Messen und Theater

Einen breiten Rahmen in dem Leben der Leipziger nahmen die Messen ein, deren es alljährlich drei; zu Neujahr, zu Ostern und zu Michaelis gab und — mit einiger Veränderung — mit Ausnahme der Neujahrs­messe noch gibt. War das damals ein Leben! In allen Straßen und auf allen Plätzen der inneren Stadt wur­den Verkaufsbuden aufgeschlagen und schon wochen­lang vorher Ballen auf Ballen, Kisten auf Kisten ab­geladen, um in den Verkaufsgewölben und den Buden an den Straßen oder in den Höfen aufgestapelt und entleert zu werden. Jede Branche hatte hierbei nach altem Herkommen ihr besonderes Quartier und ihre Firmen fand man dort und in der nächsten Nachbar­schaft unschwer in dem allgemeinen Gewirr heraus. Damals wurden noch ganze Warenlager nach Leipzig gebracht und der Fabrikant arbeitete von Messe zu Messe, um dann hier seine Erzeugnisse an den Mann zu bringen. Aus Ersparnisrücksichten stellten oft ganze Innungen gemeinsam aus oder es taten sich Gruppen von Fabrikanten zusammen, die ein gemeinsames Verkaufslokal mit gemeinsamem Verkaufsper­sonal besaßen.

Zur Neujahrsmesse erschienen die ersten Meßfrem­den schon in den ersten Tage nach Weihnachten bei oft grimmiger Kälte, und auch zu Ostern und Michae­lis waren sie frühzeitig zur Stelle. Wenn dann die Messe eingeläutet und eröffnet worden war, ent­wickelte sich sehr bald ein lebhaftes Treiben in der ganzen inneren Stadt, ein Feilschen, Schreien und Gestikul­ieren, ein Schieben und Drängen ohne Ende. Der rechte Schwung und die richtige Stimmung für einen Kaufabschluß griff aber stets dann erst Platz, wenn eine der zahlreichen Meßmusikantenkapellen er­schien, um ihre — trotz eines jedesmal vor ihrem ersten Auftreten vor der löblichen Polizeibe­hörde abgelegten und mit „gut“ bestandenem Examens — häufig recht fehlerhaften, darum aber um so größere Freude unter dem lustigen Meßvölkchen erzeugenden Weisen erklingen zu lassen. Alle diese Meßmusik­korps hatten ein gemeinsames Programm: es wurde zunächst ein Choral gespielt, dem dann einige Tänze folgten. Diese Musik gab, wie gesagt, Käufern wie Verkäufern den „richtigen Mumm“, und im Handum­drehen waren sie dann handelseins, worauf zur Feier des Vertragsab­schlusses die Musikanten eins noch extra aufspielen mußten. Vielen anderen Leuten war freilich diese fast ununterbrochene Straßenmusik ein Greuel.

In den Straßen außerhalb des Meßgewühls erschie­nen mit einem großen Sack über dem Rücken pol­nische Juden, um ihr stereotypes; „Nix ze handeln hier?“ ertönen zu lassen. Sie kauften alles, was für diesen Zweck in der Rumpelkammer zurückgelegt worden war: zerschlissene Stiefeln und Anzüge, alte Zylinderhüte, unbrauchbar gewordene Wäsche, zerbroc­henes Spielzeug usw. Wenn auf den Ruf; „Nix ze handeln hier?“ aber ein loser Bube aus irgendeinem Winkel hervor einem Juden ein „fettes Schwein“ offerierte, da konnte derselbe auch hahnebüchen grob werden und ein nicht endenwollender Redestrom mit nicht gerade lieblich duftenden Blü­ten ergoß sich im schönsten Jiddisch-Deutsch krei­schend über den Uebeltäter, der sich natürlich längst unsichtbar gemacht hatte.

Auch der Augustusplatz, sowie ein großer Teil des Roßmarktes war mit Verkaufsbuden bedeckt. Hier standen Pfefferkuchen- und Kleiderbuden, Glas-, Por­zellan- und Hausgerätebuden, Leinewand- und Gar­dinenbuden, denen sich die sogenannten Groschen­buden anschlössen, in denen man allerlei Kleinkram für billiges Geld erwerben konnte. Den Beschluß machten auf dem Roßmarkt die Bürsten-, Schuhmac­her- und Böttcherbuden. Jede Branche war reich vertreten und es wurden fast immer gute Geschäfte erzielt.

Auf den übrigen Plätzen, dem Königsplatz, dem Obstmarkt, dem zwischen dem Königsplatz und der Sternwartenstraße gelegenen Teile des Roßmarktes, sowie auf dem Fleischer­platze, hatten Schau- und Trinkbuden ihre Plätze angewiesen erhalten. Es gab da Affen-, mechanische und Marionettentheater, op­tische Panoramen, Zauberkünstler, große Transpa­rentbilder, Menagerien, Seejungfrauen, wilde Männer, dicke Weiber und vieles andere in bunter Abwechs­lung zu sehen. Sehr oft, wenn auch nicht regelmäßig, besuchte der damals am rühmlichsten bekannte Zir­kus Renz die Messe. Der große Zirkus wurde dann auf dem Königsplatz, gegenüber dem jetzigen Kauf­haus Ury, errichtet, und ein Besuch desselben galt als einer der höchsten Genüsse, welche die Messe bot. Renz zeigte aber auch jedesmal Vorzügliches und fast immer Neues. Zur Michaelismesse 1858 ließ er sogar Julia Pastrana, das bekannte bärtige weib­liche Ungeheuer, auftreten, die bald danach in Moskau starb. Die Reitkunst war bei Renz in höch­ster Vollendung vertreten und es war bemerkens­wert, daß er hierbei auch jugendliche, noch im Kin­desalter stehende Artisten heranzog. Der Beifall, welcher diesen kleinen Kunstreitern und Künstlern bezeugt wurde, bekundete sich nicht nur durch das übliche Händeklatschen, sondern man warf auch von allen Seiten und von allen Plätzen Apfelsinen, Aepfel, Tüten mit Bonbons und sonstige Näschereien usw. in die Manege, so daß der Kleine in der kurzen Pause bis zur nächsten Nummer nicht genug Zeit hatte, all diese schönen Sachen selbst aufzulesen und ihm hierbei die Zirkusbedienstetea helfen mußten.

Nächst Renz pflegten die Zirkusse Wulff, Blennon, Böser und Hüttemann die Messe zu besuchen, von denen der erstere und der letztere die bedeutenderen waren. Der Zirkus Hüttemann hatte bald nach sei­nem letzten Auftreten in Leipzig das Unglück, mit Mann und Maus bei einem Schiffbruch im Schwarzen Meer unterzugehen.

Eine besondere Zugkraft übte die Artisten- und Pantomimen-Gesellschaft Rappo aus. Die Darbietun­gen dieser Gesellschaft boten oft Einzigartiges und namentlich war die Bude stets bis zum letzten Platz gefüllt, wenn die Pantomime „Ueberfall durch Räu­ber“ angekündigt wurde, Rappo war nämlich einmal in Rußland mit seiner Truppe wirklich von Räubern angefallen worden, doch es war ihm gelungen, die­selben mit seinen handfesten und gut bewaffneten Leuten in die Flucht zu schlagen. Dieser Ueberfall wurde nun in jener Pantomime recht realistisch zur Anschauung gebracht und sie zog deshalb stets ein zahlreiches Publikum an.

Die Trinkbuden, von bekannten Restaurateuren der Stadt aufgestellt, boten bei einem Besuche der Schau­messe gern aufgesuchte Erholungsstätten, Unver­meidlich traf man hier auf Harfenistinnen, die zu ihrem Saitenspiel ein Liedlein sangen. Diese Harfe­nistinnen, die man zur Messezeit auch in allen übri­gen Gastwirtschaften der Stadt zu hören bekam, stammten zumeist aus Preßnitz in Böhmen. Nach einer von der dortigen Ortsbehörde aufgestellten Sta­tistik zogen von dort alljährlich 1500 Harfenistinnen, die sich unterwegs zumeist noch einen Flötisten zu­legten, in alle Welt, so daß wohl nur wenige Ange­hörige des weiblichen Geschlechts in der kleinen Stadt zurückgeblieben sein können. Doch wur­den die Harfenistinnen zu jener Zeit stets gern gehört und sie brachten manchen klingenden Lohn mit heim. Neben ihnen fanden Tiroler Sängergesell­schaften vielen Beifall.

An die Trinkbuden schlössen sich dann die Schieß­buden an. In ihnen luden auffällig geputzte Damen mit ihrem ständigen: „Mal schießen, meine Herren? Drei Schuß ’nen Groschen!“ zur Abgabe eines Tell­schusses auf aufgesteckte tönerne Pfeifen oder auf Scheiben mit irgendeiner musikalischen oder anderen Ueberraschung beim Treffen des Zentrums ein. Zwi­schen diesen Buden waren Karussels aufgestellt, die von der Jugend zahlreich benutzt wurden. Dichtge­drängt standen Kinder, vielfach aber auch Erwach­sene vor dem Kasperle-Theater und nicht minder starke Gruppen von Meßbesuchern begafften schau­dernd die auf einer Leinewand kraß dargestellten Szenen der neuesten „Moritat“, zu denen ein Bänkel­sängerpaar mit Leierkastenbegleitung ein erläutern­des Poem sang, dessen dichterischer Wert auf glei­cher Stufe mit der Kunstmalerei auf der Leinwand stand. Nicht minderes Interesse fand eine durch eine Drehvorrichtung in Bewegung gesetzte Miniaturdars­tellung des „Silberrrberrrgwerrrkes zu Frrreiberrrg“, vorge­führt von invaliden Knappen dieses seitdem eingegangenen Bergwerkes in Knappschafts­uniform; sie wurden zu keiner Stunde müde, mit ihrer schnarrenden Stimme zur Besichtigung ihres selbst angefertigten Kunstwerkes einzuladen.

Wahrsagerinnen lockten namentlich die heirats­lustige Jugend an, indem sie nach einem Druck auf eine mit einem weißfar­bigen dünnen Leder über­deckte Wasserflasche einen Teufel darin auf den Grund tauchen ließen und dann die Zuschauer auf­forderten, aus einem ausgebreiteten großen Vorrat verschlos­sener Briefchen eins zu ziehen, in welchem die ganze natürlich stets glückliche Zukunft der Ziehenden schwarz auf weiß zu lesen war. Alt und jung aber stieß sich vor den Glücksbuden, die gar schöne Gewinne verhießen, wenn man das Glück hatte unter den dargebotenen Losen keine Niete zu ziehen; man warf mit Ringen nach aufgesteckten Mes­sern, Scheren und dergleichen Gegenständen in der Hoffnung, daß der Ring einen solchen Gegenstand umschlingen und derselbe ihm dann als Eigentum zu­gesprochen werde, was aber nur selten der Fall war, oder man labte sich an den offenen Ständen mit den dort feil gebotenen Würstchen oder Semmeln mit russischen Sardinen. Vor den Kräppelchenbuden wur­den aber die Plätze nie leer, tagein, tagaus wurden ganz unheimliche Mengen von Kräppelchen oder auch Sprungfedern gekauft.

Der Topfmarkt wurde in der Promenade am Fuße des Neukirchhofes (Matthäikirchhof) abgehalten. Der­selbe war von nah und fern stets recht reich be­schickt und die Töpferfrauen waren glücklich, wenn ihre Einnahme am Ende der Messe die Summe von je hundert Talern überstieg. Auch Porzellangegen­stände waren auf einem Teile des Topfmarktes zum Verkauf ausgestellt.

Gegenüber dem Topfmarkt auf dem Fleischer­ platze waren ebenfalls Schaubuden aufgestellt und hier zog vor allem das „Theatre de Witwe Magnus“ die Blicke auf sich. Bei diesem „Theater“ muß ich einen Augenblick verweilen, denn es war von beson­derer Art, wie keines vorher oder nachher. Selbst der bekannte Reise­schriftsteller Friedrich Ger­stäcker, der oft zum Besuche seines Freundes Ernst Keil, des Begründers und Herausgebers der „Garten­laube“ nach Leipzig kam, fand ein großes Interesse an diesem eigenartigen „Kunstinstitut“ und er be­suchte häufig die Vorstellungen der Witwe Magnus, da dieselben seinem Humor und seinem abenteuer­lichen Sinn entsprachen. Aus dankbarer Anerken­nung schrieb er sogar für das Theater ein „romantis­ches“ Stück: „Der geschundene Raubritter“, das fortan das Haupt- und Zugstück des Theaters wurde.

Man kaufte sich für das Theater eine Eintritts­karte für den letzten Platz und wartete ungeduldig auf den Schluß der Vorstellung und das Heraustreten der Besucher. Zumeist fanden die Vorstellungen durch irgendwelche Gewalttätigkeiten ein vorzeitiges Ende, so daß sie niemals länger als 20 bis 25 Minuten währten, was natürlich für die Theaterbesitzerin des häufigeren Kartenverkaufs wegen von Vorteil war und auch die Geduld der neu Eintritt Heischenden nicht auf eine allzu harte Probe stellte. Kaum hatte der letzte Besucher das Theater verlassen, als unter den Neuankömmlingen ein fürchterlicher Kampf ent­brannte. Jeder wollte als der erste die Treppen hin­auf zum „Dopp“ stürmen, um dort sofort die Brüstun­gen zu überklettern und auf dem ersten Rang Platz zu nehmen. Die später kommenden Besucher dieses Ranges, welchen sonst allein das Recht zustand, „mit­spielen“ zu dürfen, mochten dann sehen wo sie blie­ben. So herrschte denn das grausamste Faust­recht, alles stürmte und polterte, Püffe austeilend und Flüche ausstoßend, mit Ungestüm ins Theater und im Handumdrehen war dasselbe gefüllt.

Sofort begann dann auch die Vorstellung. Wurde nicht „der geschundene Raubritter“ gegeben, so ging eines der anderen schauerlichen Raubritter- und Gespenster­stücke in Szene, wie „Der Mord um Mitter­nacht“, „Der Blutritt nach Sevilla“, „Die Heirat auf dem Kirchhof“ oder wie sie sonst hießen. Ohne Mord und Totschlag und Gespenster ging es aber bei keiner Vorstellung ab und die Zuschauer halfen hierbei red­lich mit. Ermöglicht wurde diese aktive Teilnahme des Publikums dadurch, daß der Orchesterraum (denn auch Musik gab es!) nur einen schmalen Streifen vor der Bühne einnahm und die Kapelle so tief saß, daß sie weder vom Publikum noch von den Darstellern gesehen werden konnte. Ich habe später oft darüber nachgedacht, ob wohl Richard Wagner diese Ein­richtung der unsichtbaren Kapelle der Witwe Magnus abgeguckt habe? In dem Theater der Witwe Magnus ermög­lichte es nun diese Einrichtung — und das war wohl auch der Zweck der Uebung — daß die frei­willigen Mitspieler aus dem Zuschauerraum mit Be­quemlichkeit über die Köpfe der Musiker hinweg auf die Bühne springen konnten. Den Akteurs wurde da, ehe sie den todbringenden Degenstoß ausführen oder ihren Geist aufgeben konnten, zumeist erst ein Schluck Bier oder ein Stück Wurst von mitleidi­gen Seelen zur Stärkung gereicht. Manch köstlicher Dialog entspann sich dabei, wie:

„Stoß noch nich mit deinem Säbel Hadruban, trink hier erseht ämal, dann geht’s besser!“ „Das is Lagerbier, gib mer bayrisch!“ „Ich habe kee anderes, Lagerbier stärkt ooch!“ (Stimme aus dem Publikum;) „Hadruban, halt‘ dich nich uff, murkse das Luder erseht ab.“ Oder bei einer Liebesszene: Theobald; „Kunigunde, ich liebe dich,“ Ein Zuschauer auf die Bühne springend; „Die is meine, paß uff, ich haue dir eene runter!“

(Stimme aus dem Publikum;) „Was, um so ’ne alte Schachtel woll’n die sich noch keil’n?“

Meistens regnete es zum Schluß auch faule Aepfel und sogar Eier. Da wandten sich die Akteure ent­rüstet an das Publikum; „Aber nich ins Gesichte, das is gemeene!“ Oder; „Wie oft soll’n mer sagen, daß de Eier erseht angeknickt sein müssen, ehe’rsche werft, das tut doch weh!“

Durch das unausgesetzte Dreinreden des Publikums und das Werfen nach der Bühne nahm das Stück bald einen ganz anderen Verlauf als ihm vom Verfas­ser vorgeschrieben war. Das Ende war ein allge­meiner Tumult, das rasche Fallen des Vorhanges und die Räumung des Theaters. So wickelte sich jede Vorstellung ab und je toller es herging, desto lieber war es der intelligenten Witwe, denn um so früher erreichte die Vorstellung ihr Ende und es konnte eine neue beginnen.

In den späteren Jahren erschien die Witwe Magnus nicht mehr auf der Messe. Wie es hieß, hatte der Rat seine Geneh­migung dazu nicht mehr erteilt. So blieb die Witwe Magnus mit ihrem Kunstinstitut in Dresden, wo sie Hausbesitzerin und Bürgerin war und wo man ihr deshalb nicht an die Wimpern klimpern konnte. Dort hat sie bis an ihr Lebensende denn auch noch alljährlich auf der Vogelwiese ihr Theater aufgebaut.

Zuweilen produzierten sich — manchmal übrigens auch außerhalb der Messen — Schnelläufer. So war namentlich einer, Schurig, der es zu einer großen Vollendung im Schnellauf gebracht hatte. Er lief z.B. vom Peterstor nach Connewitz und von dort wieder zurück in 40 Minuten, wobei er noch ein Rüst­wagenrad neben sich herdrehte. Vom Blumenberg nach Lindenau und zurück, ebenfalls mit Rad, brauchte er gar nur 34 Minuten.

Die Zahl der nach Leipzig kommenden Meßfrem­den war Legion und da die Gasthäuser nicht in der Lage waren, sie alle unterzubringen, suchten und fanden sie Unterkunft in Privathäusern, wie dies noch heute der Fall ist. Fast jede in der inneren Stadt oder nahe derselben wohnende Familie hatte ihren Meßfremden, für den, da er gut bezahlte und ein Beträchtliches zur Deckung der Miete bei­ steuerte, das beste Zimmer und das beste Bett, häufig unter Entbehrungen und räumlicher Einschränkung der Vermieter, bereit gestellt wurde. Ein von uns oft belachtes Abenteuer erlebte eine uns verwandte Familie bei einer solchen Meßver­mietung. Spät in der Nacht kehrten die beiden erwachsenen Söhne aus ihrem Verein nach Hause zurück und stiegen im Finstern die Treppe empor. Da stolperten sie über ein Ungewisses Etwas und beim Aufleuchten eines ange­brannten Streichholzes erblickten sie einen anständig gekleideten Menschen auf den Stufen liegen, der offenbar des Guten zuviel getan hatte und hier in Morpheus Arme gesunken war. „I, das ist ja unser Meßfremder, der gestern gekommen ist,“ sagten die Brüder zueinander, hoben mitleidig den Trunkenen auf, trugen ihn in die Wohnung, entkleideten ihn und betteten ihn sanft in die weichen Daunen. Nach einer Stunde ertonte aus dem Zimmer des Meßfremden ein Mordsspektakel. Entsetzt eilten die aus ihrem ersten süßen Schlaf jäh geweckten Brüder in das Zimmer und fanden dort ihren „richtigen“ Meßfremden fürch­terlich skandalierend und sie tobend fragend, wie „diese fremde Sau“ in sein Bett gekommen sei? Das Rätsel löste sich alsbald: die Brüder hatten den Meßfremden erwischt, der eine Etage höher hinge­hörte.

In der eben beschriebenen Weise spielten sich die Messen noch mehr als 30 Jahre ab, nur daß später das Konzertieren der Meßmusikanten auf den Straßen untersagt worden war, so daß dieselben nicht mehr nach Leipzig kamen und der Meßtrubel dadurch stil­ler wurde. Auch den Harfenistinnen wurden alle möglichen Schwierigkeiten in den Weg gelegt und da ferner die Aufstellung von Trinkbuden, in denen sie die meisten Geschäfte gemacht hatten, verboten wurde, blieben sie ganz weg. Sogar die Leierkasten­musik zu den Karussels blieb mehrere Jahre lang untersagt. Die Leipziger — wohl besser die Neu-Leipziger, die von außerhalb zugezogen waren und hier vielfach zu Ansehen und Einfluß gekommen waren — waren eben feinfüh­liger und ihre Nerven empfindlicher geworden. Den an die Gewandhaus­konzerte Gewöhnten schien solcher Lärm unerträg­lich und so machten sie alle Einflüsse geltend, um diese alten Meßbräuche einzudämmen.

Dann kam die große Umwälzung der Messen; die Schaffung der Mustermesse und ihre zeitliche Tren­nung von der Klein­messe, was jedoch nur Bezug auf die Frühjahrsmesse hat, während Mustermesse und Kleinmesse im Herbst noch immer zusammenfallen. Gleichzeitig wurde die Kleinmesse aus dem Inneren der Stadt verbannt und nach den Wiesen vor dem Frankfurter Tor verlegt. Mit Rücksicht auf den stän­dig wachsenden Straßenverkehr der sich rapid ver­größernden Stadt ist dies gewiß zu billigen. Aber wenn für die Verlegung der Kleinmesse aus der Stadt damals mit Nachdruck die Behauptung von Ladeninhabern ins Feld geführt wurde, daß ihr Geschäft durch die Händler auf der Kleinmesse litte, so war dies gewiß unbegründet. Denn wenn, wie dies na­mentlich Sonntags der Fall zu sein pflegte, die Stra­ßen der Stadt durch Fremdenbesuch überaus belebt waren, dann hatte auch der Ladeninhaber eine be­friedigende Tageseinnahme zu verzeichnen. Die zum Besuch der Kleinmesse von außerhalb kommenden Fremden hatten später, nachdem die Kleinmesse nach den Frankfurter Wiesen verlegt worden war, kaum noch eine Veranlassung durch die Straßen zu bum­meln und sich hier die Ladenauslagen anzusehen. Es sind denn später auch viele Ladenbesitzer zu derEinsicht gekommen, daß sie sich ins eigene Fleisch schnitten, als sie so eifrig gegen das Verbleiben der Kleinmesse im Inneren der Stadt eintraten.

Die Umwohner der Plätze, auf denen sich die Klein­messe mit ihrem ganz gewiß auf die Dauer nur schwer erträglichen Lärm abspielte, mögen ja wohl auf­geatmet haben, als die Kleinmesse verlegt wurde. Aber als sie ihre Häuser dort kauften oder ihre Woh­nungen daselbst mieteten, wußten sie, welche lärm­vollen Zeiten ihnen zur Messe bevorstanden und es war deshalb nicht allzu gerecht von ihnen, daß sie, wie es namentlich von den sehr einflußreichen Be­wohnern einer Villa, an deren Stelle jetzt das Pano­rama steht, geschehen ist, mit aller Macht sogar für die vollständige Aufhebung der Kleinmesse kämpften.

Und da habe ich nun auch Bedenken über das künf­tige Schicksal der Kleinmesse auf den Frankfurter Wiesen. Auf der einen Seite wird diese Messe be­reits von der langen Häuser­reihe der Straße An der alten Elster begrenzt und ihr gegenüber, auf der nach Lindenau führenden Straße, entwickelt sich auch schon eine Bautätigkeit. Die dort wohnenden Leute hören jetzt zweimal im Jahre volle drei Wochen den Lärm der Kleinmesse. Könnten sie desselben nicht auch einmal überdrüssig werden? Größer werden meine Bedenken, wenn ich das Projekt in Betracht ziehe, nach dem an der Seite des Flutkanals dereinst ein Villenviertel entstehen soll, das gewiß von zum Teil viel vermögenden Leuten bewohnt werden wird. Auch dieses Viertel wird sich in voller Hör­weite des Lärms der Kleinmesse befinden. Die Ge­fahr dürfte dann nahe liegen, daß eine neue kräftige Agitation für die völlige Aufhebung der Kleinmesse einsetzen und dieselbe vielleicht Erfolg haben wird. Dann würde eine altehrwürdige Institution, die Jahr­hunderte lang mit Ehren bestanden und Tausenden von Leuten ihren Unterhalt gegeben hat, die vor allem auch Leipzig zum ständigen Vorteil gereicht, zu­mal auf sie ein gut Teil der Entwickelung der Leip­ziger Messen überhaupt zurück­zuführen ist, zu Grabe getragen werden. Das aber wäre nach meinem Da­fürhalten sehr zu beklagen und als Freund altüberkommener Einrichtungen, die dem Volke von Vorteil waren und sind, habe ich diesen Bedenken hier Raum gegeben. Vielleicht könnte bei der näheren Fest­setzung des Projektes über das neue Villenviertel auch die Bestimmung mit aufgenommen werden, daß wer sich dort anbauen oder wohnen wolle, niemals das Recht haben dürfe, sich über das Abhalten der Kleinmesse in seiner Nachbarschaft zu beklagen.

Im Jahre 1861 wurde seitens des Fiaker-Vereins in Verbindung mit einer Aktiengesellschaft ein Omni­busverkehr eröffnet, der von der gesamten Bürger­schaft freudig begrüßt wurde. Es wurden mehrere Linien in der Stadt, sowie einige Linien nach den be­suchtesten Nachbarorten eingerichtet und die Omni­busse erfreuten sich sehr bald eines sehr zahlreichen Zuspruches. Der Preis für eine einfache Fahrt be­trug einen Neugroschen, doch sehr bald wurde der­selbe auf 15 Pfennige erhöht. Nach etwas mehr als einem Jahrzehnt wurden die Omnibusse von der Pferdebahn abgelöst.

 

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