9. Pressearbeit

Zwei Schaufenster im Erdgeschoss eines verklinkerten Giebelhäuschens im Schatten einer klobigen Backsteinkirche aus den Zeiten von Willibald dem Wüterich, das war die Zeitung, oder genauer, die Lokalredaktion der Zeitung.

Ich schloss den Wagen ab und stiefelte hinein. Ein einziger großer Raum. Auf der einen Seite der Annahmetresen fürs Anzeigengeschäft, gegenüber die Schreibtische der Schreiberlinge. Die Luft bestand praktisch nur aus abgestandenem Zigarettenrauch. Ein paar summende Neonröhren mühten sich redlich ein bisschen Licht in den Schatten der Kirche zu bringen. Da der Verleger sein Büro irgend woanders hatte und nicht greifbar war, hielt ich mich gleich an den Chefredakteur, einen Eierkopf namens Knoob, der an einem schräg gestellten Schreibtisch in der hintersten Ecke hockte, von wo er den ganzen Laden im Auge hatte.

Ich kurvte um ein paar verlassene Schreibtische herum und baute mich vor ihm auf. Er blickte an mir hoch. In seinem Eiergesicht erschien ein Grinsen von dieser saublöden unbestimmten Sorte, bei der man nie weiß, was es eigentlich zu bedeuten hat. Er war in Hemdsärmeln, und zwischen den Fingern seiner linken Hand qualmte eine halb vergessene Zigarette.

Ich sagte:: «Mein Name ist Lünch, seit heute Mittag habe ich das Kommando bei Maddox.»

Er machte einen Zug aus seiner Zigarette und zerdrückte sie dann etwas fahrig in einem Pressglasaschenbecher, in dem schon viele Kippen waren. «Ähm, und da führt Sie gewissermaßen der erste Weg gleich zu uns — was für eine Ehre.»

Ich zog mir einen Stuhl heran und setzte mich und ließ ihn nicht aus den Augen. «Machen Sie sich keine Sorgen von wegen der Ehre, es gibt eben Dinge, um die sich der Boss persönlich kümmern muss.»

«Dinge?»

«Eine gute Presse beispielsweise.»

Sein Grinsen wurde einige Schattierungen dunkler. Er fing an nachzudenken und schwenkte dabei seinen Drehstuhl hin und her. «Eine gute Presse braucht gute Nachrichten — haben Sie welche?»

«Bis zu zwölf Prozent des Anzeigengeschäfts machen Sie mit unserer Firma, Hunderttausende im Jahr, das ist doch eine gute Nachricht oder?»

«Für wen?»

«Na, für Ihre Finanzen, für den Umfang Ihres Blattes, für den ganzen Laden hier.»

Er hielt den Stuhl an. «Ich fürchte, ich komm da nicht ganz mit.»

«Okay, noch mal ganz langsam zum Mitschreiben: Sie haben gute Geschäfte mit uns gemacht; wir hatten aber nicht immer eine gute Presse.»

Aus einem herumliegenden Päckchen fummelte er sich eine neue Zigarette heraus und zündete sie sich an und qualmte heftig mit zusammengekniffenen Augen. «Wenn Sie auf diese Kläranlagengeschichte rauswollen. . .»

«Genau das war so ein Punkt. Wäre wirklich nicht schön, wenn sich so etwas noch mal wiederholen würde.»

Er lehnte sich zurück und faltete die Hände im Nacken. «Das kann Ihnen niemand garantieren. Nachrichten kommen von selber auf die Welt, und wenn sie erst mal da sind, führt kein Weg mehr daran vorbei. Wir haben eine Informationspflicht, unsere Leser wollen auf dem Laufenden gehalten werden.»

Darüber hätte man stundenlang diskutieren können. Aber es gab da noch einen anderen Aspekt. Ich sagte: «Wieviel bliebe von dieser, äh, Informationspflicht wohl übrig, wenn Sie bei den Anzeigen ein Minus von, sagen wir mal, zwölf Prozent hätten — ganz plötzlich, von einem Tag auf den anderen.»

«Es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem Anzeigengeschäft und dem Inhalt dieser Zeitung, falls Sie das meinen,» sagte er langsam. «Die Redaktion ist völlig unabhängig.»

Offensichtlich wollte er wirklich den Helden spielen. Ich zog ihm diesen Zahn und erwiderte: «Zwischen den Löchern einer Steckdose gibt es auch keinen Zusammenhang, solange man da nicht mit einer Haarnadel rangeht.»

«Soll heißen?»

«Dass man ganz schön eine gewischt kriegen kann, wenn man nicht an einen Zusammenhang glaubt, wo einer ist. Und bei Maddox sind das nicht bloß 230 Volt, da kommt richtig Hochspannung aus der Dose.»

«Sie ziehen die Anzeigenaufträge zurück?»

«Wir werden noch nicht mal unser Zeitungsabonnement bei Ihnen kündigen,» knurrte ich ihn an. «Im Augenblick besteht kein Grund dazu. Aber wenn Sie uns noch mal mit böswilligen Unterstellungen und verdammten Verleumdungen auf der Nase rumtanzen, drehen wir Ihnen den Hahn ab. Das wollte ich Ihnen bloß mal sagen.»

«Hm,» machte er und rieb sich nachdenklich den Nacken.

Ich blickte mich in der Redaktion um. «Feder zufällig irgendwo in der Nähe?»

«Feder?»

«Soviel ich weiß, heißt einer Ihrer Skribenten so.»

«Ja – ah?»

«Würde mich gerne mal ein bisschen mit ihm unterhalten.»

Er runzelte mindestens die Hälfte seiner Stirnglatze. «Wieso?»

«Könnte sein, dass ich die Story seines Lebens für ihn habe.»

«Hm, soso. –Nein, der ist nicht hier. Ist auf Recherche.»

«Na, hoffentlich doch nicht schon wieder an irgendwelchen fremden Gullys oder Abwasserkanälen,» grinste ich.

Er guckte mich sauer an.

Ich schrieb meine Hoteladresse auf die Rückseite einer meiner Visitenkarten und schnippte sie zu ihm hinüber. «Soll sich mal bei mir blicken lassen. Und es wäre gar nicht schlecht, wenn er damit nicht bis morgen warten würde.»

Mit einer behaarten Hand griff er nach der Karte und wendete sie hin und her und betrachtete sie von allen Seiten.

Ich stand auf. «Und grüßen Sie Ihren Verleger von mir.»

Knoob machte ein Gesicht, als könne er dringend etwas Urlaub brauchen. Ich registrierte es mit Befriedigung. Es befriedigt mich immer, wenn ich Pressefritzen Unannehmlichkeiten bereiten kann. Ich nickte ihm zu und ließ ihn mit seinen Sorgen allein und fuhr ins Hotel.

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