Das große Donnerwetter von 1860

Der 27. August 1860 war ein schöner sehr warmer Sommertag. Ich war nachmittags in der Schwimm­anstalt baden gewesen und dann noch nach unserem Garten in der Großen Funkenburg gegangen; da ich aber dort niemand von meinen Angehörigen traf und ein Gewitter, das schon stundenlang drohte, immer näher herankam und eine recht beängstigende gelb­liche Wolkenbildung annahm, eilte ich im Geschwind­schritt dem elterlichen Hause zu. Kaum hatte ich die Wohnung betreten, als wir in den nach Westen gelegenen Zimmern Scher­bengeklirr und ein unheim­liches Geräusch hörten. Gleichzeitig vernahmen wir Fensterbruch und Gepolter im Treppenhaus und als wir bestürzt hinzueilten, sahen wir Hagelkörner in der Größe von Hühnereiern, die die Fenster durch­schlagen hatten, die Treppenstufen hinabhüpfen. In unseren westlich gelegenen Zimmern aber war keine Scheibe mehr ganz und es türmten sich dadieSchloßen, so daß man sie später eimerweise davon­tragen mußte. Dabei donnerte und blitzte es, so daß man meinen konnte, der Weltuntergang sei nahe. Das Hagelwetter dauerte nur etwa zehn Minuten — aber wie sah alles danach aus. Die fast durchweg hühner­eigroßen Schloßen hatten ein Gewicht bis zu 10 Lot (167 g), und da kann man sich vorstellen, welchen großen Schaden sie anrichteten. Kein Schiefer- oder Ziegeldach in der ganzen Stadt blieb ganz und an allen Häusern waren wenigstens nach der Wetter­seite alle Fensterscheiben eingeschlagen, vielfach auch Schornsteine umgeworfen worden. In den Gärten sah es vor allem wüst aus. Von den Obst- und anderen Bäumen waren Zweige und Aeste abgeschlagen, fast kein Blatt mehr sichtbar und natürlich die gesamte Obsternte total vernichtet. Die Blumen und Pflanzen auf den Beeten waren wievoneiner schweren, über sie hinweggegangenen Walze niedergedrückt und zerstampft. Als ich am Abend noch einen Rundgang um die Promenade machte, konnte ich mir nur mühsam einen Weg durch die abgeschlagenen, bis zu einem halben Meter hoch liegenden Aeste und Zweige bahnen und dazwischen lagen in großer Anzahl getöte Sperlinge, Amseln und andere Vögel. Die Bäume, ihres Blattschmuckes be­raubt, streckten gar traurig ihre verstümmelten Aeste zum abendlichen Himmel empor.

Auch draußen außerhalb der Stadt,im Rosental und auf den Fluren südlich und östlich der Stadt war eine ähnliche Verwüstung angerichtet, und nament­lich hatten darunter unsere Singvögel zu leiden ge­habt. So war denn auch der 27. August 1860 der Sterbetag der Leipziger Lerchen, ich habe sie später niemals wieder auf einem Stengel aufgespießt und aneinander­gereiht verkaufen sehen, wie denn auch von diesem Tage ab auf den Speisekarten der Gast­wirtschaften das einstmals so beliebte Gericht: „Leipziger Lerche mit Sauerkraut“ nicht mehr zu finden war. Mit der Zeit waren die Leipziger Ler­chen — schon Elsholzius erwähnt sie 1666 in seinem „Tischbuche“ — so etwas wie ein deutsches National­gericht geworden und sie wurden massenhaft aus Leipzig nach den großen Städten verschickt. Der Fang beschränkte sich nicht auf die Leipziger Gegend allein, sondern er wurde in den Monaten September, Oktober und November, wenn die Lerchen auf ihrem Zuge nach dem Süden begriffen waren, auch in den Niederungen um Halle, Zörbig, im Anhalt-Dessaui­schen, im Köthenschen und im Bemburgischen aus­geübt. Die fettesten und größten Lerchen kamen nach Leipzig, wo die Nachfrage stets eine lebhafte war. Der Fang war so beträchtlich, daß außer den nicht unbedeutenden Mengen, welche in den kleinen Städten und Dörfern selbst verzehrt wur­den, noch immer in jedem der drei Monate 500.000 Lerchen, im ganzen also 1.200.000 bis 1.500.000, nach Leipzig verschickt wurden, von wo aus sie in alle Welt gingen. Doch hörte dies seit dem Hageljahre nach und nach auf und der ganze Lerchen­handel, der große Verheerungen unter diesen im Hinblick auf ihre Insektenvertilgung nützlichen Singvögeln anrich­tete, mag in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre sein völliges Ende erreicht haben.

Der Schaden, welcher der Bevölkerung durch das Hagel­wetter zugefügt wurde, war enorm. Die Glaser hatten nicht so viel Glas und die Dachdecker nicht so viel Schiefer, um alle die stürmisch verlangten Re­paraturen ausführen zu können. Es mußte deshalb Material von außerhalb herbeigeführt werden, worüber natürlich mehrere Tage vergingen. Als aber König Johann nach 4 oder 5 Tagen nach Leipzig kam, um den angerichteten Schaden zu besichtigen, waren doch schon manche Häuser wieder in Stand gesetzt.

Wie groß der durch das Hagelwetter an den Häu­sern angerichtete Schaden war, kann man daraus er­messen, daß die Stadt für die Reparaturen an den städtischen Gebäuden allein die stattliche Summe von 45172 Talern bezahlen mußte. Uebrigens waren auch viele Leute, die von dem Unwetter im Freien überrascht wurden, mehr oder weniger erheblich ver­letzt, einige sogar getötet worden.

In den Schulen, die auch fensterlos geworden waren, mußte der Unterricht acht und mehr Tage ausgesetzt werden, bevor die alte Ordnung wieder­hergestellt war und die liebe Jugend war aus diesem Grunde dem Hagelwetter nicht sonderlich gram. Was kümmerten sie auch die Sorgen der Großen!

 

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