Achtundzwanzigstes Kapitel – Die Pianistin

Es kommt selten vor, daß ein Sträfling dem Gefängnis entspringt mit der Absicht, sich zu bessern; zumeist trachtet er nur danach, die Hauptstadt zu erreichen, und dort die traurige Kunstfertigkeit auszuüben, die er im Bagno erlernt hat, denn die meisten unserer Gefängnisse sind die hohe Schule der Vervollkommnung im Verbrecherhandwerk. Fast alle großen Diebe haben’s zur Meisterschaft gebracht, nachdem sie eine kurze oder längere Zeit auf den Galeeren gelebt haben. Einige wurden fünf- bis sechsmal verurteilt, ehe sie ihr Renommee erlangten, wie zum Beispiel der berühmte Victor Desbois und sein Kamerad Mongenet, genannt Tambour. Beide tauchten mehrmals in Paris auf und begingen hier eine Reihe von Diebstählen, von denen das Volk gern als von tollkühnen und gewagten Kunststücken erzählt.

Diese zwei Menschen gingen seit einigen Jahren jedesmal mit dem Sträflingstrupp ab und brachen immer wieder aus. Jetzt befanden sie sich wieder einmal in Paris. Die Polizei wurde davon benachrichtigt, und ich erhielt den Auftrag, sie aufzuspüren. Alle Anzeichen sprachen dafür, daß sie noch mit anderen, nicht minder gefährlichen Verbrechern in Verbindung standen. Man hatte eine Klavierlehrerin, deren Sohn, Noël, der Brillen-Noël genannt, ein berüchtigter Verbrecher, im Verdacht, die beiden bei sich aufgenommen zu haben.

Frau Noël war eine gebildete Dame. Sie war eine ausgezeichnete Musikerin, und in der mittleren Bourgeoisie, deren Töchtern sie Unterricht erteilte, galt sie als vortreffliche Künstlerin. Wenn man sie sah und hörte und sie nicht näher kannte, erschien Frau Noël als recht interessante kleine Frau, ja, sie hatte sogar etwas Rührendes in ihrem Wesen. Ein gewisses Geheimnis lag über ihrem Leben. Man wußte nichts von ihrem Gatten. Einige behaupteten, sie wäre schon sehr früh verwitwet gewesen; andere erzählten, er habe sie verlassen; dann sagten wieder andere, sie sei das Opfer einer Verführung geworden. Ich weiß nicht, welches dieser Gerüchte der Wahrheit entspricht, ich weiß nur soviel, daß Frau Noël eine kleine Brünette war, deren lebhaftes Auge und heiterer Blick viel Sanftmut äußerten; in Übereinstimmung damit stand ihr freundliches Lächeln und der Klang ihrer Stimme, die viel Charme hatte. Dieses Gesicht vereinte aber in Wahrheit etwas Engelhaftes und Teuflisches zugleich, aber mehr Teuflisches als Engelhaftes, denn mit den Jahren hatten die bösen Gedanken ihre Züge enthüllt.

Frau Noël war gefällig und gut, aber lediglich für Individuen, die irgendwie mit der Justiz auf dem Kriegsfuß standen; diese nahm sie auf wie eine Soldatenmutter die Kameraden ihres Sohnes aufzunehmen pflegt. Um eines guten Empfangs gewiß zu sein, brauchte man nur aus derselben Batterie zu sein, wie der Brillen-Noël; und dann erwies sie einem aus Liebe zu ihm oder auch aus eigener Neigung alle möglichen Dienste. Sie wurde gewissermaßen von den Dieben als ihre Mutter betrachtet; bei ihr stiegen sie ab, sie sorgte für alle ihre Bedürfnisse, sie trieb ihre Gefälligkeit selbst soweit, daß sie ihnen „Arbeit“ suchte; wenn ein Paß nötig war, ruhte sie nicht eher, bis sie einen Paß verschafft hatte.

Mama Noël hatte mich nie gesehen, mein Aussehen war ihr vollkommen unbekannt, sie hatte höchstens meinen Namen nennen hören. Es wäre mir also ein Leichtes gewesen, mich ihr vorzustellen, ohne ihren Verdacht zu erregen. Aber ich wollte sie soweit bringen, daß sie mir den Schlupfwinkel der gesuchten Diebe angeben, und dazu mußte ich eine List gebrauchen. Zunächst beschloß ich, mich für einen geflüchteten Sträfling auszugeben, aber ich mußte dazu den Namen des Diebes annehmen, den ihr ihr Sohn oder dessen Kameraden im günstigsten Licht geschildert hatten. Eine gewisse Ähnlichkeit war unumgänglich notwendig; ich suchte unter meinen ehemaligen Bekannten irgendeinen, der mit dem Brillen-Noël in Verbindung stand, ich konnte aber niemanden finden, der dasselbe Alter wie ich gehabt hätte und dessen Signalement auf mich paßte. Endlich fiel mir ein gewisser Germain ein, auch Royer und Kapitän genannt, der Noëls Busenfreund gewesen war. Obgleich er mir nichts weniger als ähnlich sah, so war er doch die passende Person, die ich spielen wollte.

Germain war ebenso wie ich mehrmals aus den Zuchthäusern entsprungen, aber das war auch alles, was wir gemeinsam hatten. Er war ungefähr so alt wie ich, aber er war viel kleiner als ich; er hatte braunes Haar, während ich blond war; er war mager, ich erfreute mich einer gewissen Leibesfülle, seine Gesichtsfarbe war nußbraun, während meine Haut weiß und rosig war. Überdies hatte Germain eine sehr lange Nase, die eine ungeheure Menge Tabak faßte; beständig hing ihm ein Tabakklümpchen an den Nüstern, wodurch seine Stimme einen näselnden Ton erhielt.

Es war nicht leicht für mich, Germains Rolle zu spielen. Aber die Schwierigkeit schreckte mich nicht ab. Ich ließ mir das Haar wie einem Zuchthäusler schneiden und färbte es schwarz, ebenso den Bart, den ich mir in acht Tagen hatte stehen lassen. Um mir das Gesicht zu bräunen, wusch ich es mit einem Absud von Nußschalen; und um die Imitation zu vervollständigen, klebe ich mir vermittels Gummiarabikums eine Art Kaffeebohne unter die Nase, dadurch erhielt ich Germains näselnde Aussprache. Ebenso wurden mit viel Kunst meine Füße hergerichtet; ich ließ mir Blasen wachsen, indem ich mich mit einer Flüssigkeit wusch, deren Zusammensetzung ich aus Brest kannte. Ich malte die Kettenabdrücke hinzu, und um die Toilette zu vervollständigen, putzte ich mich dementsprechend aus. Ich hatte nichts vergessen, das der Metamorphose die Glaubwürdigkeit rauben könnte: weder an den Stiefeln, noch am Hemde fehlte die furchtbare Marke des Bagno: G A L; das Kostüm war vollkommen, es fehlte nichts als ein paar Hundert jeder Insekten, die die Hütten der Armut bevölkern und, wie ich glaube, eine der sieben ägyptischen Plagen waren. Aber für Geld bekam ich auch diese, und als sie akklimatisiert waren – das war die Sache einer Minute – begab ich mich zu Mama Noël, in die Rue Ticquetonne.

Ich komme an und klopfe, sie öffnet – ein Blick sagt ihr alles. Sie läßt mich eintreten, ich bin mir ihr allein und sage ihr, wer ich bin.

„Ach, mein armes Kind!“ ruft sie, „man braucht Sie ja nicht erst zu fragen, woher Sie kommen. Ach, Sie sind gewiß furchtbar hungrig?“

„O ja, sehr,“ antworte ich, „ich habe seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen.“

Sofort geht sie hinaus und kommt mit einem Teller kalten Aufschnitts und einer Flasche Wein zurück, die sie vor mich hinstellt. Ich esse nicht, ich schlinge, ich ersticke beinah, ich würge alles hinunter, ohne ein Wort zusagen. Mama Noël ist von meinem Appetit entzückt; als alles verzehrt ist, bringt sie mir ein Schnäpschen.

„Oh, Mutter,“ rufe ich, indem ich ihr um den Hals falle, „Sie retten mir das Leben. Wie recht hatte Noël, als er mir von ihrer Güte erzählte.“

Und nun fange ich an, ihr zu erzählen, daß ich vor achtzehn Tagen ihren Sohn verlassen hätte und gebe ihr Auskunft über alle Sträflinge, für die sie sich interessiert. Die Einzelheiten, auf die ich einging, waren so wahrheitsgetreu, daß ihr gar nicht der Gedanke kommen konnte, ich sei ein Betrüger.

„Sie haben gewiß schon von mir sprechen gehört,“ fahre ich fort. „Ich habe schon viel durchgemacht. Ich heiße Germain, auch Kapitän genannt. Sie haben diesen Namen wohl schon gehört?“

„O ja, mein Freund,“ antwortete sie, „freilich kenne ich Sie. Ach, mein Gott, mein Sohn und seine Freunde haben mir schon genug von ihrem Unglück erzählt. Seien Sie willkommen, mein lieber Kapitän. Großer Gott, wie sehen Sie aus! Sie dürfen nicht länger so bleiben. Ich glaube sogar, Sie werden vom Ungeziefer geplagt. Warten Sie, ich bringe Ihnen frische Wäsche, ich will auch für anständige Kleidung sorgen.“

Ich danke Frau Noël tausendmal. Ganz nebenbei fragte ich sie während der Unterhaltung, was aus Victor Desbois und seinem Kameraden Mongenet geworden sei.

„Desbois und Tambour! Ach, mein Lieber, sprechen wir nicht davon,“ rief sie, „dieser Hund von Vidocq hat ihnen hart mitgespielt. Seitdem ein gewisser Joseph, den sie zweimal im Quartier getroffen haben (Joseph Longueville, ehemaliger Polizeiinspektor), ihnen mitgeteilt hat, daß es hier gefährlich sei, haben sie das Feld geräumt.“

„Was! Sie sind nicht mehr in Paris!“ rief ich einigermaßen enttäuscht.

„Oh, sie sind nicht weit von hier,“ entgegnete Frau Noël. „Sie befinden sich in der Umgegend. Ich habe das Vergnügen, sie ab und zu von fern zu sehen. Ich hoffe, daß sie mir recht bald einen Besuch abstatten werden. Sie werden gewiß sehr froh sein, Sie hier zu treffen.“

„Ach!“ sagte ich, „sie werden sich gewiß nicht mehr freuen als ich. Wenn Sie ihnen schreiben könnten, daß ich hier bin, so würden sie sich gewiß beeilen, zu kommen.“

„Wenn ich nur wüßte, so sie stecken,“ meinte Frau Noël, „würde ich selbst zu ihnen gehen, um ihnen das Vergnügen zu bereiten. Aber ich kenne ihren Zufluchtsort nicht, und so bleibt uns nichts Besseres übrig, als uns mit Geduld zu wappnen und abzuwarten.“

So mochten wir wohl zwei Stunden geplaudert haben. Dann bot mir Frau Noël ein Fußbad an. Ich nahm mit Dank an, und das Bad war bald bereit. Als ich meine Füße entblößte, wurde ich beinahe ohnmächtig.

„Ach, Sie Ärmster,“ rief sie in mütterlichem Ton, „was müssen Sie leiden! Aber warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt? Sie verdienen ja Schelte!“

Und während sie mich ein wenig ausschimpfte, besah sie meine Füße. Sie stach die Blasen auf, rieb mich mit einer Salbe ein, die, wie sie behauptete, sehr schnell wirken würde, und verband mich mit einem Lappen. Es lag etwas Antikes in ihrer rührenden Gastfreundschaft; um den Vorgang ganz zur Dichtung zu machen, fehlte nur noch, daß ich ein berühmter Wanderer und Mama Noël eine vornehme Fremde sei. Nach der Fußwaschung brachte sie mir frische Wäsche. Sie vergaß nichts: sie brachte auch ein Rasiermesser und half mir beim Rasieren.

„Ich will mich nachher nach einem Handwerkeranzug für Sie umsehen,“ fügte sie hinzu. „Unter so einem Kostüm können Sie sich am besten verstecken.“

Als ich gesäubert war, führte mich Mama Noël ins Schlafzimmer. Dieser Raum diente zugleich als Werkstätte zur Herstellung von Nachschlüsseln. Der Eingang dazu war verdeckt durch einen Kleiderrechen mit Kleidern.

„In diesem Bett,“ sagte sie, „haben Ihre Freunde schon öfters geschlafen. Sie brauchen nicht zu fürchten, daß die Polizei Sie hier überrascht, Sie können ruhig schlafen.“

„Das tut mir auch not,“ meinte ich und bat um die Erlaubnis, ihr Gute Nacht sagen zu dürfen. Sie ließ mich allein. Drei Stunden später erwachte ich von meinem angeblichen Schlaf; ich stand auf, und die Unterhaltung begann von neuem. Man mußte gut beschlagen sein, um der Mama Noël standzuhalten. Es gab keine einzige Zuchthausgewohnheit, die sie nicht bis aufs Tüpfelchen kannte. Sie wußte nicht nur die Namen aller Diebe, die sie gesehen hatte, sondern sie war auch über die kleinsten Einzelheiten aus dem Leben vieler anderer Gauner unterrichtet, und sie erzählte mit Begeisterung die Geschichte der berühmtesten unter ihnen, namentlich aber ihres Sohnes, für den sie ebensoviel Verehrung wie Liebe übrig hatte.

„Sie würden sich wohl sehr freuen, Ihren lieben Sohn bald wiederzusehen?“ fragte ich.

„Oh, und wie!“

„Nun, diese Freude werden Sie recht bald haben. Noël beabsichtigt, zu entspringen. Er wartet nur noch auf den günstigen Augenblick.“

Im Laufe der Unterhaltung fragte mich Mama Noël, ob ich irgend etwas in Aussicht hätte. Sie erbot sich im Notfall, mir etwas zu empfehlen und fragte mich, ob ich mich auf das Nachmachen von Schlüsseln verstehe. Ich antworte ihr, ich verstände mich darauf so gut wie nur irgendeiner.

„Nun, dann bin ich beruhigt,“ sagte sie. „Sie werden also bald etwas finden. Da Sie so geschickt sind,“ fügte sie hinzu, „so will ich beim Eisenwarenhändler einen Schlüssel kaufen, den Sie meinem Schlosse anpassen sollen. Dann können Sie kommen und gehen, wie es Ihnen paßt.“

Ich sagte ihr, wie sehr ich über ihre Gefälligkeit gerührt sei. Da es schon sehr spät war, legte ich mich schlafen. Ich brütete in einem fort, wie ich aus dieser Fall mit heiler Haut davonkommen konnte: die Spitzbuben, die ich suchte, hätten ja nur zu leicht kommen können, ehe ich die nötigen Maßregeln ergriffen hatte.

Ich schlief nicht und erhob mich sofort, als ich Frau Noël Feuer machen hörte. Sie fand, daß ich ein Frühaufsteher sei und wollte gleich alles besorgen gehen, was ich nötigt hätte. Dann brachte sie mir einen unausgearbeiteten Schlüssel, gab mir Feilen und einen kleinen Schraubstock, den ich am Bett befestigte, und ich machte mich in Gegenwart meiner Gastgeberin ans Werk. Sie machte mir viele Komplimente über meine Arbeit; was ihr am meisten gefiel, war die Fixigkeit, mit der ich arbeitete. In der Tat, in weniger als vier Stunden hatte ich einen richtigen Schlüssel ausgearbeitet. Ich probierte ihn, er öffnete vorzüglich, einige Striche mit der Feile machten ein wahres Meisterstück aus ihm. Und so konnte ich, wie die anderen, so oft ins Haus kommen, wie ich wollte.

Ich war Frau Noëls Kostgänger. Nach Tisch sagte ich, daß ich in der Dämmerung gerne ausgehen wollte, um nachzusehen, ob die „Sache“, die ich in Aussicht hätte, ausführbar sei. Sie fand das ganz richtig, aber sie empfahl mir große Vorsicht.

Soweit ging mir alles nach Wunsch; man hätte nicht höher in der Gunst der Frau Noël stehen können. Aber wer garantierte mir dafür, daß ich, wenn ich in ihrem Hause bliebe, nicht niedergemacht würde? Wie leicht konnten zwei, drei Sträflinge auf einmal kommen, mich erkennen und mir den Garaus machen. Ich suchte sie also so weit zu bringen, daß sie mir selbst riet, nicht in ihrer Wohnung zu schlafen.

Ich hatte gemerkt, daß Frau Noël mit einer Obsthändlerin befreundet war, die in demselben Hause wohnte. Zu dieser Frau schickte ich einen meiner Getreuen, Manceau, mit dem Auftrag, sie auf geheimnisvolle, aber recht ungeschickte Art über Frau Noël auszufragen. Ich legte ihm alle Fragen in den Mund, und daß die gute Frau alles ihrer Freundin sofort mitteilen würde – davon war ich um so mehr überzeugt, als ihr mein Helfershelfer strengste Verschwiegenheit anempfahl.

Der Erfolg zeigte, daß ich mich nicht geirrt hatte. Kaum hatte mein Agent den Auftrag erfüllt, als die Obsthändlerin nichts eiligeres zu tun hatte, als alles der Frau Noël zu berichten. Diese ihrerseits versäumte nicht, mich ins Vertrauen zu ziehen. Sie stellte sich an dem benachbarten Hause auf Posten, wartete mich ab, lief mir, als sie mich kommen sah, entgegen und sagte mir ohne jede Einleitung, ich möge ihr folgen. Ich tat es auch. Erst auf der Place des Victoires blieb sie stehen, sah sich um, und als sie sich vergewissert hatte, daß uns niemand sah, ging sie auf mich zu und erzählte mir alles.

„Sie sehen, mein armer Germain,“ sagte sie zum Schluß, „daß es unvorsichtig von Ihnen wäre, in meinem Hause zu schlafen. Sie würden momentan sogar besser tun, selbst von Besuchen am Tage abzusehen.“

Um ihren Verdacht nicht zu erwecken, stellte ich mich noch betrübter als sie. Ich verfluchte diesen verdammten Vidocq, der uns nicht in Ruhe ließ; ich tobte geradezu, daß ich nun außerhalb von Paris ein Obdach suchen müsse und nahm von Mama Noël Abschied. Sie wünschte mir viel Glück, sagte „Auf baldiges Wiedersehen“ und ließ beim Abschied in meine Hand ein Dreifrankstück gleiten.

Ich wußte, daß Desbois und Montgenet erwartet wurden; außerdem wußte ich nun, daß Personen in Frau Noëls Haus ein- und ausgingen, mochte sie da sein oder nicht; sie kamen sehr oft, wenn sie Stunden in der Stadt gab. Mir lag daran, alle diese Herrschaften kennen zu lernen … Zu diesem Zweck postierte ich an der Straßenecke einige als Dienstmänner verkleidete Agenten so, daß sie nicht auffallen konnten.

Um den Schein zu erwecken, ich fürchtete mich, besuchte ich zwei Tage lang Frau Noël nicht. Nachher kam ich eines Abends zu ihr und brachte ihr einen jungen Mann mit, den ich für den Bruder der Frau ausgab, mit der ich gelebt hatte. Ich war ihm angeblich im Moment, als ich Paris verlassen wollte, zufällig begegnet, und hatte ein Obdach bei ihm gefunden. Dieser junge Mann war ein Geheimagent; ich sagte Mama Noël, er habe mein ganzes Vertrauen, sie könne ihn als mein zweites Ich betrachten; da ihn die Spitzel nicht kannten, so sollte er ihr Botschaft von mir bringen, wenn ich Angst hätte, mich zu zeigen.

„Wie schade!“ rief Frau Noël, „Sie haben viel verloren. Wenn Sie zwanzig Minuten früher gekommen wären, hätte Sie hier eine Frau getroffen, die Sie gut kennt.“

„Wen denn?“

„Die Schwester von Marguerit.“

„Ja, sie hat mich wirklich oft mit ihrem Bruder gesehen.“ „Gewiß, als ich ihr von Ihnen erzählte, hat sie Sie mir aufs Haar beschrieben. Etwas mager,“ sagte sie, „und hat die Nase ewig voll Tabak.“

Frau Noël bedauerte sehr, daß ich die Dame verpaßt hatte; ich selbst mußte mich darüber natürlich sehr freuen. Um eine solche Begegnung zu vermeiden, ließ ich von nun ab jedesmal, wenn ich kommen sollte, meinen angeblichen Schwager vorausgehen; wenn niemand da war, gab er mir dann ein Zeichen aus dem Fenster. Dann kam ich, und mein Helfershelfer stellte sich auf Wache in der Straße, um mir jede unangenehme Überraschung zu ersparen. In der Nähe hielten sich noch weitere Agenten auf; denen hatte ich den Schlüssel zu Mama Noëls Wohnung anvertraut, damit sie mir im Fall der Gefahr beispringen könnten. Jeden Augenblick konnte es ja geschehen, daß die Sträflinge unerwarteterweise eintrafen, mich erkannten und mich anfielen – ein Faustschlag gegen eine Fensterscheibe sollte als Signal dienen, daß ich Hilfe zum ungleichen Kampf brauchte.

Man sieht, alle Vorsichtsmaßregeln waren von mir getroffen. Die Entwicklung ging ihrem Ende entgegen. Es war an einem Dienstag; ein Brief von den Leuten, die ich suchte, kündigte ihren Besuch für den nächsten Freitag an. Dieser Freitag sollte ihr Unglückstag werden. Frühmorgens setzte ich mich in einen Schenke in der Nachbarschaft, damit sie mich nicht beim Kommen in der Straße treffen könnten, und schickte zur Verhütung jeder Gefahr meinen angeblichen Schwager zu Frau Noël voraus. Er kam bald zurück und meldete, die Schwester von Marguerit sei nicht da, und ich könnte ruhig hingehen.

„Betrügst du mich auch nicht?“ rief ich: die Stimme des Agenten kam mir seltsam verändert vor. Ich heftete einen Blick auf ihn, der ihm in die Tiefe der Seele drang, ich glaubte auf seinem Gesichte eine jener schlecht verhehlten Muskelzuckungen wahrzunehmen, die eine Lüge begleiten; ich weiß selbst nicht, was mich ahnen ließ, daß ich es mit einem Verräter zu tun hatte. Dieser erste Eindruck kam mir wie ein Lichtstrahl. Wir befanden uns in einem separaten Kabinett. Ich packe ihn am Kragen und sage ihm in Gegenwart seiner Kameraden auf den Kopf zu, daß er mich betrogen habe, und wenn er mir nicht auf der Stelle alles gestehen würde, so sei es um ihn geschehen. Bestürzt murmelt er einige Worte der Entschuldigung, sinkt vor mir auf die Knie und gesteht mir, daß er der Frau Noël alles erzählt habe.

Dieser Verrat hätte mir, wenn ich ihn nicht geahnt hätte, das Leben kosten können; aber nicht aus persönlichen Gründen, sondern im Interesse der Gesellschaft war ich wütend, so nah am Ziel gescheitert zu sein. Der Verräter Manceau wurde verhaftet und, obwohl er noch sehr jung war, so wurde er – er hatte auch noch anderes auf dem Kerbholz – nach Bicêtre geschickt und von dort nach der Insel Oléron, wo seine Laufbahn auch ein Ende fand.

Natürlich ließen sich die Flüchtlinge in der Rue Ticquetonne nicht mehr sehen; sie wurden aber trotzdem kurze Zeit darauf verhaftet.

Frau Noël verzieh mir den bösen Streich, den ich ihr gespielt hatte, nicht. Um an mir Rache zu nehmen, schaffte sie eines schönen Tages alle ihre Sachen beiseite, ging fort, ohne die Tür zu verschließen, kam bald zurück und brach in ein furchtbares Geschrei aus, sie sei bestohlen worden. Die Nachbarn wurden als Zeugen angegeben, eine Anzeige an den Kommissar wurde erstattet, und Mama Noël bezeichnete mich als den Dieb, weil ich den Schlüssel zu ihrer Wohnung hatte. Der Präfekt und Henry durchschauten aber die List, und die Untersuchungen, die sie anstellten, waren so gut geleitet, daß die verschwundenen Sachen bald wiedergefunden wurden. Die Veranlassung war klar, und um Frau Noël Zeit zu lassen, sie zu bereuen, wurde sie sechs Monate in Saint-Lazare eingesperrt.

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