichere Regungen sonst nur Spott hatte, fühlte sich weich werden bei der Erinnerung an seine Jugend. Damals war ihm das Leben verheißungsvoll erschienen, er lechzte nach Genüssen – nun kannte er das Leben, hatte es in vollen Zügen genossen, er hatte sein Vermögen, seine Ehre verloren, nichts war ihm geblieben, als der Ekel – er war müde und gebrochen.

Ehe er sich auf sein väterliches Schloß begeben konnte, mußte er erst die Schlüssel, die der alte Kammerdiener Anton, der im Dorfe wohnte, in Verwahrung hatte, holen.

Als er in das Häuschen trat, kam ihm ein Bauer mit freundlichem Gesichte entgegen und fragte erstaunt nach des Fremden Begehr.

»Ich suche den ehemaligen Kammerdiener des Marquis von Clameran.«

»Mein Vater ist leider vor fünf Jahren gestorben,« versetzte der Mann betrübt.

»Gestorben? Das tut mir leid. Ich kam, um die Schlüssel zum Schlosse zu holen – ich bin der Marquis von Clameran.«

»Der Herr Marquis,« rief der Bauer erfreut und streckte ihm die Hand entgegen, »o, seien Sie in der Heimat tausendmal willkommen!«

Dieser herzliche Empfang tat Louis wohl; er, der Geächtete, der seit vielen, vielen Jahren keinen Ausdruck uneigennütziger Ergebenheit, aufrichtiger Zuneigung mehr gehört hatte, faßte wirklich erfreut die Hand, die sich ihm entgegenstreckte, und drückte sie mit Wärme.

»Ach, daß mein armer Vater diese Freude nicht mehr erlebt hat,« fuhr der Mann fort, »aber ich, Herr Marquis, und die Meinen sind Ihnen so ergeben, wie er selbst. Der Vater hat bis zu seinem letzten Atemzuge immer von der Familie Clameran gesprochen und täglich die Rückkehr seines jungen Herrn erwartet. Aber nun erlauben Sie, Herr Marquis, daß ich Ihnen meine Frau, meine Kinder zeige.«

Auf sein Rufen erschien ein hübsches frisches Weibchen mit roten Backen und schwarzen glänzenden Augen und eine Schar Kinder, die alle der Mutter glichen.

Die junge Frau wurde verlegen, als sie des Fremden ansichtig wurde, und die Kinder umdrängten sie, wie die Küchlein.

Aber Anton sagte: »Das ist unser Herr Marquis. Toinette, Kinder, gebt hübsch die Hand.«

Da bewillkommneten ihn alle und die Frau schickte sich allsogleich an, eine Mahlzeit zu bereiten, um den Gast auf das Beste zu ehren.

Im Dorfe hatte sich die Nachricht von der Rückkunft des Gutsherrn wie ein Lauffeuer verbreitet und alt und jung kam herbei, um ihn zu sehen und ihm den Willkommgruß zu bieten.

Louis war aufrichtig erfreut und gerührt.

Nachmittag begab er sich in Begleitung Antons aufs Schloß.

Der einst so stolze, stattliche Herrensitz sah trostlos aus. Der scharfe Wind der Provence, der Mistral, hatte an Türen und Fensterläden gerüttelt, bis er sie herausgerissen hatte, Regen und Sonnenschein hatten am Zerstörungswerk weiter gearbeitet und waren ins Innere gedrungen.

Die kostbaren Tapeten, Vorhänge, Decken hingen in Fetzen, die Möbelstoffe waren zerfallen, mottenzerfressen – es sah fürchterlich aus.

Dumpf widerhallten Louis‘ Schritte in den hohen öden Sälen und oft stockte sein Fuß, ihm war’s, als müsse plötzlich sein Vater erscheinen und ihn drohend fragen: »Was hast du aus unserem Hause, aus unserer Ehre gemacht?« Ihm wurde unheimlich zu Mute und er eilte, wieder ins Freie zu kommen. Als sie im Garten waren, wandte er sich an Anton und sagte: »Ihr guter Vater hätte das wenige Mobiliar, das ich noch zurückgelassen hatte, verwerten sollen, statt es zum Mottenfraß werden zu lassen.«

»Ohne Auftrag durfte er es ja nicht.«

»Das Schloß wird bald ebenso unbrauchbar sein, wie die Möbel und da ich leider nicht reich genug bin, um es herstellen zu lassen, gedenke ich es zu verkaufen – falls sich ein Käufer für die Ruine findet.«

Anton dachte, daß er das Häuschen, das er von seinen: Vater geerbt, in welchem der würdige Greis gelebt hatte und gestorben war, um keinen Preis verkaufen würde und der Herr Marquis wollte sich von der letzten Scholle väterlicher Erde, die ihm noch gehörte, trennen! Er konnte es nicht begreifen! Doch machte er darüber keine Bemerkung, sondern sagte nur: »Zu verkaufen wär’s schon, nur dürfte es nicht teuer sein. Es ist hier in der Nähe ein Mann, der solche Geschäfte macht, er ist Güterhändler, der gern billig kauft und teuer verkauft – ein geriebener Kerl!«

»Wann könnte ich den Mann sprechen?« fragte Louis. »Und wie heißt er?«

»Er heißt Tongeroux und wir können gleich zu ihm gehen, er wohnt gerade gegenüber, am anderen Rhoneufer, wir brauchen uns nur durch den Fährmann übersetzen zu lassen.«

Während der Schiffer sie über den Fluß ruderte, erzählte Anton dem Marquis, daß Tongeroux ein abscheulich schlechter Mensch sei. Er habe vor Jahren eine alte Dienerin der verstorbenen Gräfin von Laverberie, namens Milhonne, geheiratet, trotzdem sie schon fünfzig Jahre zählte und er um die Hälfte jünger war.

»Er nahm sie nur des Geldes wegen,« fiel der Fährmann ein, »denn die Milhonne hatte einen hübschen Sparpfennig.«

»Ja,« ergänzte Anton, »aber kaum war er verheiratet, als er ihr alles wegnahm, sie mißhandelte und grausam  Not leiden ließ. Er würde sie am liebsten Hungers sterben lassen.«

»Aber mit dem Gelde verstand er besser umzugehen,« sagte der Schiffer, »er hat es tüchtig vermehrt und ist heute ein schwer reicher Mann.«

Nachdem sie gelandet waren, führte Anton den Marquis auf das Gehöft Tongeroux.

Der Bauer, ein kleiner rothaariger Mensch mit unstetem Blicke, war in der ganzen Gegend wegen seiner Grobheit bekannt, als er aber hörte, daß es sich um ein Geschäft handelte – und gar um den Verkauf von Clameran, das ihm schon längst in die Augen gestochen – war er ganz Unterwürfigkeit und Dienstbeflissenheit.

Er führte seine Besucher in die »gute Stube« und rief im Vorübergehen einem alten Weibe, das in der Küche hockte, barsch zu, es möge sich sputen und für den hochgeborenen Herrn Marquis von Clameran vom besten Wein aus dem Keller holen.

Bei dem Namen fuhr die Alte überrascht empor, sie schien sprechen zu wollen, allein ihr Mann wiederholte den Befehl und erschrocken gehorchte sie, brachte eine Flasche Wein und drei Gläser und ließ sich dann in einem Winkel nieder.

Der Anblick des Marquis weckte alte Erinnerungen, ließ längst vergangene Zeiten wieder aufleben.

Sie hatte ihren Schwur, den sie damals der alten Gräfin während der Messe leisten mußte, gehalten und das Geheimnis treulich bewahrt, aber jetzt, beim Anblick Louis‘, fragte sie sich, ob reden nicht Pflicht sei? Und während die Männer verhandelten, wälzte sie die Frage in ihrem armen schwachen Kopfe hin und her. Längst schon wähnte sie, ihr Elend sei nur die Strafe Gottes, weil sie jenen Eid geleistet, und  vielleicht würde sich ihr Los zum Besseren wenden, wenn sie sich dem Bruder Gastons anvertraute.

Inzwischen wurde der Handel abgeschlossen. Tongeroux hatte einen so lächerlich niedrigen Preis für Clameran geboten, daß die Bretter und Balken am Gebäude, wie Anton sagte, mehr wert waren. Aber der schlaue Bauer hatte sofort bemerkt, daß der Marquis sich in der Klemme befand und entschlossen war, um jeden Preis zu verkaufen, daß er sich nicht zu vielen Zugeständnissen herbeiließ.

Endlich wurden sie handelseinig – der letzte Marquis von Clameran gab das Schloß seiner Väter für den schnöden Preis von 5280 Frank hin.

Nachdem der Handel mit einem kräftigen Handschlag und den landesüblichen Worten: »Es gilt« abgeschlossen war, begab sich der Güterhändler in den Keller, um aus einem Versteck, der nur ihm bekannt war, eine Flasche »vom allerbesten« zu holen.

Die Abwesenheit ihres Mannes schien der alten Milhonne ein günstiges Zeichen. Sie erhob sich, trat auf Louis zu und sagte rasch und leise: »Herr Marquis, ich muß Sie ohne Zeugen sprechen.«

»Mich?« fragte dieser verwundert.

»Ja, es ist ein höchst wichtiges Geheimnis, das ich Ihnen offenbaren muß. Ich beschwöre Sie, kommen Sie heute abend in unseren Olivenhain, da werde ich Ihnen alles sagen.«

Sie kehrte an ihren Platz zurück und als ihr Mann wieder ins Zimmer trat, saß sie so still und in sich versunken in ihrem Winkel, wie vorher.

Tongeroux hatte mit vergnügtem Gesichte die staub- und spinnwebbedeckte Flasche entkorkt, die Gläser gefüllt und auf das Wohl des Herrn Marquis von Clameran getrunken.

Als Louis mit seinem Begleiter wieder im Boote saß, dachte er an das sonderbare Stelldichein, das ihm die Alte gegeben, und fragte: »Was zum Henker kann denn die alte Hexe von mir wollen? Natürlich fällt es mir gar nicht ein, hinzugehen.«

»Das sollte der Herr Marquis vielleicht doch nicht unterlassen,« antwortete Anton. »Die Milhonne war bei der Gräfin von Laverberie in Diensten; sie kann vielleicht etwas wissen, was Ihren verstorbenen Herrn Bruder betrifft.«

Diese Worte erregten Louis‘ Neugierde und mit Einbruch der Dunkelheit begab er sich auf den von der Alten bezeichneten Platz.

Sie erwartete ihn schon.

»Was haben Sie mir zu sagen?« fragte er kurz.

»O, sehr viel, Herr Marquis. Aber zuerst erlauben Sie mir eine Frage: Haben Sie Nachrichten von Ihrem Herrn Bruder?«

»Wie können Sie nur so fragen,« entgegnete Louis, der dachte, die Alte sei nicht richtig im Kopfe. »Mein Bruder ist in der Rhone umgekommen.«

»Ist’s möglich, daß Sie wirklich nicht die Wahrheit wissen!« rief die Alte. »Nein, Ihr Bruder ist nicht ertrunken, er hat sich gerettet, ist über die Rhone zu meinem Fräulein geschwommen; die Komtesse war am nächsten Tag in Clameran, um es Ihnen zu sagen, aber der alte bärbeißige Kammerdiener ließ sie nicht vor. Später sollte ich Ihnen einen Brief bringen, aber da waren Sie schon verreist.«

Louis war von diesen Enthüllungen wie niedergeschmettert.

»Sie träumen wohl,« versuchte er abzuwehren.

»Ich sehe, der Herr Marquis hält mich für verrückt, ich bin es aber nicht; wenn der alte Schiffer Menoul noch am Leben wäre, könnte er Ihnen erzählen, wie er Gaston in  seinem Kahne bis zur Rhonemündung nach Camargue geführt hat, und wie der junge Herr von da nach Marseille entkam. Aber – das ist noch nicht alles: Ihr Bruder hat einen Sohn!«

»Einen Sohn!« rief Louis. »Ich glaube, meine gute Frau, Sie faseln!«

»Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich nicht verrückt bin. Was ich Ihnen da mitteile, ist die volle Wahrheit, und ach, mein Unglück in diesem Leben und, wenn Gott nicht barmherzig ist, auch im jenseitigen. Fräulein Valentine hat einen Sohn geboren und sie mußte das arme unschuldige Kind fremden Leuten ausliefern.«

Louis war starr vor Überraschung und Milhonne erzählte ihm die ganze Geschichte mit allen Einzelheiten, von dem Zorn und der Grausamkeit der Gräfin, dem Leiden der armen Valentine. Sie nannte ihm das Dorf, in dem das Kind zur Welt gekommen, wußte noch genau das Datum seiner Geburt und hatte weder den Namen, auf welchen es getauft, noch jenen der Bäuerin, der es zur Pflege übergeben worden war, vergessen. Schließlich berichtete sie auch, daß die Komtesse, dem Drängen ihrer Mutter nachgebend, einen reichen Pariser Bankier, namens Fauvel, geheiratet habe. – –

Die Alte hatte Louis schon lange verlassen, als er noch immer unbeweglich auf demselben Fleck stand.

Bei dem Namen des Bankiers war plötzlich ein schändlicher Gedanke in ihm aufgezuckt. Der Bankier war reich, sehr reich und aus dem Geheimnis ließ sich ein schöner Vorteil herausschlagen. Zwar fühlte er selber, daß das, was er im Sinne hatte, eine Niedertracht wäre, allein – »Not kennt kein Gebot,« sagte er sich und damit stand sein Entschluß fest. –

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

<< Aktenfaszikel 113 – Kap.13Aktenfaszikel 113 – Kap.15 >>
Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]