8. Wo ist Zeck?

In der Kläranlagensache würde ich mich mal hinter die richtigen Leute klemmen müssen. Und ich wusste auch schon, wie und wo und wann das am besten zu machen sein würde. Auf der Bürgermeisterparty, für die ich die Einladung auf dem Schreibtisch hatte, würden die maßgeblichen Leute der ganzen Gegend wohl ziemlich komplett versammelt sein — dort würde ich sie alle auf einem Haufen haben. Ich ging in meine Bürobude hinunter und beauftragte Herzchen, mich bei der Party anzusagen.

Dann legte ich die Beine hoch, ließ meinen hölzernen Drehsessel ein bisschen knarren und dachte rauchend mal in aller Ruhe über die ganze Schose nach. Es würde nicht genügen, nur an den Symptomen herumzudoktern, man musste das Übel an der Wurzel packen. Und das Übel hieß Bruno Zeck.

Zeck war gefeuert worden, die Wasserbücher waren verschwunden und irgendwann danach hatte es mächtig im Blätterwald gerauscht. Das alles musste im Zusammenhang gesehen werden, das hatte ich im Gefühl. Aber wieso Zeck die Pressefritzen nur mit der Story gespickt hatte und nicht auch mit den Fakten, dazu äußerte sich mein Gefühl nicht. Warum benutzte Zeck die Munition nicht, die er hatte? Wieso begnügte er sich mit einem Strohfeuer? Was hatte er sonst noch vor damit? Hatte er überhaupt noch etwas vor?

Es kostete mit drei Zoll meiner Havanna, um dahinter zu kommen, dass es nicht unbedingt Rache für den Rausschmiss gewesen sein musste, sondern dass Erpressung auch ganz gut ins Bild passte, in gewisser Hinsicht sogar sehr viel besser. Schließlich waren der Firma Millionen abhanden gekommen, ohne dass es bisher eine halbwegs plausible Erklärung dafür gab, wie und wohin.

War es möglich, dass Zeck mit seinem Sprengstoff dem Burger auf die Pelle gerückt war, und dass Burger, um die Bombe zu entschärfen, in die Firmenkasse gegriffen und sich bei dieser Gelegenheit vielleicht gleich auch noch selbst ein bisschen mit bedient hatte? Möglich war alles. Und es war eine Erklärung, die eine Menge von den vielen losen Fäden in dieser Geschichte einleuchtend zusammenknüpfte. Mir gefallen Erklärungen, die Fragen beantworten anstatt immer neue aufzuwerfen.

Ich rief Herzchen herein und erkundigte mich, ob sie irgend etwas Sachdienliches über Burger und Zeck wusste. Sie dachte angestrengt nach, so angestrengt, dass ihr fast das Make-up verlief und wusste – nichts. Ich fragte nach anonymen Anrufen für Burger im letzten halben Jahr — Fehlanzeige. Ich verlangte das Posteingangsbuch. Sie schleppte es an und wuchtete es mir auf den Tisch, ein Monstrum im Atlantenformat, in dem die Posteingänge von mehr als drei Jahren eingetragen waren und in dem es immer noch Platz gab für mindestens zwei weitere Jahre. Die Tafeln mit den zehn Geboten konnten kaum unhandlicher gewesen sein. Ich sah die Einträge der letzten sechs Monate unter dem Aspekt anonymer Zuschriften durch, aber da war nichts. Und unter Zecks vollem Namen natürlich auch nichts. Vielleicht hatte er ja irgendeinen anderen Namen benutzt oder sich ganz privat an Burger gewandt — nun ja, mal sehn.

Ich knallte den Wälzer zu und gab Herzchen ein Zeichen zum Abräumen. Sie nahm in an sich und trug ihn hinaus, und ihr kleiner praller Hintern machte dabei wieder Sachen. . . Ich fragte mich, wie lange ich dem noch tatenlos zuschauen würde.

Als nächstes ließ ich Bollmann mit der Personalakte von Zeck antanzen. Es war eine ganz besondere Akte, sie bestand praktisch nur aus Verweisen und Abmahnungen. So ziemlich alles, was man als Arbeitnehmer ausfressen konnte, hatte er sich zu schulden kommen lassen. Diebstahl von Firmeneigentum (Büromaterial), Vorgesetzte beschimpft, Anordnungen nicht befolgt, Schlägereien gehabt. Und immer wieder zu spät gekommen, Pausen überzogen, zu früh heimgegangen und blau gemacht. Und das volle vier Jahre lang. — Ein Früchtchen ganz nach meinem Geschmack. Wirklich schade, dass er schon rausgeflogen war. Mit so einer Type hätte ich gerne persönlich und auf meine Art abgerechnet. Aber was nicht war, konnte durchaus noch werden. Die Akte war jedenfalls alles andere als ein Gegenbeweis zu meiner kleinen Theorie über Zeck und die Wasserbücher. Wer Büromaterial klaut, der wird auch kaum Unterlagen links liegen lassen, die ihm eine Menge einbringen können. Wir würden uns ganz bestimmt noch kennenlernen, und dann ließ sich ja das eine oder andere noch geradebiegen. Ich notierte mir die Adresse, die in der Akte angegeben war. Wenn Zeck das große Rad drehte, von dem ich glaubte, dass er es drehte, war er mit Sicherheit auf Tauchstation gegangen und hatte keine Adresse mehr, keine offizielle wenigstens. Ich würde mich also zu ihm durchfragen müssen, und irgendwo musste ich ja damit anfangen.

Irgendwelche anderen Anhaltspunkte, wie an ihn ranzukommen wäre, enthielt die Akte nicht. Ich fragte Bollmann, ob er da noch was auf Lager hätte. Aber er musste passen, was mich offen gestanden, nicht sonderlich überraschte.

Eine Pause entstand. Großes Schweigen. Das Telefon klingelte. Ich hob ab. Herzchen flötete mir ins Ohr, dass der Betriebsrat einen Termin bei mir haben wollte und wann es mir recht wäre. Und ich sagte ihr, dass es mir nie recht sein würde und dass sich das ganze Betriebsratspack zum Teufel scheren sollte. Damit hieb ich den Hörer wieder auf den Apparat und starrte den kleinen runden Mann an, der vor meinem Schreibtisch stand und von einem Fuß auf den anderen trat und sich gar nicht wohl fühlte und viel lieber ganz woanders gewesen wäre. Er vermied es, mich anzusehen, und spitzte auf Zecks Akte, die auf dem Schreibtisch lag, und wollte sie zurück haben und verduften können.

Aber ich war noch nicht fertig mit ihm. Ich lehnte mich zurück und sagte: «Was ganz anderes — ich werde einen Neger brauchen.»

Er riss seine Äuglein auf und stotterte: «Einen was?»

«. . .Neger,» wiederholte ich geduldig und setzte ihm auseinander: «Einen fixen Jungen für die Laufarbeit und fürs Kopfrechnen.»

«Ah so — ja.» Er nickte. «Ich könnte jemand aus dem Betrieb. . .»

Ich winkte ab. «Nein, nicht aus dem Betrieb.»

«Nicht?» blinzelte er.

«Was ich brauche, ist ein neuer frischer Mann mit Killerinstinkt. Schätze so jemanden haben Sie nicht im Angebot — oder etwa doch?»

«Ähm, nein, ich glaube nicht.»

«Na bitte. Also geben Sie in allen in Frage kommenden Blättern und im Internet ’ne Annonce auf.»

«Und der Text?» erkundigte er sich.

Ich saugte an der Havanna. «Betriebswirt, Ingenieur, Wirtschaftsprüfer, irgendwas in der Art. Hochschulabschluss, Promotion erwünscht, Höchstalter fünfundzwanzig, mindestens zehn Jahre Berufserfahrung in vergleichbarer Tätigkeit, Fremdsprachen, Interesse an absolutem Topverdienst, unbedingter Wille zum Erfolg, flexibel, durchsetzungsfähig, belastbar, bla bla bla. — Na ja, Sie wissen schon, den üblichen Quatsch eben. Egal, was wir da reinschreiben, die allermeisten Antworten werden sowieso wieder von irgendwelchen Nieten und Versagern kommen, die für diesen Job ungefähr so geeignet sind wie ein Sieb zum Wasserschöpfen.»

Bollmann kicherte beifällig.

Ich knurrte: «Und kleckern Sie bloß nicht rum, nehmen Sie für die Anzeige gleich ’ne Viertelseite. Ich will, dass alle fixen Jungs mitkriegen, dass hier ’ne Stelle für sie frei ist. Und machen Sie es dringend, spätestens bis zum Wochenende möchte ich Resultate haben.»

«Oh! Das wird aber ziemlich knapp,» fand er.

«Wieso knapp? Heute ist Montag. Am Mittwoch kommt die Anzeige raus. Die Leutchen schicke ihre Bewerbungen spätestens am Donnerstag ab, und wir haben sie Freitag oder Samstag auf dem Tisch. Und die Lahmärsche, die dafür länger brauchen, sind für uns sowieso von vorne herein uninteressant. Also was heißt da ‚knapp‘?»

Unbehaglich kugelte er die Schultern und reckte den Hals aus dem Kragen. «Sollten wir ihnen nicht eine Chance geben wenigstens bis, nun äh, Mitte nächster Woche?»

«Wir geben ihnen ja eine Chance,» sagte ich um die Zigarre herum. «Jeder hat eine faire Chance, sein Zeug bis zum Wochenende abzuliefern. Und wer das nicht schafft. . . — tja, der hat eben schon gleich den ersten Test nicht bestanden.– So trennt man die Spreu vom Weizen. Wer die Aufstiegsrunde nicht packt, der spielt eben auch gar nicht erst um den Pokal.»

Bollmann ließ die Schultern herunter und zog den Kopf wieder ein und resignierte. Ich schob ihm die Akte Zeck hinüber und teilte ihm mit: «Das war’s, Sie können sich an die Arbeit machen.»

Hastig schnappte er sich den Pappdeckel, nickte kurz und strebte zur Tür.

«Wir sehen uns Samstag» rief ich ihm fröhlich hinterher.

Wie angewurzelt blieb er stehen und blickte zurück. «Eh — Samstag? Wir arbeiten jetzt auch samstags?»

Das klang nach Aufstand. Ich runzelte die Stirn. «Spricht irgend etwas dagegen?»

Seine Äuglein flitzten im Zimmer umher wie eingesperrte Rennmäuse, die einen Ausweg suchen, den es nicht gibt. Er befeuchtete sich die Lippen. «Der ganze Betrieb?»

Laut Umfragen haben die meisten Leute nichts dagegen, auch mal am Wochenende zu arbeiten. Ich weiß nicht, wie solche Ergebnisse zustande kommen, ich weiß nur, dass sie hundertprozentiger Quatsch sind. Die Leute stellen sich unwahrscheinlich an, wenn sie wirklich mal ran sollen. Man schrammt da immer haarscharf an einem Volksaufstand vorbei. Ich sagte: «Natürlich nicht der ganze Betrieb. Farbe haben wir im Augenblick mehr als genug. Erst mal nur ein paar wichtige Leute, die gebraucht werden, um die Firma wieder nach oben zu bringen. Und Sie gehören dazu, ist das nicht schön?»

Es traf ihn sichtlich schwer, dass sein schönes Wochenende in die Binsen ging. Er quälte sich ein Lächeln ab und entfernte sich,

Kurz darauf kam irgend jemand aus der PR-Abteilung und brachte mir B.B.s Hausaufgaben. Ich warf einen Blick rein: Maddox nahm der Zeitung zwischen fünf und zwölf Prozent des Anzeigenvolumens ab — genug, um damit argumentieren zu können. Und der Knilch, der die Kläranlagenartikel fabriziert hatte, hieß Feder. Ich hatte, was ich brauchte. B.B. war wirklich ein braves Mädchen. Das nette kleine Memorandum kriegte einen Ehrenplatz in der Schublade unten rechts. Ich sagte Herzchen, dass ich für den Rest des Tages auswärts zu tun hätte und nicht mehr zurück käme, und machte mich auf die Socken.

Als erstes nahm ich mir die Zeitung vor.

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