Achtzehntes Kapitel – Madame Thomas und ihre Töchter

Während Dufailli die Szene mit dem Werber schilderte, hatte er fast bei jedem Worte getrunken. Er war der Ansicht, daß die Worte besser vom Munde gingen, wenn sie angefeuchtet waren; zwar konnte man sie auch mit Wasser begießen, aber vor dem Wasser hatte er eine heilige Scheu, seitdem er, wie er erzählte, ins Meer gefallen war: und dies geschah im Jahre 1779. Halb sprechend, halb trinkend wurde er schließlich ganz unmerklich wacklig. Schließlich kam ein Moment, wo seine Zunge unglaublich schwer wurde. Der Quartiermeister und der Sergeantmajor meinten nun, es sei an der Zeit, aufzubrechen.

Ich war mit Dufailli allein; er schlief ein. Über den Tisch gebeugt schnarchte er, während ich meinen Gedanken nachhing. Drei Stunden waren vorbei, und er schlief immer noch. Als er endlich erwachte, war er ganz erstaunt, jemanden an seiner Seite zu finden; zuerst sah er mich wie durch einen dicken Nebel an, allmählich zerstreute sich der Nebel, und er erkannte mich; aber das war auch alles. Taumelnd stand er auf, ließ sich einen Napf schwarzen Kaffee holen, stürzte ein Fäßchen Salz hinein und begann die Flüssigkeit in kleinen Schlucken zu trinken. Dann hängte er sich in meinen Arm und zog mich zur Tür hinaus.

Dufailli hatte mir einen guten Rat versprochen, aber er war kaum imstande, ihn mir zu geben. Ich wünschte nichts sehnsüchtiger, als daß er seine Sinne wiedergewinne; unglücklicherweise hatte die frische Luft und die Bewegung auf ihn eine gerade entgegengesetzte Wirkung ausgeübt. Als wir in die Hauptstraße kamen, kehrten wir in den unzähligen Schenken ein, die durch den Aufenthalt der Armee in der Stadt gestopft voll waren; überall machten wir Station; jeder Tropfen war, wie sich Dufailli ausdrückte, ein Ankerplatz, an dem man nicht vorbeifahren durfte, und jeder Ankerplatz vermehrte nur noch die Ladung, die er ohnehin kaum noch tragen konnte.

„Ich bin besoffen wie ein Schweinehund,“ sagte er mir ab und zu, „aber ich bin kein Schweinehund, wenn auch nur Schweinehunde sich so besaufen, nicht wahr, mein Freund?“

Zwanzigmal war ich versucht, ihn stehen zu lassen, aber Dufailli im nüchternen Zustand konnte vielleicht meine Rettung sein. Ich dachte an seine volle Börse; ich begriff wohl, daß er noch andere Einnahmequellen als das schmale Gehalt eines Sergeanten haben mußte.

„Nun,“ rief Dufailli, als er seiner Sinne wieder mächtig zu werden begann, „jetzt muß ich dich an einen guten Ort bringen.“

Ich war entschlossen, ihn überallhin zu begleiten, wohin er wollte. Ich wußte, das Betrunkene die dankbarsten Geschöpfe der Welt gegen Personen sind, die ihnen Gesellschaft leisten. Ich ließ mich daher nach Belieben herumführen; so kamen wir in die Rue des Prêcheurs. Vor einem neuen, ziemlich eleganten Hause standen ein Posten und einige Soldaten.

„Hier ist’s,“ sagte Dufailli.

„Was denn? Führen Sie mich denn auf den Generalstab?“

„Generalstab? Du lachst wohl über mich! Ich sage dir doch, hier wohnt die schöne Blondine Magdalene, oder besser gesagt, ‚Frau Vierzigtausend Mann‘, wie man sie zu nennen pflegt.“

„Unmöglich, Landsmann, Sie irren sich.“

Dufailli tritt vor und verlangt Einlaß.

„Weg!“ ruft ihm barsch ein Soldat zu, „Sie wissen doch, daß heute nicht Ihr Tag ist.“ Dufailli besteht auf seinem Willen.

„Schert euch!“ ruft der Unteroffizier, „oder ich lasse euch auf die Hauswache bringen.“

Dufaillis Beharrlichkeit konnte mich den Kopf kosten; aber andererseits war es auch nicht vorsichtig, ihm meine Befürchtungen mitzuteilen. Ich beschränkte mich darauf, ihm einige Vorstellungen zu machen, die ihn noch mehr aufreizten; er wollte von nichts wissen.

„Ich pfeife auf die Wache; die Sonne scheint für jedermann: Freiheit und Gleichheit oder der Tod,“ lallte er, indem er sich aus meinen Händen losmachte.

Ich war ganz verzweifelt, als auf einmal der Ruf erscholl: „An die Gewehre!“ und dann, „Macht, daß ihr fortkommt! Der Adjutant kommt, da kommt Bévignac!“ Im Nu ist mein Mann wie verwandelt. Eine kalte Dusche, die von fünfzig Meter Höhe auf den Kopf eines Wahnsinnigen hinabstürzt, könnte keine raschere Wirkung haben, um ihm die Sinne wiederzugeben. Der Name Bévignac übte eine magische Wirkung auf die Soldaten aus, die vor dem Hause der schönen Blondine standen. Sie sehen einander an, ohne ein Wort zu sagen; sie atmen kaum, so verblüfft sind sie. Der Adjutant, ein großer, magerer Mann, nicht mehr jung, war gerade aus dem Hause gekommen, da begann er sie schon mit seinem Stock abzuzählen; noch nie hatte ich ein so wütendes Gesicht gesehen; dieses hagere, lange Gesicht hatte etwas an sich, was verraten ließ, daß Bévignac in ständigem Krieg mit der Disziplinlosigkeit stand. Bei ihm hatte der Zorn einen chronischen Zustand angenommen; seine Augen waren blutunterlaufen, ein krampfhaftes Zucken der Kiefer zeigte, daß er sprechen wollte.

„Verdammtes Donnerwetter nochmal, Ruhe! Ihr wißt doch die Order, nur die Offiziere kommen ran, verdammtes Donnerwetter noch mal! und einer nach dem anderen!“

Und als er uns erblickte, mit aufgehobenem Stock: „Und was hat diese Wasserratte von Sergeant hier zu suchen?“ Ich glaubte schon, er wollte uns schlagen.

„Vorwärts!“ fuhr er fort. „Ich sehe, du bist betrunken,“ sagte er zu Dufailli, „ein Schluck Schnaps ist verzeihlich, aber gehe gleich und lege dich schlafen, daß ich dich nicht mehr hier sehe.“

„Jawohl, Herr Kommandant,“ erwiderte Dufailli, und wir zogen ab.

Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, was für ein Gewerbe die schöne Blondine betrieb; ich habe es deutlich genug gezeigt. Magdalene aus der Picardie war ein großgewachsenes, etwa dreiundzwanzigjähriges Frauenzimmer, die durch ihren frischen Teint ebenso wie durch die Schönheit ihrer Formen auffiel; sie machte sich einen Ruhm daraus, niemandem zu gehören und glaubte, aus Gewissenspflicht allein der Armee, und zwar der ganzen Armee zugleich dienen zu müssen: ob letzter Pfeifer oder kaiserlicher Marschall – alles was Uniform trug, wurde von ihr gleich gut aufgenommen. Dagegen verachtete sie alles, was nicht Militär war. Es gab keinen Bürger, der sich hätte rühmen können, je ihre Gunst genossen zu haben. Sie machte sich nicht einmal viel aus der Marine, die sie „Teerhintern“ nannte; sie schickte sie nach Belieben fort, denn sie konnte es nicht übers Herz bringen, sie als Soldaten zu behandeln: im Scherz pflegte sie zu sagen, sie brauche zwar die Marine zum Leben, aber die Armee zum Lieben. Dieses Mädchen, das ich später zu besuchen Gelegenheit hatte, war lange Zeit die Lust der ganzen Armee, ohne daß ihre Gesundheit Schaden litt; man hielt sie für reich. Entweder weil Magdalene nicht geldgierig war, oder weil das Geld ihr leicht durch die Finger rann, – sie starb 1812 im Spital zu Ardres, arm wie eine Kirchenmaus, aber den Fahnen treu; würde sie zwei Jahre länger gelebt haben, so hätte sie sich, ähnlich wie ein anderes Mädchen in Paris, nach der Niederlage von Waterloo die „Witwe der großen Armee“ nenne können.

Die Erinnerung an Magdalene lebt bis jetzt noch an allen Enden Frankreichs, ja Europas, möchte ich sagen. Magdalene hatte zwar etwas männliche Züge, aber nichts Unedles in ihrem Äußern. Die Farbe ihres blonden Haares hatte nicht den faden Ton von Flachs; die goldenen Reflexe ihrer Flechten standen in vollkommener Harmonie mit dem zarten Blau ihrer Augen; ihre Nase hatte nicht die übliche ungraziöse Krümmung der Adlernasen. Ihr Mund hatte etwas Wollüstiges, aber zugleich auch etwas Liebliches und Offenes, und außerdem tat Magdalene nichts neben ihrem Beruf: sie schrieb nicht; und von der Polizei kannten sie nur die Nachtwächter und die Wachtmeister, denen sie ein Glas spendierte, um in Ruhe gelassen zu werden.

Das Vergnügen, das ich jetzt, nach mehr als zwanzig Jahren empfinde, wenn ich Magdalenens Bild zeichne, ließ mich für einen Augenblick Dufailli vergessen. – Ein von Weindünsten umnebeltes Gehirn läßt sich schwer von der einmal gefaßten Idee abbringen. Dufailli hatte sich nun einmal vorgenommen, den Tag mit Weibern zu beschließen, und davon wollte er nicht abgehen. Kaum hatten wir einige Schritte getan, als er sich umschaute.

„Er ist fort,“ sagte er zu mir, „komm! Hierher,“ und indem er meinen Arm losließ, stieg er die Stufen hinauf und klopfte an eine kleine Tür, die nach wenigen Minuten aufging und das Gesicht eines alten Weibes zeigte.

„Was wünschen Sie?“

„Was wir wünschen?“ antwortete Dufailli, „Blitzdonnerwetter! Erkennst du deine Freunde nicht mehr?“

„Ach, Sie sind’s, Herr Dufailli? Es ist alles besetzt.“

„Was heißt besetzt? Für gute Freunde!!! Du scherzest wohl, Mutter, du willst uns wohl zum besten haben?“

„Nein, so wahr ich eine anständige Frau bin. Du weißt doch, alter Lump, daß ich nichts dagegen hätte; aber Therese, meine ältere, ist mit einem Kapitän beschäftigt, und bei Pauline, der jüngeren, ist der General Chamberlhac; geduldet euch ein Viertelstündchen, Kinder. Ihr werdet doch vernünftig sein, nicht wahr?“ „Wem sagen Sie das? Sehen wir wie Rüpel aus?“

„Ich sage ja nichts, meine Lieben, aber ihr seht doch, es ist ein ruhiges Haus; ihr werdet nie Lärm hier hören, nur feine Herrschaften verkehren bei mir: der kommandierende General, der Proviantmeister, der Armee-Kommissar; an Kunden fehlt es uns, Gott sei Dank, noch nicht! Wenn ich noch fünfzig Töchter hätte, so wäre ich nicht in Verlegenheit mit ihnen.“

„Das nenne ich eine gute Mutter!“ rief Dufailli, indem er ein Goldstück herauszog; „aber, Mama Thomas, du wirst uns doch nicht eine ganze Viertelstunde warten lassen, hast du denn gar kein Eckchen mehr für uns?“

„Immer der alte Spaßvogel, der alte Dufailli; man kann ihm wirklich nichts abschlagen. Also schnell, schnell! kommt schnell herein, daß euch niemand sieht, versteckt euch hier, und seid schön still.“

Madame Thomas hatte uns in einen niedrigen Salon geführt, der als Durchgangszimmer diente, und versteckte uns hinter einem Wandschirm. Unsere Geduld wurde nicht auf die Probe gestellt: zuerst kam Fräulein Pauline; nachdem sie den General hinauskomplimentiert hatte, raunte sie ihrer Mutter einige Worte zu, und ließ sich dann bei uns zu einer Flasche Rheinwein nieder.

Pauline mochte noch nicht fünfzehn Jahre alt sein, und schon hatte sie die bleierne Gesichtsfarbe, den schamlosen Blick, die kotige Sprache, die heisere Stimme und den widerlichen Geruch einer Straßenhure. Diese frühe Ruine war für mich bestimmt, und so verschwendete sie ihre Liebkosungen an mich. Therese paßte besser zu dem kahlen Schädel meines Kameraden, der sie kaum abwarten konnte; endlich verkündete das Rasseln der Sporen an den Husarenstiefeln, daß der Kavalier von seiner Schönen Abschied nahm. Dufailli, der es sehr eilig hat, erhebt sich rasch von seinem Sitz, aber seine Beine verschlingen sich mit seinem Degen; er fällt hin und zieht die spanische Wand, den Tisch samt Gläsern und Flaschen mit sich. „Verzeihung, Herr Hauptmann,“ ruft er, indem er sich aufrichtet, „die Wand ist schuld daran!“

„Oh! seien Sie nur unbesorgt,“ antwortet der Offizier und hilft ihm, etwas verlegen, beim Aufstehen – während Pauline, Therese und ihre Mutter sich vor Lachen wälzen. Als Dufailli wieder auf den Beinen stand, zog sich der Hauptmann zurück, und da der Fall weiter keine schlimmen Folgen gehabt hatte, waren wir durch nichts gehindert, uns unserer Lustigkeit zu überlassen.

Um ein Uhr nachts weckte mich aus dem tiefsten Schlaf ein fürchterlicher Lärm. Ohne etwas Böses zu ahnen, kleidete ich mich hastig an, da zeigten mir die mörderischen Hilferufe der Mama Thomas an, daß die Gefahr sich uns näherte. Ich war unbewaffnet, ich lief daher in das Zimmer von Dufailli, um seine Waffe zu holen, von der ich einen besseren Gebrauch zu machen hoffte, als er imstande war. Es war auch höchste Zeit: die Wohnung war bereits von fünf, sechs Matrosen von der Garde gestürmt, die mit der Waffe in der Hand uns zu verdrängen suchten. Diese Herren erwarteten nichts Geringeres, als daß wir aus den Fenstern springen würden; und da sie außerdem noch alle im Hause mit Brand und Mord bedrohten, so läutete die grelle Stimme der Madame Thomas wie eine Sturmglocke, die das ganze Quartier in Bewegung setzte. Obwohl ich kein Hasenfuß bin, so muß ich doch gestehen, daß mich Angst erfaßte. Diese ganze Geschichte konnte üble Folgen für mich haben.

Wie dem auch sei, ich war entschlossen, mich wacker zu halten. Pauline drang darauf, daß ich mich mit ihr einschließe. „Schiebe den Riegel vor,“ bat sie mich, „schiebe den Riegel vor, ich bitte dich darum.“ Aber die Bude, in der wir uns befanden, war keine Zuflucht; ich konnte blockiert werden; lieber wollte ich den Platz von der Außenseite verteidigen, als wie eine Ratte in der Mausefalle gefangen zu werden. Trotz Paulines Bemühungen, mich zurückzuhalten, wagte ich mich hinaus. Sofort befand ich mich im Handgemenge mit zweien der Angreifer; in einem engen Korridor warf ich mich auf sie und ging ihnen so ungestüm zu Leibe, daß sie, ehe sie sich noch umsehen konnten, die Stiege, über die sie hinaufgeklettert waren, wieder herabgeworfen wurden und zerschlagen und zerbeult unten liegen blieben. Um den Sieg noch entscheidender zu machen, begannen nun Pauline, ihre Schwester und Dufailli ihnen alles nachzuwerfen, was ihnen unter die Hände kam: Stühle, Nachttöpfe, ein Nachttischchen, eine alte Garnwinde und andere derartige Hausgeräte. Bei jeder Ladung, die unten ankam, gaben unsere Gegner Schreie von Schmerz und Wut von sich. Im Nu war die Treppe voll von Leuten. Dieser nächtliche Skandal mußte ja Lärm machen; Nachtwachen, Polizei, Patrouillen – alles strömte zur Behausung der Madame Thomas. Ich glaube, über fünfzig bewaffnete Männer waren nun hier versammelt; es gab einen Höllenlärm. Madame Thomas beteuerte, sie führte ein ruhiges Haus, niemand hörte auf sie. Man vernahm Worte wie: „Führt dieses Weibstück ab! Kommt mit, alte Vettel! … Halt, eine Tragbahre … nehmt alle fest …“ Und dann hörte ich: „Lauter Lumpenpack, lauter Lumpenpack, reißt ihnen die Waffen aus der Hand … ich will euch lehren, ihr Gesindel.“ Diese Worte, die mit provenzalischem Akzent hervorgebracht wurden, ließen erkennen, daß Adjutant Bévignac sich an der Spitze der Expedition befand. Dufailli hatte keine Angst, ihm in die Hände zu fallen, aber ich für meinen Teil wollte lieber verduften. „An die Treppe! Versperrt den Ausgang! Verdammtes Donnerwetter noch mal!“ kommandierte Bévignac . Aber während er seine Lungen anstrengte, hatte ich gerade noch Zeit, ein Tuch am Fensterkreuz zu befestigen; und noch waren die Hindernisse, die uns von der bewaffneten Macht trennten, nicht gehoben, als Pauline, Therese, Dufailli und ich bereits in Sicherheit waren. Die Drohung, die wir von ferne hörten: „Seid ohne Sorge, ich krieg’ euch schon!“ vermehrte nur unsere Heiterkeit; die Gefahr war vorüber.

Wir berieten uns, wo wir den Rest der Nacht verbringen sollten. Therese und Pauline waren für einen Ausflug ins Grüne, wo sich für jedermann ein Bett findet.

„Nein, nein,“ sagte Dufailli, „lieber irgendwo näher, im ‚Silbernen Löwen‘, bei Boutrois.“

Trotz der ungewohnten Stunde empfing uns Boutrois mit einer bezaubernden Freundlichkeit!

„Ah!“ sagte er zu Dufailli, „ich habe gehört, daß Sie Ihren Teil von den Prisengeldern abgehoben haben. Es ist schön von Ihnen, daß Sie mich besuchen; ich habe ausgezeichneten Bordeaux. Wünschen die Damen etwas?“ Mit diesen Worten geleitete uns Bourtrois, der einen Bund Schlüssel und eine Kerze trug, auf unser Zimmer.

Dufailli bestellte Bordeaux und Heizung ins Zimmer, obwohl es nicht besonders kalt war.

Man brachte den Bordeaux, einige Holzscheite wurden in den Kamin gelegt, und eine reichliche Mahlzeit wurde aufgetragen. Mitten auf dem Tisch stand kaltes Geflügel; es bildete sozusagen die Reserve dieses improvisierten Mahles, das auf einen enormen Appetit berechnet war.

Paulines Schwester Therese, die weit über die dreißig hinaus war, war Dufaillis Liebling.

„Ich liebe sie, die Kleine,“ rief er bisweilen, „sie ist ein gutes Mädchen.“

„Du sagst mir nichts Neues,“ antwortete Therese darauf, „seitdem eine Pinasse auf der Reede liegt, gibt es keine Bemannung, die ich nicht hätte Revue passieren lassen, und ich bin überzeugt, daß kein einziger Matrose mir etwas Böses nachsagen würde. Ja, wenn man sich Achtung zu verschaffen weiß …“

„Die Kleine hat recht,“ meinte Dufailli, „ich habe sie für ihre Offenheit gerne; ich will für ihre Zukunft sorgen.“

„Hahaha, Zukunft,“ meinte Pauline lachend; dann rief sie, zu mir gewandt: „Willst du auch für meine Zukunft sorgen?“

Auf diese Art ging die Unterhaltung vor sich, als wir auf einmal vom Hafen her einen Trupp Menschen kommen hörten, die mit ihren Stiefeln einen gewaltigen Lärm machten.

„Hoch Kapitän Paulet!“ riefen sie, „hoch der Kapitän!“ Bald hielt dieser Trupp vor unserem Hotel. „Vater Boutrois! Vater Boutrois!“ erscholl es aus vielen Kehlen zugleich. Die einen versuchten die Tür einzuschlagen, die anderen schwangen mit ungeheurer Kraft den Klopfer, andere rissen an der Glocke und wieder andere warfen Steine an die Fensterläden.

Bei diesem Tohuwabohu sprang ich erschreckt auf; ich glaubte, unsere Zufluchtsstätte würde von neuem bombardiert werden; auch Pauline und ihre Schwester blieben nicht ganz ruhig. Endlich kommt jemand in großen Sätzen die Treppe hinuntergestürmt, die Haustür wird aufgemacht; es ist, als ob man einen Damm zerrisse. Der Strom wälzt sich hinein, ein Durcheinander von verworrenen Stimmen kommt näher, man hört Rufe wie: „Pierre, Paul, Elisa, das ganze Haus! Frau, steh auf! Mein Gott, sie schlafen wie die Ratzen.“

Man hätte glauben können, das Haus stehe in Flammen. Wir hören Türen auf- und zugehen, ein wüstes Treiben bricht im Hause los, eine Dienstmagd schimpft in derben Ausdrücken über Zudringlichkeit; dröhnendes Gelächter erschallt, die Flaschen klirren. Schüsseln, Teller, Gläser klingen durcheinander, das Silber gellt dazwischen, und derbe englische und französische Flüche geben dem Durcheinander die Würze. „Landsmann,“ ruft Dufailli mir zu, „das hat eine große Freude zu bedeuten. Was haben sie bloß? Was haben sie? Haben sie den die spanischen Schiffe erwischt? Aber es war doch gar nicht ihr Weg …“

Dufailli zerbrach sich den Kopf, was wohl der Grund dieser Lustigkeit sein mochte; auch ich konnte ihn darüber nicht aufklären. Da trat der Wirt herein, um Feuer zu holen. Sein Gesicht war glühend rot.

„Wissen Sie denn nicht,“ sagte er zu uns, „soeben ist die Fregatte ‚Revanche‘ eingelaufen. Unser Paulet hat einen Fang gemacht, der hat Glück! … Ein Fang von drei Millionen, dicht unter den Kanonen von Dover.“

„Drei Millionen,“ rief Dufailli, „und ich war nicht dabei!“

„Hörst du, Schwester, drei Millionen!“ rief Pauline ihrerseits und hüpfte wie eine Ziege in die Höhe.

„Drei Millionen!“ echote Therese. „Mein Gott, wie bin ich froh! Komm, wir wollen gleich unser Teil abkriegen!“

„So sind die Weiber,“ rief Dufailli, „zuerst kommt immer das Geschäft. Denkt doch lieber an eure Mutter, die jetzt vielleicht im Loch sitzt.“

„Mutter Thomas, die alte …“ Ich wage es nicht, die Bezeichnung zu wiederholen, mit der Therese sie benannte.

„Nett!“ bemerkte Boutrois, „das nenne ich eine Tochter! Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebest auf Erden …“

„Ich kann mich gar nicht fassen, drei Millionen,“ sprach Dufailli, „erzählen Sie es uns doch, Vater Boutrois …“

Unser Wirt entschuldigte sich mit Mangel an Zeit. „Erstens weiß ich selbst nichts,“ fügte er hinzu, „und dann hab’ ich’s sehr eilig.“

Der Lärm hielt an; ich glaubte zu hören, daß man Stühle ordnete, einen Augenblick später ließ die eingetretene Stille erkennen, daß jetzt die Kauapparate in Tätigkeit traten. Es war zu vermuten, daß man einige Stunden Ruhe haben würde, und so schlug ich der Gesellschaft vor, sich in die Federn zu begeben. Alle waren damit einverstanden, wir legten uns zum zeitenmal hin.

Aber unsere Ruhe dauerte noch kürzer als ich glaubte: Seeleute essen schnell und trinken lange. Unser Schlaf wurde auf einmal durch einen Gesang unterbrochen, der die Fensterscheiben erzittern ließ. Vierzig unharmonische Stimmen wiederholten im Chor den berühmten Refrain der Rolandshymne.

„Zum Teufel mit den Sängern!“ rief Dufailli. „Schlaft nur weiter, schlaft, ihr Sklaven,“ sprach er zu den Mädchen. „Rührt euch nicht. Wir kommen gleich zurück.“

Er machte mir ein Zeichen, ihm zu folgen. Ich gehorchte, und er führte mich in einen niedrigen Raum, wo der Kapitän Paulet mit seiner Mannschaft versammelt war. Die meisten waren ganz betrunken von Begeisterung und Wein. Aber da empfing uns ein Geschrei: „Dufailli! Da ist ja Dufailli!“

„Alle Achtung vor dem Alten!“ sagte Paulet. Er bot meinem Gefährten einen Stuhl an seiner Seite an. „Setze dich hierher, Alter: man darf wohl mit Recht sagen, daß die Vorsehung groß ist. Herr Boutrois,“ rief er dem Wirt zu. „Neuen Wein! Nun gibt es keine Not mehr,“ rief Paulet, indem er Dufaillis Hand drückte. Paulet sah mich dann fest an.

„Ich glaube, ich kenne dich,“ sagte er zu mir, „du bist doch mit Seewasser getauft, mein Junge.“

Ich antwortete, daß ich an Bord des Kapers „Le Barras“ gedient habe, aber soweit ich mich besinnen könne, glaube ich ihn niemals gesehen zu haben.

„Na, dann wollen wir noch miteinander bekannt werden. Ich weiß nicht, wie es kommt,“ fügte er hinzu, „aber du siehst mir wie ein tüchtiger Kerl aus, aus dem sich etwas machen läßt. He, was glaubt ihr, Leute: sieht er nicht wie ein tüchtiger Kerl aus? Ich liebe solche Pausbacken. Setze dich zu meiner Rechten, mein Söhnchen; was hat der für Schultern! Dieser Blondkopf kann noch ein großartiger Engländerfänger werden!“ Mit diesen Worten setzte mir Paulet seine rote Mütze auf. „Sie steht ihm nicht übel, dem Jungen,“ bemerkte er in picardischem Dialekt, in dem er sich wohlgefiel.

Ich merkte sogleich, daß der Kapitän nichts dagegen haben würde, mich unter seine Mannschaft aufzunehmen. Dufailli riet mir dringend, die Gelegenheit zu benutzen; das war der gute Rat, den er mir geben wollte, – ich nahm ihn an. Es wurde ausgemacht, daß ich aufgenommen werde; und gleich am folgenden Tage sollte ich dem Reeder Choisnard vorgestellt werden, der mir etwas Handgeld geben würde.

Dufailli hatte das Versprechen, das wir den Mädchen gegeben hatten, ganz vergessen. Aber ich erinnerte mich dran und verließ für einen Augenblick die Gesellschaft, um mich nach ihnen umzusehen. Pauline war allein: ihre Schwester war ausgegangen, um sich nach dem Verbleib der Mutter zu erkundigen. Sie kam bald zurück.

„Das Unglück! Das Unglück!“ rief sie und warf sich in voller Verzweiflung übers Bett.

„Was ist los?“ fragte ich.

„Wir sind verloren,“ antwortete sie tränenüberströmt. „Zwei sind mit gebrochenen Rippen ins Spital transportiert worden, ein Nachtwächter wurde verwundet, und der Kommandant ließ das Haus schließen. Was soll nun werden? Wo sollen wir ein Obdach finden?“

„Ein Obdach für euch kann ich immer noch finden,“ sagte ich. „Aber wo bleibt eure Mutter?“

Therese erzählte, ihre Mutter befände sich jetzt im Stadtgefängnis, und es heiße, daß sie nicht so wohlfeil davonkommen soll.

Diese Nachricht machte mich ernstlich besorgt. Die Mutter Thomas würde vernommen werden; sicher würde sie Dufailli nennen. War einmal Dufailli in die Sache hineingezogen, so war ich es auch; nun galt es, den Schlag abzuwenden. Ich eilte zu meinem Sergeanten und besprach mit ihm die Sachlage. Zum Glück war er noch so weit bei Sinnen, daß er Vernunft annehmen konnte. Ich machte ihm klar, welche Gefahr ihm drohte. Er begriff mich, zog zwanzig Guineen aus der Tasche und sagte:

„Damit wollen wir uns schon die Verschwiegenheit der Madame Thomas erkaufen.“ Dann rief er einen Diener, übergab ihm die Summe und hieß ihn, sie auf der Stelle der Gefangenen zuzustellen. „Er ist der Sohn des Gefangenenwärters,“ belehrte mich Dufailli, „er ist ein pfiffiger Bursche, er kommt überall durch, und dabei ist er verschwiegen.“

Der Bote war bald wieder da; er richtete uns aus, daß Mutter Thomas schon zweimal verhört worden sei, aber niemanden genannt habe. Sie habe das Geschenk mit Dank angenommen, und habe geschworen, auch wenn’s den Kopf auf den Klotz bringe, nichts anzugeben, was uns Scherereien eintragen könnte. Wir hatten also von dieser Seite aus nichts zu befürchten.

„Und was machen wir mit den Mädchen?“ fragte ich Dufailli.

„Diese Mädchen? Die schicken wir nach Dünkirchen. Ich nehme die Reisekosten auf mich.“

Wir gingen sofort zu ihnen hinauf, um ihnen die Reise nahezulegen. Zuerst waren sie sehr erstaunt; aber als wir ihnen klarmachten, daß es am besten für sie sei, Boulogne zu verlassen, willigten sie ein, sich von uns zu trennen. Noch am selben Abend wurden sie abgeschoben. Die Trennung ging leicht vonstatten; Dufailli hatte sie reichlich mit Geld versorgt, und Hoffnung auf Wiedersehen war ja vorhanden. Wir trafen sie in der Tat einmal wieder, und zwar in einem ziemlich wüsten Tingeltangel.

Mama Thomas wurde nach einer sechsmonatlichen Haft auf freien Fuß gesetzt. Aus Liebe zum heimatlichen Herd flogen dann Pauline und Therese in das alte Nest zurück und nahmen das frühere Leben wieder auf. Ich weiß nicht, ob sie ihr Glück gemacht haben; ausgeschlossen ist es nicht. In Ermangelung weiterer Nachrichten beschließe ich hiermit ihre Geschichte und kehre zu der meinen zurück.

Paulet und seine Leute mochten unsere Abwesenheit kaum bemerkt haben, als wir schon zurück waren; man sang, man trank, man aß bis in die späte Nacht ununterbrochen, so daß alle Tagesmahlzeiten in eine einzige verschmolzen. Paulet und Fleuriot, sein erster Offizier, waren die Helden des Festes; körperlich wie moralsich mochte es wohl nie zwei größere Antipoden gegeben haben. Paulet war klein, untersetzt, vierschrötig; er hatte einen Nacken wie ein Stier, breite Schultern, ein volles Gesicht, seine Züge hatten etwas Löwenartiges an sich; sein Blick war wild oder zärtlich; im Kampfe war er unerbittlich, sonst aber war er menschlich und teilnehmend. Im Augenblick, wo geentert wurde, war er ein Dämon; aber im Kreise der Familie, in der Nähe seiner Frau und Kinder, war er, abgesehen von einer gewissen Barschheit, sanft wie ein Engel; alles in allem war er ein guter Bauernsohn, einfach, naiv und dickbäuchig wie ein Patriarch; man hätte in ihm den Korsaren kaum vermutet. Aber im Moment, da er in See stach, veränderte sich sein Charakter und seine Sprache mit einem Schlag: er war brutal und grob über alle Maßen, sein Kommando erinnerte an einen orientalischen Despoten; er war kurz angebunden und duldete keinen Widerspruch; seine Hand und sein Wille waren eisern; weh dem, der ihm widersprach. So war Paulet tollkühn und gutmütig, gefühlvoll und roh zugleich, und keiner übertraf ihn an Offenherzigkeit und anständiger Gesinnung.

Paulets Leutnant war eines der sonderbarsten Geschöpfe, die ich je gesehen habe. Von Natur aus mit einer robusten Körperkonstitution begabt, hatte er schon in der frühesten Jugend durch Ausschweifungen aller Art seine Kraft vergeudet; er war einer jener Wüstlinge, die, noch bevor sie am Leben teilgenommen haben, schon im voraus von ihrem Kapital zehren. Sein glühender Kopf, seine starken Leidenschaften, seine rege Phantasie hatten ihn früh sehr weit gebracht. Er hatte noch nicht das zwanzigste Jahr erreicht, als ein Lungenleiden, verbunden mit allgemeinem Kräfteverfall, ihn bereits zwang, den Artilleriedienst zu quittieren, in den er mit achtzehn Jahren eingetreten war. Nun war der arme Junge nichts mehr als ein Gerippe; er wurde entsetzlich mager: nur ein Paar große Augen, deren wildes Schwarz die Blässe des Gesichtes noch mehr betonte, lebte noch in diesem Leichnam; aber eine feurige Seele steckte in diese Leib. Fleuriot wußte, daß seine Tage gezählt waren. Die Größen der Medizin hatten ihn aufgegeben, die Gewißheit seines nahen Endes brachte ihn auf einen seltsamen Entschluß.

„Ich wollte nun einmal nicht in meinem Bette sterben,“ erzählte er mir später. „Für mich gab es nur eine Wahrheit: nur der stirbt, wer stillhält! Und um nicht stillzuhalten, stürzte ich mich in eine Laufbahn, wo es ohne allzu anstrengende Arbeit, Tätigkeit aller Art gibt. Da ich überzeugt war, daß ich nicht mehr lange zu leben hatte, beschloß ich, den kleinen Rest meines Lebens noch gut auszunutzen. Und so wurde ich Seeräuber. Was riskierte ich dabei? Ich konnte höchstens getötet werden – dabei verlor ich herzlich wenig! Und bis es soweit war, hatte ich alles, wonach ich begehrte: Aufregungen aller Art, Gefahren, Vergnügen – ich hielt nicht still! …“

Ich erwartete mit Ungeduld unsere Einschiffung. Die Fünffrankstücke des Reeders waren gezählt. Wenn ich auch davon leben konnte, so ließ sich doch gewiß kein Staat damit machen. Zudem mußte ich, solange ich auf dem Festlande war, allerlei Begegnungen befürchten: Boulogne war zu jener Zeit mit Gesindel jeder Art überfüllt. Darunter konnten nur zu leicht auch einige Bagnoflüchtlinge sein; ich fürchtete, erkannt zu werden, und meine Besorgnisse waren um so begründeter, da ich hörte, einige freigelassene Bagnosträflinge seien bei den Sappeuren und in den Marinewerkstätten aufgenommen worden. Seit einiger Zeit sprach man von nichts anderem, als von Raub und Mord und Diebstahl; alle diese Verbrechen ließen auf das Werk sehr geübter Spitzbuben schließen; vielleicht befanden sich unter den Banditen einige, mit denen ich in Toulon zu tun hatte. Mir lag viel daran, ihnen aus dem Wege zu gehen, denn in dem Moment, wo ich wieder mit ihnen in Berührung kam, war ich sofort wieder in einer bösen Situation. Bekanntlich sind die Diebe wie die Huren: wenn man ihrer Gesellschaft und ihren Lastern zu entrinnen sucht, verschwören sich alle gegen einen; alle rechnen es sich gewissermaßen zum Ruhme an, den Betreffenden in dem verabscheuungswürdigsten Zustand zu halten, den sie selbst nicht verlassen wollen. Ich erinnerte mich an meine Angeber in Lyon und die Beweggründe, die meine Verhaftung herbeigeführt hatten. Da die Lehre noch frisch war, so wollte ich sie benutzen, um meine Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Und so zeigte ich mich so selten wie möglich auf den Straßen, und verbrachte meine ganze Zeit bei einer gewissen Frau Henri, die Korsaren in Kost nahm und ihnen Kredit gewährte mit Aussicht auf ihre künftigen Prisen.

Diese Madame Henri lebte in der Hoffnung, noch einmal geheiratet zu werden; sie war eine noch sehr hübsche und appetitliche Witwe, so gegen sechsunddreißig; sie hatte zwei reizende Töchter bei sich, die, ohne ihre Ehre zu verlieren, jedem guten Jungen, der Geld hatte, Versprechungen machten. Wer sein Geld im Hause ließ, der war gerne gesehen, aber wer am meisten ausgab, der hatte auch die meisten Chancen bei der Mutter und den Töchtern. Wohl zwanzigmal war die Hand dieser Mädchen vergeben worden, zwanzigmal waren sie verlobt gewesen, aber ihre Reputation hatte nicht darunter gelitten. Sie hatten beide eine lose Zunge, im Betragen aber waren sie sehr zurückhaltend, und obwohl sie sich nicht viel auf ihre Unschuld zugute taten, so konnte sich niemand rühmen, sie zu einem Fehltritt verleitet zu haben. Doch wieviel Seehelden waren der Macht ihrer Reize unterlegen!

Am Herde dieser empfehlenswerten Familie verbrachte ich fast einen ganzen Monat mit einer Ausdauer, über die ich mich selbst wunderte. Ich teilte meine Zeit zwischen Kartenspielen, anzüglichen Neckereien und Biertrinken.

Endlich hörte dieser untätige Zustand auf. Paulet beschloß ans Werk zu gehen: wir legten uns auf die Lauer. Aber die Nächte waren nicht dunkel genug, und die Tage waren zu lang: unser ganzer Fang beschränkte sich auf ein paar armselige Kohlenschiffe und einen Einmaster von geringem Wert; wir trafen auf ihm irgendeinen Lord, der, um den verlorenen Appetit wiederzugewinnen, mit seinem Koch eine Lustreise zur See unternommen hatte. Die tote Saison kam heran, und wir hatten noch keine Beute gemacht. Der Kapitän hüllte sich in Schweigen und ließ die Ohren hängen; Fleuriot war verzweifelt, er fluchte, er tobte von morgens früh bis abends spät; die ganze Mannschaft verzehrte sich in Untätigkeit … In dieser Stimmung würden wir, glaube ich, selbst einen Dreimaster angegriffen haben.

Es war Mitternacht: wir verließen eine kleine Bucht bei Dünkirchen und steuerten der englischen Küste zu; plötzlich bricht der Mond hinter den Wolken hervor und streut sein Licht über die Wellen; ganz nah von uns schimmern weiße Segel. Es ist eine Kriegsbrigg. Paulet erkennt sie sofort.

„Kinder,“ ruft er, „sie ist unser!“

Im Handumdrehen hat er geentert. Die Engländer verteidigten sich wütend, an Bord entbrannte ein schrecklicher Kampf. Fleuriot, der seiner Gewohnheit nach als erster hinüberstieg, fiel; Paulet wurde verwundet, aber er rächte seine Wunde und rächte seinen Leutnant: er hieb alles rings um sich nieder; – noch nie habe ich ein solches Gemetzel gesehen. In weniger als zehn Minuten waren wir die Herren an Bord, und an Stelle der roten Flagge wurde die Trikolore gehißt. Wir hatten zwölf Mann im Kampf verloren.

Unter den Gefallenen war auch ein gewisser Lebel, der mir dermaßen ähnlich sah, daß es Tag für Tag Verwechslungen gab. Nun fiel mir ein, daß die Papiere meines Doppelgängers in bester Ordnung waren. „Hol’s der Teufel!“ dachte ich bei mir, „die Gelegenheit ist günstig; man weiß nicht, was da kommen kann. Der Lebel wird zu den Fischen expediert werden und braucht seinen Paß nicht mehr, diesen Paß, der so großartig auf mich stimmt!“

Die Idee schien mir ausgezeichnet zu sein; ich befürchtete nur eines, nämlich, daß Lebel seine Brieftasche auf dem Büro des Reeders deponiert haben mochte. Ich war außer mir vor Freude, als ich sie auf seiner Brust anfühlte; unbemerkt bemächtigte ich mich ihrer, und als die Säcke mit den Leichen ins Meer versenkt wurden, fühlte ich mich von einer großen Last erleichtert. Endlich war ich, glaube ich, von diesem Vidocq befreit, der mir so viel schlimme Streiche gespielt hatte.

Indessen war ich noch nicht ganz beruhigt; Dufailli, der unser Obmann war, wußte ja meinen Namen. Das kam mir sehr ungelegen: um ihn nicht ewig fürchten zu müssen, beschloß ich, ihm durch ein falsches Geständnis den Mund zu stopfen. Unnütze Vorsicht! Ich rufe Dufailli, ich suche ihn, er ist nirgends da; ich gehe an Bord der „Revanche“, suche, rufe wieder, keine Antowrt; ich steige endlich in die Pulverkammer hinunter, kein Dufailli ist zu sehen! Wo steckt er? Ich steige schließlich in die Proviantkammer: neben einem Fäßchen Genever und einigen Flaschen finde ich da lang ausgestreckt seinen Körper: er ist’s. Ich schüttele ihn, ich wende ihn hin und her … er ist schwarz im Gesicht … er ist tot.

Das war das Ende meines Beschützers: ein Bluterguß ins Gehirn, ein Schlaganfall oder eine durch Trunksucht erzeugte Erstickung hatte seine Laufbahn beendet. Seitdem es Sergeanten der Marine gibt, gab es wohl keinen anderen, der mit soviel Ausdauer trank …

Ich kehrte nun an Bord der Brigg zurück, wo Paulet mich mit dem Prisenkapitän und fünf Mann der „Revanche“ zurückließ. Kaum hatten wir die Luken über unseren Gefangenen geschlossen, so waren wir auch schon an der Küste – wir wollten an der Küste entlang bis Boulogne fahren. Aber einige Kanonenschüsse, die die Engländer vor dem Entern abgefeuert hatten, hatten eine Fregatte auf uns aufmerksam gemacht. Mit vollen Segeln jagte sie auf uns zu, und bald war sie uns so nahe, daß ihre Kugeln uns beinah streiften; so folgte sie uns bis auf die Höhe von Calais. Da hier die See sehr bewegt war und ein heftiger Wind dem Ufer zuwehte, so glaubten wir, die Fregatte würde aus Furcht vor den Klippen zurückbleiben. Allein sie vermochte nicht mehr die Herrschaft über ihre Manöver zu gewinnen. Sie wurde an Land getrieben, und mußte gegen alle entfesselten Elemente zugleich ankämpfen. Die Strandung war für sie noch die einzige Rettung. Im Nu befand sich die Fregatte unter dem Kreuzfeuer: von allen Seiten hagelten Bomben, Kugeln und Haubitzengranaten. Mitten im entsetzlichen Lärm und fürchterlichen Krachen vernimmt man verzweifelte Hilferufe, und die Fregatte sinkt, ohne daß man ihr Hilfe leisten könnte.

Eine Stunde später bricht der Tag an. Hie und da schwimmen in den Wogen die Trümmer. Ein Mann und eine Frau haben sich an einen Mast gebunden, sie winken mit einem Tuch; wir wollen gerade an das Cap Grenet steuern, als wir ihre Zeichen gewahren. Ich glaubte, wir könnten diese Unglücklichen retten; ich schlug dem Prisen-Kapitän vor, uns eine Schaluppe zur Verfügung zu stellen, allein er weigerte sich. In der Aufwallung eines mir bis dahin unbekannten Mitleids ließ ich mich zu der Drohung hinreißen, ich würde ihm den Schädel einschlagen.

„Bitte,“ antwortete er mit einem verächtlichen Lächeln und zuckte die Schultern, „Kapitän Paulet ist gewiß menschenfreundlicher als du; er hat sie gesehen und rührt sich nicht vom Fleck; man kann also nichts machen! Sie sind dort, wir hier, bei dem schlechten Wetter ist jeder sich selbst am nächsten. Wir haben oft genug solche Verluste; wenn’s nur Fleuriot allein wäre! …“

Die Antwort brachte mich zur Besinnung, und ich begriff, daß wir selbst in größerer Gefahr schwebten, als ich geglaubt hatte: in der Tat, die Wogen stiegen, der schrille Schrei der Seemöwen mischte sich ins Pfeifen des Windes; den Horizont, der sich immer mehr und mehr verdunkelte, überzogen lange schwarze und rote Fetzen; der Anblick des Himmels war grauenvoll: alles verkündete Sturm. Zum Glück hatte Paulet Zeit und Entfernung geschickt berechnet. Wir verfehlten die Einfahrt nach Boulogne, aber nicht weit von dort, in Portel, fanden wir Zuflucht und ein sicheres Wasser.

Beim Landen fanden wir am Ufer die beiden Unglücklichen, die ich so gerne gerettet hätte; die Ebbe hatte die leblosen Körper ans fremde Land geschwemmt, wo wir ihnen ein Grab bereiteten. Vielleicht waren es zwei Liebende. Ihr Schicksal berührte mich stark, aber andere Sorgen lenkten mich von meinem Mitgefühl ab. Die ganze Bevölkerung des Dorfes, Weiber, Kinder, Greise, waren am Strand zusammengeströmt. Die Familien von hundertfünfzig Fischern waren in fürchterlicher Verzweiflung beim Anblick der schwachen Fahrzeuge, auf die sechs englische Linienschiffe blitzend Jagd machten, und die festen Massen der letzteren trotzten sogar dem Meere in seiner Wut. Mit einer Angst, die sich eher begreifen als beschreiben läßt, folgte jeder Zuschauer mit den Augen dem Boote, das für ihn in Betracht kam, und je nachdem ob es sich rettete oder unterging, erfolgten Schreie, Klagen und Tränen oder Ausdrücke der tollsten Freude. Frauen, Mädchen, Mütter, Gattinnen rauften sich die Haare, zerrissen sich die Kleider und wälzten sich unter Flüchen und Verwünschungen am Boden; andere tanzten, sangen, während noch Tränen in ihren Augen standen, und zeigten die ausgelassenste Freude: die glühenden Gelübde, der Schutz des wundertätigen heiligen Nikolaus, die Wirksamkeit seiner Einmischung – alles war vergessen. Vielleicht erinnerte man sich am Tage darauf wieder daran, aber vielleicht schenkte man da auch seinem Nächsten etwas Mitleid, aber während des Sturmes herrschte nichts als Egoismus … Man hatte mir’s ja schon gesagt: „Jeder ist sich selbst am nächsten!“

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