Abenteuer Telegraphie

Dort waren inzwischen große Veränderungen eingetreten. Die militärische Commission für die Einführung der elektrischen Telegraphen war auch formell aufgelöst und die Telegraphie dem neugeschaffenen Handelsministerium unterstellt. Zum Leiter dieser Abtheilung war ein Regierungsassessor Nottebohm ernannt, der bereits in der Telegraphencommission einen Verwaltungsposten bekleidet hatte. Es war der Entschluß gefaßt, auf dem von der Commission betretenen Wege fortzuschreiten und zunächst in aller Eile eine unterirdische Leitung von Berlin nach Frankfurt a. M., wo die deutsche Nationalversammlung tagte, erbauen zu lassen. In Folge dessen gelangte an mich die Anfrage, ob ich geneigt sei, den Bau dieser Linie nach den von mir der Commission gemachten Vorschlägen zu leiten. Falls ich darauf einginge, sollte beim Kriegsminister mein Commando zur Dienstleistung beim Handelsministerium beantragt werden. Obgleich mir die Unterstellung unter den Regierungsassessor Nottebohm nicht sehr zusagte, nahm ich die Berufung doch an, da sie mich von dem jetzt so eintönig gewordenen militärischen Leben in der kleinen Festung erlöste und mir Gelegenheit bot, meine Vorschläge in großem Maaßstabe zur practischen Ausführung zu bringen.

In Berlin fand ich Halske bereits eifrig mit Arbeiten für die zu erbauende Linie beschäftigt. Man hatte beschlossen, die Linie ganz unterirdisch anzulegen, da man befürchtete, daß oberirdische Leitungen in jener politisch so hoch erregten Zeit zerstört werden würden. Die mit umpreßter Guttapercha isolirten Leitungen sollten ohne äußeren Schutz in einen anderthalb Fuß tiefen Graben auf dem Eisenbahndamm verlegt werden. Der von mir vorgeschlagene Schutz der Leitungen durch Umhüllung mit Eisendrähten, Eisenröhren oder Thonrinnen wurde der großen Kostspieligkeit wegen nicht genehmigt. Mit der Berliner Gummiwaaren-Fabrik von Fonrobert & Pruckner war bereits ein Vertrag für die weitere Herstellung unterirdischer Leitungen abgeschlossen. Es war dies dieselbe Fabrik, der ich mein Modell zur Umpressung von Kupferdrähten mit Guttapercha überlassen, und die auch die Versuchsleitung von Berlin nach Großbeeren mit einer nach jenem Modell erbauten Umpressungsmaschine hergestellt hatte. Ich mußte mich darauf beschränken, für möglichst gute Isolirung der Leitungen Sorge zu tragen. Dem stellten sich aber insofern erhebliche Schwierigkeiten entgegen, als durch den plötzlich eintretenden großen Bedarf an Guttapercha die gut isolirende Qualität derselben dem Markte bald entzogen wurde.

Um dieses Hinderniß des verlangten schnellen Fortschritts der Arbeit nach Möglichkeit zu beseitigen, beschloß man, die kurz vorher in England erfundene Vulcanisirung der Guttapercha, d.h. ihre innige Mischung mit Schwefel in Anwendung zu bringen, wodurch auch bei schlechterer Qualität der Guttapercha die Isolirung sowohl wie die Widerstandsfähigkeit der Leitungen gegen äußere Beschädigungen erhöht wurde. Leider erwies sich die Vulcanisirung später als ein Fehlgriff, da der Schwefel sich mit dem Kupfer des Leiters verband und dadurch allmählich auch die nächstliegenden Schichten der Guttapercha kupferhaltig und leitend wurden. Diesem Uebelstande war es namentlich zuzuschreiben, daß die zur Zeit der Legung so vollkommen isolirten Leitungen nach wenigen Monaten schon einen Theil ihrer Isolation verloren hatten,

Auf die Prüfung der Leitungen in der Fabrik wurde besonders große Sorgfalt verwendet. Halske fertigte für diesen Zweck Galvanometer an, die an Empfindlichkeit alle bis dahin bekannten weit übertrafen. Bei den Prüfungen mit diesen empfindlichen Galvanometern beobachtete ich im Jahre 1847 zum ersten Mal die auffallende Erscheinung, daß auch ein vollkommen isolirtes, in Wasser liegendes Leitungsstück beim Einschalten einer Batterie einen kurzen Strom gab, dem bei Ausschluß der Batterie ein gleich starker, entgegengesetzt gerichteter Strom folgte. Es war dies die erste Beobachtung der elektrostatischen Ladung durch galvanische Ketten. Ich war Anfangs geneigt, hierin eine Polarisationserscheinung zu erblicken, da man das Galvanometer damals noch nicht für fähig hielt, den Durchgang statischer Elektricität anzuzeigen. Die Erscheinungen auf längeren, gut isolirten Linien sollten es mir aber bald ganz unzweifelhaft machen, daß man es mit elektrostatischer Flaschenladung und nicht mit Polarisationserscheinungen zu thun hatte.

Die anfängliche Schwierigkeit, fehlerhaft isolirende Stellen in einem längeren Leitungsstücke zu finden, vermochte ich auf folgende Weise zu überwinden. Der mit Guttapercha umpreßte, trockne Draht wurde durch ein gegen Erde isolirtes, mit Wasser gefülltes Gefäß gezogen, während die zweite Spirale dünnen, übersponnenen Drahtes, die den Elektromagneten eines Neefschen Hammers umgab, zwischen den isolirten Kupferdraht und Erde eingeschaltet wurde. Wenn nun ein mit der Erde in leitender Verbindung stehender Arbeiter einen Finger in das Wasser des isolirten Gefäßes tauchte, so empfand er in dem Augenblicke elektrische Erschütterungen, in welchem eine fehlerhafte Stelle des mit Guttapercha umpreßten Drahtes in das Wasser eintauchte. So gelang es, alle kleinen, auf keine andere Art zu entdeckenden Isolationsfehler aufzufinden und nach ihrer Beseitigung Leitungen von außerordentlich hoher Isolirung zu erhalten.

Ueber die eben beschriebene Modification des Neefschen Hammers möge hier noch folgende Bemerkung ihre Stelle finden. Ich hatte diese Modification bereits im Jahre 1844 hergestellt und ihr den Namen Voltainductor gegeben. Es bot sich mir schon damals Gelegenheit, die medicinische Wirkung der in der zweiten Umwindung eines solchen Voltainductors inducirten Wechselströme zu beobachten. Mein Bruder Friedrich litt in jener Zeit sehr an rheumatischem Zahnweh, welches alle seine, sonst ganz gefunden Zähne ergriffen hatte und keinem ärztlich verordneten Mittel weichen wollte. Die Experimente mit meinem neuen Voltainductor brachten uns auf die Idee, zu versuchen, ob die durch ihn erzeugten Wechselströme den unerträglichen Schmerz nicht beseitigen oder doch vermindern würden, wenn man sie durch die Zahnwurzeln leitete. In der That war dies bei einem besonders schmerzhaften Vorderzahne der Fall. Der Schmerz war im ersten Momente gewaltig, hörte aber dann sofort ganz auf. Mit der großen Willenskraft, die meinem Bruder Friedrich von jeher eigen war, behandelte er jetzt sogleich seine sämmtlichen Zähne mit Durchleitung von Wechselströmen durch die Zahnwurzeln und hatte darauf den seit Wochen nicht gehabten Genuß vollständiger Schmerzlosigkeit. Leider stellten sich aber schon am zweiten Tage langsam wieder Schmerzen ein. Durch wiederholte Elektrisirung ließen sie sich zwar von neuem beseitigen, doch wurde die darauf folgende schmerzlose Zeit immer kürzer und schließlich blieb die Wirkung ganz aus. Dieser meines Wissens erste Versuch der medicinischen Verwendung elektrischer Ströme hat mir damals ein gewisses Mißtrauen gegen diese Anwendung derselben eingeflößt. Es schien mir, als ob ihre Wirkung nur vorübergehend, nicht dauernd heilkräftig wäre.

Der nun folgende Herbst des Jahres 1848 war für mich ein außerordentlich interessanter und bewegter. Die Linie nach Frankfurt a. M., wo das deutsche Parlament tagte und der Reichsverweser residirte, sollte aus politischen Gründen so schnell wie irgend möglich vollendet werden. Dies wurde aber einerseits durch die unruhigen politischen Verhältnisse, andrerseits durch ganz unerwartete Erscheinungen erschwert, die bei den unterirdischen Leitungen auftraten. Diese Erscheinungen begegneten zuerst meinem Freunde Halske, dem die Besetzung der fertigen Theile der Linie mit Sprechapparaten oblag, während ich mit Herstellung der Leitung zwischen Eisenach und Frankfurt beschäftigt war, die man sich doch ent schlossen hatte oberirdisch zu führen, da die Eisenbahn noch im Bau begriffen und zum Theil sogar das für sie erforderliche Terrain noch gar nicht erworben war.

Halske fand zunächst bei kürzeren Linien, daß unsre selbstunterbrechenden Zeigertelegraphen wesentlich schneller gingen, als es dem Widerstande der Linie entsprach. Als die Leitung von Berlin bis Cöthen fertiggestellt war, mithin eine Länge von etwa 20 deutschen Meilen hatte, lief der gebende Apparat mit doppelter Geschwindigkeit, während der Empfangsapparat stehen blieb. Diese damals unerklärliche Erscheinung trat um so früher ein, je besser die Linie isolirt war, was Halske zu dem Hülfsmittel führte, die Isolirung der Linie durch Anbringung künstlicher, wässriger Nebenschlüsse absichtlich zu verschlechtern.

Auch die oberirdische Leitung brachte unerwartete Schwierigkeiten. Da wo das künftige Eisenbahn-Terrain noch nicht angekauft war, wollten die Grundbesitzer die Aufstellung der Pfosten nicht gestatten. Dieser Widerstand trat namentlich in den nicht preußischen Ländern Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt hervor, als der Gegensatz zwischen der Regierung Preußens und der Reichsverwaltung nach Wiederherstellung der Ordnung in Berlin durch das Einrücken der aus Schleswig-Holstein zurückkehrenden Armee sich bedeutend verschärft hatte. Es gelang mir damals nur durch die Erwirkung einer offnen Ordre des Reichsverwesers Erzherzog Johann, meine Aufgabe durchzuführen. Doch auch technische Schwierigkeiten stellten sich ein. Die Linie wurde mit Kupferdrahtleitung ausgeführt, da passende Eisendrähte in Deutschland damals nicht zu beschaffen waren und man diesen Leitungen auch noch mit einem gewissen Mißtrauen gegenüberstand. Die üblen Erfahrungen, die wir im vorhergehenden Jahre mit der Linie Berlin-Potsdam gemacht hatten, die trotz aller verwendeten Isolirmittel bei Regenwetter so schlecht isolirt war, daß der gute Dienst der Apparate gestört wurde, hatten mich zur Anwendung von glockenförmigen Isolatoren aus Porzellan geführt. Diese besaßen den großen Vorzug, daß die innere Fläche der Glocke auch bei Regenwetter immer trocken bleiben mußte, wodurch die Isolation unter allen Umständen gesichert war. In der That gelang es auf diese Weise eine fast vollkommene Isolirung herbeizuführen. Leider hielt ich es damals nicht für nöthig, die Enden der verwendeten Kupferdrähte mit einander zu verlöthen, ein festes Zusammendrehen schien mir ausreichend. Später stellte sich heraus, daß dies ein Irrthum war. Bei ruhigem Wetter functionirten die Apparate sehr gut, bei starkem Winde aber war der Widerstand der Leitung so merkwürdig veränderlich, daß die Apparate den Dienst versagten. Erst die nachträglich ausgeführte Verlöthung aller Verbindungsstellen bereitete diesem Uebelstande ein Ende.

Sehr störend machte sich auch die atmosphärische Elektricität geltend. Bei dem Uebergange vom Flachlande zum Gebirge durchliefen oft Ströme wechselnder Richtung die Leitung und erschwerten das Arbeiten der Apparate. Ein verspätetes Herbstgewitter richtete starke Zerstörungen an, die mich veranlaßten, Blitzableiter zum Schutze der Leitungen und Apparate zu construiren. Um die wirksamste Form von Blitzableitern zu ermitteln, stellte ich zwischen zwei parallelen Leitungen Spitzen, Kugeln und Platten in gleichen Abständen von einander auf und beobachtete die Entladungsfunken einer großen Batterie von Leydener Flaschen, die zwischen diesen drei nebeneinander eingeschalteten Blitzableitern übergingen. Es stellte sich dabei heraus, daß sehr schwache Entladungen ihren Weg allein durch die Spitzen nahmen, während stärkere hauptsächlich durch die Kugeln und sehr starke in einer großen Zahl von Funken fast ganz durch die Platten ihre Ableitung fanden. Wirklichen Blitzen gegenüber erwiesen sich daher einander nahe gegenüberstehende, gerauhete Metallplatten als besonders wirksam. Auch der Einfluß der Nordlichter machte sich öfter, und zu Zeiten sehr störend, bemerklich, namentlich auf der unterirdischen, im wesentlichen von Osten nach Westen verlaufenden Linie. So konnte während der großen Nordlichter im Herbst des Jahres 1848 wegen heftiger, schnell wechselnder Ströme in der Leitung Tagelang zwischen Berlin und Cöthen nicht gesprochen werden. Es war dies die erste Beobachtung des Zusammenhanges zwischen Erdströmen, magnetischen Störungen und Nordlichtern.

Als die unterirdische Leitung bis Erfurt vorgerückt war, wollten Halskes flüssige Nebenschließungen nicht mehr ausreichen. Mittlerweile hatte ich aber die Ueberzeugung gewonnen, daß das eigenthümliche Verhalten der unterirdischen Leitungen nur der schon bei den Prüfungen in der Fabrik beobachteten elektrostatischen Ladung, wobei der Draht die innere, der feuchte Erdboden die äußere Belegung einer Leydener Flasche bildet, zugeschrieben werden könne. Entscheidend hierfür war der Umstand, daß die in einer vollständig isolirten Leitung gebundene und durch den Ausschlag einer freischwingenden Magnetnadel gemessene Elektricitätsmenge sowohl der elektromotorischen Kraft der eingeschalteten galvanischen Batterie wie der Länge der Leitung proportional war; daß ferner die elektrische Spannung der Ladung in einer geschlossenen Leitung der an jedem Punkte des Leitungskreises nach dem Ohmschen Gesetze auftretenden elektrischen Spannung entsprach. Nachdem ich dies erkannt hatte, ließen sich die Hindernisse, die dem Sprechen auf längeren unterirdischen Leitungen entgegenstanden, durch passende Einrichtungen, wenn auch nicht ganz beseitigen, so doch für den practischen Gebrauch unschädlich machen. Es waren das die Anwendung von Nebenschlüssen zur Leitung in Form metallischer Widerstände ohne Selbstinduction und die selbstthätige Translation, durch welche mehrere geschlossene Linienstücke zu einer einzigen großen Linie verbunden wurden.

Meine Theorie der elektrostatischen Ladung geschlossener wie offener Leitungen fand übrigens selbst in naturwissenschaftlichen Kreisen anfänglich keinen rechten Glauben, da sie gegen die in jener Zeit herrschenden Vorstellungen verstieß. Ueberhaupt ist es heute, wo man kaum noch begreift, wie ein civilisirter Mensch ohne Eisenbahnen und Telegraphen leben kann, nicht leicht, sich auf den damaligen Standpunkt zu versetzen, um zu verstehen, welche Schwierigkeiten sich uns damals in Dingen entgegenstellten, die jetzt als ganz selbstverständlich betrachtet werden. Vorstellungen und Hülfsmittel, die heute jedem Schuljungen geläufig sind, mußten in jener Zeit oft erst mit Mühe und Arbeit errungen werden.

Ich hatte die Genugthuung, daß diese erste größere Telegraphenlinie – nicht nur Deutschlands, sondern ganz Europas – schon im Winter des Jahres 1849 in Betrieb genommen werden konnte, so daß die in Frankfurt erfolgte Kaiserwahl mit ihrer Hilfe noch in derselben Stunde in Berlin bekannt wurde. Die günstigen Resultate dieser Linie veranlaßten die preußische Regierung zu dem Beschlusse, sogleich auch eine Linie von Berlin nach Cöln und zur preußischen Grenze bis Verviers zu erbauen und darauf weitere Linien nach Hamburg und Breslau folgen zu lassen. Alle diese Linien sollten ihrer Sicherheit wegen unterirdisch, nach dem System der Linie Berlin-Eisenach, erbaut werden, obwohl sich bei dieser bereits entschiedene Mängel herausgestellt hatten. Da diese Mängel namentlich darin bestanden, daß die nur anderthalb bis zwei Fuß tief in dem meist losen Sande der Eisenbahndämme liegenden Leitungen leicht durch Arbeiter und stellenweise auch durch Ratten, Mäuse und Maulwürfe beschädigt wurden, so beschloß man, die Leitungen 2 1/2 bis 3 Fuß tief einzugraben; von einem äußeren Schutze wurde aber auch hier der Kosten wegen abgesehen.

Ich hatte mich bereit erklärt, auch die Leitung des Baues der Linie nach Cöln und Verviers zu übernehmen, falls ich weiteren militärischen Urlaub erhielte, und falls mein Freund William Meyer, der mich stets in seiner freien Zeit getreulich bei meinen Arbeiten unterstützt hatte und daher vollständig informirt war, zu meiner Hülfeleistung commandirt würde. Beides wurde mir zugegestanden, und so begannen wir denn schon im Frühjahr 1849 den Bau der Linie gleichzeitig an mehreren Punkten. Meyer hatte viel organisatorischen Sinn, und eignete sich besonders gut zur Leitung von Arbeiten, bei denen viele Kräfte harmonisch zusammenwirken müssen. Schwierigkeiten entstanden durch die Ströme Elbe und Rhein, bei denen eine lebhafte Schifffahrt Beschädigungen der Leitung durch Schleppanker befürchten ließ. Diese Gefahr war namentlich beim Rheinübergange groß, da die Leitungen hier fast auf der ganzen Flußbreite durch Schleppanker und Geräthschaften der Fischer bedroht waren. Eine Umspinnung mit Eisendraht, die bei der Elbe und den Uebergängen über kleinere Flüsse angewendet wurde, erschien für den Rhein nicht ausreichend, da die mit scharfen Spitzen versehenen Geräthschaften der Schiffer und Fischer die isolirte Leitung zwischen den Drähten hindurch erreichen und beschädigen konnten, und da eine Umkabelung nicht stark genug zu machen war, um schleppenden Ankern großer Schiffe zu widerstehen. Ich ließ daher für den Rhein eine besondere, aus schmiedeeisernen Röhren hergestellte Gliederkette anfertigen, in deren Höhlung die isolirten Leitungen Aufnahme fanden, während eine starke, durch eine Reihe von schweren Schiffsankern unterstützte Ankerkette dazu bestimmt war, die Röhrenkette vor den Schleppankern thalwärts fahrender Schiffe zu beschützen. Diese erste größere, mit äußerem Schutze versehene Unterwasserleitung hat sich sehr gut bewährt. Als sie viele Jahre später, nach Erbauung der festen Eisenbahnbrücke, wieder aufgenommen wurde, hingen an der Schutzkette eine Menge Schiffsanker, welche die Schiffer hatten kappen müssen, um wieder frei zu werden. Die Kette hatte also ihre Schuldigkeit gethan.

Ein recht schwieriger und lehrreicher Bau war der der Linie von Cöln über Aachen nach Verviers in Belgien, wo der Anschluß an die inzwischen in Angriff genommene oberirdische Linie von Brüssel nach Verviers stattfinden sollte. Es waren hier sehr viele Tunnel zu passiren, in denen die Leitungen durch eiserne, an den Tunnelwänden befestigte Röhren geschützt werden mußten. Auf großen Strecken des Bahndammes mußte der Graben für die Einbettung der Leitung durch Pulversprengung hergestellt werden.

Während des Baues dieser Linie lernte ich den Unternehmer der Taubenpost zwischen Cöln und Brüssel kennen, einen Herrn Reuter, dessen nützliches und einträgliches Geschäft durch die Anlage des elektrischen Telegraphen schonungslos zerstört wurde. Als Frau Reuter, die ihren Gatten auf der Reise begleitete, sich bei mir über diese Zerstörung ihres Geschäftes beklagte, gab ich dem Ehepaare den Rath, nach London zu gehen und dort ein eben solches Depeschenvermittelungsbureau anzulegen, wie es gerade in Berlin unter Mitwirkung meines Vetters, des schon genannten Justizraths Siemens, durch einen Herrn Wolff begründet war. Reuters befolgten meinen Rath mit ausgezeichnetem Erfolge. Das Reutersche Telegraphenbureau in London und sein Begründer, der reiche Baron Reuter, sind heute weltbekannt.

Als der Anschluß der inzwischen vollendeten belgischen Telegraphenlinie an die preußische in Verviers erfolgt war, erhielt ich eine Einladung nach Brüssel, um dem Könige Leopold einen Vortrag über elektrische Telegraphie zu halten. Ich fand die ganze königliche Familie im Brüsseler Schlosse versammelt und hielt vor ihr einen langen, von Experimenten begleiteten Vortrag, dem sie mit gespannter Aufmerksamkeit und schnellem Verständniß folgte, wie die an den Vortrag sich knüpfende, eingehende Diskussion bewies.

Es trat jetzt an mich die endgültige Entscheidung der Frage heran, welche Richtung ich meinem künftigen Leben geben sollte. Die Militärbehörde hatte nur widerstrebend die Verlängerung meines Commandos zur Dienstleistung beim Handelsministerium bewilligt und bestimmt erklärt, daß eine weitere Verlängerung nicht erfolgen würde. Mir blieb nun die Wahl, entweder in den activen Militärdienst zurückzutreten, oder zur Staatstelegraphie überzugehen, bei der mir die Stellung als leitender Techniker zugesichert war, oder endlich jedem Dienstverhältniß zu entsagen und mich ganz der wissenschaftlichen und technischen Privatthätigkeit zu widmen.

Ich entschied mich für das letztere. Wieder in den militärischen Garnisondienst zurückzukehren, wäre mir nach dem bewegten und erfolgreich thätigen Leben, das ich hinter mir hatte, ganz unmöglich gewesen. Der Civildienst sagte mir durchaus nicht zu. Es fehlte in ihm der kameradschaftliche Geist, der die drückenden Rang- und Machtunterschiede mildert und erträglicher macht, es fehlte in ihm auch die ungeschminkte Offenheit, welche selbst mit der Grobheit versöhnt, die beim Militär einmal herkömmlich ist. Meine kurzen Erfahrungen im Civilstaatsdienst gaben mir hinreichende Gründe für die Bildung dieser Anschauung. Solange meine Vorgesetzten nichts vom Telegraphenwesen verstanden, ließen sie mich ganz ungehindert arbeiten und beschränkten ihre Eingriffe und Vorschriften auf Fragen von financieller Bedeutung. Das änderte sich aber bald in dem Maaße, in welchem mein nächster Vorgesetzter in der Verwaltung, der Regierungsassessor, spätere Regierungs-und Baurath Nottebohm, sich während der Arbeiten Sachkenntniß erwarb. Es wurden mir Leute zugewiesen, die ich nicht brauchen konnte, technische Anordnungen getroffen, die ich als schädlich erkannte, kurz, es kamen Reibungen und Differenzen vor, die mir die Freude an meiner Arbeit verdarben.

Dazu kam, daß die Schwächen der unbeschützt im losen Erdreich der Eisenbahndämme liegenden isolirten Leitungen sich bereits immer bedenklicher zu zeigen anfingen. Es entstanden Isolationsfehler, die nur schwer zu finden und zu beseitigen waren; Drahtbrüche ohne Isolationsverminderung traten auf, die oft nur einige Stunden dauerten und deren Lage daher schwer zu bestimmen war. Mit der Aufsuchung und Reparatur der Fehler wurden meist unerfahrene Leute beauftragt, welche die Linie an unzähligen Stellen durchschnitten, um den Fehler einzugrenzen, und durch ungeschickt ausgeführte Aufgrabungen und Verbindungen den Grund zu neuen Fehlern legten, die dann wieder mir und dem System zur Last gelegt wurden. Trotzdem ging man mit einem fast blind zu nennenden Vertrauen zu immer neuen Anlagen dieser Art über. Es mochten wohl die damaligen politischen Verhältnisse sein, welche die schnelle Herstellung eines den ganzen Staat umfassenden Telegraphennetzes selbst auf die Gefahr hin geboten, daß dasselbe nicht von langer Dauer wäre. Der von mir vorgeschlagene äußere Schutz der Leitungen durch Eisenröhren, wie beim Rheinübergange, oder durch Umkabelung mit Eisendrähten, auf deren Herstellung sich eine Cölner Firma auf meine Veranlassung bereits eingerichtet hatte, wurde als zu theuer und zu langsam ausführbar erklärt; es blieb bei dem provisorischen Character der ersten Versuchsanlagen.

Andrerseits hatte die Werkstatt für Telegraphenapparate, die ich mit meinem Freunde Halske begründet und in die ich mir den persönlichen Eintritt vorbehalten hatte, sich unter dessen tüchtiger Leitung durch hervorragende Leistungen bereits große Anerkennung verschafft. Die hohe Bedeutung der elektrischen Telegraphie für das practische Leben war erkannt, und namentlich die Eisenbahnverwaltungen begannen, die Leistungsfähigkeit ihrer Bahnen und die Sicherheit ihres Betriebes durch Anlage von Telegraphenlinien für den Nachrichten- und Signaldienst zu erhöhen. Es tauchte dabei eine Fülle interessanter wissenschaftlicher und technischer Aufgaben auf, zu deren Lösung ich mich berufen fühlte. Meine Wahl konnte daher nicht zweifelhaft sein. Ich bat im Juni des Jahres 1849 um meinen Abschied vom Militär und legte bald darauf auch mein Amt als Leiter der Technik der preußischen Staatstelegraphen nieder. Letztere Stellung erhielt auf meinen Vorschlag mein Freund William Meyer, der gleichzeitig mit mir seinen Abschied als Officier nahm.

Ich hatte es in den vierzehn Jahren meines Militärdienstes bei den damaligen schlechten Avancementsverhältnissen eben über die Hälfte der Secondelieutenants gebracht, erhielt daher, wie gebräuchlich, meinen Abschied als Premierlieutenant »mit der Erlaubniß, die Uniform als Armeeofficier mit den vorschriftsmäßigen Abzeichen für Verabschiedete zu tragen.« Auf die mir für mehr als zwölfjährigen Officiersdienst zustehende Pension verzichtete ich, da ich mich gesund fühlte und kein vorschriftsmäßiges Invaliditätsattest einreichen mochte. Die Genehmigung meines Abschiedsgesuches war übrigens mit einer tadelnden Bemerkung über einen Formfehler meines Gesuches versehen. Die politische Rückströmung war damals schon so stark geworden, daß mir die im dänischen Kriege bewiesene deutsche Gesinnung in den herrschenden Kreisen zum Vorwurf gereichte.

Trotz dieses geringen Endresultates meines Militärdienstes sehe ich doch mit einer gewissen Befriedigung auf meine Militärzeit zurück. Es knüpfen sich an sie meine angenehmsten Jugenderinnerungen, sie bahnte mir den Weg durchs Leben und gab mir durch errungene Erfolge das Selbstvertrauen zur Anstrebung höherer Lebensziele.

Wenn auch mein Wirken und Streben durch den Austritt aus jedem Dienstverhältniß nicht wesentlich geändert wurde, so erhielt doch mein Leben dadurch eine festere, ganz auf eigene Leistungen hinweisende Richtung. Es galt jetzt für mich, das »Geschäft«, welches schon meinen Namen trug, durch tüchtige Leistungen möglichst emporzuheben und mir als Mann der Wissenschaft wie als Techniker persönliches Ansehen in der Welt zu erringen. Obgleich meine Neigungen ganz auf Seiten der naturwissenschaftlichen Forschung standen, so sah ich doch ein, daß ich zunächst meine ganze Kraft technischen Arbeiten zuwenden müßte, da deren Resultate mir die Mittel und Gelegenheit zu wissenschaftlichen Arbeiten erst verschaffen sollten – und auch wirklich verschafften.

Wissenschaftliche und erfinderische Thätigkeit wurde mir in dieser arbeitsvollen Zeit fast ausnahmslos durch das technische Bedürfniß vorgeschrieben. So verlangten die damals sehr überraschend und störend auftretenden Ladungserscheinungen an den unterirdischen Leitungen ein eingehendes Studium. Ferner war es nothwendig, ein System für die Bestimmung der Lage von Leitungs- und Isolationsfehlern in unterirdischen Leitungen durch Strommessungen an den Leitungsenden festzustellen. Die Unsicherheit der Strommessungen führte zu der Nothwendigkeit, sie durch Widerstandsmessungen zu ersetzen, und dadurch zur Aufstellung fester, reproducirbarer Widerstandsmaaße und Widerstandsscalen. Es mußten zu diesem Zwecke auch die Methoden und Instrumente für Strom- und Widerstandsmessungen verbessert und für den technischen Gebrauch geeignet gemacht wer den – kurz es hatte sich eine ganze Reihe wissenschaftlicher Aufgaben gebildet, deren Lösung das technische Interesse gebot.

Ich widmete mich diesen Aufgaben, soweit es meine Inanspruchnahme durch die technischen Unternehmungen des Geschäfts erlaubte, mit besonderer Vorliebe und wurde dabei durch die bildende Kunst und das mechanische Talent meines Socius Halske sehr wirksam unterstützt. Dies gilt namentlich von den zahlreichen Verbesserungen der telegraphischen Einrichtungen und Hülfsmittel, die jener Zeit entstammen und dank der soliden und exacten Ausführung, die sie in unsrer Werkstatt unter Halskes Leitung fanden, sich schnell allgemeinen Eingang in die Telegraphentechnik verschafften. Der große Einfluß, den die Firma Siemens & Halske auf die Entwickelung des Telegraphenwesens ausgeübt hat, ist wesentlich dem Umstande zuzuschreiben, daß bei ihren Arbeiten der Präcisionsmechaniker und nicht mehr wie früher der Uhrmacher die ausführende Hand darbot.

Zu Publicationen in wissenschaftlichen und technischen Zeitschriften fand sich damals keine Zeit. Auch Patente wurden nur in wenigen Fällen genommen. Ein deutsches Patentrecht gab es noch nicht, und in Preußen wurden Patente ziemlich willkürlich auf drei bis fünf Jahre ertheilt, waren also ohne practischen Werth. Es fehlt daher in der Mehrzahl der Fälle den in jener Zeit von uns ausgegangenen Erfindungen und Verbesserungen der Ursprungsstempel durch Publication oder Patentirung.

Recht auffällig ist dies einmal vor etlichen Jahren hervorgetreten. Es hatte sich in den Vereinigten Staaten Jemand gefunden, der behauptete, Erfinder der unterirdischen Leitungen, namentlich der mittelst umpreßter Guttapercha isolirten, zu sein, und noch nach Verlauf von mehr als einem Vierteljahrhundert Patentrechte darauf geltend machte, die der großen amerikanischen Telegraphengesellschaft bedeutende Verluste zu bringen drohten. Die Gesellschaft sandte eine besondere Commission unter Leitung ihres Direktors, des »General« Eckert, nach Berlin, um Zeugnisse durch gedruckte Publicationen darüber aufzusuchen, daß ich bereits im Jahre 1846 mit Guttapercha umpreßte Leitungen hergestellt hätte. Ich mußte den Herren auf ihre schriftliche Anfrage erwiedern, daß nichts Gedrucktes darüber aufzufinden wäre, daß aber die Acten der Commission des Generalstabes und der späteren Telegraphendirektion den vollen Beweis enthielten. Dies genügte jedoch nicht für den Proceß. Die Amerikaner wählten nun einen anderen, sehr praktischen Weg, um sich gedruckte Mittheilungen über die Sache zu verschaffen. Sie zeigten in vielen deutschen Blättern an, daß sie für die Mittheilung einer noch im Jahre 1847 gedruckten Beschreibung der auf dem Planum der Anhaltischen Eisenbahn gelegten unterirdischen Telegraphenleitungen eine namhafte Summe zahlen würden. Das half. Schon nach wenigen Tagen kamen aus verschiedenen Gegenden Deutschlands Zeitungsausschnitte mit der gewünschten Beschreibung. Die Commission beglückwünschte mich als jetzt unzweifelhaft anerkannten Erfinder der Guttaperchaleitungen und reiste zurück. Die in Aussicht gestellte Publication der Expertise in Amerika unterblieb aber, wie es hieß, weil inzwischen ein Compromiß mit dem betreffenden Erfinder der Gesellschaft größere Vortheile gebracht hatte.

In Deutschland war seit dem Bau der Linien nach Frankfurt a. M. und Cöln das System der unterirdischen Leitungen Mode geworden. Nicht nur Staatstelegraphenlinien von Berlin nach Hamburg, Breslau, Königsberg und Dresden wurden unterirdisch mit zwei Fuß tief eingegrabenen, unbeschützten Leitungen hergestellt, sondern auch die Eisenbahnen zogen es vor, solche unterirdischen Leitungen anzulegen, obgleich sich die Anzeichen des bald zu erwartenden Unterganges dieser Anlagen täglich mehrten. Namentlich fanden sich immer häufiger – besonders an den ersten Linien, die auf den sandigen Bahndämmen anderthalb bis zwei Fuß tief verlegt waren – Zerstörungen durch Ratten und Mäuse. Die über zwei Fuß tief gelegten Leitungen waren zwar in der ersten Zeit keinen solchen Zerstörungen ausgesetzt, aber auch bei ihnen traten sie später ein.

Ich glaubte damals, ein Ueberzug von Blei würde diesem Uebelstande vollständig abhelfen. Um die Leitungen mit Blei zu überziehen, verfuhr ich anfangs folgendermaaßen. Es wurden Bleiröhren gerade ausgestreckt, dann eine Hanfschnur mittels eines Gebläses durch sie hindurchgeblasen und mit ihrer Hülfe der mit Guttapercha isolirte Leitungsdraht in das Rohr hineingezogen. Darauf ließ man das Rohr durch ein Zieheisen gehen, um es zum festen Anschluß an die Isolirschicht des Leiters zu bringen. Später gelang es, das Bleirohr direct um den isolirten Draht zu pressen, wenn das Blei genau eine bestimmte Temperatur angenommen hatte und sie dauernd beibehielt. Die Schwierigkeit der fortlaufenden Controle dieser Temperatur überwand ich durch eine thermoelektrische Einrichtung.

Solche mit äußerem Bleimantel umgebene Leitungen wurden von Halske und mir im Anfange der fünfziger Jahre vielfach verlegt. So unter anderem bei dem Telegraphensystem, das wir für die Polizeiverwaltung und den Feuerwehrdienst der Stadt Berlin einrichteten. Diese Bleileitungen haben eine lange Reihe von Jahren durchaus befriedigend functionirt. Sie wurden dann nach und nach durch Kabelleitungen ersetzt, doch haben sich bis heute, nach Verlauf von 40 Jahren, noch vollkommen gute Bleileitungen erhalten. Nur wo das Blei von verwesender organischer Substanz im Erdboden berührt und dadurch zur Bildung von essigsaurem und kohlensaurem Blei prädisponirt wird, ist es schnellem Verderben ausgesetzt.

Der eben erwähnte Polizei- und Feuerwehrtelegraph sollte fünfzig in der Stadt Berlin vertheilte Stationen derart mit dem Centralbureau im Polizeipräsidium und dem Centralbureau der Feuerwehr verbinden, daß die Feuermeldungen gleichzeitig allen Stationen mitgetheilt würden, während die polizeilichen Meldungen nur im Centralpolizeibureau zu empfangen und verstehen sein sollten. Unsere Einrichtung löste diese interessante Aufgabe sehr befriedigend und hat über zwanzig Jahre lang gut und sicher gearbeitet, fiel dann aber auch dem einfacheren Morseschen Schreibsystem zum Opfer.

Der Morsesche Schreibtelegraph wurde in Deutschland zuerst durch einen Mr. Robinson bekannt, der im Jahre 1850 mit einem solchen in Hamburg Vorstellungen gab. Die Einfachheit des Morseschen Apparates, die verhältnißmäßige Leichtigkeit der Erlernung des Alphabets und der Stolz, welcher Jeden, der es zu handhaben gelernt hat, erfüllt und zum Apostel des Systems werden läßt, haben in kurzer Zeit alle Zeiger-und älteren Letterndruckapparate verdrängt. Halske und ich erkannten dieses Uebergewicht des auf Handgeschicklichkeit beruhenden Morsetelegraphen sogleich und machten es uns daher zur Aufgabe, das System mechanisch nach Möglichkeit zu verbessern und zu vervollständigen. Wir gaben den Apparaten gute Laufwerke mit Selbstregulirung der Geschwindigkeit, zuverlässig wirkende Magnetsysteme, sichere Contacte und Umschalter, verbesserten die Relais und führten ein vollständiges Translationssystem ein. Dieses bestand in einer Einrichtung, durch die sich alle in einem Telegraphenstromkreise cirkulirenden Ströme selbstthätig auf einen angrenzenden, mit eigener Batterie versehenen Kreis übertragen, so daß die ganze Linie zwar in mehrere abgesonderte Stromkreise eingetheilt ist, aber doch ohne Beihülfe der Telegraphisten der Zwischenstationen direct zwischen den Endstationen gesprochen wird.

Ein solches Translationssystem hatte ich schon im Jahre 1847 für meine Zeiger- und Drucktelegraphen ausgearbeitet und einen zu diesem Zweck von mir construirten Apparat, den sogenannten Zwischenträger, der Commission des Generalstabes vorgeführt.

Ihre volle Bedeutung erhielt die Translation aber erst durch die Anwendung auf den Morseapparat; zur Ausführung gelangte sie zum ersten Male auf der Linie Berlin-Wien, die in Breslau und Oderberg mit Translationsstationen versehen wurde. Es sei hier erwähnt, daß die Einrichtung später von Professor Dr. Steinheil, dem damaligen Direktor der österreichischen Telegraphen, durch Anbringung eines selbstthätigen Contactes am Laufwerke des Schreibapparates noch sehr wesentlich verbessert wurde.

Am längsten blieben die Eisenbahnverwaltungen den Zeigertelegraphen mit Selbstunterbrechung treu. Bei diesem System hatten wir uns aber selbst einen Concurrenten großgezogen, der uns später recht hinderlich wurde. Dr. Kramer, Schullehrer in Nordhausen, hatte der Telegraphencommission seinerzeit einen kleinen Wheatstoneschen Zeigertelegraphen vorgelegt, den er von einem Uhrmacher hatte herstellen lassen. Der Kramersche Apparat leistete auch nicht entfernt dasselbe wie meine selbstunterbrechenden Zeigertelegraphen und wurde deshalb von der Commission zurückgewiesen. Dem gutherzigen General von Oetzel und mir selbst that der arme Mann aber leid, weil er seine ganzen Ersparnisse auf den Bau des Apparates verwendet hatte, und da der Commission für solche Gefühle keine Mittel zur Verfügung standen, ließ ich mich bereit finden, dem Dr. Kramer seinen Apparat für fünfhundert Thaler abzukaufen. Bereits ein halbes Jahr später trat Kramer aber mit einem neuen Apparate auf, bei dem er mein System der Selbstunterbrechung mit der Modification benutzt hatte, daß er noch ein Uhrwerk verwendete, um den Zeiger mechanisch fortzubewegen. Die damalige Patentbehörde sah in der Anwendung der Selbstunterbrechung keinen Grund, ihm nicht ebenfalls ein Patent zu ertheilen. Diese Kramerschen, gleich den unsrigen selbstthätig mit einander laufenden Zeigertelegraphen arbeiteten trotz ihrer leichten Uhrmacherconstruction gut und eben so sicher wie die unsrigen, thaten uns daher großen Schaden. –

Seit meinem Eintritt in das Geschäft war meine Zeit durch constructive Arbeiten für die Fabrik und durch zahlreiche, von meiner Firma übernommene Anlagen von Eisenbahntelegraphen vollständig in Anspruch genommen. Doch fand ich im Winter 184950 eine Zeit der Muße, die ich dazu benutzte, meine Erfahrungen über telegraphische Leitungen und Apparate für eine Publication zusammenzustellen. Im April 1850 legte ich meine Arbeit unter dem Titel »Mémoire sur la télégraphie électrique« der Pariser Akademie der Wissenschaften vor. Es wurde mir dies durch einen glücklichen Zufall ermöglicht, der mich in Paris mit meinem Freunde du Bois-Reymond zusammentreffen ließ, welcher der Akademie eine eigene Arbeit vorlegen wollte und mir seine freundschaftliche Beihülfe für die französische Umarbeitung meines Aufsatzes widmete. Ich gedenke noch immer mit großem Vergnügen der anregenden und für mich höchst interessanten und lehrreichen Zeit dieses etwa vierwöchentlichen Aufenthaltes in Paris, des Zusammenwohnens mit Freund du Bois und des Verkehrs mit den berühmtesten Pariser Naturforschern. Zu den Mitgliedern der von der Akademie zur Prüfung meiner Arbeit ernannten Commission gehörten Pouillet und Regnault. Den Bericht über meine Vorlage erstattete Regnault in einer Sitzung der Akademie, zu der du Bois und ich formelle Einladungen erhalten hatten. Als Opponent trat Leverrier auf, der den ebenfalls der Akademie vorgelegten Bainschen elektrochemischen Telegraphen protegirte. Der präsidirende Secrétaire perpétuel Arago machte aber der Opposition Leverriers ein kurzes Ende, indem er den Dank der Akademie für die Vorlage und den Beschluß ihrer Aufnahme in die »Savants étrangers« aussprach.

Auf mich hat diese öffentliche Prüfung meiner Erstlingsarbeit auf telegraphischem Gebiete durch berühmte Mitglieder der ersten wissenschaftlichen Behörde der Welt einen tiefen und sehr anregenden Eindruck gemacht. Es sprechen ja viele Gründe gegen eine solche officielle Prüfung wissenschaftlicher und technischer Leistungen, die eine Art behördlicher Stempelung bildet und der freien Entfaltung der Wissenschaft leicht schädlich werden kann, sie ist auch nur zulässig unter voller Controle durch die Oeffentlichkeit der Sitzungen, kann dann aber sehr nützlich und anregend wirken.

Durch mein in die »Savants étrangers« aufgenommenes Mémoire und einen noch in demselben Jahre in Poggendorffs Annalen veröffentlichten Aufsatz »Ueber elektrische Leitungen und Apparate«, der den Inhalt des Mémoire, soweit er sich auf unterirdische Leitungen bezog, vollständig wiedergab, ist meine Priorität in manchen wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften unzweifelhaft festgelegt. Trotzdem sind später von anderer Seite auf einzelne derselben unberechtigte Ansprüche erhoben worden. Es führt mich das dazu, über den in neuerer Zeit immer fühlbarer zur Geltung kommenden Mangel einer internationalen litterarischen Gerechtigkeit hier einige Bemerkungen zu machen. Man muß zunächst zugeben, daß es im Laufe der letzten Jahrzehnte immer schwerer, ja beinahe unmöglich geworden ist, das ungeheuer ausgedehnte Material wissenschaftlicher und technischer Publicationen noch dazu in so vielen verschiedenen Sprachen vollständig zu übersehen. Es ist auch natürlich, daß diejenigen, die ihr ganzes Interesse eigenen Leistungen zuwenden, besonders aber die, welche thätig an der Fortentwickelung unsrer naturwissenschaftlichen Technik mitarbeiten, schwer Muße finden, um die Leistungen Anderer, welche in der gleichen oder in verwandten Richtungen arbeiten, selbst bei Beherrschung der in Frage kommenden Sprachen, eingehend zu studiren, und daß sie im allgemeinen auch wenig Neigung haben, ihre Aufmerksamkeit der Vergangenheit zuzuwenden. Als Beispiel hierfür möchte ich auf den genialsten und erfindungsreichsten Physiker aller Zeiten, auf Faraday hinweisen. Dieser lernte die mit umpreßter Guttapercha isolirten Leitungen erst viele Jahre nach ihrer Erfindung kennen, als man in England anfing, sie zu Unterseekabeln zu verwenden, bei denen der äußere Schutz des isolirten Leiters durch Umkabelung mit Eisendrähten hergestellt wurde. Die überraschenden Ladungserscheinungen, die Faraday an diesen Kabeln beobachtete, bewogen ihn, einen Aufsatz darüber zu publiciren. Als du Bois-Reymond ihm aber ohne weiteren Commentar einen Abdruck meines, der französischen Akademie überreichten Mémoire übersandte, säumte Faraday nicht, seiner Arbeit eine zweite folgen zu lassen, in der er die betreffenden Abschnitte meiner Abhandlung anführte und die Erklärung abgab, daß mir die Priorität sowohl der Beobachtung als auch der Erklärung des Phänomens unzweifelhaft zustände. Andere englische Schriftsteller, wie Wheatstone, Jenkin und viele andere, haben freilich weder auf diese Erklärung Faradays noch auf meine sonstigen Publicationen irgend welche Rücksicht genommen.

In Deutschland herrschte früher die gute Sitte, der Beschreibung von eigenen wissenschaftlichen oder technischen Entdeckungen und Erfindungen stets eine Beschreibung der Leistungen der Vorgänger auf dem betretenen Wege vorauszuschicken und dadurch den zu beschreibenden Fortschritt gleich historisch einzureihen – eine Sitte, die leider in anderen Ländern niemals in gleich gewissenhafter Weise ausgeübt worden ist. Bisher gereichte es daher gerade den Deutschen zum Ruhme, mehr als andere Nationen fremde Verdienste anzuerkennen und eigene Leistungen immer an die vorangegangenen Anderer anzuknüpfen. Durch die in Deutschland weiter als in anderen Ländern verbreitete Kenntniß fremder Sprachen wurde dies wesentlich erleichtert, aber auch abgesehen davon betrachtete die deutsche Wissenschaft es stets als ihre Ehrenpflicht, litterarische Gerechtigkeit gleichmäßig gegen Inländer und Ausländer zu üben, und man darf wohl hoffen, daß dies auch künftig so sein wird und wir dadurch vor dem litterarischen Piratenthum verschont bleiben, das sich leider auch bei uns schon bedenklich breit zu machen droht.

Ich will aber auf die in neuerer Zeit beliebt gewordene Praxis, es Jedermann zu überlassen, seine wirklichen oder vermeintlichen Verdienste selber festzustellen und zu vertheidigen, da dies für Andere zu beschwerlich ist, im Verfolg dieser Blätter in soweit eingehen, als ich am Schlusse der Darstellung meiner verschiedenen Lebensperioden selbst diejenigen Punkte kurz zusammenstellen werde, die nach meinem Dafürhalten für die Fortentwickelung der naturwissenschaftlichen Technik von Bedeutung gewesen sind, und auf die mir nachweislich die Priorität der Entdeckung, Erfindung oder ersten Anwendung zusteht. Daß ich dabei hier und da wiederhole, was schon in anderem Zusammenhange vorgebracht war, wird freilich unvermeidlich sein. Sollte ich mich hin und wieder irren und ältere Ansprüche Anderer nicht genügend berücksichtigen, so bitte ich auch mir gegenüber Nachsicht walten zu lassen.

Ueber die mit der Publication meines »Mémoire sur la télégraphie électrique« und des entsprechenden Aufsatzes in Poggendorffs Annalen abschließende Periode, deren Uebersicht ich jetzt folgen lassen will, werde ich mich sehr kurz fassen können, da das wichtigste derselben, als direct in meinen Lebensweg eingreifend, schon ausführliche Berücksichtigung erfahren hat.

Als ich im Jahre 1842 mein erstes preußisches Patent nachsuchte, war in Deutschland noch kein Verfahren einer galvanischen Vergoldung oder Versilberung bekannt. Ich hatte mit allen mir bekannten Gold-und Silbersalzen experimentirt und außer den unterschwefligsauren auch die Cyan-Verbindungen geeignet gefunden. Das Patent wurde mir aber nur auf die ersteren ertheilt, da inzwischen Elkingtons englisches Patent auf die Benutzung der Cyansalze bekannt geworden war. Trotz der schönen Gold- und Silberniederschläge, die man aus unterschwefligsauren Salzen erhält, haben in der Folge doch die Cyansalze das Feld behauptet, da ihre Lösungen beständiger sind.

Die meinem Bruder Wilhelm gestellte Aufgabe, einen Regulator zu construiren, der eine mit einem Wasserrade verbundene Dampfmaschine genau derart regulirte, daß das Wasserrad stets seine volle Arbeit leistete, die Dampfmaschine aber den jederzeit erforderlichen Ueberschuß an Arbeitskraft hergäbe, führte mich auf die Idee der sogenannten Differenz-Regulirung. Dieselbe bestand darin, ein freischwingendes Kreispendel zur Hervorbringung einer ganz gleichmäßigen Rotation zu benutzen und durch dasselbe eine Schraube drehen zu lassen, während die zu regulirende Maschine eine auf dieser Schraube sitzende, verschiebbare Mutter in gleichem Sinne drehte. Die Mutter muß sich dann solange auf der Schraube nach rechts oder links verschieben, als sie sich schneller oder langsamer dreht wie die Schraube, und kann so den Gang der Maschine vollkommen reguliren, indem sie sogleich aufhört sich weiter zu bewegen, wenn die Geschwindigkeit der Maschine genau gleich der des Kreispendels ist. Der nach diesem Princip ausgeführte Differenz-Regulator oder »chronometrical governor«, wie Bruder Wilhelm, der ihn praktisch ausbildete und wesentlich vervollkommnete, denselben später in England nannte, hat sich in der Maschinenpraxis zwar keinen allgemeinen Eingang verschafft, weil er nicht so einfach und billig ist wie der in späterer Zeit erheblich verbesserte Wattsche Regulator, er hat ihr aber in der Differentialbewegung, die wir in den verschiedensten Formen durchführten, ein fruchtbares Constructionselement zugeführt.

Meine Beschäftigung mit der Aufgabe, Geschoßgeschwindigkeiten exact zu messen, die durch Leonhardts geniale Uhr nicht vollkommen gelöst wurde, ließ mich erkennen, daß nur eine Methode, bei der keine Massen in Bewegung gesetzt und zur Ruhe gebracht zu werden brauchten, zum Ziele führen würde. So kam ich dazu, den elektrischen Funken zur Lösung der Aufgabe zu benutzen. Mein Vorschlag bestand darin, auf einen schnell und gleichmäßig rotirenden polirten Stahlcylinder elektrische Funken von einer seiner Peripherie möglichst genäherten feinen Spitze überspringen zu lassen und aus dem gegenseitigen Abstande der von diesen Funken erzeugten Marken und der bekannten Umdrehungszahl des Cylinders die Geschwindigkeit der Kugel, die an bestimmten Stellen ihres Laufes die Funken veranlaßte, zu berechnen. Diese Methode der Geschwindigkeitsmessung mit Hülfe von Marken, die ein überspringender elektrischer Funke in polirten Stahl einbrennt oder auf berußter Stahlfläche aussprengt, hat sich seitdem voll ständig bewährt und wird noch heute namentlich zur Messung der Geschwindigkeit von Geschossen in Gewehr- und Geschützrohren verwendet.

An der Schilderung der Stirlingschen Heißluftmaschine, die ich im Jahre 1845 von Bruder Wilhelm erhielt, erregte der Gedanke, die bei einer Operation nicht verbrauchte Wärme zur Wiederbenutzung bei der nächstfolgenden Operation aufzuspeichern, mein ganz besonderes Interesse. Derselbe erschien mir als ein eröffnetes Eingangsthor in ein noch unbekanntes, großes Gebiet der naturwissenschaftlichen Technik. Es geschah das zu einer Zeit, in welcher der die heutige Naturwissenschaft durchdringende und leitende Gedanke des ursächlichen Zusammenhanges aller Naturkräfte die Geister unbewußt beherrschte, bis er bald darauf durch Mayer und Helmholtz zum wissenschaftlichen Gemeingut erhoben wurde. Der Grundsatz des Kreislaufs der Wärme bei Arbeitsmaschinen und des Wärmeäquivalentes der Arbeit fand in dem Aufsatz »Ueber die Anwendung der erhitzten Luft als Triebkraft«, zu dessen Veröffentlichung Stirlings Maschine mich veranlaßte, schon klaren Ausdruck. Als hauptsächlichen Erfolg dieses Aufsatzes betrachte ich aber, daß er meinen Brüdern Wilhelm und Friedrich als Ansporn zu ihren späteren, bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiete der Wärmeökonomie gedient hat.

In meinem ersten Zeigertelegraphen vom Jahre 1846 führte ich das Princip der Selbstunterbrechung des elektrischen Stromes sowohl für die Apparate selbst als auch für die Wecker consequent durch. Das Princip bestand wesentlich darin, den Ankerhub des bekannten Neefschen Hammers durch Einfügung eines beweglichen Contactstückes, des sogenannten Schiebers, nach Bedarf zu vergrößern. Meine auf diesem Princip beruhenden Zeiger- und Typendruck-Telegraphen unterschieden sich von den damals bekannten Wheatstoneschen dadurch, daß es selbstgehende Maschinen waren, die isochron mit einander liefen, bis einer der Apparate durch Niederdrücken einer Buchstabentaste auf dem betreffenden Buchstaben mechanisch angehalten wurde, worauf alle übrigen gleichfalls auf demselben Buchstaben stehen blieben und beim Typendrucker dieser Buchstabe abgedruckt wurde. Die Beschreibung dieser Apparate sowie der meisten meiner weiteren Erfindungen und Verbesserungen telegraphischer Leitungen und Apparate bis zum Jahre 1850 ist in meinem, der Pariser Akademie mitgetheilten »Mémoire sur la télégraphie électrique« enthalten. Ich begnüge mich hier damit, die wichtigsten wissenschaftlichen und technischen Fortschritte, deren Priorität mir durch diese Publication gewahrt ist, übersichtlich zusammenzustellen:

Einführung der Selbstunterbrechung des elektrischen Stromes am Ende eines jeden Ankerhubes von vorgeschriebener Höhe. Man kann statt dessen auch sagen: Vergrößerung der Hubhöhe des Neefschen Hammers durch einen dem Schieber der Dampfmaschine entsprechenden Mechanismus. Es beruhen hierauf alle selbstthätigen elektrischen Wecker ohne Uhrwerk und viele andere Constructionen.

Herbeiführung des synchronen Ganges zweier oder mehrerer elektrischer Maschinen dadurch, daß ein neuer Hub erst erfolgen kann, wenn alle Selbstunterbrechungen wieder geschlossen sind, also die Ankerbewegung aller eingeschalteten Apparate vollendet ist.

Herstellung isolirter Leitungen für unterirdische oder unterseeische Telegraphen durch Umpressung mit Guttapercha.

Construction von Maschinen, welche die Guttapercha ohne Verbindungsnaht um die zu isolirenden Drähte pressen.

Entdeckung der Ladungserscheinungen an isolirten unterirdischen oder unterseeischen Leitern und Aufstellung des Ladungsgesetzes für offene und geschlossene Leitungen.

Aufstellung der Methoden, Messungen und Formeln zur Bestimmung der Lage von Leitungs- und Isolationsfehlern an unterirdischen Leitungen.

Die unterirdischen Leitungen, die ohne äußeren Schutz sowohl wie die mit Bleiarmatur, hatten inzwischen auch über Deutschlands Grenzen hinaus immer weitere Anwendung gefunden; unter anderen Staaten hatte Rußland das System derselben adoptirt und Petersburg mit Moskau durch eine unterirdische Leitung verbunden. In Preußen machte aber die an den ersten Linien schon bald nach ihrer Erbauung eingetretene Verschlechterung unaufhaltsame Fortschritte. Die Gründe, die dazu beitrugen und schließlich zu völligem Verderben der Leitungen führten, sind bereits erwähnt. Das durch die politischen Verhältnisse bedingte, beinahe krankhafte Bestreben, so schnell wie nur möglich und mit geringsten Kosten ein den ganzen Staat umfassendes, unterirdisches Leitungssystem herzustellen, hatte verhindert, die Leitungen mit einer Armatur zu versehen und tief genug einzubetten um sie vor Beschädigungen durch Arbeiter und Angriffen der Nagethiere zu sichern. Der Versuch, die unbrauchbar gewordenen Leitungen durch solche mit einem Bleimantel zu ersetzen, erwies sich als nutzlos, weil die Nagethiere sogar die schützende Bleidecke zerfraßen. Es fehlte ferner gänzlich an einem gehörig geschulten Personal, um das ausgedehnte Leitungsnetz in Ordnung zu halten und die auftretenden Fehler ohne Schädigung der ganzen Anlage zu beseitigen. Durch ungeschickt ausgeführte Aufsuchung und Ausbesserung aufgetretener Fehler entstanden zahllose neue Löthstellen, die in sehr primitiver Weise durch Umklebung mit erwärmter Guttapercha isolirt wurden und so zu immer neuen Fehlern führten. Es stand daher zu befürchten, daß die unterirdischen Leitungen in kurzer Zeit ganz unbrauchbar werden würden.

Diese traurige Sachlage bewog mich zur Abfassung einer Brochüre unter dem Titel »Kurze Darstellung der an den preußischen Telegraphenlinien mit unterirdischen Leitungen gemachten Erfahrungen«, in der ich auf die vorliegenden Gefahren hinwies und Vorschläge für Verbesserungen in der Behandlung der Linien machte, zugleich aber auch die mir damals von allen Seiten aufgebürdete Schuld am Zusammenbruche des von mir vorgeschlagenen Leitungssystems energisch zurückwies. Es war natürlich, daß die Veröffentlichung dieser Brochüre mich in Differenzen mit der Verwaltung der preußischen Staatstelegraphen brachte. In der That hörte für mehrere Jahre jede Verbindung derselben mit meiner Person sowohl wie mit meiner Firma vollständig auf. Es wurden uns alle Bestellungen entzogen und unsere Specialconstructionen anderen Fabrikanten als Modelle übergeben. Dies bildete eine schwere Krisis für unser junges Etablissement, das sich schnell zu einer Fabrik mit einigen Hundert Arbeitern hinaufgeschwungen hatte. Glücklicherweise bot die Eisenbahntelegraphie, die damals ebensowenig wie die Eisenbahnen selbst verstaatlicht war, einen unabhängigen Markt für unsere Fabrikate. Der Bruch mit der Staatstelegraphie trug aber auch viel dazu bei, uns mehr dem Auslande zuzuwenden und dort Absatz für unsere Erzeugnisse, sowie Gelegenheit zu größeren Unternehmungen zu suchen.

Da in den auswärtigen Unternehmungen meiner Firma, von denen ich nun zu berichten haben werde, meine jüngeren Brüder eine sehr wesentliche Rolle spielen, so wird es angemessen sein, vorher einen Rückblick auf meine Familie und namentlich meine Brüder während des zuletzt geschilderten Abschnittes meines Lebens zu thun.

Das Leben meines Bruders Wilhelm ist von einem wohlbekannten englischen Schriftsteller, Mr. William Pole, in großer Ausführlichkeit und mit gewissenhafter Benutzung aller ihm zugänglichen Quellen beschrieben worden. Ich brauche daher im Folgenden nur solche Ereignisse seines Lebens zu berühren, die auf mein eigenes Leben rückwirkend waren. Zunächst will ich schon hier bemerken, daß ich mit Wilhelm während seines ganzen Lebens in lebhafter Correspondenz und regem persönlichen Verkehr gestanden habe, was uns Beiden zu großem Nutzen gereicht hat. Wir theilten uns alle wichtigeren Ereignisse unseres Lebens mit, ebenso neue Pläne und Bestrebungen, discutirten unsere abweichenden Ansichten und kamen fast immer, wenn nicht schriftlich, so bei der nächsten Zusammenkunft, die in der Regel zwei Mal im Jahre stattfand, zu einem freundschaftlichen Einverständniß. Der Umstand, daß ich mich in höherem Grade naturwissenschaftlich, Wilhelm sich mehr als Techniker und praktischer Ingenieur ausgebildet hatte, brachte es mit sich, daß wir uns dementsprechend gegenseitig eine gewisse Autorität zuschrieben, wodurch unser Zusammenarbeiten sehr erleichtert wurde. Daß wir nicht eifersüchtig auf einander waren, uns vielmehr freuten, wenn der Eine zur Anerkennung des Anderen in seiner derzeitigen Heimath beitragen konnte, bestärkte und sicherte unser gutes Einvernehmen.

Nachdem wir im Jahre 1846 unsere geschäftliche Verbindung zur Durchführung unserer Erfindungen gelöst hatten, war Wilhelm als Ingenieur in renommirte englische Maschinenbauanstalten eingetreten, um sich zunächst seinen Lebensunterhalt zu sichern. Doch »die Katze läßt das Mausen nicht«, sagt ein deutsches Sprüchwort; es dauerte nicht lange, so steckte er ebenso wie ich selbst wieder tief in eigenen Erfindungen. Es bestand aber jetzt der Unterschied zwischen uns, daß ich mich auf die Lösung der zahlreichen Aufgaben beschränkte, welche die Telegraphie und überhaupt die Anwendung der Elektricitätslehre auf das praktische Leben mir entgegentrugen, Wilhelm dagegen mit Vorliebe schwere Probleme der Thermodynamik zu lösen suchte. Namentlich hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, die Schwierigkeiten, die sich Stirling in Dundee bei der Ausbildung seiner Heißluftmaschine entgegenstellten, durch Einführung des Wärmeregenerators bei der Dampfmaschine zu umgehen. Die Versuche mit diesen Regenerativ-Dampfmaschinen, Regenerativ-Verdampfern und -Condensatoren nahmen Jahre lang seine Zeit und Mittel in Anspruch, ohne seinen Constructionen allgemeinen Eingang in die Technik zu verschaffen. Dagegen glückte es ihm, eine Aufgabe, an der auch ich in Berlin längere Zeit mit unvollständigem Erfolge gearbeitet hatte, in praktischer Weise zu lösen, nämlich die Wassermesserfrage. Die patentirten Siemens-Adamsonschen Reactions-Wassermesser haben lange Jahre den Markt beherrscht und Wilhelm gute Einnahmen gebracht. Erst in späterer Zeit wurden sie durch die Berliner Construction der Stoß- oder Strudelmesser ersetzt, die auch von Wilhelm dann adoptirt wurde.

Der gute Fortgang, den die Fabrikation von telegraphischen und anderen elektrischen Apparaten in unserer Berliner Fabrik nahm, und die große Anerkennung, deren sich unsere Constructionen allseitig erfreuten, legten es nahe, eine geschäftliche Verbindung Wilhelms mit der Firma Siemens & Halske einzuleiten. Er trat zunächst in ein Agenturverhältniß zu derselben, um ihr Bestellungen in England zuzuführen, und verstand es mit großem Geschick, die Aufmerksamkeit der englischen Techniker auf die Leistungen der Berliner Firma zu lenken. Besonders wurde dies durch die erste große Weltausstellung gefördert, die im Sommer 1851 in London stattfand. Siemens & Halske beschickten dieselbe sehr reichhaltig; ihre Ausstellungsobjecte fanden allgemeine Anerkennung und trugen der Firma die höchste Auszeichnung – die Council medal – ein.

Meine Brüder Hans und Ferdinand waren ihrem landwirthschaftlichen Berufe treu geblieben. Nach Aufgabe der Pachtung der Domaine Menzendorf waren sie nach Berlin gekommen, wo nach und nach sämmtliche Brüder mit Ausnahme Wilhelms sich zusammengefunden hatten, und es war beiden von dort aus bald gelungen, passende Stellungen auf ostpreußischen Gütern zu erhalten.

Friedrich war von Lübeck aus schon in sehr jugendlichem Alter zur See gegangen und hatte einige Jahre lang auf Lübeckschen Segelschiffen eine Reihe größerer Seefahrten mitgemacht. Dies hatte seinen anfangs unüberwindlichen Hang zum Seeleben doch etwas abgekühlt, und er schrieb mir eines Tages, daß er große Lust hätte, etwas zu lernen. Ich ließ ihn dar auf nach Berlin kommen, um ihn durch Privatunterricht zum Besuche einer Seemannsschule vorzubereiten. Er gab sich den Studien mit großem Eifer und bestem Erfolge hin und gewann auch bald großes Interesse an meinen eigenen Bestrebungen und Experimenten. Das neue geistige Leben interessirte ihn schließlich in solchem Maaße, daß die Neigung zum Seeleben, dessen Schattenseiten er vollauf kennen gelernt hatte, den neuen Eindrücken gegenüber nicht Stand hielt. Dazu kam, daß die gänzliche Veränderung in Kleidung, Lebensweise und Klima ihn an rheumatischen Leiden erkranken ließ, die er nur schwer überwinden konnte. Er unterstützte mich fortan bei meinen technischen Arbeiten und war eifrig bestrebt, die großen Lücken auszufüllen, welche die Seemannslaufbahn in seinem Wissen verursacht hatte.

Der in der Reihe der Geschwister folgende Bruder Karl hatte ebenso wie Friedrich die ersten Jahre nach dem Tode der Eltern beim Onkel Deichmann in Lübeck zugebracht und hatte dann in Berlin seine Schulbildung vollendet. Dort nahm er schon frühzeitig an meinen Arbeiten Theil und wurde mein getreuer, immer zuverlässiger Assistent bei meinen ersten technischen Unternehmungen, insbesondere unterstützte er mich bei der Anlage der ersten unterirdischen Leitungen.

Daß mir im Frühjahr 1848 meine Brüder Wilhelm, Friedrich und Karl nach Kiel und Friedrichsort nachfolgten, habe ich schon erzählt. Der überall mächtig erstandene, deutsch-nationale Sinn hatte ihnen daheim keine Ruhe gelassen. Wilhelm übertrug ich den Bau und das Commando der Batterie, die ich der Festung Friedrichsort gegenüber in Laboe erbauen ließ, während Friedrich und Karl als Freiwillige in den Dienst der neugebildeten schleswigholsteinschen Armee eintraten und bis zum Abschluß des Waffenstillstandes in dieser Stellung blieben. Bei dieser Gelegenheit verabredeten wir, daß Fritz seine weitere technische Ausbildung unter Wilhelms Leitung in England finden sollte. Karl trat in eine chemische Fabrik bei Berlin ein, die er aber bald wieder verließ, um mir bei den Telegraphenanlagen und Leitungsreparaturen behülflich zu sein. Im Jahre 1851 war er mit Friedrich Vertreter der Berliner Fabrik auf der Londoner Weltausstellung und führte mit Geschick die sich an sie knüpfenden geschäftlichen Verhandlungen. Eine Filiale in Paris, die wir darauf unter seiner Leitung begründeten, wollte zwar nicht die erhofften Früchte bringen, trug aber viel zu seiner socialen und geschäftlichen Ausbildung bei.

Von den beiden jüngsten Brüdern war Walter zugleich mit Karl von Lübeck nach Berlin gekommen und besuchte hier die Schule. Otto brachte ich auf das Pädagogium in Halle, da es mir an Zeit gebrach, mich persönlich so eingehend wie nöthig mit seiner Erziehung zu beschäftigen.

Von unseren beiden Schwestern war die ältere, mit Professor Himly in Kiel verheirathete Mathilde bereits glückliche Mutter einer schmucken Kinderschaar. Sie hat stets redlich mit mir die Sorge um die jüngeren Geschwister getheilt und denselben nach Möglichkeit die ihnen so früh entzogene mütterliche Liebe zu ersetzen gesucht. Meine jüngste Schwester Sophie war, wie schon erwähnt, nach dem Tode der Eltern vom Onkel Deichmann in Lübeck an Kindesstatt angenommen worden. Anfang der fünfziger Jahre faßte Deichmann den Entschluß, mit seiner Familie nach Nordamerika auszuwandern. Es waren hauptsächlich politische Gründe, die diesen Entlchluß hervorgerufen hatten. Nach der Niederwerfung der Revolution in Deutschland und Oesterreich, nach der Preisgabe Schleswig-Holsteins und der tiefen Demüthigung Preußens machte die Hoffnungslosigkeit große Fortschritte in Deutschland. Rußlands Macht erschien damals so riesengroß, daß man den Ausspruch Napoleons auf St. Helena, in fünfzig Jahren würde Europa entweder republikanisch oder kosakisch sein, schon in letzterem Sinne erfüllt glaubte. Obwohl ich selbst durch die traurige Wendung unsrer politischen Zustände ebenfalls tief niedergedrückt war, konnte ich mich doch einer so pessimistischen Auffassung nicht anschließen. Ich wies daher nicht nur die dringende Aufforderung des Onkels, selbst nach Amerika mitzugehen, zurück, sondern suchte auch zu verhindern, daß eines meiner Geschwister an der Auswanderung theilnähme. Insbesondere verweigerte ich die Zustimmung zur Mitnahme meiner Schwester Sophie, wobei mich ihr officieller Vormund, Herr Ekengreen, lebhaft unterstützte. Leider hatten wir aber kein Recht, Sophie zurückzuhalten, da sie formell vom Onkel adoptirt war.

In dieser Nothlage kam uns Gott Amor zu Hilfe. Ein junger Rechtsgelehrter in Lübeck, Dr. jur. Crome, hatte das in seiner Nachbarschaft heranwachsende Mädchen mit Wohlgefallen beobachtet und wollte nur seine Blüthezeit abwarten, um sich als Freier zu melden. Da brachte die Schreckenskunde der beabsichtigten Auswanderung seinen Entschluß vorzeitig zur Reise. Er bat um die Hand der erst Sechszehnjährigen, und kurz vor der Abreise der Adoptiveltern wurde bereits die Hochzeit gefeiert. Wir älteren Geschwister haben es nicht bereut, dies begünstigt zu haben. Der junge Ehemann soll zwar in den ersten Tagen seiner Ehe von Eifersucht schwer geplagt worden sein, weil die junge Frau gewisse Fächer ihres Schrankes ihm geflissentlich vorenthielt, auch bei seinem unerwarteten Eintritt Sachen, mit denen sie beschäftigt war, eifrig vor ihm zu verbergen suchte. Doch bekannte sie ihm dann auf sein ungestümes Verlangen unter Thränen – es wäre das neue Kleid ihrer Lieblingspuppe, zu dessen Vollendung die schleunige Hochzeit ihr nicht Zeit gelassen hätte.

Es verdient bemerkt zu werden, daß meinen Brüdern die Jugend offenbarten, bis in das höhere Alter treu geblieben sind und ihrem Lebensgange eine ganz bestimmte Richtung gegeben haben. Dies gilt besonders von den drei Brüdern, mit denen mich gemeinschaftliches Leben und Streben am meisten verband, von Wilhelm, Friedrich und Karl.

Wilhelm hatte schon als Kind ein in sich gekehrtes, vielleicht etwas verschlossenes Wesen. Er hing mit großer Liebe an seinen Angehörigen, wollte dies aber nie merken lassen. Von frühester Jugend an war er ehrgeizig und ein wenig zur Eifersucht geneigt. Als ihm durch seinen Altersnachfolger Fritz die Bevorzugung in der Zärtlichkeit von Mutter, Großmutter und Geschwistern streitig gemacht wurde, entwickelte sich in ihm ein tiefer Groll gegen den kleinen Nebenbuhler – eine Empfindung, die, wie ich glaube, nie wieder gänzlich in ihm erloschen ist, trotz aller geschwisterlichen Liebe und Hilfsbereitschaft, die er demselben später so vielfach bewiesen hat. Er besaß einen sehr klaren Verstand und eine schnelle Auffassungsgabe, wußte stets mit großer Leichtigkeit dem Gedankengange Anderer zu folgen, sowie den Geist des Erlernten in sich aufzunehmen und lebendig zu machen. Aus dem guten Schüler entwickelte sich ganz consequent ein logisch denkender, systematisch ordnender Kopf, ein tüchtiger Ingenieur und Geschäftsmann. Seine großen Erfolge in England verdankt er hauptsächlich der ihm eigenthümlichen Begabung, sich aus dem ihm offen stehenden Schatze deutscher Wissenschaft leicht und schnell das anzueignen, was für den Augenblick von praktischem Werthe war, sowie der weiteren Gabe, diese wissenschaftliche Kenntniß stets gegenwärtig zu haben und in den ihm entgegentretenden technischen Fragen immer sogleich den Stützpunkt zu entdecken, wo der wissenschaftliche Hebel zu ihrer Förderung oder Lösung anzusetzen sei. Wesentlich unterstützt wurde er dabei allerdings noch durch den Umstand, daß er zu einer Zeit nach England kam, wo naturwissenschaftliche Bildung daselbst nur sehr vereinzelt, wenngleich dann in hervorragendem Grade, vertreten war, und wo ein lebendiges Zusammenwirken zwischen Wissenschaft und Praxis dort noch ebenso fehlte wie in Deutschland. So gelang es ihm, nicht nur selbst Tüchtiges zu leisten, sondern sich auch durch lebendiges und thatkräftiges Eingreifen in das in England so hoch entwickelte wissenschaftlich-technische Gesellschaftsleben um dieses selbst und damit um die gesammte englische Industrie wesentliche Verdienste zu erwerben.

Fast diametral entgegengesetzt waren die geistigen Anlagen seines Nachfolgers in der Reihe der am Leben gebliebenen Geschwister. Friedrich war kein guter Schüler. Es ist ihm immer schwer geworden, dem Gedankengange eines Anderen bis an das Ende zu folgen; dagegen war er von Kindheit an ein ausgezeichneter Beobachter und hatte die Gabe, seine Beobachtungen stets mit einander zu verknüpfen und sich selbst verständlich zu machen. Um die Gedanken Anderer wirklich zu verstehen und sich anzueignen, mußte er sie selbstthätig nacherfinden oder doch nachdenken. Diese Eigenschaft des steten, selbstthätigen, unbeeinflußten Denkens und Fortbildens gab seinem Wesen einen grübelnden Anstrich und seinen Leistungen eine ausgesprochene Originalität. Fritz ist der geborene Erfinder, dem zuerst der Erfindungsgedanke, wenn auch zunächst in ganz unklarer, nebelhafter Form in den grübelnden Sinn kommt, und der darauf mit rastloser Energie und unermüdlichem Fleiße die Grundlage des Gedankens prüft, sich dabei die ihm etwa fehlenden Kenntnisse aneignet und schließlich seinen Gedanken entweder als falsch oder unausführbar verwirft, oder ihn zu einer brauchbaren und dann fast immer originellen Erfindung ausarbeitet. Dabei war Friedrich niemals ein Diplomat und ebensowenig ein die Worte und Handlungen sorgfältig abwägender Geschäftsmann. Er ging und geht noch jetzt überall seinen geraden, nur durch ihm angeborene freundliche und wohlwollende Gesinnung beeinflußten Weg, der ihn auch in der Regel zum gewünschten Ziele führt, da er ihn stets wohl überlegt und mit größter Energie bis zu Ende verfolgt.

Den auf Fritz folgenden Bruder Karl möchte ich für den von uns Allen am normalsten beanlagten erklären. Er war stets zuverlässig, treu und gewissenhaft, ein guter Schüler, ein liebevoller, anhänglicher Bruder. Sein klarer Blick und allseitig gut ausgebildeter Verstand machten ihn zu einem tüchtigen Geschäftsmann und, bei seinem großen technischen Verständniß und richtigem Taktgefühl, zu einem ausgezeichneten Leiter geschäftlicher Unternehmungen. Karl war das richtige Bindeglied zwischen uns vier Brüdern, die wir eigentlich alle wesentlich verschieden von einander waren, aber durch die alles überwindende, brüderliche Liebe während unseres ganzen Lebens zu gemeinschaftlichem Wirken zusammengehalten wurden.

Um auch mich selbst an die vorstehende Charakteristik meiner Brüder anzuschließen, will ich nur bemerken, daß ich von allen guten und schlechten Eigenschaften der eben geschilderten drei Brüder ein gutes Theil besaß, daß diese Eigenschaften aber durch meinen besonderen Lebensweg in ihrer äußeren Erscheinung sehr zurückgedrängt wurden. Meine Pflicht zu thun und Tüchtiges zu leisten, ist jederzeit mein eifriges Bestreben gewesen. Anerkennung zu finden, war mir zwar wohlthuend, doch war es mir immer zuwider, mich irgendwie vorzudrängen oder zum Gegenstande einer Ovation machen zu lassen. Vielleicht war mein stetes Bestreben »mehr zu sein, als zu scheinen« und meine Verdienste erst von Anderen entdecken zu lassen aber nur eine besondere Form der Eitelkeit. Ich will mich ihrer in diesen Blättern auch möglichst enthalten.

Das Jahr 1852 bildete einen entscheidenden Wendepunkt in meinem persönlichen sowohl wie in meinem geschäftlichen Leben.

Mit Beginn dieses Jahres trat ich die erste Reise nach Rußland an. Die geschäftliche Verbindung meiner Firma mit der russischen Regierung war schon im Jahre 1849 durch den Kapitän von Lüders eingeleitet worden, der damals im Auftrage seiner Regierung eine Rundreise durch Europa machte, um das beste System elektrischer Telegraphen zu ermitteln, und dann unser System für die von Petersburg nach Moskau zu erbauende Linie in Vorschlag brachte. Bei Siemens & Halske wurden nur die Apparate – Zeigertelegraphen und Meßinstrumente – bestellt, da die russische Regierung den Bau der unterirdischen Leitung selbst unternahm. Verhandlungen über weitere Bestellungen erheischten jetzt meine Anwesenheit in Petersburg.

Meine Reise führte über Königsberg, wohin mich schon lange ein sehnsüchtiges Verlangen zog, ohne daß ich mich zur Hinreise zu entschließen vermocht hätte. Es wohnte dort der bekannte Geschichtsforscher Drumann, der eine Tochter meines Onkels Mehlis in Clausthal geheirathet hatte und dadurch mit mir verschwägert war. Im Jahre 1844 hatte mich die Cousine Drumann auf einer Reise nach Clausthal in Berlin aufgesucht und sich mit ihrer jüngsten Tochter Mathilde einige Tage daselbst aufgehalten. Ich machte mich den Damen während dieser Zeit als Cicerone nützlich und verlebte mit ihnen sehr angenehme, anregende Tage. Die Rückreise sollte wieder über Berlin gehen, und ich freute mich auf das Wiedersehen der liebenswürdigen Cousine und ihrer hübschen und klugen Tochter. Die Freude wurde leider durch ein sehr trauriges Ereigniß gestört.

Die Professorin Drumann traf krank in Berlin ein und starb schon nach einigen Tagen an einer Lungenentzündung im Gasthause. Ich war der einzige Verwandte, sogar der einzige Bekannte der Familie in Berlin und hatte daher alle Pflichten des Familienhauptes zu erfüllen. Mein Mitgefühl wurde durch den grenzenlosen Schmerz des armen, vereinsamten Mädchens auf eine harte Probe gestellt. Die baldige Ankunft des Bruders der Verstorbenen, des Regierungsrathes Mehlis aus Hannover, und seiner Frau erleichterte mir zwar die schwere und ganz ungewohnte Aufgabe, die mir hier beschieden war, doch wollte mir das Bild des so schmerzerfüllt und hülflos sich mir anschließenden jungen Mädchens nicht wieder aus dem Sinn kommen. Seitdem waren nun acht Jahre dahin gegangen, in denen die anfänglich lebhafte Correspondenz allmählich eingeschlafen war. Mein Bruder Ferdinand hatte sich inzwischen mit der älteren Schwester Mathildes verlobt und mit Beihilfe des Professors Drumann das Rittergut Piontken in Ostpreußen gekauft. Als er seine Braut aber dorthin heimholen wollte, erkrankte diese an einem chronischen Lungenleiden, dem sie trotz der treuen Pflege ihrer einzigen Schwester nach mehrjährigen, schweren Leiden erlag. Für mich war jetzt die Zeit gekommen, einen lange gehegten Wunsch zu erfüllen, ohne meinem alten Vorsatze untreu zu werden, erst zu heirathen, wenn meine eignen Mittel dies erlauben würden. Halske hatte gut gewirthschaftet. Wir hatten in Berlin ein ansehnliches Grundstück, Markgrafenstraße 94, gekauft, auf dessen Hinterterrain eine hübsche, geräumige Werkstatt errichtet wurde, während das neu ausgebaute Vorderhaus gute Wohnungen für uns gab. Es fehlte also zum Heirathen nur die Braut, und so konnte ich denn bald nach meiner Ankunft in Königsberg, am Geburtstage meiner Mutter – am 11. Januar des Jahres 1852 – die so lange verhaltene Frage an Mathilde Drumann richten, deren Bejahung mich dann zum glücklichen Bräutigam machte.

Ein langes Verweilen in Königsberg gestatteten meine geschäftlichen Dispositionen nicht, da ich bereits am 20. Januar in Riga erwartet wurde, wo wir eine Telegraphenleitung zum Hafenplatze Boldera anzulegen hatten, welche mittelst eines Stahldrahtseiles die breite Düna überspannen sollte.

Es gab damals noch keine andere Reifeform in Rußland als die Extrapost. Diese war auf den Hauptstraßen recht gut organisirt, natürlich den Verhältnissen entsprechend. Durchschnittlich alle zwanzig bis dreißig Werst – ein Werst ist etwas mehr als ein Kilometer – waren auf den Poststraßen feste Häuser mit Stallungen gebaut, in denen man Unterkunft und Pferde fand, wenn solche disponibel waren und man einen Regierungsbefehl an die Posthalter hatte, durch den sie angewiesen wurden, dem Reisenden gegen Zahlung der Taxe Postpferde für eine bestimmte Reise zu geben. War man im Besitze einer solchen Ordre – Podoroschna genannt – so erhielt man, falls man keine eigene Equipage hatte, einen kleinen vierrädrigen Bauernwagen ohne Federn, Ueberdeck oder sonstigen Luxus, bespannt mit drei, gewöhnlich nicht schlechten Pferden, von denen das mittlere in einer Gabeldeichsel eingeschirrt und die beiden äußeren mit einer Wendung nach außen angespannt waren. Bei einer richtigen »Troika« muß das stärkere, mittlere Pferd Trab laufen, während die Seitenpferde es in Rechts-und Links-Galopp begleiten. Als Sitz hat der Reisende in der Regel seinen Reisekoffer oder ein Bund Stroh – und damit Gott befohlen fort im Galopp, der erst bei der nächsten Station wieder aufhört, wenn die miteilende Fama die Trinkgelder des Reisenden zu rühmen weiß.

Eine solche Postreise will erst gelernt sein. Man muß ganz frei und stark vorgebeugt auf seinem Koffer sitzen, damit das eigene Rückgrat die Feder bilde, die das Gehirn vor den heftigen Stößen der Räder auf den meist nicht allzuguten Straßen schützt. Versäumt man diese Vorsicht, so bekommt man unfehlbar bald heftige Kopfschmerzen. Man gewöhnt sich jedoch ziemlich schnell an diese Reiseform die auch ihre Reize hat, lernt es sogar bald, ganz fest in der wiegenden Stellung zu schlafen, und begegnet dabei instinctiv allen Unbilden der Straße durch zweckmäßige Gegenbewegungen. Wenn zwei Reisende eine solche »Telega« benutzen, pflegen sie sich durch einen Gurt zusammen zu schnüren, damit ihre Schwankungen so regulirt werden, daß sie nicht mit den Köpfen aneinander stoßen. Ich habe übrigens gefunden, daß das Telegenreisen ganz gut bekommt, wenn man es nicht übertreibt. Freilich Courieren, die wochenlang ohne Unterbrechung Tag und Nacht auf der Telega sitzen müssen, sollen diese Reisen oft den Tod gebracht haben.

Bis Riga war die Telegenreise recht angenehm und interessant. Dort herrschte aber volles Winterwetter, und man konnte nur noch mit Schlitten weiterreisen. Die russischen »Kibitken« sind niedrige, ziemlich kurze Schlitten, die für längere Reisen mit Matten vollständig abgeschlossen werden. Vom Kutschersitze ist der innere Raum durch eine Mattenwand getrennt, in der zwei Fensterchen angebracht sind, die dem Inneren spärliches Licht geben. Eine Mattenklappe an jeder Seite des Schlittens ermöglicht das ziemlich beschwerliche Aus- und Einsteigen.

Da ich zum ersten Male in das eigentliche Rußland reiste und gar kein Russisch verstand, so mußte ich mich in Riga nach einem Reisegefährten umsehen. In einer Zeitungsannonce meldete sich ein solcher, der eine eigene Kibitka besaß und fertig deutsch und russisch sprach. Wie sich erst im Laufe der Reise herausstellte, war es – eine ältere Rigaer Kaufmannsfrau, die sich ihre jährliche Einkaufsreise nach Petersburg auf diese Weise billiger stellen wollte. Sie hatte den Schlitten mit Stroh und Betten so voll gepackt, daß man nur darin liegen konnte und dann die Mattendecke nahe über dem Gesicht hatte. Es war grimmig kalt geworden, und je näher wir unserm Ziele kamen, desto stärker wurde der trockene, scharfe Nordostwind, der bei 18° Réaumur unter Null jeder wärmenden Hülle spottete. Da lernte ich auf russische Art heißen Thee in großen Mengen trinken, sobald eine Station erreicht war, denn dadurch allein konnte man sich erwärmen.

Als wir am dritten Morgen die Station Narva erreicht hatten, wurden wir das Opfer einer kleinen Kriegslist, wie sie von den Posthaltern vielfach und in den verschiedensten Formen angewendet wurde. Der Posthalter erklärte mit größter Bestimmtheit, daß es uns nichts nütze weiter zu reisen, da auf den Stationen vor Petersburg alle Pferde für eine große kaiserliche Bärenjagd in Beschlag genommen wären. Scheinbar gerührt von den lauten Klagen meiner Russin, erbot er sich schließlich, uns ein Paar besonders kräftige Pferde zu geben, die uns noch denselben Abend nach Petersburg bringen würden. Das Geschäft wurde abgeschlossen, und der schlaue Russe glaubte schon, sich durch Erdichtung der Bärenjagd das Fahrgeld bis Petersburg gesichert zu haben. Unsere weiteren Abenteuer sollten ihm aber einen Strich durch die Rechnung machen.

Unser Kutscher war ein junger Bursche ohne Pelz und wärmendes Fußzeug. Daß er oft anhielt, schien uns erklärlich, da er offenbar eines wärmenden Getränkes bedurfte, um nicht zu erfrieren. Schließlich kam er aber gar nicht zurück; ich mußte aus der Kibitka hinausklettern, was bei doppelten Pelzen und trotzdem ziemlich großer Erstarrung seine Schwierigkeiten hatte. Da fand ich denn unsern »Iswoschtschik« in einer nahen Bude mit dem Branntweinglase in der Hand, das der ziemlich verdächtig aussehende, jüdische Inhaber der Bude ihm mit eifrigem Zuspruch wieder füllte. Als ich den Pflichtvergessenen mit den erforderlichen fühlbaren Ermahnungen zum Schlitten zurücktrieb, bemerkte ich auffallende Zeichen weitergehenden Einverständnisses zwischen ihm und dem uns begleitenden Schenkwirth. Es kam mir daher gar nicht unerwartet, als meine Reisegefährtin bald nach Fortsetzung der Fahrt plötzlich ein gewaltiges Geschrei erhob und mir zurief, soeben sei ihr Reisekoffer vom Schlitten herabgefallen. Sie hatte den Verlust sogleich bemerken können, da der Koffer neben dem Kutscher auf dem Bocke so befestigt war, daß er das eine kleine Fenster verdeckte. Es war sehr schwer, den Kutscher in unserer beengten Lage zum Anhalten zu nöthigen. Schließlich erreichte ich dies dadurch, daß ich das zweite kleine Fenster zerbrach, ihn packte und von seinem Sitze hinabwarf. Der Koffer wurde noch glücklich wieder aufgefunden; der Strick, welcher zu seiner Befestigung gedient hatte, war unzweifelhaft durchschnitten worden.

Es stellte sich jetzt aber bald heraus, daß der Kutscher total betrunken war und uns wiederholt in den Chausseegraben fuhr. Mir blieb schließlich nichts anderes übrig, als mit auf den Bock zu steigen und dem Kutscher die Zügel abzunehmen. Dieser schlief fast unmittelbar darauf fest ein, und kein Schimpfen und Stoßen machte ihn wieder munter. Ich selbst fühlte bald, daß meine Füße erstarrten, und als ich die Zügel wechseln wollte, fand ich, daß meine beiden Hände hart gefroren und ganz unbeweglich waren. Es war mir noch möglich, den Schlitten wieder in den Chausseegraben zu fahren und mit den Zähnen meine Handschuhe auszuziehen. Der Kutscher war beim Anhalten vom Bock gefallen und lag wie todt zu meinen Füßen. Ich konnte daher recht bequem zwei nützliche Handlungen zugleich ausführen, indem ich ihm den Kopf mit Schnee wusch und dadurch auch meine Hände wieder aufthaute. Es dauerte ziemlich lange, ehe ich fühlte, daß Leben in sie zurückkehrte. Bald darauf gab auch der Kutscher wieder Lebenszeichen von sich, indem er Grimassen schnitt und nach einiger Zeit zu klagen und zu bitten anfing. So konnten wir in dunkler Nacht unsern Weg weiter fortsetzen, indem wir neben dem Schlitten hergingen, und erreichten schließlich den Ort Krasnoje-Selo, wo wir beim Postmeister Quartier nahmen. Unsere Klage über den Posthalter in Narva und den uns mitgegebenen Iswoschtschik entschied der Postmeister am andern Morgen sehr kurzer Hand. Er ließ sich von uns das bedungene Fahrgeld bis Petersburg auszahlen, gab dann eigenhändig dem Iswoschtschik eine Tracht Prügel, so lange seine Kräfte aushielten, und schickte ihn damit statt jeder Zahlung an seinen Herrn zurück, während er uns mit seinen eigenen Pferden selbst bis nach Petersburg fuhr.

In Petersburg wurde ich vom Kaufmann Heyse, einem Onkel des Dichters Paul Heyse, sehr freundlich empfangen. Ich kannte die Familie Heyse von Magdeburg her, wo ich während meiner Rekrutenzeit im Hause der Wittwe des als Pädagog und Verfasser einer deutschen Grammatik angesehenen Gymnasialdirektors Heyse viel mütterliche Theilnahme und Freundlichkeit gefunden hatte. Der Petersburger Heyse, ein Sohn des Gymnasialdirektors, war schon in jungen Jahren nach Rußland gegangen und hatte sich dort zum Mitbesitzer eines der angesehensten Handelshäuser aufgeschwungen. Der Verkehr mit der liebenswürdigen, durchaus deutsch gebliebenen Familie wurde mir dadurch erleichtert, daß Heyse mir in einem seiner Wohnung nahegelegenen Wirthshause in der Cadettenlinie der Insel Wasili-Ostrow ein Unterkommen verschaffte.

Petersburg machte auf mich durch seine großartige Anlage, seine breiten Straßen und großen Plätze und namentlich durch den mächtigen Newastrom, der es in mehreren Armen durchfließt, einen bedeutenden Eindruck. Dieser wurde noch verstärkt durch das Fremdartige des Volkslebens und die eigenthümliche Mischung von groß angelegten Palästen mit kleinen, meist ganz aus Holz erbauten Häusern in den breiten, endlosen Straßen. Auch der rege Schlittenverkehr, der im Winter die Straßen erfüllt und den Wagenverkehr fast ganz ausschließt, übt eine eigenartige Wirkung auf den Fremden aus, der Petersburg zum ersten Mal sieht. Daß man die Sprache nicht versteht und nicht einmal die Inschriften an Straßenecken und Läden zu entziffern vermag, giebt einem dabei ein Gefühl der Verlassenheit und Unselbstständigkeit, dem man sich landsmännische Zusammenhang, das hochentwickelte, gastfreundliche Familienleben in der großen Fremdenkolonie Petersburgs, namentlich der deutschen, der es sehr zu statten kommt, daß die Ostseeprovinzen Rußlands ihre deutsche Nationalität in den gebildeten Ständen vollständig bewahrt haben. Die höheren Verwaltungsstellen waren damals großentheils von Deutschen aus den Ostseeprovinzen besetzt. Dies erleichterte dem nach Petersburg kommenden Deutschen das Fortkommen in geselliger wie geschäftlicher Hinsicht außerordentlich. Mir war es besonders sehr nützlich, daß sich durch Berliner Empfehlungen die naturwissenschaftlichen Gelehrtenkreise mir öffneten. Ich fand freundliche Aufnahme bei den berühmtesten Trägern der deutsch-russischen Naturwissenschaft, von denen ich die Akademiker Kupffer, Lenz, Jacobi und v. Baer hervorheben will.

Leider erfuhr dieser angenehme und für meine geschäftlichen Unternehmungen vortheilhafte Verkehr eine störende Unterbrechung. Eines Tages fühlte ich mich sehr unwohl. Vergebens suchte ich mich durch russische Bäder und ähnliche, selbst verordnete Kuren und schließlich durch ein Brechmittel, das ich mir zu verschaffen wußte, wieder herzustellen. Nach der darauf folgenden, unsäglich qualvollen Nacht besuchte mich zum Glück Freund Heyse, der den Ernst meiner Krankheit erkannte und mir seinen Arzt zuschickte. Ich war von den Masern befallen, die damals in Petersburg grassirten; ihnen folgte eine schwere Nierenentzündung, die mich einige Monate an das Krankenlager fesselte, und an deren Folgen ich noch lange zu leiden hatte.

Abgesehen von diesem persönlichen Mißgeschick waren die Folgen meiner Reise für die Entwickelung unsrer geschäftlichen Beziehungen sehr günstig. Wir erhielten den Auftrag, eine unterirdische Linie von Petersburg nach Oranienbaum mit einer an sie anschließenden Kabelverbindung nach Kronstadt anzulegen.

Der Bau der Kronstädter Linie und die Nothwendigkeit, eine andere Vertretung unserer Firma in Rußland zu organisiren, führten mich schon im Sommer 1852 abermals nach Petersburg. Ich fand dort in dem deutschen Kaufmann erster Gilde, Herrn Kapherr, einen sehr geeigneten Vertreter, der durch seine Thätigkeit und Gewandtheit viel zu den günstigen Erfolgen unserer russischen Unternehmungen beigetragen hat, und gewann auch werthvolle weitere Anknüpfung mit dem Ministerium der Wege und Communicationen, zu dessen Ressort Bau und Betrieb von Telegraphenlinien gehörte.

Meine Hochzeit mit Mathilde Drumann feierte ich am 1. October des Jahres 1852 in Königsberg. Nach kurzem Aufenthalt in Berlin reisten wir an den Rhein und dann nach Paris, wo auch meine Brüder Wilhelm und Karl sich grade aufhielten. Nach den verflossenen, in Sorgen und schwerer Arbeit verbrachten Jahren genoß ich dort in vollen Zügen mein junges eheliches Glück, noch gehoben durch den traulichen Verkehr mit den Brüdern. Meine Frau hatten die kummervollen Jahre am Krankenbette ihrer geliebten Schwester sehr angegriffen. Um so erfreulicher war es für mich, zu beobachten, wie das neue Glück ihre frühere Jugendfrische von Tag zu Tage wieder mehr hervorrief. Das machte auch mich wieder jung und verwischte die Spuren übermäßiger Arbeit und überstandener Krankheit.

Leider dauerte dieser Sonnenschein in meinem Leben nicht lange. Schon nach ihrem zweiten Wochenbette fing Mathilde an zu kränkeln. Es entwickelten sich in ihr die Keime der schrecklichen Krankheit, an der ihre Schwester gestorben war, und die sie wahrscheinlich während der langen, aufopfernden Krankenpflege in sich aufgenommen hatte. Ein Aufenthalt von anderthalb Jahren in Reichenhall, Meran und anderen Bädern schien sie zwar wiederhergestellt zu haben, doch war das nicht von Dauer. Nach dreizehnjähriger Ehe, in der sie mir zwei Söhne und zwei Töchter geschenkt hat, starb sie nach langen und schweren Leiden. –

Als uns im Frühjahr 1853 der Bau eines Eisenbahntelegraphen von Warschau zur preußischen Grenze übertragen wurde, machten wir meinem Bruder Karl, der zu Anfang jenes Jahres nach dem Scheitern der Pariser Pläne wieder nach London zurückgekehrt war, den Vorschlag, die Leitung sowohl dieses Baues als auch der weiteren, in Aussicht stehenden Arbeiten in Rußland zu übernehmen. Karl erklärte sich dazu bereit und löste später diese zum Theil sehr schwierigen Aufgaben so befriedigend, daß wir unsere Entschließung, ihn trotz seiner Jugend mit so wichtigen Arbeiten zu betrauen, als eine sehr glückliche bezeichnen mußten. Seiner Thatkraft und Tüchtigkeit haben wir es wesentlich zu danken, daß das russische Geschäft sich nun so schnell und großartig entwickelte.

In Rußland herrschte zu jener Zeit Kaiser Nikolaus, und unter ihm war der mächtigste Mann im Reiche Graf Kleinmichel, der Chef des Ministeriums der Wege und Communicationen. Ich war mit diesem, in ganz Rußland gefürchteten Manne bis dahin in keine persönliche Berührung gekommen, da die Verhandlungen durch den schon erwähnten, mir persönlich befreundeten Oberst von Lüders geführt wurden. Als dieser aber erkrankte und in deutschen Bädern Heilung suchen mußte, wurde ich im Frühjahr 1853, als ich eben Bruder Karl erwartete, um ihn nach Warschau zu begleiten, vom Grafen Kleinmichel aufgefordert, zu Besprechungen über Telegraphenanlagen nach Petersburg zu kommen. Ich suchte daher, wie gewöhnlich, bei der russischen Gesandtschaft in Berlin um das Visiren eines Reisepasses nach. Zu meiner Verwunderung bekam ich aber das Visum trotz wiederholter Erinnerungen nicht. Als ich mich beim Gesandten selbst darüber beschwerte, sagte er mir, das Visum dürfe auf Anordnung der Petersburger geheimen Polizei nicht ertheilt werden. Da mir kein Grund für diese Verweigerung angegeben wurde, so blieb mir nur übrig, dem Grafen Kleinmichel zu schreiben, ich könne seiner Aufforderung nicht Folge leisten, da mir die Visirung meines Reisepasses verweigert würde. Es dauerte dann nicht länger als der Courierwechsel zwischen Berlin und Petersburg, daß mir ein Beamter der Gesandschaft mit vielen Entschuldigungen und der Erklärung, es habe ein Mißverständniß obgewaltet, den visirten Paß überbrachte.

Als ich aber einige Tage später auf der Reise nach Warschau die russische Grenzstation erreicht hatte, fand ich bald, daß ich trotz des angeblichen Mißverständnisses noch zu den Verdächtigen gehörte. Meine Effecten wurden nach Abfertigung aller übrigen Reisenden mit einer Sorgfalt durchsucht, die alle meine Vorstellungen weit übertraf. Es wurde dabei jedes beschriebene oder unbeschriebene Papierstückchen zurückbehalten und mir schließlich erklärt, daß man von einer ebenso gründlichen körperlichen Visitation in Anbetracht des guten Ausfalls der bisherigen Revision Abstand nehmen wollte, wenn ich meine Briefschaften sämmtlich übergäbe und auf mein Wort versicherte, daß ich nichts Gedrucktes oder Geschriebenes weiter bei mir führte. Auf meine Erklärung, ich wolle zurückreisen, da mir eine solche Behandlung nicht zusage, wurde mir bedeutet, daß ich jetzt mit meinen Effecten nach Warschau reisen müsse und dort weitere Entscheidungen abzuwarten habe. Ich war also russischer Staatsgefangener!

In Warschau angekommen, beschwerte ich mich bitter über die mir widerfahrene Behandlung bei dem General Aureggio, der als Direktor der Warschau-Wiener Eisenbahn den Contract über den Bau des Eisenbahntelegraphen mit meiner Firma abgeschlossen hatte. Der General versprach mir seine Vermittlung bei dem damaligen Statthalter von Polen, dem Fürsten Paskewitsch. Auf seine Frage, ob ich denn irgend etwas gethan, geschrieben oder gesagt hätte, was mich politisch verdächtig gemacht haben könnte, wußte ich nur anzuführen, daß ich einem russischen Staatsrath auf sein wiederholtes Anerbieten, er wolle mir für meine Verdienste um Rußland einen Orden verschaffen, geantwortet habe, daran würde mir weniger liegen als an dem Auftrage, weitere Telegraphenlinien für Rußland zu bauen. Der Statthalter hatte sehr gelacht, als der General ihm dies Bekenntniß meiner Sünde mittheilte, und mir sagen lassen, er würde an meiner Stelle ganz ebenso denken. Ich erhielt sofort meine sämmtlichen Effecten zurück und einen Paß nach Petersburg. Nach kurzem Zusammensein mit Bruder Karl, der mir inzwischen nach Warschau gefolgt war, setzte ich daher meine Reise fort.

Nach sechstägiger Fahrt in einem höchst unbequemen Postwagen in Petersburg angelangt, begab ich mich sogleich zum Grafen Kleinmichel, der, wie ich schon in Warschau gehört, selbst den Befehl ertheilt hatte, mir auf seine Verantwortung hin den Reisepaß zu geben. Der Graf hörte meine Meldung ganz freundlich an und nahm Einsicht in die Zeugnisse über bisher von uns ausgeführte Arbeiten, die ich ihm vorlegte. Ueber die mir zu Theil gewordene Behandlung war er augenscheinlich sehr entrüstet. Als er in einem sehr günstigen Zeugniß des Berliner Polizeipräsidenten Hinkeldey über den von uns angelegten Polizeitelegraphen die Schlußbemerkung fand, daß ich politisch durchaus unverdächtig wäre, trug er mir auf, mit diesem Zeugniß zum Chef der Geheimpolizei, dem General Dubbelt zu gehen. »Sagen Sie dem General«, waren seine Worte, »ich lasse ihm befehlen, das Zeugniß zu lesen, und dann bringen Sie es mir sofort wieder her, ich will es dem Kaiser zeigen!«

Dieser Auftrag setzte mich in nicht geringe Verlegenheit. Zum Glück hatte mir ein Warschauer Geschäftsfreund eine Empfehlung an einen der höheren Beamten der gefürchteten Behörde der Petersburger geheimen Polizei mitgegeben. Ich ging daher zunächst zu diesem und bat ihn um Rath, was ich thun solle, um den Befehl des Grafen auszuführen, ohne dabei anzustoßen. Ich erfuhr von ihm, daß es eine Meldung aus Kopenhagen gewesen wäre, die mich als einen gefährlichen Menschen geschildert habe, der mit den demokratischen Kieler Professoren intim verkehre. Daraufhin sei die Paßverweigerung angeordnet. Offenbar war es der Dank der Dänen für die Minenlegung im Kieler Hafen und den Bau der Eckernförder Batterien, die ihnen allerdings recht unbequem geworden waren. Sowohl der Chef der Geheimpolizei, der in feierlicher Audienz mein Zeugniß entgegennahm und mich darauf seines besonderen Wohlwollens und seiner steten Hilfsbereitschaft bei meinen Unternehmungen versicherte, als auch der Graf Kleinmichel selbst war durch diese Erklärung vollkommen befriedigt.

Ich habe diese interessante Episode meines Lebens in Rußland so eingehend beschrieben, weil sie ein gutes Bild der damaligen Zustände und Machtverhältnisse im Zarenreiche giebt und unsern geschäftlichen Unternehmungen zu großem Vortheil gereicht hat. Graf Kleinmichels Macht war damals so groß, daß ihr, so lange Kaiser Nikolaus lebte, Niemand zu widerstehen wagte. Der Graf hatte Vertrauen zu mir gewonnen und übertrug dasselbe später in vollem Maaße auf meinen Bruder Karl. Nur seinem mächtigen Schutze verdankten wir die Möglichkeit, die großen Werke, deren Ausführung er uns übertrug, glücklich durchzuführen.

Graf Kleinmichel machte mir gegenüber kein Hehl daraus, daß er mich zur Ausführung seiner weiteren Pläne am liebsten ganz in Rußland zurückzuhalten wünschte. Da ich darauf nicht eingehen konnte, kündigte ich ihm, als ich mich Ende Juli verabschiedete, die nahe Ankunft meines Bruders an, der im Linienbau große Erfahrungen hätte und seine Befehle besser ausführen werde, als ich selbst es könnte. Wenige Tage nach meiner Abreise traf Karl in Petersburg ein. Als er sich dem Grafen vorstellte, war dieser überrascht durch seine jugendliche Erscheinung. Er zeigte sich in Folge dessen sehr verdrießlich, gab ihm aber den Auftrag, einen Vorschlag zu machen, wie man die Leitung des im Bau begriffenen Telegraphen nach Oranienbaum und Kronstadt in das Thurmzimmer des kaiserlichen Winterpalais, in dem sich bis dahin die Endstation des optischen Telegraphen nach Warschau befand, einführen könnte, ohne an dem Wohngebäude des Kaisers störende Arbeiten vorzunehmen.

Als Bruder Karl sich das stolze Palais mit dem thurmartig ausgebildeten Erker, worin das Bureau des optischen Telegraphen untergebracht war, aufmerksam ansah, fiel ihm auf, daß in einer Thurmecke keine Wasserrinne niederführte, wie das in den anderen der Fall war. Auf diese Wahrnehmung hin kehrte er sogleich zu dem Grafen zurück, der ihn, ärgerlich über seine vermeintliche Umständlichkeit, ziemlich unwirsch anfuhr, was er denn noch wolle. Karl theilte ihm nun den Plan mit, in der leeren Ecke des Thurmes ein eben solches Rohr anzubringen wie es in den übrigen vorhanden wäre, und darin die isolirten Telegraphenleitungen hinaufzuführen. Das imponirte dem Grafen. Er schimpfte auf seine Offiziere, die nichts Anderes gewußt hätten, als Rinnen in das Mauerwerk zu schlagen »und nun«, so drückte er sich aus, »muß so ein junger, bartloser Mensch kommen und sieht auf den ersten Blick, wie leicht die Sache zu machen ist«. – So war es Karl gleich bei seinem ersten Auftreten gelungen, den Grafen für sich zu gewinnen, der ihm von diesem Augenblicke an eine Autorität einräumte, der er ebenso wie der meinigen unbedingtes Vertrauen schenkte. Er hat sich hierin auch nicht getäuscht.

Im Herbst 1853 vollendete Karl zu Graf Kleinmichels voller Zufriedenheit die Kronstädter Kabellinie. Es war dies die erste submarine Telegraphenlinie der Welt, die dauernd brauchbar geblieben ist. Die für sie verwendeten, mit Eisendrähten armirten Guttaperchaleitungen bewährten sich vorzüglich. Zugleich mit der Anlage der Linie war uns auch ihre Instandhaltung, die sogenannte Remonte, auf sechs Jahre in Entreprise gegeben. Die Leitung wurde in dieser ganzen Zeit nur einmal durch Schiffsanker schwer beschädigt und nach Ablauf der sechs Jahre in tadellosem Zustande an die Regierung übergeben; sie ist bis in die neueste Zeit in Thätigkeit geblieben und liefert daher auch einen Beweis für die Dauerhaftigkeit gut construirter submariner Kabel.

Im Frühjahr 1854 brach der Krimkrieg aus. Wir erhielten in Folge dessen den Auftrag, so schnell als möglich eine oberirdische Telegraphenleitung längs der Chaussee von Warschau nach Petersburg oder vielmehr nach Gatschina zu erbauen, das mit Petersburg bereits durch eine unterirdische Leitung verbunden war. Ich reiste daher im April 1854 nach Warschau und organisirte dort eine Arbeiterkolonne, die unter dem Commando des Hauptmanns Beelitz, eines früheren Kameraden von mir, der in den Dienst unserer Firma getreten war, von Warschau aus mit dem Bau der Linie begann. Dann ging ich nach Petersburg und organisirte dort mit Karl eine zweite Kolonne, die unter seinem Befehl von Gatschina aus der Beelitzschen entgegenarbeitete. So wurde die etwa 1100 Werst lange Linie zur großen Verwunderung der Russen, die an schnelle, gut organisirte Arbeit nicht gewöhnt waren, innerhalb weniger Monate fertiggestellt. Als die beiden Kolonnen auf halbem Wege, in Dünaburg, zusammengetroffen waren, und die Translationsstation daselbst nach Ueberwindung einiger Schwierigkeiten richtig functionirte, konnte Karl dem Grafen Kleinmichel die Vollendung der Linie zur versprochenen Zeit melden. Der Graf war von der Nachricht sehr überrascht und wollte nicht recht an ihre Richtigkeit glauben. Er begab sich sofort in das Stationslocal im Telegraphenthurm des Winterpalais und richtete selbst eine Frage an den Stationschef in Warschau. Erst als er von diesem augenblicklich Antwort erhielt, war sein Zweifel besiegt, und höchlichst verwundert meldete er dem Kaiser das glückliche Ereigniß.

Der gute Erfolg der Warschau-Petersburger Linie bestärkte die russische Regierung in ihrem Entschluß, das ganze Reich mit einem Netze elektrischer Telegraphen zu durchziehen. Es wurde uns der schleunige Bau einer Linie von Moskau, wohin, wie erwähnt, schon eine unterirdische Leitung von Petersburg führte, nach Kiew in Auftrag gegeben. Dann wurden uns in schneller Folge Linien von Kiew nach Odessa, von Petersburg nach Reval, von Kowno zur preußischen Grenze, von Petersburg nach Helsingfors bestellt, die sämmtlich mit Ueberwindung unsäglicher Schwierigkeiten in den Jahren 1854 und 1855 vollendet wurden und dem russischen Staate noch in dem unterdessen tobenden Krimkriege zu großem Nutzen gereichten. Durch die Telegraphen war man in schnellster Verbindung mit Berlin und dem Westen Europas; im Inneren des Reiches ließen sich mit ihrer Hülfe die Truppen- und Materialbewegungen regeln und die Centralregierung konnte überall bessernd und ordnend eingreifen.

Von den Schwierigkeiten, mit denen die Erbauung dieser Linien für uns verknüpft war, kann man sich einen Begriff machen, wenn man bedenkt, daß sämmtliche Materialien, mit alleiniger Ausnahme der in Rußland beschafften hölzernen Telegraphenpfosten aus Berlin und dem westlichen Deutschland bezogen werden mußten, daß es in Rußland noch keine anderen Eisenbahnen gab als die von der preußischen Grenze nach Warschau und von Petersburg nach Moskau, und daß alle Straßen und Transportmittel durch die Kriegstransporte außerordentlich in Anspruch genommen waren. Dazu kam noch, daß der Seetransport der schweren Materialien von deutschen Häfen nach russischen durch die Blockade der letzteren verhindert wurde. Mit großer Noth nur entgingen zwei von Lübeck aus mit Eisendrähten für russische Häfen befrachtete Schiffe der Wegnahme durch englische Kreuzer, indem sie nach Memel flüchteten, von wo ihre Ladung zu Lande weiter befördert wurde.

Die Berliner Firma hatte vollauf mit Beschaffung der Materialien, Anfertigung der Apparate und Organisation der Transporte zu thun, konnte daher meinen Bruder Karl, auf dessen Schultern die ganze Last des Baues der Linien ruhte, direct nur wenig unterstützen. Die hauptsächlichen Gehülfen Karls bei Ausführung dieser Arbeiten waren mein früherer Officiersbursche Hemp, der mir in Schleswig-Holstein so wackere Dienste geleistet hatte, und der eben genannte Hauptmann a. D. Beelitz. Ich selbst war in Berlin unentbehrlich, wo inzwischen der Bau von Eisenbahnlinien seinen ununterbrochenen Fortgang nahm, und mußte mich damit begnügen, wiederholt nach Petersburg zu reisen, um dort organisatorisch einzugreifen und die Verbindung zwischen den Centralpunkten unsrer Thätigkeit aufrecht zu erhalten.

Zu etwas längerem Aufenthalte begab ich mich im Frühjahr 1855 in Begleitung meines Freundes William Meyer – der seine Stellung in der preußischen Staatstelegraphenverwaltung inzwischen aufgegeben hatte und Oberingenieur und Procurist der Firma Siemens & Halske geworden war – nach Petersburg, um unserm dortigen Baubureau eine den schnell wachsenden Anforderungen entsprechende Organisation zu geben. Wir hatten unsre Aufgabe bereits ziemlich vollendet und dachten ernstlich an die Rückkehr, als ich plötzlich um Mitternacht aufgesucht und fast gewaltsam zum Gehülfen des Grafen Kleinmichel, dem General von Guerhardt geholt wurde. Dieser eröffnete mir, der Kaiser habe den schleunigen Bau einer Telegraphenlinie nach der Krim bis zur Festung Sebastopol befohlen, und der Graf wünsche Kostenangabe und Vollendungstermin bis zum nächsten Morgen um 7 Uhr von mir zu haben. Meine Bedenken hinsichtlich der Schwierigkeit der Beschaffung und des Transportes der Materialien auf dem allein offenen Landwege von Berlin bis Perekop und Sebastopol sowie der Unmöglichkeit eines Linienbaues nach dem Kriegsschauplatze, wo alle Wege und Transportmittel vom Militär in Anspruch genommen wären, wurden durch das in Rußland alles überwindende Wort »der Kaiser will es!« niedergeschlagen. Und in der That bewährte sich dies Zauberwort auch in diesem Falle. Die Linie wurde gebaut.

Als ich nach durcharbeiteter Nacht pünktlich um 7 Uhr zum General kam, erfuhr ich, daß dieser schon vor zwei Stunden zum Grafen befohlen und noch nicht zurück sei. Bald nach 8 Uhr kam er und eröffnete mir, Graf Kleinmichel habe dem Kaiser, der ihn bereits um 6 Uhr zum Bericht befohlen habe, gesagt, ich würde den Bau von Nikolajew bis Perekop binnen sechs Wochen, den von Perekop bis Sebastopol binnen zehn Wochen ausführen, und zwar zu denselben Preisen wie die Linie von Kiew nach Odessa. Ich erklärte beides für unmöglich. Der Transport des Drahtes und der Apparate allein dauere von Berlin nach Nikolajew auf den durch die Militärtransporte zerstörten Wegen mindestens zwei Monate. Die Kosten würden auch selbstverständlich viel höher werden, und auf dem Kriegsschauplatze wäre die Arbeit für Civilisten und namentlich für Fremde fast unmöglich. Das half aber alles nichts und wurde kaum angehört. Der Kaiser hatte ja schon gesprochen! Im Laufe des Tages erhielt ich eine officielle Zuschrift, worin mir mitgetheilt wurde, daß der Kaiser uns seinen Dank für die Rußland bisher in seiner schweren Lage geleisteten Dienste und für das Anerbieten des schleunigen Baues der nothwendigen Linie nach dem Kriegsschauplatze aussprechen ließe, daß er aber von uns er warte, wir würden die neue Linie in Anbetracht der schweren Kriegszeit billiger als die bisherigen bauen.

Es war das für uns eine äußerst schwierige Lage. Der Sommer war schon halb vorüber, neues Material war auf keine Weise vor Ende desselben an Ort und Stelle zu schaffen, auch war es ohne ein schweres Flußkabel unmöglich, den breiten und sumpfigen Dnjepr zu überschreiten. Und doch mußte dem kaiserlichen Erlasse Folge gegeben werden, soweit es irgend anging. Die einzige Möglichkeit, eine telegraphische Verbindung wenigstens bis zu dem auf der Landzunge, welche die Krim mit dem Festlande verbindet, gelegenen Perekop herzustellen, bestand darin, alle vom Bau der bis dahin vollendeten Linien übrig gebliebenen Materialien zu sammeln, nach Nikolajew zu schicken und die Linie mit einem Umwege von etwa dreißig Werst über Bereslaw zu leiten, wo eine Brücke über den Dnjepr führte, die den Uebergang ohne Flußkabel ermöglichte. Noch im Laufe der Nacht, in der mir die Mittheilung gemacht wurde, hatten wir daher mit allen ruf fischen Stationen telegraphisch correspondirt und den Hauptmann Beelitz, der sich glücklicherweise gerade in Nikolajew befand, zur Station beschieden, um die Möglichkeit, Telegraphenpfosten zu beschaffen, festzustellen. Beelitz antwortete, er müsse erst die jüdischen Holzhändler befragen und habe Boten ausgeschickt, um sie sogleich zur Station zu bescheiden. Dann entspann sich eine eigenartige telegraphische Verhandlung. Beelitz meldet, ein Jude wolle die Stangenlieferung übernehmen, verlange aber fünfzehn Rubel für die gelieferte Stange. Antwort »Wirf ihn hinaus!«, Rückantwort »Ist geschehen!«. Ein Anderer will es für zehn Rubel thun. Antwort »Wirf ihn auch hinaus!«, Rückantwort »Geschehen!«. Eine Gesellschaft Anderer verlangt sechs Rubel; mit ihr wurde weiter verhandelt und schließlich ein annehmbares Angebot erzielt, das die rechtzeitige Stangenlieferung sicherte.

Es stellte sich ferner heraus, daß Reservematerialien für die Linie bis Perekop in nahezu ausreichender Menge vorhanden waren, und daß Aussicht war, dünne Eisendrähte für eine provisorische Leitung in Odessa zu erhalten. Die Möglichkeit, den kaiserlichen Willen wenigstens in den wesentlichsten Punkten zu erfüllen, lag also vor; dem Verlangen, die Preise »in Anbetracht der augenblicklichen Nothlage Rußlands« noch herabzusetzen, entsprachen wir dadurch, daß wir uns erboten, den nothwendigen Umweg über Bereslaw auf unsere Kosten auszuführen. Kurz die Allmacht des kaiserlichen Befehls bewährte sich auch diesmal. Die Linie bis Perekop wurde zur verlangten Zeit fertig, und die Linie bis Sebastopol wurde wenigstens so früh beendet, daß der voraussichtliche Fall der Festung telegraphisch von dort nach Petersburg gemeldet werden konnte.

Diese Anlage einer Linie von etwa 200 Kilometer Länge an einer durch Truppenmärsche und Kriegsmaterialtransporte occupirten und grundlos gemachten Straße bis in eine belagerte Festung hinein war ein schwieriges Werk, das meinem Bruder Karl, der es leitete, und seinen Gehülfen zur größten Ehre gereicht. Financiell verzehrte es freilich einen ansehnlichen Theil des durch den Bau der übrigen russischen Telegraphenlinien erzielten Gewinnes.

Ich selbst wollte im Juli, nachdem ich soweit als möglich alle Vorbereitungen für den Bau der vom Kaiser befohlenen Linie nach dem Kriegsschauplatz getroffen und die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß dieselbe ausführbar sei, wieder nach Berlin zurückreisen, wo meine Frau eben ihrer zweiten Entbindung entgegensah. Zu meiner großen Verwunderung erhielt ich aber von der Polizei trotz wiederholter Eingaben meinen Reisepaß nicht zurück. Als ich mich darüber beim Grafen Kleinmichel beschwerte, erklärte mir dieser, ich dürfe nicht reisen, bevor die im Bau befindlichen Linien und namentlich die nach Sebastopol vollendet seien. Alle meine Einwendungen halfen nichts. Der Graf wollte den einmal gegebenen Befehl, mir den Paß nicht zu visiren, nicht wieder zurücknehmen, und ich war also für nicht absehbare Zeit in Petersburg »internirt«, wie man es nannte.

Da kam zu meinem Glück der Prinz von Preußen nach Petersburg, wie es hieß, um über die Neutralität Preußens im Krimkriege zu verhandeln. Diesen glücklichen Umstand beschloß ich zu benutzen, um der halben Gefangenschaft, in die ich gerathen war, zu entschlüpfen. Ich meldete mich in Peterhof, wo der Prinz Aufenthalt genommen hatte, bei seinem ersten Adjutanten, dem Grafen Goltz, setzte ihm meine schwierige Lage auseinander und bat, der Prinz möchte mir gelegentlich eine Audienz ertheilen, damit die russischen Beamten sähen, daß ich mich seines Schutzes erfreute. In seiner großen Herzensgüte und Freundlichkeit war der Prinz auf meine Bitte eingegangen, und schon am nächsten Tage erhielt ich die officielle Aufforderung der preußischen Gesandtschaft, mich zu einer Audienz im Winterpalais einzufinden. Ich wurde vom Gesandten erwartet und durch eine Reihe von Vorzimmern, die mit hohen Generalen und Beamten angefüllt waren, dem Prinzen zugeführt, der sich in Gesellschaft mehrerer Großfürsten und höchster Würdenträger befand. Der Prinz richtete sehr freundliche Worte an mich, wesentlich des Inhalts, daß ihm die Pfosten der von mir erbauten Telegraphenlinie längs des ganzen langen Weges von der preußischen Grenze bis Petersburg die freudige Gewißheit gegeben hätten, daß er mit der Heimath in steter Verbindung bliebe, und daß er mir seinen Dank dafür auszusprechen wünschte. Der Erfolg dieser Audienz war glänzender, als ich gehofft hatte. Noch an demselben Tage kam ein Polizeibeamter zu mir und übergab mir unter Entschuldigungen wegen des gemachten Versehens meinen Reisepaß. –

Die russische Regierung hatte zugleich mit den Contracten über den Bau der Linien auch Remonte-Verträge auf sechs bis zwölf Jahre mit uns abgeschlossen, die einen großen Verwaltungsapparat nöthig machten. Wir verwandelten daher unser Petersburger Baubureau in ein unabhängiges Zweiggeschäft unter der Leitung meines Bruders Karl, den wir zugleich als Socius in das Hauptgeschäft aufnahmen. In der ersten Linie von Wasili-Ostrow erwarben wir ein großes Gebäude, in welchem der mit der Remonteführung verbundene große Verwaltungsapparat untergebracht und gleichzeitig eine Werkstatt zur schnellen Ausführung aller Reparaturen errichtet wurde. Auch Karl schlug seinen Wohnsitz in ihm auf, nachdem er sich gegen Ende des Jahres 1855 mit der klugen und anmuthigen Tochter unseres bisherigen Vertreters in Petersburg, des obengenannten Herrn Kapherr, verheirathet hatte. Gleich seinem Schwiegervater ließ Karl sich jetzt zum finnischen Unterthan machen, um Kaufmann erster Gilde werden zu können und als solcher das Recht zu haben, Geschäfte jeder Art in Rußland zu treiben.

Ich muß noch eines Umstandes Erwähnung thun, der für unser neues Petersburger Geschäft sehr wichtig war und es besonders einträglich machte. Graf Kleinmichel hatte die Bewachung der Telegraphenlinien anfangs gegen eine ansehnliche, pro Werst berechnete Entschädigung den Chausseeverwaltungen übertragen. Das Resultat war aber, daß in Wirklichkeit gar keine oder doch nur eine höchst unvollkommene Bewachung stattfand. Zufällige oder absichtliche Zerstörungen der Linien wurden in der Regel erst nach Verlauf vieler Tage entdeckt, und die Reparatur erfolgte gewöhnlich erst nach längerer Zeit und oft mangelhaft, so daß auf sicheren Dienst der Telegraphen nie zu rechnen war. Da verlangte der Graf, wir sollten auch die Bewachung der Linien übernehmen, er würde uns dafür die hundert Rubel pro Werst zahlen, die er bisher den Chausseeverwaltungen gäbe. In Wirklichkeit war eine erfolgreiche Bewachung durch uns gar nicht auszuführen, eine solche konnte nur durch eingeborene Leute geschehen, und die hätten für uns sicher nicht besser bewacht als für die Regierung. Trotzdem nahmen wir das Anerbieten des Grafen unter der Bedingung an, daß wir die Ueberwachung und die nöthigen Reparaturen ganz nach unserem Belieben ausführen könnten.

Da uns dies zugestanden wurde, sahen wir von einer eigentlichen Bewachung ganz ab, richteten da gegen ein mechanisches Controlsystem ein, das verhältnißmäßig billig war und sich doch sehr gut bewährte. Alle fünfzig Werst errichteten wir eine Wachtbude, in welche die Leitungen eingeführt wurden. In der Bude befand sich ein Wecker und ein Galvanometer, die derartig in den Stromlauf eingeschaltet waren, daß der Wärter am Spiele der Galvanometernadel jederzeit sehen konnte, ob ein elektrischer Strom die Leitung durchlief. Stand die Nadel eine halbe Stunde lang ruhig, so mußte er mit Hilfe eines einfachen Mechanismus durch wiederholten Erdschluß die Nummer seiner Bude telegraphiren. Die Telegraphenstationen, zwischen denen die Verbindung unterbrochen war, hatten Auftrag, ihre Batterie zwischen Leitung und Erde einzuschalten, und erhielten daher die Meldungen der sämmtlichen Wärterbuden diesseits der Unterbrechungsstelle, erfuhren also dadurch die Lage derselben. Auf jeder Telegraphenstation war ein Linienmechaniker stationirt, der die Pflicht hatte, sogleich nach Meldung einer Störung Extrapost zu nehmen und zur Fehlerstelle zu fahren. Da Befehl gegeben war, unseren Mechanikern sofort und vor allen anderen Reisenden Postpferde zu geben, so wurde der Fehler fast immer im Laufe weniger Stunden verbessert.

In Folge dieser Einrichtung functionirten die russischen Telegraphenlinien während unserer Verwaltungsperiode mit großer Sicherheit, und es kamen nur selten über einen Tag dauernde Unterbrechungen des Dienstes vor, trotz der gewaltigen Länge der Linien und trotz der menschenleeren Steppen, durch die sie großentheils führten. Der uns förmlich aufgenöthigte Contract über die Bewachung der Telegraphenlinien erwies sich bald als sehr vortheilhaft für uns und ersetzte reichlich die Verluste, die wir bei manchen Anlagen erlitten hatten.

Durch die uns übertragene Remonteverwaltung und die fortlaufenden weiteren Linienbauten erlangte unser Petersburger Geschäft große Bedeutung und eine ganz einzig dastehende Stellung im russischen Reiche. Wir erhielten den officiellen Titel »Contrahenten für den Bau und die Remonte der Kaiserlich Russischen Telegraphenlinien« und das Recht für unsere Beamten, Uniformen mit Rangabzeichen zu tragen. Letzteres war zur guten Durchführung unserer Aufgaben unbedingt erforderlich, denn das russische Publicum respectirt nur die Träger von Uniformen. Um dieses Recht zu erwerben, ließ ich in Berlin eine Serie von schönen Uniformen entwerfen. Anstatt der Epauletts, die in Rußland den Officieren vorbehalten waren, wurden auf den Achseln goldene Raupen von verschiedener, mit der Charge wachsender Dicke angebracht. Tüchtige Künstler bildeten dann Gruppen so uniformirter Leute ab. Die in einer schönen Mappe zusammengelegten Bilder machten das Herz jedes Freundes und Kenners von Uniformen lebhafter schlagen. Mit dieser Mappe ausgerüstet, begab sich Bruder Karl zum Grafen Kleinmichel, setzte ihm unsere Noth auseinander und bat um Bewilligung einer Uniform für unsere Beamten. Der Anblick der schönen Bilder besiegte den anfänglichen Widerstand des Grafen; er behielt die Mappe zurück, um sie dem Kaiser vorzulegen, welcher die vorgeschlagenen Uniformen sofort genehmigte.

Ich halte es für meine Pflicht, an dieser Stelle noch der oft geäußerten Ansicht entgegenzutreten, daß wir diese großen und im allgemeinen für uns günstigen Unternehmungen in Rußland nur mit Hilfe von Bestechungen hätten zum Abschluß bringen können. Ich kann versichern, daß dies durchaus nicht der Fall war. Vielleicht mag das dadurch erklärt werden, daß die Verhandlungen stets direct mit den höchsten Staatsbehörden geführt und abgeschlossen wurden, und daß die politischen Verhältnisse die schleunige Herstellung der nothwendigen telegraphischen Verbindungen dringend erforderten. Es soll damit nicht gesagt sein, daß wir uns nicht unteren Beamten für die bei Ausführung der Linien geleisteten Dienste in landesüblicher Weise erkenntlich gezeigt hätten.

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